Heiße, winterliche, fragwürdige – zum Stand der Olympia-Vorbereitungen in Sotschi
Nur noch knapp 500 Tage bis zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi; dass dort Wettkampfstätten-technisch noch manches im Argen liegt, hat jetzt erst wieder Skiweltverbands-Präsident Kasper mitgeteilt (und damit dem jüngsten Vermerk der zuständigen Kommission des IOC widersprochen). Aber mit den Wettkampfstätten ist es ja so, dass sie in der Regel immer noch kurz vor Spiele-Beginn fertig werden, wenn auch dann natürlich entsprechend teurer. Doch die Wettkampfstätten sind nicht Sotschis einzige Sorge; ich habe für die heutige Ausgabe der SZ folgenden Kommentar über die Lage geschrieben:
Etwas weniger als 500 Tage sind es noch bis zu den Olympischen Spielen in Sotschi, und fast täglich kommt derzeit aus Russland eine nette Meldung. Die zuständige Kommission des Internationalen Olympischen Komitees fand bei der jüngsten Inspektionstour der Wettkampfstätten im Schwarzmeer-Ort und dem knapp 50 Kilometer entfernt gelegenen Gebirgsdorf Krasnaja Poljana alles prima. Die Organisatoren konzipieren den längsten Fackellauf der Olympia-Geschichte. Die Regierung beschließt eine Obergrenze für Hotelpreise (knapp 108 Euro für ein Zimmer in einer Drei-Sterne-Unterkunft und 344 Euro für ein Appartement in einer Luxus-Herberge), um den anreisenden Sportfans die Angst vor Wuchersummen zu nehmen. Und das offizielle „Wir lernen jeden Tag ein Wort Englisch“-Projekt für die Bewohner der Stadt ist mittlerweile bei Vokabel Nummer 184 angekommen<TH>– bis zum Spiele-Beginn am 7. Februar 2014 sollen es 662 werden. Das muss ja ganz wunderbar werden.
Tatsächlich aber bleibt die zwischen Palmen, Putins Sommerresidenz und brodelndem Kaukasus-Konflikt stattfindende Veranstaltung für viele in der Bevölkerung ein fragwürdiges Vorhaben. Sie stören sich an dem Gigantismus dieses Projektes, an den zahlreichen Eingriffen in die Natur und an den Zwangsumsiedlungen, die Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch immer noch beklagen. Sie wissen noch nicht, welche Einschränkungen aus den sicherheitspolitischen Überlegungen erwachsen, mit denen sich die Politik gegen die befürchteten Terroranschläge nordkaukasischer Untergrundkämpfer rüsten will. Und sie beklagen vor allem die horrenden Kosten.
Die Organisatoren verweisen zwar darauf, sich immer noch im Rahmen des offiziellen Budgets von 200 Milliarden Rubel (umgerechnet derzeit knapp fünf Milliarden Euro) zu bewegen. Doch inklusive zusätzlicher Infrastruktur-Maßnahmen gehen Eingeweihte inzwischen von Kosten jenseits der 20 Milliarden Euro aus – das ist ein Rekord für Olympische Winterspiele. Dass nicht wenig davon in dunklen Kanälen versickern dürfte, ist nicht nur ein Klischee; der russische Rechnungshof selbst hat schon die grassierende Korruption rund um die Sotschi-Spiele angeprangert. Insider berichten, dass für den Erhalt von Aufträgen mindestens 15 Prozent Aufschlag üblich seien, bei besonderen Projekten sogar mehr als 30 Prozent. Für zusätzlichen Verdruss sorgt, dass die Oligarchen-Klasse offenbar weit weniger und zudem risikofreie Investitionen beisteuert als bisweilen suggeriert – und die Belastungen für den Staatssäckel entsprechend höher ausfallen.
Da verwundert es nicht mehr, dass den Russen rund um Olympia 2014 selbst Nebensächlichkeiten missfallen. Den vor wenigen Wochen verkündeten Spiele-Slogan „Heiße, winterliche, deine“ lehnen in einer aktuellen Umfrage mehr als zwei Drittel der Teilnehmer ab.
