08.02.10 | 16:50 | Digitalia | Fatal viral | Meinung | 3 Kommentare

Copycat Hegemann

Den Diebstahl geistigen Eigentums der eigenen Autorin damit zu rechtfertigen, dass diese “mit der ‘Sharing’-Kultur des Internets aufgewachsen ist”, ist für eine Verlagsmitarbeiterin eine gewagte Aussage. Gesagt hat den denkwürdigen Satz Siv Bublitz, die Leiterin der Ullstein Buchverlage, im Zusammenhang mit dem auf Gefühlskonserve.de aufgeworfenen Plagiatsvorwurf gegen die jugendliche Bestsellerautorin Helene Hegemann (Axolotl Roadkill).

(Das viel gehypte – und auch in der SZ groß und positiv besprochene Buch – hätte von Anfang an misstrauisch machen müssen. Hegemann schreibe über eine ganze Menge, von dem sie keine Ahnung haben könne. Sagen zumindest die Blogger auf Gefühlskonserve und ich bin gewillt, ihnen Recht zu geben. Die Vorwürfe gegen Hegemann sind erdrückend – ihre eigene Rechtfertigung ein schlechter Versuch mit vielen geschwurbelten Worten den Klau zu übertünchen, schlimmer noch, nach intellektuell redlicher Strategie aussehen zu lassen: “Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit”. Aha. Dass die jetzt erfolgenden Angriffe auf die 17-Jährige auch mit viel Neid auf ihren frühen Erfolg zu begründen sind, mag dennoch sein.)

Bleibt die Frage: Wie locker sieht Siv Bublitz die Sharing-Kultur des Internets, wenn Hegemanns Buch sich dort nicht länger nur bedient. Sondern plötzlich auch dort kursiert. Zum Beispiel in einer 200 MB-Datei mit dem Titel “250-ullstein-books-ebook”?

(Spreeblick mit ähnlichen Gedanken / SpOn)

Update: Sueddeutsche.de im Interview mit dem Blogger, der die Plagiatsvorwürfe erhebt.

02.02.10 | 18:19 | Meinung | SZ-Plus | 1 Kommentar

Sie sind das Netz… nicht!

Fernsehen mag ich nicht und seit letzter Nacht weiß ich auch wieder genau, warum. War die letzten Tage viel unterwegs um ein paar Geschichten aus dem Spannungsfeld von Medien, Politik und Internet zu recherchieren. (Mehr dazu in Kürze.) Kaum zurück, habe ich mir die 3Sat-Sendungen von morgen und übermorgen zum selben Themengebiet angeschaut. Und konnte den Fernseher nicht wegklicken, weil Fernsehen leider kein Internet ist und außerdem Medienredakteur Serrao auf meine Kritik zu den Sendungen wartete. Also musste ich durch, durch die abendfüllende 3Sat-Idee:
Da ging es um Blogs und um Twitter, um die Netzbewohner (wer auch immer das sein soll), um angeblich durch Pornografie zerstörte Sexualität Jugendlicher, “Gewaltspiele”, die Erfindung des Internets, soziale Netzwerke, Privatssphären-Probleme, Berliner Aggro-Hip-Hop und den Missbrauch fremder Accounts im Netz. Die beiden Sendungen dauern zusammen insgesamt circa 155 Minuten. Das ist eine ganze Menge und wenn die 3Sat-Autoren nicht in der zweiten Sendung, die am Donnerstag läuft, zu geschätzten 40 Prozent nochmal dasselbe wie in der ersten Sendung, die am Mittwoch läuft, erzählten, hätten sie mit viel Glück vielleicht die Hälfte der besprochenen Themen sauber bearbeiten können. Und, noch besser, vor allem das eine Thema vom anderen trennen können. Und nicht Christoph Schultheis, der längst nicht mehr beim Bildblog ist, als Bildblogger vorstellen müssen. Und nicht jedes Klischee filmen, das das Thema hergibt: Das St. Oberholz am Rosenthaler Platz. Das Betahaus in Kreuzberg (Text von mir dazu) und Madeleine von Mohl. Johnny Haeusler von Spreeblick. Hilfreich wäre es auch gewesen, nicht knapp vier Jahre altes Bildmaterial neu zu vertonen, denn bekanntlich ist es ein Kennzeichen des Netzes, dass es sich andauernd ändert. Ach. “Sie sind das Netz”, war eine von mehreren These des ersten Filmes. Gemeint waren damit ein paar jugendliche Protagonisten. Relativ steile These, finde ich. Eher mau dagegen meine eigene: Die 3Sat-Redaktion ist nicht das Netz. Das alles etwas knapper (Print!) aber kaum weniger launig auf der Medienseite der SZ von morgen.

26.01.10 | 19:10 | Digitalia | Meinung | 3 Kommentare

Don’t believe the Hype

“Revolutioniert Apples Tablet die Internet-Welt?” fragt Bild.de. Dem großen Bruder “vom iPhone” sei das zuzutrauen. Mag sein. Ich schreibe ja auch gelegentlich über technische Entwicklungen. Und gelegentlich tut es gut, sich auf dem Höhepunkt eines Hypes kurz ins Archiv zu klicken und das Stichwort “Second Life” einzugeben.

Hier und jetzt aus Zeitmangel nur einen Textausschnit, der allerdings exemplarisch für Hunderte steht -- vom 30. August 2007 aus der FTD:

“Die Hotelkette Crowne Plaza bietet seit Anfang August auf der “Place to Meet”-Insel künstliche Räume in der virtuellen Onlinewelt an. Man betritt diese Konferenzräume mithilfe virtueller Kunstfiguren, sogenannter Avatare. In einigen Unternehmen gibt es schon eine Kleiderordnung für Meetings in “Second Life”. IBM etwa hat einen Regelkatalog aufgestellt, wie Mitarbeiter sich mit ihren künstlichen Pendants zu verhalten und zu kleiden haben. Verrückte Frisuren und aufreizende Kleidung sind laut Onlineknigge tabu. Der elegante Anzug ist auch in der virtuellen Welt Pflicht, wenn es um Geschäfte geht.”

Update:

20.01.10 | 16:48 | SZ-Plus | 3 Kommentare

Kampf der Giganten

Hat Google die Microsoft-Tochter Ciao geschäftlich benachteiligt, weil sie sich beim Bundeskartellamt über den Suchmaschinenkonzern beschwerte? Dieser Frage geht das Kartellamt derzeit nach, und viele Journalisten, darunter wir bei der SZ, untersuchen den Vorwurf ebenfalls. Die Karten sehen schlecht aus für Google. Denn die Bonner Behörde hat bereits gestern ein Bußgeldverfahren gegen Google eingeleitet, und erfahrungsgemäß leiten deutsche Behörden Bußgeldverfahren nicht zum Spaß ein.

In dieser Sache zu recherchieren ist eine bisschen wie im kriminellen Milieu zu wühlen. Dauernd rufen Menschen an, die mit dem Verfahren rein gar nichts zu tun haben, aber unbedingt etwas loswerden müssen, das sie rein zufällig über einen der Beteiligten gehört haben. Aha. Google hat sich Feinde gemacht, insbesondere in Branchen, die sich vom digitalen Wandel an die Wand gedrängt sehen.

Was bislang passiert ist:

Bereits im vergangenen Jahr beschwerte sich Ciao über Google beim Bundeskartellamt. Man werde, seit man von Microsoft übernommen worden sei, von Google nicht mehr anständig behandelt.

Daraufhin soll Google Ciao mit dem Abbruch oder wenigstens der Verschlechterung von Geschäftsbeziehungen gedroht haben.

Immerhin redet Ciao-Chef Stephan Musikant vom

“Abbruch der Vertragsverhandlungen durch Google.”

Sollte Musikant Recht haben, hätte Google gegen das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen verstoßen. Dort steht:

Es ist verboten, einem Anderen wirtschaftlichen Nachteil zuzufügen, weil dieser ein Einschreiten der Kartellbehörde beantragt oder angeregt hat. (§21 Abs. 4)

Google-Sprecher Kay Oberbeck bestreitet die Vorwürfe. Er sagt:

“Wir haben weder die Geschäftsbeziehung noch die Gespräche mit der Microsoft-Tochter Ciao abgebrochen. Wir haben ihr einen neuen Vertrag angeboten, der ihr noch mehr Flexibilität in Bezug auf die Wahl ihres Werbepartners bietet. Wir hoffen, die laufenden Gespräche zu einem guten Ende bringen zu können und dass dieser neuerliche Schritt uns nicht dabei aufhält, die Microsoft-Tochter Ciao auch künftig unterstützen zu können.”

20.01.10 | 15:15 | Digitalia | Fatal viral | 3 Kommentare

Wie viel sind 25 000 Euro Cash?

Annähernd so viel hat Johnny Haeusler von Spreeblick zwischenzeitlich großartigerweise für die Erdbebenopfer in Haiti gesammelt. Der virtuelle Rettungsanker, der dem Spreeblick-Logo nachempfunden ist, erfüllt neben der wichtigen Hilfe für die Opfer noch eine sekundäre Funktion: Er soll auch demonstrieren, dass deutsche Blogger, Twitterer, kurz: die Netzgemeinde, fähig ist, Geld zu organisieren. Nicht ein bisschen, sondern Zehntausende Euros. Mit den Mitteln des Netzes. (A propos Kommunkation: Sascha Lobo, der nie um Hilfe verlegen ist, vor allem nicht, wenn er sich selber hilft, spendete unter Angabe seines vollen Namens öffentlichkeitswirksam 500 Euro. Bravo!) Johnny Haeusler und das Spreeblick-Team sind sehr zufrieden, sie wollten ursprünglich nur 5000 Euro sammeln. Dann aber verbreitete sich die Nachricht vom Spendensammeln bei Spreeblick wie geplant durchs Netz. Das Spenden-Widget findet sich längst auf mehreren Blogs, darunter auf den meistgelesenen.

Und genau das ist es, was mich ratlos lässt: Sind 25 000 Euros gemessen am großen, viralen Erfolg der Sammelaktion wirklich ein gutes Ergebnis?

12.01.10 | 11:34 | Lese-Empfehlung | 5 Kommentare

Lesenswertes (5) (Update)

Spiegel-Junkies sind wir alle irgendwie, aber die Titelgeschichte über Googles Macht hat mich diese Woche eher enttäuscht. Wie dem auch sei: Wichtig ist ja, dass über das Thema geschrieben wird. Und ganz besonders eindrucksvoll geschieht dies auf der Seite The Rumpus beim Thema Facebook. Dort hat der New Yorker Phil Wong (angeblich) einen anonymen Facebook-Mitarbeiter zum Reden gebracht. Wenn das kein Fake ist (und ich bin dabei, das zu überprüfen), dann ist es eine beeindruckende und bedrückende Bestätigung, wie gläsern Facebook-Nutzer für die Firma wirklich sind. (Und wenn es kein Fake ist, schreibe ich darüber wohl auch was in der Zeitung.)

Update 19. Januar: Wie in der SZ von gestern und online hier zu lesen ist, habe ich zwischenzeitlich mit dem Chef  von The Rumpus, Stephen Elliott, telefoniert. Erwartungsgemäß hat er die Quelle des Interviews auch mir gegenüber nicht genannt, beharrte aber darauf, dass das Interview korrekt geführt worden sei. Ich glaube ihm das, weil der Inhalt des Interviews gerade wegen einiger Unstimmigkeiten dafür spricht, und auch der laxe Kommentar von Facebook auf Techcrunch nicht gerade eine Gegendarstellung ist.

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SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye hat mit einem Kommentar zum Anschlag auf den dänischen Karikaturisten Westergaard eine gewaltige Debatte losgetreten. Da gab es viel Zustimmung und viel Ablehnung von allen Seiten, Kreye präzisierte – und schrieb in seinem Blog noch mehr zum Thema. Fast noch interessanter als die Debatte per se, finde ich ja, wie sie verläuft, wer da mit wem einer Meinung ist und wo die feinen Linien der Abgrenzung verlaufen. (z.B.: Wut als pawlowscher Reflex bei PI, Peter von Becker kritisiert im Tagesspiegel, Jungle World)

04.01.10 | 18:10 | Reportage | SZ-Plus | 4 Kommentare

Lobby und Paste

Zwischen den Jahren war ich beim Treffen des Chaos Computer Clubs in Berlin. Darüber schrieb ich zum Jahreswechsel einen kurzen Text auf der Seite 1 der Süddeutschen Zeitung. Jetzt folgte die lange Reportage im Feuilleton (Seite 11 von heute). Diese stelle ich hier nochmal zur Diskussion.

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Wenn man auf einem Kongress dafür zuständig ist, telefonisch die Verpflegung von Referenten mit belegten Brötchen sicherzustellen, kann man das auf zwei Arten erledigen. Entweder man nimmt ein gewöhnliches Handy und fordert in der Küche noch mehr Schrippen an. Oder man verwendet für diese doch recht übersichtliche Aufgabe ein 1600 Euro teures abhörsicheres Mobiltelefon, das sämtliche Gespräche über eine mehrfach verschlüsselte Leitung schickt.

Constanze Kurz hat sich für die zweite Variante entschieden. Kurz ist die Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC), und sie ist überarbeitet: Der Club feiert sein Jahrestreffen im Berliner Kongresszentrum. Sie muss sich um den gesamten Ablauf des vier Tage dauernden Kongresses kümmern und außerdem noch um die 3500 Clubmitglieder, die entweder in den Berliner Ostbau gekommen sind oder von zu Hause aus die vielen Reden und Workshops über einen Videostream im Internet verfolgen. Mit dem Wissen kommt die Angst, sagt Kurz, wenn man es sich erlaubt, einen kleinen Scherz über die verschlüsselten Trivialitäten ihrer Handygespräche zu machen. Dann empfiehlt sie den Besuch einer Präsentation, die den Titel „GSM – SRSLY” trägt, was man aus dem Englisch der Computerfreunde ungefähr mit „GSM – nicht im Ernst?” übersetzen könnte.

Wieder eine Sicherheitslücke

GSM ist das weltweit am häufigsten verwendete Handynetz. Drei Milliarden Menschen, darunter alle Deutschen, telefonieren in 212 Ländern mit dieser Technik. Das im Titel angedeutete Erstaunen ergreift das Publikum zehn Minuten, nachdem die Referenten Karsten Nohl und Chris Paget die Bühne betreten haben. Nicht, weil Paget, ein Engländer, zum roten Schlabber-T-Shirt und den weiten Jeans hochhackige rote Pumps trägt. Sondern weil die beiden in wenigen Minuten eine weitere Sicherheitslücke im Handynetz GSM erläutern. Mit ein paar Handgriffen und ein bisschen Soft- und Hardware aus dem Internet könne jeder mithören, erklären die beiden gelassen. „Denn digitale Geräte werden nur auf ihre Funktion, aber nie auf ihre Fehlfunktionen getestet”, sagt Paget. Genau diese Fehlfunktionen aber können Kriminelle, Geheimdienste, Behörden und versierte Privatpersonen leicht ausnützen. Plötzlich ist klar, was Kurz gemeint hatte, als sie über Angst und Wissen sprach: Wenn man erstmal weiß, wie anfällig die digitale Infrastruktur, die wir jeden Tag nutzen und der wir vertrauen, für Abhör- und Datensammel-Aktivitäten ist, wird man schnell ängstlich.

Die Hacker des Chaos Computer Clubs haben es sich deshalb seit der Club-Gründung 1981 zur Aufgabe gemacht, digitale und elektronische Geräte, Hard- wie Software auf Fehler und Schwachstellen hin zu überprüfen. Sie machen das einerseits, um die Welt zu verbessern. Und andererseits, weil es ihnen Spaß macht.

Auf ihrem Kongress sitzen sie zu Hunderten in abgedunkelten Kellerräumen und starren auf Bildschirme, auf denen kleine Zeichen blinken. Ulf aus Hamburg beschäftigt sich beispielsweise mit dem Network-File-System, Daniel arbeitet am Binding für eine Software-Bibliothek und Enko aus Thüringen programmiert gerade Software zur Datenbankverwaltung im Framework Symfony.

Man muss die Arbeit der Hacker nicht verstehen um zu ahnen, dass sie kompliziert ist. Das gilt auch für ihren Humor. Mit Vorliebe tragen die Computerfreaks auf ihrem Kongress T-Shirts, auf denen Tastenkürzel für Computersoftware stehen – nur für Eingeweihte ist der Witz an Kürzeln wie /dev/null zu erkennen. Beliebt sind auch Sätze wie: „Copyright ist Aberglaube.” Denn sowohl Religion als auch klassische Urheberrechtsgesetze halten viele Mitglieder für Müll, dessen sich die Gesellschaft entledigen sollte.

„Es gibt zwei Kategorien von Mitgliedern”, sagt Kurz. Die einen seien eher Techniker. Die anderen – zu ihnen zählt auch Kurz selber – arbeiteten mittlerweile vor allem auf politischer Ebene. CCC-Mitglieder konferieren längst regelmäßig mit Bundestagsmitgliedern. Politische Stiftungen laden CCC’ler als Referenten ein. Die Clubsprecher und ihre Anwälte werden in Rechtsausschüssen gehört, sind bei wichtigen Gerichtsverfahren, in denen Technik eine Rolle spielt, präsent. Dabei kämpfen die politisch interessierten CCC-Mitglieder engagiert und klug einen Kampf für ihre Werte: Gegen Zensur und für Informationsfreiheit.

Immer stärker müssen sich die CCC’ler spezialisieren. „Früher konnte jeder alles”, sagt Kurz. Heute ist die Technik in vielen Bereichen so komplex geworden, dass nur noch Experten einen Überblick behalten können.

Die gesellschaftliche und politische Nische, in der sich die Hacker breit machen, ist so groß, dass man sie eigentlich gar nicht mehr als Nische bezeichnen kann. Das Netz gewinnt weltweit mit jedem Tag an Relevanz, für jeden einzelnen Bürger, für Regierungen und die Wirtschaft. Und kaum jemand kennt sich mit den grundsätzlichen technischen Voraussetzungen aus – man konsumiert und nutzt. Aber wer kümmert sich um Sicherheit und Privatsphäre, wenn nicht die Mitglieder des CCC? Kein Wunder also, dass der Berliner Kongress nach wenigen Stunden ausverkauft war.

Im Dunstkreis des Illegalen

Ihr Ziel ist dabei eine digitale Welt ohne staatliche oder wirtschaftliche Überwachung. Der Traum wird für immer ein Traum bleiben. Und es sind und waren ausgerechnet Hacker, die die ersten Geheimdienste in Deutschland auf die digitale Welt aufmerksam gemacht haben. Das vielleicht berühmteste Mitglied des Chaos Computer Clubs, der 1989 verstorbene Hacker Karl Koch, hatte ausspionierte Daten an den KGB weitergegeben. Bis heute ist unklar, unter welchen Umständen sein Leben endete – offiziell heißt es, er habe sich selbst verbrannt. „Das war das Ende des Paradieses”, sagt Clubsprecher Andy Müller-Maguhn, für den der Verkauf der Daten an den KGB einem Ausverkauf der Clubehre glich.

Müller-Maguhn gilt im Club als einer der Althacker, also als einer, der schon dabei war, bevor das Netz und die Computer Teil des Alltags wurden. Er war ein guter Bekannter von Boris F., jenem als Tron bekannt gewordenen Hacker, der sich einen Namen mit dem Knacken von Telefonkarten machte und an der Entwicklung eines abhörsicheren Telefons beteiligt war. Im Jahr 1998 fand man ihn erhängt in einem Park in Berlin. Bis heute wird im Club gestritten, ob Tron ermordet wurde oder nicht. Müller-Maguhn glaubt jedenfalls nicht, dass sich der junge Mann selber umbrachte.

Der Sprecher verdient sein Geld bis heute mit verschlüsselten Telefonen. Die Arbeit für und im Club macht er – wie alle – ohne Bezahlung. Das immerhin sechsstellige Budget, das der Club jährlich aus Mitgliedbeiträgen gewinnt, fließt vor allem in technische Ausstattung und Räume. So betreibensie etwa einen Server, mit dessen Hilfe es auch weniger versierten Nutzern gelingt, anonym im Netz zu surfen, finanzieren die Hard- und Software für besonders aufwendige Hacks und unterstützen Mitglieder vor Gericht, wenn der Fall ihnen wichtig erscheint.

So seriös die Arbeit des Clubs heute auch ist – den Dunstkreis des Illegalen haben viele Hacker nie verlassen. Naturgemäß interessieren sich Geheimdienste wie Kriminelle für die kreative Kunst des Hackens. Online-Banking, Armee-Server – digitale Einbrüche können viel Geld wert sein. Es passt ins Klischee des Clubs, dass auf dem Kongress unter der Hand teure Hardware verkauft wurde, mit der RFID-Chips programmiert und ausgelesen werden können. Diese Chips werden von Datenschützern massiv kritisiert, sie sind unter anderem im neuen Personalausweis eingebaut. Die CCC’ler sehen dies als einen weiteren Beweis für den Überwachungswahn der Behörden.

Die Grenze zwischen Paranoia und berechtigter Sorge ist dabei längst nicht immer eindeutig definiert. „Du bist doch von deiner Environment programmiert. Wenn ich dir jetzt was feede, ist der Output vollkommen unklar”, beschwert sich etwa Ralf, ein Netzwerktechniker aus Minden, der seinen Nachnamen selbstverständlich nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch gibt er nur ungern Auskunft darüber, woran er gerade arbeitet. Vielleicht ja an einem jener kleinen Späße, mit denen sich die Hacker auf den Treffen zu necken pflegen: kleine, digitale Attacken auf Kollegen und gute Freunde. Kein Wunder, dass alle Besucher des Treffens im Netz sind, aber kaum jemand den drahtlosen W-Lan-Zugang verwendet – schließlich könnte der Hacker vom Nebentisch dann den Datenverkehr abfangen. Denn eines ist klar: Sicherheit, vollständige Sicherheit gibt es nie. Noch nicht mal für Constanze Kurz beim Brötchenbestellen. JOHANNES BOIE

© Süddeutsche Zeituing, 2010

30.12.09 | 12:57 | Digitalia | SZ-Plus | 8 Kommentare

Auf dem Weg in die Professionalität

Mein Rückblick auf zehn Jahre Internet anlässlich des Jahreswechsels 2009/10 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Stimmen Sie mir zu – wie sehen Sie diese Entwicklung?

Im Anfang war das Netz wüst und leer. Dann wurde es vollgestopft mit irrsinnigen Datenmengen. Aber wüst blieb es immer noch. Jeder konnte, jeder durfte seinen Müll im digitalen Raum ablagern. Das war in den neunziger Jahren: knallbunte Webseiten unbekannter Amateure, Server voll illegaler Dateien und der Aufbau effizienter Datennetze zum widerrechtlichen Austausch urheberrechtlich geschützter Dateien.

In den Anfangsjahren des Jahrzehnts setzte sich der Trend fort. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Datenleitungen immer schneller, die Nutzer in ihren Herunterlade-Orgien immer exzessiver und die Computer immer günstiger wurden. So wuchs aus dem anarchischen Paradies einer kleinen, digitalen Elite ein großes Schlaraffenland für den Durchschnittsbürger. Kazaa, Napster, Rapidshare – all diese kleinen Erfindungen zum Austausch von Datenmengen nie gekannter Größe brachten und bringen ganze Industrien ins Wanken. Auch richtig: Mit der Masse der Nutzer kamen noch mehr Spinner ins Netz, als in den Neunzigern ohnehin schon online waren. Initiativen für die Legalisierung von Kinderpornographie und Terror-Videos sind kleine, aber abschreckende Beispiele für die Extreme des anarchischen Netzes. Aber die unangenehmen Beispiele sind keine digitale Erfindung, sondern fungieren im Netz lediglich als Spiegel dessen, was in der Gesellschaft lange vor der Erfindung des Netzes existierte. Man sollte sich von ihnen und der steten Beschwörung ihrer Existenz durch rückwärtsgewandte Politiker nicht den Spaß am Schlaraffenland verderben lassen.

Das Netz nämlich hat in den letzten zehn Jahren die größte Kulturschwemme der Menschheitsgeschichte produziert. Niemals waren mehr Menschen gleichzeitig kreativ, arbeiteten zusammen, präsentierten ihre Ideen und Projekte der Weltöffentlichkeit. Dies wurde durch die Professionalisierung möglich, die in den vergangenen zehn Jahren das Netz veränderte. Einfach zu bedienende Programme, benutzerfreundliche Anwendungen ermöglichten es auch Ahnungslosen, die mächtigen Werkzeuge des immer enger vernetzten digitalen Raumes zu nutzen. Sich in der Aufmerksamkeitsökonomie nach oben zu heben, bleibt schwer – die Technik dazu steht aber jedem in der westlichen Welt zur Verfügung.

Ohne die Zuwendung von Politik und großen Firmen wäre diese Professionalisierung des Netzes nicht geschehen. Doch gerade wegen ihrer Unterstützer und deren Agenden löste sie in den vergangenen zehn Jahren einen Prozess aus, der auch kritisch betrachtet werden muss, weil er zum Ende der digitalen Anarchie führen wird.

Zunächst mal ist da die Wirtschaft, die mehr und mehr Geschäftsmodelle für den digitalen Raum entwickelt. Wird es zum Beispiel einfacher, ein Lied zu kaufen als illegal herunterzuladen, sterben die Tauschbörsen. Das bedeutet aber auch, dass viele Menschen weniger Musik hören und kennen werden. Dann gibt es den politischen Einfluss aufs Netz: Anstatt für einen neutralen, frei verfügbaren Zugang zum digitalen Raum für jeden Bürger zu kämpfen, fabulieren Volksvertreter nach wie vor vom “rechtsfreien Raum”, den es zu bekämpfen gelte. Aus den so falschen wie gefährlichen Annahmen entstanden zum Ende des Jahrzehnts Gesetzesvorschläge, die einer Zensur-Infrastruktur Tür und Tor öffnen könnten. Wie falsch die Behauptung vom rechtsfreien Raum ist, bewiesen in den vergangenen zehn Jahren ausgerechnet Anwälte, die mit zweifelhafter Motivation zivil- und strafrechtlich mit hohen Schadensersatzforderungen gegen Blogger und Dateitauscher vorgingen. Viele der zehntausende Betroffenen hatten sich nur äußerst geringfügiger Vergehen verdächtig gemacht.

Noch drastischer als der Einfluss von Justiz und Legislative wirkt jener der Softwarekonzerne aufs Netz. Mit dem Modell einer zentralisierten Softwareverteilung, bekannt unter dem Stichwort Cloud Computing, etabliert sich eine Technik, die die Bedienung des Internets weiter vereinfacht, die Bezahlhürden noch niedriger und Geschäftsmodelle noch einfacher zu installieren macht. Doch je simpler das Netz für seine Anwender zu bedienen wird, umso weniger sind sie gezwungen, zu verstehen, was sie eigentlich tun. Das Wissen über alles, was im Netz geschieht, haben immer seltener die Anwender und immer öfter Firmen wie Google, deren sensationell leicht zu bedienende Software dem Nutzer alles abnimmt – oft auch die Kontrolle über seine Daten.

Die anarchische Phase des Netzes geht mit den Nullerjahren zu Ende. Die digitalen Pioniere werden sesshaft. Jetzt bricht die Zeit der Unternehmen und ihrer Geschäftsmodelle an, der Politik und ihrer Regulierungsmaßnahmen, der großen Netzkonzerne und ihrer Visionen. Nach dem Zeitalter der digitalen Anarchie im letzten Jahrhundert kann jetzt ein durchgepflügtes Feld bestellt werden. Die Erträge werden gut sein. Für ganze Branchen ist dies ein Grund aufzuatmen. Für Freunde der digitalen Kultur eher nicht. JOHANNES BOIE

© Süddeutsche Zeitung, 2009

28.12.09 | 16:44 | SZ-Plus | 1 Kommentar

Hubschrauber, Handys, Hacker (Update)

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Vor dem Berliner Kongresszentrum ist es eiskalt, innendrin verdammt warm. Tausende Computer blasen ihre Abwärme in die Räume, dazu kommen Hunderte Nerds, von denen sich mehrere auf die Frage eines Referenten, wer heute noch nicht geduscht habe, schamlos erklärten. Ja, ich bin derzeit beim Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs (CCC; Wiki / Webseite) in Berlin und abgesehen von der Luftqualität ist die Veranstaltung hervorragend. Hier trifft sich eine kleine, von weiten Teilen der Gesellschaft und der Politik verkannte Elite. Eine, die immer wichtiger wird, denn in den letzten zehn Jahren haben EDV und Internet, haben Überwachung(smöglichkeiten) und weltweiter Datenverkehr massiv zugenommen. Muss ich den Lesern meines Blogs ja kaum mitteilen. Deshalb ist der CCC zu eine politischen Instanz geworden, einem Lobbyverein, der auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher, vor allem aber auf politischer Ebene immer mehr Gehör und Einfluß findet. Das ist gut und wichtig. Auf der anderen Seite bleibt der CCC eine teilweise obskure Gemeinschaft, eine Gruppe vornehmlich junger, langhaariger Männer in schwarzen Klamotten, die sich zwischen Weihnachten und Neujahr hinsetzen, um gemeinam Leuchtdioden auf Platinen zu löten, auf denen sie dann blinkende Schriftzüge programmieren. Vorzugsweise Insider-Witze. Zwischen fliegenden Modellhubschraubern mit eingebauten Kameras, schwankenden Robotern auf zwei Reifen, zwischen qualmenden Lötkolben und Hunderten Hackern, die hoch konzentriert literweise Club Mate trinken, während sie auf die Konsolenprogramme auf ihren Linux-Notebooks starren, zwischen all dem also rennt Constanze Kurz hindurch, die sehr freundliche, aber gestresste Sprecherin des CCC. Gestern habe ich mich eine Stunde mit ihr unterhalten, und über große Teile der CCC-Geschichte mit ihr gesprochen: Tron, der BTX-Hack, die politische Agenda der jüngsten Zeit. Zwischendurch mussten wir unterbrechen, nämlich dann, wenn Kurz an ihr Crypto-Handy ging, um verschlüsselte Gespräche zu führen oder wenn sich eine amerikanische Aktivistin kurz darüber beklagen wollte, dass die Anti-Wahlcomputer-Initiative in den USA kaum Gehör findet… All das und noch viel mehr, sofern die Recherche weiter so gut läuft, in einer Reportage über den Club in der Süddeutschen Zeitung.

(Foto: Jon Åslund)

PS: Die erste Hacks öffentlicher Webseiten gibt’s auch schon, z.B. hat es die Seite von der CSU Rosenheim erwischt – auch hier.

21.12.09 | 16:26 | In eigener Sache | 1 Kommentar

Frohes Fest und schönes Sylvester!

Liebe Leser,
ich verabschiede mich in die Feiertage und auf eine kleine Recherche-Reise. Im nächsten Jahr gibt’s wieder Neues. Ihnen allen wünsche ich schöne Feiertage, ein angenehmes Jahresende und einen guten Start 2010.
Herzliche Grüße,
Johannes Boie

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