Die vermisste Richterin H.
“Wenn Sie diese Geschichte schreiben, laufen Sie Gefahr, erschossen zu werden”, sagte KH. vor anderthalb Wochen zu mir. Sowas hat bislang noch niemand zu mir gesagt, und es machte mich einigermaßen nervös. H., Richterin am Amtsgericht Berlin-Tiergarten, weiß in der Regel, wovon sie spricht. Die ehemalige Staatsanwältin bekämpft Jugendkriminalität zweigleisig: mit harten Urteilen, kaum, dass die Tat begangen wurde. Und mit einer beispiellosen Öffentlichkeitsarbeit. Immer wieder berichtet sie in den Medien über arabische Familienclans, Intensivtäter und Parallelgesellschaften. Ich sprach mit ihr im Rahmen einer längeren Hintergrundrecherche zu kriminellen Milieus in Berlin. Sie warnte mich, eindringlich, was mich erstaunte, lachte aber nur, als ich sie nach ihrer eigenen Bedrohungslage fragte. Sie käme schon klar, sagte sie sinngemäß. Im Übrigen würde sie bald in den Urlaub fahren.
Vieles muss an H. zerren: Die permanente, latente Bedrohung durch kriminelle, skrupellose Feinde. Der fehlende öffentliche Zuspruch von Kollegen, die mit denselben Problemen wie sie kämpfen, aber keine Worte dafür finden. Die Vereinnahmung durch falsche Freunde von Rechtsaußen, die die harten Aussagen der sozialdemokratisch geprägten Richterin für ausländerfeindliche Kampagnen missbrauchten.
Seit Montag wird H. vermisst, mehrere Medien haben darüber breits berichtet. Bislang ist unklar, was dahintersteckt. Ihr Auto wurde gefunden, ordentlich geparkt an einem Waldstück in Heiligensee. Die Polizei suchte mit Hubschraubern, Hunden und Hundertschaften, fand aber wohl nichts. Mein Wunsch, ihr möge nichts geschehen sein, mag jede professionelle Distanz vermissen lassen, aber er kommt von Herzen.
(Mehr zum Fall und zur Person H. morgen in der SZ, Seite 6)
8 Kommentare »
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ich hoffe auch das ihr nichts passiert ist
sie arbeitet ja in einem sozialen brennpunkt solche richterinnen brauch das land
Comment by peter — Juli 1, 2010 @ 7:15 pm
Bitter. Laut einer dpa Meldung wurde die Richterin tot aufgefunden.
Comment by DonDahlmann — Juli 3, 2010 @ 5:09 pm
Noch viel Bitterer. Kaum war sie gefunden, tönt die Presse “ein Fremdverschulden kann ausgeschlossen werden”. Wer mag, vor allem nach so kurzer Zeit, nur auf solch eine dämliche Aussagen kommen? Fremdverschulden nicht nachweisen und es ausschließen zu können sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ist es wirklich nur die völlige Verblödung in den zuständigen Dienststellen? Sind es “nur” die sensationsgeilen Medien die eine Aussage falsch wiedergeben? Oder steckt hinter dieser abwiegelnden Unterteppichkehrmaschinerie etwas völlig anderes?
Comment by Paule — Juli 6, 2010 @ 4:10 pm
@ Paule: Naja, StA und Polizei sind sich mittlerweile wirklich sehr sicher, dass es sich eindeutig um Suizid handelt. Fremdverschulden ist nicht nur nicht nachweisbar, sondern viele Umstände am Fundort des Körpers sollen nach Behördenangaben auch klar gegen jede Fremdverschuldung-Wahrscheinlichkeit sprechen.
PS: Ihre Empörung in Ehren – aber “bitterer” ist in jeder Hinsicht sicherlich, dass die Richterin tot ist.
Comment by Johannes Boie — Juli 9, 2010 @ 9:39 pm
Seltsam ist doch, daß die Polizisten auf Leitern zu Ihr hochklettern mußten um sie abzuhängen.
Es waren aber keine Leitern da.
Wie ist sie denn da hochgekommen?
Comment by dechi — August 11, 2010 @ 12:29 pm
Wie bereits geschrieben: Für mich gibt es keinen Grund, an Hs Suizid zu zweifeln. Aus Respekt vor ihr und den Hinterbliebenen werde ich Kommentare, die nur auf spekulativer Basis und ohne jeden Beleg die Debatte am Leben halten, künftig nicht mehr freischalten.
Comment by Johannes Boie — August 11, 2010 @ 3:58 pm
Habe diesen Artikel gerade gelesen, gibt es den Neuigkeiten zur Todesursache? Ist wirklich sehr traurig, gerade wenn Personen sich so für etwas einsetzen
…fehlen einem die Worte…
Comment by Rainer — August 12, 2010 @ 7:05 am
Die Todesursache ist nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft und Polizei Suizid. Es gibt aus verschiedenen Bereichen von Hs Leben eine Menge Details und Aussagen, die selbst ohne Untersuchung durch die Polizei Suizid nahelegen. Da diese Details keinerlei oeffentliches Interesse beruehren, werde ich sie im Netz nicht ausbreiten. Zusammen mit einer Kollegin habe ich vor Wochen ueber Hs Tod noch eine lange Reportage ind er Sueddeutschen geschrieben, in der naeher auf die Hintergruende eingegangen wird. Ich lasse den Text Interessierten gerne per Mail zukommen. johannes.boie(at)sueddeutsche.de
Comment by Johannes Boie — August 12, 2010 @ 11:21 pm