18.08.10 | 06:49 | Hell A | Where are you from? | 3 Kommentare

Im Namen des Herren: Hört auf zu schießen (Gangs #6)

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Es ist früher Nachmittag. Ich sitze in Florence-Firestone, einem Nachbarort von Compton, an der Kreuzung E 87th Street und Compton Ave, nur einen Steinwurf von der Hauptstraße Firestone Blvd entfernt. Im Umkreis von zwei Meilen (3,2 Kilometern) wurden seit 2007 153 Menschen ermordet. Darunter war zum Beispiel der sechs Jahre alte
Daevon Bailey, der wohl von seinem Stiefvater ermordet wurde, und der 84-jährige Mann Jorge Montero, der erstochen wurde. Die allermeisten aber sind eher junge Männer, die erschossen wurden, und damit sind sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer von “gangrelated violence”, wie der Einheimische sagt, und der Journalist aus dem Ausland sich gemerkt hat. (Eine Übersicht über alle Morde in diesem Zeitraum an dieser Stelle gibt es hier).

Ich sitze auf den Stufen einer Kirche und warte auf Pastor Chris LeGrande.

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16.08.10 | 20:10 | Hell A | Where are you from? | 3 Kommentare

Zwei Schuhe, ein Toter (Gangs #5)

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Lebensqualität gering, Mordrate hoch: War mal wieder in Compton und angrenzenden Vierteln unterwegs. Los Angeles ist nicht nur höchstwahrscheinlich die Mutterstadt der modernen Straßengang, sondern, diversen Großstadtlegenden zufolge, auch die Stadt in der die Menschen anfingen, ihre Schuhe über Strom- und Kabelleitungen zu werfen. Warum? Es gibt viele Erklärungen: in vielen Städten markieren die Schuhe Gangreviere, Orte, an denen Drogen verkauft werden, oder einfach nur Plätze, an denen Menschen es lustig finden, Schuhe über Stromkabel zu werfen. (zum Beispiel: Buenos Aires, Rostock, New York)

In South Los Angeles, sagt Pastor Chris LeGrande, der es wissen muß, hätten Schuhe über Stromleitungen immer noch die ursprüngliche Bedeutung des Phänomens: Jedes Paar Schuhe soll einem Menschen gehört haben, der erschossen wurde.

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15.08.10 | 23:25 | Hell A | Where are you from? | 3 Kommentare

Gang-Graffiti entschlüsselt (Gangs #4) (Update)

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Zwischenruf aus dem Wochenende. Mein Kollege Sam Quinones, Gang-Reporter bei der LA Times und andauernde Hilfe bei meiner Recherche, hat sich das Bild mit dem Gang Graffiti von meinem ersten Besuch in Compton mal angesehen. Er schreibt:

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14.08.10 | 04:05 | Hell A | Where are you from? | 4 Kommentare

“18″ auf der Stirn. Und noch 18 Jahre im Knast. (Gangs #3)

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Termin bei einem Beamten im United States Attorney’s Office, keine 200 Meter vom LA-Times Gebäude entfernt. Anders als auf Bundesstaat- oder Stadtebene sind in dem Gebäude der Bundesbehörde keine Fotoaufnahmen erlaubt.

Der Beamte hat alle großen Fälle im Kopf, die die Bundesanwaltschaft in den letzten Jahren in Kalifornien gegen Gangs geführt hat. Maßgeblich ist dabei die Racketeering-Gesetzgebung, ins Deutsche übersetzt ungefähr sowas, wie ein Gesetzt gegen kriminelle Vereinigungen. Das wurde in den USA eigentlich zur Bekämpfung der Mafia in Chicago und New York geschaffen, wird aber in Kalifornien auch gegen Gangs eingesetzt. Mitglied einer solchen Vereinigung zu sein, ist strafbar und erhöht gleichzeitig die Strafen, die für sämtliche andere Delikte ausgesprochen wird.

Begeht ein Gangmitglied zum Beispiel einen Raubüberfall, wird es also härter bestraft, als ein Mann, der das identische Verbrechen begeht, aber kein Gangmitglied ist. Das Gesetz sei eine mächtige Waffe des Staates, erklärt der Beamte. In den fünf, sechs großen Fällen, über die er mit mir spricht, sind bis zu 100 Gangmitglieder in den Knast gewandert.

Der Bundesbeamte erklärt mir detailliert die Unterschiede zwischen asiatischen, lateinamerikanischen, schwarzen und weißen Gangs in Los Angeles. Die Unterschiedung wäre in den USA grundsätzlich problematisch, weil hier Einteilungen nach “Race” als rassistisch gelten. Allerdings sind viele Gangs selber sehr rassistisch, so sei zum Beispiel von der Florencia 13, einer Latinogang bekannt, dass sie wahllos auf Schwarze geschossen habe, sagt der Beamte. Darauf angesprochen bestätigte der Gang-Reporter der Times, Sam Quinones, ironisch dass “die Gangs mehr ‘racial profiling’ machten, als die Polizei.” Die Polizei von Los Angeles (LAPD) kämpft seit Jahrzehnten gegen den Ruf, rassistisch zu agieren.

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13.08.10 | 07:03 | Hell A | Where are you from? | 4 Kommentare

In den Straßen der Gangs (Gangs #2)

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“Wenn du deine Geschichte schreibst, dann schreib’, dass Gangs kaum noch gewalttätig sind”, sagt mein Kollege bei der LA Times, Sam Quinones. “Wo in den Achtzigern Drive-By-Shootings waren, steht heute ein Starbucks.”

Quinones sieht die Welt mit den Augen von jemand, der seit Jahrzehnten als Journalist Gangs thematisch begleitet. Ich werde mir Statistiken besorgen, um herauszufinden, wie sehr die Gewalt wirklich nachgelassen hat. Aber zunächst fahre ich ein erstes Mal nach Compton, jenen knapp 100 000 Einwohner großen Ort, der in den Achtzigern und Neunzigern für die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Crips und den Bloods bekannt wurde. Compton liegt circa 20 Kilometer südlich von Los Angeles, aber auf dem Weg dorthin fährt man ausschließlich durch urbanes Gebiet.

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12.08.10 | 00:26 | Hell A | Where are you from? | 4 Kommentare

Wo alles endet (Gangs #1)

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Vierhundert Tote passen in den Kühlraum der Gerichtsmediziner des Los Angeles County, in ein Gerüst gestapelt, je vier Leichen übereinander. Das sind achthundert Füße, die aus Plastiksäcken gucken, an jedem zweiten großen Zeh ein Zettel mit dem Namen des Toten. Einige von ihnen, wie dieses Opfer eines Feuers, tragen denselben Namen: John oder Jane Doe – das amerikanische Pendant zum deutschen Max Mustermann. Eine Tür weiter, ebenfalls auf 4,5 Grad heruntergekühlt, ist ein Raum für Babyleichen. 30 Körper finden dort Platz.

Hier landen sie also, die Opfer der Gangs, zusammen mit allen anderen Ermordeten innerhalb des Los Angeles County. Und hier werden sie auseinander genommen. Und hier wird ihr Tod aufgeschlüsselt, hier werden ihre letzten Momente rekonstruiert. Das ist so interessant, dass man sich das auch gerne anschaut, wenn auch nicht alle Toten die Tätowierungen der Gangs auf dem Körper tragen.

Im oberen Stockwerk werden die Toten in Zahlenreihen und Diagramme verwandelt. Brian J. Waters, ein Humanbiologe und Chemiker, bekommt nur Blutstropfen zu sehen. Er untersucht sie auf jede Art von Droge und Medizin. “Immer seltener kämpfen Gangs aus Spaß am Kämpfen oder zur Verteidigung von Territorien. Immer öfter geht es stattdessen zum Beispiel um Drogenschmuggel”, sag Sam Quinones, Gang-Reporter bei der LA Times. Und Drogen haben die Gangmitglieder auch selber oft genug im Blut.

Der folgende Artikel enthält Bilder von Leichenteilen.

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11.08.10 | 03:15 | Hell A | Where are you from? | 12 Kommentare

“Where are you from?” – Öffentliche Recherche zu den Gangs von Los Angeles

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Alle bisher erschienenen Texte der Serie:

  1. Wo alles endet – Besuch in der Gerichtsmedizin des LA County
  2. In den Straßen der Gangs – Kurzbesuch in Compton
  3. “18″ auf der Stirn. Und noch 18 Jahre im Knast – Gangmitglied vor Gericht
  4. Gang-Graffiti entschlüsselt
  5. Zwei Schuhe, ein Toter
  6. Im Namen des Herren: Hört auf zu schießen – Besuch bei Pastor Chris LeGrande
  7. Suchen, warten, fluchen – Stagnation bei der Recherche
  8. Treffen mit einem Mörder
  9. Vom Recht zu schweigen
  10. Schuss in den Nacken
  11. Operation “Sichere Straßen
  12. Vom Sheriff geweckt – Hausdurchsuchung in Altadena (I)
  13. Marijuana im Haus, Shotgun im Schuppen – Hausdurchsuchung in Altadena (II)
  14. Straight into Compton – auf Streife mit zwei Sheriff’s Detectives
  15. Fazit

“Where are you from?” ist die Frage, die zum Beispiel einem jungen Marine und seiner schwangeren Frau während seines Urlaubes in Southeast Los Angeles gestellt wurde. Der junge Mann antwortete erstmal nichts, aber die Gangmitglieder ließen nicht locker. “Where are you from, where are you from?” Der Soldat sagte schließlich: “Ich bin von den US Marines.” Die Gangmitglieder schossen ihm in den Kopf, seiner schwangeren Frau in den Bauch. Sie überlebte, das ungeborene Kind starb. Jede Antwort wäre hier die falsche gewesen. “Wenn dich jemand fragt ‘where are you from’ und du siehst nicht aus wie der, der dich fragt, und du trägst nicht die Farbe seiner Gang und du kannst nicht mit dem Namen seiner Gang antworten, dann renn’ um dein Leben”, sagt Sam Quinones, Reporter bei der LA Times für Gangthemen. “Oder nein, vergiss es. Die Kugeln sind schneller als du.”

Weitere Erklärungen nach dem Klick:

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