Da teilt sich viel und es geht schnell
Besuch bei Rapidshare: Ein Tisch, ein Büro in einer Schweizer Kleinstadt und eine gigantische Internet-Verbindung. (Aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung)
Der Niedergang der Unterhaltungsindustrie hat eine Adresse: Gewerbestraße 6 im schweizerischen Örtchen Cham. Neubau im Industriegebiet, fünftes Stockwerk. Einen Namen hat er auch: Rapidshare, eine Firma, die sich in Cham eingemietet hat. Und das weder besonders unauffällig, wie es ihr ihre Feinde gerne unterstellen, noch besonders auffällig, wie es ihr Erfolg ermöglichen könnte. Beeindruckend ist hier nur das Alpen-Panorama.
Rapidshare ist ganz einfach nur da – und genau da liegt das Problem, das viele mit dem Unternehmen haben.
Rapidshare, die kleine Firma im noch kleineren Cham, hat Server, die mit 450 Gigabit pro Sekunde ans Internet angeschlossen sind. Die gesamte Schweiz, das sollte man an dieser Stelle erwähnen, verfügt über Internetanbindungen in der Größenordnung von fünfzig Gigabit pro Sekunde. Rapidshare, die Firma mit dem Pfeil im Logo, betreibt mit “rapidshare.com” eine Internetseite, die auf Platz 27 der am häufigsten besuchten Seiten der Welt liegt. “Rapidshare.com” ist größer als “cnn.com”, als “bbc.co.uk”, “apple.com” und “aol.com”. Und sogar als “pornhub.com”.

Die Welt bei Cham
Die Nutzer der Seite verwenden die schnelle Anbindung, um auf den Servern von Rapidshare besonders große Dateien zu speichern. Mit einem speziellen Link, den nur erhält, wer die Datei hochgeladen hat, kann jeder, der im Besitz des Links ist, auf die hochgeladenen Daten zugreifen und sie auf einen anderen Rechner laden. Das ist praktisch, wenn eine Datei zu groß ist, um sie per e-Mail zu verschicken. Beispielsweise, wenn man ein selbstgedrehtes Hochzeitsvideo an Freunde und Bekannte weitergeben möchte. Oder wenn man die eigene CD-Sammlung für private Zwecke im Netz sichern möchte. Oder wenn man 500 illegal kopierte Hollywood-Filme kostenlos an den Rest der Welt weiterreichen möchte. Der kleine, aber entscheidende Unterschied: Die ersten beiden Beispiele sind legal – das letztgenannte ist ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht. Gegen geltende Gesetze verstoßen auch Rapidshare-Nutzer, die Download-Links der Öffentlichkeit zugänglich machen. Vielen ist das freilich gleichgültig: Das Netz ist voll von Foren und Blogs, die nichts anderes als Rapidshare-Links veröffentlichen. Was dazu führt, dass eine Google -Suche nach einem aktuellen Film zusammen mit dem Stichwort Rapidshare schnell zu einem Link führt, unter dem der gesuchte Film gratis und in bester Qualität von den Servern der schweizerischen Firma geladen werden kann.
Wie viele der 150 Millionen Dateien auf Rapidshares Servern für illegale Downloads missbraucht werden, weiß keiner. Unbekannt ist auch, wie viele der durchschnittlich 500 000 Dateien, die täglich von Rechnern auf der gesamten Welt neu hochgeladen werden, urheberrechtlich geschützt sind. Nicht mal die fünfzig Mitarbeiter bei Rapidshare wissen Bescheid. Denn zum einen ist die Menge der Dateien zu groß, um sie effizient zu kontrollieren. Zum anderen agieren die Betreiber des Dienstes in einer Grauzone zwischen Urheber-, Medienrecht und Datenschutz. Vielleicht dürfen sie überhaupt nicht in die Dateien schauen, die Privatleute auf ihre Server laden – es gibt nach wie vor kein finales Gerichtsurteil, das Klarheit schaffen würde. Allerdings: zwei bis drei Prozent der täglich neu hochgeladenen Dateien löschen die Techniker. Nämlich dann, wenn sie öffentliche Links auf urheberrechtlich geschütztes Material gefunden haben.
Natürlich gibt es auch Zahlen, die mehr Aufschluss über das Geschäftsmodell von Rapidshare geben können. Zum Beispiel, wie viele Nutzer sich für einen “premium account” entschieden haben und Geld dafür bezahlen, um besonders schnell und ohne Wartezeit Dateien von den Rapidshare-Servern laden zu dürfen. Aufschluss geben könnte auch die Anzahl der rechtlichen Angriffe, derer sich Rapidshare seit der Gründung im Jahr 2006 erwehren musste. Oder der Umsatz der AG. Oder wo die Server stehen, und wer sie betreut. Oder die Anzahl der Neukunden.
Man kann diese Fragen alle stellen, zum Beispiel an den freundlichen Unternehmenschef Bobby Chang und an seine Pressesprecherin Katharina Scheid. Es ist aber so, dass sich Chang und Scheid die Arbeit teilen. Der gebürtige Hamburger erklärt Besuchern gerne die Firma. Und Scheid erklärt Besuchern gerne, was man nicht verraten werde. Dazu gehören die Antworten auf alle eben gestellten Fragen. Und natürlich auch die Frage nach dem Leben und der Rolle von Christian Schmid. Dem Erfinder des Rapidshare-Prinzips, der mit Mitte Zwanzig die deutsche Vorgängerfirma von Rapidshare im Alleingang so groß gemacht hatte, so dass Chang leichtes Spiel gehabt haben muss, als er mit Schmid zusammen den Ein-Mann-Betrieb in eine schweizerische Privat-AG umbaute. Schmid ist für niemanden zu sprechen. Immerhin das lässt sich erfahren: Rapidshare, sagt Chang, habe sich in der Schweiz angesiedelt, weil Schmid zu seiner schweizerischen Freundin ziehen wollte.
T-Shirts mit dem Firmenlogo sind zu begehrten Raritäten geworden. Sie werden nicht verkauft, sondern auf Messen an besonders treue Fans vergeben. Immer dann, wenn die Auseinandersetzung zwischen der klassischer Unterhaltungsindustrie und den digitalen Apologeten ideologisiert wird, ist der Name Rapid-share eine Art Fanal für die Feinde der digitalen Welt. Doch bei Rapidshare verlässt man sich nicht auf den Ruhm des Hasses und die Liebe der Netzgemeinde. Wie schnell dieser Höhenflug vorbei sein kann, weiß Bobby Chang ganz genau. Schließlich profitiert er nicht nur von den drastisch veränderten Bedingungen des Unterhaltungsmarktes, sondern beschwört sie selber hinauf.
Rapidshare kämpft zum Beispiel mit Firmen, die das Geschäftsmodell nachahmen. Aber vor allem kämpfen die Schweizer vor Gerichten und gegen Gerichte, deren Rechtsprechung die Firma bislang nicht ein Mal in letzter Instanz verurteilte, aber auch nie Klarheit schafft, wie weit die Techniker dem Missbrauch des Dienstes vorbeugen müssen – und dürfen. Vor allem aber kämpft Rapidshare gegen die Zukunft.
Denn wenn es erstmal einfacher ist, ein Album sehr günstig zu kaufen, als es illegal herunterzuladen, werden die Nutzerzahlen des Dienstes sinken. Wenn es Film- und Musikindustrie gelingt, ihre Produkte digital intelligent und preiswert zu vertreiben, den Bezahlvorgang zu vereinfachen – dann kann im Netz blitzschnell ein großer Markt entstehen, der die digitale Anarchie der Nullerjahre unter sich begräbt. Und Firmen wie Rapidshare, deren Erfolg auch auf den illegalen Aktivitäten der Nutzer basiert, könnten dann leicht mit in den Abgrund gerissen werden.
Das Gespräch am braunen Holztisch in der Gewerbestrasse Nummer 6 bricht Chang nach einer Stunde ab. Ein Flugzeug wartet in Zürich auf ihn, Chang muss nach Hamburg. Dort trifft er den Erzfeind, Musikmanager von Warner Bros. Um die Wogen zu glätten, ist Mola Adebisi dabei. Der Ex-Moderator arbeitet bei Rapidshare als externer Berater im Unterhaltungsbereich. Denn Warner Bros. hat begriffen, dass die Jugend, die sich auf den Servern von Rapidshare tummelt, identisch ist mit der Kundschaft, die im Laden nicht mehr dreißig Euro für eine DVD bezahlen will. Daher wollen die Film-Manager versuchen, ihre Produkte dort zu verkaufen, wo ihre potentielle Kundschaft ist: auf der Webseite von Rapidshare.
Gleichzeitig wollen die Schweizer damit ein Geschäftsmodell entwickeln, das weniger auf illegaler, denn auf legaler Aktivität der eigenen Kundschaft aufgebaut ist. Denn es wäre ja, genau genommen, Ironie des Schicksals, wenn Rapidshare, das große Symbol der digitalen Welt, in einem zweiten digitalen Wandel, also in der Etablierung legaler Geschäftsmodelle, seine Geschäftsgrundlage verlöre. JOHANNES BOIE
© Süddeutsche Zeitung, 2010
Foto: Bilderberg
11 Kommentare »
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL



450 Megabit pro Sekunde für so eine große Site klingt ziemlich wenig und 50 mbit/s für die gesamte Schweiz?!
So viel bekommt man heute per DSL bis ins Haus geliefert
Die Zahlen stimmen nie und nimmer
Comment by twix — Februar 20, 2010 @ 3:42 pm
“Denn wenn es erstmal einfacher ist, ein Album sehr günstig zu kaufen, als es illegal herunterzuladen, werden die Nutzerzahlen des Dienstes sinken.”
damit bringen sie es auf den punkt. es ist bis heute nicht möglich, einen film legal zu erwerben, der nicht mit drm verseucht ist, der mir den o-ton und synchronfassung bietet, vllt gar noch untertitel, wie es auf dvds doch seit langem standard ist. desweiterem wird man als legaler käufer gegängelt mit kopierschutz, mit werbeclips und allen möglichem anderem mist, den man nicht möchte, siehe http://i.imgur.com/GxzeV.jpg .
und solange das so bleibt, solange die filmindustrie die gleichen fehler macht wie die musikindustrie vor ihr, solange werden sharehoster wie rapidshare erfolgreich sein, weil sie eben das bieten, was der kunde will.
Comment by hurle — Februar 20, 2010 @ 4:10 pm
und so günstig wie rapidshare:
€54,- / jahr für all-you-can-eat.
das schöpft man nur aus wenn man tatsächlich untouched blueray filme zieht, ansonsten könnte man vermutlich 24/7 vor dem fernseher sitzen.
frage ist nur, wann man sich dann die ganze musik anhört die es auch noch auf rapidshare gibt.
und SO billig wirds die filmindustrie nie bringen.
Comment by guenstig — Februar 20, 2010 @ 5:18 pm
450 mb/s für das rechenzentrum und 50 mb / s für die ganze schweiz? sollte das nicht eher tb/s sein?
Comment by markus — Februar 20, 2010 @ 11:57 pm
[...] Da teilt sich viel und es geht schnell « Schaltzentrale – Aus der Süddeutschen Zeitung: Ein Besuch bei Rapidshare (Tags: piracy Filesharing rapidshare ) [...]
Pingback by Linkdump for 20. Februar 2010 Links synapsenschnappsen — Februar 21, 2010 @ 9:04 am
Entscheidend – unabhängig aller technische Übertragungswerte – ist doch die Neutralität der Schweiz bzw. der gewährten Immunität. Nicht ganz unverständlich ist die Ansicht des “Kavaliersdeliktes” beim illegalen Download, betrachtet man das Kostendelta zum legalen Kauf (betrifft sowohl Musik als auch Filme). Die von hurle genannte Tatsache vorgeschalteter und nicht zu umgehender Werbung ist hier m. E. nur ein Nebeneffekt.
Comment by C. Osenberg — Februar 23, 2010 @ 3:52 pm
450 Megabit pro Sekunde für so eine große Site klingt ziemlich wenig und 50 mbit/s für die gesamte Schweiz?!
So viel bekommt man heute per DSL bis ins Haus geliefert
Die Zahlen stimmen nie und nimmer
Kommentar von twix — Februar 20, 2010 @ 3:42 pm
Im Artikel steht 450 Gigabit/sec für RS und 50 Gigabit für die Anbindungen in der Schweiz.
Edit von Johannes Boie – Ja, das hab’ ich korrigiert. Markus und twix hatten da schon Recht. Ist ein peinlicher Fehler gewesen.
Comment by Kalli — Februar 23, 2010 @ 11:48 pm
[...] Besuch bei Rapidshare « Schaltzentrale [...]
Pingback by links for 2010-03-19 — März 20, 2010 @ 8:04 am
[...] Als ich Anfang des Jahres beim umstrittenen Internet-Unternehmen Rapidshare im schweizerischen Örtchen Cham war, staunte ich nicht schlecht, als die Pressesprecherin in einem Nebensatz sagte, Mola Adebisi sei als Berater bei Rapidshare an Bord. Ich fand das insofern lustig, als Adebisi meiner Meinung nach beim Thema Um- und Absturz in der Medienbranche seine ganz eigene Erfahtung einbringen kann. Jetzt.de-Chef Dirk von Gehlen ist der Sache nachgegangen, heraus kam dieses Interview. (Und hier meine Reportage aus dem SZ-Feuilleton.) [...]
Pingback by Adebisis Erfahrungen « Schaltzentrale — März 21, 2010 @ 11:16 pm
Südafrika | Reiseziele Afrika…
Alles begann damals, so um 1981 herum, in der Körtestraße 10. Damals gab es dort das Geschäft eines Großhändlers, der vorwiegend Spiele aus dem asiatischen Raum nach Berlin importierte. 1994 ging es dann auch nach Spandau in die Havelstraße, 1997 folgt…
Trackback by Südafrika | Reiseziele Afrika — Juni 30, 2010 @ 2:41 am
[...] Besuch bei Rapidshare « Schaltzentrale [...]
Pingback by Lesezeichen | Too much information — November 5, 2010 @ 12:02 pm