04.05.11 | 21:45 | Meinung | 25 Kommentare

Ach nee, doch nicht

Meine Damen und Herren, die Nachrichten:

Osama bin Laden lebte in einer Luxusvilla.

Osama bin Laden lebte nicht in einer Villa.

Osama bin Laden war beim Schusswechsel mit einer AK 47 bewaffnet.

Osama bin Laden war beim Schusswechsel nicht bewaffnet.

Osama bin Laden missbrauchte wohl eine seiner Ehefrauen als menschliches Schutzschild, sie wurde dabei erschossen.

Osama bin Laden missbrauchte eine seiner Ehefrauen nicht als Schutzschild, sie lebt.

Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner informiert und hat ihn mit eigenen Soldaten unterstützt.

Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner nicht informiert und kritisiert ihn nun.

Pakistan hat den Aufenthaltsort von Osama bin Laden vertuscht.

Pakistan will die Amerikaner über das Haus in Abbottabad informiert haben.

Barack Obama hat den Kampfeinsatz live über die Helmkamera eines Soldaten verfolgt.

Barack Obama hat den Kampfeinsatz nicht live gesehen.

Die Tötung von bin Laden war rechtens.

Gezielte Tötungen sind völkerrechtswidrig.

Eine Demokratie darf töten.

Der Codename der Kommando-Aktion gegen Bin Laden war Geronimo.

Der Codename für Bin Laden war Geronimo. Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner sind daher wütend.

Angela Merkel freut sich über bin Ladens Tod.

Angela Merkel freut sich nur darüber, dass bin Laden keine Menschen mehr töten kann.

Bin Ladens Nachbarn kam sein Haus verdächtig vor.

Bin Ladens Nachbarn kamen das Haus und seine Bewohner eher nicht verdächtig vor.

Klar, da oben habe ich viel zusammen gestellt, was sich eigentlich unterscheidet: In der Liste sind einerseits Richtigstellungen von Nachrichten aufgeführt. Darunter auch solche, die erst durch Richtigstellungen der Quellen (wie zum Beispiel dem Weißen Haus) notwendig wurden. Dann finden sich da noch unterschiedliche Interpretationen und Sichtweisen von Gesagtem oder Erlebtem und auch Statements von Beteiligten und Unbeteiligten. Manche der Sätze sind Zitate.

Klar ist auch: In Kommentaren oder Interviews können jederzeit unterschiedliche Meinungen vertreten werden. Zum Beispiel wird ausgerechnet im Neuen Deutschland, dem Nachfolgeorgan des gleichnamigen SED-Propagandablattes, berichtet, dass gezielte Tötungen völkerrechtswidrig seien, wogegen Herfried Münkler auf Spiegel Online erklärt, dass eine “Demokratie töten darf”. Und natürlich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass Osama bin Ladens Haus dem einen Nachbarn verdächtig vor kam, dem anderen aber nicht.

Man könnte jetzt hervorragend darüber fachsimpeln, ob eine Demokratie völkerrechtswidrig handeln darf oder welchen Blick die unterschiedlichen Nachbarn auf Osama bin Ladens Grundstück hatten – aber darum geht es nicht. Es geht um das Chaos, das wir Journalisten seit Tagen produzieren.

Denn so wichtig Meinunsgpluaralität auch ist: In der Liste stehen eine Menge Fakten, die nur wahr oder unwahr sein können. Entweder es gab eine Helmkamera oder nicht. Entweder die Frau lebt oder nicht. Entweder ein Haus ist eine Luxus-Villa oder nicht.

Wir Journalisten sind dazu da, Fakten zu recherchieren und sie einzuordnen. Wie kann es sein, dass ein Artikel (im Video) mit einer Bruchbude bebildert ist, aber darüber irgendwas von Luxusvilla steht? Erwarten Leser nicht gerade im Jahr 2011, dem gefühlt anstrengendste Jahr seit, äh, Menschengedenken, Klarheit, Faktensicherheit und Einordnung?

Das Chaos ist bemerkenswert, aber erklärbar.

Falsch- und gezielte Desinformation grundsätzlich seriöser Quellen machen vielen Kollegen die Arbeit derzeit besonders schwer bewältigbar: Solange sich Offizielle der amerikanischen Regierung selbst und gegenseitig widersprechen, bleibt Journalisten kaum anderes übrig, als über die Widersprüche, die dabei entstehen, zu berichten. Zahlreiche Quellen widersprechen sich derzeit auch in simplen Details, und man darf annehmen, dass Geheimdienste und Regierungen in diesem speziellen Fall vieles dafür tun, Wahrheiten und Fakten zu verschleiern.

Und die Leser? Ich kenne kaum welche, die – zumal online – aufmerksam und medienkritisch genug wären, einer Geschichte, die mit vielen “wohl” und “möglicherweise” geschrieben ist, und die möglicherweise (sic!) ein paar Stunden später revidiert wird, einen viel kürzeren Text vorzuziehen, in dem die Redaktion bekennt, zum Faktencheckt für ein längeres Stück noch mindestens ein paar Stunden zu benötigen?

Aber auch der eigenen Zunft muss man einen Vorwurf machen – obwohl man als Journalist vielleicht um Entschuldigung bitten darf, indem man ehrlich ist: Es ist im täglichen Nachrichtenstress gelegentlich schwer, jenen hehren Anspruch, den man an sich selber als Kontrollinstanz in einer Demokratie jederzeit zu stellen hat, zu verwirklichen. Niemand arbeitet permanent fehlerfrei. Und in manchen Redaktionen ist es längst schwierig geworden, noch Kollegen zu finden, die überhaupt Zeit haben, Aussagen von Dritten zu prüfen. Denn von den Festangestellten unter uns gibt es immer weniger.

Die Liste oben ist deshalb keine Anklage. Sehr wohl aber Selbstkritik.

Disclaimer: Einige der verlinkten Meldungen findet man auf zahlreichen Nachrichtenseiten und in vielen Zeitungen, auch in der Süddeutschen und auf sueddeutsche.de. Die Auswahl der Nachrichtenseiten geschah willkürlich.
(Editiert am 4. Mai 23:37 Uhr)
08.10.10 | 10:40 | Digitalia | Meinung | SZ-Plus | 84 Kommentare

Medialer Missbrauch

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Gestern in Berlin: “Solche Schlagzeilen brauchen wir”, soll Stephanie zu Guttenberg gesagt haben (FR). Sie meinte wohl eher: “ich”.

Irgendwann gegen 21.00 Uhr zeigt RTL2 gestern das Bild einer (vermeintlich) 12-Jährigen, die sich langsam, verdeckt durch einen Computerbildschirm, die Bluse aufknüpft. Spätestens als diese pädophile Phantasie zur Hauptsendezeit über den Mattschirm flimmert, um Quote zu machen, ist die gesamte Bigotterie des neuen Formats “Tatort Internet” offenbar geworden.

RTL2 hat eine Sendung entwickelt, die mit Schmuddelbildchen und selbst inszenierter Aktion  Zuschauer lockt. Eigentlich ist also alles wie immer, mit dem Unterschied, dass es dieses Mal nicht um Tatjana Gsell geht, oder um Jürgen Drews, sondern um Kindesmissbrauch, um bedrohte und missbrauchte Kinder, und um Erwachsene, die auf der Schwelle stehen, zum Täter zu werden.

Während RTL2 und die Medienpartner Bild und Stern in der Berichterstattung über die Sendung suggerieren, dass damit ein Tabu gestützt werden soll, nämlich jenes, Kinder als Sexualobjekte zu sehen, werden tatsächlich während der Sendung Tabus gebrochen. Zuallererst jenes, auf Kosten sexuell misbrauchter Kinder Quote zu machen.

Neben diesem verblassen die weiteren Unfassbarkeiten der Sendung, sie sind es aber alle mal wert, genannt zu werden. Publizistikforscher sprechen von “aktueller Inszenierung”, wenn Journalisten ein Ereignis selber inszenieren, um dann darüber zu schreiben. Was in der PR gebräuchlich ist — zum Beispiel wenn Greenpeace protestiert, um dann darüber zu berichten — ist im Journalismus mindestens verpönt. (Aber auch Sender, von denen man es nicht gedacht hätte, lassen sich zu dieser Technik verführen.) (In besonders harten Fällen haben auch Juristen einen Begriff dafür. Sie nennen es: “Anstiftung” (zu einer Straftat.))

Kein einziges der gestern auf RTL2 gezeigten Treffen zwischen einer 18-jährigen Schauspielerin, die sich als 13 ausgab, und einem jener Männer, die der Meinung waren, eine 13-Jährige im Chat kennengelernt zu haben, wäre zustande gekommen, wenn nicht eine Frau namens Beate Krafft-Schöning diese Männer im Netz als vermeintlich 13-jähriges Mädchen angelockt hätte. Dass sich die Männer an andere Mädchen herangemacht hätten, ist sicher nicht unwahrscheinlich. Man weiß es aber nicht genau, weil RTL2 Chatprotokolle fast nie im Zusammenhang veröffentlichte, sondern stets nur die krassesten Passagen der Pädophilen zitierte. Die waren in der Tat und vor dem Hintergrund, dass die Männer glaubten, mit einer 12- oder 13-Jährigen zu sprechen, an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten. Aber was sind sie wert, solange man nicht weiß, was Krafft-Schöning den Männern zurück schrieb?

Das LKA jedenfalls sah in einem Fall keinen Grund, Anzeige gegen einen der in der Sendung vorgeführten Pädophilen zu stellen. Für den ehemaligen Hamburger Senator Udo Nagel, der sich für die Sendung hergab, kein Grund, an der Arbeit der Redaktion zu zweifeln. Sondern härtere Gesetze zu fordern.

(Kurze Unterbrechung: Rufen Sie an! “N.I.N.A. – kein Kind kann sich alleine schützen. 14 ct/Min aus dem Festnetz; 42 ct/Min vom Handy. 018—-”)

Man wüsste auch gerne, was das für Statistiken waren, die Stephanie zu Guttenberg regelmäßig zitierte, wonach “immer gewalttätigere Aufnahmen” auftauchten, die missbrauchten “Kinder immer jünger” würden: “Klein- und Kleinstkinder.” Vor allem deshalb, weil sie im Kampf gegen Netzsperren bereits zitiert wurden, aber (meines Wissens nach) nie belegt wurden, und sich die Sendung ganz explizit auch gegen das Internet richtet, gleich zu Beginn heißt es zuverlässig dramtisch und unpräzise: “Die Ermittlungsbehörden warnen vor dem größten Tatort der Welt.” Die “Urenkelin von Bismarck und Ministergattin” (RTL2 Off) erklärt dann noch, dass es seit 1998 einen “Wachstum von Datenbanken” gebe. Der Zuschauer schlußfolgert dann natürlich schnell, dass mehr Bilder gleich mehr Missbrauch bedeuteten. Dass seit 1998 die Anzahl von Bildern, die Menschen zeigen, im Netz insgesamt rapide angestiegen ist, liegt aber am Siegeszug des Netzes, der in diesen Jahren stattfand. Und nicht an einer Explosion der Weltbevölkerung.

Dabei wäre es so wichtig, korrekte Zahlen zu nennen, bei den Daten genau zu sein und nicht zu übertreiben, um den wichtigen Kampf gegen Kindesmissbrauch nicht zu diskreditieren, sondern ihn effizient zu gestalten. Aber man war natürlich naiv, dem RTL2-Pressesprecher zu glauben, der gestern am Telefon sagte, es ginge in erster Linie darum, Kindesmissbrauch zu bekämpfen.

In der Sendung trifft Krafft-Schöning, die sich tatsächlich “Journalistin” nennt, auf einen Mann, der im Glauben, eine 13-Jährige zu treffen, nach Bayern gereist war. Dort wird er mit einem Kamerateam konfrontiert. Der Mann war mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bereit gewesen, ein Täter zu werden. Er bricht im Kameralicht zusammen, vermutlich nicht nur, weil sein Leben ruiniert ist, sondern (hoffentlich) auch, weil er erkennt, was für ein Monster in ihm wohnt.

“Warum sprechen Sie nicht mehr mit mir”, fragt Krafft-Schöning. “Warum brechen Sie jetzt ein?” Man wundert sich ein bisschen, dass kein Schaum vor ihrem Mund steht.

Die pädophilen Männer in der Serie waren aller Wahrscheinlichkeit nach bereit, das Leben eines Kindes zu ruinieren, es psychisch und körperlich zu versehren, um sich selber sexuell zu befriedigen. Sie verdienen kein Mitleid. Aber ihre Menschenwürde darf nicht angetastet werden. Das steht – auch wenn es für Beate Krafft-Schöning schwer verständlich sein mag – im Grundgesetz.

Am schlimmsten an der Sendung ist vermutlich, dass sie unkreativen Pädophilen mit krimineller Ambition durchaus Anhaltspunkte gibt, wie Kinder am besten im Chat kennenzulernen sind. Gleichzeitig verhindert sie eine ernsthafte Diskussion darüber, wie man Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen kann. Ein Anhaltspunkt, dafür, wie groß die Aufgabe wirklich ist, und welche Kinder schnell zum Opfer werden können, war ein Satz der 12-jährigen Mandy: “Ich habe niemanden, dem ich vertraue.” Selbstverständlich vertiefte RTL2 diesen Punkt nicht. Man hätte ja keinen der ständig durchs Bild irrenden “Personenschützer” dafür gebraucht.

Mandy, ein kindliches Opfer sexuellen Missbrauchs, war auf RTL2 nicht verpixelt. Vermutlich hatte ihre Mutter die Einwilligung für die Kameraufnahmen gegeben. Der mediale Missbrauch nach dem sexuellen Missbrauch.

Die Sendung “Tatort Internet” verzerrt, stört, rauscht. In dieser Atmosphäre kann keine Debatte stattfinden, die so dringend notwendig wäre, denn niemand kann ernsthaft bestreiten, dass Grooming, also das Heranmachen an Kinder im Netz in sexueller Absicht ein ernsthaftes Problem ist, das es zu bekämpfen gilt. RTL2 hat sich leider dafür entschieden, eher eine Art Anleitung zu produzieren.

Am Ende verlieren die Kinder. Aber RTL2 macht Quote.

PS: Zu der Tatsache, dass sich Stephanie zu Guttenberg für das Format hergab, ist festzuhalten: Auf Twitter heißt sie spätestens seit gestern Abend #pornosteffi.

Mehr dazu morgen auf der Medienseite der SZ und Johannes Kuhn von sueddeutsche.de mit einer Nachtkritik.

(Foto: Actionpress)
25.05.10 | 17:09 | Digitalia | Meinung | 0 Kommentare

Google und Facebook Hand in Hand

In etwa sowas muss Peter Schaar, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, träumen, wenn er schlecht schläft: Dass man den Facebook-Account mit dem Youtube-Account zusammenlegen kann. Die Möglichkeit gibt’s ja schon länger für alle möglichen Seiten, aber das ist dann die Datenhochzeit zwischen jenen beiden Unternehmen, die die Spitzenpositionen auf den schwarzen Listen der Bürgerrechtler und Datenschützer einnehmen. (Youtube gehört zu Google.) Die folgenden Angebote erhält man mittlerweile auf Youtube, wenn man auf die Seite durch einen auf Facebook geposteten Link gelangt:

Und das wünscht sich Youtube von den Facebook Nutzern:

youtube-facebook-2

Update 26. Mai 2010: Google-Sprecher Henning Dorstewitz per e-Mail:
“Dank eines Vorganges, der “hybrid onboarding” genannt wird (siehe dazu auch unseren offiziellen Blogpost aus dem November 2009: http://googleblog.blogspot.com/2009/11/cutting-back-on-your-long-list-of.html), wird die Einrichtung eines YouTube-Accounts erleichtert, wenn man bei der Anmeldung freiwillig Daten aus seinem Facebook-Konto einfließen lässt. Die Anmeldung bei YouTube wird also vereinfacht aber nicht durch seinen Facebook-Zugang ersetzt.”

20.04.10 | 07:32 | Digitalia | Fatal viral | Meinung | 5 Kommentare

Telefoniert wird nur, wenn der Handy-Hersteller es erlaubt

Gizmodo präsentiert derzeit aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich das kommende iPhone, das ein Unbekannter in einer Bar gefunden hat. Interessante Geschichte und wohl kaum ein inszenierter PR-Gag von Apple, dazu ist das gefundene Produkt dann etwas zu fertig; sowas stellt man lieber selber vor. Schließlich will man das Interesse am Produkt vor der Markteinführung wach halten – und nicht befriedigen. Obwohl die Gizmodo-Leute das iPhone so liebevoll-begeistert besprechen wie es Steve Jobs nicht besser könnte.

Auch die Bilderstrecke lässt vermuten, dass man mit dem Gerät viel Spaß haben kann. Spaß, den der von Gizmodo unnötigerweise geoutete Apple-Programmierer, der das iPhone im Biergarten – wo auch sonst? – liegen gelassen hat, in nächster Zeit vermissen wird.

Dazu passt auch, dass Apples Chefjurist bereits ungemütlich wird. (“Please let me know where to pick up the unit.”) Wie ist das eigentlich rechtlich? Nachdem Gizmodo überzeugend selber den Beweis führt, dass das Gerät, das sie auseinander nehmen, nicht ihnen, sondern Apple gehört, hätte man es da nicht längst zurückgeben müssen?

Noch aufschlussreicher als das Fazit (“Freaking amazing.”) finde ich allerdings folgenden Satz: “Then, Apple remotely killed the phone before we got access to it.” Killerfeature!

15.04.10 | 11:41 | Digitalia | In eigener Sache | Meinung | 1 Kommentar

Reflektion in Echtzeit

“Zum Nachdenken”, sagte der Medientheoretiker Geert Lovink heute morgen in seinem Vortrag auf der Re:Publica, “braucht man Zeit.” Er machte eine kurze Pause und sagte dann: “Kein Mensch denkt in Echtzeit nach.

Während er sprach, beurteilte sein Publikum seine Aussagen bereits online auf Twitter. Grundsätzlich gilt auf dieser Konferenz: Wenn in einem Raum nicht mindestens 50 Prozent der Anwesenden simultan zum Vortrag denselben öffentlich beurteilen, dann liegt das nur daran, dass die Bandbreite des drahtlosen Netzes nicht für alle iPhones und Notebooks gleichzeitig ausreicht. Wenn man Lovink ernst nimmt, kommt man um das Fazit nicht herum, dass die Twitterer nicht nachdenken – sie kommunzieren nur. Ohne Tiefe. Oder?

Mehr zur Re:Publica online – fast in Echtzeit – im on-the-road-Blog von sueddeutsche.de; und Andrian Kreye schätzt und verlinkt Peter Glasers Eröffnungsrede.

Ein längerer Text von mir zur Konferenz erscheint am Samstag im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

26.03.10 | 18:03 | Gastbeitrag | Meinung | 17 Kommentare

Alvar Freude: Warum Kurt Beck falsch liegt

Vor einigen Tagen veröffentlichte Kurt Beck, rheinland-pfälzischer Ministerpräsident und Landesvorsitzender der SPD, auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung einen Text über Jugendmedienschutz im Internet. Wer den Text nicht gelesen hat, kann dies hier tun.

Ich habe Alvar Freude vom Arbeitskreis Zensur um eine Replik auf Becks Text gebeten. Hier ist sie:

Schon lange sind Teile von Politik und Wirtschaft von der Vorstellung beseelt, das Kommunikationsverhalten der Internet-Nutzer zu regulieren. Viele der in Deutschland immer wieder diskutierten Regelungen gehen auf eine Forderung zurück, wie sie von der Bertelsmann Stiftung 2000 formuliert wurde:

»Die Internet-Entwicklung gibt ihm [dem Internet-Nutzer] unweigerlich die Kontrolle darüber, welche Informationen und Inhalte ihn wann und wie erreichen. Das neue Medium ist nicht mehr auf Vermittler wie Verlage, Sender, Zeitungen oder die Musikindustrie angewiesen. Im Internet wird eine ‘Massenkommunikation’ von Individuum zu Individuum möglich. Auf diese Entwicklung hin zur Nutzerkontrolle sind wir bisher nicht vorbereitet. Wir müssen neue Regulierungsmechanismen entwickeln.«

(Dr. Marcel Machill, Jens Waltermann: Verantwortung im Internet, Selbstregulierung und Jugendschutz, Seite 9f.; Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2000)

In Zeiten, in denen Bertolt Brechts Radiotheorie Wirklichkeit zu werden scheint und jeder Empfänger von Informationen auch zum Sender werden kann, macht sich die Angst vor dem mündigen Internet-Nutzer breit. Nirgendwo wird diese öffentlich so deutlich ausgesprochen wie beim Thema Jugendschutz. Dabei wird nicht die Frage gestellt, wie Kinder und Jugendliche lernen sollen mit problematischen Inhalten umzugehen. Es wird gleich die Lösung für das vermeintliche Problem präsentiert: Filterprogramme sollen Schund und Schmutz ausblenden. Dass die Medienpädagogik seit langem einhellig auf mehr Medienkompetenz bei Eltern, Lehrern und Schülern drängt und Filterprogramme sich in den letzten 15 Jahren als untauglich erwiesen haben, schreckt die Befürworter nicht ab.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsitent Kurt Beck und Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder wirbt in der Süddeutschen Zeitung vom 20. März für seine Vorstellungen vom Jugendschutz im Internet und für den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, der in der Zwischenzeit von den Ministerpräsidenten der Länder beschlossen wurde. Auch hier wird einseitig auf Filtermaßnahmen gesetzt.

Die Behauptung von Kurt Beck, die „Freiheit erwachsener Internetnutzer“ werde mit dem Gesetz nicht angetastet, ist so offensichtlich falsch, dass man sich die Frage stellen muss, ob Beck falsch informiert wurde oder den Leser bewusst in die Irre führt. Denn der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag enthält nicht nur Regelungen zu absolut „unzulässigen Angeboten“, die – ergänzend zu bestehenden strafrechtlichen Regelungen – auch Erwachsenen verwehrt sind. Zusammen mit dem Rundfunk-Staatsvertrag besteht weiterhin die Möglichkeit von Internet-Sperren: die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) kann Internet-Zugangsanbieter verpflichten, ausländische Webseiten zu blockieren – ähnlich wie dies auch im umstrittenen Zugangserschwerungsgesetz vorgesehen war. Dass dies bewusst so geregelt ist bestätigte Martin Stadelmaier, Chef der Mainzer Staatskanzlei. Die KJM hat in ihrem „Dritten Bericht“ bereits entsprechende Sperrverfügungen angekündigt, sofern die Zugangsanbieter nicht „freiwillig“ mitspielen. Zwar mag es sein, das die KJM und ihr Vorsitzender Prof. Wolf-Dieter Ring sich angesichts des Protestes gegen das Zugangserschwerungsgesetz nicht trauen werden, entsprechende Verfügungen zu erlassen – im Gesetz sind sie gleichwohl vorgesehen.

Weiterhin behauptet Kurt Beck, der neue Jugendmedienschutz-Staatsvertrag bringe „keine neuen Verpflichtungen für Inhalteanbieter“. Auch hier ist der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder über sein eigenes Gesetz falsch informiert: der Entwurf verlangt von allen Betreibern von Webseiten, deren Inhalte für Kinder ab sechs Jahren entwicklungs- oder erziehungsbeeinträchtigend sein können, technische Schutzmaßnahmen. Eine „Erziehungsbeeinträchtigung“ ist schnell gegeben. Freiwillig ist dabei nur die Wahl der Methode: eine Altersverifikation beispielsweise mittels Post-Ident-Verfahren scheidet aufgrund der hohen Kosten meist aus, eine „Sendezeitbegrenzung“ aus technischen Gründen ebenfalls. Bleibt die Möglichkeit, Inhalte mit einer Alterskennzeichnung zu versehen.

Auf den ersten Blick und für Laien ist die Alterskennzeichnung durchaus eine interessante Methode. Wer sich aber schon etwas länger mit der Thematik befasst wird sich verwundert die Augen reiben: dieses Verfahren wurde schon vor rund 15 Jahren als untauglich verworfen:

Das Internet ist ein globales Medium, mit globalen Inhalts-Anbietern und globalen Nutzern. Dennoch herrschen beispielsweise in den USA und Deutschland andere Vorstellungen davon, wie viel nackte Haut oder Gewalt für ein 8-jähriges Kind erträglich sind. Inhalte lassen sich nicht neutral und zur allgemeinen Zufriedenheit einordnen, es gibt keinen verbindlichen Wertekanon für weltweit Alle. Eine starre Alterseinstufung, wie sie im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag vorgesehen ist, ist daher vollkommen untauglicher Unfug.

Aber auch ein rein beschreibendes Verfahren, bei dem angegeben wird wie viel Sex, Gewalt oder Drogenkonsum auf einer Webseite vorkommt, kann nicht funktionieren: AIDS-Beratung, die sich explizit an Jugendliche wendet, muss deren Sprache verwenden und auch über Sexualität berichten. Damit müsste die Seite aber auch entsprechend gekennzeichnet werden, und würde damit die gewünschte Zielgruppe aussperren.

Ein weiteres Problem: Echtzeitkommunikation, wie sie an vielen Stellen im Netz auftritt, lässt sich überhaupt nicht kategorisieren.

Ausländische Webseiten werden sich kaum an deutsche Auflagen zur Alterskennzeichnung halten. Als Folge wird eine deutsche Schülerin weder die Webseite einer französischen Austauschschülerin noch die ihrer Schule anschauen können – nicht gekennzeichnete Seiten werden von den Filterprogrammen üblicherweise blockiert. Die Folge ist eine Inselbildung und damit die Nationalisierung des globalen Mediums Internet.

Der Aufwand zur Kennzeichnung ist sehr hoch. Er stellt die Inhalte-Anbieter vor unlösbare Probleme. Wie soll es beispielsweise die deutschsprachige Wikipedia leisten, über eine Million Artikel zu kennzeichnen? Wie sollen die Millionen Blogger es leisten, nachträglich alle ihre bisherigen Beiträge zu kennzeichnen? Wie sollen die Milliarden Videos bei Youtube oder die vielen Textschnippsel bei Twitter kategorisiert werden?

Die einzig praktikable Lösung für die Mehrheit der Anbieter wäre, alle Inhalte ab 18 zu kennzeichnen. Dies würde das ganze Konzept aber wieder ad absurdum führen.

Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag und die de facto Pflicht zur Alterskennzeichnung werden – sofern die Regelungen tatsächlich durchgesetzt werden – zu einer Verarmung der deutschen Internet-Landschaft führen. Für die Innovationsfähigkeit des Netzes wird es der größte Rückschritt der letzten Jahre. Privatpersonen und kleine Unternehmen können es sich nicht leisten, ihre eigenen Inhalte sowie diejenigen, die ihre Nutzer beisteuern, zu bewerten und zu kennzeichnen. Neue, innovative Projekte werden behindert, der Fortschritt wird gebremst und die deutsche Internetwirtschaft wird international benachteiligt.
Aber für Politiker wie Kurt Beck, die das Internet nur von Papier-Ausdrucken kennen, ist es ja nur eine technische Regulierung. Sie verstehen nicht, dass mit einer inhaltlichen Vorabkontrolle ein großartiger sozialer und kultureller Raum zerstört und gleichzeitig nichts für den Jugendschutz erreicht wird.

Die gesamte Idee hinter dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, einseitig technische Filtersysteme zu propagieren und das Internet mit dem Rundfunk gleich zu setzen, ist schon im Ansatz verfehlt. Ein Umdenken ist dringend erforderlich. Internet und Rundfunk sind zwei komplett unterschiedliche Medien und müssen auch getrennt behandelt werden.

Ja, Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung. Wer aber wie Kurt Beck diese an Technik deligieren will, der handelt unverantwortlich.

26.03.10 | 18:02 | Gastbeitrag | Meinung | 9 Kommentare

Kurt Beck zum Jugendschutz im Internet: Behüten, wo es nötig ist

Ein sicheres Netz für Kinder: Jugendmedienschutz widerspricht nicht der Freiheit des Internet

Für Blogger und Netzaktivisten ist das Internet ein Medium der gelebten Freiheit; wer sie beschränken will, rückt leicht in Nähe autoritärer Regime wie China oder Iran. Umstritten ist beispielsweise auch die noch von der großen Koalition beschlossene Vorschrift (“Zensursula”-Gesetz) zur Sperrung von kinderpornografischen Internetseiten. Auf der anderen Seite steht die Forderung von Jugendschützern, Minderjährige besser vor ungeeigneten und gefährlichen Inhalte aus dem Internet zu bewahren. Das soll nun ein neuer Jugendmedienschutz-Staatsvertrag erreichen. In der kommenden Woche, am 25. März, wollen die Ministerpräsidenten der Länder abschließend über den Vertragsentwurf entscheiden. Auch gegen dieses Gesetzesvorhaben gibt es Proteste von Netzaktivisten (“Kindernet”). Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, SPD, Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder, wirbt für das Modell, er sagt: Die Freiheit erwachsener Internetnutzer wird nicht angetastet.

Die Jugend soll ihren eigenen Weg gehen, aber ein paar Wegweiser können nicht schaden.” Pearl S. Buck, Literaturnobelpreisträgerin von 1938, beschreibt damit unbeabsichtigt die Verantwortung, vor der wir gut 70 Jahre später in einer sich permanent verändernden Mediengesellschaft stehen.

Um was geht es, wenn wir heute über Jugendmedienschutz sprechen? Es geht vor allem darum, Kindern und Jugendlichen die großartigen Möglichkeiten des Netzes zu eröffnen und sie vor verstörenden Inhalten zu schützen. Wir stehen vor der Herausforderung, Eltern einen Weg aufzuzeigen, wie sie Verantwortung für ihre Kinder auch im Netz wahrnehmen können. Diese Verantwortung kann und darf der Gesetzgeber den Erziehungsberechtigten, die zugleich Erziehungsverpflichtete sind, nicht abnehmen. Deshalb wäre das Ansinnen, das Internet als flächendeckendes “Kindernetz” auszugestalten, falsch. Falsch auch deshalb, weil die Kommunikationsfreiheit der Erwachsenen nicht eingeschränkt werden darf. Freiheit bedeutet aber immer auch Verantwortung. Verantwortung all derer, die im Netz kommunizieren und Verantwortung des Staates, dem der Jugendschutz als verfassungsrechtliche Pflicht aufgegeben ist.

Nach meinem Verständnis bedeutet daher moderne Regulierung im Netz, Rahmenbedingungen für eine gemeinsam getragene Verantwortung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu schaffen.

In diesem Verständnis steht der Novellierungsentwurf des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags der Länder, der zum Jahresbeginn 2011 in Kraft treten soll. Er begründet keine neuen Verpflichtungen für Inhalteanbieter. Er enthält aber Wegweiser, wie die verschiedenen Akteure ihrer Verantwortung gegenüber Kindern und Jugendlichen nachkommen können. Richtungsweisend ist die freiwillige Alterskennzeichnung von Internetinhalten. Sie soll anerkannten Jugendschutzprogrammen als Filterkriterium dienen. Das sind nutzerautonome Programme, die Eltern auf ihrem Rechner installieren und aktivieren können, wenn ihr Kind im Netz surft. Nur wenn sich Eltern dafür entscheiden, ein Jugendschutzprogramm zu aktivieren, werden anhand der freiwillig vorgenommenen Alterskennzeichnung Inhalte ausgefiltert, die oberhalb der von den Eltern eingestellten Altersstufe liegen. Ob nicht gekennzeichnete Seiten ausgefiltert werden, können Eltern bei der Aktivierung des Programms gesondert einstellen. Die Filterung findet also ausschließlich durch den Nutzer selbst und nicht netzseitig statt. Dadurch wird sichergestellt, dass der Jugendschutz nur dort effektiv wirkt, wo er nötig ist. Die Kommunikationsfreiheit der Erwachsenen im Netz bleibt unangetastet.

Moderner Jugendmedienschutz fordert Verantwortung dort ein, wo sie auch entsteht: von Anbietern für ihre Inhalte und von Eltern für ihre Kinder. Er steht im Gegensatz zu einer Regulierung, die mit dem Aufbau einer netzseitigen Sperrinfrastruktur jedwede Verantwortung auf die Zugangsprovider abwälzt. Eine Sperrinfrastruktur wird im Novellierungsentwurf der Länder weder vorausgesetzt noch gefordert. Die Schlüsselposition der Zugangsprovider wird an anderer Stelle aufgegriffen. Sie sollen verpflichtet werden, ihre Kunden auf die Möglichkeit hinzuweisen, ein Jugendschutzprogramm zu installieren beziehungsweise entsprechende Programme zum Download anzubieten. Eltern erhalten also über sie einen Wegweiser zu den Schutzmöglichkeiten für ihre Kinder und somit Unterstützung bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung.

Die Eltern entscheiden

Aber auch Inhalteanbieter sollen unterstützt werden, wenn sie sich für eine freiwillige Kennzeichnung ihres Angebots entscheiden. Bereits 2011 soll ein leicht handhabbares Selbstklassifizierungssystem von den anerkannten Einrichtungen der Freiwilligen Selbstkontrolle zur Verfügung gestellt werden.

Seit 2003 tragen private Einrichtungen der Freiwilligen Selbstkontrolle und staatliche Stellen gemeinsam die Verantwortung für die Regulierung im Jugendmedienschutz. Dieses für ganz Europa richtungweisende Modell wurde vom Hans-Bredow-Institut wissenschaftlich begleitet. Die Evaluation bestätigt, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist. Diesen Weg gehen die Länder weiter: mit einem gesetzlichen Rahmen, der Raum lässt für eine gemeinsame Ausfüllung mit der Internetwirtschaft, und der Wege für verantwortliches Handeln im Netz weist und Unterstützung anbietet. Wer diesen Entwurf als Einschränkung der Freiheit im Netz sieht, der will sich seiner Verantwortung nicht stellen.

Die Wegweiser haben das Ziel, Kindern altersadäquate Surfräume im Internet zu eröffnen. “Frag Finn”, der auf einer “Whitelist” basierende sichere Surfraum für Kinder bis zwölf Jahre, den Bund und Länder 2007 mit ihren Partnern gemeinsam geschaffen haben, ist hierfür elementarer Baustein. Aber da Kinder anders als im Buchtitel der Nobelpreisträgerin Buck The child who never grew größer werden und damit auch ihre Ansprüche an ihren Surfraum im Netz, ist das System der freiwilligen Alterskennzeichnung eine wichtige Ergänzung. Ein Wegweiser, der ganz gewiss nicht schadet, wenn die Jugend ihren eigenen Weg geht.

© Süddeutsche Zeitung, 2010

Eine Replik zu diesem Text hat Alvar Freude für die Schaltzentrale verfasst. Sie ist hier veröffentlicht.

17.03.10 | 15:08 | Digitalia | Meinung | 0 Kommentare

Es sind doch nur ein paar Kundendaten

Seit Vodafone mit der Werbekampagne “Es ist Deine Zeit” einen Wandel in der Kundenkommunikation avisierte, gibt es einen Vodafone-Blog, in dem nach Unternehmens-Angaben “Mitarbeiter und Gastautoren zu allen Themen bloggen, die Vodafone bewegen”:

Dazu gehört offensichtlich nicht der Bericht des Wirtschaftsmagazins Capital, nach dem rund 200 000 vertrauliche Kundendaten der früheren Vodafone-Tochter Arcor, die 2008 mit dem Mutterkonzern verschmolzen wurde, so wie Daten weiterer Firmen über dubiose Callcenter-Betreiber auf dem Schwarzmarkt gelandet sein sollen.

Sascha Lobo, der zum Start der Kampagner nicht nur als Werbefigur, sondern auch als Berater zu Vodafone geholt wurde, schrieb damals: “Es gibt den Anfang eines Dialogs, zu dem Vodafone bereit ist – der muss weiterverfolgt werden. (…) Vom Produkt- und Tarifangebot bis zu den wichtigen gesellschaftlichen Fragen der Netzwelt. Dass Vodafone das wirklich ernst meint, glaube ich, weil ich starke Anzeichen sehe.” (Bericht über die Kampagne, Juli 2009)

Lobo scheint bei Vodafone fast so viel Einfluß zu genießen, wie bei der SPD, wo er im “Online-Beirat” sitzt. Drei Abgeordnete der SPD stimmten gegen die Netzsperren, wie von Lobo geraten. 190 stimmten für das Gesetz.

Für Vodafone gilt: Chance verschenkt!

Auf Anfrage sagte man mir in der Vodafone-Pressestelle, das Thema würde im Blog nicht vorkommen, weil man genug damit zu tun habe, die Anfragen der klassischen Medien zu bedienen; darüber hinaus sei die zuständige Mitarbeiterin krank.

17.02.10 | 17:35 | Meinung | 2 Kommentare

Kindergarten Bundesregierung

Eine siebenfache Mutter muss gelegentlich Entscheidungen treffen, die unpopulär sind. Gemüse muss zum Beispiel einfach sein. Und wenn David Echter, Sophie Charlotte, Maria Donata, Victoria Ursula, Johanna Gertrud, Egmont Ulrich und Gracia Diotima noch so quengeln. Problematisch wird es, wenn die Mutter Ministerin ist und nicht schnell genug zwischen Familie und Volk umschalten kann. Zwischen erziehen und regieren. Dann entstehen Gesetze wie das Netzsperrengesetz, das Ursula von der Leyen dem Volk aufgetischt hat. Unbeeindruckt von der Tatsache, dass Tausende dagegen demonstrierten. Und sämtliche Experten die Gesetzesinitiative mehr oder weniger höflich als fehlgeleitet beurteilten.

Der Murks geht weiter: Denn jetzt will die Bundesregierung das eigene Gesetz an dessen entscheidendem Punkt ignorieren, und Webseiten eben nicht sperren, stattdessen löschen. Das ist sinnvoll, aber vom Ablauf her mit der Handlung eines Kindes vergleichbar: Erst wird ein Loch in den Luftballon gestochen und dann versucht, ihn aufzublasen.

“Das haben wir noch nie gehabt”, sagt Wolfgang Bosbach (CDU) in der Süddeutschen Zeitung von morgen zur Frage, wann der Bundespräsident zum letzten Mal ein Gesetz in Kraft gesetzt hat, das die Regierung in weiten Teilen zu ignorieren gedenkt.

Das hätten wir nie haben dürfen, denken dagegen die 134 014 Deutschen, die gegen das Gesetz im Netz unterschrieben haben.

11.02.10 | 16:49 | In eigener Sache | Meinung | 3 Kommentare

Nicht dasselbe zu schreiben ist auch nicht okay?

Ermüdend sind die zahlreichen Leserkommentare, aber auch die Texte vieler Blogger zur Hegemann-Debatte. Tenor der Texte von all den selbsternannten Kritikern der Kritiker, die ich mir nicht die Mühe mache, alle zu verlinken: Erst habe das Feuilleton das Buch gelobt, jetzt – nachdem bekannt ist, dass viele Stellen abgeschrieben sind – würde man das Buch auch inhaltlich zerreißen. Stellvertretend für den ganzen Unfug ein Text von Rainer Meyer, der sich als Mitglied eines “deutschen Feuilletons” “beim Internet” entschuldigt. Warum auch immer.

Als könnten mehrere Kritiker nicht auch unterschiedliche Meinungen vertreten. Als gebe es “das deutsche Feuilleton”, eine geschlossene Instanz, die entweder lobt oder verdammt. In der Süddeutschen Zeitung wurde das Buch und die Autorin erst gelobt. Und in der aktuellen Ausgabe schreibt Feuilleton-Chef Thomas Steinfeld eine vernichtende, eine furiose Kritik über das Buch, denn natürlich ist der Bekanntheitsgrad des Werkes durch die Vorberichterstattung und die Plagiatsdebatte massiv gestiegen. In seiner Kritik findet dies Debatte, aber eben auch klassische Literaturkritik statt. Wer den Text gelesen hat, weiß auch: Steinfeld zerreißt das Buch weniger der Plagiate wegen als aus ganz anderen Gründen.

Und ich glaube kaum, dass Maxim Biller, der das Buch (sehr) lobte, es jetzt plötzlich als schlechtes, nicht lesenswertes Werk betrachtet. Selbst wenn er möglicherweise mit dem Vorgehen der Autorin nicht einverstanden ist.

Update: Morgen äußern sich im SZ-Feuilleton einige Kritiker zur Frage, wie sie Hegemann so loben konnten. Lesenswert! (Jetzt auch online)

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