28.02.10 | 23:47 | Digitalia | Lese-Empfehlung | Reportage | SZ-Plus | 3 Kommentare

Geschäftsmodell Abmahnen

“Mit Abmahnungen lässt sich aber auch ordentlich Gewinn machen. Man muss nur genügend verschicken. Die Digiprotect GmbH hat nach eigenen Angaben im Jahr 2009 zwischen 45.000 und 60.000 Abmahnungen verschicken lassen. Das hat der Gesetzgeber nicht unbedingt so vorgesehen, aber es ist ein funktionierendes Geschäftsmodell.”

Für das Ressort “SZ am Wochenende” habe ich den bekannten Anwalt Udo Kornmeier, seine Mandantschaft, die Digiprotect GmbH, an der wiederum der technische Dienstleister Digiright-Solutions hängt, besucht. Um mal all die Kernfragen der vergangenen Monate zum Thema Abmahnen gebündelt aufzuschreiben.

Der Text steht mittlerweile auch auf sueddeutsche.de

20.02.10 | 14:25 | Digitalia | Reportage | SZ-Plus | 11 Kommentare

Da teilt sich viel und es geht schnell

Besuch bei Rapidshare: Ein Tisch, ein Büro in einer Schweizer Kleinstadt und eine gigantische Internet-Verbindung. (Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung)

Der Niedergang der Unterhaltungsindustrie hat eine Adresse: Gewerbestraße 6 im schweizerischen Örtchen Cham. Neubau im Industriegebiet, fünftes Stockwerk. Einen Namen hat er auch: Rapidshare, eine Firma, die sich in Cham eingemietet hat. Und das weder besonders unauffällig, wie es ihr ihre Feinde gerne unterstellen, noch besonders auffällig, wie es ihr Erfolg ermöglichen könnte. Beeindruckend ist hier nur das Alpen-Panorama.

Rapidshare ist ganz einfach nur da – und genau da liegt das Problem, das viele mit dem Unternehmen haben.

Rapidshare, die kleine Firma im noch kleineren Cham, hat Server, die mit 450 Gigabit pro Sekunde ans Internet angeschlossen sind. Die gesamte Schweiz, das sollte man an dieser Stelle erwähnen, verfügt über Internetanbindungen in der Größenordnung von fünfzig Gigabit pro Sekunde. Rapidshare, die Firma mit dem Pfeil im Logo, betreibt mit “rapidshare.com” eine Internetseite, die auf Platz 27 der am häufigsten besuchten Seiten der Welt liegt. “Rapidshare.com” ist größer als “cnn.com”, als “bbc.co.uk”, “apple.com” und “aol.com”. Und sogar als “pornhub.com”.

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Die Welt bei Cham

Die Nutzer der Seite verwenden die schnelle Anbindung, um auf den Servern von Rapidshare besonders große Dateien zu speichern. Mit einem speziellen Link, den nur erhält, wer die Datei hochgeladen hat, kann jeder, der im Besitz des Links ist, auf die hochgeladenen Daten zugreifen und sie auf einen anderen Rechner laden. Das ist praktisch, wenn eine Datei zu groß ist, um sie per e-Mail zu verschicken. Beispielsweise, wenn man ein selbstgedrehtes Hochzeitsvideo an Freunde und Bekannte weitergeben möchte. Oder wenn man die eigene CD-Sammlung für private Zwecke im Netz sichern möchte. Oder wenn man 500 illegal kopierte Hollywood-Filme kostenlos an den Rest der Welt weiterreichen möchte. Der kleine, aber entscheidende Unterschied: Die ersten beiden Beispiele sind legal – das letztgenannte ist ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht. Gegen geltende Gesetze verstoßen auch Rapidshare-Nutzer, die Download-Links der Öffentlichkeit zugänglich machen. Vielen ist das freilich gleichgültig: Das Netz ist voll von Foren und Blogs, die nichts anderes als Rapidshare-Links veröffentlichen. Was dazu führt, dass eine Google -Suche nach einem aktuellen Film zusammen mit dem Stichwort Rapidshare schnell zu einem Link führt, unter dem der gesuchte Film gratis und in bester Qualität von den Servern der schweizerischen Firma geladen werden kann.

Wie viele der 150 Millionen Dateien auf Rapidshares Servern für illegale Downloads missbraucht werden, weiß keiner. Unbekannt ist auch, wie viele der durchschnittlich 500 000 Dateien, die täglich von Rechnern auf der gesamten Welt neu hochgeladen werden, urheberrechtlich geschützt sind. Nicht mal die fünfzig Mitarbeiter bei Rapidshare wissen Bescheid. Denn zum einen ist die Menge der Dateien zu groß, um sie effizient zu kontrollieren. Zum anderen agieren die Betreiber des Dienstes in einer Grauzone zwischen Urheber-, Medienrecht und Datenschutz. Vielleicht dürfen sie überhaupt nicht in die Dateien schauen, die Privatleute auf ihre Server laden – es gibt nach wie vor kein finales Gerichtsurteil, das Klarheit schaffen würde. Allerdings: zwei bis drei Prozent der täglich neu hochgeladenen Dateien löschen die Techniker. Nämlich dann, wenn sie öffentliche Links auf urheberrechtlich geschütztes Material gefunden haben.
Natürlich gibt es auch Zahlen, die mehr Aufschluss über das Geschäftsmodell von Rapidshare geben können. Zum Beispiel, wie viele Nutzer sich für einen “premium account” entschieden haben und Geld dafür bezahlen, um besonders schnell und ohne Wartezeit Dateien von den Rapidshare-Servern laden zu dürfen. Aufschluss geben könnte auch die Anzahl der rechtlichen Angriffe, derer sich Rapidshare seit der Gründung im Jahr 2006 erwehren musste. Oder der Umsatz der AG. Oder wo die Server stehen, und wer sie betreut. Oder die Anzahl der Neukunden.

Man kann diese Fragen alle stellen, zum Beispiel an den freundlichen Unternehmenschef Bobby Chang und an seine Pressesprecherin Katharina Scheid. Es ist aber so, dass sich Chang und Scheid die Arbeit teilen. Der gebürtige Hamburger erklärt Besuchern gerne die Firma. Und Scheid erklärt Besuchern gerne, was man nicht verraten werde. Dazu gehören die Antworten auf alle eben gestellten Fragen. Und natürlich auch die Frage nach dem Leben und der Rolle von Christian Schmid. Dem Erfinder des Rapidshare-Prinzips, der mit Mitte Zwanzig die deutsche Vorgängerfirma von Rapidshare im Alleingang so groß gemacht hatte, so dass Chang leichtes Spiel gehabt haben muss, als er mit Schmid zusammen den Ein-Mann-Betrieb in eine schweizerische Privat-AG umbaute. Schmid ist für niemanden zu sprechen. Immerhin das lässt sich erfahren: Rapidshare, sagt Chang, habe sich in der Schweiz angesiedelt, weil Schmid zu seiner schweizerischen Freundin ziehen wollte.

T-Shirts mit dem Firmenlogo sind zu begehrten Raritäten geworden. Sie werden nicht verkauft, sondern auf Messen an besonders treue Fans vergeben. Immer dann, wenn die Auseinandersetzung zwischen der klassischer Unterhaltungsindustrie und den digitalen Apologeten ideologisiert wird, ist der Name Rapid-share eine Art Fanal für die Feinde der digitalen Welt. Doch bei Rapidshare verlässt man sich nicht auf den Ruhm des Hasses und die Liebe der Netzgemeinde. Wie schnell dieser Höhenflug vorbei sein kann, weiß Bobby Chang ganz genau. Schließlich profitiert er nicht nur von den drastisch veränderten Bedingungen des Unterhaltungsmarktes, sondern beschwört sie selber hinauf.

Rapidshare kämpft zum Beispiel mit Firmen, die das Geschäftsmodell nachahmen. Aber vor allem kämpfen die Schweizer vor Gerichten und gegen Gerichte, deren Rechtsprechung die Firma bislang nicht ein Mal in letzter Instanz verurteilte, aber auch nie Klarheit schafft, wie weit die Techniker dem Missbrauch des Dienstes vorbeugen müssen – und dürfen. Vor allem aber kämpft Rapidshare gegen die Zukunft.

Denn wenn es erstmal einfacher ist, ein Album sehr günstig zu kaufen, als es illegal herunterzuladen, werden die Nutzerzahlen des Dienstes sinken. Wenn es Film- und Musikindustrie gelingt, ihre Produkte digital intelligent und preiswert zu vertreiben, den Bezahlvorgang zu vereinfachen – dann kann im Netz blitzschnell ein großer Markt entstehen, der die digitale Anarchie der Nullerjahre unter sich begräbt. Und Firmen wie Rapidshare, deren Erfolg auch auf den illegalen Aktivitäten der Nutzer basiert, könnten dann leicht mit in den Abgrund gerissen werden.

Das Gespräch am braunen Holztisch in der Gewerbestrasse Nummer 6 bricht Chang nach einer Stunde ab. Ein Flugzeug wartet in Zürich auf ihn, Chang muss nach Hamburg. Dort trifft er den Erzfeind, Musikmanager von Warner Bros. Um die Wogen zu glätten, ist Mola Adebisi dabei. Der Ex-Moderator arbeitet bei Rapidshare als externer Berater im Unterhaltungsbereich. Denn Warner Bros. hat begriffen, dass die Jugend, die sich auf den Servern von Rapidshare tummelt, identisch ist mit der Kundschaft, die im Laden nicht mehr dreißig Euro für eine DVD bezahlen will. Daher wollen die Film-Manager versuchen, ihre Produkte dort zu verkaufen, wo ihre potentielle Kundschaft ist: auf der Webseite von Rapidshare.

Gleichzeitig wollen die Schweizer damit ein Geschäftsmodell entwickeln, das weniger auf illegaler, denn auf legaler Aktivität der eigenen Kundschaft aufgebaut ist. Denn es wäre ja, genau genommen, Ironie des Schicksals, wenn Rapidshare, das große Symbol der digitalen Welt, in einem zweiten digitalen Wandel, also in der Etablierung legaler Geschäftsmodelle, seine Geschäftsgrundlage verlöre. JOHANNES BOIE

© Süddeutsche Zeitung, 2010

Foto: Bilderberg
04.01.10 | 18:10 | Reportage | SZ-Plus | 5 Kommentare

Lobby und Paste

Zwischen den Jahren war ich beim Treffen des Chaos Computer Clubs in Berlin. Darüber schrieb ich zum Jahreswechsel einen kurzen Text auf der Seite 1 der Süddeutschen Zeitung. Jetzt folgte die lange Reportage im Feuilleton (Seite 11 von heute). Diese stelle ich hier nochmal zur Diskussion.

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Wenn man auf einem Kongress dafür zuständig ist, telefonisch die Verpflegung von Referenten mit belegten Brötchen sicherzustellen, kann man das auf zwei Arten erledigen. Entweder man nimmt ein gewöhnliches Handy und fordert in der Küche noch mehr Schrippen an. Oder man verwendet für diese doch recht übersichtliche Aufgabe ein 1600 Euro teures abhörsicheres Mobiltelefon, das sämtliche Gespräche über eine mehrfach verschlüsselte Leitung schickt.

Constanze Kurz hat sich für die zweite Variante entschieden. Kurz ist die Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC), und sie ist überarbeitet: Der Club feiert sein Jahrestreffen im Berliner Kongresszentrum. Sie muss sich um den gesamten Ablauf des vier Tage dauernden Kongresses kümmern und außerdem noch um die 3500 Clubmitglieder, die entweder in den Berliner Ostbau gekommen sind oder von zu Hause aus die vielen Reden und Workshops über einen Videostream im Internet verfolgen. Mit dem Wissen kommt die Angst, sagt Kurz, wenn man es sich erlaubt, einen kleinen Scherz über die verschlüsselten Trivialitäten ihrer Handygespräche zu machen. Dann empfiehlt sie den Besuch einer Präsentation, die den Titel „GSM – SRSLY” trägt, was man aus dem Englisch der Computerfreunde ungefähr mit „GSM – nicht im Ernst?” übersetzen könnte.

Wieder eine Sicherheitslücke

GSM ist das weltweit am häufigsten verwendete Handynetz. Drei Milliarden Menschen, darunter alle Deutschen, telefonieren in 212 Ländern mit dieser Technik. Das im Titel angedeutete Erstaunen ergreift das Publikum zehn Minuten, nachdem die Referenten Karsten Nohl und Chris Paget die Bühne betreten haben. Nicht, weil Paget, ein Engländer, zum roten Schlabber-T-Shirt und den weiten Jeans hochhackige rote Pumps trägt. Sondern weil die beiden in wenigen Minuten eine weitere Sicherheitslücke im Handynetz GSM erläutern. Mit ein paar Handgriffen und ein bisschen Soft- und Hardware aus dem Internet könne jeder mithören, erklären die beiden gelassen. „Denn digitale Geräte werden nur auf ihre Funktion, aber nie auf ihre Fehlfunktionen getestet”, sagt Paget. Genau diese Fehlfunktionen aber können Kriminelle, Geheimdienste, Behörden und versierte Privatpersonen leicht ausnützen. Plötzlich ist klar, was Kurz gemeint hatte, als sie über Angst und Wissen sprach: Wenn man erstmal weiß, wie anfällig die digitale Infrastruktur, die wir jeden Tag nutzen und der wir vertrauen, für Abhör- und Datensammel-Aktivitäten ist, wird man schnell ängstlich.

Die Hacker des Chaos Computer Clubs haben es sich deshalb seit der Club-Gründung 1981 zur Aufgabe gemacht, digitale und elektronische Geräte, Hard- wie Software auf Fehler und Schwachstellen hin zu überprüfen. Sie machen das einerseits, um die Welt zu verbessern. Und andererseits, weil es ihnen Spaß macht.

Auf ihrem Kongress sitzen sie zu Hunderten in abgedunkelten Kellerräumen und starren auf Bildschirme, auf denen kleine Zeichen blinken. Ulf aus Hamburg beschäftigt sich beispielsweise mit dem Network-File-System, Daniel arbeitet am Binding für eine Software-Bibliothek und Enko aus Thüringen programmiert gerade Software zur Datenbankverwaltung im Framework Symfony.

Man muss die Arbeit der Hacker nicht verstehen um zu ahnen, dass sie kompliziert ist. Das gilt auch für ihren Humor. Mit Vorliebe tragen die Computerfreaks auf ihrem Kongress T-Shirts, auf denen Tastenkürzel für Computersoftware stehen – nur für Eingeweihte ist der Witz an Kürzeln wie /dev/null zu erkennen. Beliebt sind auch Sätze wie: „Copyright ist Aberglaube.” Denn sowohl Religion als auch klassische Urheberrechtsgesetze halten viele Mitglieder für Müll, dessen sich die Gesellschaft entledigen sollte.

„Es gibt zwei Kategorien von Mitgliedern”, sagt Kurz. Die einen seien eher Techniker. Die anderen – zu ihnen zählt auch Kurz selber – arbeiteten mittlerweile vor allem auf politischer Ebene. CCC-Mitglieder konferieren längst regelmäßig mit Bundestagsmitgliedern. Politische Stiftungen laden CCC’ler als Referenten ein. Die Clubsprecher und ihre Anwälte werden in Rechtsausschüssen gehört, sind bei wichtigen Gerichtsverfahren, in denen Technik eine Rolle spielt, präsent. Dabei kämpfen die politisch interessierten CCC-Mitglieder engagiert und klug einen Kampf für ihre Werte: Gegen Zensur und für Informationsfreiheit.

Immer stärker müssen sich die CCC’ler spezialisieren. „Früher konnte jeder alles”, sagt Kurz. Heute ist die Technik in vielen Bereichen so komplex geworden, dass nur noch Experten einen Überblick behalten können.

Die gesellschaftliche und politische Nische, in der sich die Hacker breit machen, ist so groß, dass man sie eigentlich gar nicht mehr als Nische bezeichnen kann. Das Netz gewinnt weltweit mit jedem Tag an Relevanz, für jeden einzelnen Bürger, für Regierungen und die Wirtschaft. Und kaum jemand kennt sich mit den grundsätzlichen technischen Voraussetzungen aus – man konsumiert und nutzt. Aber wer kümmert sich um Sicherheit und Privatsphäre, wenn nicht die Mitglieder des CCC? Kein Wunder also, dass der Berliner Kongress nach wenigen Stunden ausverkauft war.

Im Dunstkreis des Illegalen

Ihr Ziel ist dabei eine digitale Welt ohne staatliche oder wirtschaftliche Überwachung. Der Traum wird für immer ein Traum bleiben. Und es sind und waren ausgerechnet Hacker, die die ersten Geheimdienste in Deutschland auf die digitale Welt aufmerksam gemacht haben. Das vielleicht berühmteste Mitglied des Chaos Computer Clubs, der 1989 verstorbene Hacker Karl Koch, hatte ausspionierte Daten an den KGB weitergegeben. Bis heute ist unklar, unter welchen Umständen sein Leben endete – offiziell heißt es, er habe sich selbst verbrannt. „Das war das Ende des Paradieses”, sagt Clubsprecher Andy Müller-Maguhn, für den der Verkauf der Daten an den KGB einem Ausverkauf der Clubehre glich.

Müller-Maguhn gilt im Club als einer der Althacker, also als einer, der schon dabei war, bevor das Netz und die Computer Teil des Alltags wurden. Er war ein guter Bekannter von Boris F., jenem als Tron bekannt gewordenen Hacker, der sich einen Namen mit dem Knacken von Telefonkarten machte und an der Entwicklung eines abhörsicheren Telefons beteiligt war. Im Jahr 1998 fand man ihn erhängt in einem Park in Berlin. Bis heute wird im Club gestritten, ob Tron ermordet wurde oder nicht. Müller-Maguhn glaubt jedenfalls nicht, dass sich der junge Mann selber umbrachte.

Der Sprecher verdient sein Geld bis heute mit verschlüsselten Telefonen. Die Arbeit für und im Club macht er – wie alle – ohne Bezahlung. Das immerhin sechsstellige Budget, das der Club jährlich aus Mitgliedbeiträgen gewinnt, fließt vor allem in technische Ausstattung und Räume. So betreibensie etwa einen Server, mit dessen Hilfe es auch weniger versierten Nutzern gelingt, anonym im Netz zu surfen, finanzieren die Hard- und Software für besonders aufwendige Hacks und unterstützen Mitglieder vor Gericht, wenn der Fall ihnen wichtig erscheint.

So seriös die Arbeit des Clubs heute auch ist – den Dunstkreis des Illegalen haben viele Hacker nie verlassen. Naturgemäß interessieren sich Geheimdienste wie Kriminelle für die kreative Kunst des Hackens. Online-Banking, Armee-Server – digitale Einbrüche können viel Geld wert sein. Es passt ins Klischee des Clubs, dass auf dem Kongress unter der Hand teure Hardware verkauft wurde, mit der RFID-Chips programmiert und ausgelesen werden können. Diese Chips werden von Datenschützern massiv kritisiert, sie sind unter anderem im neuen Personalausweis eingebaut. Die CCC’ler sehen dies als einen weiteren Beweis für den Überwachungswahn der Behörden.

Die Grenze zwischen Paranoia und berechtigter Sorge ist dabei längst nicht immer eindeutig definiert. „Du bist doch von deiner Environment programmiert. Wenn ich dir jetzt was feede, ist der Output vollkommen unklar”, beschwert sich etwa Ralf, ein Netzwerktechniker aus Minden, der seinen Nachnamen selbstverständlich nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch gibt er nur ungern Auskunft darüber, woran er gerade arbeitet. Vielleicht ja an einem jener kleinen Späße, mit denen sich die Hacker auf den Treffen zu necken pflegen: kleine, digitale Attacken auf Kollegen und gute Freunde. Kein Wunder, dass alle Besucher des Treffens im Netz sind, aber kaum jemand den drahtlosen W-Lan-Zugang verwendet – schließlich könnte der Hacker vom Nebentisch dann den Datenverkehr abfangen. Denn eines ist klar: Sicherheit, vollständige Sicherheit gibt es nie. Noch nicht mal für Constanze Kurz beim Brötchenbestellen. JOHANNES BOIE

© Süddeutsche Zeituing, 2010