30.01.12 | 11:55 | Allgemein | 1 Kommentar

Fall Prjadkin soll vor den CAS

Der “Fall Prjadkin” (einen Überblicksartikel von mir hier und die Seite der Gegner auf Facebook hier) setzt sich fort. Der Fall rund um den mutmaßlichen Interessenskonflikt von einem der einflussreichsten russischen Sportfunktionäre soll vor den Cas. Wie Fans, Spieler und die Gewerkschaft der Trainer und Spieler darum kämpfen, habe ich in einem Stück für die SZ aufgeschrieben.

Zwischen Moskau und Adelaide liegen 13.818 Flugkilometer, und natürlich hat es auch etwas mit dieser Distanz zu tun, dass Jewgenij Lewtschenko gerade so forsch auftritt. Lewtschenko, 34, ist Ukrainer, er hat schon für viele Klubs gespielt, im Moment steht er beim australischen Verein Adelaide United unter Vertrag. Doch mehr noch als die australische interessiert sich gerade die russische Fußball-Öffentlichkeit für ihn: Denn Lewtschenko ist Teil einer Gruppe, die etwas versucht, was im internationalen Fußball-Geschäft eher unüblich ist – via Klage beim Internationalen Sportgerichtshof Cas einen mächtigen Funktionär aus dem Amt zu treiben.

Der mächtige Funktionär, das ist der russische Ligachef Sergej Prjadkin. Seit 2007 hat er dieses Amt inne, seit vergangenem Jahr ist er zudem Mitglied in einer Kommission des Europäischen Fußballverbandes. Doch seit geraumer Zeit steht er in der Kritik: Denn Funktionäre dürfen gemäß den Statuten nicht als Spielerberater arbeiten. Aber Prjadkin ist seit Mitte der neunziger Jahre Mitinhaber der in Berlin ansässigen Firma Girrus, zu deren Aktivitäten ausweislich des Eintrages im Handelsregister auch die „Tätigkeit als Spieleragenten“ zählt (SZ vom 7.9.2011). Bei manchem deutsch-russischen Transfer-Deal der jüngeren Vergangenheit war ein Spielerberater beteiligt, der auf den Listen des Deutschen Fußball-Bundes als Girrus-Mitarbeiter geführt wurde.

Aber der Aufklärungseifer in dieser Affäre ist überschaubar. Prjadkin beteuert ebenso wie sein Co-Geschäftsführer Konstantin Sarsanija, gegen keinerlei Geschäfte verstoßen zu haben. Eine Ethikkommission des russischen Verbandes, den Prjadkins guter Bekannter Sergej Fursenko führt, kam zu dem Schluss, dass es in der Angelegenheit nichts zu beanstanden gebe. Und die internationalen Verbände fühlten sich offenbar nicht recht zuständig für den mutmaßlichen Interessenkonflikt.

Jewgenij Lewtschenko, der früher für ZSKA Moskau und Saturn Ramenskoje gespielt hat, konnte das nicht verstehen. „Die Macht der russischen Fußball-Funktionäre ist doch nur auf Bestechung und Betrügereien aufgebaut“, sagt er. Ihn wurmte die Sache besonders, weil er nach eigener Darstellung selbst einmal Teil eines Deals gewesen sei, in dem die Familie Prjadkin mitmischte – im Jahr 2009, als er vom holländischen Klub FC Groningen nach Ramenskoje wechselte. Also entstand gemeinsam mit der russischen Spieler- und Trainergewerkschaft sowie Vertretern der Nowosibirsker Fan-Vereinigung die Idee, den Fall selbst vor den Cas zu bringen.

Doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht. In einem ersten Versuch reichte nicht Lewtschenko selbst die Klage ein, sondern eine Gruppe der Nowosibirsker Fan-Vereinigung. Das Geld für die Gerichtsgebühren sammelte sie mit einer Kampagne im Netz, sogar den Anteil des sich zierenden russischen Verbandes an dem Verfahren wollte sie notfalls aufbringen – da zogen manche Unterzeichner ihre Unterschrift zurück, angeblich auf Druck des Verbandes. Prjadkins Sprecher will sich zu diesem Vorwurf nicht äußern, jedenfalls war das Verfahren formal beendet.

Doch nun unternimmt die Gruppe einen zweiten Versuch – und reicht gleich zwei Klagen ein. Die eine stammt von der Spieler- und Trainergewerkschaft, die andere von Jewgenij Lewtschenko direkt. „Alle verstehen, dass mein Fall weder der erste noch der letzte ist“, sagt er. „Aber die Fußballer in Russland haben jetzt Angst, ihre Meinung zu sagen. Sie unterstützen uns, aber sie unternehmen keine konkreten Schritte.“ Bis Mitte Februar, so hoffen Lewtschenko und seine Mitstreiter, soll das Verfahren beim Cas starten.

20.01.12 | 11:37 | Allgemein | Fußball-WM 2018 | 0 Kommentare

Sepp Blatter, der Astrologe

Fifa-Chef Sepp Blatter macht und sagt ja allerhand Dinge, die den gemeinen Beobachter, vorsichtig gesagt, verblüffen. Doch wenn es um die Einschätzung der WM 2018 in Russland geht, schlüpft der Schweizer noch einmal in eine besonders verblüffende Rolle: die des Astrologen. “Ich bin kein Prophet, aber ich kenne mich mit Astrologie aus: Die Sterne sind Witalij Mutko [Russlands Sportminister] gewogen”, zitiert Ria Nowosti Blatter. Aha.

12.01.12 | 19:19 | Allgemein | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Schönrechnen auf Ukrainisch

Die EM-Gruppenauslosung ist bekanntlich durch, die Mannschaften haben ihre Quartiere gewählt. Was sich vor der Auslosung abzeichnete, hat sich bestätigt: Fast alle Länder zieht es nach Polen, nur die Franzosen und die Schweden in die Ukraine. Für die aktuelle Ausgabe der SZ habe ich dazu folgendes geschrieben:

Markian Lubkiwskij muss sich in diesen Tagen mit ein paar wortreichen Schleifen behelfen. Lubkiwskij ist der Vorsitzende des ukrainischen Organisationskomitees der Fußball-EM 2012 und zu seinen momentanen Jobs gehört es, zu erklären, warum denn neben der eigenen Nationalmannschaft lediglich die Schweden und die Franzosen ihr Quartier in der Ukraine beziehen und alle anderen 13 Teilnehmer beim Mit-Ausrichter Polen.

Zwei Argumente hat er sich mittlerweile zurechtgelegt, sie gehen ungefähr so: Erstens sei dieses ungleiche Verhältnis keine Tragödie, weil doch mit Deutschland, Niederlande, Portugal, Frankreich und England gleich fünf starke Mannschaften ihre Gruppenspiele in den ukrainischen EM-Orten bestreiten. Und zweitens sei das mit dem Quartier generell keine ganz eindeutige Sache, weil wenn – zum Beispiel – die Niederlande in Charkow gegen Deutschland spiele, die Oranjes doch sicher einen Tag vorher aus ihrem Hotel in Krakau anreisen würden, vielleicht noch einen Tag länger bleiben würden, und insofern sei in Charkow dann ja doch so etwas wie ein kleines niederländisches Quartier.

Nun ja, nicht jeder hat so viel Talent zur Schönrechnerei. Viele Ukrainer wurmt diese 3:13-Niederlage gehörig – und dabei insbesondere das Verhalten der Mannschaften, die sich erst nach der Auslosung Anfang Dezember für ihr EM-Quartier entschieden. Deutschland beispielsweise hatte ja schon im vergangenen Jahr das luxuriöse Fünf-Sterne-Hotel Dwor Oliwski unweit der Ostsee-Stadt Danzig gebucht. Doch Dänen und Portugiesen wählten ihre Unterkünfte in den polnischen Städten Kolberg beziehungsweise Opalenica (rund 40 Kilometer westlich von Posen) erst Mitte Dezember, als ihnen die Auslosung längst die ukrainischen Spielorte Lemberg und Charkow zugewiesen hatte. Zudem hatten viele ja damit gerechnet, dass sich manche Mannschaften lieber zu den Spielen einfliegen lassen würden, als vier Wochen lang in der Ukraine zu wohnen. Aber zugleich waren sie davon ausgegangen, dass im Gegenzug die Kroaten und vor allem die Russen sicher kommen würden – doch auch die haben sich nun für polnische Quartiere entschieden, weil sie ihre Gruppenspiele dort bestreiten.

Der Hauptgrund für das mangelnde Interesse an den ukrainischen Unterkünften ist eindeutig: die schlechte Infrastruktur und die schlechten logistischen Möglichkeiten. Der deutsche Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff hatte das schon bei der Wahl des Dwor Oliwski angemerkt. Seit die Stadien Ende des vergangenen Jahres offiziell eingeweiht worden sind, tun die ukrainischen Verantwortlichen zwar so, als seien alle Probleme gelöst. Doch die Kritiker sehen die Quartier-Wahl als neuen Warnschuss, dass noch vieles im Argen liegt. „Dieses Ergebnis ist eine reelle Bewertung des ukrainischen Vorbereitungsstandes“, sagt beispielsweise der Journalist Igor Miroschnitschenko. Doch dass sich an der Situation noch etwas ändert, ist zweifelhaft.

Immerhin schafft es die heimische Nationalelf, die Niederlage etwas zu schönen. Genau genommen stehen den 13 polnischen Quartieren nämlich vier ukrainische Unterkünfte gegenüber – die von Oleg Blochin trainierten Gelb-Blauen ziehen nach dem ersten Gruppenspiel aus Kontscha-Saspa nahe der Hauptstadt Kiew auf die Trainingsbasis in Donezk im Osten des Landes. Das ergibt sich zum einen aus dem Spielplan, weil die Ukraine ihre Vorrundenpartien zwei und drei in Donezk bestreitet. Zum anderen ist das aber auch eine politische Lösung, weil zwischen den beiden Vereinen Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk und vor allem ihren Besitzern eine erbitterte Rivalität herrscht.