Fazit zu den Münchner Medientagen aus der Süddeutschen Zeitung:
Die Münchner Medientage waren in jeder Hinsicht eine zwiespältige Veranstaltung. Referenten und Besucher konnten vor allem im oberen Teil der Messegebäude Diskussionsrunden lauschen. Im unteren Teil stellte sich die Branche an Messeständen zur Schau.
So kam es, dass man dem ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust zuhören konnte, wie er über die Herausforderungen des Technikwandels philosophierte, während ein Stockwerk tiefer am ARD-Stand eine junge Frau demonstrierte, dass es nicht möglich ist, das von der ARD propagierte, interaktive Fernsehen der Zukunft ausgerechnet mit einer Fernbedienung auf einem Fernsehbildschirm zu steuern. Auch wenn sie mutmaßlich dafür bezahlt wurde, das Gegenteil zu beweisen.
Ebenfalls dort, wo die Theorie diskutiert wurde, sagte ZDF-Intendant Markus Schächter sinngemäß, dass der neue digitale ZDF-Kanal Neo Bildungsfernsehen sei und zu Recht durch Gebühren finanziert werde. Eine Treppe tiefer konnte man sich von Neos Qualität überzeugen, den das ZDF am eigenen Stand mit den Sätzen „Die Liebe ist manchmal ein Arschloch” und „Fernsehen macht bekloppt, zumindest wenn man dort arbeitet” bewarb.
Natürlich wurden auf den Medientagen dieselben Themen verhandelt, die seit Jahren verhandelt werden: Die Öffentlich-Rechtlichen kämpfen dabei stets gegen die Vorwürfe der kommerziellen Konkurrenz, es geht um Rundfunkgebühren, um die Expansion der gebührenfinanzierten Programme. Es geht auch um das Überleben – oder Sterben – von Print im – Achtung! – digitalen Zeitalter, und natürlich geht es immer öfter um die Frage nach Urheber- und Leistungsschutz in digitalen Medien.
Umso erstaunlicher war, dass die Vertreter der klassischen Medien auch 2009 zeitweilig an junge Blondinen erinnerten, die sich, während sie vom Riesenaffen King Kong verspeist werden, vor allem um den Sitz ihrer Dauerwellen sorgen. Im Obergeschoss besprachen die Verbände der Zeitungen, der Radio- und Fernsehstationen Details des Urheberrechts. Unter ihnen präsentierte das Mittelstandsunternehmen Tobit Software aus dem Münsterland kostenfreie Software für jedermann, aber nicht irgendeine Software, sondern eine ganz bestimmte, mit der man Radiosendungen über die Dauer von sieben Tagen und sämtliche abgespielte Lieder und Redebeiträge per Mausklick als mp3 Datei speichern kann. Eine Aufforderung zum millionenfachen Kopieren, Tauschen und Mixen.
Den Tiefpunkt der Debatte über die Herausforderungen des digitalen Wandels markierte ausgerechnet Andreas Scherer, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger. Scherer – weiße Krawatte, dünner Schnurrbart – plädierte für ein gelockertes Kartellrecht, schwächeren Verbraucherschutz im Abomarketing und dafür, Kinder auf „die Risiken des Webs” sowie die Großartigkeit gedruckter Zeitungen hinzuweisen. „Das Alte zu konservieren, wird nicht funktionieren”, ermahnte dagegen der kluge, aber leicht penetrante Online-Experten Jeff Jarvis.
Fazit: Seit Jahren bieten die Münchner Medientage einen schwer definierbaren, dafür gigantischen Themen-Mix ohne roten Faden, ohne Struktur an – dieses Jahr für 395 Euro pro Besucher, zuzüglich Mehrwertsteuer. Dennoch sind wieder 7000 Teilnehmer gekommen.
© Süddeutsche Zeitung 2009