Vom Sheriff geweckt (Gangs #12)

Kurz vor sechs, noch eine Stunde bis Sonnenaufgang. Im Dunkeln glitzern die Sheriffsterne an den Gürteln. Die Beamnten bewegen sich geschmeidig, ziehen im Laufen ihre Waffen.
Mountain View Street Altadena. Das Haus ist heruntergekommen, im Hof liegen zerbrochene Möbel, kaputtes Spielzeug, Extremente. Es riecht wie auf eine Müllkippe. In der Ferne krähen Hähne. Die Menschen hier sind arm. Bel Air ist nur ein paar Meilen weit weg. Bel Air ist Welten entfernt.
Sergeant Mike Trujillo klopft mit seiner Waffe an eines der beschlagenen Fenster. Sechs Deputies, zwei Hundeführer und zwei Bewährungshelfer stehen hinter ihm. Alle haben ihre Waffen gezogen und entsichert. Drei zielen auf die Fenster des Hauses, drei stehen neben dem Sergeant, bereit, jeden zu erschießen, der bewaffnet herauskommt. Amerikanische Polizisten müssen immer damit rechnen, dass hinter einer verschlossenen Tür eine geladene Waffe wartet. Die übrigen vier Beamten sichern die Nachbargrundstücke und den Weg zur Straße. Von dort dröhnt das sonore Brummen der großen V8-Motoren. Die Sheriffs lassen ihre Automotoren immer laufen. Sonst rührt sich nichts.
Trujillo klopft nochmal. Seine Stimme schneidet durch die Morgenruhe. “Aufmachen. Los Angeles County Sheriff’s Departement. Aufmachen, sofort.” Die Deputies machen sich bereit, die Tür einzutreten.
Im letzten Moment öffnet eine verschlafene, dicke Frau. Sie blickt in eine Waffe und ein Blatt Papier, auf dem die Einbrecherin Stephanie P., Mitte 20, erklärt, dass sie auf Bewährung aus der Haft entlassen wird und in dieem Haus unter dieser Adresse jederzeit anzutreffen ist. P. ist ein Homegirl, Mitglied der Straßengang Pasadena Denver Lane, einer Blood-Gang. Diese Hausdurchsuchung ist eine von über 70, die alle zeitgleich statt finden. “Ziel ist es, die Raubtiere von der Straße zu fegen”, sagte Captain Steve McLean von der Pasadena Police, bevor er von seinem blauen mobilen Kommandoposten das “Go” für die Aktion “Operation Safe Streets” erteilte.
Die Frau sagt, sie kenne Stephanie P. nicht.
Der Sergeant seufzt. Er steckt seine Waffe ein. Er setzt seine Sonnebrille auf. Ein Sergeant hat immer die größte Sonnenbrille in der Einheit und er trägt sie auch im Dunkeln, wenn es sein muss. Trujillo ist seit 21 Jahren Sheriff. Seit fünf Monaten arbeitet er mal wieder bei Safe Street Einsätzen mit. Normalerweise wird er in Compton und Florence Firestone eingesetzt.
Die Deputies gehen in das Haus, ihre Waffen im Anschlag. Aus der Bruchbude, die nicht größer ist als ein Baucontainer, kommen 12 Menschen. Darunter viele Kinder und Jugendliche und ein Baby, das einer Jugendlichen gehören zu scheint. Selbst die Sheriff’s Deputies, die jeden Tag viel Armut sehen, sind erstaunt. Die Familienverhältnisse der Bewohner sind nicht zu klären. Stephanie P., die Frau auf Bewährung, wird nicht gefunden. Zufälligerweise sind aber zwei andere Bewohner des Hauses ebenfalls auf Bewährung aus dem Gefägnis entlassen.

Die Menschengruppe steht in ihrem Hof, barfuss, ihre Decken schleifen durch den Müll und Kot, in dem sie stehen. Es macht ihnen nichts aus. Eine 15-Jährige hüpft nervös von einem Fuß auf den anderen. Sie muss auf die Toilette. Plötzlich kommt ein kleiner schwarzer Welpe aus der Bude gewackelt. “Was soll der Scheiß”, sagt sein Gesichtsausdruck. Aber er hört auf, rumzumosern, als die Polizisten zwei deutsche Schäferhunde aus den großen weißen Chevrolet Escalades der K9-Einheit lassen. K9 ist eine Hundeeinheit und sie haben verschiedene Hunde, um Waffen und Drogen zu erschnüffeln. Reza sucht Waffen, Tommy Drogen. Beide finden nichts. Eine Polizisten hält den Welpen auf dem Arm und beruhigt ihn.

Der Sergeant filmt jede angetroffene Person, während der Bewährungshelfer ihn mit seinem silbernen Smith&Wesson-Revolver sichert. Die Hausbewohner bestätigen auf dem Band, dass ihnen nichts geschehen ist. Dann filmt der Sergeant das Haus während und nach der Durchsuchung. Die Polizisten finden weder Waffen noch Drogen, und auch sonst keine Gegenstände, die nicht im Haus sein dürften. Diese Regel orientiert sich am Vebrechen, dass die auf Bewährung Entlassenen begangen haben. Ein (ehemaliger) Einbrecher darf kein Brecheisen besitzen.

Stephanie P. aber hat sich auf jeden Fall schuldig gemacht, weil sie nicht anzutreffen war und niemand über ihren Verbleib Bescheid wusste. Sie wird auf eine Liste gesetzt und künftig gesucht. Wird sie erwischt, kommt sie wieder ins Gefängnis, länger als es ihre ursprüngliche Strafe vorsieht.
Die Sheriffs gehen zurück in ihre Autos, fahren ein paar Blocks weiter. Eine Frau winkt den Sergeant heran: “Was ist los?”, fragt sie und schaut auf die acht Autos mit den blitzenden Blinklichtern. “Ich mache hier morgens immer Sport. Ist die Gegend unsicher?” – “Alles in Ordnung, Ma’am”, sagt Trujillo. Er ruft seine Deputies zusammen. Kurzes Briefing für die nächste Durchsuchung.
Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der
. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können hier gefunden werden.
Fotos: Al Seib, Los Angeles Times (Die Bilder eins und drei sind bei einer weiteren Durchsuchung entstanden.)
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