Ach nee, doch nicht
Meine Damen und Herren, die Nachrichten:
Osama bin Laden lebte in einer Luxusvilla.
Osama bin Laden lebte nicht in einer Villa.
Osama bin Laden war beim Schusswechsel mit einer AK 47 bewaffnet.
Osama bin Laden war beim Schusswechsel nicht bewaffnet.
Osama bin Laden missbrauchte eine seiner Ehefrauen nicht als Schutzschild, sie lebt.
Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner nicht informiert und kritisiert ihn nun.
Pakistan hat den Aufenthaltsort von Osama bin Laden vertuscht.
Pakistan will die Amerikaner über das Haus in Abbottabad informiert haben.
Barack Obama hat den Kampfeinsatz live über die Helmkamera eines Soldaten verfolgt.
Barack Obama hat den Kampfeinsatz nicht live gesehen.
Die Tötung von bin Laden war rechtens.
Gezielte Tötungen sind völkerrechtswidrig.
Der Codename der Kommando-Aktion gegen Bin Laden war Geronimo.
Angela Merkel freut sich über bin Ladens Tod.
Angela Merkel freut sich nur darüber, dass bin Laden keine Menschen mehr töten kann.
Bin Ladens Nachbarn kam sein Haus verdächtig vor.
Bin Ladens Nachbarn kamen das Haus und seine Bewohner eher nicht verdächtig vor.
Klar, da oben habe ich viel zusammen gestellt, was sich eigentlich unterscheidet: In der Liste sind einerseits Richtigstellungen von Nachrichten aufgeführt. Darunter auch solche, die erst durch Richtigstellungen der Quellen (wie zum Beispiel dem Weißen Haus) notwendig wurden. Dann finden sich da noch unterschiedliche Interpretationen und Sichtweisen von Gesagtem oder Erlebtem und auch Statements von Beteiligten und Unbeteiligten. Manche der Sätze sind Zitate.
Klar ist auch: In Kommentaren oder Interviews können jederzeit unterschiedliche Meinungen vertreten werden. Zum Beispiel wird ausgerechnet im Neuen Deutschland, dem Nachfolgeorgan des gleichnamigen SED-Propagandablattes, berichtet, dass gezielte Tötungen völkerrechtswidrig seien, wogegen Herfried Münkler auf Spiegel Online erklärt, dass eine “Demokratie töten darf”. Und natürlich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass Osama bin Ladens Haus dem einen Nachbarn verdächtig vor kam, dem anderen aber nicht.
Man könnte jetzt hervorragend darüber fachsimpeln, ob eine Demokratie völkerrechtswidrig handeln darf oder welchen Blick die unterschiedlichen Nachbarn auf Osama bin Ladens Grundstück hatten – aber darum geht es nicht. Es geht um das Chaos, das wir Journalisten seit Tagen produzieren.
Denn so wichtig Meinunsgpluaralität auch ist: In der Liste stehen eine Menge Fakten, die nur wahr oder unwahr sein können. Entweder es gab eine Helmkamera oder nicht. Entweder die Frau lebt oder nicht. Entweder ein Haus ist eine Luxus-Villa oder nicht.
Wir Journalisten sind dazu da, Fakten zu recherchieren und sie einzuordnen. Wie kann es sein, dass ein Artikel (im Video) mit einer Bruchbude bebildert ist, aber darüber irgendwas von Luxusvilla steht? Erwarten Leser nicht gerade im Jahr 2011, dem gefühlt anstrengendste Jahr seit, äh, Menschengedenken, Klarheit, Faktensicherheit und Einordnung?
Das Chaos ist bemerkenswert, aber erklärbar.
Falsch- und gezielte Desinformation grundsätzlich seriöser Quellen machen vielen Kollegen die Arbeit derzeit besonders schwer bewältigbar: Solange sich Offizielle der amerikanischen Regierung selbst und gegenseitig widersprechen, bleibt Journalisten kaum anderes übrig, als über die Widersprüche, die dabei entstehen, zu berichten. Zahlreiche Quellen widersprechen sich derzeit auch in simplen Details, und man darf annehmen, dass Geheimdienste und Regierungen in diesem speziellen Fall vieles dafür tun, Wahrheiten und Fakten zu verschleiern.
Und die Leser? Ich kenne kaum welche, die – zumal online – aufmerksam und medienkritisch genug wären, einer Geschichte, die mit vielen “wohl” und “möglicherweise” geschrieben ist, und die möglicherweise (sic!) ein paar Stunden später revidiert wird, einen viel kürzeren Text vorzuziehen, in dem die Redaktion bekennt, zum Faktencheckt für ein längeres Stück noch mindestens ein paar Stunden zu benötigen?
Aber auch der eigenen Zunft muss man einen Vorwurf machen – obwohl man als Journalist vielleicht um Entschuldigung bitten darf, indem man ehrlich ist: Es ist im täglichen Nachrichtenstress gelegentlich schwer, jenen hehren Anspruch, den man an sich selber als Kontrollinstanz in einer Demokratie jederzeit zu stellen hat, zu verwirklichen. Niemand arbeitet permanent fehlerfrei. Und in manchen Redaktionen ist es längst schwierig geworden, noch Kollegen zu finden, die überhaupt Zeit haben, Aussagen von Dritten zu prüfen. Denn von den Festangestellten unter uns gibt es immer weniger.
Die Liste oben ist deshalb keine Anklage. Sehr wohl aber Selbstkritik.


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