Digital | 15. April 2010 | von johanneskuhn | 1

Netzneutralität – wohin schwingt das Pendel?

15042010175

Der Strom kommt aus der Steckdose, das Internet aus der Telefonbuchse: Menschen für das Thema Netzneutralität zu begeistern, ist ungefähr so schwierig wie der Versuch, aus Horst Köhler einen Karnevalsprinzen zu machen. Dennoch bin ich überrascht: Die re:publica hat in diesem Jahr einen ganzen Tag dem Thema Netzneutralität gewidmet, im aktuellen Vortrag des US-Aktivisten Marvin Ammori (Foto) sitzen jedoch gerade einmal etwa 50 Menschen – bei 2500 Konferenzteilnehmern.

Worum geht es? Netzneutralität bedeutet, dass jedes Datenpaket, das über das Internet verschickt wird, gleich behandelt werden muss – egal ob riesige Filesharing-Datei oder eine klitzekleine Chat-Nachricht. In Zeiten, in denen viele Nutzer auf datenintensive Dienste wie YouTube zurückgreifen und die Konkurrenz auf dem Markt groß ist, drängen Internetprovider auf eine Ablösung dieses Prinzips: Wer mehr zahlt, soll für seine Daten Vorfahrt erhalten, so der Wunsch. Die Lautstärke der Forderung wächst mit der Erkenntnis vieler Provider, dass sie mit der Bereitstellung von Breitbandanschlüssen kaum noch Geld verdienen können – man spricht auch von “dumb pipes“, also dummen Leitungen. Während Apple also beispielweise an einer Ein-Dollar-App 30 Cent Provision verdient, bekommen die Anbieter heruntergerechnet den Bruchteil eines Bruchteils eines Cents.

Noch vor kurzem schien ein Ende der Netzneutralität kein Thema: US-Präsident Barack Obama gilt als Freund des Prinzips, das von der Federal Communications Commission durchgesetzt werden soll. Vor wenigen Tagen hat jedoch ein Gericht der FCC im Streit mit dem US-Provider Comcast das Recht abgesprochen, das Unternehmen für die Verletzung des Prinzips zur Rechenschaft zu ziehen.  Nun muss wahrscheinlich ein neues Gesetz her – womöglich in einem ab November von den providerfreundlichen Republikanern dominierten Kongress.

Auch in Brüssel wird das Thema derzeit heiß diskutiert – im Sommer soll ein runder Tisch dazu einberufen werden. Die Luxemburgerin Viviane Reding hatte als Medienkommissarin Netzneutralität als unverhandelbar bezeichnet – ihre Nachfolgerin Neelie Kroes agiert abwartender. Auf der nächsten re:publica könnte Netzneutralität also durchaus ein Thema mit ähnlichem Aufregerpotential wie Netzsperren und Datensicherheit sein.

1 Kommentar zu „Netzneutralität – wohin schwingt das Pendel?“

  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von SZ_Digital erwähnt. SZ_Digital sagte: Tag 2 der #rp10: Einige Panels zur Netzneutralität – im Blog steht, weshalb das Thema bei der #rp11 richtig groß wird http://bit.ly/c5N2LT [...]

Kommentieren