09.03.10 | 10:08 | Nachricht | SZ-Plus | 0 Kommentare

Der Traum von Babylon

Als Autor dieses Blogs glaube ich selbstverständlich nicht daran, dass es jemals zur virtuellen Schaltzentrale ein angemessenes Pendant im realen Leben geben kann. Aber falls man den Titel einem Raum zugestehen möchte, dann wäre es sicher dieser hier:

schaltzentrale

Hier, im Presseraum der Europäischen Kommission in Brüssel, findet jeden Tag um 12 Uhr für die Korrespondenten der europäischen Radiostationen, Fernsehsender, Onlineportale und Zeitungen ein Briefing statt. Weil die EU 23 Amtssprachen hat sitzen erhöht rund um die Korrespondenten, die auf den blauen Stühle Platz nehmen, Übersetzer hinter Glas. Das tägliche Briefing wird lediglich in den Sprachen Englisch und Französisch angeboten. Die Sprecher der Kommission benötigen für diese kleine tägliche Übung nur selten Übersetzung – sie antworten in beiden Sprachen. Kommissionpräsident José Manuel Barroso übrigens auch. Für die Journalisten, die oft genug aus einem Land kommen, in dem keine der beiden Sprachen gesprochen wird, geht es aber nicht immer ohne Übersetzer. Vor allem dann, wenn in größeren Pressekonferenzen wesentlich mehr Sprachen als nur Englisch und Französisch zugelassen sind: Dann hat jeder seinen kleinen Kopfhörer auf, der aus dem Sitz kommt, und hört – egal wer im Raum gerade in welcher Sprache spricht – immer seine Muttersprache. Nur die Stimme kann sich plötzlich ändern: Wenn aufgrund der Sprachvielfalt im Raum mehrere Übersetzer ins Deutsche notwendig sind.

Foto: privat
28.02.10 | 23:47 | Digitalia | Lese-Empfehlung | Reportage | SZ-Plus | 3 Kommentare

Geschäftsmodell Abmahnen

“Mit Abmahnungen lässt sich aber auch ordentlich Gewinn machen. Man muss nur genügend verschicken. Die Digiprotect GmbH hat nach eigenen Angaben im Jahr 2009 zwischen 45.000 und 60.000 Abmahnungen verschicken lassen. Das hat der Gesetzgeber nicht unbedingt so vorgesehen, aber es ist ein funktionierendes Geschäftsmodell.”

Für das Ressort “SZ am Wochenende” habe ich den bekannten Anwalt Udo Kornmeier, seine Mandantschaft, die Digiprotect GmbH, an der wiederum der technische Dienstleister Digiright-Solutions hängt, besucht. Um mal all die Kernfragen der vergangenen Monate zum Thema Abmahnen gebündelt aufzuschreiben.

Der Text steht mittlerweile auch auf sueddeutsche.de

20.02.10 | 14:25 | Digitalia | Reportage | SZ-Plus | 11 Kommentare

Da teilt sich viel und es geht schnell

Besuch bei Rapidshare: Ein Tisch, ein Büro in einer Schweizer Kleinstadt und eine gigantische Internet-Verbindung. (Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung)

Der Niedergang der Unterhaltungsindustrie hat eine Adresse: Gewerbestraße 6 im schweizerischen Örtchen Cham. Neubau im Industriegebiet, fünftes Stockwerk. Einen Namen hat er auch: Rapidshare, eine Firma, die sich in Cham eingemietet hat. Und das weder besonders unauffällig, wie es ihr ihre Feinde gerne unterstellen, noch besonders auffällig, wie es ihr Erfolg ermöglichen könnte. Beeindruckend ist hier nur das Alpen-Panorama.

Rapidshare ist ganz einfach nur da – und genau da liegt das Problem, das viele mit dem Unternehmen haben.

Rapidshare, die kleine Firma im noch kleineren Cham, hat Server, die mit 450 Gigabit pro Sekunde ans Internet angeschlossen sind. Die gesamte Schweiz, das sollte man an dieser Stelle erwähnen, verfügt über Internetanbindungen in der Größenordnung von fünfzig Gigabit pro Sekunde. Rapidshare, die Firma mit dem Pfeil im Logo, betreibt mit “rapidshare.com” eine Internetseite, die auf Platz 27 der am häufigsten besuchten Seiten der Welt liegt. “Rapidshare.com” ist größer als “cnn.com”, als “bbc.co.uk”, “apple.com” und “aol.com”. Und sogar als “pornhub.com”.

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Die Welt bei Cham

Die Nutzer der Seite verwenden die schnelle Anbindung, um auf den Servern von Rapidshare besonders große Dateien zu speichern. Mit einem speziellen Link, den nur erhält, wer die Datei hochgeladen hat, kann jeder, der im Besitz des Links ist, auf die hochgeladenen Daten zugreifen und sie auf einen anderen Rechner laden. Das ist praktisch, wenn eine Datei zu groß ist, um sie per e-Mail zu verschicken. Beispielsweise, wenn man ein selbstgedrehtes Hochzeitsvideo an Freunde und Bekannte weitergeben möchte. Oder wenn man die eigene CD-Sammlung für private Zwecke im Netz sichern möchte. Oder wenn man 500 illegal kopierte Hollywood-Filme kostenlos an den Rest der Welt weiterreichen möchte. Der kleine, aber entscheidende Unterschied: Die ersten beiden Beispiele sind legal – das letztgenannte ist ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht. Gegen geltende Gesetze verstoßen auch Rapidshare-Nutzer, die Download-Links der Öffentlichkeit zugänglich machen. Vielen ist das freilich gleichgültig: Das Netz ist voll von Foren und Blogs, die nichts anderes als Rapidshare-Links veröffentlichen. Was dazu führt, dass eine Google -Suche nach einem aktuellen Film zusammen mit dem Stichwort Rapidshare schnell zu einem Link führt, unter dem der gesuchte Film gratis und in bester Qualität von den Servern der schweizerischen Firma geladen werden kann.

Wie viele der 150 Millionen Dateien auf Rapidshares Servern für illegale Downloads missbraucht werden, weiß keiner. Unbekannt ist auch, wie viele der durchschnittlich 500 000 Dateien, die täglich von Rechnern auf der gesamten Welt neu hochgeladen werden, urheberrechtlich geschützt sind. Nicht mal die fünfzig Mitarbeiter bei Rapidshare wissen Bescheid. Denn zum einen ist die Menge der Dateien zu groß, um sie effizient zu kontrollieren. Zum anderen agieren die Betreiber des Dienstes in einer Grauzone zwischen Urheber-, Medienrecht und Datenschutz. Vielleicht dürfen sie überhaupt nicht in die Dateien schauen, die Privatleute auf ihre Server laden – es gibt nach wie vor kein finales Gerichtsurteil, das Klarheit schaffen würde. Allerdings: zwei bis drei Prozent der täglich neu hochgeladenen Dateien löschen die Techniker. Nämlich dann, wenn sie öffentliche Links auf urheberrechtlich geschütztes Material gefunden haben.
Natürlich gibt es auch Zahlen, die mehr Aufschluss über das Geschäftsmodell von Rapidshare geben können. Zum Beispiel, wie viele Nutzer sich für einen “premium account” entschieden haben und Geld dafür bezahlen, um besonders schnell und ohne Wartezeit Dateien von den Rapidshare-Servern laden zu dürfen. Aufschluss geben könnte auch die Anzahl der rechtlichen Angriffe, derer sich Rapidshare seit der Gründung im Jahr 2006 erwehren musste. Oder der Umsatz der AG. Oder wo die Server stehen, und wer sie betreut. Oder die Anzahl der Neukunden.

Man kann diese Fragen alle stellen, zum Beispiel an den freundlichen Unternehmenschef Bobby Chang und an seine Pressesprecherin Katharina Scheid. Es ist aber so, dass sich Chang und Scheid die Arbeit teilen. Der gebürtige Hamburger erklärt Besuchern gerne die Firma. Und Scheid erklärt Besuchern gerne, was man nicht verraten werde. Dazu gehören die Antworten auf alle eben gestellten Fragen. Und natürlich auch die Frage nach dem Leben und der Rolle von Christian Schmid. Dem Erfinder des Rapidshare-Prinzips, der mit Mitte Zwanzig die deutsche Vorgängerfirma von Rapidshare im Alleingang so groß gemacht hatte, so dass Chang leichtes Spiel gehabt haben muss, als er mit Schmid zusammen den Ein-Mann-Betrieb in eine schweizerische Privat-AG umbaute. Schmid ist für niemanden zu sprechen. Immerhin das lässt sich erfahren: Rapidshare, sagt Chang, habe sich in der Schweiz angesiedelt, weil Schmid zu seiner schweizerischen Freundin ziehen wollte.

T-Shirts mit dem Firmenlogo sind zu begehrten Raritäten geworden. Sie werden nicht verkauft, sondern auf Messen an besonders treue Fans vergeben. Immer dann, wenn die Auseinandersetzung zwischen der klassischer Unterhaltungsindustrie und den digitalen Apologeten ideologisiert wird, ist der Name Rapid-share eine Art Fanal für die Feinde der digitalen Welt. Doch bei Rapidshare verlässt man sich nicht auf den Ruhm des Hasses und die Liebe der Netzgemeinde. Wie schnell dieser Höhenflug vorbei sein kann, weiß Bobby Chang ganz genau. Schließlich profitiert er nicht nur von den drastisch veränderten Bedingungen des Unterhaltungsmarktes, sondern beschwört sie selber hinauf.

Rapidshare kämpft zum Beispiel mit Firmen, die das Geschäftsmodell nachahmen. Aber vor allem kämpfen die Schweizer vor Gerichten und gegen Gerichte, deren Rechtsprechung die Firma bislang nicht ein Mal in letzter Instanz verurteilte, aber auch nie Klarheit schafft, wie weit die Techniker dem Missbrauch des Dienstes vorbeugen müssen – und dürfen. Vor allem aber kämpft Rapidshare gegen die Zukunft.

Denn wenn es erstmal einfacher ist, ein Album sehr günstig zu kaufen, als es illegal herunterzuladen, werden die Nutzerzahlen des Dienstes sinken. Wenn es Film- und Musikindustrie gelingt, ihre Produkte digital intelligent und preiswert zu vertreiben, den Bezahlvorgang zu vereinfachen – dann kann im Netz blitzschnell ein großer Markt entstehen, der die digitale Anarchie der Nullerjahre unter sich begräbt. Und Firmen wie Rapidshare, deren Erfolg auch auf den illegalen Aktivitäten der Nutzer basiert, könnten dann leicht mit in den Abgrund gerissen werden.

Das Gespräch am braunen Holztisch in der Gewerbestrasse Nummer 6 bricht Chang nach einer Stunde ab. Ein Flugzeug wartet in Zürich auf ihn, Chang muss nach Hamburg. Dort trifft er den Erzfeind, Musikmanager von Warner Bros. Um die Wogen zu glätten, ist Mola Adebisi dabei. Der Ex-Moderator arbeitet bei Rapidshare als externer Berater im Unterhaltungsbereich. Denn Warner Bros. hat begriffen, dass die Jugend, die sich auf den Servern von Rapidshare tummelt, identisch ist mit der Kundschaft, die im Laden nicht mehr dreißig Euro für eine DVD bezahlen will. Daher wollen die Film-Manager versuchen, ihre Produkte dort zu verkaufen, wo ihre potentielle Kundschaft ist: auf der Webseite von Rapidshare.

Gleichzeitig wollen die Schweizer damit ein Geschäftsmodell entwickeln, das weniger auf illegaler, denn auf legaler Aktivität der eigenen Kundschaft aufgebaut ist. Denn es wäre ja, genau genommen, Ironie des Schicksals, wenn Rapidshare, das große Symbol der digitalen Welt, in einem zweiten digitalen Wandel, also in der Etablierung legaler Geschäftsmodelle, seine Geschäftsgrundlage verlöre. JOHANNES BOIE

© Süddeutsche Zeitung, 2010

Foto: Bilderberg
18.02.10 | 11:08 | Interview | SZ-Plus | 18 Kommentare

“Das Urteil ist falsch” – Wie ein Oberlandesgericht die Frage nach dem Besitz von digitalen Daten neu definiert

Nicht nur das Speichern, auch das Betrachten von Kinderpornos im Internet ist strafbar. Dies wurde nun vom Hamburger Oberlandesgericht bestätigt. Das Urteil soll nach dem Willen des Gerichtes Vorbildcharakter haben. Das Gericht verhandelte den Fall eines Mannes, der Kinderpornographie angeschaut hat, jedoch nicht dauerhaft auf der Festplatte seines Rechners gespeichert hatte. (Einen guten Bericht hat heise.de) Das wirft Fragen auf, unter anderem die, wo die Grenzen zwischen Streaming und Speichern verläuft und ob Besitz rechtlich gesehen jetzt dasselbe wie Anschauen ist. Von der Debatte betroffen sind neben der verhältnismäßig kleinen Gruppe Kinderpornokonsumenten auch eine Vielzahl an Netznutzern, die Fotos, gestreamte Filme und Videos anschauen, ohne dafür zu bezahlen.

Im Interview dazu der bloggende Rechtsanwalt Udo Vetter.

Warum hat das Amtsgericht Harburg den Konsumenten von Kinderpornographie freigesprochen, das Oberlandesgericht Hamburg jedoch nicht?

Das Strafgesetzbuch (§ 184b) setzt die Schwelle beim Besitz von Kinderpornographie an. Strafbar macht sich nur, wer sich zumindest den Besitz verschaffen will. Besitz bedeutet nach bisheriger beinahe einhelliger Auffassung, dass Bilder oder Filme zumindest auf dem Rechner (zwischen-)gespeichert werden müssen. Reines Anschauen reichte nicht. Das Oberlandesgericht spricht nach Presseberichten davon, es sei eine “erweiterte Auslegung” erforderlich. Damit wird deutlich, dass dem Gericht die Problematik bewusst ist. Nach meiner Meinung ist das Urteil falsch, denn es sprengt den Wortlaut des Gesetzes und überschreitet damit die Grenzen juristischer Auslegung. Das Gericht flüchtet sich in die Analogie. Analogien sind jedoch schlichtweg unzulässig, weil sie das Strafgesetz für den Bürger unberechenbar machen und zu Willkürurteilen führen.

Verschwimmt durch das Urteil die Grenze zwischen Speichern auf der Festplatte und dem Speichern im Cache, also dem bloßen Anschauen?

Ja, wenn auch das bloße Betrachten strafbar ist, gibt es diese Grenze nicht mehr.

Dass der Wortlaut des Gesetzes das Urteil nicht deckt, wird an folgender Überlegung deutlich. Wenn ein Computerbesitzer einem Besucher Kinderpornos auf dem eigenen Rechner zeigt, müsste auch der Besucher durch das Anschauen plötzlich “Besitzer” der Kinderpornographie auf dem fremden Rechner sein? Wie man durch bloßes Anschauen aber etwas besitzen kann, lässt sich nicht begründen.

Das kann übrigens gravierende Folgen haben. Bisher begründete die im Netz bei Kinerpornoangeboten entdeckte IP-Adresse einen Anfangsverdacht gegen den Anschlussinhaber. Verurteilt werden konnte er aber nur, wenn man tatsächlich bei ihm Kinderpornos gefunden hat. Nunmehr besteht die Gefahr, dass Gerichte anfangen, einfach das Anschauen zu unterstellen. Hierdurch könnten viele Unschuldige zu Unrecht verfolgt werden. Denn bekanntlich ist die IP-Adresse ähnlich wie die Haltereigenschaft des Autofahrers. Wenn ich mein Auto an einen Freund verleihe und dieser Freund nutzt das Auto für einen Bankraub, könnte ich mit dieser Logik wegen Bankraubs verurteilt werden, bloß weil mein Auto am Tatort gesehen wurde.  Ob ich die Beute habe, bei mir eine Tatwaffe oder eine Maske gefunden wird, spielte dann keine Rolle mehr.

Wenn ich das richtig verstehe, ist es eine rechtliche Problematik, wie Besitz definiert ist. Wie unterschieden sich Besitz und Konsum von Kinderpornographie im Strafmaß?

Das bloße Anschauen von Kinderpornografie ist bisher straflos. Der Besitz kann mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren geahndet werden. Das Strafmaß ist vor einigen Jahren von einem auf zwie Jahre heraufgesetzt wurden.

Wie unterschiedet sich Besitz von Konsum grundsätzlich im Recht?

Besitz wird definiert als willentliche, tatsächliche Herrschaft über eine Sache. Dateien sind als “sonstige Schriften” Sachen gleichgestellt. Ich kann auch also auch Daten besitzen. Die Grenze war aber bisher, dass diese Daten eben nicht nur angezeigt, sondern auch reproduzierbar gespeichert wurden, also zumindest im Zwischenspeicher des Browsers oder auf der Festplatte.

Das Netz ist voller pornographischer Übersichtsseiten mit einer Vielzahl an Bildern. Sollte sich darunter Kinderpornographie befinden, ohne, dass der Konsument diese gesucht hat: Macht er sich dennoch strafbar?

Strafbar macht sich nur, wer vorsätzlich handelt. Wer also belegen kann, dass er ohne Kenntnis Kinderpornos heruntergeladen oder per E-Mail erhalten hat, bleibt straffrei. Allerdings stehen Gerichte der Behauptung, man habe von nichts gewusst, sehr skeptisch gegenüber. Zu berücksichtigen ist auch, dass die meisten Hausdurchsuchungen stattfinden, weil die eigene IP-Adresse in einem entsprechenden Umfeld aufgefallen wurde. Zu diesem Zeitpunkt liegen noch gar keine Beweismittel zur Frage des Vorsatzes vor. Es steht ja noch nicht mal fest, dass der Anschlussinhaber überhaupt selbt etwas heruntergeladen hat.

Hat das Urteil Auswirkungen auf Bereiche jenseits der Kinderpornographie, etwa auf den Konsum von gestreamten Filmen, zum Beispiel von populären Servern wie megavideo?

Ich bezweifle das schon deswegen, weil die Entscheidung falsch ist. Sie überschreitet die zulässigen Grenzen der Auslegung. Die Richter verbessern damit vermeintliche Fehler der Politiker, das ist aber gerade nicht ihre Aufgabe. Ich gehe fest davon aus, dass andere Gerichte sich dieser Aushöhlung des Gesetzes nicht anschließen. Aber selbst wenn, betrifft das Urteil in erster Linie das Strafrecht. Im Urheberrecht kommt es auf andere Fallgestaltungen an. Dort steht auch nicht so sehr das Wort Besitz im Vordergrund, sondern es geht um Vervielfältigen und Verbreiten. Dass das bloße Anschauen auch Vervielfältigen sein soll, wäre ja noch gewagter also die Aussage des OLG Hamburg zum Besitzbegriff bei der Kinderpornografie.

02.02.10 | 18:19 | Meinung | SZ-Plus | 1 Kommentar

Sie sind das Netz… nicht!

Fernsehen mag ich nicht und seit letzter Nacht weiß ich auch wieder genau, warum. War die letzten Tage viel unterwegs um ein paar Geschichten aus dem Spannungsfeld von Medien, Politik und Internet zu recherchieren. (Mehr dazu in Kürze.) Kaum zurück, habe ich mir die 3Sat-Sendungen von morgen und übermorgen zum selben Themengebiet angeschaut. Und konnte den Fernseher nicht wegklicken, weil Fernsehen leider kein Internet ist und außerdem Medienredakteur Serrao auf meine Kritik zu den Sendungen wartete. Also musste ich durch, durch die abendfüllende 3Sat-Idee:
Da ging es um Blogs und um Twitter, um die Netzbewohner (wer auch immer das sein soll), um angeblich durch Pornografie zerstörte Sexualität Jugendlicher, “Gewaltspiele”, die Erfindung des Internets, soziale Netzwerke, Privatssphären-Probleme, Berliner Aggro-Hip-Hop und den Missbrauch fremder Accounts im Netz. Die beiden Sendungen dauern zusammen insgesamt circa 155 Minuten. Das ist eine ganze Menge und wenn die 3Sat-Autoren nicht in der zweiten Sendung, die am Donnerstag läuft, zu geschätzten 40 Prozent nochmal dasselbe wie in der ersten Sendung, die am Mittwoch läuft, erzählten, hätten sie mit viel Glück vielleicht die Hälfte der besprochenen Themen sauber bearbeiten können. Und, noch besser, vor allem das eine Thema vom anderen trennen können. Und nicht Christoph Schultheis, der längst nicht mehr beim Bildblog ist, als Bildblogger vorstellen müssen. Und nicht jedes Klischee filmen, das das Thema hergibt: Das St. Oberholz am Rosenthaler Platz. Das Betahaus in Kreuzberg (Text von mir dazu) und Madeleine von Mohl. Johnny Haeusler von Spreeblick. Hilfreich wäre es auch gewesen, nicht knapp vier Jahre altes Bildmaterial neu zu vertonen, denn bekanntlich ist es ein Kennzeichen des Netzes, dass es sich andauernd ändert. Ach. “Sie sind das Netz”, war eine von mehreren These des ersten Filmes. Gemeint waren damit ein paar jugendliche Protagonisten. Relativ steile These, finde ich. Eher mau dagegen meine eigene: Die 3Sat-Redaktion ist nicht das Netz. Das alles etwas knapper (Print!) aber kaum weniger launig auf der Medienseite der SZ von morgen.

20.01.10 | 16:48 | SZ-Plus | 3 Kommentare

Kampf der Giganten

Hat Google die Microsoft-Tochter Ciao geschäftlich benachteiligt, weil sie sich beim Bundeskartellamt über den Suchmaschinenkonzern beschwerte? Dieser Frage geht das Kartellamt derzeit nach, und viele Journalisten, darunter wir bei der SZ, untersuchen den Vorwurf ebenfalls. Die Karten sehen schlecht aus für Google. Denn die Bonner Behörde hat bereits gestern ein Bußgeldverfahren gegen Google eingeleitet, und erfahrungsgemäß leiten deutsche Behörden Bußgeldverfahren nicht zum Spaß ein.

In dieser Sache zu recherchieren ist eine bisschen wie im kriminellen Milieu zu wühlen. Dauernd rufen Menschen an, die mit dem Verfahren rein gar nichts zu tun haben, aber unbedingt etwas loswerden müssen, das sie rein zufällig über einen der Beteiligten gehört haben. Aha. Google hat sich Feinde gemacht, insbesondere in Branchen, die sich vom digitalen Wandel an die Wand gedrängt sehen.

Was bislang passiert ist:

Bereits im vergangenen Jahr beschwerte sich Ciao über Google beim Bundeskartellamt. Man werde, seit man von Microsoft übernommen worden sei, von Google nicht mehr anständig behandelt.

Daraufhin soll Google Ciao mit dem Abbruch oder wenigstens der Verschlechterung von Geschäftsbeziehungen gedroht haben.

Immerhin redet Ciao-Chef Stephan Musikant vom

“Abbruch der Vertragsverhandlungen durch Google.”

Sollte Musikant Recht haben, hätte Google gegen das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen verstoßen. Dort steht:

Es ist verboten, einem Anderen wirtschaftlichen Nachteil zuzufügen, weil dieser ein Einschreiten der Kartellbehörde beantragt oder angeregt hat. (§21 Abs. 4)

Google-Sprecher Kay Oberbeck bestreitet die Vorwürfe. Er sagt:

“Wir haben weder die Geschäftsbeziehung noch die Gespräche mit der Microsoft-Tochter Ciao abgebrochen. Wir haben ihr einen neuen Vertrag angeboten, der ihr noch mehr Flexibilität in Bezug auf die Wahl ihres Werbepartners bietet. Wir hoffen, die laufenden Gespräche zu einem guten Ende bringen zu können und dass dieser neuerliche Schritt uns nicht dabei aufhält, die Microsoft-Tochter Ciao auch künftig unterstützen zu können.”

04.01.10 | 18:10 | Reportage | SZ-Plus | 5 Kommentare

Lobby und Paste

Zwischen den Jahren war ich beim Treffen des Chaos Computer Clubs in Berlin. Darüber schrieb ich zum Jahreswechsel einen kurzen Text auf der Seite 1 der Süddeutschen Zeitung. Jetzt folgte die lange Reportage im Feuilleton (Seite 11 von heute). Diese stelle ich hier nochmal zur Diskussion.

***

Wenn man auf einem Kongress dafür zuständig ist, telefonisch die Verpflegung von Referenten mit belegten Brötchen sicherzustellen, kann man das auf zwei Arten erledigen. Entweder man nimmt ein gewöhnliches Handy und fordert in der Küche noch mehr Schrippen an. Oder man verwendet für diese doch recht übersichtliche Aufgabe ein 1600 Euro teures abhörsicheres Mobiltelefon, das sämtliche Gespräche über eine mehrfach verschlüsselte Leitung schickt.

Constanze Kurz hat sich für die zweite Variante entschieden. Kurz ist die Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC), und sie ist überarbeitet: Der Club feiert sein Jahrestreffen im Berliner Kongresszentrum. Sie muss sich um den gesamten Ablauf des vier Tage dauernden Kongresses kümmern und außerdem noch um die 3500 Clubmitglieder, die entweder in den Berliner Ostbau gekommen sind oder von zu Hause aus die vielen Reden und Workshops über einen Videostream im Internet verfolgen. Mit dem Wissen kommt die Angst, sagt Kurz, wenn man es sich erlaubt, einen kleinen Scherz über die verschlüsselten Trivialitäten ihrer Handygespräche zu machen. Dann empfiehlt sie den Besuch einer Präsentation, die den Titel „GSM – SRSLY” trägt, was man aus dem Englisch der Computerfreunde ungefähr mit „GSM – nicht im Ernst?” übersetzen könnte.

Wieder eine Sicherheitslücke

GSM ist das weltweit am häufigsten verwendete Handynetz. Drei Milliarden Menschen, darunter alle Deutschen, telefonieren in 212 Ländern mit dieser Technik. Das im Titel angedeutete Erstaunen ergreift das Publikum zehn Minuten, nachdem die Referenten Karsten Nohl und Chris Paget die Bühne betreten haben. Nicht, weil Paget, ein Engländer, zum roten Schlabber-T-Shirt und den weiten Jeans hochhackige rote Pumps trägt. Sondern weil die beiden in wenigen Minuten eine weitere Sicherheitslücke im Handynetz GSM erläutern. Mit ein paar Handgriffen und ein bisschen Soft- und Hardware aus dem Internet könne jeder mithören, erklären die beiden gelassen. „Denn digitale Geräte werden nur auf ihre Funktion, aber nie auf ihre Fehlfunktionen getestet”, sagt Paget. Genau diese Fehlfunktionen aber können Kriminelle, Geheimdienste, Behörden und versierte Privatpersonen leicht ausnützen. Plötzlich ist klar, was Kurz gemeint hatte, als sie über Angst und Wissen sprach: Wenn man erstmal weiß, wie anfällig die digitale Infrastruktur, die wir jeden Tag nutzen und der wir vertrauen, für Abhör- und Datensammel-Aktivitäten ist, wird man schnell ängstlich.

Die Hacker des Chaos Computer Clubs haben es sich deshalb seit der Club-Gründung 1981 zur Aufgabe gemacht, digitale und elektronische Geräte, Hard- wie Software auf Fehler und Schwachstellen hin zu überprüfen. Sie machen das einerseits, um die Welt zu verbessern. Und andererseits, weil es ihnen Spaß macht.

Auf ihrem Kongress sitzen sie zu Hunderten in abgedunkelten Kellerräumen und starren auf Bildschirme, auf denen kleine Zeichen blinken. Ulf aus Hamburg beschäftigt sich beispielsweise mit dem Network-File-System, Daniel arbeitet am Binding für eine Software-Bibliothek und Enko aus Thüringen programmiert gerade Software zur Datenbankverwaltung im Framework Symfony.

Man muss die Arbeit der Hacker nicht verstehen um zu ahnen, dass sie kompliziert ist. Das gilt auch für ihren Humor. Mit Vorliebe tragen die Computerfreaks auf ihrem Kongress T-Shirts, auf denen Tastenkürzel für Computersoftware stehen – nur für Eingeweihte ist der Witz an Kürzeln wie /dev/null zu erkennen. Beliebt sind auch Sätze wie: „Copyright ist Aberglaube.” Denn sowohl Religion als auch klassische Urheberrechtsgesetze halten viele Mitglieder für Müll, dessen sich die Gesellschaft entledigen sollte.

„Es gibt zwei Kategorien von Mitgliedern”, sagt Kurz. Die einen seien eher Techniker. Die anderen – zu ihnen zählt auch Kurz selber – arbeiteten mittlerweile vor allem auf politischer Ebene. CCC-Mitglieder konferieren längst regelmäßig mit Bundestagsmitgliedern. Politische Stiftungen laden CCC’ler als Referenten ein. Die Clubsprecher und ihre Anwälte werden in Rechtsausschüssen gehört, sind bei wichtigen Gerichtsverfahren, in denen Technik eine Rolle spielt, präsent. Dabei kämpfen die politisch interessierten CCC-Mitglieder engagiert und klug einen Kampf für ihre Werte: Gegen Zensur und für Informationsfreiheit.

Immer stärker müssen sich die CCC’ler spezialisieren. „Früher konnte jeder alles”, sagt Kurz. Heute ist die Technik in vielen Bereichen so komplex geworden, dass nur noch Experten einen Überblick behalten können.

Die gesellschaftliche und politische Nische, in der sich die Hacker breit machen, ist so groß, dass man sie eigentlich gar nicht mehr als Nische bezeichnen kann. Das Netz gewinnt weltweit mit jedem Tag an Relevanz, für jeden einzelnen Bürger, für Regierungen und die Wirtschaft. Und kaum jemand kennt sich mit den grundsätzlichen technischen Voraussetzungen aus – man konsumiert und nutzt. Aber wer kümmert sich um Sicherheit und Privatsphäre, wenn nicht die Mitglieder des CCC? Kein Wunder also, dass der Berliner Kongress nach wenigen Stunden ausverkauft war.

Im Dunstkreis des Illegalen

Ihr Ziel ist dabei eine digitale Welt ohne staatliche oder wirtschaftliche Überwachung. Der Traum wird für immer ein Traum bleiben. Und es sind und waren ausgerechnet Hacker, die die ersten Geheimdienste in Deutschland auf die digitale Welt aufmerksam gemacht haben. Das vielleicht berühmteste Mitglied des Chaos Computer Clubs, der 1989 verstorbene Hacker Karl Koch, hatte ausspionierte Daten an den KGB weitergegeben. Bis heute ist unklar, unter welchen Umständen sein Leben endete – offiziell heißt es, er habe sich selbst verbrannt. „Das war das Ende des Paradieses”, sagt Clubsprecher Andy Müller-Maguhn, für den der Verkauf der Daten an den KGB einem Ausverkauf der Clubehre glich.

Müller-Maguhn gilt im Club als einer der Althacker, also als einer, der schon dabei war, bevor das Netz und die Computer Teil des Alltags wurden. Er war ein guter Bekannter von Boris F., jenem als Tron bekannt gewordenen Hacker, der sich einen Namen mit dem Knacken von Telefonkarten machte und an der Entwicklung eines abhörsicheren Telefons beteiligt war. Im Jahr 1998 fand man ihn erhängt in einem Park in Berlin. Bis heute wird im Club gestritten, ob Tron ermordet wurde oder nicht. Müller-Maguhn glaubt jedenfalls nicht, dass sich der junge Mann selber umbrachte.

Der Sprecher verdient sein Geld bis heute mit verschlüsselten Telefonen. Die Arbeit für und im Club macht er – wie alle – ohne Bezahlung. Das immerhin sechsstellige Budget, das der Club jährlich aus Mitgliedbeiträgen gewinnt, fließt vor allem in technische Ausstattung und Räume. So betreibensie etwa einen Server, mit dessen Hilfe es auch weniger versierten Nutzern gelingt, anonym im Netz zu surfen, finanzieren die Hard- und Software für besonders aufwendige Hacks und unterstützen Mitglieder vor Gericht, wenn der Fall ihnen wichtig erscheint.

So seriös die Arbeit des Clubs heute auch ist – den Dunstkreis des Illegalen haben viele Hacker nie verlassen. Naturgemäß interessieren sich Geheimdienste wie Kriminelle für die kreative Kunst des Hackens. Online-Banking, Armee-Server – digitale Einbrüche können viel Geld wert sein. Es passt ins Klischee des Clubs, dass auf dem Kongress unter der Hand teure Hardware verkauft wurde, mit der RFID-Chips programmiert und ausgelesen werden können. Diese Chips werden von Datenschützern massiv kritisiert, sie sind unter anderem im neuen Personalausweis eingebaut. Die CCC’ler sehen dies als einen weiteren Beweis für den Überwachungswahn der Behörden.

Die Grenze zwischen Paranoia und berechtigter Sorge ist dabei längst nicht immer eindeutig definiert. „Du bist doch von deiner Environment programmiert. Wenn ich dir jetzt was feede, ist der Output vollkommen unklar”, beschwert sich etwa Ralf, ein Netzwerktechniker aus Minden, der seinen Nachnamen selbstverständlich nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch gibt er nur ungern Auskunft darüber, woran er gerade arbeitet. Vielleicht ja an einem jener kleinen Späße, mit denen sich die Hacker auf den Treffen zu necken pflegen: kleine, digitale Attacken auf Kollegen und gute Freunde. Kein Wunder, dass alle Besucher des Treffens im Netz sind, aber kaum jemand den drahtlosen W-Lan-Zugang verwendet – schließlich könnte der Hacker vom Nebentisch dann den Datenverkehr abfangen. Denn eines ist klar: Sicherheit, vollständige Sicherheit gibt es nie. Noch nicht mal für Constanze Kurz beim Brötchenbestellen. JOHANNES BOIE

© Süddeutsche Zeituing, 2010

30.12.09 | 12:57 | Digitalia | SZ-Plus | 8 Kommentare

Auf dem Weg in die Professionalität

Mein Rückblick auf zehn Jahre Internet anlässlich des Jahreswechsels 2009/10 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Stimmen Sie mir zu – wie sehen Sie diese Entwicklung?

Im Anfang war das Netz wüst und leer. Dann wurde es vollgestopft mit irrsinnigen Datenmengen. Aber wüst blieb es immer noch. Jeder konnte, jeder durfte seinen Müll im digitalen Raum ablagern. Das war in den neunziger Jahren: knallbunte Webseiten unbekannter Amateure, Server voll illegaler Dateien und der Aufbau effizienter Datennetze zum widerrechtlichen Austausch urheberrechtlich geschützter Dateien.

In den Anfangsjahren des Jahrzehnts setzte sich der Trend fort. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Datenleitungen immer schneller, die Nutzer in ihren Herunterlade-Orgien immer exzessiver und die Computer immer günstiger wurden. So wuchs aus dem anarchischen Paradies einer kleinen, digitalen Elite ein großes Schlaraffenland für den Durchschnittsbürger. Kazaa, Napster, Rapidshare – all diese kleinen Erfindungen zum Austausch von Datenmengen nie gekannter Größe brachten und bringen ganze Industrien ins Wanken. Auch richtig: Mit der Masse der Nutzer kamen noch mehr Spinner ins Netz, als in den Neunzigern ohnehin schon online waren. Initiativen für die Legalisierung von Kinderpornographie und Terror-Videos sind kleine, aber abschreckende Beispiele für die Extreme des anarchischen Netzes. Aber die unangenehmen Beispiele sind keine digitale Erfindung, sondern fungieren im Netz lediglich als Spiegel dessen, was in der Gesellschaft lange vor der Erfindung des Netzes existierte. Man sollte sich von ihnen und der steten Beschwörung ihrer Existenz durch rückwärtsgewandte Politiker nicht den Spaß am Schlaraffenland verderben lassen.

Das Netz nämlich hat in den letzten zehn Jahren die größte Kulturschwemme der Menschheitsgeschichte produziert. Niemals waren mehr Menschen gleichzeitig kreativ, arbeiteten zusammen, präsentierten ihre Ideen und Projekte der Weltöffentlichkeit. Dies wurde durch die Professionalisierung möglich, die in den vergangenen zehn Jahren das Netz veränderte. Einfach zu bedienende Programme, benutzerfreundliche Anwendungen ermöglichten es auch Ahnungslosen, die mächtigen Werkzeuge des immer enger vernetzten digitalen Raumes zu nutzen. Sich in der Aufmerksamkeitsökonomie nach oben zu heben, bleibt schwer – die Technik dazu steht aber jedem in der westlichen Welt zur Verfügung.

Ohne die Zuwendung von Politik und großen Firmen wäre diese Professionalisierung des Netzes nicht geschehen. Doch gerade wegen ihrer Unterstützer und deren Agenden löste sie in den vergangenen zehn Jahren einen Prozess aus, der auch kritisch betrachtet werden muss, weil er zum Ende der digitalen Anarchie führen wird.

Zunächst mal ist da die Wirtschaft, die mehr und mehr Geschäftsmodelle für den digitalen Raum entwickelt. Wird es zum Beispiel einfacher, ein Lied zu kaufen als illegal herunterzuladen, sterben die Tauschbörsen. Das bedeutet aber auch, dass viele Menschen weniger Musik hören und kennen werden. Dann gibt es den politischen Einfluss aufs Netz: Anstatt für einen neutralen, frei verfügbaren Zugang zum digitalen Raum für jeden Bürger zu kämpfen, fabulieren Volksvertreter nach wie vor vom “rechtsfreien Raum”, den es zu bekämpfen gelte. Aus den so falschen wie gefährlichen Annahmen entstanden zum Ende des Jahrzehnts Gesetzesvorschläge, die einer Zensur-Infrastruktur Tür und Tor öffnen könnten. Wie falsch die Behauptung vom rechtsfreien Raum ist, bewiesen in den vergangenen zehn Jahren ausgerechnet Anwälte, die mit zweifelhafter Motivation zivil- und strafrechtlich mit hohen Schadensersatzforderungen gegen Blogger und Dateitauscher vorgingen. Viele der zehntausende Betroffenen hatten sich nur äußerst geringfügiger Vergehen verdächtig gemacht.

Noch drastischer als der Einfluss von Justiz und Legislative wirkt jener der Softwarekonzerne aufs Netz. Mit dem Modell einer zentralisierten Softwareverteilung, bekannt unter dem Stichwort Cloud Computing, etabliert sich eine Technik, die die Bedienung des Internets weiter vereinfacht, die Bezahlhürden noch niedriger und Geschäftsmodelle noch einfacher zu installieren macht. Doch je simpler das Netz für seine Anwender zu bedienen wird, umso weniger sind sie gezwungen, zu verstehen, was sie eigentlich tun. Das Wissen über alles, was im Netz geschieht, haben immer seltener die Anwender und immer öfter Firmen wie Google, deren sensationell leicht zu bedienende Software dem Nutzer alles abnimmt – oft auch die Kontrolle über seine Daten.

Die anarchische Phase des Netzes geht mit den Nullerjahren zu Ende. Die digitalen Pioniere werden sesshaft. Jetzt bricht die Zeit der Unternehmen und ihrer Geschäftsmodelle an, der Politik und ihrer Regulierungsmaßnahmen, der großen Netzkonzerne und ihrer Visionen. Nach dem Zeitalter der digitalen Anarchie im letzten Jahrhundert kann jetzt ein durchgepflügtes Feld bestellt werden. Die Erträge werden gut sein. Für ganze Branchen ist dies ein Grund aufzuatmen. Für Freunde der digitalen Kultur eher nicht. JOHANNES BOIE

© Süddeutsche Zeitung, 2009

28.12.09 | 16:44 | SZ-Plus | 1 Kommentar

Hubschrauber, Handys, Hacker (Update)

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Vor dem Berliner Kongresszentrum ist es eiskalt, innendrin verdammt warm. Tausende Computer blasen ihre Abwärme in die Räume, dazu kommen Hunderte Nerds, von denen sich mehrere auf die Frage eines Referenten, wer heute noch nicht geduscht habe, schamlos erklärten. Ja, ich bin derzeit beim Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs (CCC; Wiki / Webseite) in Berlin und abgesehen von der Luftqualität ist die Veranstaltung hervorragend. Hier trifft sich eine kleine, von weiten Teilen der Gesellschaft und der Politik verkannte Elite. Eine, die immer wichtiger wird, denn in den letzten zehn Jahren haben EDV und Internet, haben Überwachung(smöglichkeiten) und weltweiter Datenverkehr massiv zugenommen. Muss ich den Lesern meines Blogs ja kaum mitteilen. Deshalb ist der CCC zu eine politischen Instanz geworden, einem Lobbyverein, der auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher, vor allem aber auf politischer Ebene immer mehr Gehör und Einfluß findet. Das ist gut und wichtig. Auf der anderen Seite bleibt der CCC eine teilweise obskure Gemeinschaft, eine Gruppe vornehmlich junger, langhaariger Männer in schwarzen Klamotten, die sich zwischen Weihnachten und Neujahr hinsetzen, um gemeinam Leuchtdioden auf Platinen zu löten, auf denen sie dann blinkende Schriftzüge programmieren. Vorzugsweise Insider-Witze. Zwischen fliegenden Modellhubschraubern mit eingebauten Kameras, schwankenden Robotern auf zwei Reifen, zwischen qualmenden Lötkolben und Hunderten Hackern, die hoch konzentriert literweise Club Mate trinken, während sie auf die Konsolenprogramme auf ihren Linux-Notebooks starren, zwischen all dem also rennt Constanze Kurz hindurch, die sehr freundliche, aber gestresste Sprecherin des CCC. Gestern habe ich mich eine Stunde mit ihr unterhalten, und über große Teile der CCC-Geschichte mit ihr gesprochen: Tron, der BTX-Hack, die politische Agenda der jüngsten Zeit. Zwischendurch mussten wir unterbrechen, nämlich dann, wenn Kurz an ihr Crypto-Handy ging, um verschlüsselte Gespräche zu führen oder wenn sich eine amerikanische Aktivistin kurz darüber beklagen wollte, dass die Anti-Wahlcomputer-Initiative in den USA kaum Gehör findet… All das und noch viel mehr, sofern die Recherche weiter so gut läuft, in einer Reportage über den Club in der Süddeutschen Zeitung.

(Foto: Jon Åslund)

PS: Die erste Hacks öffentlicher Webseiten gibt’s auch schon, z.B. hat es die Seite von der CSU Rosenheim erwischt – auch hier.

20.11.09 | 17:37 | Digitalia | Interview | SZ-Plus | 84 Kommentare

Wikimedia – quo vadis? Streitgespräch zwischen Felix von Leitner und Pavel Richter

In der Wikipedia knallt es heftig. Darüber habe ich Anfang der Woche im Feuilleton der SZ berichet: Exklusionisten kämpfen gegen Inklusionisten und streiten über die Relevanzkriterien von Artikeln. Und die Möglichkeit, dem mit Wikipedia asoziierten Verein Wikimedia Geld zu spenden, wird für wütende Kritik missbraucht. Einer der Hauptkritiker ist der Softwareexperte Felix von Leitner (im Netz besser bekannt als Fefe), der in seinem Blog eindeutig Stellung bezieht. Ihm gegenüber steht im Streitgespräch der Schaltzentrale der Geschäftsführer von Wikimedia, Pavel Richter.

Die Diskussion wurde per e-Mail geführt, direkte Reaktionen zwischen den beiden Sprechern erfolgten im Kommentarstil und schließen daher inhaltlich nicht immer direkt aneinander an.

Herr von Leitner, Sie haben Wikimedia in den letzten Tagen relativ harsch und an mehreren Stellen kritisiert. Könnten Sie Ihre Kritik und Ihre Forderungen nochmal in wenigen Sätzen zusammen fassen?

Felix von Leitner: Gerne. Wikimedia kam erst später dazu, die Debatte drehte sich ursprünglich um die Wikipedia, genauer um die Relevanzkriterien in der Wikipedia. Anhand dieser wird entschieden, ob ein Artikel in der Wikipedia bleiben kann oder rausgelöscht wird. Dann kam die Spendendebatte dazu, weil die Spendenkampagne der Wikimedia e.V. psychologisch unklug den Eindruck erweckt, das hier gesammelte Geld käme direkt und unmittelbar der Wikipedia zugute. Das stimmt leider nur zum Teil. Wikimedia versucht auch nicht, mehr Einfluß auf Wikipedia zu nehmen, um strukturelle Probleme wie die seit Jahren stagnierende Neuartikelquote zu lösen.

Herr Richter, haben Sie mit Ihrem Spendenaufruf  einen falschen Eindruck erweckt?

Pavel Richter: Nein. Jede Spende für Wikimedia Deutschland kommt direkt und unmittelbar der Wikipedia und ihren Schwesterprojekte zugute. Wir betreiben ein Rechenzentrum in Amsterdam (Aufwand in diesem Jahr: über 100.000 Euro), das allen Wikipedia-Projekten weltweit zu Gute kommt. Wir haben einen Software-Entwickler angestellt, der “MediaWiki”, die Software hinter der Wikipedia, weiter verbessert. Wir haben externe Aufträge in diesem Jahr vergeben, um die Wikipedia benutzerfreundlicher zu machen. All das wird aus Spendengeldern bezahlt und dient direkt der Wikipedia.

Wikimedia Deutschland unterstützt die Wikipedia (und andere Projekte, wie Wikisource, Wikiversity, Wikimedia Commons, etc.) aber nicht nur technisch, sondern auch auf viele andere Arten: durch Autorentreffen und Workshops, durch Literaturstipendien und die Digitalisierung historischer Dokumente. Wir haben über 350.000 Bilder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wir gehen an Schulen und vermitteln den kritischen Umgang mit der Wikipedia. Wir sind mit unserer Geschäftsstelle in Berlin aber auch Ansprechpartner für die Öffentlichkeit (daher haben wir eine Pressesprecherin), und immer wieder auch von Anwälten.

Dazu kommt noch jede Menge Unterstützung für die internationale Wikimedia-Bewegung. Hierzu zählt u.a. das jährliche Treffen “Wikimania” und das internationale Chapter-Meeting. Dabei finanzieren wir Reisekosten für Wikipedianer aus vielen Ländern, damit diese an den Treffen teilnehmen können.

von Leitner: Der Teufel liegt im Detail. Wikimedia hat kein Rechenzentrum (kriegt man nicht für 100.000 Euro), sondern hostet da ein paar Server bei jemand anderem in dessen Rechenzentrum. Sicher, dieser Punkt ist nur Semantik, aber es zeigt, dass der Geschäftsführer von Wikimedia selber nicht so genau weiß, was sein Verein eigentlich in Amsterdam betreibt. Auf diesen Servern liegt auch nicht die Wikipedia, sondern das sind nur Proxy-Server, weil der Verein Angst hat, juristisch angreifbar zu werden, wenn er selber Inhalte ins Internet stellt.

Richter: Erstmal sind die 100.000 Euro die Summer für 2009, hier liegt der Teufel tatsächlich im Detail. Inhaltlich bleibt es dabei, was wir da machen kommt direkt der Wikipedia und den anderen Projekten zugute, egal wie man es nennt. Leider sagt Herr von Leitner dazu nichts.

von Leitner: Die letzte Digitalisierungs-Sache liegt meines Wissens mehrere Jahre zurück. Was für aktuellere Digitalisierungsprojekte gibt es denn da gerade?

Richter: Auch hier gilt: Einfach mal nachfragen! Da kann man z.B. bei Wikisource gucken, was die so machen. Und die letzte Digitalisierung mit Spendengeldern ist das hübsche Buch von Joseph von Eichendorff, “Aus dem Leben eines Taugenichts”, und “Das Marmorbild”. Wer es lesen möchte, klickt hier. Keine großen Summen, aber für die dortige Wikisource-Community wichtig.

von Leitner: Die 350.000 Bilder sind in der Tat neu und ein gutes Projekt, die kamen allerdings schon digital vom Bundesarchiv.

Richter: Hier geht es um die Gespräche mit Kooperationspartnern wie dem Bundesarchiv, die wir geführt haben, nicht ums Digitalisieren – nicht alles ist reine Technik, Herr von Leitner.

von Leitner: Wenn ich gemein wäre, könnte ich jetzt fragen, was Sie denn als Ergebnisse für ihre Software-Weiterentwicklung vorzuweisen haben. Auf ihrer Homepage sieht man drei Projektmanager und einen Softwareentwickler. Sollte das nicht andersherum sein?

Richter: Die Softwareprojekte hatten wir hier be- und ausgeschrieben: Die laufen gerade, Ergebnisse werden an gleicher Stelle dargestellt, sobald sie fertig sind. Und die Verbesserung der Software ist ein internationaler Ansatz, da arbeitet ein Heer von Freiwilligen ebenso mit wie die Entwickler der Wikimedia Foundation mit. Und warum haben nur Softwareentwickler etwas zur Wikipedia beizutragen, Projektmanager, die sich etwa um Bilderbefreiung oder unser Seniorenprojekt kümmern, aber nicht? Die Wikipedia ist ein vielschichtiges Projekt, das man nicht auf Software und Server reduzieren kann.

von Leitner: Was glauben Sie denn, was ein typischer Spender glaubt, wofür seine Spende verwendet wird? Eine Zedler-Medaille? Knapp 11000 Euro sind 2008 in Büromaterialien und Zeitschriften fürs Wikimedia-Büro geflossen. Laut ihrer Homepage haben Sie 11 Mitarbeiter. Das sind aber viele Zeitungen!

Richter: Der “typische Spender” möchte, davon gehe ich aus, die Wikipedia fördern, in all ihrer Breite und in allen Aspekten. Die Technik ist ein Teil davon, aber eben nur einer von mehreren. Ich hatte ja bereits erklärt, was wir in diesem Jahr machen, wohin das Geld geht. Zum Posten “Büromaterial, Bücher und Zeitschriften”: Wir sind in 2008 in neue Räume gezogen, in dem Posten stecken daher jede Menge Einmalkosten; aber natürlich kostet der Betrieb einer Geschäftsstelle Geld, auch für Büromaterial und Bücher. Und auch das Literaturstipendium des Vereins ist in dem Posten enthalten, damit schaffen wir Bücher an und stellen diese Wikipedianern zur Verfügung. Diese erstellen damit neue Artikel oder verbessern bestehende.

von Leitner: Mal etwas grundlegender: Was meinen Sie mit “freiem Wissen”? Ist Freiheit nicht immer die Freiheit des Nutzers, selber zu entscheiden, welche Artikel er für relevant hält und welche nicht?

Richter: Das “frei” in Freiem Wissen steht für mich für die Freiheit der Weiternutzung, für die Freiheit des Zugangs, die Freiheit, dazu beizutragen, aber auch die Freiheit von Werbung, von politischen, religiösen, weltanschaulichen Vorurteilen und Sichtweisen. Wissen ist aber auch nur dann wirklich frei, wenn Menschen nicht nur die technischen Voraussetzungen zum Zugang haben, sondern wenn keine Bildungsschranken und keine sozialen Schranken sie an der Nutzung hindern. Im Kleinen dient dazu etwa unser Schulprojekt, das wir im nächsten Jahr deutlich ausbauen wollen: Hier wird Schülern anhand der Wikipedia Mediennutzung und Medienkompetenz vermittelt. Und mit unserem Projekt speziell für Senioren schaffen wir hoffentlich die Möglichkeit, dass diese ihr lebenslang erworbenes Wissen allen anderen Menschen frei zugänglich machen. Das alles ist für mich “Freies Wissen”.

von Leitner: Wenn Sie sich dem freien Wissen verpflichtet fühlen, wieso betreiben Sie dann nicht eine Deletionpedia (das ist eine Wikipedia mit den aus der Hauptwikipedia gelöschten Artikeln, damit die nicht verloren sind)?

Richter: Erstens birgt der Betrieb einer “Deletionpedia” unkalkulierbare rechtliche Risiken (Urheber-, Persönlichkeitsrecht, etc.), die der Verein nicht eingehen kann. Aber auch hier ist der technische Aspekt nicht alles: Wichtiger noch ist, dass der Umgang mit gelöschten Artikeln etwas ist, was innerhalb der Wikipedia diskutiert und entschieden werden muß. Der Verein kann und will dem nicht vorgreifen. Die Diskussion ist im Projekt in vollem Gange, etwa hier. Parallel wird derzeit ein Meinungsbild vorbereitet. Konkret geht es darum, ob in Zukunft ein deutlich größerer Kreis von Leuten gelöschte Artikel einsehen kann als bisher.

von Leitner: Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass Levitation-Projekt großzügig zu unterstützen? Das ist ein externes Projekt, den Unterbau der Wikipedia zu modernisieren.

Richter: Unsere Spendergelder fliessen primär in die Förderung, Verbreitung und Sammlung Freien Wissens, insbesondere in die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte. Der Verein hat gerade die Schwerpunkte und Aufgaben fürs nächste Jahr festgelegt und wir sind sicher, damit unsere Ziele sehr gut verfolgen zu können. Innerhalb der Community wird das Levitation-Projekt, das ja auch noch ziemlich neu ist, interessiert begleitet und diskutiert. Möglichkeiten der Zusammenarbeit oder der Unterstützung können sich daraus zukünftig durchaus ergeben.

von Leitner: Wenn Wikimedia angeblich keinerlei Einfluß auf Wikipedia hat, wieso geben die Wikimedia-Mitarbeiter dann nicht ihre Admin- und Bürokraten-Rechte in der Wikipedia zurück? Es sind die vielen kleinen Details, die hier Grund zur Kritik geben, nicht das große Bild von oben.

Richter: Ich habe den Eindruck, dass wir beide aus unterschiedlichen Ecken kommen: Sie betrachten Wikipedia offensichtlich hauptsächlich aus der technischen Perspektive, Spendengelder sollen primär in Hard- und Software fliessen, etc. Das kann man so sehen, aber es ist eben nicht die Sichtweise des Vereins, für den ich arbeite. Wir haben einen deutlich breiteren Ansatz, sehen auch den gesellschaftlichen Aspekt der Verbreitung Freien Wissens, fördern Wikipedia-Autoren, wo wir das  können, und versuchen, das Projekt national und international zu vernetzen. Keine Frage, viele der Vorschläge und Kritikpunkte von Ihnen sind wichtig und richtig, einiges hätte man auch durch einfaches Nachfragen klären können. Sicherlich ist noch nicht alles perfekt bei uns; wir sind ein kleines Team, das eine der populärsten Websites im deutschsprachigen Raum unterstützt, mit einer großartigen Community zusammen.

Herr Richter, Herr von Leitner, herzlichen Dank für das Gespräch.

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