08.02.10 | 16:50 | Digitalia | Fatal viral | Meinung | 9 Kommentare

Copycat Hegemann

Den Diebstahl geistigen Eigentums der eigenen Autorin damit zu rechtfertigen, dass diese “mit der ‘Sharing’-Kultur des Internets aufgewachsen ist”, ist für eine Verlagsmitarbeiterin eine gewagte Aussage. Gesagt hat den denkwürdigen Satz Siv Bublitz, die Leiterin der Ullstein Buchverlage, im Zusammenhang mit dem auf Gefühlskonserve.de aufgeworfenen Plagiatsvorwurf gegen die jugendliche Bestsellerautorin Helene Hegemann (Axolotl Roadkill).

(Das viel gehypte – und auch in der SZ groß und positiv besprochene Buch – hätte von Anfang an misstrauisch machen müssen. Hegemann schreibe über eine ganze Menge, von dem sie keine Ahnung haben könne. Sagen zumindest die Blogger auf Gefühlskonserve und ich bin gewillt, ihnen Recht zu geben. Die Vorwürfe gegen Hegemann sind erdrückend – ihre eigene Rechtfertigung ein schlechter Versuch mit vielen geschwurbelten Worten den Klau zu übertünchen, schlimmer noch, nach intellektuell redlicher Strategie aussehen zu lassen: “Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit”. Aha. Dass die jetzt erfolgenden Angriffe auf die 17-Jährige auch mit viel Neid auf ihren frühen Erfolg zu begründen sind, mag dennoch sein.)

Bleibt die Frage: Wie locker sieht Siv Bublitz die Sharing-Kultur des Internets, wenn Hegemanns Buch sich dort nicht länger nur bedient. Sondern plötzlich auch dort kursiert. Zum Beispiel in einer 200 MB-Datei mit dem Titel “250-ullstein-books-ebook”?

(Spreeblick mit ähnlichen Gedanken / SpOn)

Update: Sueddeutsche.de im Interview mit dem Blogger, der die Plagiatsvorwürfe erhebt.

Update: Wie immer lesenswert und sehr erheiternd – Willi Winkler zum Thema

9 Kommentare »

  1. Ich muss schon sagen, es erfüllt mich mit großer Freude, wenn nun ausgerechnet ein Buchverlag Sachen wie “Sharing-Kultur” sagen muss. Mal ganz vom tatsächlichen Sachverhalt abgesehen.

    Comment by Sonja — Februar 8, 2010 @ 6:19 pm

  2. Was erwartet man von einer Zeitung wie FAZ, die einst ein Buch, das sich jetzt nachträglich als zum Teil plagiiert herausstellt, hochgelobt hatte? Zumindest eindeutig Stellung beziehen, sollte man meinen. In dem man zum Beispiel sagt, dass das so nicht geht. Und was macht die faz.net? Sie sagt über den Autor, von dem die Helene Hegemann abgeschrieben hat „Vielleicht ist er ja einfach dankbar für die Aufmerksamkeit, die sein Roman jetzt findet.“

    Auf spiegel.de gehen sie noch weiter und rechtfertigen dieses Plagiat mit dem Usus im Mittelalter: „Im Mittelalter war der Autorenname buchstäblich Schall und Rauch, wenn es um Unterhaltungstexte ging.“

    Ist es wirklich so schwer zuzugeben, dass man einer Plagiatorin aufgesessen ist? Nein, es ist nicht – man braucht nur sueddeutsche.de lesen, um zu wissen, wie das geht. Danke Johannes Boie.

    Comment by Dion — Februar 8, 2010 @ 7:32 pm

  3. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Gerd Meissner, Konstantin Klein erwähnt. Konstantin Klein sagte: Copycat Hegemann http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2010/02/08/copycat-hegemann/ [...]

    Pingback by Tweets die Copycat Hegemann « Schaltzentrale erwähnt -- Topsy.com — Februar 8, 2010 @ 8:28 pm

  4. Man möge sich die Reaktion des Verlages und der Autorin bei vertauschten Rollen vorstellen.

    Comment by Drake — Februar 9, 2010 @ 2:08 am

  5. “Dass die jetzt erfolgenden Angriffe auf die 17-Jährige auch mit viel Neid auf ihren frühen Erfolg zu begründen sind, mag dennoch sein.”
    Dass sie hier Menschen einfach so viel Neid unterstellen, weil sie Hellseher sind oder es sich besser anfühlt eine junge Frau zu schützen als einen 28 jährigen, mag ebenso sein. Beweise? Wer braucht schon Beweise?
    Da haben wir mal einen Fall, wo jemand nachweislich mit fremden Texten Geld verdient und man beruft sich auf “Alles-Kostenlos-Mentalität”? Boff. Trollerei auf höchstem Niveau.

    Ich bitte darum sich einmal daran zu erinnern, wie mit Plagiatoren auf Schule und Uni verfahren wird: Note “Ungenügend” bzw. Rausschmiss. Das ist jedem Schüler bekannt und Autor und Verleger können sich da nichtmal auf Unwissen berufen. Die halbherzige Entschuldigung ist nur noch dreist.
    Ich verlange, dass die Regeln, die für mich gelten und die übrigens höchst sinnvoll sind, auch für alle gelten und wenn der Verlag auf die Nase gefallen ist, hat er dazu zu stehen. Ich wünsche Airen mindestens eine kräftige Gewinnbeteiligung.

    Comment by FEH — Februar 9, 2010 @ 7:15 pm

  6. Pech für Helene Hegemann, dass sie nicht bloggt und nicht abgemahnt wurde – dann hätte sie die Sympathien in Kleinbloggersdorf sicherlich auf ihrer Seite. So können jetzt alle auch mal Plagiarismus verurteilen, um sich morgen wieder ganz gepflegt mit dem Argument, es gebe kein geistiges Eigentum, über Autoren, die Urheberrechtsverletzungen verfolgen lassen, zu echauffieren. Nicht wahr, Herr Boie? Sie kennen sich da doch auch aus.

    Comment by Name (erforderlich) — Februar 10, 2010 @ 12:34 pm

  7. @6. Name (erforderlich)
    Auch die, die nicht an die Existenz von “Geistigem Eigentum” glauben, sind soweit ich weiß nicht dafür, alles ohne Quellenangabe übernehmen zu können. Im Gegenteil soll doch das Zitat, bzw. der Verweis auf die Herkunft Respekt zollen.

    Wer sich über Autoren aufregt, die Urheberrechtsverletzungen verfolgen lassen, wird sich auch kaum über H.H. aufregen. Eher über Airen, weil er seine Inhalte nicht unter ganz freie Lizenz gestellt hätte und seine kampfhundartigen Fans nicht im Zaum halten könne, welche geniale Künstler angreifen… oder so.
    Mir ist kein Fall bekannt, wo jemand das Übernehmen von fremden Texten gutgeheißen hätte, vielmehr haben doch gerade Blogger immer gegen unautorisierte Weiterverbreitung durch Aggregratoren etc. gekämpft.

    Comment by FEH — Februar 11, 2010 @ 4:19 am

  8. Schon den Begriff “Sharing-Kultur” finde ich etwas bedenklich, denn wie kann etwas das häufig illegal ist sich mit einem Prädikat wie “Kultur” schmücken? Massenhafte Copyrightverletzungen lassen sich ja kaum dadurch rechtfertigen, daß sie technisch einfach und ohne viel kriminelle Energie möglich sind, oder gar dadurch daß sie üblich wären.

    Comment by Florian — Februar 19, 2010 @ 12:06 pm

  9. [...] Mai hat Autorin Helene Hegemann eine Stellungnahme zu diversen Kopier-Vorwürfen [...]

    Pingback by Axolotol Roadkill, Helene Hegemann, Airen (Man), Berlin und das Berghain - komischer-typ.de — Mai 5, 2010 @ 11:25 am

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