Im Namen des Herren: Hört auf zu schießen (Gangs #6)

Es ist früher Nachmittag. Ich sitze in Florence-Firestone, einem Nachbarort von Compton, an der Kreuzung E 87th Street und Compton Ave, nur einen Steinwurf von der Hauptstraße Firestone Blvd entfernt. Im Umkreis von zwei Meilen (3,2 Kilometern) wurden seit 2007 153 Menschen ermordet. Darunter war zum Beispiel der sechs Jahre alte
Daevon Bailey, der wohl von seinem Stiefvater ermordet wurde, und der 84-jährige Mann Jorge Montero, der erstochen wurde. Die allermeisten aber sind eher junge Männer, die erschossen wurden, und damit sind sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer von “gangrelated violence”, wie der Einheimische sagt, und der Journalist aus dem Ausland sich gemerkt hat. (Eine Übersicht über alle Morde in diesem Zeitraum an dieser Stelle gibt es hier).
Ich sitze auf den Stufen einer Kirche und warte auf Pastor Chris LeGrande.
Ein Stockwerk über mir sitzt Pastor Chris LeGrande und wartet auf mich.
Als ich im Begriff bin, einfach in die Kirche zu gehen und ihn zu suchen, kommt er runter und so treffen wir uns endlich. LeGrande ist ein Kontakt eines Kollegen von der LA Times und er ist eine Goldgrube für Geschichten und Hintergrundinformationen über Gangs.
“Besuch aus Russland”, freut er sich. “Hallo”, sage ich. “Danke, dass Sie Zeit für mich haben. Ich komme aus Deutschland.”

LeGrande hat schon vor Jahren Messen in schusssicherer Weste gehalten. Immer dann, wenn er Gangmitglieder beerdigt, schützt er sich selber. “Gibts bei Euch nicht, in Russland, oder?” fragt er. “Deutschland”, sage ich. “Nein, gibts bei uns nicht.” Er drückt auf sein neues iPhone und ruft einen Kollegen an. Der erzählt mir über Lautsprecher, wie er und die Trauergemeinde einmal während einer Beerdigung überfallen wurde. Drei Tote gab es, alles am Gangleben im direkten Sinn unbeteiligte Trauergäste. Jetzt beerdigt der Priester keine Gangmitglieder mehr. Das übernimmt LeGrande für ihn. Ich komme nicht nach mit Notizen machen, da wählt LeGrande schon die nächste Nummer. Ein Detective der Polizei geht ans Telefon. “Ich sitze hier mit einem Journalisten aus Russland”, sagt LeGrande, “der will was über Gangs schreiben. Rede mal mit dem.” – “Hallo”, sage ich ins Telefon. “Ich komme aus Deutschland und recherchiere über Gangs.” Der Polizist erzählt mir ähnliche Geschichten, möchte aber nicht, dass ich sie veröffentliche.
Dann zeigt LeGrande Bilder von ihm und Gangmitgliedern. (Bild oben) “Der ist tot, der auch und der auch. Eine Schande.” Der Pastor ist in der Gegend exzellent vernetzt. Er kämpft gegen die Gewalt, in dem er mit Jugendlichen spricht und versucht, sie vom Eintritt in eine Gang abzuhalten. Gleichzeitig ist LeGrande einer, der auch für Gangmitglieder ein offenes Ohr hat. “Ich begegne ihnen mit Liebe”, sagt er. “Mit Gottes Liebe.”

Ich denke mir, dass LeGrande in meiner Geschichte eine Rolle spielen könnte, über die Fakten, die er mir erzählen kann, hinaus. Wir reden deshalb auch über ihn und seine Familie. Er ist geschieden und hat vier Kinder. Irgendwie schlägt die Stimmung bei dem Thema um, aber das Gespräch fließt dennoch weiter. Ich habe eine Ahnung und fange vorsichtig an zu bohren. “Hier in der Gegend zu leben und zu arbeiten, ist bestimmt schwierig, wenn man Kinder hat.” – “Nicht, wenn Gott einem hilft.” – “Dennoch könnte ich mir vorstellen, dass es für ihre Kinder schwierig ist, mit den Gangs” – “Für die Jungs vor allem.” – “Auf ihnen lastet bestimmt ein großer Druck.” – “Einer meiner Söhne konnte dem nicht widerstehen.”
Der Sohn des Pastors ist ein Gangmitglied. “Mein Sohn redet mit mir da nicht drüber. Im Moment muss ich zugeben, diesen Kampf verloren zu haben.” Der Pastor verstummt. Wir gehen gemeinsam von seinem Büro in den großen Saal der Kirche und wechseln erstmal das Thema.
***
In Compton dreht sich verdammt vieles um Felgen, das klingt wie ein Klischee, und es ist auch eines. Aber eines, das wahr ist. Auch Pastor Chris LeGrande hat anständige Reifen auf seinem Landrover. Die habe ihm eine Frau aus seiner Gemeinde geschenkt, als sie ihren gelaesten Landrover zurückgeben musste. “Weißt du was”, habe die Frau zu ihm gesagt, erzählt LeGrande: “Es gibt keinen Grund warum ich die Karre mit den geilen Reifen zurückgeben sollte. Außerdem habe ich zuhause noch ein paar andere Reifen, die ebenfalls auf den Wagen passen. Und die dicken Schlappen, die bekommst du.” – “Ich habe Gott dafür gedankt”, ruft LeGrande durch seine ganze Kirche als er die Geschichte erzählt. Er meint das ernst.
“Mann, nicht ernst, sondern verdammt ernst, meine ich das”, würde er vermutlich sagen. LeGrandes Englisch ins Deutsche zu übersetzen, ist sinnlos. Es ist, wie GTA mit deutscher Synchronisation zu spielen oder Pulp Fiction auf Deutsch anuschauen. Eigentlich müsste man LeGrande filmen, so dass man ihn reden hören kann. Möglicherweise wird seine großartige, amerikanische Art, Glauben, Slang und LA Streetstyle miteinander zu vermischen etwas klarer, wenn man ihn mit seinem Auto und vor allem seinem Nummernschild sieht. “Gods Favor”.

Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der
. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können hier gefunden werden.
Fotos: privat
3 Kommentare »
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Guter Typ, gute Recherche, sehr schöne Felgen. Ich hoffe auf eine Seite drei in der Süddeutschen Zeitung.
Comment by Horst Kötter — August 18, 2010 @ 9:36 am
Muss hier auch mal mein Lob für diese sehr interessante Serie aussprechen.
Keep up the good work!
Comment by murdock — August 18, 2010 @ 1:29 pm
super serie! freue mich schon auf den nächsten bericht!
Comment by jodel — August 19, 2010 @ 4:51 am