Rassismus, Gewalt, Spielabsprachen: Üble Zustände in Osteuropas Fußball
Die Tage hat die Fifpro, die Interessensvertretung der Fußballer, ein sogenanntes Black Book zum Thema “Fußball in Osteuropa” veröffentlicht. Die gesamte Studie samt den konkreten Umfrage-Ergebnisse gibt es hier zum Download, das Vorab-Stück aus der SZ dazu in den folgenden Zeilen:
Traktiert mit dem Elektroschocker
Danko Lazovic freute sich. Gerade hatte der serbische Offensivspieler mit seinem Klub Zenit St. Petersburg das Spiel der russischen Premjer Liga bei Nischni Nowgorod 2:0 gewonnen, und jetzt wollte er sich für diesen Sieg von den Fans bejubeln lassen. Er zog sich sein Trikot aus und sprang über eine Absperrung, um das Hemd ins Publikum zu werfen – doch statt der Gesänge der Anhänger vernahm er plötzlich einen heftigen Schlag am Körper. Ein Polizist hatte den Fußballer mit einem Elektroschocker traktiert, der Vereinsarzt diagnostizierte anschließend Verbrennungen ersten Grades.
Die Szene ist bei Youtube dokumentiert, doch für Russlands Funktionäre ist der Fall so gut wie nicht existent. „Fußballer sollen Fußball spielen und nicht irgendjemanden provozieren“, hieß es in einer Stellungnahme. Der Liga-Direktor Sergej Tscheban ging laut Ria Nowosti noch weiter und fragte: „Wenn Sie in der Metro über die Absperrung hüpfen, wie wird Ihre Aktion wohl bewertet?“ Und die Polizei ermittelte in dem Vorgang nicht weiter, weil sie keinen Stoß mit dem Elektroschocker erkennen wollte.
Lazovics Geschichte aus dem vergangenen Sommer ist kein Einzelfall. Wer sich in Russlands Fußball umschaut, der findet zahlreiche Beispiele von körperlicher Gewalt, rassistischen Beleidigungen oder Ungereimtheiten rund um Transfers und Vertragsgestaltung. Doch wenn die Vorwürfe publik werden, dann gibt es entweder gar keine oder nur sehr überschaubare Ermittlungen – oder diese landen in der Zuständigkeit einer formalen Ethik-Kommission, deren tatsächliche Wirkungsmacht aber fraglich ist. „Wir fragen uns, was den Fußballern in Russland noch passieren muss, damit die Fußball-Funktionäre beginnen, sie zu respektieren“, sagt Nikolaj Grammatikow, Generalsekretär der russischen Spieler- und Trainergewerkschaft – und gleiches fragen sich seine Kollegen in anderen osteuropäischen Ländern, in denen die Lage ähnlich ist.
Doch weil die Vorgänge dort nur bedingt interessieren, versuchen die Interessensvertreter der Spieler jetzt, die westeuropäische Öffentlichkeit zu sensibilisieren: An diesem Dienstag veröffentlicht auf ihre Initiative hin die internationale Profifußballervertretung Fifpro bei einer Pressekonferenz in Brüssel das „Schwarzbuch des osteuropäischen Fußballs“. Analog zum Schwarzbuch des Kommunismus oder dem Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler haben die Verfasser eine lange Liste von üblen Beispielen zusammengetragen. Tausende Fußballer aus den osteuropäischen Ländern haben mitgewirkt. In Brüssel will die Fifpro die ersten Kopien des Buches an Vertreter der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlamentes und Europol übergeben.
Es geht zum Beispiel um den früheren Madrider Profi Roberto Carlos, der während der Spiele für seinen derzeitigen russischen Klub Anschi Machatschkala wegen seiner dunklen Hautfarbe oft beleidigt wird und deswegen schon einmal wutentbrannt das Spielfeld verließ. Oder um den serbischen Zweitliga-Spieler Vladimir Radivojec, der von nächtlichen 15-Kilometer-Strafläufen und verweigertem Essen im Mannschaftshotel berichtet. Oder um die serbischen Profis Nikola Nikezic und Sreten Sretenovic, die angeben, dass ihr russischer Klub Kuban Krasnodar sie mit Gewalt zur Vertragsauflösung gezwungen hat – und deren Fall der Auslöser für die Erstellung des Schwarzbuches war. Und es geht vor allem darum, dass sich die jeweiligen Verbände nicht um die Sportler kümmern, für deren Wohl sie im Grunde zuständig sind. „Die Spieler werden Opfer von korrupten Kluboffiziellen. Der Fußball ist in der Hand von Leuten, bei denen das persönliche Interesse überwiegt“, sagt Grammatikow.
Natürlich existieren Rassismus und Gewalt gegen Spieler nicht nur in den osteuropäischen Ligen. Doch die Fifpro hat sich aus zwei Gründen entschlossen, sich zunächst einmal auf dieses Gebiet zu konzentrieren. Zum einen „hat es in Russland und in Osteuropa ganz besonders viele Vorfälle und Berichte über Probleme gegeben“, sagt Fifpro-Sprecher Raymond Beaard. Und zum anderen rückt der osteuropäische Fußball demnächst noch einmal besonders in den Blickpunkt: Immerhin finden dort zwei der nächsten großen Fußball-Turniere statt, die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine sowie die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Die Schwarzbuch-Initiatoren hoffen, dass die Verantwortlichen in den Verbänden so unter einen größeren öffentlichen Druck und in die Pflicht zur Aufklärung geraten. Sie wollen mit der Publikation auch die internationalen Verbände stärker in die Verantwortung nehmen. „Die Fifpro legt mit diesem Report den Beweis für viele Probleme in Osteuropa vor. Jetzt müssen andere ihren Teil beisteuern“, sagt Beaard: „Wir hoffen, dass die Uefa und die nationalen Föderationen ihrer Verantwortung gerecht werden, dass die Klubs, die die Rechte der Spieler nicht achten, sanktioniert werden.“
Doch die Fifpro-Vertreter belassen es nicht nur bei der Veröffentlichung des Schwarzbuchs. Vor allem die russische Gewerkschaft der Spieler und Trainer bemüht sich zugleich, manche Fälle vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne zu bringen. Erst kürzlich reichte sie gemeinsam mit dem ukrainischen Fußballer Jewgenij Lewtschenko eine Klage ein (siehe SZ vom 28. Januar). Dabei geht um die mutmaßliche Verstrickung eines hochrangigen Funktionärs in den Wechsel des Ukrainers, die gemäß der internationalen Statuten unzulässig wäre.
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