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	<title>Schaltzentrale</title>
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	<description>Medien und Politik</description>
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		<title>Ach nee, doch nicht</title>
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		<pubDate>Wed, 04 May 2011 19:45:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>

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		<description><![CDATA[Meine Damen und Herren, die Nachrichten: Osama bin Laden lebte in einer Luxusvilla. Osama bin Laden lebte nicht in einer Villa. Osama bin Laden war beim Schusswechsel mit einer AK 47 bewaffnet. Osama bin Laden war beim Schusswechsel nicht bewaffnet. Osama bin Laden missbrauchte wohl eine seiner Ehefrauen als menschliches Schutzschild, sie wurde dabei erschossen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Meine Damen und Herren, die Nachrichten:</p>
<p><a href="http://www.google.de/url?sa=t&amp;source=web&amp;cd=2&amp;ved=0CCoQFjAB&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.welt.de%2Fpolitik%2Fausland%2Farticle13318528%2FOsama-Bin-Ladens-blutiges-Ende-in-einer-Luxusvilla.html&amp;rct=j&amp;q=osama%20luxusvilla&amp;ei=-KTBTaXuMcfDswaggtXCBQ&amp;usg=AFQjCNHZWzlEgxUcDDwctFSg1yjVuUMLVw&amp;cad=rja">Osama bin Laden lebte in einer Luxusvilla.</a></p>
<p><a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760656,00.html">Osama bin Laden lebte nicht in einer Villa.</a></p>
<p><a href="http://www.google.de/url?sa=t&amp;source=news&amp;cd=1&amp;ved=0CCYQqQIwAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.news.at%2Farticles%2F1118%2F13%2F295729%2Fin-reihe-osamas-tod-us-praesident-obama&amp;rct=j&amp;q=osama%20ak-47&amp;tbm=nws&amp;ei=baXBTZ7ACI6Sswb_sajCBQ&amp;usg=AFQjCNHtSYGAQc5g5cOdmLSAdO6nRVYtsQ&amp;cad=rja">Osama bin Laden war beim Schusswechsel mit einer AK 47 bewaffnet.</a></p>
<p><a href="http://www.abendblatt.de/politik/ausland/article1876602/Osama-bin-Laden-war-unbewaffnet-seine-Ehefrau-lebt.html">Osama bin Laden war beim Schusswechsel nicht bewaffnet.</a></p>
<p><a href="http://www.welt.de/politik/article13318854/US-Marine-nennt-Details-zur-Seebestattung-Bin-Ladens.html">Osama bin Laden missbrauchte wohl eine seiner Ehefrauen als menschliches Schutzschild, sie wurde dabei erschossen.</a></p>
<p><a href="http://www.abendblatt.de/politik/ausland/article1876602/Osama-bin-Laden-war-unbewaffnet-seine-Ehefrau-lebt.html">Osama bin Laden missbrauchte eine seiner Ehefrauen nicht als Schutzschild, sie lebt.</a></p>
<p><a href="http://www.tagesschau.de/ausland/binladen118.html">Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner informiert und hat ihn mit eigenen Soldaten unterstützt.</a></p>
<p><a href="http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1148719">Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner nicht informiert und  kritisiert ihn nun.</a></p>
<p><a href="http://www.vol.at/pakistanische-regierung-hat-den-aufenthaltsort-von-osama-bin-laden-vertuscht/news-20110503-07574246">Pakistan hat den Aufenthaltsort von Osama bin Laden vertuscht.</a></p>
<p><a href="http://news.google.com/news/url?sa=t&amp;ct2=de%2F0_0_s_0_0_t&amp;ct3=MAA4AEgAUABgAWoCZGU&amp;usg=AFQjCNEMRZbCBj7sn2DS9EJOkoGdPg_DPg&amp;did=85645c776fd5ed05&amp;cid=8797443425453&amp;ei=TqDBTYDYNoaVsAb9o8T3AQ&amp;rt=SEARCH&amp;vm=STANDARD&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.focus.de%2Fpolitik%2Fausland%2Fosama-bin-laden%2Fbin-laden-haus-pakistan-will-usa-ueber-versteck-informiert-haben_aid_624208.html">Pakistan will die Amerikaner über das Haus in Abbottabad informiert haben.</a></p>
<p><a href="http://news.de.msn.com/politik/bilder.aspx?cp-documentid=157271212">Barack Obama hat den Kampfeinsatz live über</a> <a href="http://www.rtl.de/medien/information/rtlaktuell/15e77-b1ff1-51ca-60/hier-verfolgt-obama-live-die-bin-laden-exekution.html">die Helmkamera eines Soldaten</a> <a href="http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00298/img-20110504003656_298761k.jpg">verfolgt.</a></p>
<p><a href="http://www.welt.de/politik/ausland/article13337372/Obama-sah-nicht-live-wie-der-Terrorchef-starb.html">Barack Obama hat den Kampfeinsatz nicht live gesehen.</a></p>
<p><a href="http://www.swissinfo.ch/ger/news/newsticker/wirtschaft/POLITIK/US-Justizminister:_Toetung_Bin_Ladens_war_rechtens.html?cid=30157312">Die Tötung von bin Laden war rechtens.</a></p>
<p><a href="http://news.google.com/news/url?sa=t&amp;ct2=de%2F0_0_s_9_0_t&amp;ct3=MAA4AEgJUABgAWoCZGU&amp;usg=AFQjCNHp8fg4dQXuUKsnNRDPzlTLvCC8xw&amp;did=e6cd7093f3b8166c&amp;cid=0&amp;ei=OqHBTaDUGIaVsAb9o8T3AQ&amp;rt=SEARCH&amp;vm=STANDARD&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.neues-deutschland.de%2Fartikel%2F196807.gezielte-toetungen-sind-voelkerrechtswidrig.html">Gezielte Tötungen sind völkerrechtswidrig.</a></p>
<p><a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760334,00.html">Eine Demokratie darf töten.</a></p>
<p><a href="http://www.tagesspiegel.de/meinung/geronimo-geronimo-bin-laden/4130054.html">Der Codename der Kommando-Aktion gegen Bin Laden war Geronimo.</a></p>
<p><a href="http://www.google.de/url?sa=t&amp;source=news&amp;cd=2&amp;ved=0CDEQqQIwAQ&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.focus.de%2Fpolitik%2Fausland%2Fosama-bin-laden%2Fcodename-geronimo-indianer-fuehlen-sich-verunglimpft_aid_623874.html&amp;rct=j&amp;q=geronimo&amp;tbm=nws&amp;ei=rqLBTemXEpCLswbytI3DBQ&amp;usg=AFQjCNFZmmf8onvpOoZdKnB5QpaeJA61Jw&amp;cad=rja">Der Codename für Bin Laden war Geronimo. Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner sind daher wütend.</a></p>
<p><a href="http://www.focus.de/politik/ausland/osama-bin-laden/bin-ladens-tod-merkels-freude-erzuernt-christen_aid_623845.html">Angela Merkel freut sich über bin Ladens Tod.</a></p>
<p><a href="http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&amp;atype=ksArtikel&amp;aid=1300342841786">Angela Merkel freut sich nur darüber, dass bin Laden keine Menschen mehr töten kann.</a></p>
<p><a href="http://www.welt.de/politik/ausland/article13337112/Bin-Ladens-Nachbarn-kam-sein-Haus-verdaechtig-vor.html">Bin Ladens Nachbarn kam sein Haus verdächtig vor.</a></p>
<p><a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760656,00.html">Bin Ladens Nachbarn kamen das Haus und seine Bewohner eher nicht verdächtig vor.</a></p>
<p>Klar, da oben habe ich viel zusammen gestellt, was sich eigentlich unterscheidet: In der Liste sind einerseits Richtigstellungen von Nachrichten aufgeführt. Darunter auch solche, die erst durch Richtigstellungen der Quellen (wie zum Beispiel dem Weißen Haus) notwendig wurden. Dann finden sich da noch unterschiedliche Interpretationen und Sichtweisen von Gesagtem oder Erlebtem und auch Statements von Beteiligten und Unbeteiligten. Manche der Sätze sind Zitate.</p>
<p>Klar ist auch: In Kommentaren oder Interviews können jederzeit unterschiedliche Meinungen vertreten werden. Zum Beispiel wird ausgerechnet im <em>Neuen Deutschland</em>, dem Nachfolgeorgan des gleichnamigen SED-Propagandablattes, berichtet, dass gezielte Tötungen völkerrechtswidrig seien, wogegen Herfried Münkler auf <em>Spiegel Online</em> <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760334,00.html">erklärt</a>, dass eine &#8220;Demokratie töten darf&#8221;. Und natürlich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass Osama bin Ladens Haus dem einen Nachbarn verdächtig vor kam, dem anderen aber nicht.</p>
<p>Man könnte jetzt hervorragend darüber fachsimpeln, ob eine Demokratie  völkerrechtswidrig handeln darf oder welchen Blick die unterschiedlichen Nachbarn auf Osama bin Ladens Grundstück hatten – aber darum geht es nicht. Es geht um das Chaos, das wir Journalisten seit Tagen produzieren.</p>
<p>Denn so wichtig Meinunsgpluaralität auch ist: In der Liste stehen eine Menge Fakten, die nur wahr oder unwahr sein können. Entweder es gab eine Helmkamera oder nicht. Entweder die Frau lebt oder nicht. Entweder ein Haus ist eine Luxus-Villa oder nicht.</p>
<p>Wir Journalisten sind dazu da, Fakten zu  recherchieren und sie einzuordnen. Wie kann es sein, dass ein Artikel (im Video) mit einer Bruchbude bebildert ist, aber darüber irgendwas von Luxusvilla  steht? Erwarten Leser nicht gerade im Jahr 2011, dem gefühlt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/2011#Politik_und_Weltgeschehen">anstrengendste Jahr</a> seit, äh, Menschengedenken, Klarheit, Faktensicherheit und Einordnung?</p>
<p>Das Chaos ist bemerkenswert, aber erklärbar.</p>
<p>Falsch- und gezielte Desinformation grundsätzlich seriöser Quellen machen vielen Kollegen die Arbeit derzeit besonders schwer bewältigbar: Solange sich Offizielle der amerikanischen Regierung selbst und gegenseitig widersprechen, bleibt Journalisten kaum anderes übrig, als über die Widersprüche, die dabei entstehen, zu berichten. Zahlreiche Quellen widersprechen sich derzeit auch in simplen Details, und man darf annehmen, dass Geheimdienste und Regierungen in diesem speziellen Fall vieles dafür tun, Wahrheiten und Fakten zu verschleiern.</p>
<p>Und die Leser? Ich kenne kaum welche, die – zumal online –  aufmerksam und medienkritisch genug wären, einer Geschichte, die  mit vielen &#8220;wohl&#8221; und &#8220;möglicherweise&#8221; geschrieben ist, und die möglicherweise (sic!) ein paar Stunden später revidiert wird, einen viel kürzeren Text vorzuziehen, in dem die Redaktion bekennt, zum Faktencheckt für ein längeres Stück noch mindestens ein paar Stunden zu benötigen?</p>
<p>Aber auch der eigenen Zunft muss man  einen Vorwurf machen – obwohl man als Journalist vielleicht um Entschuldigung bitten darf, indem man ehrlich ist: Es ist im täglichen Nachrichtenstress gelegentlich schwer, jenen hehren Anspruch, den man an sich selber als Kontrollinstanz in einer Demokratie jederzeit zu stellen hat, zu verwirklichen. Niemand arbeitet permanent fehlerfrei. Und in manchen Redaktionen ist es längst schwierig geworden, noch Kollegen zu finden, die überhaupt Zeit haben, Aussagen von Dritten zu prüfen. Denn von den Festangestellten unter uns gibt es immer weniger.</p>
<p>Die Liste oben ist deshalb keine Anklage. Sehr wohl aber Selbstkritik.</p>
<h6><em>Disclaimer: Einige der verlinkten Meldungen findet man auf zahlreichen Nachrichtenseiten und in vielen Zeitungen, auch in der </em><em>Süddeutschen und auf</em><em> sueddeutsche.de. Die Auswahl der Nachrichtenseiten geschah willkürlich.</em></h6>
<h6><em>(Editiert am 4. Mai 23:37 Uhr)<br />
</em></h6>
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		<title>Die Pause dauert an</title>
		<link>http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2011/01/22/die-pause-dauert-an/</link>
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		<pubDate>Sat, 22 Jan 2011 19:02:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[In eigener Sache]]></category>

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		<description><![CDATA[Lieber Leser, ich finde das schade: Aber derzeit komme ich (offensichtlich) nicht zum Bloggen. Das kann sich noch eine Weile hinziehen, weil ich mich bei der Süddeutschen Zeitung derzeit um anderes kümmern muss. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis. In der Hoffnung, mich möglichst bald zurückmelden zu können, Johannes Boie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Lieber Leser,</p>
<p>ich finde das schade: Aber derzeit komme ich (offensichtlich) nicht zum Bloggen. Das kann sich noch eine Weile hinziehen, weil ich mich bei der Süddeutschen Zeitung derzeit um anderes kümmern muss. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.</p>
<p>In der Hoffnung, mich möglichst bald zurückmelden zu können,</p>
<p>Johannes Boie</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Unschuld in Gefahr</title>
		<link>http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/12/01/unschuld-in-gefahr/</link>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 09:05:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachricht]]></category>
		<category><![CDATA[SZ-Plus]]></category>

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		<description><![CDATA[Aus der SZ von heute (ergänzt): Zwei Journalisten der DuMont-Redaktionsgemeinschaft erheben schwere Anschuldigungen gegen den Verein Innocence in Danger („Unschuld in Gefahr“). Dem steht Stephanie zu Guttenberg, Ehefrau des Verteidigungsministers, als Präsidentin vor. Matthias Thieme (der mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse für seine Recherchen im Fall instransparenten Geschäftsgebarens bei Unicef ausgezeichnet ist) und Katja [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Aus der SZ von heute (ergänzt):</em></p>
<p>Zwei Journalisten der DuMont-Redaktionsgemeinschaft erheben schwere Anschuldigungen gegen den Verein <a href="http://www.innocenceindanger.de/innocence-in-danger/verein/vorstand-und-team/">Innocence in Danger</a> („Unschuld in Gefahr“). Dem steht Stephanie zu Guttenberg, Ehefrau des Verteidigungsministers, als Präsidentin vor. Matthias Thieme (der mit dem <a href="http://www.bdzv.de/bdzv_intern+M5fddf90e984.html">Wächterpreis der deutschen Tagespresse für seine Recherchen im Fall instransparenten Geschäftsgebarens bei Unicef</a> ausgezeichnet ist) und Katja Tichomirowa haben in <a href="http://www.fr-online.de/politik/meinung/fragen-an-den-hilfsverein/-/1472602/4880220/-/index.html">einem Kommentar</a> und mit mehreren Experten, die sie in zwei Berichten zitierten, dem Kinderhilfsverein vorgeworfen, sein Finanzgebaren nicht angemessen transparent zu gestalten. <a href="http://www.fr-online.de/politik/im-spendensumpf/-/1472596/4873968/-/index.html">Die</a> <a href="http://www.fr-online.de/politik/vorwuerfe-gegen--innocence-in-danger-/-/1472596/4880894/-/index.html">Berichte</a> erschienen vor wenigen Tagen in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (FR).</p>
<p>Auf den <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1127/tagesthema/0014/index.html">ersten Artikel</a> reagierte Innocence in Danger nach Angaben der Vereinssprecherin Simone Stein-Lücke nun mit Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt und „presserechtlichem Vorgehen“ gegen mehrere Redakteure. In den betroffenen Redaktionen war davon zunächst noch nichts bekannt. Man stehe zu den Artikeln der beiden Autoren, erklärte FR-Chefredakteur Joachim Frank.</p>
<p>Konkrete Nachfragen beantwortete die <a href="http://www.bonne-nouvelle.de/">Pressestelle von Innocence in Danger</a> bislang nicht. Stattdessen schickte sie vorformulierte <a href="http://www.innocenceindanger.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Presse_2010/Stellungnahme_Seriosität.pdf">Stellungnahmen, darunter eine von Julia von Weiler</a>, der Geschäftsführerin des Vereins. Zu dessen Einnahmen, die Thieme und Tichomirowa zufolge aus mehreren Hunderttausend Euro von diversen Galas und TV-Auftritten bestehen sollen, schreibt sie kaum etwas. Stattdessen erfährt man, dass Innocence in Danger 2,5 Mitarbeiter habe. Für diese habe der Verein zwei Standorte: in Köln und Berlin. In Berlin sei der Hauptsitz, erklärte die zweite Sprecherin des Vereins, Claudia Behrens. Die festen Mitarbeiter arbeiteten jedoch alle in Köln.</p>
<p>Weiler verwies darauf, dass Innocence in Danger vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt sei. Der ebenfalls von Thieme und Tichomirowa erhobene Vorwurf, der Verein impliziere zu Unrecht, unter dem Dach der Unesco zu arbeiten, ist inzwischen geklärt. Dieter Offenhäußer, Sprecher der deutschen Unesco-Kommission sagte, man fühle sich weder von Innocence in Danger missbraucht, noch arbeite man mit dem Verein besonders eng zusammen.<br />
Innocence in Danger steht in der Kritik, seit Stephanie zu Guttenberg die TV-Reihe Tatort Internet präsentierte.</p>
<p>In der RTL-2-Reihe wurden Männer, die wohl Jugendliche missbrauchen wollten, in Fallen gelockt. Die erste Doppelfolge <a href="http://www.alm.de/34.html?&amp;tx_ttnews[tt_news]=620&amp;cHash=a5df2fad50">verstieß nach Ansicht der Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) gegen den Rundfunkstaatsvertrag</a> und ist auf der <a href="http://www.rtl2.de/66107.html">Webseite von RTL2 nicht länger abrufbar</a>. Einer der gefilmten Männer erwirkte eine einstweilige Verfügung. Tatort Internet und zu Guttenberg erhielten vor allem in der Bild-Zeitung Zuspruch. Spenden-Experte Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen kam im ersten DuMont-Text mit einem kritischen Zitat zu Innocence in Danger zu Wort. Mittlerweile distanziert er sich davon. Bild hatte ihn am Montag zum „Verlierer des Tages“ erklärt. JOHANNES BOIE</p>
<p>© SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 2010</p>
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		<title>Medialer Missbrauch</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Oct 2010 08:40:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Digitalia]]></category>
		<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[SZ-Plus]]></category>

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		<description><![CDATA[Gestern in Berlin: &#8220;Solche Schlagzeilen brauchen wir&#8221;, soll Stephanie zu Guttenberg gesagt haben (FR). Sie meinte wohl eher: &#8220;ich&#8221;. Irgendwann gegen 21.00 Uhr zeigt RTL2 gestern das Bild einer (vermeintlich) 12-Jährigen, die sich langsam, verdeckt durch einen Computerbildschirm, die Bluse aufknüpft. Spätestens als diese pädophile Phantasie zur Hauptsendezeit über den Mattschirm flimmert, um Quote zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-1383" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/10/08E670AF-A159-45ED-B17F-03A2F706B5311.jpg" alt="08E670AF-A159-45ED-B17F-03A2F706B531[1]" width="550" /></p>
<address>Gestern in Berlin: &#8220;Solche Schlagzeilen brauchen wir&#8221;, soll Stephanie zu Guttenberg gesagt haben (<a href="http://www.fr-online.de/kultur/medien/die-ministergattin-hilft/-/1473342/4727078/-/index.html">FR</a>). Sie meinte wohl eher: &#8220;ich&#8221;.<br />
</address>
<p>Irgendwann gegen 21.00 Uhr zeigt RTL2 gestern das Bild einer (vermeintlich) 12-Jährigen, die sich langsam, verdeckt durch einen Computerbildschirm, die Bluse aufknüpft. Spätestens als diese pädophile Phantasie zur Hauptsendezeit über den Mattschirm flimmert, um Quote zu machen, ist die gesamte Bigotterie des neuen Formats &#8220;Tatort Internet&#8221; offenbar geworden.</p>
<p>RTL2 hat eine Sendung entwickelt, die mit Schmuddelbildchen und selbst inszenierter Aktion  Zuschauer lockt. Eigentlich ist also alles wie immer, mit dem Unterschied, dass es dieses Mal nicht um Tatjana Gsell geht, oder um Jürgen Drews, sondern um Kindesmissbrauch, um bedrohte und missbrauchte Kinder, und um Erwachsene, die auf der Schwelle stehen, zum Täter zu werden.</p>
<p>Während RTL2 und die Medienpartner Bild und Stern in der Berichterstattung über die Sendung suggerieren, dass damit ein Tabu gestützt werden soll, nämlich jenes, Kinder als Sexualobjekte zu sehen, werden tatsächlich während der Sendung Tabus gebrochen. Zuallererst jenes, auf Kosten sexuell misbrauchter Kinder Quote zu machen.</p>
<p>Neben diesem verblassen die weiteren Unfassbarkeiten der Sendung, sie sind es aber alle mal wert, genannt zu werden. Publizistikforscher sprechen von &#8220;aktueller Inszenierung&#8221;, wenn Journalisten ein Ereignis selber inszenieren, um dann darüber zu schreiben. Was in der PR gebräuchlich ist &#8212; zum Beispiel wenn Greenpeace protestiert, um dann darüber zu berichten &#8212; ist im Journalismus mindestens verpönt. (<a href="http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/eklat-br-team-sarrazin-lesung-tz-940945.html">Aber auch Sender, von denen man es nicht gedacht hätte, lassen sich zu dieser Technik verführen.</a>) (In besonders harten Fällen haben auch Juristen einen Begriff dafür. Sie nennen es: &#8220;Anstiftung&#8221; (zu einer Straftat.))</p>
<p>Kein einziges der gestern auf RTL2 gezeigten Treffen zwischen einer 18-jährigen Schauspielerin, die sich als 13 ausgab, und einem jener Männer, die der Meinung waren, eine 13-Jährige im Chat kennengelernt zu haben, wäre zustande gekommen, wenn nicht eine Frau namens Beate Krafft-Schöning diese Männer im Netz als vermeintlich 13-jähriges Mädchen angelockt hätte. Dass sich die Männer an andere Mädchen herangemacht hätten, ist sicher nicht unwahrscheinlich. Man weiß es aber nicht genau, weil RTL2 Chatprotokolle fast nie im Zusammenhang veröffentlichte, sondern stets nur die krassesten Passagen der Pädophilen zitierte. Die waren in der Tat und vor dem Hintergrund, dass die Männer glaubten, mit einer 12- oder 13-Jährigen zu sprechen, an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten. Aber was sind sie wert, solange man nicht weiß, was Krafft-Schöning den Männern zurück schrieb?</p>
<p>Das LKA jedenfalls sah in einem Fall keinen Grund, Anzeige gegen einen der in der Sendung vorgeführten Pädophilen zu stellen. Für den ehemaligen Hamburger Senator Udo Nagel, der sich für die Sendung hergab, kein Grund, an der Arbeit der Redaktion zu zweifeln. Sondern härtere Gesetze zu fordern.</p>
<p>(Kurze Unterbrechung: Rufen Sie an! &#8220;N.I.N.A. &#8211; kein Kind kann sich alleine schützen. 14 ct/Min aus dem Festnetz; 42 ct/Min vom Handy. 018&#8212;-&#8221;)</p>
<p>Man wüsste auch gerne, was das für Statistiken waren, die Stephanie zu Guttenberg regelmäßig zitierte, wonach &#8220;immer gewalttätigere Aufnahmen&#8221; auftauchten, die missbrauchten &#8220;Kinder immer jünger&#8221; würden: &#8220;Klein- und Kleinstkinder.&#8221; Vor allem deshalb, weil sie im Kampf gegen Netzsperren bereits zitiert wurden, aber (meines Wissens nach) nie belegt wurden, und sich die Sendung ganz explizit auch gegen das Internet richtet, gleich zu Beginn heißt es zuverlässig dramtisch und unpräzise: &#8220;Die Ermittlungsbehörden warnen vor dem größten Tatort der Welt.&#8221; Die &#8220;Urenkelin von Bismarck und Ministergattin&#8221; (RTL2 Off) erklärt dann noch, dass es seit 1998 einen &#8220;Wachstum von Datenbanken&#8221; gebe. Der Zuschauer schlußfolgert dann natürlich schnell, dass mehr Bilder gleich mehr Missbrauch bedeuteten. Dass seit 1998 die Anzahl von Bildern, die Menschen zeigen, im Netz insgesamt rapide angestiegen ist, liegt aber am Siegeszug des Netzes, der in diesen Jahren stattfand. Und nicht an einer Explosion der Weltbevölkerung.</p>
<p>Dabei wäre es so wichtig, korrekte Zahlen zu nennen, bei den Daten genau zu sein und nicht zu übertreiben, um den wichtigen Kampf gegen Kindesmissbrauch nicht zu diskreditieren, sondern ihn effizient zu gestalten. Aber man war natürlich naiv, dem RTL2-Pressesprecher zu glauben, der gestern am Telefon sagte, es ginge in erster Linie darum, Kindesmissbrauch zu bekämpfen.</p>
<p>In der Sendung trifft Krafft-Schöning, die sich tatsächlich &#8220;Journalistin&#8221; nennt, auf einen Mann, der im Glauben, eine 13-Jährige zu treffen, nach Bayern gereist war. Dort wird er mit einem Kamerateam konfrontiert. Der Mann war mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bereit gewesen, ein Täter zu werden. Er bricht im Kameralicht zusammen, vermutlich nicht nur, weil sein Leben ruiniert ist, sondern (hoffentlich) auch, weil er erkennt, was für ein Monster in ihm wohnt.</p>
<p>&#8220;Warum sprechen Sie nicht mehr mit mir&#8221;, fragt Krafft-Schöning. &#8220;Warum brechen Sie jetzt ein?&#8221; Man wundert sich ein bisschen, dass kein Schaum vor ihrem Mund steht.</p>
<p>Die pädophilen Männer in der Serie waren aller Wahrscheinlichkeit nach  bereit, das Leben eines Kindes zu ruinieren, es psychisch und körperlich  zu versehren, um sich selber sexuell zu befriedigen. Sie verdienen kein Mitleid. Aber ihre Menschenwürde darf nicht angetastet werden. Das steht &#8211; auch wenn es für Beate Krafft-Schöning schwer  verständlich sein mag &#8211; im Grundgesetz.</p>
<p>Am schlimmsten an der Sendung ist vermutlich, dass sie unkreativen Pädophilen mit krimineller Ambition  durchaus Anhaltspunkte gibt, wie Kinder am besten im Chat kennenzulernen  sind. Gleichzeitig verhindert sie eine ernsthafte Diskussion darüber, wie man Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen kann. Ein Anhaltspunkt, dafür, wie groß die Aufgabe wirklich ist, und welche Kinder schnell zum Opfer werden können, war ein Satz der 12-jährigen Mandy: &#8220;Ich habe niemanden, dem ich vertraue.&#8221; Selbstverständlich vertiefte RTL2 diesen Punkt nicht. Man hätte ja keinen der ständig durchs Bild irrenden &#8220;Personenschützer&#8221; dafür gebraucht.</p>
<p>Mandy, ein kindliches Opfer sexuellen Missbrauchs, war auf RTL2 nicht verpixelt. Vermutlich hatte ihre Mutter die Einwilligung für die Kameraufnahmen gegeben. Der mediale Missbrauch nach dem sexuellen Missbrauch.</p>
<p>Die Sendung &#8220;Tatort Internet&#8221; verzerrt, stört, rauscht. In dieser Atmosphäre kann keine Debatte stattfinden, die so dringend notwendig wäre, denn niemand kann ernsthaft bestreiten, dass Grooming, also das Heranmachen an Kinder im Netz in sexueller Absicht ein ernsthaftes Problem ist, das es zu bekämpfen gilt. RTL2 hat sich leider dafür entschieden, eher eine Art Anleitung zu produzieren.</p>
<p>Am Ende verlieren die Kinder. Aber RTL2 macht Quote.</p>
<p>PS: Zu der Tatsache, dass sich Stephanie zu Guttenberg für das Format hergab, ist festzuhalten: Auf Twitter heißt sie spätestens seit gestern Abend <a href="http://twitter.com/#!/search/pornosteffi">#pornosteffi</a>.</p>
<p><em>Mehr dazu morgen auf der Medienseite der SZ und Johannes Kuhn von sueddeutsche.de mit einer <a href="http://sueddeutsche.de/medien/tv-kritik-tatort-internet-frau-zu-guttenbergs-bulldozerfahrt-1.1009511">Nachtkritik</a>.</em></p>
<h6>(Foto: Actionpress)</h6>
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		<title>Willkommen im Jahr 2010, lieber Bundestag</title>
		<link>http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/10/07/willkommen-im-jahr-2010-lieber-bundestag/</link>
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		<pubDate>Thu, 07 Oct 2010 14:50:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fatal viral]]></category>
		<category><![CDATA[Nachricht]]></category>
		<category><![CDATA[SZ-Plus]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 10. Juni hatte der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz eine Rede im Bundestag gehalten, deren Stichpunkte er von einem iPad ablas. Das provozierte einen wohl kalkulierten, mittleren Eklat in der Bundestagsverwaltung, denn damals waren Computer in dem Teil des Gebäudes untersagt. Allerdings haben zahlreiche Abgeordnete schon seit Jahren Smartphones dabei. Schulz aber wollte, dass ein Grundsatzurteil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 10. Juni hatte der FDP-Abgeordnete <a href="http://jimmy-schulz.de/">Jimmy Schulz</a> eine Rede im Bundestag gehalten, deren Stichpunkte er von einem iPad ablas. Das provozierte einen wohl kalkulierten, mittleren Eklat in der Bundestagsverwaltung, denn damals waren Computer in dem Teil des Gebäudes untersagt. Allerdings haben zahlreiche Abgeordnete schon seit Jahren Smartphones dabei. Schulz aber wollte, dass ein Grundsatzurteil ergeht: Computer im Plenum, ja oder nein.</p>
<p>Damals schrieb ich in der SZ:</p>
<p>&#8220;Im Bundestagsplenum sind Computer bislang unerwünscht. Und deshalb ist die Rede jetzt  eine Angelegenheit für den Geschäftsordnungsausschuss des Bundestages  geworden. Die 13 Mitglieder werden sich unter dem Vorsitz von Thomas  Strobl (CDU) damit befassen, welche digitalen Geräte im Plenum und auf  den Tribünen von Presse und Besuchern benutzt werden dürfen – und welche  nicht.&#8221;</p>
<p>Die Entscheidung ist jetzt gefallen.</p>
<p>Jimmy Schulz schreibt eben per E-Mail, dass &#8220;der Ausschuss für Geschäftsordnung, Immunität und Wahlprüfung des Bundestages in der heutigen Sitzung grünes Licht für die iPad-Nutzung im Plenarsaal gegeben hat. Die Abgeordneten können jetzt offiziell ihre Dokumente elektronisch per tablet-Computer abrufen.&#8221;</p>
<p>Update: <a href="http://www.eee-pc.de/2010/10/07/bundestag-tablets-erlaubt/">Notebooks bleiben wohl verboten.</a></p>
<p>Nach dem Klick Schulz, der Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ ist, mit iPad im Youtube-Video. Sein Kommentar damals: &#8220;Nochmal würde ich das nicht machen. Das iPad ist eher eine digitale Aktenmappe, als eine Hilfe bei einer Rede.&#8221;</p>
<p><span id="more-1376"></span><!-- Smart Youtube --><span class="youtube"><object width="425" height="355"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/oInZlOB-h6c&amp;rel=1&amp;color1=d6d6d6&amp;color2=f0f0f0&amp;border=&amp;fs=1&amp;hl=en&amp;autoplay=&amp;showinfo=0&amp;iv_load_policy=3&amp;showsearch=0" /><param name="allowFullScreen" value="true" /><embed wmode="transparent" src="http://www.youtube.com/v/oInZlOB-h6c&amp;rel=1&amp;color1=d6d6d6&amp;color2=f0f0f0&amp;border=&amp;fs=1&amp;hl=en&amp;autoplay=&amp;showinfo=0&amp;iv_load_policy=3&amp;showsearch=0" type="application/x-shockwave-flash" allowfullscreen="true" width="425" height="355" ></embed><param name="wmode" value="transparent" /></object></span></p>
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		<title>In der Halle des Datenkönigs &#8211; zum neuen Film über Facebook und Mark Zuckerberg</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Sep 2010 01:32:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Digitalia]]></category>
		<category><![CDATA[SZ-Plus]]></category>

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		<description><![CDATA[Alles beginnt mit einem Moment der Verzweiflung. Der Student Mark Zuckerberg sitzt da, verlassen von der Frau, die ihm alles bedeutete. Er hackt sich in die Server verschiedener Studentenwohnheime seiner Eliteuniversität, klaut die digitalen Fotos der Studentinnen und entwirft eine Webseite, auf der man die Attraktivität der Mädchen vergleichen und bewerten kann. Datendiebstahl und pubertäre [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Alles beginnt mit einem Moment der Verzweiflung. Der Student Mark Zuckerberg sitzt da, verlassen von der Frau, die ihm alles bedeutete. Er hackt sich in die Server verschiedener Studentenwohnheime seiner Eliteuniversität, klaut die digitalen Fotos der Studentinnen und entwirft eine Webseite, auf der man die Attraktivität der Mädchen vergleichen und bewerten kann. Datendiebstahl und pubertäre Spielchen legten also den Grundstein für die Karriere von Mark Zuckerberg, des jüngsten Milliardärs der Welt, den Hauptanteilseigner des sozialen Netzwerkes Facebook. Das zumindest könnte die deutsche Interpretation des Films „The Social Network“ sein.</p>
<p>Wenn man den Film in den Sony-Studios in Los Angeles anschaut, bekommt man von amerikanischen Journalisten eine andere Interpretation geliefert.</p>
<p><span id="more-1372"></span></p>
<p>„Was für ein Idiot“, sagen sie über Zuckerberg, und es ist unklar, ob sie den echten Zuckerberg meinen oder den aus dem Film. Viele der Journalisten, die zur Pressevorführung eingeladen wurden, haben den Mann schon persönlich getroffen. Der Datendiebstahl, den Zuckerberg in dem Film begeht und der tatsächlich ein erster Schritt zu seinem Erfolg war, interessiert niemanden. Ärgerlich finden viele Amerikaner stattdessen, wie Zuckerberg im Film seine Weggefährten hintergeht. Das amerikanische Publikum ist nicht an einer Parabel über Datenhoheit und Privatsphäre interessiert. Dass der Film diese Ebene trotzdem mitliefert, ist eine seiner wenigen Stärken.</p>
<p>Die europäische, insbesondere die deutsche Debatte um Datensicherheit und Privatsphäre im digitalen Raum findet in den USA bislang kaum statt. Tatsächlich blicken intellektuelle Amerikaner mit Neid auf die differenzierten Sichtweisen in Deutschland. Die Bewunderung geht so weit, dass die Bundesrepublik in diesem Fall den USA als Vorbild dient. Technik, Innovation und Entwicklung sind im Facebook-Fall Produkte aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Zurückweisung, Kritik und Bedenken der deutsche Beitrag dazu.</p>
<p>Auf das Staunen folgte in Amerika allerdings schon bald Unverständnis. Zum Beispiel Ende August, als der Blog Gawker über Jens Best berichtete, der in Deutschland damit droht, alle Häuser, die nicht für Google Streetview fotografiert werden, persönlich abzulichten und ins Netz zu stellen. Damit zieht Best die Widersprüche der Hausbesitzer gegen Google Streetview ins Lächerliche. Und in Amerika wundert man sich: „In Deutschland legen Menschen Widerspruch gegen ihr Haus in Google Streetview ein?“ Dabei sei die Software doch so praktisch.</p>
<p>Der amerikanische Pragmatismus im digitalen Raum – ganz gleich ob es um Streetview, Facebook, oder sonst eine neue Entwicklung bezieht – wird in Deutschland oft als Naivität und Oberflächlichkeit missverstanden. Deshalb dürfte „The Social Network“ für Facebook im deutschen Markt eine größere Gefahr sein als im amerikanischen. Es ist weniger geschäftsschädigend, mit einem unsympathischen und unfreundlichen Nerd als Firmenchef assoziiert zu werden, als mit einem Datendieb ohne Gewissen. Außerdem lässt sich das amerikanische Imageproblem leichter beseitigen als die deutschen Vorwürfe. Zuckerberg kündigte am Freitag in der Fernseh-Talkshow von Oprah Winfrey eine 100 Millionen Dollar-Spende an öffentliche Schulen in Newark, New Jersey an. Dafür werde er einige von seinen persönlichen Facebook-Aktien verkaufen lassen.</p>
<p>Gleichzeitig haben Facebook-Sprecher mehrfach darauf hingewiesen, dass der Film nur ein Zeichen für die Relevanz des Netzwerkes sei, mehr nicht. Zuckerberg selbst sagte in Interviews, der Film sei „nur Fiktion“. Der Produzent des Films Scott Rudin, erzählte in der New York Times , er habe während der Produktion versucht, das Team von Facebook auf dem Laufenden zu halten. Der stellvertretende Kommunikationschef von Facebook Elliot Schrage und Geschäftsführer Sheryl Sandberg hätten den Film gesehen und „nicht gemocht“.</p>
<p>Juristisch gesehen ist der Streifen durch das in den USA ausgeprägte Recht auf freie Meinungsäußerung abgesichert. Zuckerberg, so wie viele weitere in dem Film vorkommende, real existierende Personen, haben ihr Einverständnis nicht gegeben. Drehbuchautor Aaron Sorkin und Regisseur David Fincher verließen sich stattdessen auf das Buch „The Accidental Billionaires“, das wiederum vor allem auf Gesprächen mit dem Mitbegründer von Facebook Eduardo Saverin, basiert. Saverin verklagte Facebook und Zuckerberg, nachdem er nach seinen Angaben von Zuckerberg aus dem Geschäft gedrängt worden sei. Er hält heute fünf Prozent an dem Unternehmen. Das würde derzeit bei einem Börsengang in etwa einer Milliarde Dollar entsprechen. Im Film ist Saverin ein sympathischer, kluger Junge der von einem eiskalten Zuckerberg hintergangen wird.</p>
<p>War es so? Der Film verhandelt im Prinzip noch mal dieselben Vorwürfe, um die sich schon Gerichte kümmerten: Nachprüfbar sind deshalb die juristischen Klagen gegen Facebook und Zuckerberg, und die Vergleiche, in denen sie endeten. Da ist „The Social Network“ präzise. Auch die Handlung stimmt im Großen und Ganzen: Wie Facebook in Harvard von Zuckerberg entwickelt wurde, was voraus ging, was danach kam, all dies stimmt grundsätzlich mit der bekannten Geschichte des Netzwerkes überein. An vielen anderen Punkten ist die Geschichte jedoch so dramatisch erzählt, dass es schwerfällt, nicht an gezielte Verzerrung zu glauben. Da wird ein Ruderwettkampf schon mal mit Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ untermalt und im Stil David Finchers zur Metapher über Verlieren und Siegen ausgewalzt.</p>
<p>Kein Wunder, dass sich all jene, die in dem Film und im realen Leben juristisch gegen Zuckerberg vorgehen (oder vorgegangen sind), positiv über den Streifen geäußert haben, während Facebook offensichtlich keine Lust hat, zum Erfolg des Filmes beizutragen. Die ansonsten alltägliche Anfrage nach einer Werbekampagne auf der Webseite habe Facebook „im Prinzip mit dem Stinkefinger beantwortet“, lässt sich ein anonymer Insider aus der Filmbranche in der New York Times zitieren.Auf lange Sicht wird „The Social Network“ dem Mythos Zuckerberg kaum schaden. Nicht mehr jedenfalls als eine Webseite, auf der man die Attraktivität von Studentinnen vergleichen kann.</p>
<p>© SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 2010 (Aus der Printausgabe vom 29. September 2010)</p>
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		<title>Öffentliche Recherche &#8211; Fazit in Frage- und Antwortform</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Sep 2010 00:30:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hell A]]></category>
		<category><![CDATA[In eigener Sache]]></category>
		<category><![CDATA[Where are you from?]]></category>

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		<description><![CDATA[Warum eine öffentliche Recherche? Meine kommende Recherche zu Gangs in Los Angeles versprach spannend und umfangreich zu werden. Gleichzeitig hatte ich im Vorfeld viel über die Transparenz-Debatten im Journalismus geschrieben und gelesen. Wikileaks, aber auch Blogs von Journalisten und ungezählte Metablogs von Kritikern, verändern den Journalismus nachhaltig. Dieser Veränderung sollten sich &#8212; meiner Meinung nach [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-1335" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/fazit-hd.jpg" alt="fazit-hd" width="550" height="120" /></p>
<p><em>Warum eine öffentliche Recherche?</em></p>
<p>Meine kommende Recherche zu Gangs in Los Angeles versprach spannend und umfangreich zu werden. Gleichzeitig hatte ich im Vorfeld viel über die Transparenz-Debatten im Journalismus geschrieben und gelesen. Wikileaks, aber auch Blogs von Journalisten und ungezählte Metablogs von Kritikern, verändern den Journalismus nachhaltig. Dieser Veränderung sollten sich &#8212; meiner Meinung nach &#8212; Journalisten schon aus eigenem Interesse nicht verweigern, sondern sie als Chance erkennen. Gleichwohl steht das Ende der Entwicklung noch lange nicht fest. Es gilt also, durch Experimentieren die neuen Werkzeuge und Strategien zu testen. Ein Stipendium gab mir in Los Angeles die zeitliche und finanzielle Unabhängigkeit, selber so ein Experiment zu wagen.</p>
<p><em>Was soll das sein, eine „öffentliche Recherche“?</em></p>
<p><em><span id="more-1051"></span></em>Mein Ziel war es, die Leser an alle Orte und zu allen Menschen mitzunehmen, die ich im Rahmen meiner Recherche besuchen würde. In einer Reportage &#8212; dem Endprodukt einer Recherche &#8212; werden Szenen und Gespräche gezielt ausgewählt, weggelassen, nach einem dramturgischen Plan angeordnet. Das macht Spaß und im Endergebnis entsteht dabei (hoffentlich) ein toller Text – aber der Leser erfährt dann nicht, woher welche Information stammt und welche Dinge bewusst weggelassen wurden. Mit der öffentlichen Recherche wollte ich die Arbeit hinter der Reportage dokumentieren.</p>
<p><em>Ist das Experiment gelungen?</em></p>
<p>Sofern ich mir selber ein Urteil erlauben darf, ist es ein klares Jein. Einerseits habe ich wirklich über jeden Ort geschrieben, an dem ich war. Aber auch die kurzen Texte hier im Blog erzählen wieder nur ausgewählte Szenen und Zitate innerhalb einer Begegnung. Eine vollständige Dokumentation wäre mit einer Helmkamera möglich. Meine Unsicherheit darüber, ob ich jetzt eigentlich kleine Minireportagen schreibe oder exakt dokumentiere, was ich gerade recherchiere, spiegelt sich auch in den vielen Stilbrüchen. Mal tauche „ich“ in Texten auf, dann wieder habe ich wie in der Zeitung geschrieben und meine eigene Anwesenheit verschwiegen. (Wenn auch oft schneller und sicher nicht auf druckreifem Niveau.) Eine wirkliche Dokumentation hat also nur hinsichtlich der Orte und der allermeisten Menschen stattgefunden, die ich getroffen habe. Was ich viel zu wenig dokumentiert habe, aber wenigstens versuchte, in <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/08/23/vom-recht-zu-schweigen-gangs-9/">diesen</a> <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/08/19/suchen-warten-fluchen-gangs-7/">beiden</a> Beiträgen aufzufangen: Den alltäglichen Frust bei der Recherche, das Nicht-Weiterkommen, das nicht immer spannende In-Papierbergen-Wühlen. Dieser anstrengende und wenig aufregende Teil der Arbeit ist bei vielen anderen Recherchen noch viel größer, ich fahre schließlich nicht jeden Tag nach Compton und spreche mit Gangstern. Leider.</p>
<p><em>Weitere Probleme?</em></p>
<p>Viele Menschen in der Geschichte benötigen umfassenden Schutz ihrer Privatssphäre. Das trägt auch nicht gerade zur Transparenz bei.</p>
<p><em>Und in Zukunft?</em></p>
<p>Grundsätzlich glaube ich, dass Transparenz als Arbeitsgrundlage im Journalismus noch viel wichtiger werden wird. Das sehe ich auch bei den Kollegen der LA Times. Hier gibt es viel mehr Erklärungen in der Zeitung und auch auf der <a href="http://www.latimes.com/">Webseite</a>: Warum haben wir das gemacht, wie haben wir das gemacht? Regelmäßig erklären Reporter in kurzen Videos, wie sie zum Beispiel einen Skandal aufgedeckt haben und was sie als nächstes planen. Für heikle Geschichten eignet sich eine tabellarische Aufarbeitung sicher besser als kurze Geschichten in einem Blog. Die Erzählform hat sich aber auf Grund des Recherchethemas hier angeboten, denke ich.</p>
<p><em>Wie geht es weiter?</em></p>
<p>Meine tägliche Arbeit bei der Zeitung ist zu umfangreich, um sie nebenbei auch noch in diesem Umfang zu dokumentieren. Aber wenn sich mal wieder eine Gelegenheit ergibt, mache ich das sicher wieder. Gleichzeitig werde ich versuchen, bei meinen eigenen Geschichten vermehrt daran zu denken, Quellen, Hintergrundgespräche und –dokumente (soweit rechtlich möglich) in den Blog zu stellen. Vielleicht finden sich ja auch Nachahmer. Ich würde mich freuen.</p>
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		<item>
		<title>Straight into Compton (Gangs #14)</title>
		<link>http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/09/21/straight-into-compton-gangs-14/</link>
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		<pubDate>Tue, 21 Sep 2010 00:15:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hell A]]></category>
		<category><![CDATA[Where are you from?]]></category>

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		<description><![CDATA[Der schwere V8-Motor blubbert ruhig als wir uns auf den Weg in die Dunkelheit machen. Ein paar Stunden später stehen wir vor dem Haus von Gangmitgliedern. Hier hat vor anderthalb Wochen ein Drive-By-Shooting stattgefunden. Detective Mike K. parkt sein ziviles Polizeiauto mitten auf der Straße, die Lichter gedimmt. Während er und seine Partnerin, Detective Gayle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-1336" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/hd-comptonride.jpg" alt="hd-comptonride" width="550" height="120" /></p>
<p>Der schwere V8-Motor blubbert ruhig als wir uns auf den Weg in die Dunkelheit machen. Ein paar Stunden später stehen wir vor dem Haus von Gangmitgliedern. Hier hat vor anderthalb Wochen ein Drive-By-Shooting stattgefunden. Detective Mike K. parkt sein ziviles Polizeiauto mitten auf der Straße, die Lichter gedimmt. Während er und seine Partnerin, Detective Gayle D. mit Gangmitgliedern, die vor dem Haus sitzen und rauchen, reden, kommt ein Auto angefahren, dessen Fahrer an dem Polizeiauto vorbei möchte. Der Fahrer wird nach ein paar Minuten ungeduldigt, er blendet sein Fernlicht auf und wieder ab.</p>
<p>Detective K. zieht eine seiner beiden Dienstwaffen, schaltet im Ziehen den kleinen, am Lauf der Waffe befestigten Scheinwerfer ein. Er zielt dem Autofahrer ins Gesicht. Der ist von der Lampe geblendet und blickt direkt in den Lauf der Waffe. Er reißt die Hände nach oben. K. schaltet den Scheinwerfer aus, steckt die Waffe ein. Der Fahrer dreht sein Auto langsam um und zuckelt davon. Er wird einen anderen Heimweg wählen müssen. &#8220;Volltrottel&#8221;, murmelt der Polizist. Man kann mit Mike K. eine Menge Spaß haben. Man muss nur auf der richtigen Seite seiner Waffe sein.</p>
<p><span id="more-1325"></span>Freitagabend, 19 Uhr. Ich bin in Compton, wo ich zwei Detectives des Compton Sheriff&#8217;s Departement treffe. Sie werden mich auf ihre nächtliche Streife mitnehmen und mir von ihrer Arbeit erzählen. Gayle D., 44, und ihr Partner Mike K., 42, arbeiten <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/09/13/operation-sichere-strasen-gangs-11/">ebenfalls</a> für die Operation Safe Streets. Sie schätzen die Anzahl aktiver Gangs in Compton auf 65. Die kleinsten haben 15 Mitglieder, die größten bis zu 300. D. und K. kommen von all den Polizisten, mit denen ich bislang in Los Angeles unterwegs war, dem Hollywoodbild vom amerikanischen Cop am nächsten. Sie arbeiten im Zweierteam, sie machen ironische bis zynische Witze in ihrem <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/09/13/operation-sichere-strasen-gangs-11/">Interceptor</a>, auch über sich selber, sie spielen allen ernstes Bad Cop and Good Cop, und sie haben verdammt schnell die Hand an der Waffe. Gleichzeitig sind beide sehr nette, kluge und differenziert denkende Menschen mit vielfältigen Interessen abseits ihrer Arbeit.</p>
<p>Ein Rundgang durch ihr Büro hilft, ihren Job und ihre Einstellung zu verstehen.</p>
<p><img src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/comptonride-deadandwanted.jpg" alt="comptonride-deadandwanted" width="550" height="334" /></p>
<p>Personendaten: Alle an der Stirnwand Aufgelisteten sind in den letzten Monaten ermordet worden. Alle an der rechten Wand sind Mörder. Mehrere Personen hängen an beiden Wänden. Die Personen auf den kleinen DIN A4 Seiten rechts unten, sind verurteilt. Aus der Nähe sieht das so aus:</p>
<p><img src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/comptonride-guilty.jpg" alt="comptonride-guilty" width="550" height="746" /></p>
<p>Nach dem Namen folgt unter dem Foto stets der Gangname, darunter die Gang, in der die Person Mitglied ist. Dann die Straftat, wegen der sie verurteilt wurde, so wie das Urteil. Zum Zeitpunkt der Veruteilung sind die allermeisten zwischen 17 und 25 Jahren alt. Man muss diese Bilder im Kopf behalten, um zu verstehen, warum ein Großteil der Streife von D. und K. darin besteht, Gang Graffitis zu finden.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1334" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/comptonride-taggedhouse.jpg" alt="comptonride-taggedhouse" width="550" height="367" /></p>
<p>Was in Deutschland unangenehme Schmiererei ist, ist in Compton ein Grund, warum jede Woche Menschen sterben. Ganz egal, was mir bei Staatsanwaltschaften und von Polizeichefs erzählt wurde, ganz egal, was die Statistiken sagen: In Compton werden permanent Menschen erschossen, weil sie sich in der falschen Straße aufgehalten haben. Auf dem Boden, an Häusern, an Zäunen &#8212; überall sind Territorien markiert. Wer die Grenzen übertritt und nicht zur Gang gehört, der stirbt.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1333" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/comptonride-night.jpg" alt="comptonride-night" width="550" height="381" /></p>
<p>So wie der junge Mann sterben sollte, der bei dem Drive-By-Shooting vor anderthalb Wochen als Opfer auserwählt war. Er starb aber nicht, er wurde nichtmal getroffen. Stattdesse feuerte er zurück. Er saß vor seinem Haus, genau so, wie er da auch sitzt, als die Detectives vorbeikommen. Seine vollautomatische Waffe muss hinter der Türe liegen. Aber die Beamten dürfen nicht einfach in ein Haus gehen.</p>
<p>Der Täter des Drive-By-Shootings liegt mit einer Kugel im Kopf im Krankenhaus. Er wird überleben. Alle Beteiligten kennen sich persönlich. Die Detectives wissen genau, wer beteiligt war, weil sie wissen, wo geschossen wurde, und auf wen und von wem. Aber niemand redet mit ihnen. Auch nicht der Junge im Krankenhaus. Sie haben keine Zeugen. Die Waffe können sie nicht finden.</p>
<p>D. und K.s Leben und Arbeit ist von Widersprüchen wie diesem gezeichnet. Sie kennen den Täter, aber sie können ihn nicht schnappen. Sie können das Gangleben, diese pubertäre Aneinanderreihung von kindischen Machtspielchen mit Graffitis und Straßen, in die nur Menschen mit bestimmten Klamotten dürfen, persönlich nicht ernstnehmen, aber sie müssen sie ernstnehmen, weil der Konflikt mit vollautomatischen Waffen ausgetragen wird.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1332" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/comptonride-hooker.jpg" alt="comptonride-hooker" width="550" height="367" /></p>
<p>Nacht für Nacht fahren die beiden durch die Straßen von Compton. Für die ganz harten Gangster sind die Cops immer auch eine Zielscheibe. &#8220;Kill the Cops&#8221; ist ein Motto aller Gangs. &#8220;Es wird immer normaler, auf uns zu schießen, sagt Mike K. &#8220;187 Cops&#8221;, steht an vielen Häusern. 187 ist der Strafgesetzbuch-Code für Mord.</p>
<p>Am Long Beach Boulevard stehen Prostituierte. In Kalifornien ist Prostitution verboten. Kleider bis zum Bauchnabel, keine Unterwäsche, High Heels. Die Haare verflizt, tagelang keine Dusche gesehen. &#8220;Prostitution ist ein Geschäft der Gangs&#8221;, sagt Gayle D. &#8220;Aber wir können nicht alle einbuchten.&#8221; Für die Sheriff&#8217;s Detectives sind die Prostituierten Informatiosnträger. Sie wissen oft gut Bescheid, über alles was im kriminellen Breich der Stadt geschieht. In einer Seitenstraße erwischen D. und K. eine junge Frau, die sich mit einem Mann, in Verhandlungen befindet.</p>
<p>Der Mann, der wie Super Mario aussieht, muss sich ein paar wütende Worte anhören, dann aber: &#8220;Fuck off.&#8221; Er darf gehen. Das Mädchen tritt nervös vom einen Bein aufs andere. Der Polizist nimmt ihre Tasche, leert sie auf die Motorhaube des Polizeiautos. Gleitgel, Kondome, ein Smartphone. Keine ID.</p>
<p>&#8220;Wie heißt Du&#8221;, fragt Mike K.</p>
<p>&#8220;Jasmine&#8221;, sagt das Maedchen.</p>
<p>&#8220;Du lügst,&#8221; brüllt der Polizist unvermittelt. &#8220;Und weißt du, woher ich weiß, dass du verdammt nochmal lügst?&#8221; Sie ist nicht sonderlich beeindruckt. Sie hat das wohl schon mehrmals erlebt. &#8220;Weil du lügst wenn du die Lippen bewegst&#8221;, ruft der Polizist.</p>
<p>Das Smartphone der Prostituierten klingelt.</p>
<p>Der Detective nimmt ab.</p>
<p>&#8220;Was ist los&#8221;, sagt er, &#8220;was geht ab?&#8221; Seine Stimme ist hart und laut und herablassend.</p>
<p>Der Anrufer scheint verwirrt.</p>
<p>&#8220;Who the fuck are you?&#8221;, fragt der Polizist, &#8220;Wer ist das Mädchen, wen willst du anrufen? Komm schon, sag&#8217;s mir.&#8221; Pause. &#8220;Oh, du bist ihr Freund, ja? Und, weisst du, womit sie ihr Geld verdient?&#8221;</p>
<p>Das Mädchen guckt ungläubig. Ihre Blicke wandern zur Polizistin, die erneut die Handtasche durchsucht. Gayle D.wirft der Prostituierten einen mitleidigen Blick zu, aber zuckt gleichzeitig die Schultern.</p>
<p>&#8220;Sie geht anschaffen, man&#8221;, sagt der Polizist. &#8220;Das macht sie: An-schaf-fen.&#8221;</p>
<p>Er legt auf. &#8220;Der ruft dich nicht mehr an&#8221;, sagt er zu der jungen Frau. &#8220;Was sind das für Leute, mit denen du rumhängst. Die wissen nichtmal, wie du dein Geld verdienst.&#8221;</p>
<p>Die Prosituierte bekommt Handschellen angelegt und ins Polizeiauto verfrachtet. &#8220;Du gehst in Knast&#8221;, sagt K. &#8220;ich hab fünf Nutten mit durchgeschnittener Kehle gesehen, ich will keine sechste hier draußen.&#8221;</p>
<p>Aber nur Detective Gayle D. steigt ins Auto ein.</p>
<p>Draußen lacht K. und sagt: Wir machen das echt, böser Bulle, guter Bulle. Und weißt du was, es funktioniert.&#8221; Innendrin bricht die Prostituierte zusammen. Und erzählt der Polizistin allerlei. Von ihrem Zuhälter, der mit drei weiteren Gangmitgliedern in einem weißen Infiniti unterwegs sei, von ihrem Leben in Texas und wie schlecht es ihr ginge.</p>
<p>Die Polizisten gleichen die Daten in ihrem Computer ab, lassen das Mädchen dann laufen, ohne Handschellen. Kaum rollt der Wagen weiter, geben sie die Suchanfrage raus: Weisser Infiniti, Gangmitglieder, bewaffnet.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1330" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/comptonride-doors.jpg" alt="comptonride-doors" width="550" height="267" /></p>
<p>Die Nacht ist noch lange. Wir fahren zu dem Haus mit dem Drive-By-Shooting, suchen ein am Schusswechsel beteiligtes Auto und finden es nicht. Die Detectives checken permanent Nummernschilder in ihrem mobilen Computer. Mehrfach werden Autos angehalten, durchsucht.</p>
<p>An jeder Straßenecke ist eine Geschichte zu erzählen, hier starb ein Gangmitglied, hier wurde ein Polizist angeschossen, hier beginnt ein neues Ganggebiet. Leise blubbert der Interceptor durch die Nacht, nur wenn ein Kennzeichen im Computer vermerkt ist, gibt Mike K. Gas. Er holt alle Wagen ein. Wir treffen Blood und Piru Gangmitglieder, Vario Compton Leute, Tragniew Crips und Nutty Blocc-Mitglieder.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1328" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/comptonride-car.jpg" alt="comptonride-car" width="550" height="367" /></p>
<p>In der Grandee Ave steht eine Gruppe junger Gangster an einer Wendeplatte. Sie lehnen an den Häuserwänden, bewegen sich keinen Millimeter. Nur ihre Augen folgen aufmerksam dem Polizeiauto. Die Polizisten lachen über die Attitüde, aber ihre Hände ruhen zum ersten Mal während des Fahrens auf ihren Waffen. Langsam wendet Mike K. den Wagen auf der Wendeplatte. Man wähnt sich in einem Film, und zwar in einem schlechten. Ein Gangster kaut auf einem Zahnstocher. Andere gähnen demonstrativ. Sie tragen große Mützen. Wer einen Sturm wollte, könnte ihn aus dieser Ruhe mit einem einzigen falschen Wort erwecken.</p>
<p>Mike K. entdeckt eine Vodka-Flasche auf dem Boden. Die Nutty-Blocc-Gangster sind am Saufen. &#8220;Bringt den Vodka rein.&#8221;, sagt der Detective aus dem geöffneten Fenster des Autos. (In der Öffentlichkeit zu trinken ist in Kalifornien verboten.) Ein Gangster nickt ganz langsam. Niemand sagt was. &#8220;Verpisst euch einfach&#8221;, sagt der Polizist. &#8220;Belästigt eine andere Stadt.&#8221; Er gibt Gas, fährt davon. Er wartet nicht ab, was mit der Vodkaflasche passiert. Er steigt nicht aus.</p>
<p>Als der Wagen aus der Einbahnstraße rollt, ändert sich die Stimmung im Auto. Aufatmen. K. sagt: &#8220;Normalerweise gehen wir da nicht mit einem Auto rein.&#8221; Seine Partnerin erklärt: &#8220;An der Wendeplatte gibt es mindestens zwei stationäre Maschinengewehre in Garagen. Wenn wir dort aussteigen, dann mindestens zu zehnt.&#8221;</p>
<p>Mit diesem Beitrag endet meine <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/08/11/where-are-you-from-%E2%80%93-recherche-zu-den-gangs-von-los-angeles/">Öffentliche Recherche</a>. Es folgt: ein Fazit. Danke für&#8217;s Lesen.</p>
<p><sup>Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der </sup><a href="http://latimes.com" target="_blank"><img src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/08/latimes.png" alt="latimes" width="117" height="16" /></a><sup>. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/category/where-are-you-from/">hier</a> gefunden werden.</sup></p>
<h6>Fotos: privat</h6>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Marijuana im Haus, Shotgun im Schuppen (Gangs #13)</title>
		<link>http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/09/17/marijuana-im-haus-shotgun-im-schuppen-gangs-13/</link>
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		<pubDate>Fri, 17 Sep 2010 02:37:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hell A]]></category>
		<category><![CDATA[Where are you from?]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Deputies fangen an, sich locker zu machen. Ein paar von ihnen sind im Haus von Beverly E. und ihrem Mann Arnell. Andere stehen auf dem Rasen davor, behalten die Gegend im Auge. Die Waffen stecken in den Holstern. Alles ist ruhig. Im Haus läuft die Durchsuchung. Auf dem Sofa sitzen zwei junge Mädchen, Verwandte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-1255" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/13-hd.jpg" alt="13-hd" width="550" height="120" /></p>
<p>Die Deputies fangen an, sich locker zu machen. Ein paar von ihnen sind im Haus von Beverly E. und ihrem Mann Arnell. Andere stehen auf dem Rasen davor, behalten die Gegend im Auge. Die Waffen stecken in den Holstern. Alles ist ruhig. Im Haus läuft die Durchsuchung. Auf dem Sofa sitzen zwei junge Mädchen, Verwandte der E.s.</p>
<p><span id="more-1219"></span>Es ist früher Morgen und ungewöhnlich kalt in Altadena, ein paar Meilen von Los Angeles Downtown entfernt. Arnell E. ist ein Einbrecher, der auf Bewährung entlassen wurde. Die Sheriff&#8217;s Deputies haben ihn und seine Famlie aus dem Bett geholt, mit Waffen an seine Tür geklopft und überprüfen jetzt, ob Arnell sich an seine Bewährungsauflagen hält. Der Mann trägt nur Shorts und ein Muscleshirt, in dem er geschlafen hat. Auf dem Kopf schützt eine Duschhaube den <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Jheri_curl">Jheri Curl</a>.</p>
<p><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Jheri_curl"></a> <img class="alignnone size-full wp-image-1256" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/13-sheriffs-going-in.jpg" alt="13-sheriffs-going-in" width="550" height="400" /></p>
<p>Der 46-Jährige scheint alles richtig zu machen. Er ist erschrocken über den plötzlichen Besuch &#8212; die Polizisten sehen in voller Montur fast wie Soldaten aus &#8211;, aber er ist kooperativ und auch seine 50-jährige Frau bewahrt die Nerven. Seine Adresse stimmt, er ist zu Hause, alles ist gut. Nur seine Tätowierungen zeugen von jahrelanger Mitgliedschaft in der Gang Pasadena Denver Lanes (PDL).</p>
<p>&#8220;Haben Sie Waffen oder Munition im Haus?&#8217;, fragt der diensthabende Sergeant, in der Hand eine Videokamera.</p>
<p><!--more-->&#8220;Nein&#8221;, sagt Arnell E.</p>
<p>&#8220;Geldbeträge in ungewöhnlicher Höhe?&#8221;</p>
<p>&#8220;Nein.&#8221;</p>
<p>&#8220;Diamanten, Schmuck, Vergleichbares?&#8221;</p>
<p>&#8220;Nein.&#8221;</p>
<p>&#8220;Drogen?&#8221;</p>
<p>&#8220;Nein.&#8221;</p>
<p>&#8220;Sie wissen, dass wir jederzeit das Recht haben Ihr Haus zu betreten und Ihr Eigentum zu durchsuchen, da Sie sich derzeit als verurteilter Einbrecher auf Bewährung befinden?&#8221;</p>
<p>&#8220;Ja.&#8221;</p>
<p>&#8220;Alles klar&#8221;, sagt der Sergeant. &#8220;Sieht gut aus.&#8221;</p>
<p>Da kommt ein Deputy aus dem Schuppen im Garten. In der Hand eine verschlissene Lederhülle. Darin liegt eine abgesägte Shotgun. Die war im Schuppen versteckt. Der Sergeant verzieht das Gesicht. Handschellen für Arnell E.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1257" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/13-shutgun-found.jpg" alt="13-shutgun-found" width="550" height="700" /></p>
<p>Die K9-Beamten öffnen die Türen ihrer schweren Geländewagen. Drogenhund Tommy rennt ins Haus, Bomben- und Waffenhund Reza in den Schuppen. Die Schäferhunde finden sorgfältig eingepackte Munition für die Shotgun und eine kleine Menge Marijuana im Haus.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1258" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/13-shutgun-shells.jpg" alt="13-shutgun-shells" width="550" height="367" /></p>
<p>Alle drei gefundenen Gegenstände sind verboten auf dem Grundstück eines auf Bewährung Entlassenen. Gras und Shotgun sind auch ansonsten verboten, weil man in Kalifornien zwar alle möglichen Waffen kaufen kann und darf, aber nicht wenn man schon mal im Gefängnis saß. Und modifizieren darf man Waffen überhaupt nicht. Die Shotgun aber ist abgesägt. Und Marijuana ist zwar in Kalifornien weit verbreitet, aber ohne Medical Marijuana Card nicht erlaubt. Und wofür ein unbescholtener Bürger eine kleine Strafe zahlen muss, geht Arnell E. ins Gefängnis.</p>
<p>Seine Frau ist verzweifelt und wütend. &#8220;Ich habe einem Nachbarn erlaubt, dort ein paar Sachen zu lagern&#8221;, sagt sie. &#8220;Ich bin extrem wütend. Ich habe neun Enkelkinder. Die spielen da hinten.&#8221;</p>
<p>Arnell E. wird abgef@euhrt, er kommt in einen schwarz-weißen Sheriff-Wagen.</p>
<p>&#8220;Gott ist auf Deiner Seite&#8221;&#8216;, ruft seine Frau hinter ihm her. &#8220;Ich werde den Anwalt anrufen. Und den Pastor.&#8221; Dann fängt sie an, zu weinen.</p>
<p>Die Wagenkolonne der Sheriff&#8217;s Deputies setzt sich in Bewegung.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1254" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/13-under-arrest.jpg" alt="13-under-arrest" width="550" height="350" /></p>
<p><em>Warum heiß</em><em>en die Hundestaffeln K9? Weil das, englisch ausgesprochen, entfernt wie canine klingt. Und canine heiß</em><em>t Hund.</em></p>
<p><sup>Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der </sup><a href="http://latimes.com" target="_blank"><img src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/08/latimes.png" alt="latimes" width="117" height="16" /></a><sup>. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/category/where-are-you-from/">hier</a> gefunden werden.</sup></p>
<h6>Fotos: Al Seib, Los Angeles Times</h6>
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		<title>Vom Sheriff geweckt (Gangs #12)</title>
		<link>http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/09/15/geweckt-vom-sheriff-gangs-12/</link>
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		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 17:57:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Boie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hell A]]></category>
		<category><![CDATA[Where are you from?]]></category>

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		<description><![CDATA[Kurz vor sechs, noch eine Stunde bis Sonnenaufgang. Im Dunkeln glitzern die Sheriffsterne an den Gürteln. Die Beamnten bewegen sich geschmeidig, ziehen im Laufen ihre Waffen. Mountain View Street Altadena. Das Haus ist heruntergekommen, im Hof liegen zerbrochene Möbel, kaputtes Spielzeug, Extremente. Es riecht wie auf eine Müllkippe. In der Ferne krähen Hähne. Die Menschen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/sweep-hd.jpg" alt="" width="550" height="120" /></p>
<p>Kurz vor sechs, noch eine Stunde bis Sonnenaufgang. Im Dunkeln glitzern die Sheriffsterne an den Gürteln. Die Beamnten bewegen sich geschmeidig, ziehen im Laufen ihre Waffen.</p>
<p>Mountain View Street Altadena. Das Haus ist heruntergekommen, im Hof liegen zerbrochene Möbel, kaputtes Spielzeug, Extremente. Es riecht wie auf eine Müllkippe. In der Ferne krähen Hähne. Die Menschen hier sind arm. Bel Air ist nur ein paar Meilen weit weg. Bel Air ist Welten entfernt.</p>
<p>Sergeant Mike Trujillo klopft mit seiner Waffe an eines der beschlagenen Fenster. Sechs Deputies, zwei Hundeführer und zwei Bewährungshelfer stehen hinter ihm. Alle haben ihre Waffen gezogen und entsichert. Drei zielen auf die Fenster des Hauses, drei stehen neben dem Sergeant, bereit, jeden zu erschießen, der bewaffnet herauskommt. Amerikanische Polizisten müssen immer damit rechnen, dass hinter einer verschlossenen Tür eine geladene Waffe wartet. Die übrigen vier Beamten sichern die Nachbargrundstücke und den Weg zur Straße. Von dort dröhnt das sonore Brummen der großen V8-Motoren. Die Sheriffs lassen ihre Automotoren immer laufen. Sonst rührt sich nichts.</p>
<p>Trujillo klopft nochmal. Seine Stimme schneidet durch die Morgenruhe. &#8220;Aufmachen. Los Angeles County Sheriff&#8217;s Departement. Aufmachen, sofort.&#8221; Die Deputies machen sich bereit, die Tür einzutreten.</p>
<p><span id="more-1207"></span>Im letzten Moment öffnet eine verschlafene, dicke Frau. Sie blickt in eine Waffe und ein Blatt Papier, auf dem die Einbrecherin Stephanie P., Mitte 20, erklärt, dass sie auf Bewährung aus der Haft entlassen wird und in dieem Haus unter dieser Adresse jederzeit anzutreffen ist. P. ist ein Homegirl, Mitglied der Straßengang Pasadena Denver Lane, einer Blood-Gang. Diese Hausdurchsuchung ist eine von über 70, die alle zeitgleich statt finden. &#8220;Ziel ist es, die Raubtiere von der Straße zu fegen&#8221;, sagte Captain Steve McLean von der Pasadena Police, <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/09/13/operation-sichere-strasen-gangs-11/">bevor er von seinem blauen mobilen Kommandoposten das &#8220;Go&#8221; für die Aktion &#8220;Operation Safe Streets&#8221; erteilte</a>.</p>
<p>Die Frau sagt, sie kenne Stephanie P. nicht.</p>
<p>Der Sergeant seufzt. Er steckt seine Waffe ein. Er setzt seine Sonnebrille auf. Ein Sergeant hat immer die größte Sonnenbrille in der Einheit und er trägt sie auch im Dunkeln, wenn es sein muss. Trujillo ist seit 21 Jahren Sheriff. Seit fünf Monaten arbeitet er mal wieder bei Safe Street Einsätzen mit. Normalerweise wird er in Compton und Florence Firestone eingesetzt.</p>
<p>Die Deputies gehen in das Haus, ihre Waffen im Anschlag. Aus der Bruchbude, die nicht größer ist als ein Baucontainer, kommen 12 Menschen. Darunter viele Kinder und Jugendliche und ein Baby, das einer Jugendlichen gehören zu scheint. Selbst die Sheriff&#8217;s Deputies, die jeden Tag viel Armut sehen, sind erstaunt. Die Familienverhältnisse der Bewohner sind nicht zu klären. Stephanie P., die Frau auf Bewährung, wird nicht gefunden. Zufälligerweise sind aber zwei andere Bewohner des Hauses ebenfalls auf Bewährung aus dem Gefägnis entlassen.</p>
<p><img style="border: 1px solid black" src="../files/2010/09/sweep-dirty-house.jpg" alt="sweep-dirty-house" width="550" height="464" /></p>
<p>Die Menschengruppe steht in ihrem Hof, barfuss, ihre Decken schleifen durch den Müll und Kot, in dem sie stehen. Es macht ihnen nichts aus. Eine 15-Jährige hüpft nervös von einem Fuß auf den anderen. Sie muss auf die Toilette. Plötzlich kommt ein kleiner schwarzer Welpe aus der Bude gewackelt. &#8220;Was soll der Scheiß&#8221;, sagt sein Gesichtsausdruck. Aber er hört auf, rumzumosern, als die Polizisten zwei deutsche Schäferhunde aus den großen weißen Chevrolet Escalades der K9-Einheit lassen. K9 ist eine Hundeeinheit und sie haben verschiedene Hunde, um Waffen und Drogen zu erschnüffeln. Reza sucht Waffen, Tommy Drogen. Beide finden nichts. Eine Polizisten hält den Welpen auf dem Arm und beruhigt ihn.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1275" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/sweep-dog.jpg" alt="sweep-dog" width="550" height="367" /></p>
<p>Der Sergeant filmt jede angetroffene Person, während der Bewährungshelfer ihn mit seinem silbernen Smith&amp;Wesson-Revolver sichert. Die Hausbewohner bestätigen auf dem Band, dass ihnen nichts geschehen ist. Dann filmt der Sergeant das Haus während und nach der Durchsuchung. Die Polizisten finden weder Waffen noch Drogen, und auch sonst keine Gegenstände, die nicht im Haus sein dürften. Diese Regel orientiert sich am Vebrechen, dass die auf Bewährung Entlassenen begangen haben. Ein (ehemaliger) Einbrecher darf kein Brecheisen besitzen.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1269" style="border: 1px solid black" src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/09/sweep-roundup.jpg" alt="sweep-roundup" width="550" height="367" /></p>
<p>Stephanie P. aber hat sich auf jeden Fall schuldig gemacht, weil sie nicht anzutreffen war und niemand über ihren Verbleib Bescheid wusste. Sie wird auf eine Liste gesetzt und künftig gesucht. Wird sie erwischt, kommt sie wieder ins Gefängnis, länger als es ihre ursprüngliche Strafe vorsieht.</p>
<p>Die Sheriffs gehen zurück in ihre Autos, fahren ein paar Blocks weiter. Eine Frau winkt den Sergeant heran: &#8220;Was ist los?&#8221;, fragt sie und schaut auf die acht Autos mit den blitzenden Blinklichtern. &#8220;Ich mache hier morgens immer Sport. Ist die Gegend unsicher?&#8221; &#8211; &#8220;Alles in Ordnung, Ma&#8217;am&#8221;, sagt Trujillo. Er ruft seine Deputies zusammen. Kurzes Briefing für die nächste Durchsuchung.</p>
<p><sup>Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der </sup><a href="http://latimes.com" target="_blank"><img src="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/files/2010/08/latimes.png" alt="latimes" width="117" height="16" /></a><sup>. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können <a href="http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/category/where-are-you-from/">hier</a> gefunden werden.</sup></p>
<h6>Fotos: Al Seib, Los Angeles Times (Die Bilder eins und drei sind bei einer weiteren  Durchsuchung entstanden.)</h6>
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