21.09.10 | 02:15 | Hell A | Where are you from? | 22 Kommentare

Straight into Compton (Gangs #14)

hd-comptonride

Der schwere V8-Motor blubbert ruhig als wir uns auf den Weg in die Dunkelheit machen. Ein paar Stunden später stehen wir vor dem Haus von Gangmitgliedern. Hier hat vor anderthalb Wochen ein Drive-By-Shooting stattgefunden. Detective Mike K. parkt sein ziviles Polizeiauto mitten auf der Straße, die Lichter gedimmt. Während er und seine Partnerin, Detective Gayle D. mit Gangmitgliedern, die vor dem Haus sitzen und rauchen, reden, kommt ein Auto angefahren, dessen Fahrer an dem Polizeiauto vorbei möchte. Der Fahrer wird nach ein paar Minuten ungeduldigt, er blendet sein Fernlicht auf und wieder ab.

Detective K. zieht eine seiner beiden Dienstwaffen, schaltet im Ziehen den kleinen, am Lauf der Waffe befestigten Scheinwerfer ein. Er zielt dem Autofahrer ins Gesicht. Der ist von der Lampe geblendet und blickt direkt in den Lauf der Waffe. Er reißt die Hände nach oben. K. schaltet den Scheinwerfer aus, steckt die Waffe ein. Der Fahrer dreht sein Auto langsam um und zuckelt davon. Er wird einen anderen Heimweg wählen müssen. “Volltrottel”, murmelt der Polizist. Man kann mit Mike K. eine Menge Spaß haben. Man muss nur auf der richtigen Seite seiner Waffe sein.

Freitagabend, 19 Uhr. Ich bin in Compton, wo ich zwei Detectives des Compton Sheriff’s Departement treffe. Sie werden mich auf ihre nächtliche Streife mitnehmen und mir von ihrer Arbeit erzählen. Gayle D., 44, und ihr Partner Mike K., 42, arbeiten ebenfalls für die Operation Safe Streets. Sie schätzen die Anzahl aktiver Gangs in Compton auf 65. Die kleinsten haben 15 Mitglieder, die größten bis zu 300. D. und K. kommen von all den Polizisten, mit denen ich bislang in Los Angeles unterwegs war, dem Hollywoodbild vom amerikanischen Cop am nächsten. Sie arbeiten im Zweierteam, sie machen ironische bis zynische Witze in ihrem Interceptor, auch über sich selber, sie spielen allen ernstes Bad Cop and Good Cop, und sie haben verdammt schnell die Hand an der Waffe. Gleichzeitig sind beide sehr nette, kluge und differenziert denkende Menschen mit vielfältigen Interessen abseits ihrer Arbeit.

Ein Rundgang durch ihr Büro hilft, ihren Job und ihre Einstellung zu verstehen.

comptonride-deadandwanted

Personendaten: Alle an der Stirnwand Aufgelisteten sind in den letzten Monaten ermordet worden. Alle an der rechten Wand sind Mörder. Mehrere Personen hängen an beiden Wänden. Die Personen auf den kleinen DIN A4 Seiten rechts unten, sind verurteilt. Aus der Nähe sieht das so aus:

comptonride-guilty

Nach dem Namen folgt unter dem Foto stets der Gangname, darunter die Gang, in der die Person Mitglied ist. Dann die Straftat, wegen der sie verurteilt wurde, so wie das Urteil. Zum Zeitpunkt der Veruteilung sind die allermeisten zwischen 17 und 25 Jahren alt. Man muss diese Bilder im Kopf behalten, um zu verstehen, warum ein Großteil der Streife von D. und K. darin besteht, Gang Graffitis zu finden.

comptonride-taggedhouse

Was in Deutschland unangenehme Schmiererei ist, ist in Compton ein Grund, warum jede Woche Menschen sterben. Ganz egal, was mir bei Staatsanwaltschaften und von Polizeichefs erzählt wurde, ganz egal, was die Statistiken sagen: In Compton werden permanent Menschen erschossen, weil sie sich in der falschen Straße aufgehalten haben. Auf dem Boden, an Häusern, an Zäunen — überall sind Territorien markiert. Wer die Grenzen übertritt und nicht zur Gang gehört, der stirbt.

comptonride-night

So wie der junge Mann sterben sollte, der bei dem Drive-By-Shooting vor anderthalb Wochen als Opfer auserwählt war. Er starb aber nicht, er wurde nichtmal getroffen. Stattdesse feuerte er zurück. Er saß vor seinem Haus, genau so, wie er da auch sitzt, als die Detectives vorbeikommen. Seine vollautomatische Waffe muss hinter der Türe liegen. Aber die Beamten dürfen nicht einfach in ein Haus gehen.

Der Täter des Drive-By-Shootings liegt mit einer Kugel im Kopf im Krankenhaus. Er wird überleben. Alle Beteiligten kennen sich persönlich. Die Detectives wissen genau, wer beteiligt war, weil sie wissen, wo geschossen wurde, und auf wen und von wem. Aber niemand redet mit ihnen. Auch nicht der Junge im Krankenhaus. Sie haben keine Zeugen. Die Waffe können sie nicht finden.

D. und K.s Leben und Arbeit ist von Widersprüchen wie diesem gezeichnet. Sie kennen den Täter, aber sie können ihn nicht schnappen. Sie können das Gangleben, diese pubertäre Aneinanderreihung von kindischen Machtspielchen mit Graffitis und Straßen, in die nur Menschen mit bestimmten Klamotten dürfen, persönlich nicht ernstnehmen, aber sie müssen sie ernstnehmen, weil der Konflikt mit vollautomatischen Waffen ausgetragen wird.

comptonride-hooker

Nacht für Nacht fahren die beiden durch die Straßen von Compton. Für die ganz harten Gangster sind die Cops immer auch eine Zielscheibe. “Kill the Cops” ist ein Motto aller Gangs. “Es wird immer normaler, auf uns zu schießen, sagt Mike K. “187 Cops”, steht an vielen Häusern. 187 ist der Strafgesetzbuch-Code für Mord.

Am Long Beach Boulevard stehen Prostituierte. In Kalifornien ist Prostitution verboten. Kleider bis zum Bauchnabel, keine Unterwäsche, High Heels. Die Haare verflizt, tagelang keine Dusche gesehen. “Prostitution ist ein Geschäft der Gangs”, sagt Gayle D. “Aber wir können nicht alle einbuchten.” Für die Sheriff’s Detectives sind die Prostituierten Informatiosnträger. Sie wissen oft gut Bescheid, über alles was im kriminellen Breich der Stadt geschieht. In einer Seitenstraße erwischen D. und K. eine junge Frau, die sich mit einem Mann, in Verhandlungen befindet.

Der Mann, der wie Super Mario aussieht, muss sich ein paar wütende Worte anhören, dann aber: “Fuck off.” Er darf gehen. Das Mädchen tritt nervös vom einen Bein aufs andere. Der Polizist nimmt ihre Tasche, leert sie auf die Motorhaube des Polizeiautos. Gleitgel, Kondome, ein Smartphone. Keine ID.

“Wie heißt Du”, fragt Mike K.

“Jasmine”, sagt das Maedchen.

“Du lügst,” brüllt der Polizist unvermittelt. “Und weißt du, woher ich weiß, dass du verdammt nochmal lügst?” Sie ist nicht sonderlich beeindruckt. Sie hat das wohl schon mehrmals erlebt. “Weil du lügst wenn du die Lippen bewegst”, ruft der Polizist.

Das Smartphone der Prostituierten klingelt.

Der Detective nimmt ab.

“Was ist los”, sagt er, “was geht ab?” Seine Stimme ist hart und laut und herablassend.

Der Anrufer scheint verwirrt.

“Who the fuck are you?”, fragt der Polizist, “Wer ist das Mädchen, wen willst du anrufen? Komm schon, sag’s mir.” Pause. “Oh, du bist ihr Freund, ja? Und, weisst du, womit sie ihr Geld verdient?”

Das Mädchen guckt ungläubig. Ihre Blicke wandern zur Polizistin, die erneut die Handtasche durchsucht. Gayle D.wirft der Prostituierten einen mitleidigen Blick zu, aber zuckt gleichzeitig die Schultern.

“Sie geht anschaffen, man”, sagt der Polizist. “Das macht sie: An-schaf-fen.”

Er legt auf. “Der ruft dich nicht mehr an”, sagt er zu der jungen Frau. “Was sind das für Leute, mit denen du rumhängst. Die wissen nichtmal, wie du dein Geld verdienst.”

Die Prosituierte bekommt Handschellen angelegt und ins Polizeiauto verfrachtet. “Du gehst in Knast”, sagt K. “ich hab fünf Nutten mit durchgeschnittener Kehle gesehen, ich will keine sechste hier draußen.”

Aber nur Detective Gayle D. steigt ins Auto ein.

Draußen lacht K. und sagt: Wir machen das echt, böser Bulle, guter Bulle. Und weißt du was, es funktioniert.” Innendrin bricht die Prostituierte zusammen. Und erzählt der Polizistin allerlei. Von ihrem Zuhälter, der mit drei weiteren Gangmitgliedern in einem weißen Infiniti unterwegs sei, von ihrem Leben in Texas und wie schlecht es ihr ginge.

Die Polizisten gleichen die Daten in ihrem Computer ab, lassen das Mädchen dann laufen, ohne Handschellen. Kaum rollt der Wagen weiter, geben sie die Suchanfrage raus: Weisser Infiniti, Gangmitglieder, bewaffnet.

comptonride-doors

Die Nacht ist noch lange. Wir fahren zu dem Haus mit dem Drive-By-Shooting, suchen ein am Schusswechsel beteiligtes Auto und finden es nicht. Die Detectives checken permanent Nummernschilder in ihrem mobilen Computer. Mehrfach werden Autos angehalten, durchsucht.

An jeder Straßenecke ist eine Geschichte zu erzählen, hier starb ein Gangmitglied, hier wurde ein Polizist angeschossen, hier beginnt ein neues Ganggebiet. Leise blubbert der Interceptor durch die Nacht, nur wenn ein Kennzeichen im Computer vermerkt ist, gibt Mike K. Gas. Er holt alle Wagen ein. Wir treffen Blood und Piru Gangmitglieder, Vario Compton Leute, Tragniew Crips und Nutty Blocc-Mitglieder.

comptonride-car

In der Grandee Ave steht eine Gruppe junger Gangster an einer Wendeplatte. Sie lehnen an den Häuserwänden, bewegen sich keinen Millimeter. Nur ihre Augen folgen aufmerksam dem Polizeiauto. Die Polizisten lachen über die Attitüde, aber ihre Hände ruhen zum ersten Mal während des Fahrens auf ihren Waffen. Langsam wendet Mike K. den Wagen auf der Wendeplatte. Man wähnt sich in einem Film, und zwar in einem schlechten. Ein Gangster kaut auf einem Zahnstocher. Andere gähnen demonstrativ. Sie tragen große Mützen. Wer einen Sturm wollte, könnte ihn aus dieser Ruhe mit einem einzigen falschen Wort erwecken.

Mike K. entdeckt eine Vodka-Flasche auf dem Boden. Die Nutty-Blocc-Gangster sind am Saufen. “Bringt den Vodka rein.”, sagt der Detective aus dem geöffneten Fenster des Autos. (In der Öffentlichkeit zu trinken ist in Kalifornien verboten.) Ein Gangster nickt ganz langsam. Niemand sagt was. “Verpisst euch einfach”, sagt der Polizist. “Belästigt eine andere Stadt.” Er gibt Gas, fährt davon. Er wartet nicht ab, was mit der Vodkaflasche passiert. Er steigt nicht aus.

Als der Wagen aus der Einbahnstraße rollt, ändert sich die Stimmung im Auto. Aufatmen. K. sagt: “Normalerweise gehen wir da nicht mit einem Auto rein.” Seine Partnerin erklärt: “An der Wendeplatte gibt es mindestens zwei stationäre Maschinengewehre in Garagen. Wenn wir dort aussteigen, dann mindestens zu zehnt.”

Mit diesem Beitrag endet meine Öffentliche Recherche. Es folgt: ein Fazit. Danke für’s Lesen.

Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der latimes. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können hier gefunden werden.

Fotos: privat

22 Kommentare »

  1. danke für die recherche.war echt spannend.

    Comment by wow — September 21, 2010 @ 4:05 am

  2. Ja, dem kann ich mich nur anschließen. Vielen Dank, das war toll zu lesen. Schade, dass die Serie endet!

    Comment by Karsten — September 21, 2010 @ 8:18 am

  3. Sehr beeindruckend, vielen Dank.

    Die oft gestellte Frage an Blogger und auch hier: Wie kann man diese Arbeit unterstützen? There‘s no flattr?

    Comment by titi — September 21, 2010 @ 9:24 am

  4. Super Reihe. Hat sehr viel Spaß gemacht zu lesen!

    Danke.

    Comment by Lucas — September 21, 2010 @ 10:19 am

  5. Den Dank kann man nur zurück geben: Danke fürs Schreiben. Hat sehr spannende Einblicke in den Alltag des Ganglebens gebracht, mal ganz abseits von Hollywood.

    Comment by Matthias — September 21, 2010 @ 10:44 am

  6. Kann mich nur anschließen. Tolle Sache. Ich hoffe das ganze wird nochmal in größerem Rahmen zweitverwertet.

    Comment by Christian — September 21, 2010 @ 11:16 am

  7. Ich hab auch gerne mitgelesen. Vielen Dank.

    Comment by xy — September 21, 2010 @ 3:04 pm

  8. Wow, noch mal ein super Abschlusstext – danke für deine Recherche, danke für deinen Bericht, danke, dass wir teilhaben durften. Ich hoffe doch sehr, dass du wieder mal so was machst und dass das Fazit noch mal so interessant und informativ wird…

    Comment by karl — September 21, 2010 @ 6:56 pm

  9. Vielen Dank. @titi: Ich bekomme mein Geld ja von der SZ. Falls Sie Journalismus online unterstuetzen wollen, dann ueberzeugen Sie Ihre Freunde und Bekannten, dass Journalismus Geld kostet und es sinnvoll ist, dafuer (in Zukunft wieder) Geld zu bezahlen. In der Zwischenzeit entwickelt hoffentlich mal jemand ein Bezahlmodell. Auch ein Abo der Sueddeutschen kann ich sehr empfehlen!

    Comment by Johannes Boie — September 21, 2010 @ 8:19 pm

  10. danke! war grossartig.

    und jetzt zieh dir noch n paar cheeseburger rein und dann komm wieder zurück. in münchen ist oktoberfest, und ganz ungefährlich schien mir das auch nicht, da drüben mit all den gangstern.

    Comment by b — September 21, 2010 @ 8:21 pm

  11. danke! ganz, ganz grossartig und das beste zum schluss!

    Comment by r — September 21, 2010 @ 9:37 pm

  12. Danke für den tollen Blog :-)

    Comment by Sebi — September 21, 2010 @ 11:20 pm

  13. super spannend und interessant!

    freue mich sehr auf den fertigen Artikel

    Comment by schönes Schwein — September 23, 2010 @ 10:28 am

  14. Spät aber doch auch ein Kommentar von mir: Danke!

    Comment by Moritz — September 23, 2010 @ 11:43 am

  15. Saustarke Reportage, hoff du schreibst weiterhin so informative Artikel

    Comment by Martin — September 23, 2010 @ 10:23 pm

  16. Hallo,Leute…
    Ich hab mal ne frage?!
    Diese ganzen Statistiken im Internet sagen ja Compton gehöhrt nur noch zu einer der 20 gefährlichsten Städte der U.S.A.
    Und ich kenne auch ein paar Gangmitglieder von den Bloods in Compton Persönlich, aber aus denen bekommt nie so wirklich was heraus sie reden so gut wie nie über ihre hood…
    Sie sagen nur die ganzen Medien versuchen die gewalt und die tatsächlichen Gangmorde immer runterzuspielen.
    Ich würde gerne mal wissen wie viele leute vom 1.Januar 2010
    bis zum Aktuellen Zeitpunkt in Compton erschossen wurden…
    Ist es in Compton immer noch so, dass man am Abend immer mal wieder Schießrein höhrt?
    Und Gruß an den Reporter:”Mal ehrlich als sie in Compton waren dachten sie tatsächlich, das ist das Gangbang Capitol?”
    Die derzeitigen Medien sagen ja dieses Jahr erst 19 Morde in Compton sind.(in Berlin waren es 65)

    Comment by Westside — Oktober 9, 2010 @ 9:37 am

  17. Sehr,sehr gute Artikel!
    Wie zuverlässig sind die Statistiken und Sachen die im Internet stehen…
    Ich bin mir ebenso fast sicher das die Los angeles times nicht alles morde im Großraum Los angeles mitbekommt(jedenfalls Gangmorde)

    Comment by Maxi — Oktober 10, 2010 @ 10:28 am

  18. Was glaubt ihr eigl.
    wie genau die Statistiken sind?
    Z.B Die Homicide Karte von der Los angeles Times, kann doch eigl gar nicht gaz genau sein…
    Vorallem die bekommen ja auch nicht alle morde mit(z.B Gangmorde)

    Comment by westside — Oktober 10, 2010 @ 12:07 pm

  19. @westside … die la times karte zeigt nur verbrechen an, welche dem los angeles police dept. oder dem los angeles county sheriff dept. berichtet werden … einige staedte(wie unsere im nord-osten la), mit eigenem police dept. sind in der karte nicht mit inbegriffen …

    Comment by Der Querulant — Oktober 28, 2010 @ 6:17 pm

  20. @Der Querulant
    Achso danke schön.
    So wie ich die Sache sehe halten sich die Murder rates nur an spekulationen und an das was in der L.a times sseite geschrieben wird…

    Comment by westside — November 5, 2010 @ 5:17 pm

  21. Dann müssten Ja einige Verbrechen in Compton nicht angezeigt werden, weil Compton doch ein eigenes PD hatt oder??

    Comment by westside — November 5, 2010 @ 11:16 pm

  22. Mein Gott dieses Jahr laut der L.a Times bisschen mehr als 530 tote…
    das soll gefährlich sein??? Nein danke!

    Comment by Gangs — Dezember 13, 2010 @ 5:57 pm

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar