20.02.13 | 11:29 | Allgemein | Vereinsfußball | 0 Kommentare

Wie Gazprom die vereinigte russisch-ukrainische Liga durchsetzen will

Ich habe das eine oder andere Mal ja schon über die Diskussion berichtet, dass es im Osten des Kontinents zu einer länderübergreifenden Liga kommen soll. Hier nochmal eine nachgereicht eine Zusammenfassung aus der SZ vom Mittwoch, nach dem ersten Treffen des Organisationskomites.

Als das Treffen beendet war, sah Walerij Gassajew zufrieden aus. Im Hauptberuf ist er Präsident und Trainer von Alanija Wladikawkas, doch derzeit hat er eine wichtigere Aufgabe: Auf Wunsch diverser Spitzenklubs soll er als „Vorsitzender des Komitees für ein vereinigtes Turnier“ eine länderübergreifende Liga vorbereiten. Dieses Komitee hat zwar keine Legitimation durch den russischen Verband, aber am Montag lud Gassajew alle Vereinsvertreter ein, um erstmals konkrete Pläne zu nennen. Demnach soll das Projekt 2014 mit je neun russischen und ukrainischen Klubs starten. Heikle Fragen wie die Besetzung von Europacup-Startplätzen wurden ausgespart, dafür aber immense Summen genannt. Über ein jährliches Budget von einer Milliarde Dollar soll die Liga verfügen, alleine 92 Millionen Dollar der Gewinner erhalten – das ist mehr, als der FC Chelsea bei seinem Champions-League-Sieg 2012 einstrich.

Die Organisatoren gaben sich dabei keine Mühe, den Taktgeber hinter dem Projekt zu verschleiern. Das Treffen fand im Moskauer Gazprom-Büro statt, den Haupt-Vortrag hielt nicht etwa Gassajew, sondern Gazprom-Chef Alexej Miller. Und das irrsinnig hoch erscheinende Budget ließe sich erreichen, indem die Gazprom- Media-Gruppe für ihre Kanäle die Fernsehrechte erwirbt oder diverse Tochterfirmen des staatlich kontrollierten Erdgaskonzerns als Sponsoren einsteigen.

Hintergrund des Projekts ist ein Machtkampf im russischen Fußball, der sich seit einigen Monaten zuspitzt. Einige Jahre lang stellte das Lager von Gazprom beziehungsweise der vom Konzern kontrollierte Klub Zenit St. Petersburg den Verbandspräsidenten. Doch nachdem deren Kandidat vor der Abstimmung im vergangenen Herbst wegen Verstrickungen ins Spieleragentengeschäft in die Kritik geraten war, wählten die Delegierten Nikolaj Tolstych zum Chef. Der versucht seither, seine Unabhängigkeit zu beweisen; er hat viele Personen ausgetauscht, zudem ging ein Sport- gerichtsverfahren gegen Zenit aus. Jetzt streben die Petersburger mit ihren Verbündeten aus dem Einflussbereich des neuen Präsidenten heraus; denn für eine länderübergreifende Liga könnte natürlich nicht der Verbandschef eines Landes das Sagen haben. Mit den enormen Summen will das Gazprom-Lager nun jene Klubs ködern, die bisher auf Tolstychs Seite standen – sowie die Vertreter der Ukraine, die sich mit wenigen Ausnahmen bisher eher reserviert gezeigt hatten.

Nun ist der Einfluss von Gazprom traditionell immens; der Kontakt zwischen Konzernchef Miller und dem Kreml ist eng. Doch dieses Mal ist die Sache vertrackter. Obwohl die Debatte über die Einführung einer Sowjet-Liga nun schon eine Weile läuft, hat sich Staatschef Wladimir Putin noch nicht öffentlich dazu geäußert – dabei ist ihm sonst kein Anlass zu gering, um sich auch in sportliche Fragen einzumischen. Grundsätzlich gefallen dürfte ihm ein solches Vorhaben schon; immerhin würde es ein wenig an Glanz und Größe der alten Sowjetunion erinnern. Zudem ist es ein Zeichen, dass er die Bemühungen seines Vertrauten Alexej Miller nicht einbremst. Andererseits können die beiden Nationen nicht einfach so eine länderübergreifende Liga beschließen – Sepp Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes (Fifa), tat kürzlich bereits sein Missfallen kund. „Ein solcher Wettbewerb verstößt gegen die Prinzipien der Fifa“, sagte er: „Die Fifa wird niemals ihre Erlaubnis zu einem solchen Projekt geben.“ Diese Haltung klingt rigide, und Putin will es sich mit Blatter nicht verscherzen; schließlich steht in Russland 2018 die Fußball-WM an. Entsprechend moderat klang auch die einzige offizielle Regierungsstimme – Sportminister Witalij Mutko betonte, er wolle eine „nationale Liga“ stützen. Passenderweise ist jener Mutko aber auch Mitglied von Blatters Fifa-Exekutive.

Trotz der eindeutigen Äußerung des Schweizers ist der Weltverband formal zunächst nicht zuständig. Der europäische Fußballverband (Uefa) beharrt darauf, dass diese Entscheidung in seinen „Kompetenzbereich“ falle. Die Uefa-Spitzenvertreter haben sich bisher mit Äußerungen zurückgehalten. Ein Sprecher sagt, dass man noch nichts sagen wolle, weil noch kein offizieller Vorschlag eingegangen sei. In Moskau heißt es allerdings, dass Uefa-Präsident Michel Platini nicht grundsätzlich abgeneigt sei. Zudem stieg Gazprom erst vergangenen Sommer als Hauptsponsor für die Champions League ein.

Bisher rühmten sich sowohl Blatter als auch Platini bester Verbindungen nach Russland, das bei Abstimmungen ganze Stimmenpakete früherer Sowjetländer organisieren kann. Doch sollte sich die Auseinandersetzung der beiden Fußball-Lenker so fortsetzen wie zuletzt, wird es nicht unwichtig sein, wen das mächtige Russland stützt.

03.09.12 | 18:18 | Allgemein | 1 Kommentar

Prjadkin unterliegt Tolstych

Viel war in diesem Blog schon von den Machenschaften des russischen Fußball-Funktionärs Sergej Prjadkin die Rede, beispielsweise hier und hier und hier. Kürzlich hat der frühere KGB-Mann gehofft, noch weiter aufzusteigen in der Funktionärs-Hierarchie: Er hatte nach dem – offiziell natürlich freiwilligen, tatsächlich aber wohl von der Politik erzwungenen Rückzug des bisherigen Amtsinhabers Sergej Fursenko versucht, das Amt an der Spitze des Verbandes zu erringen. Vergebens, unter anderem wegen dieser Enthüllungen des geschätzten russischen Kollegen Andrej Suchotin.

Stattdessen amtiert nun Nikolaj Tolstych, ein früherer Fußballer und Funktionär bein Dynamo Moskau und zuletzt Direktor im Nationalen Olympischen Komitee, über den für einen russischen Funktionär erstaunlich wenige Geschichten mit Geschmäckle im Umlauf sind. Mal sehen, was der so bringt, Arbeit gibt es ja genug. Stichworte: WM 2018, grassierende Korruption, ständige Berichte über Spielmanipulationen, Aufarbeitung des Schwarzbuches des osteuropäischen Fußballs.

Weiterer Gewinner dieser Rochade: Sportminister Witalij Mutko, einst von Dmitrij Medwedjew gezwungen, sich zwischen Sportministerium und Fußballverband zu entscheiden. Er hatte sich im Wahlkampf eindeutig für Tolstych ausgesprochen.

20.01.12 | 11:37 | Allgemein | Fußball-WM 2018 | 0 Kommentare

Sepp Blatter, der Astrologe

Fifa-Chef Sepp Blatter macht und sagt ja allerhand Dinge, die den gemeinen Beobachter, vorsichtig gesagt, verblüffen. Doch wenn es um die Einschätzung der WM 2018 in Russland geht, schlüpft der Schweizer noch einmal in eine besonders verblüffende Rolle: die des Astrologen. “Ich bin kein Prophet, aber ich kenne mich mit Astrologie aus: Die Sterne sind Witalij Mutko [Russlands Sportminister] gewogen”, zitiert Ria Nowosti Blatter. Aha.

17.06.11 | 22:06 | Allgemein | 0 Kommentare

Mutko, Fursenko und andere Funktionäre

Das Uefa-Exekutivkomitee hat getagt und die Kommissionen des Verbandes für die kommenden Jahre mit Personal bestückt. Die offizielle Uefa-Homepage hüllt sich zwar noch in Schweigen, wer wo welche Funktion hat und verweist auf den 1. Juli als Arbeitsbeginn dieser Kommissionen, doch die Kollegen von sports.ru haben schon jetzt vermeldet, dass gleich neun Russen in den diversen Gremien sitzen. Als da wären:

a) Sportminister Witalij Mutko (Mitglied des Fifa-Exekutivkomitee): Vorsitzender der Medienkommission

b) Fußballverbandschef Sergej Fursenko: Vorsitzender der Marketingkommission

c) Ligapräsident Sergej Prjadkin: Mitglied der Kommission für den Status und Transfer von Spielern sowie für Spieler- und Spielvermittler

d) Andrej Balaschow, Generalsekretär des Fußballverbandes: stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Stadien und Sicherheit

e) Jekaterina Fedyshina, stellvertretende Generalsekretärin des Fußballverbandes: stellvertretende Vorsitzende der Kommission für Fairplay und soziale Verantwortung

f) Jelena Jeremejewa: Mitglied der Klublizensierungskommission

g) Igor Schalimow: Mitglied der Kommission für Frauenfußball

h) Jurij Baskakow: Mitglied der Schiedsrichterkommission

i) ZSKA-Moskau-Präsident Jewgenij Giner, Mitglied der Kommission für Klubwettbewerbe

Zum Vergleich übrigens: Der deutsche Fußballbund entsendet auch neun Vertreter in die diversen Kommissionen.

30.05.11 | 16:39 | Allgemein | Fußball-WM 2018 | 0 Kommentare

Blatter, Bin Hammam und Putin

Eine unfassbare Korruptionsaffäre erschüttert die Fifa, und sollte sich das Image des Fußballweltverbandes auf einem Level befunden haben, von dem aus es weiter sinken kann, dann ist es in den vergangenen Tagen auf den ultimativen Tiefpunkt gesunken. Korruptionsvorwürfe gegen Blatter-Herausforderer Bin Hammam, Verschleierungsvorwürfe gegen Blatter, ein merkwürdiger Rückzug des Gegenkandidaten, eine noch merkwürdigere Suspendierung – und parallel zu alledem die permanenten Vorwürfe, rund um die Vergabe der WM 2022 nach Katar sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen.

Wie ist Russlands Rolle in dieser Affäre? Was bedeuten diese Affären fürs Land? Ein paar Gedanken:

1.)    Im Machtkampf zwischen Blatter und Bin Hammam hat sich Russland eindeutig positioniert. Die Vorwürfe gegen den amtierenden Fifa-Chef seien “totaler Blödsinn” ließ sich niemand geringeres als der Ministerpräsident Wladimir Putin persönlich zitieren – der schon länger ein enges Verhältnis zu Blatter pflegt. “Ich bin mir sicher, dass dies nicht die Wahl des neuen FIFA-Präsidenten beeinflussen wird”, sagte er dieser Tage – und kündigte die Unterstützung Russlands für Blatter bei der Abstimmung an. Das ist ja nun gar nicht mehr nötig, weil der Herausforderer nicht mehr kandidiert. Aber um zu demonstrieren, wie groß sein Vertrauen in Blatter ist, schob Putin noch hinterher: Er persönlich würde dem Schweizer sofort seine Stimme geben.

2.)    Putin spielt im internationalen Weltsport eine immer entscheidendere Rolle. Dass die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi und die Spiele der Fußball-WM 2018 in Russlands Städten stattfinden, gilt gemeinhin als sein Verdienst. Nun mischt er sich auch noch in solch eine entscheidende Personalie des Fußballweltverbandes ein. Er wuchert ja auch mit einem gehörigen Pfund: Die Seilschaften zwischen vielen der früheren Sowjetrepubliken sind auf Funktionärsebene immer noch so eng, dass Putin in der Rolle erscheint, als könne er ein ganzes Paket an Stimmen verschaffen. Im Einzelfall ist das nicht zutreffend, aber es wirkt bisweilen so.

3.)    Russland kommt es extrem zupass, dass die Manipulationsvorwürfe rund um die WM-Vergabe 2022 einfach nicht verstummen. Zur Erinnerung: Die Entscheidungen, Russland das Turnier 2018 und Katar jenes vier Jahre später zu geben, fielen an einem Tag – und beide Länder hatten nicht gerade als Favoriten gegolten. In Russland mag man sich gar nicht vorstellen, was gerade los wäre, wenn die WM 2022 noch gar nicht oder an ein favorisiertes Land wie die USA vergeben worden wäre. Dann stünde die ebenfalls irritierende Vergabe der WM 2018 an Russland stärker im Interesse der kritischen Öffentlichkeit – und dass angesichts all der Oligarchen und Putins persönlichem Engagement für dieses Turnier alles mit rechten Dingen zuging, bezweifeln viele, wenngleich es keinerlei Beweise gibt, dass dem so war. Allerdings war schon im Vorfeld der Entscheidung von dubiosen Absprachen die Rede gewesen.

4.)    Im Kontext dieser Entwicklungen ist auch noch ein weiterer Punkt interessant: Durch einige Personalentscheidungen – die natürlich, wem sonst, Putin zugeschrieben werden – hat sich das Ansehen des russischen Sports international etwas gebessert. Im Biathlon beispielsweise hat mittlerweile nicht mehr der obskure Alexander Tichonow das Sagen, sondern der Multimilliardär Michail Prochorow, der drittreichste Mann des Landes – und dem gelang es kürzlich sogar, einen überzeugten Anti-Doping-Mann wie Wolfgang Pichler als Trainer in das chronisch dopingverseuchte Land zu lotsen. Und im Fußball sitzt statt der Skandalnudel Wjatscheslaw Koloskow nun Putins alter Petersburger Wegbegleiter Witalij Mutko in diversen Gremien – und verhält sich dort viel weniger auffällig als sein Landsmann Koloskow.

14.02.11 | 14:34 | Allgemein | Sotschi 2014 | 2 Kommentare

Sotschi und der Schnee

In diesen Tagen dürften sich diverse Erfolgsmeldungen à la “Sotschi bestens gerüstet für Olympische Winterspiele” über die Nachrichtenagenturen verbreiten. Denn der Skikurort Rosa Chutor, das alpine Zentrum der Spiele, ist Austragungsstätte eines Europacups. Und die russischen Aktiven, die im Rahmen ihrer nationalen Meisterschaften, dieser Tage schon die Strecke testeten, waren natürlich alle begeistert. So wunderbar der Schnee, so weich, so allesmögliche. Na, klar.

Die problematischere Situation des Komplexes “Sotschi und der Schnee” verdeutlichte kürzlich eine Aussage von Sportminister Witalij Mutko. Der musste nämlich die Tage gestehen, dass es in einem am Meer gelegenen Ort wie Sotschi vielleicht doch zu ein paar klitzekleinen Problem mit dem  Schnee kommen könnte, was zum Zeitpunkt der Spiele-Vergabe im Jahr 2007 natürlich niemand ahnen konnte. Mutko jedenfalls verkündete, dass wegen der Schneeunsicherheit die Nordischen Kombinierer ihre Läuft nicht wie geplant neben Schanze stattfinden sollen, sondern im Stadion der Langläufer. Der Hintergrund: Die Schanze liegt nur auf 800 Meter Höhe, und da sei es doch praktisch garantiert, dass es keinen Schnee gebe. Ach, wirklich.

25.01.11 | 16:18 | Allgemein | Fußball-WM 2018 | 0 Kommentare

Witalij Westerwelle

Wer sind eigentlich Günther Oettinger, Guido Westerwelle oder andere auf Englisch parlierende Größen des deutschen Politikbetriebes im Vergleich zu Witalij Mutko, seines Zeichens Mitglied der Fifa-Exekutive und Sportminister Russlands. Der hatte während der Vergabezeremonie für die Fußball-Weltmeisterschaft eine Rede auf Englisch gehalten, die jeglichen englischen Oettinger-Auftritt um Längen schlägt.

In Russland wurde das Video zum Kult, mehr als eine Million Abrufe verzeichnete es beim Video-Portal Youtube. Nun erklärte Mutko, warum er sich überhaupt auf diese Nummer eingelassen habe. Sein Fifa-Exekutivkollege Jack Warner, ein umstrittener Funktionär aus Trinidad & Tobago, habe ihn dazu ermunternd. “Witalij, bitte lerne nicht Englisch so zu sprechen wie Geoff Thompson [englisches Fifa-Exekutivmitglied]! Ich verstehe den nie!” Also sprach Mutko, wie er es in der Schule in Russland gelernt hatte – und wurde zum Quotenbringer auf Youtube.