Eine Seite
Die Sportwelt steht vor einem Jahrzehnt, in dem Russland eine gewichtige Rolle zukommt. Die Olympischen Winterspiele 2014 gehen in der Schwarzmeer-Stadt Sotschi über die Bühne, von 2014 an rollen dort auch die Formel-1-Boliden über einen noch zu bauenden Kurs und im Jahr 2018 ist das Land Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft. Viele Russen freuen sich auf spannende Sportveranstaltungen; viele befürchten aber auch, dass in diesem Umfeld ein unschönes russisches Phänomen prächtig gedeihen könnte – das Phänomen “Nascha Kryscha” (“Unser Dach”).
Es ist ein Begriff, der in den Zeiten seinen Ursprung hat, als sich in Russland der Kapitalismus entfesselte und ein weitverbreitetes und hocherträgliches Geschäft entstand: die Schutzgelderpressung. Das einzige Mittel, das Unternehmen dagegen half, war die Flucht unter das “Dach” – eine Art Schutzorganisation, die zwischen zehn und 30 Prozent vom Nettogewinn einstrich und das Unternehmen dafür vor weiteren Zahlungen schützte. Manchmal waren es kriminelle Gangs, manchmal korrupte Mitarbeiter staatlicher Stellen.
In der Umgangssprache entwickelte sich der Begriff über die Jahre weiter. “Unser Dach”, das ist für die Menschen auf der Straße der Filz an der gesellschaftlichen Spitze, die Verflechtung von Politik und Wirtschaft, die überall herrschende Korruption. Dieses System, so formulierte es der Russland-Kenner Alexander Rahr einmal, ist ein Schlüsselelement zum Verständnis der heutigen Situation; es sei die Verbindung der legalen und der kriminellen Wirtschaft.
Gewiss: Intransparenz im Umfeld von Sport und Sportveranstaltungen ist kein russlandspezifisches Problem. Vielerorts sind Politik, Wirtschaft und Sport eine oftmals undurchsichtige Allianz eingegangen, die für den Wettkampf bisweilen zu absurden Folgen führt. Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Geschäft hinter den Veranstaltungen ist oftmals aber gering. sueddeutsche.de-Redakteur Johannes Aumüller, der früher im Sport und mittlerweile in der Wirtschaft arbeitet und einige Zeit in Moskau lebte, möchte das mit dem Blog “Unser Dach” zumindest mit Blick auf Russland ändern und die Entwicklungen dort verfolgen.
