04.05.11 | 21:45 | Meinung | 25 Kommentare

Ach nee, doch nicht

Meine Damen und Herren, die Nachrichten:

Osama bin Laden lebte in einer Luxusvilla.

Osama bin Laden lebte nicht in einer Villa.

Osama bin Laden war beim Schusswechsel mit einer AK 47 bewaffnet.

Osama bin Laden war beim Schusswechsel nicht bewaffnet.

Osama bin Laden missbrauchte wohl eine seiner Ehefrauen als menschliches Schutzschild, sie wurde dabei erschossen.

Osama bin Laden missbrauchte eine seiner Ehefrauen nicht als Schutzschild, sie lebt.

Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner informiert und hat ihn mit eigenen Soldaten unterstützt.

Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner nicht informiert und kritisiert ihn nun.

Pakistan hat den Aufenthaltsort von Osama bin Laden vertuscht.

Pakistan will die Amerikaner über das Haus in Abbottabad informiert haben.

Barack Obama hat den Kampfeinsatz live über die Helmkamera eines Soldaten verfolgt.

Barack Obama hat den Kampfeinsatz nicht live gesehen.

Die Tötung von bin Laden war rechtens.

Gezielte Tötungen sind völkerrechtswidrig.

Eine Demokratie darf töten.

Der Codename der Kommando-Aktion gegen Bin Laden war Geronimo.

Der Codename für Bin Laden war Geronimo. Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner sind daher wütend.

Angela Merkel freut sich über bin Ladens Tod.

Angela Merkel freut sich nur darüber, dass bin Laden keine Menschen mehr töten kann.

Bin Ladens Nachbarn kam sein Haus verdächtig vor.

Bin Ladens Nachbarn kamen das Haus und seine Bewohner eher nicht verdächtig vor.

Klar, da oben habe ich viel zusammen gestellt, was sich eigentlich unterscheidet: In der Liste sind einerseits Richtigstellungen von Nachrichten aufgeführt. Darunter auch solche, die erst durch Richtigstellungen der Quellen (wie zum Beispiel dem Weißen Haus) notwendig wurden. Dann finden sich da noch unterschiedliche Interpretationen und Sichtweisen von Gesagtem oder Erlebtem und auch Statements von Beteiligten und Unbeteiligten. Manche der Sätze sind Zitate.

Klar ist auch: In Kommentaren oder Interviews können jederzeit unterschiedliche Meinungen vertreten werden. Zum Beispiel wird ausgerechnet im Neuen Deutschland, dem Nachfolgeorgan des gleichnamigen SED-Propagandablattes, berichtet, dass gezielte Tötungen völkerrechtswidrig seien, wogegen Herfried Münkler auf Spiegel Online erklärt, dass eine “Demokratie töten darf”. Und natürlich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass Osama bin Ladens Haus dem einen Nachbarn verdächtig vor kam, dem anderen aber nicht.

Man könnte jetzt hervorragend darüber fachsimpeln, ob eine Demokratie völkerrechtswidrig handeln darf oder welchen Blick die unterschiedlichen Nachbarn auf Osama bin Ladens Grundstück hatten – aber darum geht es nicht. Es geht um das Chaos, das wir Journalisten seit Tagen produzieren.

Denn so wichtig Meinunsgpluaralität auch ist: In der Liste stehen eine Menge Fakten, die nur wahr oder unwahr sein können. Entweder es gab eine Helmkamera oder nicht. Entweder die Frau lebt oder nicht. Entweder ein Haus ist eine Luxus-Villa oder nicht.

Wir Journalisten sind dazu da, Fakten zu recherchieren und sie einzuordnen. Wie kann es sein, dass ein Artikel (im Video) mit einer Bruchbude bebildert ist, aber darüber irgendwas von Luxusvilla steht? Erwarten Leser nicht gerade im Jahr 2011, dem gefühlt anstrengendste Jahr seit, äh, Menschengedenken, Klarheit, Faktensicherheit und Einordnung?

Das Chaos ist bemerkenswert, aber erklärbar.

Falsch- und gezielte Desinformation grundsätzlich seriöser Quellen machen vielen Kollegen die Arbeit derzeit besonders schwer bewältigbar: Solange sich Offizielle der amerikanischen Regierung selbst und gegenseitig widersprechen, bleibt Journalisten kaum anderes übrig, als über die Widersprüche, die dabei entstehen, zu berichten. Zahlreiche Quellen widersprechen sich derzeit auch in simplen Details, und man darf annehmen, dass Geheimdienste und Regierungen in diesem speziellen Fall vieles dafür tun, Wahrheiten und Fakten zu verschleiern.

Und die Leser? Ich kenne kaum welche, die – zumal online – aufmerksam und medienkritisch genug wären, einer Geschichte, die mit vielen “wohl” und “möglicherweise” geschrieben ist, und die möglicherweise (sic!) ein paar Stunden später revidiert wird, einen viel kürzeren Text vorzuziehen, in dem die Redaktion bekennt, zum Faktencheckt für ein längeres Stück noch mindestens ein paar Stunden zu benötigen?

Aber auch der eigenen Zunft muss man einen Vorwurf machen – obwohl man als Journalist vielleicht um Entschuldigung bitten darf, indem man ehrlich ist: Es ist im täglichen Nachrichtenstress gelegentlich schwer, jenen hehren Anspruch, den man an sich selber als Kontrollinstanz in einer Demokratie jederzeit zu stellen hat, zu verwirklichen. Niemand arbeitet permanent fehlerfrei. Und in manchen Redaktionen ist es längst schwierig geworden, noch Kollegen zu finden, die überhaupt Zeit haben, Aussagen von Dritten zu prüfen. Denn von den Festangestellten unter uns gibt es immer weniger.

Die Liste oben ist deshalb keine Anklage. Sehr wohl aber Selbstkritik.

Disclaimer: Einige der verlinkten Meldungen findet man auf zahlreichen Nachrichtenseiten und in vielen Zeitungen, auch in der Süddeutschen und auf sueddeutsche.de. Die Auswahl der Nachrichtenseiten geschah willkürlich.
(Editiert am 4. Mai 23:37 Uhr)

25 Kommentare »

  1. Der erste Blogpost sein Monaten und gleich ein Volltreffer. Willkommen zurück im Netz.

    Comment by daMax — Mai 4, 2011 @ 9:51 pm

  2. [...] meldet sich bei der Schaltzentrale mal wieder zu Wort und veranschaulicht, wie die Journalisten in Sachen Tod von bin Laden mehr Chaos als Klarheit [...]

    Pingback by Too much information » Guten Morgen — Mai 5, 2011 @ 8:15 am

  3. Pakistan hat den Aufenthaltsort von Obama vertuscht?

    Comment by hurtz — Mai 5, 2011 @ 9:02 am

  4. @hurtz: das sagte sinngemäß Afghanistans Ex- Handelsminister Mohammad Amin Farhang dem Deutschlandfunk. Wie oben verlinkt.

    Comment by Johannes Boie — Mai 5, 2011 @ 9:22 am

  5. …und ich hatte schon gedacht, es wär nur mir aufgefallen, dass sich die Medien täglich selbst widersprechen.

    Aber bei so einem Fall werden wir vermutlich NIE die Wahrheit erfahren, sondern nur das, was die amerikanische Regierung erzählen möchte.

    Comment by jan — Mai 5, 2011 @ 9:24 am

  6. Kaum werfe ich die Schlatzentrale wegen Inaktivität aus meinem Reader, schon erscheint ein neuer Post. Willkommen zurück, ich hoffe, hier gibt’s in Zukunft wieder häufiger Lesenswertes. :)

    Comment by dualbore — Mai 5, 2011 @ 9:52 am

  7. Schaltzentrale, latürnich. Pardon.

    Comment by dualbore — Mai 5, 2011 @ 9:52 am

  8. Dann bitte nicht vergessen:

    Die Frau wurde getötet
    Die Frau wurde am Bein verletzt

    Es waren 24 Soldaten
    Es waren 79 Soldaten

    Obama wurde getötet
    Osama wurde getötet

    Es war eine Tötungsmission
    Es war keine Tötungsmission

    Comment by Namen, hui =) — Mai 5, 2011 @ 10:33 am

  9. Ich ergänze:

    2 chinook Hubschrauber wurden eingesetzt

    3-4 MH 60 Hubschrauber wurden eingesetzt

    möglicherweise wurde auch ganz neue Tarnkappentechnologie eingesetzt…

    mal sehen was morgen in der Zeitung steht wie der Einsatz ablief…

    Comment by NR — Mai 5, 2011 @ 10:54 am

  10. @NR: Der Kölner Express hatte gestern (soweit ich das in der Bahn sehen konnte) schon ein detailliertes Protokoll der Aktion. Woher auch immer.

    Comment by Rolf — Mai 5, 2011 @ 11:26 am

  11. Ich glaube doch, hurtz wollte darauf hinweisen, dass Ihnen der gute alte Obama/Osama-Lapsus unterlaufen ist. Aber keine Sorge. Da sind Sie bei weitem nicht der erste.

    Comment by theOne — Mai 5, 2011 @ 12:26 pm

  12. “Angela Merkel freut sich über bin Ladens Tod.

    Angela Merkel freut sich nur darüber, dass bin Laden keine Menschen mehr töten kann.”

    Ist doch nicht Falschmeldung vs. Nee doch nicht – sondern einfach nur Ausdruck von journalistischer Interpreation vs. nachgereichte Sprachregelung des RegSprechers. Oder?

    Robin

    Comment by Robin — Mai 5, 2011 @ 12:42 pm

  13. @Robin: Korrekt. deshalb hab ichs ja auch drunter geschrieben.

    @theone, hurtz: Au mann. Danke.

    Comment by Johannes Boie — Mai 5, 2011 @ 1:07 pm

  14. Endlich geht’s weiter. Da lohnt es sich endlich, die Schaltzentrale in meine Linktipps aufzunehmen. Nicht gleich wieder aufhören!:)

    Comment by Matthias Schumacher — Mai 5, 2011 @ 2:05 pm

  15. [...] Linkliste der widersprüchlichen Informationen über die Tötung Osama Bin Ladens (hier auf seinem eigenen Blog auch mit einem längeren Kommentar [...]

    Pingback by Hab’ ich da richtig gehört?! : Nella Beljan — Mai 5, 2011 @ 4:06 pm

  16. Auch nicht vergessen:
    “Die Soldaten haben nur die Leiche von OBL mitgenommen”
    “Kind sagt aus, dass noch ein Mann mitgenommen wurde”
    “Anwesend waren 4 Männer 9 Frauen und 23 Kinder”
    “Pakistan hat 4 oder 5 Frauen und 9 Kinder in Verwarung genommen”

    Comment by Robert Mojito — Mai 5, 2011 @ 5:35 pm

  17. “Bin Laden leistete Wiederstand”
    “Bin Laden wurde festgenommen und später dann vor der Familie erschossen”

    Comment by Robert Mojito — Mai 5, 2011 @ 5:37 pm

  18. diesen fall inkl. den des 11.11 werden die usa direkt neben den von JFK stellen.

    Comment by mipu — Mai 6, 2011 @ 1:38 pm

  19. Gibt es nun Osama bin Laden oder nicht?
    Gibt es Al Kaida oder nicht?

    War der Anschlag vom 11.09.2001 von Al Kaida gemacht oder nicht?

    War der Anschlag vom 11.09.2001 von der US-Regierung selbst gemacht oder nicht? :-)

    Comment by Habnix — Mai 6, 2011 @ 3:45 pm

  20. [...] Ach nee, doch nicht [...]

    Pingback by Bin Laden, Osama, Berichterstattung über - Greifswald wird Grün — Mai 7, 2011 @ 9:03 am

  21. Im Land der unbegrenzten (in der Tat) nichts Neues.

    Wir sollten uns daran erinnern:

    - Lee Harvey Oswald und

    - Jack Ruby

    in Zusamenhang mit dem Attentat auf John F. Kennedy

    lest unter Wikipedia zu den beiden Genannten nach

    Comment by Kuckuck — Mai 7, 2011 @ 11:04 am

  22. Aufgelesen und kommentiert 2011-05-09…

    OECD kontra DIW: Kinderarmut nur halb so hoch wie gedacht?
    Bericht aus der Hartz-IV-Provinz
    Hartz IV – oder doch lieber das Wort “Chancenförderungsgesetz”?
    Deutschlandtrend: An 70 Prozent geht der “Aufschwung” vorbei
    Banken: Es wird wieder munt…

    Trackback by Anonymous — Mai 10, 2011 @ 1:47 am

  23. Mich irritiert immer wieder, daß quer durch alle Medien geistert, dass der Name der Operation Geronimo sei. Ist er aber nicht! Geronimo ist der Codname für ObL, der Name der Operation war Neptun’s Spear. Ein Schelm wer böses dabei denkt. Neptuns Speer ist doch paßgenau für die Aussage einer Verklappung im Meer.

    Comment by Klara — Mai 13, 2011 @ 12:46 pm

  24. Und jetzt ist da noch dieser Bill Warren aufgekreuzt der im Arabischen Meer nach Bin Ladens Leiche suchen will.

    Comment by Arthur Dent — Juni 22, 2011 @ 1:40 pm

  25. Warum ist es in diesem blog wieder so, dass der Text, auf den man Bezug nimmt, lang ist, die Beiträge dann aber kurz.

    Weil der Text lang ist, bleibt vielen bloggern hier verborgen, dass der Text von Herrn Bole überghaupt nicht das Obama/Osama Ereignis zu Thema hat, sondern nur zum Beispiel nimmt. Es geht hier um widersprüchliche Berichterstattung von Medien ganz allgemein.

    Herr Bole hätte sich auch das Gemache um Herrn zu Guttenberg vornehmen können. Über den “Der Spiegel” zur Jahreswende “die fabelhaften zu Guttenbergs” titelt, nur um 6 Wochen später auf dem Titel das “Märchen vom ehrlichen Karl” zu präsentieren.

    Darum muss der Thementext kurz sein. Damit die Kernthese klar bleibt, und auch einzig.

    Sonst bloggt einer über diesen Aspekt, der andere über jenen. So macht das passive bloggen, das Meinung lesen keinen Sinn, da es keinen roten Faden gibt. In diesem Fall wird in 22 Beiträgen die eigentliche Kernthese nicht mal adressiert.

    Es geht nämlich nicht um den Bin-Laden Fall, auch nicht um Widersprüche in den Medien generell, sondern um nichts Geringeres als den Mißbrauch der meinungsbildenden Verantwortung.

    Dass Medienmacher nämlich von Menschen gehört werden. Das sie deren Meinung beeinflussen. Nur um dann, wenn viele sich informieren ließen, sich eine Position gebildet haben, plötzlich Fakten zum Gegenteil aufzuhäufen.

    Die nicht zum Abrunden des Bildes gegeben werden, sondern dem Bisherigen direkt widersprechen.

    Ganz zu Schweigen, dass Zeitungen auch Produkte für Geld sind. Wenn die nachher die Wäsche schmutzig machen, die sie vorgeben zu waschen, würden die Konsumenten bei anderen Produkten ihre Konsequenzen ziehen. Denen nichts mehr abkaufen. Geschäft zu Ende.

    Dies hier ist immerhin ein offizieller Blog der Süddeutschen Zeitung. Man muss also mehr Aufmerksamkeit beim Lesen anmahnen. Es steht der Zeitung durchaus gut an, den genannten Umstand zu thematisieren.

    Und ihn selber zu beachten.

    Comment by Gernot Donner — August 6, 2011 @ 1:05 pm

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