Wie Gazprom die vereinigte russisch-ukrainische Liga durchsetzen will
Ich habe das eine oder andere Mal ja schon über die Diskussion berichtet, dass es im Osten des Kontinents zu einer länderübergreifenden Liga kommen soll. Hier nochmal eine nachgereicht eine Zusammenfassung aus der SZ vom Mittwoch, nach dem ersten Treffen des Organisationskomites.
Als das Treffen beendet war, sah Walerij Gassajew zufrieden aus. Im Hauptberuf ist er Präsident und Trainer von Alanija Wladikawkas, doch derzeit hat er eine wichtigere Aufgabe: Auf Wunsch diverser Spitzenklubs soll er als „Vorsitzender des Komitees für ein vereinigtes Turnier“ eine länderübergreifende Liga vorbereiten. Dieses Komitee hat zwar keine Legitimation durch den russischen Verband, aber am Montag lud Gassajew alle Vereinsvertreter ein, um erstmals konkrete Pläne zu nennen. Demnach soll das Projekt 2014 mit je neun russischen und ukrainischen Klubs starten. Heikle Fragen wie die Besetzung von Europacup-Startplätzen wurden ausgespart, dafür aber immense Summen genannt. Über ein jährliches Budget von einer Milliarde Dollar soll die Liga verfügen, alleine 92 Millionen Dollar der Gewinner erhalten – das ist mehr, als der FC Chelsea bei seinem Champions-League-Sieg 2012 einstrich.
Die Organisatoren gaben sich dabei keine Mühe, den Taktgeber hinter dem Projekt zu verschleiern. Das Treffen fand im Moskauer Gazprom-Büro statt, den Haupt-Vortrag hielt nicht etwa Gassajew, sondern Gazprom-Chef Alexej Miller. Und das irrsinnig hoch erscheinende Budget ließe sich erreichen, indem die Gazprom- Media-Gruppe für ihre Kanäle die Fernsehrechte erwirbt oder diverse Tochterfirmen des staatlich kontrollierten Erdgaskonzerns als Sponsoren einsteigen.
Hintergrund des Projekts ist ein Machtkampf im russischen Fußball, der sich seit einigen Monaten zuspitzt. Einige Jahre lang stellte das Lager von Gazprom beziehungsweise der vom Konzern kontrollierte Klub Zenit St. Petersburg den Verbandspräsidenten. Doch nachdem deren Kandidat vor der Abstimmung im vergangenen Herbst wegen Verstrickungen ins Spieleragentengeschäft in die Kritik geraten war, wählten die Delegierten Nikolaj Tolstych zum Chef. Der versucht seither, seine Unabhängigkeit zu beweisen; er hat viele Personen ausgetauscht, zudem ging ein Sport- gerichtsverfahren gegen Zenit aus. Jetzt streben die Petersburger mit ihren Verbündeten aus dem Einflussbereich des neuen Präsidenten heraus; denn für eine länderübergreifende Liga könnte natürlich nicht der Verbandschef eines Landes das Sagen haben. Mit den enormen Summen will das Gazprom-Lager nun jene Klubs ködern, die bisher auf Tolstychs Seite standen – sowie die Vertreter der Ukraine, die sich mit wenigen Ausnahmen bisher eher reserviert gezeigt hatten.
Nun ist der Einfluss von Gazprom traditionell immens; der Kontakt zwischen Konzernchef Miller und dem Kreml ist eng. Doch dieses Mal ist die Sache vertrackter. Obwohl die Debatte über die Einführung einer Sowjet-Liga nun schon eine Weile läuft, hat sich Staatschef Wladimir Putin noch nicht öffentlich dazu geäußert – dabei ist ihm sonst kein Anlass zu gering, um sich auch in sportliche Fragen einzumischen. Grundsätzlich gefallen dürfte ihm ein solches Vorhaben schon; immerhin würde es ein wenig an Glanz und Größe der alten Sowjetunion erinnern. Zudem ist es ein Zeichen, dass er die Bemühungen seines Vertrauten Alexej Miller nicht einbremst. Andererseits können die beiden Nationen nicht einfach so eine länderübergreifende Liga beschließen – Sepp Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes (Fifa), tat kürzlich bereits sein Missfallen kund. „Ein solcher Wettbewerb verstößt gegen die Prinzipien der Fifa“, sagte er: „Die Fifa wird niemals ihre Erlaubnis zu einem solchen Projekt geben.“ Diese Haltung klingt rigide, und Putin will es sich mit Blatter nicht verscherzen; schließlich steht in Russland 2018 die Fußball-WM an. Entsprechend moderat klang auch die einzige offizielle Regierungsstimme – Sportminister Witalij Mutko betonte, er wolle eine „nationale Liga“ stützen. Passenderweise ist jener Mutko aber auch Mitglied von Blatters Fifa-Exekutive.
Trotz der eindeutigen Äußerung des Schweizers ist der Weltverband formal zunächst nicht zuständig. Der europäische Fußballverband (Uefa) beharrt darauf, dass diese Entscheidung in seinen „Kompetenzbereich“ falle. Die Uefa-Spitzenvertreter haben sich bisher mit Äußerungen zurückgehalten. Ein Sprecher sagt, dass man noch nichts sagen wolle, weil noch kein offizieller Vorschlag eingegangen sei. In Moskau heißt es allerdings, dass Uefa-Präsident Michel Platini nicht grundsätzlich abgeneigt sei. Zudem stieg Gazprom erst vergangenen Sommer als Hauptsponsor für die Champions League ein.
Bisher rühmten sich sowohl Blatter als auch Platini bester Verbindungen nach Russland, das bei Abstimmungen ganze Stimmenpakete früherer Sowjetländer organisieren kann. Doch sollte sich die Auseinandersetzung der beiden Fußball-Lenker so fortsetzen wie zuletzt, wird es nicht unwichtig sein, wen das mächtige Russland stützt.
