In den Straßen der Gangs (Gangs #2)

“Wenn du deine Geschichte schreibst, dann schreib’, dass Gangs kaum noch gewalttätig sind”, sagt mein Kollege bei der LA Times, Sam Quinones. “Wo in den Achtzigern Drive-By-Shootings waren, steht heute ein Starbucks.”
Quinones sieht die Welt mit den Augen von jemand, der seit Jahrzehnten als Journalist Gangs thematisch begleitet. Ich werde mir Statistiken besorgen, um herauszufinden, wie sehr die Gewalt wirklich nachgelassen hat. Aber zunächst fahre ich ein erstes Mal nach Compton, jenen knapp 100 000 Einwohner großen Ort, der in den Achtzigern und Neunzigern für die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Crips und den Bloods bekannt wurde. Compton liegt circa 20 Kilometer südlich von Los Angeles, aber auf dem Weg dorthin fährt man ausschließlich durch urbanes Gebiet.
Ein kurzer Blick auf Wikipedia genügt nicht meinen Rechercheansprüchen, reicht aber für einen knappen Eindruck, bevor ich losfahre:
Compton gehört zu den gefährlichsten Städten der Vereinigten Staaten. Im Jahr 2006 (…) soll Compton die gefährlichste Stadt mit einer Einwohnerzahl zwischen 75.000 bis 99.999 Einwohnern und obendrein die viertgefährlichste (…) aller US-amerikanischen Städte gewesen sein. Die Mordrate liegt achtfach über dem Landesdurchschnitt. Hauptgrund (…) ist die Bandenkriminalität (…). Im Jahr 2005 gab es 65 Morde, 40 Vergewaltigungen, 474 Raubüberfälle, 1.157 tätliche Angriffe auf Personen, 638 Einbrüche, 971 Diebstähle, 1.006 Autodiebstähle und 91 Brandstiftungen. (Zitat editiert)
In Compton dann: An der einen oder anderen Ecke ein Gang-Graffiti. So markieren Gangs ihre Gebiete, so viel ist klar. Was der Schriftzug genau bedeutet: keine Ahnung im Moment. Die kleinen Seiten- und Nebenstraßen sind ziemlich leer. Die Hitze lähmt alles. Und überhaupt: alles ruhig.

East Compton Blvd 200, an der Ecke der Willowbrook Ave (Google Maps), tatsächlich: Starbucks, Taco Bell, Radioshack und Burger King. Und das hier ist eine der gewalttätigsten Städte der USA? Ich stelle das Auto ab und hole mir erstmal eine Cola und zwei Tacos. (Soft Tacos, die anderen mag ich nicht.)

Nachdem ich aufgegessen habe, fahre ich um ein paar Ecken und mache ein paar Bilder. Die beiden Damen hier veranstalten einen Garage Sale, verkaufen also das eigene Hab und Gut auf dem eigenen Grundstück. Nein, nein, ich möchte keine gebrauchten Klamotten kaufen, schick finde ich nur das Auto.
Und seltsam finde ich im Moment eigentlich nur, dass es hier tatsächlich aussieht, wie in den ersten Leveln von GTA San Andreas.
Nach einem netten Gespräch mit den beiden Frauen, fahre ich zurück zu Taco Bell und kaufe noch eine Cola. (Keine Ahnung, warum ich hier dauernd notiere, was ich gegessen und getrunken habe.)
Dann plötzlich Sirenen. Zwei Polizeiautos rasen mit hohe Geschwindigkeit von Osten nach Westen. Ich fahre vom Parkplatz und folge den Sheriffs über die Länge von sechs Blocks, was nicht ganz einfach ist, weil ich an roten Ampeln anhalten muss, die Sheriffs aber nicht. Ein, zwei Blocks südlich von mir kreist ein Hubschrauber der Polizei, ich orientiere mich jetzt an ihm und biege links ab. Ein paar Sekunden später, ziemlich genau um 17.15 Uhr, höre ich an der Ecke zwischen Willowbrook Ave und Alondra Blvd das dumpfe Tack-Tack-Tack einer abgefeuerten Pistole. Die Kreuzung (Google Streeview) ist gesperrt, die beiden Polizeiautos stehen hier quer, ein Bus auch. Mein Wagen steht in der dritten Reihe, ich kann wenig sehen, und bin damit beschäftigt, das Auto mit so viel Platz in die Schlange einzufädeln, dass ich jederzeit einen U-Turn machen kann.
Nach ein paar Sekunden ist schon alles vorbei, die Sheriffs führen einen jungen Mann ab, soweit ich sehen kann, wurde niemand getroffen, ich weiß aber nichtmal, wer geschossen hat; vielleicht hat einfach nur ein Polizist ein paar Warnschüsse abgegeben. Der Stau löst sich, niemand scheint groß nervös zu sein. Niemand, außer mir.
In der Redaktion in Downtown sitzen die Kollegen vom Metrodesk und lachen: “Hey, your first shooting.”
Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der
. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können hier gefunden werden.
Fotos: privat
4 Kommentare »
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Pingback by Straight Out Of Compton Notes synapsenschnappsen — August 13, 2010 @ 9:33 pm
Compton sieht nicht aus wie das typische ghetto und wenn man durchfährt kann man denken das man hier seinen Sommerurlaub verbringen könnte,doch alles das täuscht…compton ist unterteilt in duzende sektionen von black und hispanic gang gebieten die über drogen macht und territory kämpfen.mehr als 50 gangs gibt es in compton meißt mit mehr als 100 mitgliedern ich habe sogar damals als ich in compton gelebt habe eine karte erstellt,kannst du dir mal anschauen
http://maps.google.com/maps/user?uid=108349079914878017298&hl=en
oder schreib mir ne mail wenn dune frage hast
Comment by BomptonTTP — August 19, 2010 @ 1:37 am
Schöne Karten, die Sheriffs haben ganz ähnliche. Ich hab Dir geschrieben.
Comment by Johannes Boie — August 19, 2010 @ 3:43 am
@BomptonTTP: das ist deine karte? bist du auf streetgangs als h572d unterwegs? sagt dir sprucesta was?
Comment by BGCasper — Oktober 24, 2010 @ 4:02 pm