09.11.09 | 12:36 | Meinung | SZ-Plus | 4 Kommentare

Über Schuld und Unschuld im digitalen Zeitalter

In den letzten Tagen ist viel zu der uralten Debatte um Abmahnungen und Urheberrechte im Netz geschrieben worden. Weil in aktuelle Abmahnfälle Involvierte bekannt waren und kräftig mitdiskutiert haben, wurde dadurch entsprechend emotional und aufgeregt diskutiert.

Die Frage nach Recht und Unrecht wird dabei längst nicht mehr anhand von Gesetzen beantwortet, sondern je nach Gefühl: “So viele Abmahnungen verschickt Anwalt XY? Das kann doch nicht in Ordnung sein”, flucht die eine Seite. Während sich auf der anderen allem Anschein nach Geschäftsmodelle etabliert haben, die ausschließlich auf dem Abmahnen Dritter beruhen.

Während meiner Recherche zu dem Thema habe ich mit Beteiligten aus sämtlichen beteiligten Branchen, von Abmahner- wie Verteidigerseite gesprochen. Mit Udo Vetter hat mir ein Anwalt tiefen Einblick in seine Geschäfte als Verteidiger von Abgemahnten gegeben. Beim Landgericht Köln, das von Udo Vetter wegen der hohen Anzahl an Anschlussinhabern, die durch die Arbeit der Kölner Richter identifiziert werden, scharf kritisiert wurde, ermöglichte mir Gerichtssprecher Dirk Eßer mit detaillierten Zahlen eine Vorstellung von der Arbeit der 9. Zivilkammer. Christian Weber von der Kanzlei Nümann und Lang (Motto: “In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten”) erläuterte mir seine Sicht der Dinge. Was ich ihm hoch anrechne, denn die Kanzlei, die viele Abmahnungen verschickt, ist bereits Zielscheibe vieler Kritiker. Yann Peifer, einer der Rechteinhaber des Hits “Evacuate the Dancefloor”, beantwortete meine Fragen per Mail und erklärte mir, was es für ihn bedeute, dass seine Musik permanent illegal verbreitet wird. (Ich werde ihn fragen, ob ich seine Mail zur Debatte ins Netz stellen kann.) Ich sprach auch mit zwei  Chefs jener Spezialfirmen, die Urheberrechtsverletzungen im Netz gezielt suchen: Nämlich mit Michael Eisele von Digirights und Claus-Michael Gerigk von Textguard. Und natürlich auch mit der mittlerweile bekannten Eva Schweitzer. Ihnen allen herzlichen Dank für die Gespräche und Mails.

Was kommt am Ende dabei raus: Einerseits das, was heute im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung steht. Andererseits bleiben Fragen offen: Wie kann es – auf der einen Seite – sein, dass Menschen, die juristisch betrachtet im Unrecht sind, weil sie unerlaubterweise Texte oder Dateien verbreitet haben, die ihnen nicht gehörten, sich moralisch im Recht fühlen? Andererseits: wie kann es sein, dass Suchdienste allein auf der finanziellen Basis dessen agieren, was sie den Abgemahnten wegnehmen werden? Wie steht es um die Musikbranche und vielleicht auch um einzelne Journalisten, dass mit Abmahungen in Teilen mehr Geld eingenommen wird als mit dem Verkauf von Songs, Platten, Tickets und Merchandise? Ist das das neue Geschäftsmodell der Branche? Man würde es den dort Arbeitenden nicht wünschen – und ganz sicher nicht den Fans, die Musik in erster Linie deshalb runterladen, weil sie Musik mögen.

Andererseits gilt eben auch, was Yann Peifer in seiner e-Mail geschrieben hat: “Niemand möchte bestohlen werden.” Die Vorstellung, dass Musiker, Journalisten und Autoren nur von der Liebe der Konsumenten zu ihrem Produkt leben können, ist utopisch. Irgendwie und irgendwo muss Geld umgesetzt werden, und dass sich gerade die Branchen, die durch die Veränderungen des digitalen Wandels mit dem Rücken zur Wand stehen, mit juristischem Volldampf wehren, könnte in gewisser Hinsicht auch verständlich sein, wenn da nicht Bands wie Radiohead wären, die immer wieder versuchen, als Rechteinhaber neue Wege im Vertrieb und der Vergütung zu gehen. Oder Bands wie die Arctic Monkeys, die ihre Ruhm zunächst mal alleine dem Netz und der viel kritisierten “Gratiskultur” zu verdanken haben.

Was mir als persönlichem Fazit bleibt, ist der Wunsch nach Augenmaß. Einen Schüler mit Rechtsanwaltskosten im vierstelligen Bereich zu bedrohen, Blogger, die positiv über den eigenen Text berichtet haben und dabei möglicherweise etwas viel zitiert haben, mit einem übermäßig aggressiven Anwalt zu bedrohen, all das ist vielleicht juristisch möglich. Aber eine moralische Bankrotterklärung. Die umso schwerer wiegt, wenn das eigene Geschäftsmodell intransparent und vielleicht ausschließlich auf dem Versand von Abmahungen aufgebaut ist.

4 Kommentare »

  1. Danke für diesen Beitrag.

    Ich habe die “Geschichte” von Anfang an mitbeobachtet und fande schon immer, dass das alles noch zu viel Papierkram und Bürokrtie riecht.

    ich wünsche mir auch mehr Augenmaß und weniger stupiedes vorgehen nach irgendeinem Paragraphen.

    ich schließe mich ihrem letzten Absatz voll und ganz an.

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    Comment by Banana — November 10, 2009 @ 11:10 am

  2. “die juristisch betrachtet im Unrecht sind” – nun ja, zur Ehrenrettung muss man dazu sagen, dass einerseits das Urheberrecht noch relativ jung ist und andererseits die Urheberrechte immer wieder maßgeblich verschärft werden – eben, weil die, die damit Geld verdienen, unsere Politiker entsprechend “beeinflussen”.

    “Niemand möchte bestohlen werden.” – Es wird niemand bestohlen. Auch das ist so ein Grund, warum niemand die Abmahner-Industrie mag. Sie verwenden einfach unpassende/falsche Ausdrücke, mit den Formulierungen wird der gewöhnliche Netznutzer als Schwerstkrimineller hingestellt etc. Merke: Urheberrechtsverletzung != Diebstahl.

    Comment by karl — November 10, 2009 @ 1:12 pm

  3. Hallo herr Boie,

    hätte ich Ihren nachdenklichen Beitrag hier vor ihrem Beitrag in der Süddeutschen gelesen, wäre mein Leserbrief vielleicht etwas verhaltener ausgefallen; trotzdem bleibe ich bei meiner Bewertung.

    Ich beschäftige mich seit über 10 Jahren mit der Materie und habe durchaus differenzierte Ansichten. Leider kann man in der aufgeheizten Atmosphäre als Interessenvertreter in der Debatte nicht alles offenlegen und offen äußern; jeder noch so kleine Schritt auf die “gegnerische” Fraktion zu und jede Offenheit zu Kritikpunkten wird als Schwäche ausgelegt und gnadenlos ausgenutzt.

    Sie haben die Gnadenlosikeit der blogshpäre ja auch schon beklagt. So leicht wird man vom Opfer zum Täter :-) , letzteres natürlich nur aus meiner Sicht; sicher erfahren Sie auch viel Zuspruch. Nichts anderes war ja zu erwarten, bei der Thematik.

    Grüße
    Peter Nümann

    Comment by Peter Nümann — November 12, 2009 @ 1:10 am

  4. [...] Update: Johannes Boie hat sich weiter mit dem Thema beschäftigt, hier und hier. Hier ist noch ein Artikel von Jürgen Kalwa über den [...]

    Pingback by Prima Idee « …Kaffee bei mir? — November 14, 2009 @ 3:21 am

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