In der Wikipedia knallt es heftig. Darüber habe ich Anfang der Woche im Feuilleton der SZ berichet: Exklusionisten kämpfen gegen Inklusionisten und streiten über die Relevanzkriterien von Artikeln. Und die Möglichkeit, dem mit Wikipedia asoziierten Verein Wikimedia Geld zu spenden, wird für wütende Kritik missbraucht. Einer der Hauptkritiker ist der Softwareexperte Felix von Leitner (im Netz besser bekannt als Fefe), der in seinem Blog eindeutig Stellung bezieht. Ihm gegenüber steht im Streitgespräch der Schaltzentrale der Geschäftsführer von Wikimedia, Pavel Richter.
Die Diskussion wurde per e-Mail geführt, direkte Reaktionen zwischen den beiden Sprechern erfolgten im Kommentarstil und schließen daher inhaltlich nicht immer direkt aneinander an.
Herr von Leitner, Sie haben Wikimedia in den letzten Tagen relativ harsch und an mehreren Stellen kritisiert. Könnten Sie Ihre Kritik und Ihre Forderungen nochmal in wenigen Sätzen zusammen fassen?
Felix von Leitner: Gerne. Wikimedia kam erst später dazu, die Debatte drehte sich ursprünglich um die Wikipedia, genauer um die Relevanzkriterien in der Wikipedia. Anhand dieser wird entschieden, ob ein Artikel in der Wikipedia bleiben kann oder rausgelöscht wird. Dann kam die Spendendebatte dazu, weil die Spendenkampagne der Wikimedia e.V. psychologisch unklug den Eindruck erweckt, das hier gesammelte Geld käme direkt und unmittelbar der Wikipedia zugute. Das stimmt leider nur zum Teil. Wikimedia versucht auch nicht, mehr Einfluß auf Wikipedia zu nehmen, um strukturelle Probleme wie die seit Jahren stagnierende Neuartikelquote zu lösen.
Herr Richter, haben Sie mit Ihrem Spendenaufruf einen falschen Eindruck erweckt?
Pavel Richter: Nein. Jede Spende für Wikimedia Deutschland kommt direkt und unmittelbar der Wikipedia und ihren Schwesterprojekte zugute. Wir betreiben ein Rechenzentrum in Amsterdam (Aufwand in diesem Jahr: über 100.000 Euro), das allen Wikipedia-Projekten weltweit zu Gute kommt. Wir haben einen Software-Entwickler angestellt, der “MediaWiki”, die Software hinter der Wikipedia, weiter verbessert. Wir haben externe Aufträge in diesem Jahr vergeben, um die Wikipedia benutzerfreundlicher zu machen. All das wird aus Spendengeldern bezahlt und dient direkt der Wikipedia.
Wikimedia Deutschland unterstützt die Wikipedia (und andere Projekte, wie Wikisource, Wikiversity, Wikimedia Commons, etc.) aber nicht nur technisch, sondern auch auf viele andere Arten: durch Autorentreffen und Workshops, durch Literaturstipendien und die Digitalisierung historischer Dokumente. Wir haben über 350.000 Bilder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wir gehen an Schulen und vermitteln den kritischen Umgang mit der Wikipedia. Wir sind mit unserer Geschäftsstelle in Berlin aber auch Ansprechpartner für die Öffentlichkeit (daher haben wir eine Pressesprecherin), und immer wieder auch von Anwälten.
Dazu kommt noch jede Menge Unterstützung für die internationale Wikimedia-Bewegung. Hierzu zählt u.a. das jährliche Treffen “Wikimania” und das internationale Chapter-Meeting. Dabei finanzieren wir Reisekosten für Wikipedianer aus vielen Ländern, damit diese an den Treffen teilnehmen können.
von Leitner: Der Teufel liegt im Detail. Wikimedia hat kein Rechenzentrum (kriegt man nicht für 100.000 Euro), sondern hostet da ein paar Server bei jemand anderem in dessen Rechenzentrum. Sicher, dieser Punkt ist nur Semantik, aber es zeigt, dass der Geschäftsführer von Wikimedia selber nicht so genau weiß, was sein Verein eigentlich in Amsterdam betreibt. Auf diesen Servern liegt auch nicht die Wikipedia, sondern das sind nur Proxy-Server, weil der Verein Angst hat, juristisch angreifbar zu werden, wenn er selber Inhalte ins Internet stellt.
Richter: Erstmal sind die 100.000 Euro die Summer für 2009, hier liegt der Teufel tatsächlich im Detail. Inhaltlich bleibt es dabei, was wir da machen kommt direkt der Wikipedia und den anderen Projekten zugute, egal wie man es nennt. Leider sagt Herr von Leitner dazu nichts.
von Leitner: Die letzte Digitalisierungs-Sache liegt meines Wissens mehrere Jahre zurück. Was für aktuellere Digitalisierungsprojekte gibt es denn da gerade?
Richter: Auch hier gilt: Einfach mal nachfragen! Da kann man z.B. bei Wikisource gucken, was die so machen. Und die letzte Digitalisierung mit Spendengeldern ist das hübsche Buch von Joseph von Eichendorff, “Aus dem Leben eines Taugenichts”, und “Das Marmorbild”. Wer es lesen möchte, klickt hier. Keine großen Summen, aber für die dortige Wikisource-Community wichtig.
von Leitner: Die 350.000 Bilder sind in der Tat neu und ein gutes Projekt, die kamen allerdings schon digital vom Bundesarchiv.
Richter: Hier geht es um die Gespräche mit Kooperationspartnern wie dem Bundesarchiv, die wir geführt haben, nicht ums Digitalisieren – nicht alles ist reine Technik, Herr von Leitner.
von Leitner: Wenn ich gemein wäre, könnte ich jetzt fragen, was Sie denn als Ergebnisse für ihre Software-Weiterentwicklung vorzuweisen haben. Auf ihrer Homepage sieht man drei Projektmanager und einen Softwareentwickler. Sollte das nicht andersherum sein?
Richter: Die Softwareprojekte hatten wir hier be- und ausgeschrieben: Die laufen gerade, Ergebnisse werden an gleicher Stelle dargestellt, sobald sie fertig sind. Und die Verbesserung der Software ist ein internationaler Ansatz, da arbeitet ein Heer von Freiwilligen ebenso mit wie die Entwickler der Wikimedia Foundation mit. Und warum haben nur Softwareentwickler etwas zur Wikipedia beizutragen, Projektmanager, die sich etwa um Bilderbefreiung oder unser Seniorenprojekt kümmern, aber nicht? Die Wikipedia ist ein vielschichtiges Projekt, das man nicht auf Software und Server reduzieren kann.
von Leitner: Was glauben Sie denn, was ein typischer Spender glaubt, wofür seine Spende verwendet wird? Eine Zedler-Medaille? Knapp 11000 Euro sind 2008 in Büromaterialien und Zeitschriften fürs Wikimedia-Büro geflossen. Laut ihrer Homepage haben Sie 11 Mitarbeiter. Das sind aber viele Zeitungen!
Richter: Der “typische Spender” möchte, davon gehe ich aus, die Wikipedia fördern, in all ihrer Breite und in allen Aspekten. Die Technik ist ein Teil davon, aber eben nur einer von mehreren. Ich hatte ja bereits erklärt, was wir in diesem Jahr machen, wohin das Geld geht. Zum Posten “Büromaterial, Bücher und Zeitschriften”: Wir sind in 2008 in neue Räume gezogen, in dem Posten stecken daher jede Menge Einmalkosten; aber natürlich kostet der Betrieb einer Geschäftsstelle Geld, auch für Büromaterial und Bücher. Und auch das Literaturstipendium des Vereins ist in dem Posten enthalten, damit schaffen wir Bücher an und stellen diese Wikipedianern zur Verfügung. Diese erstellen damit neue Artikel oder verbessern bestehende.
von Leitner: Mal etwas grundlegender: Was meinen Sie mit “freiem Wissen”? Ist Freiheit nicht immer die Freiheit des Nutzers, selber zu entscheiden, welche Artikel er für relevant hält und welche nicht?
Richter: Das “frei” in Freiem Wissen steht für mich für die Freiheit der Weiternutzung, für die Freiheit des Zugangs, die Freiheit, dazu beizutragen, aber auch die Freiheit von Werbung, von politischen, religiösen, weltanschaulichen Vorurteilen und Sichtweisen. Wissen ist aber auch nur dann wirklich frei, wenn Menschen nicht nur die technischen Voraussetzungen zum Zugang haben, sondern wenn keine Bildungsschranken und keine sozialen Schranken sie an der Nutzung hindern. Im Kleinen dient dazu etwa unser Schulprojekt, das wir im nächsten Jahr deutlich ausbauen wollen: Hier wird Schülern anhand der Wikipedia Mediennutzung und Medienkompetenz vermittelt. Und mit unserem Projekt speziell für Senioren schaffen wir hoffentlich die Möglichkeit, dass diese ihr lebenslang erworbenes Wissen allen anderen Menschen frei zugänglich machen. Das alles ist für mich “Freies Wissen”.
von Leitner: Wenn Sie sich dem freien Wissen verpflichtet fühlen, wieso betreiben Sie dann nicht eine Deletionpedia (das ist eine Wikipedia mit den aus der Hauptwikipedia gelöschten Artikeln, damit die nicht verloren sind)?
Richter: Erstens birgt der Betrieb einer “Deletionpedia” unkalkulierbare rechtliche Risiken (Urheber-, Persönlichkeitsrecht, etc.), die der Verein nicht eingehen kann. Aber auch hier ist der technische Aspekt nicht alles: Wichtiger noch ist, dass der Umgang mit gelöschten Artikeln etwas ist, was innerhalb der Wikipedia diskutiert und entschieden werden muß. Der Verein kann und will dem nicht vorgreifen. Die Diskussion ist im Projekt in vollem Gange, etwa hier. Parallel wird derzeit ein Meinungsbild vorbereitet. Konkret geht es darum, ob in Zukunft ein deutlich größerer Kreis von Leuten gelöschte Artikel einsehen kann als bisher.
von Leitner: Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass Levitation-Projekt großzügig zu unterstützen? Das ist ein externes Projekt, den Unterbau der Wikipedia zu modernisieren.
Richter: Unsere Spendergelder fliessen primär in die Förderung, Verbreitung und Sammlung Freien Wissens, insbesondere in die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte. Der Verein hat gerade die Schwerpunkte und Aufgaben fürs nächste Jahr festgelegt und wir sind sicher, damit unsere Ziele sehr gut verfolgen zu können. Innerhalb der Community wird das Levitation-Projekt, das ja auch noch ziemlich neu ist, interessiert begleitet und diskutiert. Möglichkeiten der Zusammenarbeit oder der Unterstützung können sich daraus zukünftig durchaus ergeben.
von Leitner: Wenn Wikimedia angeblich keinerlei Einfluß auf Wikipedia hat, wieso geben die Wikimedia-Mitarbeiter dann nicht ihre Admin- und Bürokraten-Rechte in der Wikipedia zurück? Es sind die vielen kleinen Details, die hier Grund zur Kritik geben, nicht das große Bild von oben.
Richter: Ich habe den Eindruck, dass wir beide aus unterschiedlichen Ecken kommen: Sie betrachten Wikipedia offensichtlich hauptsächlich aus der technischen Perspektive, Spendengelder sollen primär in Hard- und Software fliessen, etc. Das kann man so sehen, aber es ist eben nicht die Sichtweise des Vereins, für den ich arbeite. Wir haben einen deutlich breiteren Ansatz, sehen auch den gesellschaftlichen Aspekt der Verbreitung Freien Wissens, fördern Wikipedia-Autoren, wo wir das können, und versuchen, das Projekt national und international zu vernetzen. Keine Frage, viele der Vorschläge und Kritikpunkte von Ihnen sind wichtig und richtig, einiges hätte man auch durch einfaches Nachfragen klären können. Sicherlich ist noch nicht alles perfekt bei uns; wir sind ein kleines Team, das eine der populärsten Websites im deutschsprachigen Raum unterstützt, mit einer großartigen Community zusammen.
Herr Richter, Herr von Leitner, herzlichen Dank für das Gespräch.