01.12.10 | 11:05 | Nachricht | SZ-Plus | 2 Kommentare

Unschuld in Gefahr

Aus der SZ von heute (ergänzt):

Zwei Journalisten der DuMont-Redaktionsgemeinschaft erheben schwere Anschuldigungen gegen den Verein Innocence in Danger („Unschuld in Gefahr“). Dem steht Stephanie zu Guttenberg, Ehefrau des Verteidigungsministers, als Präsidentin vor. Matthias Thieme (der mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse für seine Recherchen im Fall instransparenten Geschäftsgebarens bei Unicef ausgezeichnet ist) und Katja Tichomirowa haben in einem Kommentar und mit mehreren Experten, die sie in zwei Berichten zitierten, dem Kinderhilfsverein vorgeworfen, sein Finanzgebaren nicht angemessen transparent zu gestalten. Die Berichte erschienen vor wenigen Tagen in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (FR).

Auf den ersten Artikel reagierte Innocence in Danger nach Angaben der Vereinssprecherin Simone Stein-Lücke nun mit Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt und „presserechtlichem Vorgehen“ gegen mehrere Redakteure. In den betroffenen Redaktionen war davon zunächst noch nichts bekannt. Man stehe zu den Artikeln der beiden Autoren, erklärte FR-Chefredakteur Joachim Frank.

Konkrete Nachfragen beantwortete die Pressestelle von Innocence in Danger bislang nicht. Stattdessen schickte sie vorformulierte Stellungnahmen, darunter eine von Julia von Weiler, der Geschäftsführerin des Vereins. Zu dessen Einnahmen, die Thieme und Tichomirowa zufolge aus mehreren Hunderttausend Euro von diversen Galas und TV-Auftritten bestehen sollen, schreibt sie kaum etwas. Stattdessen erfährt man, dass Innocence in Danger 2,5 Mitarbeiter habe. Für diese habe der Verein zwei Standorte: in Köln und Berlin. In Berlin sei der Hauptsitz, erklärte die zweite Sprecherin des Vereins, Claudia Behrens. Die festen Mitarbeiter arbeiteten jedoch alle in Köln.

Weiler verwies darauf, dass Innocence in Danger vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt sei. Der ebenfalls von Thieme und Tichomirowa erhobene Vorwurf, der Verein impliziere zu Unrecht, unter dem Dach der Unesco zu arbeiten, ist inzwischen geklärt. Dieter Offenhäußer, Sprecher der deutschen Unesco-Kommission sagte, man fühle sich weder von Innocence in Danger missbraucht, noch arbeite man mit dem Verein besonders eng zusammen.
Innocence in Danger steht in der Kritik, seit Stephanie zu Guttenberg die TV-Reihe Tatort Internet präsentierte.

In der RTL-2-Reihe wurden Männer, die wohl Jugendliche missbrauchen wollten, in Fallen gelockt. Die erste Doppelfolge verstieß nach Ansicht der Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) gegen den Rundfunkstaatsvertrag und ist auf der Webseite von RTL2 nicht länger abrufbar. Einer der gefilmten Männer erwirkte eine einstweilige Verfügung. Tatort Internet und zu Guttenberg erhielten vor allem in der Bild-Zeitung Zuspruch. Spenden-Experte Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen kam im ersten DuMont-Text mit einem kritischen Zitat zu Innocence in Danger zu Wort. Mittlerweile distanziert er sich davon. Bild hatte ihn am Montag zum „Verlierer des Tages“ erklärt. JOHANNES BOIE

© SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 2010