Die Schäublone und ihr Erfinder
Im Rahmen einer Recherche habe ich mich neulich per Mail mit Dirk Adler unterhalten. Er ist der Erfinder der Schäublone, einem in Street-Art Manier stilisiertem Portrait des Innenministers Wolfgang Schäuble verbunden mit dem Schriftzug “Stasi 2.0″. Adlers Logo wurde zu einem wesentlichen Bestandteil einer der bekanntesten Kampagnen im deutschsprachigen Internet. Der Protest gegen die Gesetzesvorhaben von Wolfgang Schäuble reißt seit dem Frühjahr 2007, in dem Adler seine Grafik entwarf, nicht ab. Im Folgenden das Hintergrundgespräch, das ich mit Adler per e-Mail führte.
Johannes Boie: Die Unterschiede, zwischen den Gesetzesvorhaben und bereits verabschiedeten Gesetzen, die sie mit Ihrer Kampagne kritisieren, und der Stasi, sind offensichtlich. Warum ist es dennoch legitim, das Logo so zu entwerfen?
Dirk Adler: Zunächst einmal ist „die Schäublone“ in erster Linie eine „Meinungsbild“ und nicht mehr. Sie drückt meine Stimmung aus, die ich im April 2007 hatte. Wolfgang Schäuble war zu dieser Zeit in den Medien massiv präsent und warb immer wieder für weitere „Überwachungs“-Maßnahmen – auch bekannt als „Schäuble-Katalog” - und begründete dies mit der konkreten Gefahr von Terroranschlägen in Deutschland. Er spielte mit der Angst der Menschen. Und ich empfand das damals und empfinde das noch immer so, dass Angst ein schlechter Antrieb für Verbesserungen ist. Offensichtlich teilten viele diese Stimmung und die Bewegung, die sich rund um den bereits bestehenden Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung gegen die Vorhaben der Bundes- und Länderregierungen formierte, hatte nun ihr „Logo“. Es wurde zum Selbstläufer. Der Begriff „Stasi 2.0“ selbst war bereits zuvor gefallen und war letztlich die Inspirationsquelle für die „Schäublone“. Er bringt es auf den Punkt: er steht für eine neue Version, eine neue Art der Überwachung in einer zunehmend digitalisierten Welt.
Boie: Können Sie die Sorge teilen, dass sich durch das Logo Ihre möglicherweise berechtigte Kritik disqualifiziert?
Adler: Nein, mit der „Schäublone“ mahne ich vor den möglichen Folgen einer Politik für die Wolfgang Schäuble steht – eine Legislaturperiode zuvor wäre es Otto Schillys Silhouette gewesen. Es geht jedoch nicht um Wolfgang Schäuble selbst, sondern um die geplanten und teilweise inzwischen auch schon beschlossenen Vorhaben Daten über Bürger direkt oder indirekt über die Privatwirtschaft auf Vorrat zu sammeln ohne konkrete Anlässe und Verdachtsmomente. Und es geht natürlich darum, aufmerksam zu machen auf diese Vorhaben, um diese Vorhaben zu hinterfragen und gerne auch zu hinterfragen ob die Kritik an den Vorhaben berechtigt ist. Ich denke, die „Schäublone“ hat dazu beigetragen, dass dieses Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt: jeder soll sich selbst ein „Bild“ davon machen.
Boie: Können Sie die Sorge teilen, dass Sie zu einer Verharmlosung der Stasi beitragen, in dem Sie Ihnen nicht genehme Gesetze eines demokratischen Staates mit dem Verbrechen der DDR-Diktatur gleichsetzen?
Adler: Nein, da es keine Gleichsetzung gibt. Klar ist: der Begriff „Stasi 2.0“ birgt in sich eine historische Dimension, die er aber nicht verleugnen und auch nicht verharmlosen will. Er selbst steht jedoch für eine neue Version, eine neue Art der Überwachung, die in dieser Form bisher nicht möglich war. Der Frage, die sich stellt ist, ob die neuen technischen Möglichkeiten in allen Lebensbereichen Daten über Bürger sammeln, verknüpfen und auswerten zu können, nicht zu viele und zu große Begehrlichkeiten nach neuen Gesetzesvorhaben wecken, die natürlich demokratisch legitimiert werden müssen, aber dennoch die Grundfeste unserer Demokratie und unsere Art zu Leben verändern und eventuell sogar gefährden können. Die Frage die wir uns stellen müssen: Wie werden wir mit der doch noch sehr jungen Digitalisierung unseres Lebens umgehen? Wie werden wir mit unserem neuen, digitalen Schatten – unseren Daten – umgehen und vor allem wie wird jeder von uns, aber auch die Wirtschaft und der Staat mit Daten von anderen umgehen? Wo ist die Grenze zu ziehen zwischen Nutzen und Gefahr digitaler Daten für jeden einzelnen und für unsere Demokratie? Es wird spannend zu sehen, wer beispielweise bei der kommenden Bundestagswahl die richtigen Antworten darauf geben kann und nicht nach und nach „Stasi 2.0“ Realität wird.
Boie: Glauben Sie, dass Schäuble tatsächlich eine Art Stasi zu errichten hofft?
Adler: Nein. Ich glaube, er fürchtet sich davor nach einem Terroranschlag hier in Deutschland als Minister Tatenlos da zu stehen. Seine Verantwortung für die Sicherheit treibt ihn an alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, ob sie nun die richtigen sind oder nicht. Er hat es allerdings mit seiner damaligen Präsenz in den Medien geschafft einen öffentlichen Diskurs zum Thema Digitalisierung und Überwachung mit anzustoßen, was man inzwischen auch gut daran sehen kann, dass die Piraten-Partei mehr und mehr Zuspruch bekommt. Und ich finde, das sind die einzigen die sich zur Zeit ernsthaft mit der Digitalisierung unseres Lebens und den damit verbundenen Chancen, Gefahren und Änderungen auseinandersetzen und neue Ansätze und Ideen für unsere Zukunft entwickeln.
4 Kommentare »
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[...] an den richtigen Stellen Ich fand heute morgen in einem Blog der »Süddeutschen« ein Interview mit dem Erfinder der Schäublone. Mit diesem Bild hat ja für viele Menschen ein Umdenken begonnen: [...]
Pingback by Protest an den richtigen Stellen « stefanolix — August 19, 2009 @ 8:14 am
links for 2009-08-20…
Grüne und Piratenpartei in Thüringen kooperieren | News Adhoc
»Grüne und Piratenpartei in Thüringen kooperierenGrüne und Piratenpartei in Thüringen arbeiten künftig bei den Themen Freiheit und Bürgerrechten zusammen. Wi…
Trackback by Die wunderbare Welt von Isotopp — August 20, 2009 @ 5:11 pm
[...] Schäublone-Erfinder Dirk Adler im Interview (via Isotopp) über die mutmaßlichen Motive des Innenministers: »Ich glaube, er fürchtet sich [...]
Pingback by »Minister Tatenlos« « Erich sieht — August 21, 2009 @ 8:46 pm
[...] ist der „Vater Staat” – plakativ verkörpert durch Innenminister Schäuble (auch hier) oder „Zensursula” (auch hier & auf YouTube hier) – bestenfalls eine Lachnummer, [...]
Pingback by Warum hatte die Idee einer 500 Euro Kindergrundsicherung keine Chance? - Neue Initiative Bildungsförderung - für eine Nationale Bildungsagentur & Einführung von Ausbildungsgeld — August 24, 2009 @ 10:17 pm