24.08.10 | 06:04 | Hell A | Where are you from? | 1 Kommentar

Schuss in den Nacken (Gangs #10)

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Es war eine laue Herbstnacht, der 18. September 2005, um ein Uhr in der Frühe. L. war auf dem Weg nach Hause. Er sah seinen betrunkenen Cousin am Straßenrand und hielt an. Der Cousin bat ihn, ihn noch in einen Liquor Store zu fahren. (Läden in den USA, die Alkohol verkaufen.) “Du bist doch schon blau”, sagte L. Aber er ließ sich breitschlagen. Er wartete mit laufendem Motor vor dem Store auf seinen Cousin. Schließlich ging er hinein, um nach ihm zu schauen. Er hatte keine Lust noch länger zu warten. Gemeinsam zahlten die beiden und gingen wieder ins Auto.

Der erste Schuss trifft L. in den Nacken.

Unbekannte feuern auf ihn und seinen Cousin. Er weiß, dass er in den Fußraum des Autos kriechen müsste, um Deckung zu suchen, aber er kann sich nicht bewegen. “Go, go, go”, ruft der Cousin. “I can’t”, schreit L. “I’m hit.” Eine weitere Kugel trifft ihn in die Schulter. Insgesamt werden elf Schüsse abgefeuert. Zwei bleiben in L. stecken, zwei durchschlagen das Auto vollständig und treten auf der Beifahrerseite wieder aus dem Wagen aus.

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“Erst dachte ich, Bullen schießen auf uns”, erinnert sich L. Für viele Gangmitglieder ist die Polizei nur eine weitere Gang mit etwas uncoolen Klamotten. Bis heute weiß L.  nicht, wer auf ihn geschossen hat. Er sagt, er sei nicht länger ein Gangmitglied. Aber wie der OG und C. trägt auch er die Straßenuniform diverser Crip-Untergruppen: strahlend weißes T-Shirt, blaue Hose, weiße Sneakers. Dazu kommen allerlei Accessoires, zum Beispiel der Zahnaufsatz mit den falschen Diamanten, die dicken Ringe am Finger und die breiten, silbernen oder goldenen Uhren am Handgelenk.

“In einer Gang zu sein”, sagt der OG, “ist eine Entscheidung auf Lebenszeit.”

Die Kugel in den Nacken hat L. zum Querschnittsgelähmten gemacht. Sie hat seine Wirbelsäule irreparabel beschädigt.

“Willst Du deshalb nicht mehr in der Gang sein?” – “Die Gang hat doch nichts mit meiner Verletzung zu tun.”

Für viele Gangmitglieder ist die Gang eine Art Zuhause, ein Familienersatz. Bei L. war das anders: da waren die Gang und die Familie identisch. Sein Vater ist der Begründer einer Untergruppe der Crips. Er ist schon lange tot. An einem Herzinfarkt gestorben. “Siehste”, sag L.s Kumpel C. “an sowas kann ein Gangmitglied auch sterben.”

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Meine Gesprächspartner haben mir ihre Gangnamen gegeben, ebenso wie ihre richtigen Namen und die Gangs, bei denen sie Mitglied sind oder waren. Zwei von drei erlaubten mir auch, ihre Gesichter abzubilden und ihre Gangnamen zu nennen. Ich halte das im Hinblick auf Google für ein minimales, aber unnötiges Risiko – für die Gangmitglieder, für die anderen hier im Blog erwähnten Personen und für mich. Ich bitte dafür um Verständnis.

Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der latimes. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können hier gefunden werden.

Fotos: privat

1 Kommentar »

  1. Good lord! Already waiting for your next text. Mike

    Comment by Mike — August 26, 2010 @ 6:31 pm

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