08.05.12 | 10:30 | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Timoschenko und die anderen Probleme der Ukraine

Mal ein kleiner Sidekick zur Ukraine-Berichterstattung in den vergangenen Tagen: Bei all der berechtigten Kritik und bei all den berechtigten Stücken über den indiskutablen Umgang mit Julia Timoschenko sollte man zwei Dinge nicht vergessen.

Dass nämlich erstens diese Frau keine Heilige ist, sondern eine fleckigere Vergangenheit hat als es in der deutschen Öffentlichkeit gerade scheint (schön differenzierendes Stück beispielsweise  hier). Und dass zweitens der indiskutable Umgang mit Julia Timoschenko nicht das einzige ist, was in der Ukraine gerade zu kritisieren ist. Wir sollten die Themen Korruption, schlechte Infrastruktur, Hooligans etc. nicht völlitg aus den Augen verlieren – umso schöner das Stück des Kollegen Ronny Blaschke im SZ-Panorama heute über die anhaltende Homophobie in der Ukraine und in Polen, siehe hier.

14.04.12 | 12:54 | Allgemein | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Hoteldeals in der Ukraine und Spielerdeals in Russland

Zum Wochenausklang noch zwei Leseempfehlungen:

a) Die Kollegen von Spiegel Online haben sich hier damit beschäftigt, wer von den astronomischen Hotel- und Übernachtungspreise während der Fußball-EM in der Ukraine profitiert. Der vielsagende Titel des Stücks: “Zu Gast bei der Mafia.”

b) Der Kollege Andrej Suchotin von der Nowaja Gazeta hat mal wieder eine umfangreiche Recherche zum Thema Spielervermittler in Russland abgeschlossen. Es geht unter anderem um immense Interessensverquickungen rund um den früheren Spartak-Präsidenten Andrej Tscherwitschenko und vor allem um die Rolle des auch hierzulande bekannten Spielervermittlers Oleg Artjomow, der unter anderem den früheren Stuttgarter Pawel Pogrebnjak betreut – Suchotin nennt konkrete Summen und beschreibt sogar eine Verbindung zum Bruder des früheren Ismaijlowskij-Chefs.  (Hier der vollständige Text.)

 

05.04.12 | 14:55 | Allgemein | 0 Kommentare

Eine seltsame Art, mit Spielmaniplationen umzugehen …

… hat jetzt Russlands Verbandschef Fursenko, Buddy des umstrittenen Ligachefs Prjadkin, ins Spiel gebracht. Einfach weniger bekämpfen, sondern stattdessen Bedigungen schaffen, dass Manipulationen gänzlich uninteressant werden (Quelle: hier). Aha. Und was soll das jetzt konkret bedeuten?

30.03.12 | 15:22 | Allgemein | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Die Probleme im deutschen Vorrunden-Ort Lemberg

Der Kollege Boris Herrmann und ich haben in den vergangenen Wochen einiges über den ukrainischen EM-Austragungsort Lemberg zusammengetragen, wo die deutsche Mannschaft während der EM gegen Portugal und gegen Dänemark spielen wird. Die Recherche-Ergebnisse über Bauverzögerungen, Auftragsstreitigkeiten und das Flohmarkt-Ambiente im Stadioninneren gibt’s hier zu lesen.

23.02.12 | 15:20 | Allgemein | 0 Kommentare

Der verschachtelte ZSKA Moskau

Wer ein Beispiel braucht für die verschachtelten Eigentümerverhältnisse in manchen osteuropäischen Klubs. Das hier habe ich zu ZSKA Moskau versus Real geschrieben:

Der ZSKA Moskau schwelgt gerade in der Historie. Im vergangenen Sommer jährte sich das Gründungsdatum des russischen Fußball-Klubs zum 100. Mal, und seitdem wird gefeiert. Noch jetzt befinden sich auf der Startseite der Vereins-Homepage keinerlei Fotos aus der laufenden Saison, sondern viele historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Aus der Perspektive des neutralen Beobachters waren einige Jahrzehnte der Klub-Geschichte zwar nur bedingt ehrenvoll, weil die Vertreter der russischen Armee über ZSKA befehligten – doch wenigstens waren die Besitzverhältnisse klar. Das ist jetzt nicht mehr so: Hinter dem Klub, der an diesem Dienstag (18 Uhr) im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales auf den Favoriten Real Madrid trifft, steht ein nebulöses Firmengeflecht.

Die russischen Offiziellen machen es sich leicht. Für sie ist ZSKA-Präsident Jewgenij Giner der Besitzer des Klubs. Doch Giner selbst gibt zu, dass die Verhältnisse etwas komplizierter sind. Denn wenn er oder sein Generaldirektor Roman Babajew etwas zum Eigentümer-Thema sagen, sprechen sie stets über „die Aktionäre“. Vor einiger Zeit hatte Giner in einem Interview angekündigt, 2012 die Geheimniskrämerei beenden zu wollen, doch bislang möchte sich der Verein nicht zu konkreten Namen äußern.

Die Verantwortlichen des Uefa-Pokal-Siegers und zehnmaligen nationalen Meisters bestätigen lediglich, dass es an dem mittlerweile zur Aktiengesellschaft gewandelten Klub drei Anteilseigner gibt: 49,21 Prozent gehören dem englischen Unternehmen Bluecastle Enterprises Limited, 25,85 Prozent der russischen Aktiengesellschaft Awo Kapital und die übrigen Anteile aus alter Tradition dem Verteidigungsministerium. Allerdings ist Awo Kapital eine hundertprozentige Tochter von Bluecastle Enterprises Limited, die im Dezember 2000 registriert wurde – und damit bezeichnenderweise nur wenige Wochen, bevor sie Anfang 2001 Anteile an ZSKA übernahm und Giner als Präsidenten installierte.

Hinter der englischen Unternehmensgruppe wiederum standen zumindest eine Zeit lang die niederländische Macasyng Holding und die luxemburgische Firma Era Intermedia. Dort ging einem Eintrag im Amtsblatt des Großherzogtums Luxemburgs zufolge im Januar 2010 der Administratoren-Posten an eine Person, die einen in Fußball-Russland bekannten Nachnamen trägt – Wadim Giner, der Sohn des ZSKA-Präsidenten. Und nur zwei Tage später war im Amtsblatt erneut eine Notiz über ihn zu lesen: Diesmal teilte die Sensei International mit, dass Wadim Giner von nun an ihr Administrator sei. Diese Firma ist laut Nachforschungen der russisches Forbes-Ausgabe aus zwei Gründen interessant: Zum einen fungierte sie als Kreditgeber für den ZSKA-Eigentümer Bluecastle Enterprises, und zum anderen gab es enge geschäftliche Verflechtungen mit Firmen, an deren Ende die niederländische Holding VS Energy International steht. Diese Holding ist sehr stark in Geschäfte in der Ukraine verwickelt und im Besitz eines russischen Parlamentsabgeordneten, zweier Unternehmer sowie – Jewgenij Giner, der in der ukrainischen Stadt Charkow geboren wurde. Ist also diese Vierergruppe gemeint, wenn die ZSKA-Verantwortlichen stets von „den Aktionären“ sprechen?

Noch ein Name fällt immer wieder, wenn es um die wahren Besitzer beim aktuellen Zweiten der russischen Premjer Liga geht: Roman Abramowitsch, Oligarch, Eigentümer des FC Chelsea und ein enger Freund von Giner. Dieser Verdacht kam im Jahr 2004 auf, weil das damals zu Abramowitsch gehörende Mineralölunternehmen Sibneft mit einer auffällig hohen Summe als Sponsor einstieg. Das alarmierte sogar den Europäischen Fußballverband (Uefa), weil Chelsea und ZSKA im Rahmen der Champions-League-Vorrunde aufeinandertrafen. Sie fand aber keine Belege für eine Beteiligung des Milliardärs am Moskauer Klub. Mittlerweile, so sagt Giner, sei Abramowitsch nicht einmal mehr Sponsor des Klubs.

23.02.12 | 12:14 | Allgemein | 0 Kommentare

Klitschko, der Politiker

Sorry, war ein bisschen inaktiv, es gibt zwei, drei Sachen aus den vergangenen Tagen nachzutragen, die ich unverschämterweise mal alle in fertiger Zeitungsartikel-Form hier reinstelle. Vor dem Kampf zwischen Klitschko und Chisora am vergangenen Samstag hatte ich über den politischen Menschen Vitali Klitschko für die SZ folgendes geschrieben:

Vitali Klitschko versus Nikolaj Walujew, das wäre es gewesen. Viele Jahre hatte die Boxwelt auf einen Kampf zwischen dem Ukrainer und dem 2,13 Meter großen Hünen aus Russland gehofft. Doch dazu kommt es nicht mehr: An diesem Freitag bestätigte Walujew seinen Rücktritt, der 38-Jährige macht lieber auf Politiker. Seit den Parlamentswahlen im vergangenem Dezember sitzt er für die Kreml-Partei Edinaja Rossija in der Duma. Viel Inhaltliches ist bislang nicht bekannt, aber Walujew hat schon mitgeteilt, dass wegen seiner Größe die Rückenlehne seines Sitzes verstellt werden musste.

Das sieht bei Vitali Klitschko, der an diesem Samstag in München (22.45 Uhr/RTL) gegen den Briten Dereck Chisora seinen WM-Titel nach WBC-Version verteidigen will, schon deutlich anders aus. Seit der orangenen Revolution 2004 engagiert sich der 40-Jährige in der Ukraine politisch. Er ist bei Kiewer Bürgermeisterwahlen zwei Mal nur knapp gescheitert und hat eine Partei gegründet. Er prangert unablässig die ausufernde Korruption und das autoritäre Regime an und fordert westliche Werte ein: Demokratie, Rechtsstaat, soziale Marktwirtschaft. Es gibt selbst vor wichtigen Kämpfen kaum einen Beitrag, der die Politik ausklammert. Keine Frage: Dr. Eisenfaust hat längst eine zweite Laufbahn begonnen – und konzentriert sich zunehmend darauf. Doch Klitschkos Erfolgsaussichten sind schwer einzuschätzen.

In der Ukraine stehen sich, grob betrachtet, zwei große Blöcke gegenüber: Den einen führt die kürzlich in einem politisch motivierten Prozess zu siebenjähriger Haft verurteilte Julija Timoschenko, dem anderen steht Staatspräsident Viktor Janukowitsch vor. Innerhalb der beiden Lager existieren noch viel mehr Lager, und allen Lagern gemein ist: ihr geringer Rückhalt im Volk. Janukowitsch wird bei öffentlichen Auftritten heftig beleidigt, und Timoschenko gilt nicht nur als eine zu Unrecht verurteilte Gefangene – sondern auch als Frau mit fleckiger Vergangenheit.

In diesen Verhältnissen könnte ein Außenstehender wie Vitali Klitschko eine Chance haben. Er ist ein nationaler Sportheld, das verschafft ihm einen Bonus. In Fernsehdebatten präsentiert er sich intelligent und intellektuell. Von den neutralen Beobachtern zweifelt niemand an seiner persönlichen Integrität. Klitschko hätte auch schon wichtige Ämter übernehmen können, doch er wollte nicht ernannt, sondern vom Volk gewählt werden. Die jetzige Regierung scheint ihn als Gegner ernst zu nehmen – die jüngsten Gerüchte, nach denen er in den Waffen- und Drogenhandel verstrickt sei und an der Parkinson-Krankheit leide, kommen nicht von ungefähr. Im Herbst finden Parlamentswahlen sowie erneut Kiewer Bürgermeisterwahlen statt, bei denen Klitschko beziehungsweise dessen Partei kandidiert; und es steigt die Frequenz, in der Journalisten Klitschko fragen, ob er im Jahr 2015 als Präsidentschaftskandidat antreten möchte.

Dennoch erscheint vielen ein durchschlagender politischer Erfolg derzeit so wahrscheinlich wie eine K.o.-Niederlage gegen Chisora, von dem er nach dem Abschlusswiegen am Freitag gewatscht wurde. Landesweit liegt seine Partei derzeit auf Rang vier. Das hat mit den extrem verkrusteten Verhältnissen in der Ukraine zu tun, aber auch mit Klitschko selbst. So umgab er sich beispielsweise in der Vergangenheit mit Beratern, mit denen er sich heute nicht mehr umgeben würde. Viele zweifeln, ob er über Kiew hinaus Erfolg haben kann. Dazu kommen manche wunderliche Aussagen: Beispielsweise warnt Klitschko, dass es in der Ukraine zu blutigen Aufständen wie in Syrien kommen könnte – das gilt gemeinhin als überzogen. Die ukrainische Jugend wehrt sich inzwischen zwar schneller gegen die Machthaber, aber arabische Zustände zu erwarten, ist wohl übertrieben.

Klitschko ist sehr gut vernetzt mit westlichen Diplomaten und Stiftungen – und hat sich in den vergangenen Jahren sichtlich entwickelt. Nun ist entscheidend, ob er sich eine schlagkräftige Parteibasis schafft. Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen heißt seine Gruppierung, die er im Februar 2010 gründete, abgekürzt Udar. Übersetzt bedeutet das Wort Schlag, die Kraft des Dr. Eisenfaust soll auch in der Politik wirken. Das mag für manche befremdlich klingen, die letzte Partei, die sich bei der Namenswahl in der Sportsprache bediente, war Silvio Berlusconis Forza Italia. Doch den Ukrainern gefällt das.

Udar hat mittlerweile mehr als 10.000 Mitglieder und ist in fast 20 Regionalparlamenten vertreten, doch ein bisschen dürfte sich Klitschko in der politischen Arena so fühlen wie im Boxring. Um ihn herum agieren viele Berater und Strategen, die ihn gut einstellen wollen, doch im Zentrum steht er. Selbst in der URL der Partei-Website und in der offiziellen E-Mail-Adresse taucht der Name Udar nicht auf – dafür der von Klitschko.

Für die Parlamentswahlen hat Udar mit Vertretern von elf anderen Parteien eine gemeinsame Liste aufgestellt, unter anderem dem Block Julija Timoschenko. Fürs Bürgermeisteramt in Kiew kämpft Klitschko alleine. Hier sehen ihn Umfragen besser, und was er im Erfolgsfall machen würde, weiß er schon: Er würde als Boxer zurücktreten. „Man kann nicht gleichzeitig zwei Herren dienen. Und in der Ukraine läuft im Moment so vieles falsch, dass ich meine volle Energie auf das Amt ausrichten müsste.“ Doch es könnte gut sein, dass sich die Boxwelt im Herbst auf einen weiteren Klitschko-Kampf vorbereitet.

10.02.12 | 19:00 | Allgemein | 0 Kommentare

Rassismus, Gewalt, Spielabsprachen: Üble Zustände in Osteuropas Fußball

Die Tage hat die Fifpro, die Interessensvertretung der Fußballer, ein sogenanntes Black Book zum Thema “Fußball in Osteuropa” veröffentlicht. Die gesamte Studie samt den konkreten Umfrage-Ergebnisse gibt es hier zum Download, das Vorab-Stück aus der SZ dazu in den folgenden Zeilen:

Traktiert mit dem Elektroschocker

Danko Lazovic freute sich. Gerade hatte der serbische Offensivspieler mit seinem Klub Zenit St. Petersburg das Spiel der russischen Premjer Liga bei Nischni Nowgorod 2:0 gewonnen, und jetzt wollte er sich für diesen Sieg von den Fans bejubeln lassen. Er zog sich sein Trikot aus und sprang über eine Absperrung, um das Hemd ins Publikum zu werfen – doch statt der Gesänge der Anhänger vernahm er plötzlich einen heftigen Schlag am Körper. Ein Polizist hatte den Fußballer mit einem Elektroschocker traktiert, der Vereinsarzt diagnostizierte anschließend Verbrennungen ersten Grades.

Die Szene ist bei Youtube dokumentiert, doch für Russlands Funktionäre ist der Fall so gut wie nicht existent. „Fußballer sollen Fußball spielen und nicht irgendjemanden provozieren“, hieß es in einer Stellungnahme. Der Liga-Direktor Sergej Tscheban ging laut Ria Nowosti noch weiter und fragte: „Wenn Sie in der Metro über die Absperrung hüpfen, wie wird Ihre Aktion wohl bewertet?“ Und die Polizei ermittelte in dem Vorgang nicht weiter, weil sie keinen Stoß mit dem Elektroschocker erkennen wollte.

Lazovics Geschichte aus dem vergangenen Sommer ist kein Einzelfall. Wer sich in Russlands Fußball umschaut, der findet zahlreiche Beispiele von körperlicher Gewalt, rassistischen Beleidigungen oder Ungereimtheiten rund um Transfers und Vertragsgestaltung. Doch wenn die Vorwürfe publik werden, dann gibt es entweder gar keine oder nur sehr überschaubare Ermittlungen – oder diese landen in der Zuständigkeit einer formalen Ethik-Kommission, deren tatsächliche Wirkungsmacht aber fraglich ist. „Wir fragen uns, was den Fußballern in Russland noch passieren muss, damit die Fußball-Funktionäre beginnen, sie zu respektieren“, sagt Nikolaj Grammatikow, Generalsekretär der russischen Spieler- und Trainergewerkschaft – und gleiches fragen sich seine Kollegen in anderen osteuropäischen Ländern, in denen die Lage ähnlich ist.

Doch weil die Vorgänge dort nur bedingt interessieren, versuchen die Interessensvertreter der Spieler jetzt, die westeuropäische Öffentlichkeit zu sensibilisieren: An diesem Dienstag veröffentlicht auf ihre Initiative hin die internationale Profifußballervertretung Fifpro bei einer Pressekonferenz in Brüssel das „Schwarzbuch des osteuropäischen Fußballs“. Analog zum Schwarzbuch des Kommunismus oder dem Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler haben die Verfasser eine lange Liste von üblen Beispielen zusammengetragen. Tausende Fußballer aus den osteuropäischen Ländern haben mitgewirkt. In Brüssel will die Fifpro die ersten Kopien des Buches an Vertreter der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlamentes und Europol übergeben.

Es geht zum Beispiel um den früheren Madrider Profi Roberto Carlos, der während der Spiele für seinen derzeitigen russischen Klub Anschi Machatschkala wegen seiner dunklen Hautfarbe oft beleidigt wird und deswegen schon einmal wutentbrannt das Spielfeld verließ. Oder um den serbischen Zweitliga-Spieler Vladimir Radivojec, der von nächtlichen 15-Kilometer-Strafläufen und verweigertem Essen im Mannschaftshotel berichtet. Oder um die serbischen Profis Nikola Nikezic und Sreten Sretenovic, die angeben, dass ihr russischer Klub Kuban Krasnodar sie mit Gewalt zur Vertragsauflösung gezwungen hat – und deren Fall der Auslöser für die Erstellung des Schwarzbuches war. Und es geht vor allem darum, dass sich die jeweiligen Verbände nicht um die Sportler kümmern, für deren Wohl sie im Grunde zuständig sind. „Die Spieler werden Opfer von korrupten Kluboffiziellen. Der Fußball ist in der Hand von Leuten, bei denen das persönliche Interesse überwiegt“, sagt Grammatikow.

Natürlich existieren Rassismus und Gewalt gegen Spieler nicht nur in den osteuropäischen Ligen. Doch die Fifpro hat sich aus zwei Gründen entschlossen, sich zunächst einmal auf dieses Gebiet zu konzentrieren. Zum einen „hat es in Russland und in Osteuropa ganz besonders viele Vorfälle und Berichte über Probleme gegeben“, sagt Fifpro-Sprecher Raymond Beaard. Und zum anderen rückt der osteuropäische Fußball demnächst noch einmal besonders in den Blickpunkt: Immerhin finden dort zwei der nächsten großen Fußball-Turniere statt, die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine sowie die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Die Schwarzbuch-Initiatoren hoffen, dass die Verantwortlichen in den Verbänden so unter einen größeren öffentlichen Druck und in die Pflicht zur Aufklärung geraten. Sie wollen mit der Publikation auch die internationalen Verbände stärker in die Verantwortung nehmen. „Die Fifpro legt mit diesem Report den Beweis für viele Probleme in Osteuropa vor. Jetzt müssen andere ihren Teil beisteuern“, sagt Beaard: „Wir hoffen, dass die Uefa und die nationalen Föderationen ihrer Verantwortung gerecht werden, dass die Klubs, die die Rechte der Spieler nicht achten, sanktioniert werden.“

Doch die Fifpro-Vertreter belassen es nicht nur bei der Veröffentlichung des Schwarzbuchs. Vor allem die russische Gewerkschaft der Spieler und Trainer bemüht sich zugleich, manche Fälle vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne zu bringen. Erst kürzlich reichte sie gemeinsam mit dem ukrainischen Fußballer Jewgenij Lewtschenko eine Klage ein (siehe SZ vom 28. Januar). Dabei geht um die mutmaßliche Verstrickung eines hochrangigen Funktionärs in den Wechsel des Ukrainers, die gemäß der internationalen Statuten unzulässig wäre.

30.01.12 | 11:55 | Allgemein | 0 Kommentare

Fall Prjadkin soll vor den CAS

Der “Fall Prjadkin” (einen Überblicksartikel von mir hier und die Seite der Gegner auf Facebook hier) setzt sich fort. Der Fall rund um den mutmaßlichen Interessenskonflikt von einem der einflussreichsten russischen Sportfunktionäre soll vor den Cas. Wie Fans, Spieler und die Gewerkschaft der Trainer und Spieler darum kämpfen, habe ich in einem Stück für die SZ aufgeschrieben.

Zwischen Moskau und Adelaide liegen 13.818 Flugkilometer, und natürlich hat es auch etwas mit dieser Distanz zu tun, dass Jewgenij Lewtschenko gerade so forsch auftritt. Lewtschenko, 34, ist Ukrainer, er hat schon für viele Klubs gespielt, im Moment steht er beim australischen Verein Adelaide United unter Vertrag. Doch mehr noch als die australische interessiert sich gerade die russische Fußball-Öffentlichkeit für ihn: Denn Lewtschenko ist Teil einer Gruppe, die etwas versucht, was im internationalen Fußball-Geschäft eher unüblich ist – via Klage beim Internationalen Sportgerichtshof Cas einen mächtigen Funktionär aus dem Amt zu treiben.

Der mächtige Funktionär, das ist der russische Ligachef Sergej Prjadkin. Seit 2007 hat er dieses Amt inne, seit vergangenem Jahr ist er zudem Mitglied in einer Kommission des Europäischen Fußballverbandes. Doch seit geraumer Zeit steht er in der Kritik: Denn Funktionäre dürfen gemäß den Statuten nicht als Spielerberater arbeiten. Aber Prjadkin ist seit Mitte der neunziger Jahre Mitinhaber der in Berlin ansässigen Firma Girrus, zu deren Aktivitäten ausweislich des Eintrages im Handelsregister auch die „Tätigkeit als Spieleragenten“ zählt (SZ vom 7.9.2011). Bei manchem deutsch-russischen Transfer-Deal der jüngeren Vergangenheit war ein Spielerberater beteiligt, der auf den Listen des Deutschen Fußball-Bundes als Girrus-Mitarbeiter geführt wurde.

Aber der Aufklärungseifer in dieser Affäre ist überschaubar. Prjadkin beteuert ebenso wie sein Co-Geschäftsführer Konstantin Sarsanija, gegen keinerlei Geschäfte verstoßen zu haben. Eine Ethikkommission des russischen Verbandes, den Prjadkins guter Bekannter Sergej Fursenko führt, kam zu dem Schluss, dass es in der Angelegenheit nichts zu beanstanden gebe. Und die internationalen Verbände fühlten sich offenbar nicht recht zuständig für den mutmaßlichen Interessenkonflikt.

Jewgenij Lewtschenko, der früher für ZSKA Moskau und Saturn Ramenskoje gespielt hat, konnte das nicht verstehen. „Die Macht der russischen Fußball-Funktionäre ist doch nur auf Bestechung und Betrügereien aufgebaut“, sagt er. Ihn wurmte die Sache besonders, weil er nach eigener Darstellung selbst einmal Teil eines Deals gewesen sei, in dem die Familie Prjadkin mitmischte – im Jahr 2009, als er vom holländischen Klub FC Groningen nach Ramenskoje wechselte. Also entstand gemeinsam mit der russischen Spieler- und Trainergewerkschaft sowie Vertretern der Nowosibirsker Fan-Vereinigung die Idee, den Fall selbst vor den Cas zu bringen.

Doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht. In einem ersten Versuch reichte nicht Lewtschenko selbst die Klage ein, sondern eine Gruppe der Nowosibirsker Fan-Vereinigung. Das Geld für die Gerichtsgebühren sammelte sie mit einer Kampagne im Netz, sogar den Anteil des sich zierenden russischen Verbandes an dem Verfahren wollte sie notfalls aufbringen – da zogen manche Unterzeichner ihre Unterschrift zurück, angeblich auf Druck des Verbandes. Prjadkins Sprecher will sich zu diesem Vorwurf nicht äußern, jedenfalls war das Verfahren formal beendet.

Doch nun unternimmt die Gruppe einen zweiten Versuch – und reicht gleich zwei Klagen ein. Die eine stammt von der Spieler- und Trainergewerkschaft, die andere von Jewgenij Lewtschenko direkt. „Alle verstehen, dass mein Fall weder der erste noch der letzte ist“, sagt er. „Aber die Fußballer in Russland haben jetzt Angst, ihre Meinung zu sagen. Sie unterstützen uns, aber sie unternehmen keine konkreten Schritte.“ Bis Mitte Februar, so hoffen Lewtschenko und seine Mitstreiter, soll das Verfahren beim Cas starten.

20.01.12 | 11:37 | Allgemein | Fußball-WM 2018 | 0 Kommentare

Sepp Blatter, der Astrologe

Fifa-Chef Sepp Blatter macht und sagt ja allerhand Dinge, die den gemeinen Beobachter, vorsichtig gesagt, verblüffen. Doch wenn es um die Einschätzung der WM 2018 in Russland geht, schlüpft der Schweizer noch einmal in eine besonders verblüffende Rolle: die des Astrologen. “Ich bin kein Prophet, aber ich kenne mich mit Astrologie aus: Die Sterne sind Witalij Mutko [Russlands Sportminister] gewogen”, zitiert Ria Nowosti Blatter. Aha.

12.01.12 | 19:19 | Allgemein | Fußball-EM 2012 | 0 Kommentare

Schönrechnen auf Ukrainisch

Die EM-Gruppenauslosung ist bekanntlich durch, die Mannschaften haben ihre Quartiere gewählt. Was sich vor der Auslosung abzeichnete, hat sich bestätigt: Fast alle Länder zieht es nach Polen, nur die Franzosen und die Schweden in die Ukraine. Für die aktuelle Ausgabe der SZ habe ich dazu folgendes geschrieben:

Markian Lubkiwskij muss sich in diesen Tagen mit ein paar wortreichen Schleifen behelfen. Lubkiwskij ist der Vorsitzende des ukrainischen Organisationskomitees der Fußball-EM 2012 und zu seinen momentanen Jobs gehört es, zu erklären, warum denn neben der eigenen Nationalmannschaft lediglich die Schweden und die Franzosen ihr Quartier in der Ukraine beziehen und alle anderen 13 Teilnehmer beim Mit-Ausrichter Polen.

Zwei Argumente hat er sich mittlerweile zurechtgelegt, sie gehen ungefähr so: Erstens sei dieses ungleiche Verhältnis keine Tragödie, weil doch mit Deutschland, Niederlande, Portugal, Frankreich und England gleich fünf starke Mannschaften ihre Gruppenspiele in den ukrainischen EM-Orten bestreiten. Und zweitens sei das mit dem Quartier generell keine ganz eindeutige Sache, weil wenn – zum Beispiel – die Niederlande in Charkow gegen Deutschland spiele, die Oranjes doch sicher einen Tag vorher aus ihrem Hotel in Krakau anreisen würden, vielleicht noch einen Tag länger bleiben würden, und insofern sei in Charkow dann ja doch so etwas wie ein kleines niederländisches Quartier.

Nun ja, nicht jeder hat so viel Talent zur Schönrechnerei. Viele Ukrainer wurmt diese 3:13-Niederlage gehörig – und dabei insbesondere das Verhalten der Mannschaften, die sich erst nach der Auslosung Anfang Dezember für ihr EM-Quartier entschieden. Deutschland beispielsweise hatte ja schon im vergangenen Jahr das luxuriöse Fünf-Sterne-Hotel Dwor Oliwski unweit der Ostsee-Stadt Danzig gebucht. Doch Dänen und Portugiesen wählten ihre Unterkünfte in den polnischen Städten Kolberg beziehungsweise Opalenica (rund 40 Kilometer westlich von Posen) erst Mitte Dezember, als ihnen die Auslosung längst die ukrainischen Spielorte Lemberg und Charkow zugewiesen hatte. Zudem hatten viele ja damit gerechnet, dass sich manche Mannschaften lieber zu den Spielen einfliegen lassen würden, als vier Wochen lang in der Ukraine zu wohnen. Aber zugleich waren sie davon ausgegangen, dass im Gegenzug die Kroaten und vor allem die Russen sicher kommen würden – doch auch die haben sich nun für polnische Quartiere entschieden, weil sie ihre Gruppenspiele dort bestreiten.

Der Hauptgrund für das mangelnde Interesse an den ukrainischen Unterkünften ist eindeutig: die schlechte Infrastruktur und die schlechten logistischen Möglichkeiten. Der deutsche Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff hatte das schon bei der Wahl des Dwor Oliwski angemerkt. Seit die Stadien Ende des vergangenen Jahres offiziell eingeweiht worden sind, tun die ukrainischen Verantwortlichen zwar so, als seien alle Probleme gelöst. Doch die Kritiker sehen die Quartier-Wahl als neuen Warnschuss, dass noch vieles im Argen liegt. „Dieses Ergebnis ist eine reelle Bewertung des ukrainischen Vorbereitungsstandes“, sagt beispielsweise der Journalist Igor Miroschnitschenko. Doch dass sich an der Situation noch etwas ändert, ist zweifelhaft.

Immerhin schafft es die heimische Nationalelf, die Niederlage etwas zu schönen. Genau genommen stehen den 13 polnischen Quartieren nämlich vier ukrainische Unterkünfte gegenüber – die von Oleg Blochin trainierten Gelb-Blauen ziehen nach dem ersten Gruppenspiel aus Kontscha-Saspa nahe der Hauptstadt Kiew auf die Trainingsbasis in Donezk im Osten des Landes. Das ergibt sich zum einen aus dem Spielplan, weil die Ukraine ihre Vorrundenpartien zwei und drei in Donezk bestreitet. Zum anderen ist das aber auch eine politische Lösung, weil zwischen den beiden Vereinen Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk und vor allem ihren Besitzern eine erbitterte Rivalität herrscht.

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