Das Beste zum Schluss – doch was bleibt?
Das Beste zum Schluss – was zu vielen Gelegenheiten nicht stimmt, trifft auf die re:publica zu. Das lag an zwei äußerst prominenten Gästen: Da war DM-Gründer Götz Werner, Deutschlands bekanntester Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Hessisch-entspannt prangerte er die Verkoppelung von Arbeit und Einkommen an, verglich Hartz IV mit “offenem Strafvollzug“ und warb für eine Gesellschaft, die ohne den Zwang zu unerfüllender Arbeit zur Selbstverwirklichung kam. Wer allerdings dachte, die digitale Bohéme würde Werner ohne Widerrede folgen, sah sich getäuscht – weil genaue Zahlen und Antworten auf viele Fragen fehlten, musste er sich auch Kritik anhören.
Miriam Meckel, derzeit vor allem wegen ihres Burn-Out-Buches in den Schlagzeilen, gelang, woran Frank Schirrmacher in den Augen vieler Kritiker gescheitert ist: Ihr Vortrag zu den Grenzen des menschlichen Ermessens wirkte überzeugend, weil sie Lücken in der Algorithmus-Argumentation Schirrmachers schloss – oder ihre Thesen zumindest weniger ich-lastig verkaufte. Weil wir uns bei Entscheidungen immer mehr auf Algorithmen verlassen (der Amazon-Algorithmus empfiehlt Frau Meckel übrigens ihr eigenes Buch), der Computer jedoch keinen Zufall berechnen kann, bewegen wir uns immer mehr in einem eingegrenzten Raum. Wenn der Determinismus zunimmt und der Ermessensspielraum schwindet, verlieren wir auch unsere Freiheit, so das Argument. Das Gegenargument, das soziale Web würde für Unberechenbarkeit der Entscheidungen sorgen, entkräftet Meckel mit dem Hinweis darauf, dass die Kommunikation und der Informationskonsum im Web durchaus zur Echokammer werden können – also auch hier die Wahrscheinlichkeit des Zufalls deutlich gemindert wird. Ob sich aus dem Meckel-Vortrag die Debatte ergeben wird, die sich Schirrmacher eigentlich gewünscht hat?
Ob die angestoßenen Debatten (die hier nicht alle erwähnt wurden, Stichwort Feminismus) in den kommenden Wochen auf größere Resonanz stoßen werden? Verläuft die Trennung zwischen Digital Residents und Digital Visitors oder findet vor allem eine innere Aufspaltung der Netzgemeinde statt? Wird die Debatte über das Internet bald gesamtgesellschaftlich geführt? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung und bin etwas erschlagen von den vielen Themen. Wie immer war die re:publica interessant wie redundant, kann der Status der deutschen “Blogosphäre“ als stabil (2500 Teilnehmer, Themen jenseits des Tellerrands) oder komatös (wer bloggt heute noch und welcher Otto-Normalbürger kennt deutsche Blogs und ihre Themen) bezeichnet werden. Antworten auf die großen Fragen nach den Eckpfeilern einer digitalisierten Gesellschaft werden nicht hier auf der Konferenz verhandelt – doch immerhin werden sie hier klar benannt, wird nicht mehr nur im eigenen Saft geschmort. Und auf die grauhaarigen Ladys mit Laptoptaschen warte ich weiterhin.














