16.10.12 | 10:52 | Allgemein | Sotschi 2014 | 0 Kommentare

Heiße, winterliche, fragwürdige – zum Stand der Olympia-Vorbereitungen in Sotschi

Nur noch knapp 500 Tage bis zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi; dass dort Wettkampfstätten-technisch noch manches im Argen liegt, hat jetzt erst wieder Skiweltverbands-Präsident Kasper mitgeteilt (und damit dem jüngsten Vermerk der zuständigen Kommission des IOC widersprochen). Aber mit den Wettkampfstätten ist es ja so, dass sie in der Regel immer noch kurz vor Spiele-Beginn fertig werden, wenn auch dann natürlich entsprechend teurer. Doch die Wettkampfstätten sind nicht Sotschis einzige Sorge; ich habe für die heutige Ausgabe der SZ folgenden Kommentar über die Lage geschrieben:

Etwas weniger als 500 Tage sind es noch bis zu den Olympischen Spielen in Sotschi, und fast täglich kommt derzeit aus Russland eine nette Meldung. Die zuständige Kommission des Internationalen Olympischen Komitees fand bei der jüngsten Inspektionstour der Wettkampfstätten im Schwarzmeer-Ort und dem knapp 50 Kilometer entfernt gelegenen Gebirgsdorf Krasnaja Poljana alles prima. Die Organisatoren konzipieren den längsten Fackellauf der Olympia-Geschichte. Die Regierung beschließt eine Obergrenze für Hotelpreise (knapp 108 Euro für ein Zimmer in einer Drei-Sterne-Unterkunft und 344 Euro für ein Appartement in einer Luxus-Herberge), um den anreisenden Sportfans die Angst vor Wuchersummen zu nehmen. Und das offizielle „Wir lernen jeden Tag ein Wort Englisch“-Projekt für die Bewohner der Stadt ist mittlerweile bei Vokabel Nummer 184 angekommen<TH>– bis zum Spiele-Beginn am 7. Februar 2014 sollen es 662 werden. Das muss ja ganz wunderbar werden.

Tatsächlich aber bleibt die zwischen Palmen, Putins Sommerresidenz und brodelndem Kaukasus-Konflikt stattfindende Veranstaltung für viele in der Bevölkerung ein fragwürdiges Vorhaben. Sie stören sich an dem Gigantismus dieses Projektes, an den zahlreichen Eingriffen in die Natur und an den Zwangsumsiedlungen, die Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch immer noch beklagen. Sie wissen noch nicht, welche Einschränkungen aus den sicherheitspolitischen Überlegungen erwachsen, mit denen sich die Politik gegen die befürchteten Terroranschläge nordkaukasischer Untergrundkämpfer rüsten will. Und sie beklagen vor allem die horrenden Kosten.

Die Organisatoren verweisen zwar darauf, sich immer noch im Rahmen des offiziellen Budgets von 200 Milliarden Rubel (umgerechnet derzeit knapp fünf Milliarden Euro) zu bewegen. Doch inklusive zusätzlicher Infrastruktur-Maßnahmen gehen Eingeweihte inzwischen von Kosten jenseits der 20 Milliarden Euro aus – das ist ein Rekord für Olympische Winterspiele. Dass nicht wenig davon in dunklen Kanälen versickern dürfte, ist nicht nur ein Klischee; der russische Rechnungshof selbst hat schon die grassierende Korruption rund um die Sotschi-Spiele angeprangert. Insider berichten, dass für den Erhalt von Aufträgen mindestens 15 Prozent Aufschlag üblich seien, bei besonderen Projekten sogar mehr als 30 Prozent. Für zusätzlichen Verdruss sorgt, dass die Oligarchen-Klasse offenbar weit weniger und zudem risikofreie Investitionen beisteuert als bisweilen suggeriert – und die Belastungen für den Staatssäckel entsprechend höher ausfallen.

Da verwundert es nicht mehr, dass den Russen rund um Olympia 2014 selbst Nebensächlichkeiten missfallen. Den vor wenigen Wochen verkündeten Spiele-Slogan „Heiße, winterliche, deine“ lehnen in einer aktuellen Umfrage mehr als zwei Drittel der Teilnehmer ab.

14.10.12 | 14:47 | Allgemein | Vereinsfußball | 0 Kommentare

Extra schlecht aufgestellt – eine kuriose Trainer-Entlassung

Eine nette Geschichte aus der Welt der Fußball-Manipulation gewinnt in Russland gerade wieder etwas an Fahrt. Im Kern geht es um eine alte Geschichte aus dem Jahr 2011: Der damalige Trainer von Lokomotive Moskau, Jurij Krasnoschan, wurde von seiner Präsidentin (ja, so etwas gibt es in Russland anders als in Deutschland und vielen anderen westeuropäischen Ligen tatsächlich, eine Fußballklub-Präsidentin) Olga Smorodskaja nach einer Niederlage gegen den schwerrreichen und bestens vernetzten Oligarchen-Klub Anschi Machatschkala entlassen – obwohl Lok in der Liga gut platziert war. Die Begründung: Krasnoschan habe seine Mannschaft mutwillig schlecht aufgestellt, in ihren Äußerungen schwang der Vorwurf mit, Krasnoschan habe das Spiel bewusst verloren – und Russlands Fußball-Öffentlichkeit debattierte leidenschaftlich, woran sich der manipulative Charakter des Spiels erkennen lasse. Kurioserweise blieb der Fall damals folgenlos, Ermittlungen gab es nicht. Alle Beteiligten, die sich äußerten, bestritten die kursierenden Vorwürfe.

Pikanterweise bekam Krasnoschan seine nächsten Jobs – beim Verband, der nichts unternommen hatte, und Anschi Machatschkala, dem angeblichen Anstifter zur schlechten Aufstellung.

Mittlerweile ist Krasnoschan Trainer bei Kuban Krasnodar, und die Angelegenheit wäre wohl vergessen, wenn nicht im Zuge der Präsidentschaftswahlen in Russlands Fußball gerade ein Machtkampf toben würde. Und deswegen ließ der eine oder andere dieser Tage verlauten, man solle die Sache vielleicht doch noch einmal untersuchen. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass es formal tatsächlich dazu kommt, aber immerhin beschäftigt sich nun die Öffentlichkeit noch einmal mit diesem merkwürdigen Fall.

29.09.12 | 21:57 | Fußball-WM 2018 | 0 Kommentare

Stadien, die die Welt nicht braucht (8) – die endgültige Entscheidung

Soeben haben Sepp Blatter und die Vertreter der russischen Organisatoren die elf Städte bzw. zwölf Stadien bekanntgegeben. (Anschaubar in der Wiederholung hier in der Mediathek des Pervyj Kanal).

Gegenüber dem gestern vermeldeten Tipp hat es dann doch noch einmal eine Änderung gegeben: Nicht die Moskauer Dynamo-Arena, Jaroslawl und Saransk fliegen aus der Kandidatenliste, sondern die Dynamo-Arena, Jaroslawl und Krasnodar. Mal gespannt, zu was sich die Dynamo-Lobby in den kommenden Wochen noch so hinreißen lässt. Da bauen sie einen neuen Sportkomplex, der insgesamt mehr als eine Milliarde Dollar kostet – und dann ist da nicht einmal ein WM-Spiel …

BTW: Moskau munkelt, dass es entgegen der Planung nicht der letzte Tage gewesen sein könnte, an dem Kandidaten gestrichen werden. Ob Städte wie etwa Saransk am Ende wirklich Ausrichter werden, glauben noch nicht alle …

28.09.12 | 14:35 | Allgemein | Fußball-WM 2018 | 1 Kommentar

Stadien, die die Welt nicht braucht (7) – die Entscheidung

Also, die Entscheidung, über die seit ein paar Monaten gerungen wurde, ist offenbar gefallen. Drei der bisher 15 Kandidaten-Spielstätten* fliegen raus, sagte Sportminister Witalij Mutko heute in Zürch. Und nicht nur das: Er sagte auch, dass man das Turnier in zwölf  Stadien und elf Städten austragen wolle.

Das heißt, das etwas überraschend von den drei Moskauer Stadien – Olympiastadion Luschniki, neue Spartak-Arena, neue Dynamo-Arena – eines kein Austragungsort ist. Der Sowjetskij Sport mutmaßt, es handele sich dabei um die Dynamo-Arena. Weniger überraschend: Saransk und Jaroslawl, die ohnehin als chancenlos galten, werden danach ebenso gestrichen.

Das heißt, es verblieben: Moskau (2), St. Petersburg, Sotschi, Kasan, Jekaterinenburg, Kaliningrad, Rostow, Krasnodar, Samara, Nischnij Nowgorod

Offiziell verkündet wird die Auswahl am Samstagabane din einer großen Zeremonie.

* In der verlinkten Tabelle ist noch von 16 Stadien die Rede. Damals gab es sogar die Möglichkeit, dass in Moskau vier Spielstätten entstehen. Doch das Stadion der Region Moskau davon wurde recht bald schon von der Liste gestrichen.

04.09.12 | 18:37 | Allgemein | Vereinsfußball | 0 Kommentare

Zenit St. Petersburg verpflichtet Hulk und Witsel

Ein paar Gedanken zum aktuellen Transfergehabe von Zenit St. Petersburg, Text aus der SZ vom 5. September:

Russlands Fußball entwickelt sich vorbildlich weiter. Als die Statistiker nach dem Winter-Transferfenster 2011/12 die Liste mit den teuersten Wechseln erstellten, stand auf Platz eins ein Herr namens Balazs Dzsudzsak, der nicht jedem gemeinen Fußball-Fan ein Begriff ist, für den Dynamo Moskau aber etwa 20 Millionen Euro nach Machatschkala überwies.
Insofern ist es tröstlich, dass die Rekordliste der sommerlichen Wechselperiode seit Montagabend ein allseits bekannter Akteur anführt: Brasiliens Nationalangreifer Givanildo Vieira de Souza, genannt Hulk. Etwas weniger tröstlich ist zugleich allerdings, dass der russische Meister Zenit St. Petersburg den sogar für einen Angreifer wie Hulk recht hoch erscheinenden Preis von angeblich 50 Millionen Euro an den FC Porto zahlte. Und dass der Klub nur ein paar Stunden später auch noch 40 Millionen Euro für den belgischen Mittelfeldspieler Axel Witsel ausgab, dessen Bekanntheitsgrad bei allem Talent bisher eher auf Dzsudzsak-Niveau liegt.

“Beide sind Wunschspieler”, jubelte jedoch der italienische Zenit-Trainer Luciano Spalletti über die sündteuren Zugänge, deren Verpflichtung nur möglich war, weil die Transferzeit in Russland – anders als im Großteil der europäischen Verbände – erst am 6. September endet.

Fast in jeder Wechselperiode gibt es Transfers, die maßlos überteuert zu sein scheinen. Erst kürzlich hat selbst FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß eingeräumt, dass der wahre Marktwert des neuen Mittelfeldspielers Javier Martínez aus Bilbao um einiges unter den bezahlten 40 Millionen Euro liege. Doch bei einem Blick auf die teuersten Wechsel dieses Sommers ist es schon auffallend, wie problemlos manche Vereine auch überdimensionierte Ablösen zahlen – und es ist kein Zufall, welche Klubs dabei besonders herausragen.

Erstens der FC Chelsea des Oligarchen Roman Abramowitsch, der sich für mehr als 70 Millionen Euro die Dienste der Talente Eden Hazard, 21, und Oscar, 20, sicherte. Zweitens Paris St. Germain, das dank des Vermögens seiner katarischen Besitzer mehr als 130 Millionen Euro ausgab. Und eben Zenit St. Petersburg, dessen Eigentümer seit einigen Jahren der staatlich kontrollierte Energieriese Gazprom ist.

Für die Ziele in der russischen Meisterschaft sind dessen Investitionen in Spieler wie Hulk und Witsel nicht zwingend notwendig. Zenit hat sich schon in den zurückliegenden Spielzeiten kräftig verstärkt und in den vergangenen zwei Saisons den Titel gewonnen; auch in der laufenden liegt der Klub wieder auf Platz eins. Doch die Verantwortlichen, zu denen seit kurzem auch der frühere Bundesliga-Manager Dietmar Beiersdorfer zählt, drängt es wieder nach internationalen Erfolgen – so wie 2008, als Zenit den Uefa-Pokal und Europas Supercup gewann.

Dass Geld bei diesem Ansinnen keine Rolle spielt, zeigt nicht nur ein Blick auf die Ablösesummen, sondern auch auf den Stadion-Neubau: Dessen Kosten belaufen sich nach aktuellen Schätzungen auf die – selbst für russische Verhältnisse astronomische – Summe von einer Milliarde Dollar.

Doch wegen der europäischen Ambitionen müssen sich die St. Petersburger Fans auch noch etwas gedulden, bis sie Hulk und Witsel erstmals spielen sehen. Im Moment ist sowieso Länderspiel-Pause – und das für den 15. September terminierte Ligaspiel zwischen Zenit und Terek Grosny wurde jetzt auch vertagt. Das Team soll sich in Ruhe auf das Champions-League-Spiel in Malaga drei Tage später vorbereiten können.

03.09.12 | 18:18 | Allgemein | 1 Kommentar

Prjadkin unterliegt Tolstych

Viel war in diesem Blog schon von den Machenschaften des russischen Fußball-Funktionärs Sergej Prjadkin die Rede, beispielsweise hier und hier und hier. Kürzlich hat der frühere KGB-Mann gehofft, noch weiter aufzusteigen in der Funktionärs-Hierarchie: Er hatte nach dem – offiziell natürlich freiwilligen, tatsächlich aber wohl von der Politik erzwungenen Rückzug des bisherigen Amtsinhabers Sergej Fursenko versucht, das Amt an der Spitze des Verbandes zu erringen. Vergebens, unter anderem wegen dieser Enthüllungen des geschätzten russischen Kollegen Andrej Suchotin.

Stattdessen amtiert nun Nikolaj Tolstych, ein früherer Fußballer und Funktionär bein Dynamo Moskau und zuletzt Direktor im Nationalen Olympischen Komitee, über den für einen russischen Funktionär erstaunlich wenige Geschichten mit Geschmäckle im Umlauf sind. Mal sehen, was der so bringt, Arbeit gibt es ja genug. Stichworte: WM 2018, grassierende Korruption, ständige Berichte über Spielmanipulationen, Aufarbeitung des Schwarzbuches des osteuropäischen Fußballs.

Weiterer Gewinner dieser Rochade: Sportminister Witalij Mutko, einst von Dmitrij Medwedjew gezwungen, sich zwischen Sportministerium und Fußballverband zu entscheiden. Er hatte sich im Wahlkampf eindeutig für Tolstych ausgesprochen.

31.05.12 | 15:11 | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Rassismus und Willkür

Ich habe für die SZ die akuelle Debatte um Rassismus in den EM-Gastgeberländern sowie die Angst mancher dunkelhäutiger Fans und Spieler kommentiert. Kommentar siehe hier.

Empfehlenswert ist, mal wieder, ein Text der unermüdlichen Nina Jeglinski, die für die FTD noch einmal zusammengefasst, wie sorglos die Ukraine mit den Kosten umgegangen ist und wie sehr die Regierung ungefragt in den Alltag der Bürger eingreift – bis hin zu der Tatsache, dass dort mal eben der Kindergarten geschlossen wird und die Eltern aus der Zeitung erfahren. (Text siehe hier.)

24.05.12 | 18:41 | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Pauls Erben

Krake Paul, der kluge Tintenfisch, der bei der WM 2010 alle Ergebnisse vorher wusste, ist bekanntlich tot. Doch er hat natürlich diverse Nachfolger. Bei dieser EM konkurrieren mindestens drei Tiere um sein Erbe.

1.) der ukrainische Eber Funtik aus der Stadt Poltawa (siehe hier)

2.) die polnische Elefantenkuh Citta aus der Stadt Krakau (siehe hier)

3.) die Usedomer Seemöwen (siehe hier)

Erste Tests haben ergeben, dass sich in diesem tierischen Wettkampf Elefantenkuh Citta durchsetzen könnte – denn die tippte immerhin schon das Champions-League-Finale richtig voraus.

08.05.12 | 10:30 | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Timoschenko und die anderen Probleme der Ukraine

Mal ein kleiner Sidekick zur Ukraine-Berichterstattung in den vergangenen Tagen: Bei all der berechtigten Kritik und bei all den berechtigten Stücken über den indiskutablen Umgang mit Julia Timoschenko sollte man zwei Dinge nicht vergessen.

Dass nämlich erstens diese Frau keine Heilige ist, sondern eine fleckigere Vergangenheit hat als es in der deutschen Öffentlichkeit gerade scheint (schön differenzierendes Stück beispielsweise  hier). Und dass zweitens der indiskutable Umgang mit Julia Timoschenko nicht das einzige ist, was in der Ukraine gerade zu kritisieren ist. Wir sollten die Themen Korruption, schlechte Infrastruktur, Hooligans etc. nicht völlitg aus den Augen verlieren – umso schöner das Stück des Kollegen Ronny Blaschke im SZ-Panorama heute über die anhaltende Homophobie in der Ukraine und in Polen, siehe hier.

14.04.12 | 12:54 | Allgemein | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Hoteldeals in der Ukraine und Spielerdeals in Russland

Zum Wochenausklang noch zwei Leseempfehlungen:

a) Die Kollegen von Spiegel Online haben sich hier damit beschäftigt, wer von den astronomischen Hotel- und Übernachtungspreise während der Fußball-EM in der Ukraine profitiert. Der vielsagende Titel des Stücks: “Zu Gast bei der Mafia.”

b) Der Kollege Andrej Suchotin von der Nowaja Gazeta hat mal wieder eine umfangreiche Recherche zum Thema Spielervermittler in Russland abgeschlossen. Es geht unter anderem um immense Interessensverquickungen rund um den früheren Spartak-Präsidenten Andrej Tscherwitschenko und vor allem um die Rolle des auch hierzulande bekannten Spielervermittlers Oleg Artjomow, der unter anderem den früheren Stuttgarter Pawel Pogrebnjak betreut – Suchotin nennt konkrete Summen und beschreibt sogar eine Verbindung zum Bruder des früheren Ismaijlowskij-Chefs.  (Hier der vollständige Text.)

 

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