26.04.10 | 20:23 | Interview | 2 Kommentare

“Da muss alles zack-zack gehen.” – Interview mit WDR-Korrespondent Rolf-Dieter Krause

Eine Millisekunde hat man zu lange auf Rolf-Dieter Krauses Gesicht gestarrt. Er bemerkt das sofort. “Ja, ich bin geschminkt”, sagt Krause und lacht. Denn vor ein paar Minuten war er noch auf Sendung, und ein paar Stunden später wird er schon wieder im Fernsehen sein. Willkommen im schicken Neubau des WDR in Brüssel. Krause ist hier nicht nur der Chef im Haus, sondern auch noch einer von drei Korrespondenten und Moderator für Sondersendungen. Krause ist so nett, einen Einblick in seinen europäischen Alltag zu geben. Obwohl just an diesem Tag die griechische Regierung um Milliarden europäischer Euros bat und das Studio deshalb auf Hochtouren arbeitete.

krause-portrait

Herr Krause, seit wann sind Sie in Brüssel?

Seit Mai 2001. Ich war vorher schon von 1990 bis 1995 Korrespondent hier.

Wie haben sich in dieser Zeit Ihre Arbeitsbedingungen geändert?

Die Schlagzahl ist höher geworden. Inzwischen sendet die Tagesschau über weite Strecken des Tages stündlich. Das Morgen-, Mittags- und Nachtmagazin sind dazugekommen. Da muss alles zack-zack gehen. Manchmal muss man sich regelrecht zwingen noch mal nachzudenken: Was heißt das eigentlich, was ich da gerade erfahren haben? Zugleich ist Brüssel deutlich politischer geworden. Anfang der Neunziger gab’s noch viel Euro-Romantik. Jetzt ist ganz klar: Brüssel übt Macht aus, und alle hier wissen das. Das verändert den Sound.

Welche zentralen Anlaufstellen für Journalisten gibt es in Brüssel und Straßburg?

Ich bin nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstehe. Für Informationen: Zu viele, um sie alle zu nennen. Um hier die ersten Wege durch den Brüsseler Dschungel zu finden: Die Association de la Presse Internationale (A.P.I.), entfernt so etwas ähnliches wie die Bundespressekonferenz, dann J@AYS („Journalists @ your service“), natürlich auch die Pressestellen in Parlament, Kommission, Ständigen Vertretungen etc., und last not least viele hilfsbereite Kollegen, die schon länger da sind und in fast allen Büros von Zeitungen, Radio und Fernsehen zu finden sind.

Die EU hat 23 Amtssprachen. Inwiefern behindern Sprachbarrieren Ihre Arbeit?

Behindern wäre zuviel gesagt. Meistens ist es ja doch englisch oder französisch. Aber es stimmt schon: Gerade wenn man es gewohnt ist, sich mit seiner eigenen Sprach sehr nuanciert auszudrücken, stößt man in fremden Sprachen dann doch irgendwann mal an Grenzen. Und natürlich muss man hier bei jedem neuen Gesprächspartner erstmal die gemeinsam Sprachefinden. Wichtiger scheint mir noch etwas anderes: Als Hauptstadtkorrespondent (damals noch) in Bonn war ich mir sicher, dass die Objekte meiner Berichterstattung die Tagesschau auch sahen, dass sie sich also ein Bild von mir machen konnten (und das ist für die Arbeitsbeziehung nicht weniger wichtig als umgekehrt). Hier in Brüssel weiß ich: Die meisten politischen Akteure, die meisten Beamten etc. sehen die Tagesschau nicht, ganz einfach, weil sie kein Deutsch verstehen. In der Folge davon dauert es deutlich länger, gute Beziehungen zu Informanten aufzubauen.

Anders als in Berlin wechseln die zuständigen Politiker in Brüssel öfter und schneller. Wie gut lernen sich Journalisten und Politiker hier kennen?

Das gilt eigentlich nur für die Kommission. Im Parlament bleiben die Abgeordneten meistens länger. Trotzdem: Das Verhältnis ist weniger eng als in einer nationalen Hauptstadt. Das muss aber kein Mangel sein. Bei Politikern gilt sowieso: An ihren Taten sollst Du sie erkennen. Und das geht hier ganz gut.

In Brüssel sind Journalisten auf Pressesprecher der europäischen Institutionen angewiesen. Wie beurteilen Sie deren Arbeit? Gibt es Veränderungen, seit Sie in Brüssel angefangen haben?

Journalisten sollten nie auf Pressesprecher angewiesen sein. Und wenn man hier einigermaßen drin ist (aber das dauert, s.o., etwas länger als zuhause) – dann braucht man wie anderswo auch die Sprecher eher für Organisatorisches, aber nicht mehr für die Inhalte. Leider sind die Sprecher auch ziemlich überfordert. Hier hat auch der wichtigste Kommissar gerade mal einen Sprecher. In Berlin etwa hat auch der unwichtigste Minister vier oder fünf Sprecher. Das ist hier schon sehr knapp in Brüssel, und manchmal warten selbst wir von der ARD ziemlich lange auf dringende Rückrufe.

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Der WDR arbeitet in Brüssel in einem Neubau. Die moderne Technik stellt sicher, dass hier – anders als in anderen Korrespondentenbüros – auch ganze Sendungen produziert werden können.

Die EU hat bei vielen Deutschen ein schlechtes Image. Tragen die Medien Schuld daran?

Ach Gott, ja, manchmal. Manchmal liest man ja wirklich blühenden Unsinn über die EU. Aber den haben dann in aller Regel nicht die Brüssler Korrespondenten verzapft. Und trotzdem: Für das schlechte Image ist weit mehr als die Medien die Politik selbst verantwortlich. Auf ganz verschiedene Weise. Vor allem, weil sie alles Unangenehme nach Brüssel abschiebt. Beispiel Milchbauern: Da hat Herr Seehofer als Landwirtschaftsminister seine Beamten die ganze Zeit über die Abschaffung der Milchquote verhandeln lassen. Bei der entscheidenden Abstimmung, die aber längst vorher geregelt war, war er dann gerade nicht mehr im Amt, sondern schon Bayerischer Ministerpräsident. Und seither geriert er sich als Kämpfer für die Milchbauern. Manchmal schadet die Politik auch auf anderem Weg: Die Griechenland-Euro-Krise etwa beschädigt Europas Image erneut und besonders stark. Aber die Politik (auch die deutschen Politiker, alle Kanzler, alle Finanzminister) hat uns jahrelang in diesen Schlamassel hinein schliddern lassen.

Wäre es Aufgabe der Medien, das Bild zu ändern? Falls ja: Wie?

Nein. Wir sind keine Werbeabteilung für irgendwas. Wir sollen Meinungsbildung ermöglichen, aber nicht Meinungen bestimmen. Nicht, um Europa ein besseres Image zu verpassen, sondern wegen unserer ganznormalen Pflichten gegenüber Lesern, Zuhörern und Zuschauern allerdings würde ich mir manchmal wünschen, dass Journalisten nicht so flach sind, dass sie nationalen Politikern nicht so leicht auf den Leim gehen, und dass sie die – nicht komplizierten, aber komplexen – Hintergründe europäischer Entwicklungen und Entscheidungen besser ausleuchten. Das wäre ganz normale Informationsarbeit. Keine Werbung.

Nimmt das Thema Europa in den deutschen Medien genügend Raum ein?

In den Qualitätszeitungen ja, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen auch. Die Privatsender (auch die sogenannten Nachrichtensender) haben sich schon vor Jahren aus Brüssel zurückgezogen, die sind eher schwach auf der Brust. Das gilt auch für manche Regionalzeitungen, auch einige größere. Wenn ich selbstkritisch sein soll: Ich würde mir manchmal wünschen, dass wir noch etwas stärker das tun können, was wir in Berlin für meinen Geschmack manchmal übertreiben: Nämlich nicht nur über Entscheidungen zu berichten, sondern auch den politischen Prozess vor der Entscheidung zu begleiten.

Wodurch unterscheidet sich die Arbeit als Brüssel-Korrespondet für denWDR von anderen öffentlich-rechtlichen Korrespondentenjobs?

In anderen Sendern habe ich nicht gearbeitet, aber mir scheint doch, dass der WDR ein besonders liberales Haus ist, das – handwerkliche Akkuratesse vorausgesetzt – ein sehr breites Spektrum an Haltungen und Meinungen zulässt. Man darf nicht nur, man soll hier Profil entwickeln. Der Korrespondenten-Job in Brüssel ähnelt ansonsten eher dem in Berlin als dem in Paris. Wir berichten eben nicht über die Angelegenheiten fremder Völker oder Staaten, die vielleicht indirekte Auswirkungen auf unser Publikum haben, sondern wir berichten über eigene Angelegenheiten, die Deutschland direkt betreffen. Wir leben zwar im Ausland, abereigentlich sind wir Inlands-Korrespondenten, mit allem, was das für die Arbeitsweise bedeutet.

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Wer Brüssel kennt, der weiß: so wie im WDR Studio sieht die Stadt nicht aus. Es handelt sich um eine clevere Fotomontage, auf der möglichst viele Wahrzeichen der Stadt zusammengebaut sind. Hinter Krauses Rücken versteckt: das Atomium.

Welche Produkte entstehen in Ihrem Studio? In welchem zeitlichen Rhythmus arbeiten Sie?

Wo ausschließlich Korrespondenten arbeiten, entstehen Berichte, wir machen auch Sendungen. Das Europamagazin in der ARD (samstags 16.30, im Wechsel mit dem SWR), und im WDR den “Bericht aus Brüssel” (mittwochs 21.55) und “Eins zu Eins -das Gespräch aus Brüssel” freitags 9.20 Uhr. Das bestimmt natürlich ein wenig unseren Rhythmus, aber wir sind ein (für Fernsehverhältnisse) kleiner Laden: Die Aktualität verlangt von allen hohe Flexibilität. Von einem festen Rhythmus kann man also nicht wirklich sprechen.

Wie oft sind Sie persönlich im Fernsehen zu sehen?

Das zähle ich nicht. Es schwankt auch stark, abhängig von den Themen und Entwicklungen. Manchmal achtmal am Tag, manchmal auch eine Woche gar nicht.

Welche Geschichte haben Sie in Ihrer Zeit als Korrespondent besonders gerne gemacht?

Sie werden sich wundern: Keine politische. Sondern ein Film über eine sehr besondere Trappisten-Abtei, die nicht zur Brauerei mutiert ist. Die Mönche dort sagen: “Wir leben nicht um zu brauen, sondern wir brauen, um zu leben”. Mit anderen Worten: Sie brauen nur dann Bier, wenn sie mal wieder Geld brauchen. Das Bier aber ist hoch begehrt. Und was die westflämischen Kunden alles unternehmen, um an dieses Bier, ihr “Paterke” zu kommen – das war das Thema des Films. Ein Schlussstück in den Tagesthemen. Überhaupt nicht wichtig. Aber schön! Hat richtig Spaß gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ein drei Jahre altes Portrait über Rolf-Dieter Krause

Bilder: privat

2 Kommentare »

  1. [...] Boie hat in der Schaltzentrale ein Interview mit WDR-Korrespondent Rolf-Dieter Krause [...]

    Pingback by Guten Morgen | Too much information :: toomuchinformation.de — April 27, 2010 @ 9:36 am

  2. [...] Boie hat in der Schaltzentrale ein Interview mit WDR-Korrespondent Rolf-Dieter Krause [...]

    Pingback by Too much information » Guten Morgen — April 5, 2011 @ 12:15 pm

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