Hinweis in eigener Sache
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Auf diesem Blog dokumentiere ich derzeit eine Rercheche zum Thema Gangs in Los Angeles. Alles weitere steht hier.
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Auf diesem Blog dokumentiere ich derzeit eine Rercheche zum Thema Gangs in Los Angeles. Alles weitere steht hier.
“Die Geschichte ist ja nicht aktuell, die können wir schieben.” Es gibt wenige Sätze, die freie Journalisten mehr nerven als dieser. Aber die Redakteure, die mit diesem Satz längst geschriebene Text aus der Zeitung oder dem Nachrichtenportal raushalten, haben ja Recht. Das Aktuelle geht vor. Im Moment ist das mit meiner Recherche ähnlich. Das Tagesgeschäft hat mich eingeholt, und die Gang-Investigation (ist es nicht toll, wie alles auf Englisch viel wichtiger klingt?) ruht gerade. Wie ich geschrieben habe: Für mich ist dies hier auch ein Experiment, und ich habe mich vorab nicht organisatorisch absichern können. Dass mal was dazwischen kommt, war eigentlich zu erwarten. Aber ein Ende der Auszeit ist abzusehen. Ein paar Termine habe ich noch, bevor ich mich dann mal ans Schreiben mache.
Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der
. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können hier gefunden werden.

Es war eine laue Herbstnacht, der 18. September 2005, um ein Uhr in der Frühe. L. war auf dem Weg nach Hause. Er sah seinen betrunkenen Cousin am Straßenrand und hielt an. Der Cousin bat ihn, ihn noch in einen Liquor Store zu fahren. (Läden in den USA, die Alkohol verkaufen.) “Du bist doch schon blau”, sagte L. Aber er ließ sich breitschlagen. Er wartete mit laufendem Motor vor dem Store auf seinen Cousin. Schließlich ging er hinein, um nach ihm zu schauen. Er hatte keine Lust noch länger zu warten. Gemeinsam zahlten die beiden und gingen wieder ins Auto.
Der erste Schuss trifft L. in den Nacken.
Irgendwann bin ich dann durchgekommen, beim Metropolitan Detention Center, und konnte eine offizielle Anfrage stellen, den Insassen vom der 18th Street Gang zu treffen. Noch am Freitag bekam ich folgende E-Mail.
Mr. Boie; I tried to call your cell #, but the voice mail was not activated. Inmate Xxxxx has declined to be interviewed, therefore we cannot go any further with this. Thank you.
Xxxxx Xxxxxxx
Case Management Coordinator
Metropolitan Detention Center
535 N. Alameda Street
Los Angeles, CA 90012
Da hat mir die Anwältin des Mannes aber was anderes erzählt. Nämlich, aus dem Kopf zitiert: Mein Mandant redet mit jedem, der freut sich, wenn er seine Version der Geschichte erzählen kann.
Vielleicht hätte sie vorher mit ihm reden sollen. Vielleicht hat aber auch nur die Gefängnisaufsicht dem Insassen nahegelegt, keine Pressevertreter zu empfangen. Möglich ist vieles. Die Anwältin jedenfalls will mich nochmal zurürufen.
Ich arbeite derzeit für zwei Monate bei der
. Während dieser Zeit recherchiere ich im Umfeld von Gangs in Los Angeles. Dieser Text ist Teil einer öffentlichen Dokumentation der Recherche. Alle Texte der Serie können hier gefunden werden.

Meine Kontakte aus Compton haben sich dann doch noch gemeldet. Und plötzlich geht es schnell: Ich sitze in der Kirche von Pastor Chris LeGrande. Die Tür geht auf und ein Original Gangster kommt rein.
Der OG hat wohl ein paar Menschen erschossen in den 40 Jahren seines Lebens, die genaue Anzahl verrät er nicht. Nur für einen Mord saß er im Gefängnis, 1993 verurteilt, 15 Jahre Knast. Da war er gerade ein Jahr draußen gewesen. Er wurde erst zum Tode verurteilt, weil man ihm erst drei statt einen Mord nachgewiesen hatte. Der OG ging in Revision und kam mit 15 Jahren davon. Heute wäre das anders, da wandert ein Gangmitglied für einen Mord lebenlänglich ins Gefängnis. Oder in die Todeszelle.
Auf den OG wurde in seinem Leben unzählige Male geschossen, bei drei Attacken wurde er getroffen. Elf Kugeln steckten in seinem Körper, zum Beispiel knapp unter seiner linken Achselhöhle. Seine Bauchmitte wurde vom Schuss einer Shotgun zerrisssen.
Man darf davon gerne Bilder machen.

Ist mein Journalistenleben nicht großartig? Ich fahre durch LA, die Sonne scheint. Ich kümmere mich um Gangster und Polizisten und Gangs und Drogendelikte und Drive-by-Shootings und alles ist spannend und aufregend und überhaupt.
Großartig, es sei denn, es ist ein Tag wie dieser.

Es ist früher Nachmittag. Ich sitze in Florence-Firestone, einem Nachbarort von Compton, an der Kreuzung E 87th Street und Compton Ave, nur einen Steinwurf von der Hauptstraße Firestone Blvd entfernt. Im Umkreis von zwei Meilen (3,2 Kilometern) wurden seit 2007 153 Menschen ermordet. Darunter war zum Beispiel der sechs Jahre alte
Daevon Bailey, der wohl von seinem Stiefvater ermordet wurde, und der 84-jährige Mann Jorge Montero, der erstochen wurde. Die allermeisten aber sind eher junge Männer, die erschossen wurden, und damit sind sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer von “gangrelated violence”, wie der Einheimische sagt, und der Journalist aus dem Ausland sich gemerkt hat. (Eine Übersicht über alle Morde in diesem Zeitraum an dieser Stelle gibt es hier).
Ich sitze auf den Stufen einer Kirche und warte auf Pastor Chris LeGrande.

Lebensqualität gering, Mordrate hoch: War mal wieder in Compton und angrenzenden Vierteln unterwegs. Los Angeles ist nicht nur höchstwahrscheinlich die Mutterstadt der modernen Straßengang, sondern, diversen Großstadtlegenden zufolge, auch die Stadt in der die Menschen anfingen, ihre Schuhe über Strom- und Kabelleitungen zu werfen. Warum? Es gibt viele Erklärungen: in vielen Städten markieren die Schuhe Gangreviere, Orte, an denen Drogen verkauft werden, oder einfach nur Plätze, an denen Menschen es lustig finden, Schuhe über Stromkabel zu werfen. (zum Beispiel: Buenos Aires, Rostock, New York)
In South Los Angeles, sagt Pastor Chris LeGrande, der es wissen muß, hätten Schuhe über Stromleitungen immer noch die ursprüngliche Bedeutung des Phänomens: Jedes Paar Schuhe soll einem Menschen gehört haben, der erschossen wurde.

Zwischenruf aus dem Wochenende. Mein Kollege Sam Quinones, Gang-Reporter bei der LA Times und andauernde Hilfe bei meiner Recherche, hat sich das Bild mit dem Gang Graffiti von meinem ersten Besuch in Compton mal angesehen. Er schreibt:

Termin bei einem Beamten im United States Attorney’s Office, keine 200 Meter vom LA-Times Gebäude entfernt. Anders als auf Bundesstaat- oder Stadtebene sind in dem Gebäude der Bundesbehörde keine Fotoaufnahmen erlaubt.
Der Beamte hat alle großen Fälle im Kopf, die die Bundesanwaltschaft in den letzten Jahren in Kalifornien gegen Gangs geführt hat. Maßgeblich ist dabei die Racketeering-Gesetzgebung, ins Deutsche übersetzt ungefähr sowas, wie ein Gesetzt gegen kriminelle Vereinigungen. Das wurde in den USA eigentlich zur Bekämpfung der Mafia in Chicago und New York geschaffen, wird aber in Kalifornien auch gegen Gangs eingesetzt. Mitglied einer solchen Vereinigung zu sein, ist strafbar und erhöht gleichzeitig die Strafen, die für sämtliche andere Delikte ausgesprochen wird.
Begeht ein Gangmitglied zum Beispiel einen Raubüberfall, wird es also härter bestraft, als ein Mann, der das identische Verbrechen begeht, aber kein Gangmitglied ist. Das Gesetz sei eine mächtige Waffe des Staates, erklärt der Beamte. In den fünf, sechs großen Fällen, über die er mit mir spricht, sind bis zu 100 Gangmitglieder in den Knast gewandert.
Der Bundesbeamte erklärt mir detailliert die Unterschiede zwischen asiatischen, lateinamerikanischen, schwarzen und weißen Gangs in Los Angeles. Die Unterschiedung wäre in den USA grundsätzlich problematisch, weil hier Einteilungen nach “Race” als rassistisch gelten. Allerdings sind viele Gangs selber sehr rassistisch, so sei zum Beispiel von der Florencia 13, einer Latinogang bekannt, dass sie wahllos auf Schwarze geschossen habe, sagt der Beamte. Darauf angesprochen bestätigte der Gang-Reporter der Times, Sam Quinones, ironisch dass “die Gangs mehr ‘racial profiling’ machten, als die Polizei.” Die Polizei von Los Angeles (LAPD) kämpft seit Jahrzehnten gegen den Ruf, rassistisch zu agieren.

“Wenn du deine Geschichte schreibst, dann schreib’, dass Gangs kaum noch gewalttätig sind”, sagt mein Kollege bei der LA Times, Sam Quinones. “Wo in den Achtzigern Drive-By-Shootings waren, steht heute ein Starbucks.”
Quinones sieht die Welt mit den Augen von jemand, der seit Jahrzehnten als Journalist Gangs thematisch begleitet. Ich werde mir Statistiken besorgen, um herauszufinden, wie sehr die Gewalt wirklich nachgelassen hat. Aber zunächst fahre ich ein erstes Mal nach Compton, jenen knapp 100 000 Einwohner großen Ort, der in den Achtzigern und Neunzigern für die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Crips und den Bloods bekannt wurde. Compton liegt circa 20 Kilometer südlich von Los Angeles, aber auf dem Weg dorthin fährt man ausschließlich durch urbanes Gebiet.