Die Freiheit der Mehrheit
Foto: Rick Loomis / Los Angeles Times
Sie hat jetzt drei Minuten lang ruhig und gefasst auf den Richter eingeredet. “Euer Ehren”, sagt die Anwältin abschließend, “meine Mandantin hat große Angst, im Gefängnis umgebracht zu werden, wenn ihr Foto in der Zeitung ist.”
Der Richter Craig J. Mitchell wiegt im dritten Stock des Clara-Shortridge-Foltz-Criminal-Justice-Center in Downtown Los Angeles nachdenklich den Kopf. Links von ihm stehen die beiden Angeklagten, eine 30 Jahre alte Frau und ihr 38-jähriger Freund. Die Frau soll ihre zweijährige Pflegetochter mit einem Hammer erschlagen haben. Ihr Freund wird als Mitwisser und Komplize verdächtigt. Die beiden sehen müde aus, gezeichnet von Monaten im Gefängnis.
“Ich sag Ihnen was”, sagt Mitchell dann in Richtung der Angeklagten. “Wir haben in Amerika eine lange Tradition der Pressefreiheit.” Im Zuschauerraum flüstert die 26-jährige Web-Producerin der Los Angeles Times, Sarah Ardalani, ein leises “Yes!”. “Der Fotograf der LA Times kann vorkommen. Los, fotografieren Sie die beiden, im Interesse der Mehrheit”, sagt der Richter.
Gelassen steht der Fotograf auf und schraubte sein großes Objektiv auf seine digitale Spiegelreflexkamera. Er schlendert durch die kleine Tür, die den Raum des Gerichtes von den Zuschauerbänken trennt. “Attorneys only”, steht darauf. Er steht links an der Wand, die beiden Angeklagten vom Zuschauerraum aus gesehen rechts. Der Fotograf zoomt ganz nah an die Angeklagten ran, die verzweifelt zu Boden blicken, sein Objektiv zielt genau auf ihre Gesichter. Die Verdächtigen stehen mit dem Rücken zur Wand. Sie tragen den blauen Ganzkörperanzug des LA County Jail, die Hände auf den Rücken gefesselt. Schließlich drehen sie sich zur Wand.
Der Fotograf flucht leise.
Draußen, auf dem Weg zurück in die Redaktion, scheint die Sonne, wie jeden Tag in Kalifornien. “Die Leute wollen Gesichter sehen”, sagt Ardalani. Ihr Project The Homicide Report findet in den gesamten USA Beachtung. Darin schreibt sie zusammen mit Kollegen täglich über die neusten Morde in Los Angeles. Oft sind es nur ein paar Sätze, aber Ardalani versucht stets, so viel wie möglich an Information zu recherchieren. Sie veröffentlich alles, vollständige Namen, genaue Fundorte von Leichen, und gerne eben auch Bilder von Verdächtigen. Die ersten Datensätze erhält Ardalani stets vom Gerichtsmediziner per E-Mail. Viel Zeit hat sie nicht, denn in Los Angeles sterben fast jeden Tag mehrere Menschen durch die Hand anderer.
Der Vater des Angeklagten, ein alter Mann, ruft ihr aus dem Gerichtsgebäude hinterher: “Mein Sohn ist auch ein Christ! Schreiben Sie das! Mein Sohn ist ein guter Christ!”
Meldungen zum Tod des Säuglings im Homicide Report: 1, 2
Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der
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4 Kommentare »
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[...] arbeitet derzeit 2 Monate lang für die Los Angeles Times und schreibt in diesem Zusammenhang über den Homicide Report, einem Blog, das sich mit Ermordungen [...]
Pingback by Guten Morgen | Too much information :: toomuchinformation.de — August 5, 2010 @ 10:08 am
Verdächtige fotografieren zu lassen entspricht nicht dem Grundsatz von Unschuldsvermutung, wonach – Zitat Art. 11 der Menschenrechte der UNO von 1948: „Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“
Doch davon ist die Welt weit entfernt, und das nicht nur in Los Angeles – siehe die Bilder zum Fall Kachelmann oder die Berichterstattung zum Fall Brunner, wonach zumindest im letzten Fall für die Öffentlichkeit sofort feststand, wer Held und wer die Verbrecher sind, andernfalls hätte Brunner das Bundesverdienstkreuz nicht posthum verliehen bekommen. Jetzt, im Prozess, stellte sich heraus, dass diese Dinge nicht so einfach sind, wie sie zuerst schienen – im September werden wir wissen, ob dieses Gericht wirklich so unabhängig von der öffentlichen Meinung ist, wie es sein soll.
Die Medien spiegeln nur die jeweilige Realität wider, in Los Angeles, wo die Verhältnisse härter sind, ist auch die Berichterstattung härter als zum Beispiel in München.
Am meisten überrascht hat mich jedoch die Reaktion der amerikanischen Leser: Soviel Gottvertrauen gab es bei uns höchstens bis in die erste Hälfte des 20ten Jahrhunderts.
Comment by Dion — August 5, 2010 @ 2:54 pm
Wo ist die Pointe, die Story? Der Artikel wirkt irgendwie “offen”. Was soll nun gesagt werden? Das Angeklagt zu befürchten haben, durch das Dorf getrieben zu werden, auch wenn sie vielleicht unschuldig sind?
@Dion: das Pochen auf die Menschenrechtskonvention ist eine öde ja schon fast eine Schutzbehauptung. Hällt die jetzt für alles her, was zwischen Unschuldsvermutung und Folter liegt?
Comment by Conrad — August 6, 2010 @ 2:11 pm
@Conrad.
Du darfst dir eine eigene Meinung bilden und die Zukunft ist ungewiss. Nicht alles muss erklärt werden..
Comment by Sebastian — August 18, 2010 @ 3:23 am