04.02.11 | 11:38 | Allgemein | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Die Macht der Schattenmänner

Wie schon einmal geschrieben, finden sich viele der russischen Strukturen und Probleme auch bei einem kleinen slawischen Bruder – der Ukraine, die sich derzeit für das EM-Turnier 2012 rüstet. Über ein typisches Zusammenwirken von politischen, wirtschaftlichen und sportlichen Kräften berichteten der Kollege Thomas Kistner und ich in der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 3. Februar. Hier der Text in einer leicht veränderten, weil aktualisierten Fassung:

Eine Bestechungsaffäre erschütterte 1995 die Champions League: Dynamo Kiew hatte einen spanischen Schiedsrichter mit edlen Pelzmänteln umgarnt. Der Klub wurde für drei Jahre gesperrt, der Drahtzieher, Vorständler Igor Surkis, erhielt lebenslänglich. Aber dann griff die Politik ein, aus Deutschland erschien eine gute Fee: Kanzler Helmut Kohl ließ, nach einem Gespräch mit Ukraines damaligem Staatschef Kutschma, den DFB-Chef Egidius Braun auf der Chefetage der Europäischen Fußballunion intervenieren. Deshalb, erinnert mancher Altfunktionär noch heute zürnend, wurde Kiew schon nach einem Jahr begnadigt.

Politische Einmischung ist, wenn sie von einflussreicher Seite erfolgt, durchaus genehm im Sport. Unstatthaft wird sie nur, wenn Sportfunktionären seitens ihrer Regierungen wegen Korruption oder Misswirtschaft unter Druck geraten. So wurde Ende vergangener Woche dem ukrainischen Verband der Ausschluss aus Uefa und dem Weltverband Fifa angedroht – und dem Land damit der Verlust der Mitausrichter-Rolle für die Europameisterschaft 2012. Dazu kommen wird es aber gewiss nicht.

Igor Surkis ist heute Chef von Dynamo Kiew; warum auch nicht, er hatte damals sowieso nur Sündenbock gespielt für seinen großen Bruder Grigori: Der wahre Dynamo-Boss und allmächtiger Oligarch hatte natürlich nichts mitgekriegt von der Schiedsrichteraffäre. Heute ziert Schattenmann Grigorij Surkis den Uefa-Vorstand. Sein Aufstieg begann 2007, als Michel Platini mit Osteuropas Voten Lennart Johansson vom Thron stieß.

Den nächsten Triumph feierte er nur drei Monate später in Cardiff: Die Uefa-Kollegen übereigneten ihm das EM-Turnier 2012, als Mitveranstalter jubelte Michal Listkiewicz, Fürst des polnischen Verbandes PZPN. Listkiewicz verwaltete einen so korrupten Spielbetrieb, dass ihn Monate vor der EM-Kür sein Sportminister wegen korrupter Verstrickungen samt Vorstand suspendierte. Im Zug der Affäre wanderten 120 Personen in Haft; Klubchefs, Referees, Funktionäre; die Politik wollte den Stall endlich auskehren.

Doch diese Art politischer Eingriffe verbaten sich Uefa und Fifa aufs Schärfste. Sie drohten der PZPN, wie jetzt dem Ukraine-Verband FFU, mit Rauswurf aus der Fußballfamilie, dann wäre auch die EM-Bewerbung geplatzt. Die Regenten in Warschau knickten ein. Politiker wollen wiedergewählt werden, auch von Millionen Fußballfans.

Jene EM-Entscheidung in Cardiff 2007 hatte Kroatiens Verbandschef Markovic damals “schockiert, aber nicht überrascht”. Er verwies auf den Report einer Uefa-Kommission, der die Kandidatur Polen/Ukraine als “inadäquat” eingestuft habe und grübelte: “Ich weiß nicht, was in den letzten 48 Stunden passiert ist.” Kurz darauf begann der zyprische Funktionär Spyros Marangos der Uefa angebliche Zeugenbeweise für den Kauf von vier Funktionärsstimmen bei jener Kür anzubieten.

Rätselhafterweise kam er damit jahrelang nicht durch, und als er im August 2010 endlich einen Termin und sogar Flüge nach Genf gebucht hatte, lud ihn die Uefa-Spitze überfallartig wieder aus. Statt seine Papiere einzusammeln – und ihn so gegebenenfalls auch als Scharlatan zu entlarven –, verklagte ihn die Uefa wenig später. Marangos’ Material schaffte es nie ins Uefa-Hauptquartier, aber auch nicht an die Öffentlichkeit. In Zypern wuchs der Druck, Marangos’ Zeugen sprangen ab, der Zyprer gab kürzlich auf.

Nun drohten Uefa und Fifa der Ukraine mit dem EM-Entzug. Sie wittern politische Einmischung. Tatsächlich ist Kamerad Surkis in Gefahr, zuhause will man ihn von der FFU-Spitze verdrängen. Dort hatte Mitte Januar Verbandsvize Sergej Storoschenko kundgetan, dass 38 von 49 ukrainischen Topfunktionären für einen Sonderverbandstag gestimmt hätten. Nicht alle hätten gegen Surkis votiert, aber alle für eine Diskussion des Themas. Doch nun ist der Aufstand schon abgeblasen: Nach einem Gespräch zwischen Surkis und dem ukrainischen Staatspräsidenten ist – vorerst – alles wieder gut.

Doch das könnte sich bald wieder ändern. Denn hinter der Aufregung um den künftigen EM-Gastgeber Surkis, der als Baumogul dick im EM-Geschäft sein dürfte, steckt ein jahrelanger Konflikt. Bis in die Neunziger herrschte er wie ein Zar über den Fußball, dann drängten andere Oligarchen ins Geschäft und legten sich mit ihm an. Am heftigsten Rinat Achmetow, einer der reichsten Europäer, um dessen Aufstieg in Geschäfts- und Fußballwelt sich üble Geschichten ranken. Seit er 1996 Schachtjor Donezk übernahm, ringt er mit Surkis um die Vorherrschaft.

Achmetow verfügt über die größere Finanzkraft, sein Klub war zuletzt erfolgreicher als Kiew. Zudem gilt Achmetow als Hauptfinanzier der “Partei der Regionen” des seit Februar 2010 amtierenden Staatschefs Viktor Janukowitsch. Da klang es plausibel, als Surkis’ Anhänger über Druck aus der Politik auf Fußballfunktionäre klagen.

Ein Interesse jedoch eint die Kontrahenten: EM-Gastgeber wollen alle bleiben. Sie investieren ja nicht nur in die Klubs, sondern ins Turnier. Ex-Premierministerin Julia Timoschenko, gegen die ein Verfahren wegen “Zweckentfremdung öffentlicher Gelder” läuft, sagte dazu jüngst der Financial Times Deutschland: “Prestigeprojekte wie die Fußball-EM 2012 dienen der Geldwäsche.” Sponsoren und Veranstalter sollten genau schauen, “ob die Ukraine noch das Land ist, an das man das Event 2007 vergeben hat”.

Wie beliebig die Kontinentalverbände mit politischer Einmischung umgehen, zeigt das Beispiel Russland. Dort ordnete Staatschef Dmitrij Medwedjew 2009 an, ein Minister dürfe nicht zugleich als Sportverbandschef arbeiten, und zwang so Sportminister Witalij Mutko zum Rückzug von der Verbandsspitze. Mutko wiederum hatte 2004 den obskuren Wjatscheslaw Koloskow abgelöst – auf Betreiben Wladimir Putins. Damals drohte Koloskows Vize Radionow sogar in der Moscow Times: Der Regierungsdruck auf den Verband könne zum Rauswurf der Nationalelf aus internationalen Fifa-Wettbewerben führen – von wegen. Nichts geschah, mit einem Kaliber wie Putin legen sich Fifa und Uefa nicht an.

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