11.07.13 | 10:27 | Allgemein | 0 Kommentare

Universiade in Kasan: Auftakt zu Putins großer Sportshow

In der SZ von heute habe ich ein paar Hintergründe über das Spektakel bei den Studentenspielen zusammengetragen.

Der Präsident ließ es sich natürlich nicht nehmen, selbst aufzutreten. Mehr als vier Stunden dauerte die Eröffnungsfeier da schon, bunt und groß und pompös ging es zu, und nun schritt Wladimir Putin zum Mikrofon – und mit dem üblichen Pathos in der Stimme, aber zugleich ungewohnt häufig lächelnd eröffnete er am Wochenende die Sommer-Universiade in Kasan. Wobei sich Pathos und Lächeln nicht nur auf das aktuelle Ereignis bezogen. Denn nach dem Verständnis von Putin und seinen Strippenziehern waren die Eröffnungsworte zu den diesjährigen Studentenspielen zugleich auch die Eröffnungsworte für eine Sport-Ära, in der ihrem Land eine bedeutende Rolle zukommt. Olympische Winterspiele, Fußball-Weltmeisterschaft, Formel-1-Rennen, Welttitelkämpfe in den olympischen Kerndisziplinen Leichtathletik und Schwimmen – kaum eine maßgebliche Sportart kommt in den nächsten Jahren an Russland als Veranstaltungsort vorbei. Und zu einem nicht unerheblichen Anteil geht diese geballte Ladung an Events auf Wladimir Putin selbst zurück, der sich längst intensiv in zentrale Fragen des Weltsports einmischt.

Die Universiade in Kasan, an der Athleten teilnehmen, die zwischen 17 und 28 Jahren alt und an einer Hochschule eingeschrieben sind, interpretieren sie als Testlauf. Entsprechend haben sie die an der Wolga gelegene Hauptstadt der Republik Tatarstan, die auch Austragungsort der Fußball-WM 2018 sein soll, aufgemotzt. Sie haben den Flughafen erweitert, viele Sportstätten hochgezogen und für die mehr als 13 000 Teilnehmer ein Athletendorf errichtet. Vieles ist so bunt und pompös wie bei der Eröffnungsfeier – und gar nicht im üblichen Geist von Universiaden. 350 Medaillenentscheidungen in 27 Sportarten gibt es, ein Rekord, natürlich. Ein Vertreter der deutschen Delegation sagt, Kasan habe neue Maßstäbe gesetzt, er fühle sich mehr an olympische denn an studentische Spiele erinnert. Die Russen selbst streuen als Botschaft: In den vergangenen Jahren hat es immer Kritik am dürftigen Stand unserer Vorbereitungen gegeben und wir haben es dennoch geschafft, fertig zu werden. Und genauso werden wir trotz aller Kritik auch die Winterspiele oder die Fußball-WM gut vorbereiten.

Nun, niemand bezweifelt, dass es die Russen angesichts des großen politischen Willens und der gewaltigen finanziellen Ressourcen schaffen, solche Großprojekte zu stemmen. Die Frage ist immer nur, wie: mit welchen Schäden für die Umwelt, mit welchen Nachteilen für die einfache Bevölkerung und mit wie viel Geld. Knapp fünf Milliarden Euro sind in Kasan in den vergangenen fünf Jahren investiert worden, zirka zwei Drittel davon tragen staatliche Haushalte. Alleine die Kosten für den Straßenbau betrugen nach Angaben des staatlichen Fernsehens etwa eine Milliarde Euro.

Doch Blogger beklagen, dass Kritik an der Universiade, beispielsweise an den hohen Kosten, in den sozialen Netzwerken blockiert werde. In einem Beitrag der russischen BBC-Ausgabe berichteten zudem Betroffene, dass manche Einwohner gezwungen worden seien, an der Fertigstellung der Projekte mitzuarbeiten. Das erinnerte viele an die Zeit der so genannten „Subbotniks“ in der Sowjetunion, also den unbezahlten, allenfalls formal freiwilligen Arbeitseinsatz am Samstag (russisch: Subbotnik). Die vielsagende Antwort von Rustam Minnichanow, dem Präsidenten von Tatarstan: „Ich weiß nicht, gezwungen, nicht gezwungen. Wenn Sie ein Kind haben und das Essen fertig ist, sagen Sie doch auch: Iss. Wir haben auch, wo es nötig war, gesagt, das müssen wir schneller machen oder rechtzeitig fertig machen.“

Aber nicht nur organisatorisch, sondern auch sportlich soll die noch eine Woche andauernde Veranstaltung das Land auf die Groß-Events der kommenden Jahre einstimmen. Und sportlich bedeutet in diesem Fall: mit Erfolgen der heimischen Athleten. Die russische Mannschaft ist jedenfalls auffallend gut besetzt. So sind beispielsweise einige Teilnehmer der Leichtathletik-Wettbewerbe soeben noch beim Diamond League Meeting in Paris angetreten, jetzt nach Kasan geflogen – und bald reisen sie weiter nach Moskau, um dort Anfang August bei der WM zu starten. Ähnliches gilt für die anderen Sportarten. Kein Vergleich mit den Starterfeldern anderer Nationen wie beispielsweise Deutschland, wo sportartübergreifend gerade mal sechs Olympiateilnehmer dabei sind.

Zudem versprechen Russlands Funktionäre ihren Athleten üppige Prämien. Für einen Sieg kassieren sie bis zu 6000 Dollar. Zum Vergleich: Deutsche Starter bekommen für entsprechende Erfolge ein kleines Präsent, aber kein Geld. „Warum soll jemand, der bei der Universiade gewinnt, keinen Zuschuss bekommen“, sagt der russische Sportminister Witalij Mutko. „Selbst für einen Sieg bei der russischen Schach-Olympiade gibt es doch einen Zuschuss.“

Da ist es kein Wunder, dass die Russen mit dem Siege zählen schon jetzt kaum noch nachkommen und im Medaillenspiegel mit gewaltigem Vorsprung führen. Stand Mittwochnachmittag hatten sie fast so viele Goldplaketten wie alle anderen Nationen zusammen. Wobei das allerdings ein Wert ist, den sich Putin & Co. für ihre nächsten sportlichen Großveranstaltungen eher nicht als Maßstab nehmen sollten.

24.06.13 | 11:52 | Sotschi 2014 | 0 Kommentare

Putin, Olympia und die Satire

Lesenswertes Stück der Welt-Kollegin Julia Smirnova, in dem sich zeigt, was jemandem passen kann, der sich satirisch mit Olympia befasst: http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article117387772/Der-Sotschi-Laesterer.html

01.06.13 | 18:50 | Sotschi 2014 | 0 Kommentare

Putins Macht, Putins Desaster

Ein paar Links zu interessanten Artikeln der vergangenen Tage, in denen Genosse Wladimir Wladimirowitsch Putin immer eine zentrale Rolle spielt …

… zu den explodierenden Baukosten rund um Sotschi siehe hier und hier.

… zu der Neuordnung der sportpolitischen Welt siehe hier.

09.01.13 | 16:25 | Allgemein | Vereinsfußball | 0 Kommentare

Putin macht einen auf Manipulations-Bekämpfer

Niemand bestreitet, dass Russlands Fußball ein Korruptionsproblem hat. Immer wieder gibt es Fälle, aktuell beispielsweise diskutiert das Land, wie absichtlich die 1:2-Niederlage von Amkar Perm gegen Anschi Machatschkala im Dezember wohl gewesen war. Die Verbandskommission in dieser Causa, an deren Sinn man schon lange zweifeln konnte, ist vom neuen Verbandschef Nikolaj Tolstych kürzlich aufgelöst worden. Nun tut die Politik so, als nehme sie sich des Themas an. Staatspräsident Putin höchstselbst fordert ein strengeres Gesetz. Er will die Sanktionen verschärfen, es geht um Geldstrafen von bis zu einer Million Rubel und sogar Gefängnisstrafen für die Organisatoren von manipulierten Spielen. Die Spielergewerkschaft sieht das ganze aber nur in Teilen positiv. Für sie sind in erster Linie die inkompetenten Vereinsführungen schuld.

02.01.13 | 21:17 | Allgemein | Vereinsfußball | 0 Kommentare

Besitzer von Terek Grosny auf Expansionstour

Über den Oligarchen Telman Ismailow muss man dreierlei wissen.

Erstens: Er war derjenige, der das luxuriöse Restaurant Prag, eine der schönsten Angeberaausführdressen Moskaus, renovierte.

Zweitens: Er kontrollierte faktisch den berüchtigen Moskauer Tscherkisowskij-Markt, den die Ermittlungsbehörden einmal „Kloake der Kriminalität“ nannten und der 2009 geschlossen wurde.

Drittens: Er ist seit 2010 Sponsor von Terek Grosny, einem der Lieblingsklubs von Wladimir Putin, weil der Klub in der immer noch heftig umkämpften Teil-Republik Tschetschenien ein wenig Normalität vorspiegeln soll. Und bald möchte er einen zweiten Klub übernehmen, wie es heißt, nämlich Beitar Jerusalem, das bisher noch dem russischen Geschäftsmann Arkadij Gajdamak gehört. Jenem Mann, den in Frankreich einst die Polizei suchte, weil er in einen Angola betreffenden Waffenskandal verwickelt war. Jedenfalls trifft es sich bestens, dass Terek und Beitar kommende Woche zu einem Freundschaftsspiel zusammenkommen …

12.12.12 | 11:45 | Allgemein | Vereinsfußball | 0 Kommentare

VTB-Bank übernimmt Dynamo Moskau

Es tut sich was bei der Eigentümer-Struktur der wichtigsten russischen Fußball-Klubs. Nachdem zuletzt verstärkt Gerüchte aufgetreten waren, der Oligarch Machmudow könne bei ZSKA Moskau einsteigen, betrifft es jetzt den Klub von Kevin Kuranyi, Dynamo Moskau. Die VTB-Bank (die Vneschtorgbank, zu deutsche die Außenhandelsbank), bisher Hauptsponsor des Vereins, hat dort nach eigenen Angaben die Aktienmehrheit übernommen.

Das ist aus mindestens zwei Gründen nicht uninteressant. Erstens gilt VTB-Chef Kostin als enger Vertrauter von Putin (wenngleich er kürzlich anmahnte, Putins Intimfeind Chodorkowskij habe mittlerweile lange genug im Gefängnis gesessen). Und zweitens war die VTB-Bank Mitte des vergangenen Jahrzehnts schon einmal intensiv bei einem Fußball-Klub engagiert – damals war es der langjährige Dynamo-Rivale ZSKA Moskau …

02.11.12 | 19:22 | Allgemein | Fußball-WM 2018 | 0 Kommentare

So teuer wie Wembley: Zu den vielen Problemen rund um das neue Stadion in St. Petersburg

Hier hatte ich ja schon kurz auf die Meldung hingewiesen, dass der Rechnungshof Russlands die Vorgänge rund um das neue Stadion in St. Petersburg untersuchen möchte. Für die SZ habe ich folgendes einordnendes Stück dazu verfasst:

Im Prinzip, so spotten sie gerade in St. Petersburg, hat sich beim Zeitplan für das neue Fußball-Stadion gar nichts verändert. Als es 2006 erste konkrete Überlegungen gab, für den örtlichen Klub Zenit auf der Krestowskij-Insel eine neue Spielstätte zu errichten, da hieß es: So in zwei Jahren könnte es fertig sein. Als 2009 im Zuge des Bewerbungsverfahrens für die Weltmeisterschaft 2018 einige technische Umplanungen und eine Erhöhung der Kapazität auf zirka 67<TH>000 Plätze beschlossen wurden, da hieß es: So in zwei Jahren könnte es fertig sein. Und nach diversen weiteren Verzögerungen lautet der aktuelle Planungsstand nun: So in zwei Jahren könnte das Stadion fertig sein.

Es ist wohl nicht auszuschließen, dass das Image-Projekt in der Heimatstadt von Staatspräsident Wladimir Putin erst kurz vor der WM 2018 wirklich abgeschlossen wird. Doch parallel zur permanenten Verschiebung des Zwei-Jahres-Zieles hat sich rund um den Neubau eine andere Zahl verändert, die für heftige Aufregung sorgt: Anstatt der ursprünglich einmal kalkulierten 6,7 Milliarden Rubel betragen die voraussichtlichen Kosten nach Angaben der St. Petersburger Stadtregierung bereits 43 Milliarden Rubel (nach derzeitigem Umrechnungskurs mehr als eine Milliarde Euro). Sollten zu dieser Zahl noch ein paar Millionen Rubel dazukommen, könnte die Spielstätte die Londoner Wembley-Arena als teuerstes Stadion der Welt ablösen.

Doch weil diese Summe von mehr als einer Milliarde Euro selbst für russische Fußball-Verhältnisse horrend ist, schaltet sich nun der russische Rechnungshof ein: „Wir wollen überprüfen, wohin bereits 16 Milliarden Rubel gegangen sind und wie es zu jener sagenhaften Summe von 43 Milliarden Rubel kam“, sagte dessen Vorsitzender Sergej Stepaschin – und kündigte an, bis zum Ende der Bauarbeiten eine „operative“ Kontrolle ausüben zu wollen. Zugleich wurde von Seiten des Parlamentes ein Kontroll-Komitee gegründet und musste nach Informationen der Zeitung Kommersant der Vorsitzende der zuständigen Petersburger Baubehörde zurücktreten.

Nun haben in Russland derartige Ankündigungen und Komitee-Gründungen oft rein dekorativen Charakter. Aber zum einen hat es in der Vergangenheit schon manches Mal zu Konsequenzen geführt, wenn der Rechnungshof etwas anprangerte. Und zum zweiten deutet sich mit diesem Vorgehen an, dass die Mächtigen des Landes mittlerweile einen Image-Schaden für ihr wichtigstes Fußball-Vorhaben der kommenden Jahre fürchten, die WM 2018. In der St. Petersburger Bevölkerung gibt es schon seit längerem Protest gegen das Stadion-Projekt. Erst jüngst befeuerte Gouverneur Georgij Poltawtschenko die ablehnende Haltung, als er die alte sowjetische Tradition des Subbotniks (der freiwilligen unentgeltlichen Zusatzarbeit am Samstag) erneuern und die Zenit-Fans zu freiwilligen Arbeitseinsätzen ermuntern wollte. Ein führender lokaler Abgeordneter der zumindest formal zur Opposition zählenden Partei Sprawedliwaja Rossija (Gerechtes Russland) sagte bereits populistisch, er plädiere für einen sofortigen Baustopp und die Vergabe des WM-Austragungsort-Status an eine andere Stadt. Wahrscheinlich muss am Ende der staatlich kontrollierte Erdgas-Konzern und Zenit-Eigentümer Gazprom zusätzliche Investitionen tätigen oder die Moskauer Zentrale Mittel aus dem gesamten WM-Topf abzwacken.

So rabiat wie in St. Petersburg ist die Stimmung in den übrigen zehn Ausrichter-Städten zwar nicht, und so hoch sind die angedachten Ausgaben für Um- und Neubauten der Stadien dort auch nicht. Aber überall nimmt man verärgert zur Kenntnis, dass sich die geplanten Kosten für die Ausrichtung des gesamten Turnieres erst kürzlich auf 15 Milliarden Euro verdoppelt haben – und dass sich diese Summe noch erhöhen dürfte.

26.10.12 | 18:12 | Fußball-WM 2018 | 1 Kommentar

Rechnungshof untersucht neues Zenit-Stadion

Eine Milliarde Euro sind selbst in Russland viel Geld – so viel kostet das neue Petersburger Stadion, dessen Bau nicht recht voran kommt, aber mindestens. Heute zitieren die russischen Agenturen nun Gouverneur Georgij Poltawtschenko, einen Putin-Vertrauten, nach dem sich jetzt der Rechnungshof um die Angelegenheit kümmere.

Die Kollegen der dpa schreiben dazu unter anderem: “Das Bauunternehmen Transstroi machte auch nachträgliche Änderungswünsche des Weltfußballverbandes Fifa für die auf 43,8 Milliarden Rubel (1,08 Milliarden Euro) gestiegenen Kosten verantwortlich. Die Arena soll nach Angaben des Erstligisten Zenit St. Petersburg 62 000 Besucher fassen, die Fifa spricht von 69 501 Plätzen. Das für 2010 geplante Bauende ist nicht absehbar. Derzeit seien etwa 70 Prozent fertiggestellt, teilte Transstroi mit. Mit dem Bau des „Raumschiffs“ nach einem Entwurf des japanischen Architekten Kisho Kurakawa war 2007 begonnen worden. Kürzlich hatte Ministerpräsident Dmitrij Medwedew, der wie Putin aus St. Petersburg stammt, das langsame Tempo und die horrenden Kosten angeprangert.”

16.10.12 | 10:52 | Allgemein | Sotschi 2014 | 0 Kommentare

Heiße, winterliche, fragwürdige – zum Stand der Olympia-Vorbereitungen in Sotschi

Nur noch knapp 500 Tage bis zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi; dass dort Wettkampfstätten-technisch noch manches im Argen liegt, hat jetzt erst wieder Skiweltverbands-Präsident Kasper mitgeteilt (und damit dem jüngsten Vermerk der zuständigen Kommission des IOC widersprochen). Aber mit den Wettkampfstätten ist es ja so, dass sie in der Regel immer noch kurz vor Spiele-Beginn fertig werden, wenn auch dann natürlich entsprechend teurer. Doch die Wettkampfstätten sind nicht Sotschis einzige Sorge; ich habe für die heutige Ausgabe der SZ folgenden Kommentar über die Lage geschrieben:

Etwas weniger als 500 Tage sind es noch bis zu den Olympischen Spielen in Sotschi, und fast täglich kommt derzeit aus Russland eine nette Meldung. Die zuständige Kommission des Internationalen Olympischen Komitees fand bei der jüngsten Inspektionstour der Wettkampfstätten im Schwarzmeer-Ort und dem knapp 50 Kilometer entfernt gelegenen Gebirgsdorf Krasnaja Poljana alles prima. Die Organisatoren konzipieren den längsten Fackellauf der Olympia-Geschichte. Die Regierung beschließt eine Obergrenze für Hotelpreise (knapp 108 Euro für ein Zimmer in einer Drei-Sterne-Unterkunft und 344 Euro für ein Appartement in einer Luxus-Herberge), um den anreisenden Sportfans die Angst vor Wuchersummen zu nehmen. Und das offizielle „Wir lernen jeden Tag ein Wort Englisch“-Projekt für die Bewohner der Stadt ist mittlerweile bei Vokabel Nummer 184 angekommen<TH>– bis zum Spiele-Beginn am 7. Februar 2014 sollen es 662 werden. Das muss ja ganz wunderbar werden.

Tatsächlich aber bleibt die zwischen Palmen, Putins Sommerresidenz und brodelndem Kaukasus-Konflikt stattfindende Veranstaltung für viele in der Bevölkerung ein fragwürdiges Vorhaben. Sie stören sich an dem Gigantismus dieses Projektes, an den zahlreichen Eingriffen in die Natur und an den Zwangsumsiedlungen, die Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch immer noch beklagen. Sie wissen noch nicht, welche Einschränkungen aus den sicherheitspolitischen Überlegungen erwachsen, mit denen sich die Politik gegen die befürchteten Terroranschläge nordkaukasischer Untergrundkämpfer rüsten will. Und sie beklagen vor allem die horrenden Kosten.

Die Organisatoren verweisen zwar darauf, sich immer noch im Rahmen des offiziellen Budgets von 200 Milliarden Rubel (umgerechnet derzeit knapp fünf Milliarden Euro) zu bewegen. Doch inklusive zusätzlicher Infrastruktur-Maßnahmen gehen Eingeweihte inzwischen von Kosten jenseits der 20 Milliarden Euro aus – das ist ein Rekord für Olympische Winterspiele. Dass nicht wenig davon in dunklen Kanälen versickern dürfte, ist nicht nur ein Klischee; der russische Rechnungshof selbst hat schon die grassierende Korruption rund um die Sotschi-Spiele angeprangert. Insider berichten, dass für den Erhalt von Aufträgen mindestens 15 Prozent Aufschlag üblich seien, bei besonderen Projekten sogar mehr als 30 Prozent. Für zusätzlichen Verdruss sorgt, dass die Oligarchen-Klasse offenbar weit weniger und zudem risikofreie Investitionen beisteuert als bisweilen suggeriert – und die Belastungen für den Staatssäckel entsprechend höher ausfallen.

Da verwundert es nicht mehr, dass den Russen rund um Olympia 2014 selbst Nebensächlichkeiten missfallen. Den vor wenigen Wochen verkündeten Spiele-Slogan „Heiße, winterliche, deine“ lehnen in einer aktuellen Umfrage mehr als zwei Drittel der Teilnehmer ab.

30.01.12 | 11:55 | Allgemein | 1 Kommentar

Fall Prjadkin soll vor den CAS

Der “Fall Prjadkin” (einen Überblicksartikel von mir hier und die Seite der Gegner auf Facebook hier) setzt sich fort. Der Fall rund um den mutmaßlichen Interessenskonflikt von einem der einflussreichsten russischen Sportfunktionäre soll vor den Cas. Wie Fans, Spieler und die Gewerkschaft der Trainer und Spieler darum kämpfen, habe ich in einem Stück für die SZ aufgeschrieben.

Zwischen Moskau und Adelaide liegen 13.818 Flugkilometer, und natürlich hat es auch etwas mit dieser Distanz zu tun, dass Jewgenij Lewtschenko gerade so forsch auftritt. Lewtschenko, 34, ist Ukrainer, er hat schon für viele Klubs gespielt, im Moment steht er beim australischen Verein Adelaide United unter Vertrag. Doch mehr noch als die australische interessiert sich gerade die russische Fußball-Öffentlichkeit für ihn: Denn Lewtschenko ist Teil einer Gruppe, die etwas versucht, was im internationalen Fußball-Geschäft eher unüblich ist – via Klage beim Internationalen Sportgerichtshof Cas einen mächtigen Funktionär aus dem Amt zu treiben.

Der mächtige Funktionär, das ist der russische Ligachef Sergej Prjadkin. Seit 2007 hat er dieses Amt inne, seit vergangenem Jahr ist er zudem Mitglied in einer Kommission des Europäischen Fußballverbandes. Doch seit geraumer Zeit steht er in der Kritik: Denn Funktionäre dürfen gemäß den Statuten nicht als Spielerberater arbeiten. Aber Prjadkin ist seit Mitte der neunziger Jahre Mitinhaber der in Berlin ansässigen Firma Girrus, zu deren Aktivitäten ausweislich des Eintrages im Handelsregister auch die „Tätigkeit als Spieleragenten“ zählt (SZ vom 7.9.2011). Bei manchem deutsch-russischen Transfer-Deal der jüngeren Vergangenheit war ein Spielerberater beteiligt, der auf den Listen des Deutschen Fußball-Bundes als Girrus-Mitarbeiter geführt wurde.

Aber der Aufklärungseifer in dieser Affäre ist überschaubar. Prjadkin beteuert ebenso wie sein Co-Geschäftsführer Konstantin Sarsanija, gegen keinerlei Geschäfte verstoßen zu haben. Eine Ethikkommission des russischen Verbandes, den Prjadkins guter Bekannter Sergej Fursenko führt, kam zu dem Schluss, dass es in der Angelegenheit nichts zu beanstanden gebe. Und die internationalen Verbände fühlten sich offenbar nicht recht zuständig für den mutmaßlichen Interessenkonflikt.

Jewgenij Lewtschenko, der früher für ZSKA Moskau und Saturn Ramenskoje gespielt hat, konnte das nicht verstehen. „Die Macht der russischen Fußball-Funktionäre ist doch nur auf Bestechung und Betrügereien aufgebaut“, sagt er. Ihn wurmte die Sache besonders, weil er nach eigener Darstellung selbst einmal Teil eines Deals gewesen sei, in dem die Familie Prjadkin mitmischte – im Jahr 2009, als er vom holländischen Klub FC Groningen nach Ramenskoje wechselte. Also entstand gemeinsam mit der russischen Spieler- und Trainergewerkschaft sowie Vertretern der Nowosibirsker Fan-Vereinigung die Idee, den Fall selbst vor den Cas zu bringen.

Doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht. In einem ersten Versuch reichte nicht Lewtschenko selbst die Klage ein, sondern eine Gruppe der Nowosibirsker Fan-Vereinigung. Das Geld für die Gerichtsgebühren sammelte sie mit einer Kampagne im Netz, sogar den Anteil des sich zierenden russischen Verbandes an dem Verfahren wollte sie notfalls aufbringen – da zogen manche Unterzeichner ihre Unterschrift zurück, angeblich auf Druck des Verbandes. Prjadkins Sprecher will sich zu diesem Vorwurf nicht äußern, jedenfalls war das Verfahren formal beendet.

Doch nun unternimmt die Gruppe einen zweiten Versuch – und reicht gleich zwei Klagen ein. Die eine stammt von der Spieler- und Trainergewerkschaft, die andere von Jewgenij Lewtschenko direkt. „Alle verstehen, dass mein Fall weder der erste noch der letzte ist“, sagt er. „Aber die Fußballer in Russland haben jetzt Angst, ihre Meinung zu sagen. Sie unterstützen uns, aber sie unternehmen keine konkreten Schritte.“ Bis Mitte Februar, so hoffen Lewtschenko und seine Mitstreiter, soll das Verfahren beim Cas starten.

Older Posts »