Beleidigt sein und beleidigend sein
Der bloggende Rechtsanwalt Thomas Stadler, der mir schon für mehrere Geschichten bei der Hintergrundrecherche half, schrieb schon vor ein paar Monaten auf Twitter: “@johannesboie bedient in der SZ ein paar Klischees über den CCC und den langhaarigen, männlichen Hacker http://tinyurl.com/ycuv556“.
Wer meine Texte kennt, weiß, dass ich Metadebatten über Blogs, Journalismus und das Verhältnis von beidem in aller Regel langweilig finde. Aber manche Angriffe verlangen Verteidigung. Weniger ihrer Stärke wegen. Man ist ja als Journalist an Kritik, auch an herbe Kritik, gewöhnt. Man muss sie aushalten können, das gehört zum Beruf. Irritierend bis verletzend ist vielmehr die Substanzlosigkeit vieler Ausfälle.
In Stadlers Tweet scheint mir der Generalverdacht des Bloggers gegen den Journalisten drin zu stecken. Uns, insbesondere den Kollegen, die sich mit Netzthemen beschäftigen, wird immer wieder vorgeworfen, voreingenommen zu sein, Klischees zu verbreiten.
Dabei kenne ich keinen Netzpolitik-Journalisten und halte mich auch selber für keinen, der sich entsprechenden Themen befangen nähert. Ich weiß nicht, wie oft Stadler bei einem CCC-Treffen war, aber wenn ein Klischee zutrifft, dann werde ich es nicht deshalb nicht veröffentlichen, weil es ein Klischee ist.
Tatsächlich voreingenommen sind die Kritiker. Egal, was ich schreibe, ich kann als Journalist einer Printzeitung damit rechnen, dass die Fans von Stefan Niggemeiers Artikelkategorie “Geht Sterben” weniger lesen, was ich geschrieben habe, als das, was sie lesen möchten.
Von Seiten der allermeisten Journalisten ist die lächerliche Debatte “Blogger vs Journalisten” längst beendet. Ich wagen die Behauptung, dass dies auch an der Routine vieler Journalisten liegt, neue Entwicklungen professionell einzuordnen und abzuhaken. Beim Aufkommen der Blogs lief das zugegebenermaßen ein wenig anders, weil die eigene Branche betroffen war. Aber längst haben sich die Redaktionen beruhigt. Und in aller Regel gelernt, einige Blogs zu schätzen, mit Bloggern zu arbeiten und als Quellen zu nutzen.
Doch auf der anderen Seite gibt es einige, die die Zusammenarbeit verhindern möchten. Als Printjournalist kann ich schreiben, was ich will – es gibt immer Blogger, die nicht lesen, was ich schreibe, sondern die lesen, was sie lesen möchten.
Als König der stark vereinfachten Wahrnehmung, hat sich dabei in meinen Augen gestern mal wieder der ehemalige Journalist Thomas Knüwer erwiesen. Dass ich negativ über die Re:Publica geschrieben haben soll (was ich meiner Meinung nach ohnehin nicht getan habe, aber sei’s drum), weil ich neidisch auf Blogger sei, ist ein so dermaßen absurder Vorwurf, dass es mir schwerfällt, mich gegen ihn zu verteidigen. Doch tue ich es nicht, steht er unwidersprochen im Netz. Knüwers Totalausfall ist nicht nur deshalb bizarr, weil ich hier selber blogge. Sondern vor allem deshalb, weil Knüwer das Bloggerparadies, auf das ich neidisch sei, wie folgt beschreibt:
Blogger “schreiben nicht über das, was ihnen Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität diktieren – sie schreiben über das, was sie interessiert. Dabei sagen sie auch noch deutlich ihre Meinung. Und dafür ernten sie dann auch noch Leserkommentare, Resonanz und dürfen auf einem Kongress stehen und Bier trinken.”
Manchmal frage ich mich, wie sehr Knüwer seine Arbeit beim Handelsblatt gehasst haben muss, wenn für ihn “Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität” so grausam sind. Und ich frage mich auch, was Knüwer eigentlich bei der Zeitung gemacht hat – jene Menschen, die ich beim Handelsblatt mehr aus der Ferne als der Nähe kenne, haben dort noch nie einen Text von Chefs “diktiert” bekommen. Allerdings verdienen sie auch ein bisschen mehr als “Leserkommentare, Resonanz und Bier auf einem Kongress”.
Ich schreibe in meinem Text über die Re:Publica, dass es absurd ist, dass einer wie der Blogger Sascha Pallenberg als “genuiner Blogger” begriffen wird. Dass ich damit seinen Erfolg, der auf Arbeit rund um die Uhr beruht,beschreibe, der ihn aus der Masse der Blogger heraushebt, überliest Knüwer. Er verschließt die Augen vor der Realität so sehr, dass er meinen Text zitiert und anstelle des Wortes “genuin” “genial” schreibt. Das würde tatsächlich keinen Sinn machen. Deshalb habe ich es ja auch niemals geschrieben. (Im Übrigen, und das nur nebenbei, hat Pallenberg meine Sympathie für seine Arbeit.)
In Knüwers Text gibt es dermaßen viel Unsinn zu lesen, aber aus Zeitgründen kann ich nur auf wenige Punkte eingehen. Ich hätte das auch gerne in seinem Kommentarfeld getan, denn anders als Knüwer glauben mag, beteilige ich mich je nach Arbeitsauslastung eigentlich gerne an Debatten im Netz, auch an kritischen zu meinen Texten. Und mag eigentlich keine Metathemen in meinem eigenen Blog, da ist Knüwers Seite schon der richtige Ort dafür. Aber bereits meinen ersten Kommentar von 10 Uhr heute morgen, der nicht viel mehr als einen Link auf eine Klarstellung hier im Blog enthielt, hat Knüwer nicht freigegeben, obwohl ich ihn per Mail zwei Stunden später nochmal darum gebeten habe.
Bonustrack: Knüwer unterstellt im selben Artikel dem FAZ-Redakteur Harald Staun, er habe den Blogger Felix Schwenzel beleidigt. Jetzt müsse sich Staun entschuldigen. Was Knüwer nicht schrieb: Dass er mich auf Stefan Niggemeiers Blog bereits 2007 so hart beleidigte, dass er nachträglich Niggemeier darum bat, den Kommentar zu löschen. Und dass ich daraufhin auf Bitten des jetzt.de-Chefs Dirk von Gehlen einen Text zu Beleidigungen im Netz verfasste, auf den er wiederum reagierte.
Viel schlimmer als Knüwers Art zu Schreiben ist nämlich, dass er ständig Meta-Debatten losbricht.
17 Kommentare »
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Ich verstehe deine Aufregung nicht ganz, muss ich sagen. In Knüwers Text beziehen sich ja nur zwei Gedanken auf dich. Den ersten hat Malte welding durchaus in den Kommentaren zu Knüwer kritisiert, es ist also nicht so, dass niemand Knüwer alles abnimmt. Den zweiten teile ich inhaltlich, soweit ich denke, ihn verstanden zu haben.
Eigentlicher Aufhänger für Knüwer ist ja Stauns Text. Dazu wird mit Überinterpretationen der Braten fett gemacht und in ein Korsett des altbekannten Journalisten-Blogger-Zwists gezwängt, damit sich der Autor die Aura eines Verstandenhabers geben kann. Jeder ist halt etwas eitel. Wenn das gut geschrieben wäre, wenn es gut argumentiert wäre, wäre ich für meinen Teil drauf angesprungen. Ist es aber nicht. Dafür steht der Text aber auch in einem privaten Blog und nicht in einer großen Zeitung.
Zugegebenermaßen haben einige bekanntere Blogger Leserscharen, die Implikationen dieser Blogger zu oft für bare Münze nehmen. Man kann sich darüber ärgern, man kann sie auch einfach ignorieren. Ich persönlich überfliege die Kommentarlisten meistens. Warum Don Alphonso über Leser sagt, sie wollen nicht nur den Beitrag, sondern auch die Kommentare lesen, ist mir in seiner Allgemeinheit nicht klar. Wenn ein Text richtig gut ist, denke ich, dass unter vielen Kommentatoren auch gute sind, und dann lese ich da intensiver weiter. Wenn der Text aber schon schlecht ist, interessieren mich nicht die kommentare, auch wenn es über hundert sind. Und ich kenne viele Leser, die die Kommentare überhaupt nicht lesen.
Ansonsten ist das doch alles Rauschen, was man vorbeiziehen sollte. Im Internet kann man nicht mehr erwarten, als dass vielleicht der eine oder andere sich Zeit nimmt, die eigenen Texte zu lesen. Und dafür sollte man sich bemühen gut zu schreiben. Gelangt man an beides, hat man viel erreicht.
Comment by Carsten — April 19, 2010 @ 8:30 pm
Thomas Knüwer und die Bloggerdebatte: Die beiden können nicht ohne einander. (Ich allerdings ohne beide.)
Comment by Simon — April 19, 2010 @ 9:22 pm
Hallo Herr Boie,
ich bin weder beleidigt, noch erinnere ich mich daran, Ihnen gegenüber beleidigend gewesen zu sein. Soll ich nun beleidigt sein, weil Ihr Text als beleidigend verstanden werden könnte?
Dass Sie wegen eines vier Monate alten Tweets gerade jetzt Dampf ablassen müssen, halte ich für unwahrscheinlich.
Was hat Ihr Ärger über Thomas Knüwer also mit mir zu tun?
Es wird wohl so sein, dass Ihnen als aufmerksamer Leser meiner Tweets nicht entgangen ist, dass ich Ihren Artikel in der SZ zur re:publica nicht richtig überzeugend fand. Ich könnte Ihnen dazu jetzt ausführlicher erklären, weshalb ich mir gewünscht hätte, dass sich an einige Ihrer Thesen Kausalsätze anschließen.
Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass Blogger die besseren Journalisten sind, die meisten Blogger sind gar keine, mich eingeschlossen. Anderseits muss ich auch kein Filmregisseur sein, um Filme kritisieren zu dürfen. Und deshalb nehme ich mir die Freiheit, auch Zeitungsartikel kritisch zu sehen. Und einen gestandenen Journalisten wie Sie sollte das nicht aus der Ruhe bringen.
Comment by Stadler — April 19, 2010 @ 10:06 pm
Hallo Herr Stadler, Ihre Kritik im Tweet war für mich nicht nachvollziehbar – aber weder bin ich beleidigt, noch sollen Sie das sein, mit dem Knüwer’schen Ausfall ist sie nicht vergleichbar, ja schon von der Länge her nicht. Aber doch ein exemplarisches Beispiel für die Unterstellung, Journalisten – in diesem Fall: ich – reproduzierten unbedacht Klischees und Vorurteile, wenn es um die Netzwelt geht. Ihr Tweet zu meinem Re:Publica-Text tut das nicht, und deshalb hab ich auch kein Problem mit demselben. Ganz egal wie kritisch er auch ist. Schöne Grüße!
Comment by Johannes Boie — April 19, 2010 @ 10:27 pm
[...] Beleidigt sein und beleidigend sein « Schaltzentrale [...]
Pingback by links for 2010-04-19 | Too much information :: 2muchin4mation.com :: toomuchinformation.de — April 20, 2010 @ 1:04 am
Also ein klein wenig beleidigt bist Du schon
Thomas Knüwers Artikel lese ich gar nicht mehr, da es in wenigen Varianten immer wieder die gleiche Litanei ist: Printmedien sterben – Social Media ist doppelplusgut. Zugegeben ist das manchmal gut geschrieben, aber doch sehr repetetiv und langweilig, die Recherche dahinter ist bestenfalls nachlässig.
Dass die Leute lesen, was sie wollen und nicht das was wir schreiben ist kaum vermeidbar. In letzter Zeit scheint es aber schlimmer zu werden. Das Problem: mit ein, zwei Klicks (vorsicht: Klischee) bin ich bei jemandem, der genau das gleiche lesen will wie ich und das dann auch so weitergibt.
Comment by Torsten — April 20, 2010 @ 7:50 am
[...] Beleidigt sein und beleidigend sein « Schaltzentrale – (Tags: Blogger Journalismus PrintVsOnline ) [...]
Pingback by Linkdump for 19. April 2010 Links synapsenschnappsen — April 20, 2010 @ 9:05 am
[...] Boie thematisiert in der Schaltzentrale Unstimmigkeiten mit Thomas Knüwer und Thomas Stadler. Und letzterer [...]
Pingback by Guten Morgen | Too much information :: 2muchin4mation.com :: toomuchinformation.de — April 20, 2010 @ 9:44 am
Ist es denn wirklich überraschend, dass T. Knüwer PR in eigener Sache betreibt? Das ist Teil des Geschäftsmodells, würde ich auch so machen, wenn es meines wäre, frei nach dem Motto: if you can´t convince them, confuse them.
Comment by Sascha Stoltenow — April 20, 2010 @ 11:23 am
Was Sie vergessen zu erwähnen: Jenen Kommentar bat ich Stefan Niggemeier zu löschen, nachdem mich Herr von Gehlen darum bat “um die Karriere des jungen Kollegen nicht zu beschädigen”. Und anschließend habe ich mich dafür entschuldigt. Mal schauen, ob Herr Staun das auch tut.
Comment by Thomas Knüwer — April 20, 2010 @ 1:39 pm
@Thomas Knüwer: Wenn Sie tatsächlich Dirk von Gehlens Hilfe benötigten, um zu verstehen, dass Sie Ihre Beleidigungen besser löschen lassen sollten, dann ist das ja ein noch größeres Armutszeugnis für Sie als ich bislang dachte. Ich wünsche mir, dass Sie hier nicht erneut kommentieren. Ihr Kommentar in Ihrem eigenen Blog, der mit einem Witz über meinen Nachnamen beginnt und mit mangelhaftem inhaltlichem Verständnis Ihrerseits endet, ist doch ein der Debatte angemessener Schlußpunkt.
Comment by Johannes Boie — April 20, 2010 @ 2:21 pm
Knüwer ist ein unerträglicher, selbstgewählter Blog-KlassensPRecher. Auf Grundlage welcher Eigenleistung eigentlich noch mal? Verlagsgepushtes und lange Zeit -bezahltes Blog? Jede Woche wird man irgendwo mit einem neuen Zitat von ihm genervt, in dem er seine einzige Ausage “Verlage haben keine Ahnung” neu aufbrüht. Man möchte fast wieder Zeitungen kaufen, nur um seine Musterschüler-Besserwisserei nicht mehr ertragen zu müssen.
Comment by Kein Journalist — April 20, 2010 @ 4:58 pm
Wow, was für ein Kindergarten. Was nichts daran ändert, dass ich die Berichterstattung in SZ und FAZ über die re:publica für stark verbesserungsbedürftig halte. Und das sagt ein Journalist, der da war und auch noch hin und wieder bloggt und sowieso überhaupt nicht versteht, dass die Leute solche Probleme haben, sich als erwachsene Menschen zu benehmen.
Comment by Matthias Krause — April 20, 2010 @ 5:34 pm
Mein Gott, was für ein elender Stuß: Aufgeblasene erklären sich gegenseitig die Welt! Wußte gar nicht, dass es diese blödsinnigen und geschwätzigen Websites immer noch gibt.
Comment by Klaus Boldt — April 20, 2010 @ 5:55 pm
Herr Knüwer ist mittlerweile hauptberuflicher “Berater” in Sachen Web X.Y. Er muss so allwissend sein, um Kunden anzulocken. Also nicht alles so ernst nehmen. Er muss einfach immer mal wieder Öffentlichkeit generieren, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Klappern gehört einfach zum Handwerk.
Comment by reminder — April 20, 2010 @ 8:08 pm
Akuter Reissäckemangel in China!
Comment by rauskucker — April 20, 2010 @ 8:41 pm
Lieber Herr Boie,
dsa Problem bei der Kommunikation ist es, dass man, wenn man auf etwas reagiert, sofort damit dokumentiert, dass es für einen relevant ist. Deshalb hat beispielsweise Stalin nie reagiert. Aber ich gebe zu, Stalin ist nicht gerade ein gutes role model in Zeiten von buzz. Aber man sollte nur einmal im Leben über Knüwer schreiben.
Das hat damit zu tun, dass diese Erwähnung bereits Bestandteil von Knüwers Geschäftsmodell ist. Knüwer muss noise erzeugen, weil das die Hintergrundmusik für seine Unternehmensgespräche ist. Denn auch die bestehen nur in Verunsicherung seiner Klientel, denen er vor allem gerne social media verkauft als Weg zum Glück. Man kriegt diese Kundschaft sehr schnell wieder auf den Boden, wenn man sie mit all den halbseidenen und falschen Prognosen bekannt macht, die Knüwer in den letzten Jahren so von sich gegeben hat. Das waere übrigens mal eine schöne Glosse. Aber viel entscheidender ist: sie müssen verstehen, dass Sie im Knüwer Raum einem Ideologen begegnen, Typus Vertriebener der sechziger Jahre, KPDler der achtziger, alter World War II Kamerad der neunziger. Mit denen hätten Sie ja auch nicht gestritten. Das Persönliche tritt da fast schon in den Hintergrund, wenn auch seine Handelsblatt Kollegen von einst daerueber gerne reden.
Comment by Thomas — April 20, 2010 @ 11:43 pm