Suchen, warten, fluchen (Gangs #7)

Ist mein Journalistenleben nicht großartig? Ich fahre durch LA, die Sonne scheint. Ich kümmere mich um Gangster und Polizisten und Gangs und Drogendelikte und Drive-by-Shootings und alles ist spannend und aufregend und überhaupt.
Großartig, es sei denn, es ist ein Tag wie dieser.
Einer, an dem ich gefühlte 450 Mal im Metropolitan Detention Center (MDC) angerufen habe, dem Untersuchungsgefängnis des Bundes in Los Angeles. Dort möchte ich den Insassen P., Mitglied der 18th Street-Gang treffen, bei dessen Gerichtsverhandlung ich neulich war. Ergebnis bis jetzt: ich kenne das automatischen Beantwortungssystem der MDC-Telefonanlage auswendig, 1 für grundsätzliche Informationen, 0, wenn es um einen bestimmten Gefangenen geht, 5, wenn man die Durchwahl kennt. Ich habs bis an den Punkt probiert, an dem ich wild durcheinander irgendwelche Durchwahlen ausprobiert habe. Irgendwann ging jemand ran und meinte, ich solle morgen nochmal anrufen. Das hieß es gestern auch schon. Eine Mail von mir vor Tagen an den zuständigen Öffentlichkeitsmitarbeiter blieb bislang unbeantwortet. Dafür sagt mir P.s Anwältin, dass ihr Mandant demnächst nach Pennsylvania verlegt wird. Wo er seine Strafe antreten wird.
Die Kollegen von der Los Angeles Times zucken mit den Schultern. Ich auch. Recherche halt, öffentliche Stellen halt, ganz egal ob Deutschland oder USA.
Dann wäre es auch wirklich mal Zeit für ein paar Zahlen. Die Webseite des Los Angeles Police Departement ist veraltet. (Immerhin enthält sie die Warnung, dass es nicht so gut ist, wenn die eigenen Kinder anfangen, verdeckt Waffen zu tragen.) Statistiken zu Morden und im Zusammenhang mit Gangs stehender Gewalt, die ich mir bislang zusammengesucht habe, datieren auf 2007 oder früher. Von den zwei, drei Informanten, die ich in Compton inzwischen zusammen habe, keine Meldung. Anders als ich mit ihnen vereinbart habe.
Die Akten, die ich mir von der Staatsanwaltschaft besorgt habe, passen aus unterschiedlichen Gründen nicht in meine Geschichte. Eigentlich verlangen alle Fälle viel zu viel Erklärung, um in einem Artikel auftauchen zu können, in dem zum Beispiel auch Chris LeGrande auftaucht. Die Welt der Gangs ist vielfältig.
Das alles ist halt auch hin und wieder Journalistenalltag, ganz ohne Gewehre, Gerichtsverfahren, Gefängnisse. Ich hoffe, dieser Blogpost ist langweilig und ätzend geworden. Dann entspricht er genau meinem Arbeitstag. Ich gehe jetzt mit Freunden ein Bierchen trinken. Und morgen dann wieder: “Drücken Sie die 1 für allgemeine Informationen, die 0, wenn es um einen bestimmten Gefangenen geht, die 5, wenn Sie die Durchwahl Ihres Gesprächspartners kennen…”
Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der
. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können hier gefunden werden.
Fotos: privat
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