23.02.12 | 12:14 | Allgemein | 0 Kommentare

Klitschko, der Politiker

Sorry, war ein bisschen inaktiv, es gibt zwei, drei Sachen aus den vergangenen Tagen nachzutragen, die ich unverschämterweise mal alle in fertiger Zeitungsartikel-Form hier reinstelle. Vor dem Kampf zwischen Klitschko und Chisora am vergangenen Samstag hatte ich über den politischen Menschen Vitali Klitschko für die SZ folgendes geschrieben:

Vitali Klitschko versus Nikolaj Walujew, das wäre es gewesen. Viele Jahre hatte die Boxwelt auf einen Kampf zwischen dem Ukrainer und dem 2,13 Meter großen Hünen aus Russland gehofft. Doch dazu kommt es nicht mehr: An diesem Freitag bestätigte Walujew seinen Rücktritt, der 38-Jährige macht lieber auf Politiker. Seit den Parlamentswahlen im vergangenem Dezember sitzt er für die Kreml-Partei Edinaja Rossija in der Duma. Viel Inhaltliches ist bislang nicht bekannt, aber Walujew hat schon mitgeteilt, dass wegen seiner Größe die Rückenlehne seines Sitzes verstellt werden musste.

Das sieht bei Vitali Klitschko, der an diesem Samstag in München (22.45 Uhr/RTL) gegen den Briten Dereck Chisora seinen WM-Titel nach WBC-Version verteidigen will, schon deutlich anders aus. Seit der orangenen Revolution 2004 engagiert sich der 40-Jährige in der Ukraine politisch. Er ist bei Kiewer Bürgermeisterwahlen zwei Mal nur knapp gescheitert und hat eine Partei gegründet. Er prangert unablässig die ausufernde Korruption und das autoritäre Regime an und fordert westliche Werte ein: Demokratie, Rechtsstaat, soziale Marktwirtschaft. Es gibt selbst vor wichtigen Kämpfen kaum einen Beitrag, der die Politik ausklammert. Keine Frage: Dr. Eisenfaust hat längst eine zweite Laufbahn begonnen – und konzentriert sich zunehmend darauf. Doch Klitschkos Erfolgsaussichten sind schwer einzuschätzen.

In der Ukraine stehen sich, grob betrachtet, zwei große Blöcke gegenüber: Den einen führt die kürzlich in einem politisch motivierten Prozess zu siebenjähriger Haft verurteilte Julija Timoschenko, dem anderen steht Staatspräsident Viktor Janukowitsch vor. Innerhalb der beiden Lager existieren noch viel mehr Lager, und allen Lagern gemein ist: ihr geringer Rückhalt im Volk. Janukowitsch wird bei öffentlichen Auftritten heftig beleidigt, und Timoschenko gilt nicht nur als eine zu Unrecht verurteilte Gefangene – sondern auch als Frau mit fleckiger Vergangenheit.

In diesen Verhältnissen könnte ein Außenstehender wie Vitali Klitschko eine Chance haben. Er ist ein nationaler Sportheld, das verschafft ihm einen Bonus. In Fernsehdebatten präsentiert er sich intelligent und intellektuell. Von den neutralen Beobachtern zweifelt niemand an seiner persönlichen Integrität. Klitschko hätte auch schon wichtige Ämter übernehmen können, doch er wollte nicht ernannt, sondern vom Volk gewählt werden. Die jetzige Regierung scheint ihn als Gegner ernst zu nehmen – die jüngsten Gerüchte, nach denen er in den Waffen- und Drogenhandel verstrickt sei und an der Parkinson-Krankheit leide, kommen nicht von ungefähr. Im Herbst finden Parlamentswahlen sowie erneut Kiewer Bürgermeisterwahlen statt, bei denen Klitschko beziehungsweise dessen Partei kandidiert; und es steigt die Frequenz, in der Journalisten Klitschko fragen, ob er im Jahr 2015 als Präsidentschaftskandidat antreten möchte.

Dennoch erscheint vielen ein durchschlagender politischer Erfolg derzeit so wahrscheinlich wie eine K.o.-Niederlage gegen Chisora, von dem er nach dem Abschlusswiegen am Freitag gewatscht wurde. Landesweit liegt seine Partei derzeit auf Rang vier. Das hat mit den extrem verkrusteten Verhältnissen in der Ukraine zu tun, aber auch mit Klitschko selbst. So umgab er sich beispielsweise in der Vergangenheit mit Beratern, mit denen er sich heute nicht mehr umgeben würde. Viele zweifeln, ob er über Kiew hinaus Erfolg haben kann. Dazu kommen manche wunderliche Aussagen: Beispielsweise warnt Klitschko, dass es in der Ukraine zu blutigen Aufständen wie in Syrien kommen könnte – das gilt gemeinhin als überzogen. Die ukrainische Jugend wehrt sich inzwischen zwar schneller gegen die Machthaber, aber arabische Zustände zu erwarten, ist wohl übertrieben.

Klitschko ist sehr gut vernetzt mit westlichen Diplomaten und Stiftungen – und hat sich in den vergangenen Jahren sichtlich entwickelt. Nun ist entscheidend, ob er sich eine schlagkräftige Parteibasis schafft. Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen heißt seine Gruppierung, die er im Februar 2010 gründete, abgekürzt Udar. Übersetzt bedeutet das Wort Schlag, die Kraft des Dr. Eisenfaust soll auch in der Politik wirken. Das mag für manche befremdlich klingen, die letzte Partei, die sich bei der Namenswahl in der Sportsprache bediente, war Silvio Berlusconis Forza Italia. Doch den Ukrainern gefällt das.

Udar hat mittlerweile mehr als 10.000 Mitglieder und ist in fast 20 Regionalparlamenten vertreten, doch ein bisschen dürfte sich Klitschko in der politischen Arena so fühlen wie im Boxring. Um ihn herum agieren viele Berater und Strategen, die ihn gut einstellen wollen, doch im Zentrum steht er. Selbst in der URL der Partei-Website und in der offiziellen E-Mail-Adresse taucht der Name Udar nicht auf – dafür der von Klitschko.

Für die Parlamentswahlen hat Udar mit Vertretern von elf anderen Parteien eine gemeinsame Liste aufgestellt, unter anderem dem Block Julija Timoschenko. Fürs Bürgermeisteramt in Kiew kämpft Klitschko alleine. Hier sehen ihn Umfragen besser, und was er im Erfolgsfall machen würde, weiß er schon: Er würde als Boxer zurücktreten. „Man kann nicht gleichzeitig zwei Herren dienen. Und in der Ukraine läuft im Moment so vieles falsch, dass ich meine volle Energie auf das Amt ausrichten müsste.“ Doch es könnte gut sein, dass sich die Boxwelt im Herbst auf einen weiteren Klitschko-Kampf vorbereitet.

13.11.11 | 16:25 | Allgemein | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Eine teure Sache: Die Probleme der Ukraine vor der EM

Komme gerade von einem kurzen Ukraine-Trip. Anlass war das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft dort, doch neben dem einen oder anderen sportlichen Artikel habe ich natürlich auch über die organisatorischen Probleme recherchiert. Über die schlechte Lage bei den Unterkünften, die schlechte Infratstruktur und viele staatliche Milliarden an Invesitionen – hier.

04.02.11 | 11:38 | Allgemein | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Die Macht der Schattenmänner

Wie schon einmal geschrieben, finden sich viele der russischen Strukturen und Probleme auch bei einem kleinen slawischen Bruder – der Ukraine, die sich derzeit für das EM-Turnier 2012 rüstet. Über ein typisches Zusammenwirken von politischen, wirtschaftlichen und sportlichen Kräften berichteten der Kollege Thomas Kistner und ich in der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 3. Februar. Hier der Text in einer leicht veränderten, weil aktualisierten Fassung:

Eine Bestechungsaffäre erschütterte 1995 die Champions League: Dynamo Kiew hatte einen spanischen Schiedsrichter mit edlen Pelzmänteln umgarnt. Der Klub wurde für drei Jahre gesperrt, der Drahtzieher, Vorständler Igor Surkis, erhielt lebenslänglich. Aber dann griff die Politik ein, aus Deutschland erschien eine gute Fee: Kanzler Helmut Kohl ließ, nach einem Gespräch mit Ukraines damaligem Staatschef Kutschma, den DFB-Chef Egidius Braun auf der Chefetage der Europäischen Fußballunion intervenieren. Deshalb, erinnert mancher Altfunktionär noch heute zürnend, wurde Kiew schon nach einem Jahr begnadigt.

Politische Einmischung ist, wenn sie von einflussreicher Seite erfolgt, durchaus genehm im Sport. Unstatthaft wird sie nur, wenn Sportfunktionären seitens ihrer Regierungen wegen Korruption oder Misswirtschaft unter Druck geraten. So wurde Ende vergangener Woche dem ukrainischen Verband der Ausschluss aus Uefa und dem Weltverband Fifa angedroht – und dem Land damit der Verlust der Mitausrichter-Rolle für die Europameisterschaft 2012. Dazu kommen wird es aber gewiss nicht.

Igor Surkis ist heute Chef von Dynamo Kiew; warum auch nicht, er hatte damals sowieso nur Sündenbock gespielt für seinen großen Bruder Grigori: Der wahre Dynamo-Boss und allmächtiger Oligarch hatte natürlich nichts mitgekriegt von der Schiedsrichteraffäre. Heute ziert Schattenmann Grigorij Surkis den Uefa-Vorstand. Sein Aufstieg begann 2007, als Michel Platini mit Osteuropas Voten Lennart Johansson vom Thron stieß.

Den nächsten Triumph feierte er nur drei Monate später in Cardiff: Die Uefa-Kollegen übereigneten ihm das EM-Turnier 2012, als Mitveranstalter jubelte Michal Listkiewicz, Fürst des polnischen Verbandes PZPN. Listkiewicz verwaltete einen so korrupten Spielbetrieb, dass ihn Monate vor der EM-Kür sein Sportminister wegen korrupter Verstrickungen samt Vorstand suspendierte. Im Zug der Affäre wanderten 120 Personen in Haft; Klubchefs, Referees, Funktionäre; die Politik wollte den Stall endlich auskehren.

Doch diese Art politischer Eingriffe verbaten sich Uefa und Fifa aufs Schärfste. Sie drohten der PZPN, wie jetzt dem Ukraine-Verband FFU, mit Rauswurf aus der Fußballfamilie, dann wäre auch die EM-Bewerbung geplatzt. Die Regenten in Warschau knickten ein. Politiker wollen wiedergewählt werden, auch von Millionen Fußballfans.

Jene EM-Entscheidung in Cardiff 2007 hatte Kroatiens Verbandschef Markovic damals “schockiert, aber nicht überrascht”. Er verwies auf den Report einer Uefa-Kommission, der die Kandidatur Polen/Ukraine als “inadäquat” eingestuft habe und grübelte: “Ich weiß nicht, was in den letzten 48 Stunden passiert ist.” Kurz darauf begann der zyprische Funktionär Spyros Marangos der Uefa angebliche Zeugenbeweise für den Kauf von vier Funktionärsstimmen bei jener Kür anzubieten.

Rätselhafterweise kam er damit jahrelang nicht durch, und als er im August 2010 endlich einen Termin und sogar Flüge nach Genf gebucht hatte, lud ihn die Uefa-Spitze überfallartig wieder aus. Statt seine Papiere einzusammeln – und ihn so gegebenenfalls auch als Scharlatan zu entlarven –, verklagte ihn die Uefa wenig später. Marangos’ Material schaffte es nie ins Uefa-Hauptquartier, aber auch nicht an die Öffentlichkeit. In Zypern wuchs der Druck, Marangos’ Zeugen sprangen ab, der Zyprer gab kürzlich auf.

Nun drohten Uefa und Fifa der Ukraine mit dem EM-Entzug. Sie wittern politische Einmischung. Tatsächlich ist Kamerad Surkis in Gefahr, zuhause will man ihn von der FFU-Spitze verdrängen. Dort hatte Mitte Januar Verbandsvize Sergej Storoschenko kundgetan, dass 38 von 49 ukrainischen Topfunktionären für einen Sonderverbandstag gestimmt hätten. Nicht alle hätten gegen Surkis votiert, aber alle für eine Diskussion des Themas. Doch nun ist der Aufstand schon abgeblasen: Nach einem Gespräch zwischen Surkis und dem ukrainischen Staatspräsidenten ist – vorerst – alles wieder gut.

Doch das könnte sich bald wieder ändern. Denn hinter der Aufregung um den künftigen EM-Gastgeber Surkis, der als Baumogul dick im EM-Geschäft sein dürfte, steckt ein jahrelanger Konflikt. Bis in die Neunziger herrschte er wie ein Zar über den Fußball, dann drängten andere Oligarchen ins Geschäft und legten sich mit ihm an. Am heftigsten Rinat Achmetow, einer der reichsten Europäer, um dessen Aufstieg in Geschäfts- und Fußballwelt sich üble Geschichten ranken. Seit er 1996 Schachtjor Donezk übernahm, ringt er mit Surkis um die Vorherrschaft.

Achmetow verfügt über die größere Finanzkraft, sein Klub war zuletzt erfolgreicher als Kiew. Zudem gilt Achmetow als Hauptfinanzier der “Partei der Regionen” des seit Februar 2010 amtierenden Staatschefs Viktor Janukowitsch. Da klang es plausibel, als Surkis’ Anhänger über Druck aus der Politik auf Fußballfunktionäre klagen.

Ein Interesse jedoch eint die Kontrahenten: EM-Gastgeber wollen alle bleiben. Sie investieren ja nicht nur in die Klubs, sondern ins Turnier. Ex-Premierministerin Julia Timoschenko, gegen die ein Verfahren wegen “Zweckentfremdung öffentlicher Gelder” läuft, sagte dazu jüngst der Financial Times Deutschland: “Prestigeprojekte wie die Fußball-EM 2012 dienen der Geldwäsche.” Sponsoren und Veranstalter sollten genau schauen, “ob die Ukraine noch das Land ist, an das man das Event 2007 vergeben hat”.

Wie beliebig die Kontinentalverbände mit politischer Einmischung umgehen, zeigt das Beispiel Russland. Dort ordnete Staatschef Dmitrij Medwedjew 2009 an, ein Minister dürfe nicht zugleich als Sportverbandschef arbeiten, und zwang so Sportminister Witalij Mutko zum Rückzug von der Verbandsspitze. Mutko wiederum hatte 2004 den obskuren Wjatscheslaw Koloskow abgelöst – auf Betreiben Wladimir Putins. Damals drohte Koloskows Vize Radionow sogar in der Moscow Times: Der Regierungsdruck auf den Verband könne zum Rauswurf der Nationalelf aus internationalen Fifa-Wettbewerben führen – von wegen. Nichts geschah, mit einem Kaliber wie Putin legen sich Fifa und Uefa nicht an.