04.05.11 | 21:45 | Meinung | 22 Kommentare

Ach nee, doch nicht

Meine Damen und Herren, die Nachrichten:

Osama bin Laden lebte in einer Luxusvilla.

Osama bin Laden lebte nicht in einer Villa.

Osama bin Laden war beim Schusswechsel mit einer AK 47 bewaffnet.

Osama bin Laden war beim Schusswechsel nicht bewaffnet.

Osama bin Laden missbrauchte wohl eine seiner Ehefrauen als menschliches Schutzschild, sie wurde dabei erschossen.

Osama bin Laden missbrauchte eine seiner Ehefrauen nicht als Schutzschild, sie lebt.

Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner informiert und hat ihn mit eigenen Soldaten unterstützt.

Pakistan war über den Militäreinsatz der Amerikaner nicht informiert und kritisiert ihn nun.

Pakistan hat den Aufenthaltsort von Osama bin Laden vertuscht.

Pakistan will die Amerikaner über das Haus in Abbottabad informiert haben.

Barack Obama hat den Kampfeinsatz live über die Helmkamera eines Soldaten verfolgt.

Barack Obama hat den Kampfeinsatz nicht live gesehen.

Die Tötung von bin Laden war rechtens.

Gezielte Tötungen sind völkerrechtswidrig.

Eine Demokratie darf töten.

Der Codename der Kommando-Aktion gegen Bin Laden war Geronimo.

Der Codename für Bin Laden war Geronimo. Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner sind daher wütend.

Angela Merkel freut sich über bin Ladens Tod.

Angela Merkel freut sich nur darüber, dass bin Laden keine Menschen mehr töten kann.

Bin Ladens Nachbarn kam sein Haus verdächtig vor.

Bin Ladens Nachbarn kamen das Haus und seine Bewohner eher nicht verdächtig vor.

Klar, da oben habe ich viel zusammen gestellt, was sich eigentlich unterscheidet: In der Liste sind einerseits Richtigstellungen von Nachrichten aufgeführt. Darunter auch solche, die erst durch Richtigstellungen der Quellen (wie zum Beispiel dem Weißen Haus) notwendig wurden. Dann finden sich da noch unterschiedliche Interpretationen und Sichtweisen von Gesagtem oder Erlebtem und auch Statements von Beteiligten und Unbeteiligten. Manche der Sätze sind Zitate.

Klar ist auch: In Kommentaren oder Interviews können jederzeit unterschiedliche Meinungen vertreten werden. Zum Beispiel wird ausgerechnet im Neuen Deutschland, dem Nachfolgeorgan des gleichnamigen SED-Propagandablattes, berichtet, dass gezielte Tötungen völkerrechtswidrig seien, wogegen Herfried Münkler auf Spiegel Online erklärt, dass eine “Demokratie töten darf”. Und natürlich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass Osama bin Ladens Haus dem einen Nachbarn verdächtig vor kam, dem anderen aber nicht.

Man könnte jetzt hervorragend darüber fachsimpeln, ob eine Demokratie völkerrechtswidrig handeln darf oder welchen Blick die unterschiedlichen Nachbarn auf Osama bin Ladens Grundstück hatten – aber darum geht es nicht. Es geht um das Chaos, das wir Journalisten seit Tagen produzieren.

Denn so wichtig Meinunsgpluaralität auch ist: In der Liste stehen eine Menge Fakten, die nur wahr oder unwahr sein können. Entweder es gab eine Helmkamera oder nicht. Entweder die Frau lebt oder nicht. Entweder ein Haus ist eine Luxus-Villa oder nicht.

Wir Journalisten sind dazu da, Fakten zu recherchieren und sie einzuordnen. Wie kann es sein, dass ein Artikel (im Video) mit einer Bruchbude bebildert ist, aber darüber irgendwas von Luxusvilla steht? Erwarten Leser nicht gerade im Jahr 2011, dem gefühlt anstrengendste Jahr seit, äh, Menschengedenken, Klarheit, Faktensicherheit und Einordnung?

Das Chaos ist bemerkenswert, aber erklärbar.

Falsch- und gezielte Desinformation grundsätzlich seriöser Quellen machen vielen Kollegen die Arbeit derzeit besonders schwer bewältigbar: Solange sich Offizielle der amerikanischen Regierung selbst und gegenseitig widersprechen, bleibt Journalisten kaum anderes übrig, als über die Widersprüche, die dabei entstehen, zu berichten. Zahlreiche Quellen widersprechen sich derzeit auch in simplen Details, und man darf annehmen, dass Geheimdienste und Regierungen in diesem speziellen Fall vieles dafür tun, Wahrheiten und Fakten zu verschleiern.

Und die Leser? Ich kenne kaum welche, die – zumal online – aufmerksam und medienkritisch genug wären, einer Geschichte, die mit vielen “wohl” und “möglicherweise” geschrieben ist, und die möglicherweise (sic!) ein paar Stunden später revidiert wird, einen viel kürzeren Text vorzuziehen, in dem die Redaktion bekennt, zum Faktencheckt für ein längeres Stück noch mindestens ein paar Stunden zu benötigen?

Aber auch der eigenen Zunft muss man einen Vorwurf machen – obwohl man als Journalist vielleicht um Entschuldigung bitten darf, indem man ehrlich ist: Es ist im täglichen Nachrichtenstress gelegentlich schwer, jenen hehren Anspruch, den man an sich selber als Kontrollinstanz in einer Demokratie jederzeit zu stellen hat, zu verwirklichen. Niemand arbeitet permanent fehlerfrei. Und in manchen Redaktionen ist es längst schwierig geworden, noch Kollegen zu finden, die überhaupt Zeit haben, Aussagen von Dritten zu prüfen. Denn von den Festangestellten unter uns gibt es immer weniger.

Die Liste oben ist deshalb keine Anklage. Sehr wohl aber Selbstkritik.

Disclaimer: Einige der verlinkten Meldungen findet man auf zahlreichen Nachrichtenseiten und in vielen Zeitungen, auch in der Süddeutschen und auf sueddeutsche.de. Die Auswahl der Nachrichtenseiten geschah willkürlich.
(Editiert am 4. Mai 23:37 Uhr)
22.01.11 | 21:02 | In eigener Sache | 3 Kommentare

Die Pause dauert an

Lieber Leser,

ich finde das schade: Aber derzeit komme ich (offensichtlich) nicht zum Bloggen. Das kann sich noch eine Weile hinziehen, weil ich mich bei der Süddeutschen Zeitung derzeit um anderes kümmern muss. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.

In der Hoffnung, mich möglichst bald zurückmelden zu können,

Johannes Boie

01.12.10 | 11:05 | Nachricht | SZ-Plus | 2 Kommentare

Unschuld in Gefahr

Aus der SZ von heute (ergänzt):

Zwei Journalisten der DuMont-Redaktionsgemeinschaft erheben schwere Anschuldigungen gegen den Verein Innocence in Danger („Unschuld in Gefahr“). Dem steht Stephanie zu Guttenberg, Ehefrau des Verteidigungsministers, als Präsidentin vor. Matthias Thieme (der mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse für seine Recherchen im Fall instransparenten Geschäftsgebarens bei Unicef ausgezeichnet ist) und Katja Tichomirowa haben in einem Kommentar und mit mehreren Experten, die sie in zwei Berichten zitierten, dem Kinderhilfsverein vorgeworfen, sein Finanzgebaren nicht angemessen transparent zu gestalten. Die Berichte erschienen vor wenigen Tagen in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (FR).

Auf den ersten Artikel reagierte Innocence in Danger nach Angaben der Vereinssprecherin Simone Stein-Lücke nun mit Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt und „presserechtlichem Vorgehen“ gegen mehrere Redakteure. In den betroffenen Redaktionen war davon zunächst noch nichts bekannt. Man stehe zu den Artikeln der beiden Autoren, erklärte FR-Chefredakteur Joachim Frank.

Konkrete Nachfragen beantwortete die Pressestelle von Innocence in Danger bislang nicht. Stattdessen schickte sie vorformulierte Stellungnahmen, darunter eine von Julia von Weiler, der Geschäftsführerin des Vereins. Zu dessen Einnahmen, die Thieme und Tichomirowa zufolge aus mehreren Hunderttausend Euro von diversen Galas und TV-Auftritten bestehen sollen, schreibt sie kaum etwas. Stattdessen erfährt man, dass Innocence in Danger 2,5 Mitarbeiter habe. Für diese habe der Verein zwei Standorte: in Köln und Berlin. In Berlin sei der Hauptsitz, erklärte die zweite Sprecherin des Vereins, Claudia Behrens. Die festen Mitarbeiter arbeiteten jedoch alle in Köln.

Weiler verwies darauf, dass Innocence in Danger vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt sei. Der ebenfalls von Thieme und Tichomirowa erhobene Vorwurf, der Verein impliziere zu Unrecht, unter dem Dach der Unesco zu arbeiten, ist inzwischen geklärt. Dieter Offenhäußer, Sprecher der deutschen Unesco-Kommission sagte, man fühle sich weder von Innocence in Danger missbraucht, noch arbeite man mit dem Verein besonders eng zusammen.
Innocence in Danger steht in der Kritik, seit Stephanie zu Guttenberg die TV-Reihe Tatort Internet präsentierte.

In der RTL-2-Reihe wurden Männer, die wohl Jugendliche missbrauchen wollten, in Fallen gelockt. Die erste Doppelfolge verstieß nach Ansicht der Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) gegen den Rundfunkstaatsvertrag und ist auf der Webseite von RTL2 nicht länger abrufbar. Einer der gefilmten Männer erwirkte eine einstweilige Verfügung. Tatort Internet und zu Guttenberg erhielten vor allem in der Bild-Zeitung Zuspruch. Spenden-Experte Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen kam im ersten DuMont-Text mit einem kritischen Zitat zu Innocence in Danger zu Wort. Mittlerweile distanziert er sich davon. Bild hatte ihn am Montag zum „Verlierer des Tages“ erklärt. JOHANNES BOIE

© SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 2010

08.10.10 | 10:40 | Digitalia | Meinung | SZ-Plus | 83 Kommentare

Medialer Missbrauch

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Gestern in Berlin: “Solche Schlagzeilen brauchen wir”, soll Stephanie zu Guttenberg gesagt haben (FR). Sie meinte wohl eher: “ich”.

Irgendwann gegen 21.00 Uhr zeigt RTL2 gestern das Bild einer (vermeintlich) 12-Jährigen, die sich langsam, verdeckt durch einen Computerbildschirm, die Bluse aufknüpft. Spätestens als diese pädophile Phantasie zur Hauptsendezeit über den Mattschirm flimmert, um Quote zu machen, ist die gesamte Bigotterie des neuen Formats “Tatort Internet” offenbar geworden.

RTL2 hat eine Sendung entwickelt, die mit Schmuddelbildchen und selbst inszenierter Aktion  Zuschauer lockt. Eigentlich ist also alles wie immer, mit dem Unterschied, dass es dieses Mal nicht um Tatjana Gsell geht, oder um Jürgen Drews, sondern um Kindesmissbrauch, um bedrohte und missbrauchte Kinder, und um Erwachsene, die auf der Schwelle stehen, zum Täter zu werden.

Während RTL2 und die Medienpartner Bild und Stern in der Berichterstattung über die Sendung suggerieren, dass damit ein Tabu gestützt werden soll, nämlich jenes, Kinder als Sexualobjekte zu sehen, werden tatsächlich während der Sendung Tabus gebrochen. Zuallererst jenes, auf Kosten sexuell misbrauchter Kinder Quote zu machen.

Neben diesem verblassen die weiteren Unfassbarkeiten der Sendung, sie sind es aber alle mal wert, genannt zu werden. Publizistikforscher sprechen von “aktueller Inszenierung”, wenn Journalisten ein Ereignis selber inszenieren, um dann darüber zu schreiben. Was in der PR gebräuchlich ist — zum Beispiel wenn Greenpeace protestiert, um dann darüber zu berichten — ist im Journalismus mindestens verpönt. (Aber auch Sender, von denen man es nicht gedacht hätte, lassen sich zu dieser Technik verführen.) (In besonders harten Fällen haben auch Juristen einen Begriff dafür. Sie nennen es: “Anstiftung” (zu einer Straftat.))

Kein einziges der gestern auf RTL2 gezeigten Treffen zwischen einer 18-jährigen Schauspielerin, die sich als 13 ausgab, und einem jener Männer, die der Meinung waren, eine 13-Jährige im Chat kennengelernt zu haben, wäre zustande gekommen, wenn nicht eine Frau namens Beate Krafft-Schöning diese Männer im Netz als vermeintlich 13-jähriges Mädchen angelockt hätte. Dass sich die Männer an andere Mädchen herangemacht hätten, ist sicher nicht unwahrscheinlich. Man weiß es aber nicht genau, weil RTL2 Chatprotokolle fast nie im Zusammenhang veröffentlichte, sondern stets nur die krassesten Passagen der Pädophilen zitierte. Die waren in der Tat und vor dem Hintergrund, dass die Männer glaubten, mit einer 12- oder 13-Jährigen zu sprechen, an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten. Aber was sind sie wert, solange man nicht weiß, was Krafft-Schöning den Männern zurück schrieb?

Das LKA jedenfalls sah in einem Fall keinen Grund, Anzeige gegen einen der in der Sendung vorgeführten Pädophilen zu stellen. Für den ehemaligen Hamburger Senator Udo Nagel, der sich für die Sendung hergab, kein Grund, an der Arbeit der Redaktion zu zweifeln. Sondern härtere Gesetze zu fordern.

(Kurze Unterbrechung: Rufen Sie an! “N.I.N.A. – kein Kind kann sich alleine schützen. 14 ct/Min aus dem Festnetz; 42 ct/Min vom Handy. 018—-”)

Man wüsste auch gerne, was das für Statistiken waren, die Stephanie zu Guttenberg regelmäßig zitierte, wonach “immer gewalttätigere Aufnahmen” auftauchten, die missbrauchten “Kinder immer jünger” würden: “Klein- und Kleinstkinder.” Vor allem deshalb, weil sie im Kampf gegen Netzsperren bereits zitiert wurden, aber (meines Wissens nach) nie belegt wurden, und sich die Sendung ganz explizit auch gegen das Internet richtet, gleich zu Beginn heißt es zuverlässig dramtisch und unpräzise: “Die Ermittlungsbehörden warnen vor dem größten Tatort der Welt.” Die “Urenkelin von Bismarck und Ministergattin” (RTL2 Off) erklärt dann noch, dass es seit 1998 einen “Wachstum von Datenbanken” gebe. Der Zuschauer schlußfolgert dann natürlich schnell, dass mehr Bilder gleich mehr Missbrauch bedeuteten. Dass seit 1998 die Anzahl von Bildern, die Menschen zeigen, im Netz insgesamt rapide angestiegen ist, liegt aber am Siegeszug des Netzes, der in diesen Jahren stattfand. Und nicht an einer Explosion der Weltbevölkerung.

Dabei wäre es so wichtig, korrekte Zahlen zu nennen, bei den Daten genau zu sein und nicht zu übertreiben, um den wichtigen Kampf gegen Kindesmissbrauch nicht zu diskreditieren, sondern ihn effizient zu gestalten. Aber man war natürlich naiv, dem RTL2-Pressesprecher zu glauben, der gestern am Telefon sagte, es ginge in erster Linie darum, Kindesmissbrauch zu bekämpfen.

In der Sendung trifft Krafft-Schöning, die sich tatsächlich “Journalistin” nennt, auf einen Mann, der im Glauben, eine 13-Jährige zu treffen, nach Bayern gereist war. Dort wird er mit einem Kamerateam konfrontiert. Der Mann war mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bereit gewesen, ein Täter zu werden. Er bricht im Kameralicht zusammen, vermutlich nicht nur, weil sein Leben ruiniert ist, sondern (hoffentlich) auch, weil er erkennt, was für ein Monster in ihm wohnt.

“Warum sprechen Sie nicht mehr mit mir”, fragt Krafft-Schöning. “Warum brechen Sie jetzt ein?” Man wundert sich ein bisschen, dass kein Schaum vor ihrem Mund steht.

Die pädophilen Männer in der Serie waren aller Wahrscheinlichkeit nach bereit, das Leben eines Kindes zu ruinieren, es psychisch und körperlich zu versehren, um sich selber sexuell zu befriedigen. Sie verdienen kein Mitleid. Aber ihre Menschenwürde darf nicht angetastet werden. Das steht – auch wenn es für Beate Krafft-Schöning schwer verständlich sein mag – im Grundgesetz.

Am schlimmsten an der Sendung ist vermutlich, dass sie unkreativen Pädophilen mit krimineller Ambition durchaus Anhaltspunkte gibt, wie Kinder am besten im Chat kennenzulernen sind. Gleichzeitig verhindert sie eine ernsthafte Diskussion darüber, wie man Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen kann. Ein Anhaltspunkt, dafür, wie groß die Aufgabe wirklich ist, und welche Kinder schnell zum Opfer werden können, war ein Satz der 12-jährigen Mandy: “Ich habe niemanden, dem ich vertraue.” Selbstverständlich vertiefte RTL2 diesen Punkt nicht. Man hätte ja keinen der ständig durchs Bild irrenden “Personenschützer” dafür gebraucht.

Mandy, ein kindliches Opfer sexuellen Missbrauchs, war auf RTL2 nicht verpixelt. Vermutlich hatte ihre Mutter die Einwilligung für die Kameraufnahmen gegeben. Der mediale Missbrauch nach dem sexuellen Missbrauch.

Die Sendung “Tatort Internet” verzerrt, stört, rauscht. In dieser Atmosphäre kann keine Debatte stattfinden, die so dringend notwendig wäre, denn niemand kann ernsthaft bestreiten, dass Grooming, also das Heranmachen an Kinder im Netz in sexueller Absicht ein ernsthaftes Problem ist, das es zu bekämpfen gilt. RTL2 hat sich leider dafür entschieden, eher eine Art Anleitung zu produzieren.

Am Ende verlieren die Kinder. Aber RTL2 macht Quote.

PS: Zu der Tatsache, dass sich Stephanie zu Guttenberg für das Format hergab, ist festzuhalten: Auf Twitter heißt sie spätestens seit gestern Abend #pornosteffi.

Mehr dazu morgen auf der Medienseite der SZ und Johannes Kuhn von sueddeutsche.de mit einer Nachtkritik.

(Foto: Actionpress)
07.10.10 | 16:50 | Fatal viral | Nachricht | SZ-Plus | 0 Kommentare

Willkommen im Jahr 2010, lieber Bundestag

Am 10. Juni hatte der FDP-Abgeordnete Jimmy Schulz eine Rede im Bundestag gehalten, deren Stichpunkte er von einem iPad ablas. Das provozierte einen wohl kalkulierten, mittleren Eklat in der Bundestagsverwaltung, denn damals waren Computer in dem Teil des Gebäudes untersagt. Allerdings haben zahlreiche Abgeordnete schon seit Jahren Smartphones dabei. Schulz aber wollte, dass ein Grundsatzurteil ergeht: Computer im Plenum, ja oder nein.

Damals schrieb ich in der SZ:

“Im Bundestagsplenum sind Computer bislang unerwünscht. Und deshalb ist die Rede jetzt eine Angelegenheit für den Geschäftsordnungsausschuss des Bundestages geworden. Die 13 Mitglieder werden sich unter dem Vorsitz von Thomas Strobl (CDU) damit befassen, welche digitalen Geräte im Plenum und auf den Tribünen von Presse und Besuchern benutzt werden dürfen – und welche nicht.”

Die Entscheidung ist jetzt gefallen.

Jimmy Schulz schreibt eben per E-Mail, dass “der Ausschuss für Geschäftsordnung, Immunität und Wahlprüfung des Bundestages in der heutigen Sitzung grünes Licht für die iPad-Nutzung im Plenarsaal gegeben hat. Die Abgeordneten können jetzt offiziell ihre Dokumente elektronisch per tablet-Computer abrufen.”

Update: Notebooks bleiben wohl verboten.

Nach dem Klick Schulz, der Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ ist, mit iPad im Youtube-Video. Sein Kommentar damals: “Nochmal würde ich das nicht machen. Das iPad ist eher eine digitale Aktenmappe, als eine Hilfe bei einer Rede.”

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30.09.10 | 03:32 | Digitalia | SZ-Plus | 2 Kommentare

In der Halle des Datenkönigs – zum neuen Film über Facebook und Mark Zuckerberg

Alles beginnt mit einem Moment der Verzweiflung. Der Student Mark Zuckerberg sitzt da, verlassen von der Frau, die ihm alles bedeutete. Er hackt sich in die Server verschiedener Studentenwohnheime seiner Eliteuniversität, klaut die digitalen Fotos der Studentinnen und entwirft eine Webseite, auf der man die Attraktivität der Mädchen vergleichen und bewerten kann. Datendiebstahl und pubertäre Spielchen legten also den Grundstein für die Karriere von Mark Zuckerberg, des jüngsten Milliardärs der Welt, den Hauptanteilseigner des sozialen Netzwerkes Facebook. Das zumindest könnte die deutsche Interpretation des Films „The Social Network“ sein.

Wenn man den Film in den Sony-Studios in Los Angeles anschaut, bekommt man von amerikanischen Journalisten eine andere Interpretation geliefert.

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23.09.10 | 02:30 | Hell A | In eigener Sache | Where are you from? | 9 Kommentare

Öffentliche Recherche – Fazit in Frage- und Antwortform

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Warum eine öffentliche Recherche?

Meine kommende Recherche zu Gangs in Los Angeles versprach spannend und umfangreich zu werden. Gleichzeitig hatte ich im Vorfeld viel über die Transparenz-Debatten im Journalismus geschrieben und gelesen. Wikileaks, aber auch Blogs von Journalisten und ungezählte Metablogs von Kritikern, verändern den Journalismus nachhaltig. Dieser Veränderung sollten sich — meiner Meinung nach — Journalisten schon aus eigenem Interesse nicht verweigern, sondern sie als Chance erkennen. Gleichwohl steht das Ende der Entwicklung noch lange nicht fest. Es gilt also, durch Experimentieren die neuen Werkzeuge und Strategien zu testen. Ein Stipendium gab mir in Los Angeles die zeitliche und finanzielle Unabhängigkeit, selber so ein Experiment zu wagen.

Was soll das sein, eine „öffentliche Recherche“?

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21.09.10 | 02:15 | Hell A | Where are you from? | 22 Kommentare

Straight into Compton (Gangs #14)

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Der schwere V8-Motor blubbert ruhig als wir uns auf den Weg in die Dunkelheit machen. Ein paar Stunden später stehen wir vor dem Haus von Gangmitgliedern. Hier hat vor anderthalb Wochen ein Drive-By-Shooting stattgefunden. Detective Mike K. parkt sein ziviles Polizeiauto mitten auf der Straße, die Lichter gedimmt. Während er und seine Partnerin, Detective Gayle D. mit Gangmitgliedern, die vor dem Haus sitzen und rauchen, reden, kommt ein Auto angefahren, dessen Fahrer an dem Polizeiauto vorbei möchte. Der Fahrer wird nach ein paar Minuten ungeduldigt, er blendet sein Fernlicht auf und wieder ab.

Detective K. zieht eine seiner beiden Dienstwaffen, schaltet im Ziehen den kleinen, am Lauf der Waffe befestigten Scheinwerfer ein. Er zielt dem Autofahrer ins Gesicht. Der ist von der Lampe geblendet und blickt direkt in den Lauf der Waffe. Er reißt die Hände nach oben. K. schaltet den Scheinwerfer aus, steckt die Waffe ein. Der Fahrer dreht sein Auto langsam um und zuckelt davon. Er wird einen anderen Heimweg wählen müssen. “Volltrottel”, murmelt der Polizist. Man kann mit Mike K. eine Menge Spaß haben. Man muss nur auf der richtigen Seite seiner Waffe sein.

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17.09.10 | 04:37 | Hell A | Where are you from? | 1 Kommentar

Marijuana im Haus, Shotgun im Schuppen (Gangs #13)

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Die Deputies fangen an, sich locker zu machen. Ein paar von ihnen sind im Haus von Beverly E. und ihrem Mann Arnell. Andere stehen auf dem Rasen davor, behalten die Gegend im Auge. Die Waffen stecken in den Holstern. Alles ist ruhig. Im Haus läuft die Durchsuchung. Auf dem Sofa sitzen zwei junge Mädchen, Verwandte der E.s.

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15.09.10 | 19:57 | Hell A | Where are you from? | 0 Kommentare

Vom Sheriff geweckt (Gangs #12)

Kurz vor sechs, noch eine Stunde bis Sonnenaufgang. Im Dunkeln glitzern die Sheriffsterne an den Gürteln. Die Beamnten bewegen sich geschmeidig, ziehen im Laufen ihre Waffen.

Mountain View Street Altadena. Das Haus ist heruntergekommen, im Hof liegen zerbrochene Möbel, kaputtes Spielzeug, Extremente. Es riecht wie auf eine Müllkippe. In der Ferne krähen Hähne. Die Menschen hier sind arm. Bel Air ist nur ein paar Meilen weit weg. Bel Air ist Welten entfernt.

Sergeant Mike Trujillo klopft mit seiner Waffe an eines der beschlagenen Fenster. Sechs Deputies, zwei Hundeführer und zwei Bewährungshelfer stehen hinter ihm. Alle haben ihre Waffen gezogen und entsichert. Drei zielen auf die Fenster des Hauses, drei stehen neben dem Sergeant, bereit, jeden zu erschießen, der bewaffnet herauskommt. Amerikanische Polizisten müssen immer damit rechnen, dass hinter einer verschlossenen Tür eine geladene Waffe wartet. Die übrigen vier Beamten sichern die Nachbargrundstücke und den Weg zur Straße. Von dort dröhnt das sonore Brummen der großen V8-Motoren. Die Sheriffs lassen ihre Automotoren immer laufen. Sonst rührt sich nichts.

Trujillo klopft nochmal. Seine Stimme schneidet durch die Morgenruhe. “Aufmachen. Los Angeles County Sheriff’s Departement. Aufmachen, sofort.” Die Deputies machen sich bereit, die Tür einzutreten.

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