So teuer wie Wembley: Zu den vielen Problemen rund um das neue Stadion in St. Petersburg
Hier hatte ich ja schon kurz auf die Meldung hingewiesen, dass der Rechnungshof Russlands die Vorgänge rund um das neue Stadion in St. Petersburg untersuchen möchte. Für die SZ habe ich folgendes einordnendes Stück dazu verfasst:
Im Prinzip, so spotten sie gerade in St. Petersburg, hat sich beim Zeitplan für das neue Fußball-Stadion gar nichts verändert. Als es 2006 erste konkrete Überlegungen gab, für den örtlichen Klub Zenit auf der Krestowskij-Insel eine neue Spielstätte zu errichten, da hieß es: So in zwei Jahren könnte es fertig sein. Als 2009 im Zuge des Bewerbungsverfahrens für die Weltmeisterschaft 2018 einige technische Umplanungen und eine Erhöhung der Kapazität auf zirka 67<TH>000 Plätze beschlossen wurden, da hieß es: So in zwei Jahren könnte es fertig sein. Und nach diversen weiteren Verzögerungen lautet der aktuelle Planungsstand nun: So in zwei Jahren könnte das Stadion fertig sein.
Es ist wohl nicht auszuschließen, dass das Image-Projekt in der Heimatstadt von Staatspräsident Wladimir Putin erst kurz vor der WM 2018 wirklich abgeschlossen wird. Doch parallel zur permanenten Verschiebung des Zwei-Jahres-Zieles hat sich rund um den Neubau eine andere Zahl verändert, die für heftige Aufregung sorgt: Anstatt der ursprünglich einmal kalkulierten 6,7 Milliarden Rubel betragen die voraussichtlichen Kosten nach Angaben der St. Petersburger Stadtregierung bereits 43 Milliarden Rubel (nach derzeitigem Umrechnungskurs mehr als eine Milliarde Euro). Sollten zu dieser Zahl noch ein paar Millionen Rubel dazukommen, könnte die Spielstätte die Londoner Wembley-Arena als teuerstes Stadion der Welt ablösen.
Doch weil diese Summe von mehr als einer Milliarde Euro selbst für russische Fußball-Verhältnisse horrend ist, schaltet sich nun der russische Rechnungshof ein: „Wir wollen überprüfen, wohin bereits 16 Milliarden Rubel gegangen sind und wie es zu jener sagenhaften Summe von 43 Milliarden Rubel kam“, sagte dessen Vorsitzender Sergej Stepaschin – und kündigte an, bis zum Ende der Bauarbeiten eine „operative“ Kontrolle ausüben zu wollen. Zugleich wurde von Seiten des Parlamentes ein Kontroll-Komitee gegründet und musste nach Informationen der Zeitung Kommersant der Vorsitzende der zuständigen Petersburger Baubehörde zurücktreten.
Nun haben in Russland derartige Ankündigungen und Komitee-Gründungen oft rein dekorativen Charakter. Aber zum einen hat es in der Vergangenheit schon manches Mal zu Konsequenzen geführt, wenn der Rechnungshof etwas anprangerte. Und zum zweiten deutet sich mit diesem Vorgehen an, dass die Mächtigen des Landes mittlerweile einen Image-Schaden für ihr wichtigstes Fußball-Vorhaben der kommenden Jahre fürchten, die WM 2018. In der St. Petersburger Bevölkerung gibt es schon seit längerem Protest gegen das Stadion-Projekt. Erst jüngst befeuerte Gouverneur Georgij Poltawtschenko die ablehnende Haltung, als er die alte sowjetische Tradition des Subbotniks (der freiwilligen unentgeltlichen Zusatzarbeit am Samstag) erneuern und die Zenit-Fans zu freiwilligen Arbeitseinsätzen ermuntern wollte. Ein führender lokaler Abgeordneter der zumindest formal zur Opposition zählenden Partei Sprawedliwaja Rossija (Gerechtes Russland) sagte bereits populistisch, er plädiere für einen sofortigen Baustopp und die Vergabe des WM-Austragungsort-Status an eine andere Stadt. Wahrscheinlich muss am Ende der staatlich kontrollierte Erdgas-Konzern und Zenit-Eigentümer Gazprom zusätzliche Investitionen tätigen oder die Moskauer Zentrale Mittel aus dem gesamten WM-Topf abzwacken.
So rabiat wie in St. Petersburg ist die Stimmung in den übrigen zehn Ausrichter-Städten zwar nicht, und so hoch sind die angedachten Ausgaben für Um- und Neubauten der Stadien dort auch nicht. Aber überall nimmt man verärgert zur Kenntnis, dass sich die geplanten Kosten für die Ausrichtung des gesamten Turnieres erst kürzlich auf 15 Milliarden Euro verdoppelt haben – und dass sich diese Summe noch erhöhen dürfte.
