23.09.10 | 02:30 | Hell A | In eigener Sache | Where are you from? | 9 Kommentare

Öffentliche Recherche – Fazit in Frage- und Antwortform

fazit-hd

Warum eine öffentliche Recherche?

Meine kommende Recherche zu Gangs in Los Angeles versprach spannend und umfangreich zu werden. Gleichzeitig hatte ich im Vorfeld viel über die Transparenz-Debatten im Journalismus geschrieben und gelesen. Wikileaks, aber auch Blogs von Journalisten und ungezählte Metablogs von Kritikern, verändern den Journalismus nachhaltig. Dieser Veränderung sollten sich — meiner Meinung nach — Journalisten schon aus eigenem Interesse nicht verweigern, sondern sie als Chance erkennen. Gleichwohl steht das Ende der Entwicklung noch lange nicht fest. Es gilt also, durch Experimentieren die neuen Werkzeuge und Strategien zu testen. Ein Stipendium gab mir in Los Angeles die zeitliche und finanzielle Unabhängigkeit, selber so ein Experiment zu wagen.

Was soll das sein, eine „öffentliche Recherche“?

Mein Ziel war es, die Leser an alle Orte und zu allen Menschen mitzunehmen, die ich im Rahmen meiner Recherche besuchen würde. In einer Reportage — dem Endprodukt einer Recherche — werden Szenen und Gespräche gezielt ausgewählt, weggelassen, nach einem dramturgischen Plan angeordnet. Das macht Spaß und im Endergebnis entsteht dabei (hoffentlich) ein toller Text – aber der Leser erfährt dann nicht, woher welche Information stammt und welche Dinge bewusst weggelassen wurden. Mit der öffentlichen Recherche wollte ich die Arbeit hinter der Reportage dokumentieren.

Ist das Experiment gelungen?

Sofern ich mir selber ein Urteil erlauben darf, ist es ein klares Jein. Einerseits habe ich wirklich über jeden Ort geschrieben, an dem ich war. Aber auch die kurzen Texte hier im Blog erzählen wieder nur ausgewählte Szenen und Zitate innerhalb einer Begegnung. Eine vollständige Dokumentation wäre mit einer Helmkamera möglich. Meine Unsicherheit darüber, ob ich jetzt eigentlich kleine Minireportagen schreibe oder exakt dokumentiere, was ich gerade recherchiere, spiegelt sich auch in den vielen Stilbrüchen. Mal tauche „ich“ in Texten auf, dann wieder habe ich wie in der Zeitung geschrieben und meine eigene Anwesenheit verschwiegen. (Wenn auch oft schneller und sicher nicht auf druckreifem Niveau.) Eine wirkliche Dokumentation hat also nur hinsichtlich der Orte und der allermeisten Menschen stattgefunden, die ich getroffen habe. Was ich viel zu wenig dokumentiert habe, aber wenigstens versuchte, in diesen beiden Beiträgen aufzufangen: Den alltäglichen Frust bei der Recherche, das Nicht-Weiterkommen, das nicht immer spannende In-Papierbergen-Wühlen. Dieser anstrengende und wenig aufregende Teil der Arbeit ist bei vielen anderen Recherchen noch viel größer, ich fahre schließlich nicht jeden Tag nach Compton und spreche mit Gangstern. Leider.

Weitere Probleme?

Viele Menschen in der Geschichte benötigen umfassenden Schutz ihrer Privatssphäre. Das trägt auch nicht gerade zur Transparenz bei.

Und in Zukunft?

Grundsätzlich glaube ich, dass Transparenz als Arbeitsgrundlage im Journalismus noch viel wichtiger werden wird. Das sehe ich auch bei den Kollegen der LA Times. Hier gibt es viel mehr Erklärungen in der Zeitung und auch auf der Webseite: Warum haben wir das gemacht, wie haben wir das gemacht? Regelmäßig erklären Reporter in kurzen Videos, wie sie zum Beispiel einen Skandal aufgedeckt haben und was sie als nächstes planen. Für heikle Geschichten eignet sich eine tabellarische Aufarbeitung sicher besser als kurze Geschichten in einem Blog. Die Erzählform hat sich aber auf Grund des Recherchethemas hier angeboten, denke ich.

Wie geht es weiter?

Meine tägliche Arbeit bei der Zeitung ist zu umfangreich, um sie nebenbei auch noch in diesem Umfang zu dokumentieren. Aber wenn sich mal wieder eine Gelegenheit ergibt, mache ich das sicher wieder. Gleichzeitig werde ich versuchen, bei meinen eigenen Geschichten vermehrt daran zu denken, Quellen, Hintergrundgespräche und –dokumente (soweit rechtlich möglich) in den Blog zu stellen. Vielleicht finden sich ja auch Nachahmer. Ich würde mich freuen.

9 Kommentare »

  1. [...] Johannes Boie fasst sein "Open Journalism"-Projekt über die Bandenkriminalität in LA zusammen und versucht sich an einer einer kritischen Beurteilung. Am schönsten finde ich sein Teilfazit "Meine tägliche Arbeit bei der Zeitung ist zu viel, um sie nebenbei auch noch in diesem Umfang zu dokumentieren." In seiner unerbitterlichen Profanität gilt dies für so viele SocialMedia-Aktivitäten, wird aber viel zu selten ausgesprochen. [...]

    Pingback by Linkdump vom Mi, 22. September 2010 bis Do, 23. September 2010 Links synapsenschnappsen — September 23, 2010 @ 10:01 am

  2. Ich finde den Versuch recht gelungen. Und ich fand die Beiträge allesamt sehr interessant, ist das doch eine Welt, in die man aus Europa sonst so keinen Einblick hat.

    Comment by Chris — September 23, 2010 @ 11:13 am

  3. Ich fand es sehr interessant das hier immer mitzuverfolgen.
    Als Autor scheinst du dich ständig im Zwiespalt zu finden, zwischen, “soll ich so schreiben wie für eine Zeitung?” und “soll ich einfach so schreiben, wie ich bock hab, wie in einem Blog?”…
    Blog und Zeitung sind für mich zwei grundverschiedene Medien und haben natürlich andere Herangehensweisen, sei es von Autoren- als auch Leserseite.

    Für mich ist diese 15-teilige Serie echt spitze gelungen und passt super in der Format “Blog”: kurze Episoden zum Lesen in 5 Minuten.

    Falls es sowas mal wieder gibt, auch zu einem anderen Thema bin ich gern dein Leser :)

    Comment by iamdan — September 23, 2010 @ 10:35 pm

  4. Auch ich fand den gesamten Blog sehr interessant und habe ihn mit großem Interesse verfolgt. Das Experiment allerdings trat dabei für mich eher in den Hintergrund. Der Erzählstil, das Gefühl direkt dabei zu sein und die zeitnahe Berichterstattung über ein Thema was man meist nur aus Filmen kennt hat mir sehr gut gefallen. Mehr davon! Sehr gern auch im Blog Format!

    Comment by knob1 — September 24, 2010 @ 12:31 am

  5. Sehr spannende Sache, habe immer auf die Fortsetzung gewartet und hätte gerne mehr davon gelesen!

    Comment by Kasach — September 29, 2010 @ 2:05 pm

  6. Ich fands auch super! Vielen Dank dafür. Vielleicht ist das ja auch ein wichtiger Schritt für den Journalismus der Zukunft und für das Zusammenleben von Journalisten und den neuen Publikationsformen im Internet (in diesem Fall der Blogosphäre).

    An die SZ: Ich jedenfalls möchte mehr davon lesen!

    Comment by endru — September 30, 2010 @ 1:13 pm

  7. Ich habe es eher als Reportageserie gelesen – Reportagen eines bloggenden Journalisten.

    Comment by ThomasCrown — Oktober 7, 2010 @ 6:27 pm

  8. [...] der deutschen Medienlandschaft in diese Richtung sind überschaubar. Von einigen Projekten wie dem Rechercheblog von Johannes Boie über Gangs in Los Angeles oder das Live-Reportage-Projekt von Michalis Pantelouris auf Neon.de haben wir uns inspirieren [...]

    Pingback by Projekt Ehrenamt – Multimedia-Storytelling als Prozess | lab — Dezember 5, 2010 @ 2:44 pm

  9. [...] Rechercheprozess offenlegen – noch vor der „eigentlichen“ Veröffentlichung (ein Beispiel). Für den Aufsatz haben wir nun systematisch zusammengetragen, welche Chancen und Risiken es dabei [...]

    Pingback by Neue Studie zu Transparenz und Vertrauen im Journalismus « Journalistik — Mai 9, 2011 @ 11:35 am

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