17.11.11 | 22:01 | Begegnung mit ... | Dramatik | Glückwunsch! | Haiku | Kommentare 1 Kommentar

Herzlichen Glückwunsch, lieber Fitzgerald Kusz!

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Heute feiert der Frankendichter Fitzgerald Kusz, mein so liebenswürdiger, geschätzter Landsmann, der diesen Blog seit Anbeginn mit seinen wunderbaren Haikus unterstützt, seinen 67. Geburtstag. Aus diesem Anlass sei hier das Porträt veröffentlicht, das ich vor einem Jahr im SZ-Feuilleton über ihn geschrieben habe (SZ vom 27.11.2010). Ich habe Herrn Kusz dafür in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser besucht, es liegt in unmittelbarer Nähe zum riesigen Gebäudekomplex der Agentur für Arbeit. Anlass für den Artikel war der Austausch seines unverwüstlichen Langzeitrenners “Schweig, Bub!” auf dem Spielplan des Nürnberger Theaters gegen ein neues – und neuzeitiges – Kusz-Stück mit dem weihnachtlichen Titel “Lametta”. Dass ich diese Uraufführung (in der grobmotorisch plärrigen Anti-Franken-Regie von Frank Behnke) nicht sonderlich gut fand – und das natürlich auch schrieb -, hat mir Kusz erst ein bisschen krumm genommen. Völlig zu unrecht! Denn eigentlich – jetzt mal ehrlich, Herr Kusz – kann man meinen Text gar nicht anders verstehen als das, was er sein soll und ist: eine Liebeserklärung und Hommage. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Fitzgerald Kusz! Und ich freue mich schon auf neue Haikus, denn jetzt regt er sich wieder, dieser Blog.

Auf´s Maul geschaut

Ein Porträt des fränkischen Dichters Fitzgerald Kusz

Der Franke als solcher ist ein eher nüchterner Mensch mit grundsätzlich pessimistischer Weltsicht. Überschwänglichkeiten sind nicht so sehr sein Fall, er macht auch kein Aufhebens von sich selber. Im Tiefstapeln ist er Deutschlandmeister, doch im Hochdeutschen ist für ihn kein Pokal zu holen. Das „R“ macht er sich rollend gefügig, aber das harte „P“ und das harte „T“ sind und bleiben seine Feinde. Generell ist der Franke eher maulfaul. Die große Klappe überlässt er ehrgeizlos den Bayern und Preußen. Sein dazugehöriges Diktum lautet: „Iich sog nix, iich denk ma mein Teil . . .“ Aber wehe, wenn er mal loslegt, der Franke, dann kommt er umstandslos zur Sache und ist so unverblümt, derb und direkt, dass man froh sein muss, wenn ihn nicht alle verstehen.

nu ä wodd / und du hasd / dein ledzdn / schiiß gloun“ (noch ein wort / und du hast / deinen letzten / Furz gelassen)

Wer die fränkische Mund- und Wesensart derart konzise in einen Versrhythmus und auf den Punkt zu bringen versteht wie Fitzgerald Kusz, der kennt und liebt seine Pappenheimer und weiß sie beim (gesprochenen) Wort zu nehmen. Der Nürnberger Dichter, Jahrgang 1944, erbringt seit nun schon vier Jahrzehnten den Beweis, dass „das Fränggische“ sehr wohl auch zur lebendigen Literatursprache taugt, so wie zum Beispiel das Katalanische, oder nehmen wir Suaheli.

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

„Der fränkische Dialekt hat eine tolle Bildhaftigkeit“, weiß Kusz an seiner Muttersprache zu schätzen. Als Sohn einer waschechten Fränkin und eines gelernten Opernsängers aus Berlin ist er im mittelfränkischen Forth gewissermaßen zweisprachig aufgewachsen. Das Berlinerische mag er auch, aber das Fränkische, findet er, „ist die absolute Dialogsprache.“

Der 66-Jährige mit der lustigen Knubbelnase sitzt an einem großen Holztisch in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser und schaut mit seiner rundlichen Pullunder-Gestalt und den Pantoffeln an seinen Füßen wie ein braver Pensionär aus. Wenn da nicht dieses listige, spitzbübische Grinsen wäre. Oder dieses „Schimpf-Sonett“ aus eigener Feder, das er gerade zum Beweis der Anschaulichkeit der fränkischen Sprache vorgetragen hat. „In der Jazzer-Sprache würde man sagen: Fränkisch groovt“, sagt der Jazz-und Blues-Fan Kusz. Man nehme allein die Synkopen: „Wenn auf einen kurzen Takt ein längerer kommt: gmacht statt gemacht, gsunga statt gesungen.“ In der Verknappung liegt Musik drin. Der Rhythmus macht’s.

Kusz ist der Pionier, wenn nicht der Vater der fränkischen Mundartdichtung – nicht einfach nur ein Heimatdichter, sondern ein professioneller, höchst geistreicher, nicht selten hinterfotziger Lyriker und Dramatiker, dessen Dialektgedichte regelmäßig im „Jahrbuch der Lyrik“ erscheinen und dessen Texte nicht nur in andere deutsche Mundarten wie zum Beispiel ins Hessische oder Plattdeutsche übertragen werden, sondern auch in englischen, italienischen und sogar türkischen Übersetzungen vorliegen.

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Weit über das Frankenland hinaus bekannt und in selbigem weltberühmt wurde Fitzgerald Kusz 1976 mit seinem Volksstück „Schweig, Bub!“, dem Franken-Klassiker schlechthin. Das Drama schaut einer kleinbürgerlichen Nürnberger Verwandtschaftsrunde anlässlich der Konfirmationsfeier des 14-jährigen „Fritzla“ beim Reden und Essen aufs Maul. Dabei werden von der „selbä gmachtn Lebagnödlasuppm“ über „Schweinebrodn“ und fränkische Klöß bis hin zu den obligatorischen „Brodwärscht“ jede Menge regionaler Speisen nebst Unmengen von Alkohol konsumiert. Mehr ist das eigentlich gar nicht: ein großes Familienfressen. Aber auch: ein Gefressenwerden und Schwer-Angefressensein. Geschrieben ist das so böse, entlarvend und hundsgemein komisch, mit so zur Kenntlichkeit entstellten Figuren, deren deftiges Fränkisch Waffe und Wundbrand zugleich ist, dass dem kleinen Fress-und- Sauf-Stück eine sensationelle Karriere beschieden war. 34 Jahre lang stand es bis zum Juni dieses Jahres allein am Theater Nürnberg auf dem Programm. Ein absoluter Bühnenrenner.

„Das ist der Wahnsinn“, sagt Schauspielchef Klaus Kusenberg, der von Eltern berichtet, die da schon als Jugendliche drin waren und jetzt wieder mit ihren eigenen Kindern kommen. Oder besser gesagt: kamen. Denn nach 730 Vorstellungen in der Urinszenierung von 1976 (die kurioserweise von Friedrich Schirmer, dem späteren Stuttgarter und Hamburger Intendanten, stammt) soll das Stück nicht wieder aufgenommen werden. Damit schweigt der Bub, dem die Erwachsenen ständig übers Maul fahren und ihm dieses mit Knödeln stopfen, nun endgültig. Die – in all der Zeit vielfach umbesetzte – Inszenierung war „in keinem ordentlichen Zustand mehr“, wie Kusenberg das ausdrückt. Der Autor selbst sagt: „Die Luft war raus.“

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

Kein Problem, sollte man meinen. Kusz hat ja für Nachschub gesorgt und mit „Lametta“ eine Art Fortsetzung geschrieben. Wieder eine Familiengroteske, diesmal aufgehängt an Weihnachten – wenn nicht sogar buchstäblich am dazugehörigen Baum, dessen fehlendes Lametta für die Oma das Symbol des Niedergangs ist. Und es ist ja auch tatsächlich nichts mehr, wie es war: Wurden in „Schweig, Bub!“ der Schein und die Scheinmoral nach außen hin tapfer aufrecht erhalten und nur von der Sprache decouvriert, sind die Familienbande in „Lametta“ von vornherein zerrissen. Weihnachten im Jahr 2010 – das ist inzwischen eben auch in Franken das Fest der Rest- und Patchwork-Familien.

In diesem Fall ist es so, dass die Babs, die Neue vom Sparkassenfilialleiter Werner, ihr erstes Weihnachten mit dem Zukünftigen gerne bei einem „Brigitte-Menü für Zwei“ verbringen würde. Woraus natürlich nichts wird in diesem boulevardesken Tür-auf-Tür-zu-Theater. Einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen: Werners Sohn, Werners Mutter, Werners Ex, dazu der Babs ihre eigene Tochter, der Babs ihr Ex und dann auch noch dessen neue Frau, eine zweifache „Miss Franken“ von minderem IQ („Ich will definitiv ned störn. Echt ned.“).

„Anders scho, besser ned“: Omas Urteil über die neue Hängung am Christbaum gilt leider auch für Kusz’ Weihnachtsstück, das im Vergleich zu „Schweig, Bub!“ doch viel an Süffisanz und hintergründiger Brillanz missen lässt. In „Lametta“ tun sich keine Abgründe, sondern im Wesentlichen nur Mäuler auf. Das Stück begnügt sich mit der Situation selbst, ohne dass sich die Sprache – wie in „Schweig, Bub!“ und den besseren Kusz-Dramen – zur eigentlichen Protagonistin aufschwänge. Vorbilder schwarzen britischen Humors wie Michael Frayn oder Alan Ayckbourn („Schöne Bescherungen“) zwar durchaus im Blick habend, gerät Kusz’ Komödiantik hier aber doch zu banal und beliebig, manchmal sogar lieblich, etwa wenn der Verkündigungsengel an der Krippe den Zoff in Form eines gebrochenen „Flüchellä“ (Flügelchen) abkriegt und der Hausherr mit Kleber rummacht, als habe er keine anderen Sorgen: „Etz kriegt mei Engellä erscht widder sei Flüchellä.“

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger: Rüdiger Hans Dieter Kusz. Den Namen Fitzgerald hat er sich ins einer wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger. Den Namen Fitzgerald hat sich Kusz in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Zur Ehrenrettung des Stücks muss man allerdings auch sagen, dass Regisseur Frank Behnke in seiner lärmigen, prolligen und dabei auch holprigen Uraufführung komplett die ätzende Farce verpasst hat, die darin stecken könnte. Dass er die Figuren breitärschig ausstopfen und in grässliche Kostüme und Perücken aus dem Fundus der Geschmacksverirrung stecken ließ, müsste ihm das Frankenpublikum eigentlich übel nehmen. So wie man als Franke irritiert registriert, dass die Schauspieler ja gar kein Fränkisch sprechen, sondern: das, was sie dafür halten. Aber Fakt ist: Es gibt keine Franken im Nürnberger Ensemble. Die Schauspieler haben für „Lametta“ extra Sprachunterricht erhalten.

Aber auch, wenn sich das mit dem Idiom mit der Zeit bessern sollte: Einschlagen wie „Schweig, Bub!“ wird „ Lametta“ wohl nicht. An die 80 Profi-Inszenierungen gibt es von Kusz’ frühem Hit, „und die Amateuraufführungen zählt mein Verlag schon gar nicht mehr“, sagt der Autor. Das Gute, wenn man so einen Erfolg gelandet hat, ist: Man kann davon leben. Zumindest konnte  der im SDS und in den 68er-Studentenkämpfen an der Uni Erlangen politisch gestählte Kusz schon 1982 seinen Beruf als Studienrat für Deutsch und Englisch an den Nagel hängen und sich ganz dem Schreiben widmen.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Seither hat er zwanzig abendfüllende Stücke verfasst, darunter Zwei-Personen-Dramen wie „Burning Love“ und „Höchste Eisenbahn“, die sehr lustigen „Witwendramen“ oder auch „Der Fränkische Jedermann“. Viele davon sind Hits im Volks- und Amateurtheaterbereich und auch wirklich pointiert geschrieben. (Die ins Türkische übersetzten ”Witwendramen” wurden am 20.10. 2011 in Üsküdar, dem asiatischen Teil Istanbuls, zum 100sten Mal aufgeführt, wie Kusz im Oktober per Mail mitteilte. Mit dem Zusatz: “Wird das mein türkischer ,Schweig, Bub!´?”)

Die eigentliche Meisterschaft des Fitzgerald Kusz, der mit Vornamen eigentlich Rüdiger heißt – den Fitzgerald hat er sich in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von „John Fitzgerald Kennedy“ entliehen –, die größte Meisterschaft dieses Frankendichters liegt jedoch in der literarischen Miniatur. Seine fränkischen Haikus sind großartig, und wenn er mit seinen „Bluesbrothers“, dem Gitarristen Klaus Brandl und dem Mundharmonika-Spieler Chris Schmitt, lyrisch-musikalische „Blues & Kusz“-Programme macht, dann weiß man, dass die Melancholie aus Franken kommt.

„der vollmond über nämberch / is aa blouß / ä lebkoung“, heißt es in einem Franken-Haiku von Kusz (Der Vollmond über Nürnberg ist auch nur ein Lebkuchen). Na dann, schönen Christkindlesmarkt!

16.02.11 | 23:37 | Diskussion | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Theatertreffen 2011: Kampnagel im Höhenflug

Die freie Szene, beim diesjährigen Theatertreffen vertreten durch Kooperationspartner wie HAU, Kampnagel und das FFT in Düsseldorf, fühlt sich durch die Auswahl für die Best-of-Schau in Berlin schwer im Aufwind.

“Ihr wart innovativ wie nie! Glückwunsch!”, lobt Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard die Jury auf Facebook. “Und Glückwunsch an She She Pop zur Einladung von Das Testament, einer grandios heutigen Lear-Annäherung! Und an Herbert Fritsch, schön! Und an Nurkan Erpulat und Shermin Langhoff! Ihr alle beim Theatertreffen, ich fasse es nur allmählich …”

Auch ich gratuliere! Und rate: Jetzt bloß nicht übermütig werden! Hier der Kampnagel-Newsletter, der mich heute Abend per Mail erreichte (sympathischerweise haben sie selber in die Betreffzeile “Angeberei” geschrieben):

Überhebliche Lehren aus Theatertreffen und Sport

Liebe Hamburger Theater,

warum habt ihr euch gestern nicht gemeldet, den Sünkel mal ausgenommen? Die ganze Welt rief an und gratulierte uns, dass zwei Kampnagel-Produktionen zum Theatertreffen 2011 eingeladen wurden: Christoph Schlingensiefs letztes Welttheater-Stück VIA INTOLLERANZA II und She She Pops King Lear Erneuerung TESTAMENT. Ist euch unser Erfolg unheimlich? Habt ihr zu viel Stefan Grund gelesen (von Kampnagel nicht beschäftigter Hobby-Regisseur, Schriftsteller bei DIE WELT und überregional durch diesen Newsletter bekannt)? Oder seid ihr wirklich so phlegmatisch, wie das Abendblatt euch das heute HIER vorwirft.

Die trinkfesten Mitarbeiter des Abendblättchens hacken da mal wieder auf Hamburg rum und suchen die Schuld für’s kulturelle Siechtum bei der Kultur selbst. Dass auch das Abendblatt vergessen hat, auf uns als Lichtblick in der Wüste hinzuweisen, reiht sie nur in ihren eigenen Klagekanon ein. Dabei wissen alle Newsletter-Leser: Ex Kampnagel lux. Auf Kampnagel gehen die Sonne und Thalia-Luxy auf; wir sind die dicke Mutti mit dem großen Schoß, in dem sich auch ein Bürgermeister mal ausweinen darf.

Die Schockstarre der Theater wegen der diesjährigen Theatertreffen-Auswahl (viel freie Szene, Stefan Bachmanns Kampusch-Stück als Spiegel für die Österreicher, etwas Stadt-Theater Alibi wie Karin Beierhenkel usw.) liegt auch an der Zeitenwende, die diese ankündigt: Die Peripherie ist zum Zentrum geworden, Maßstäbe in Spiel und Spaß setzen schon seit längerem internationale Koproduktions-Zentren für schönere Künste wie das Berliner HAU oder wir. Die Theater mit ihren Roman- und Filmdramatisierungen liegen erschöpft und ideenlos auf dem Boden der Phantasie.

Aber Kulturpessimismus ist unsere Sache nicht, wir geben euch Theatern einen Rat von Dramaspezialist Lothar Matthäus (neustes Projekt: Ariadne, 23): „Es wird sich aber leider niemals verhindern lassen, dass man sich auch mal auf die Taktik des Gegners einstellen muss.“ (Nachzulesen HIER auf seiner Homepage, die noch Liliana, auch 23, gewidmet ist).
Wir kümmern uns solange um den Theaternachwuchs mit der zweiten Diplominszenierung der Theaterakademie, und widmen uns unserer neuen Sparte Sport mit Accordion-Wrestling.

Viele Grüße,
Dein Kampnagel

16.02.11 | 22:20 | Geht doch! | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Die Auswahl zum Berliner Theatertreffen 2011

Die Auswahl zum diesjährigen Berliner Theatertreffen ist überraschend unorthodox – das stieß, wie man den heutigen Reaktionen entnehmen konnte, allgemein auf sehr viel Anerkennung, wenn nicht auf große Freude (außer bei Gerhard Stadelmaier natürlich, der allerdings noch nie eine Auswahl zum TT gut fand, sondern in der Liste immer einen Anlass für Spott und Häme findet). Es schlug schon lange keiner TT-Jury mehr so viel Wohlwollen und Respekt entgegen. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Jurorin … und wie frustrierend ich das rituelle Abwatschen der Jury nach getaner Arbeit empfand.

Diesmal aber große Zustimmung, sogar von den selbst ernannten Gegenkritikern auf nachtkritik.de. Auch, weil kaum einer die Sachen kennt.

Hier, nur mal als Beispiel, der fast schon überschwängliche Kommentar des sonst eher nüchternen Hartmut Krug auf Deutschlandradio Kultur.

Auch ich habe die Auswahl in der heutigen Printausgabe der SZ vorgestellt und kommentiert – aber das gibt´s natürlich mal wieder nicht online auf sueddeutsche.de, weil Theater ja deren Meinung nach total unsexy ist und keine Klickzahl-Quoten bringt.

Daher setze ich meinen Text jetzt mal selber hier rein:

(Achtung: Der Einstieg meines Artikels ist ironisch gemeint! Nein, ich vermisse Marthalers “Meine faire Dame” nicht beim Theatertreffen, wie nachtkritik.de in der Zusammenfassung meines Textes behauptet.)

In memoriam Schlingensief

Die Auswahl zum Theatertreffen in Berlin birgt Überraschungen

Die größte Überraschung zuerst: Christoph Marthaler ist in diesem Jahr nicht beim Berliner Theatertreffen vertreten!

Na sowas. Dabei hat der Schweizer, der in den letzten Jahren so etwas wie ein Dauerticket für Berlin zu haben schien, in Basel doch einen sehr gewitzten „Sprachlabor“-Abend mit dem schönen Titel „Meine faire Dame“ inszeniert, der bestimmt auch wieder einladungswürdig gewesen wäre, wie ja fast jeder Marthaler. Aber nein, in diesem Jahr ist alles anders. Kein Stemann, kein Kriegenburg, kein Stelldichein der üblichen Verdächtigen. Die Theatertreffen-Jury kreißte und gebar eine Liste der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres“, auf der sich erstaunlich viele Überraschungskandidaten finden. Darunter ein Toter: der im August letzten Jahres an seinem Krebsleiden verstorbene Christoph Schlingensief, der mit seiner letzten Arbeit „Via Intolleranza II“ posthum noch einmal gefeiert werden soll.

„Via Intolleranza II“, uraufgeführt beim Kunstenfestival in Brüssel, erzählt von Schlingensiefs afrikanischem Operndorf-Projekt Remdoogo. Die Aufführung zeigt (in Filmen) Schlingensief selbst und seine Arbeit daran; sie hinterfragt diese Arbeit und unser aller Verhältnis zu Afrika aber auch und erzählt – mit Tänzern, Sängern und Musikern aus Burkina Faso – von Helfersyndromen, Hilflosigkeit und vom Scheitern. Schlingensief wirkte bis kurz vor seinem Tod selber auf der Bühne mit, hatte in vielen Szenen aber auch Stefan Kolosko als Alter Ego. Ihm, dem viel zu früh Verstorbenen, und seinem künstlerischen Vermächtnis hier noch einmal so (be)greifbar und direkt begegnen zu können, ist tröstlich – und ein Geschenk des Theatertreffens.

Einen Sieger gibt es schon jetzt bei der Berliner Best-of-Schau vom 6. bis zum 22. Mai, er heißt Herbert Fritsch. Der Schauspieler, einst ein unerschrockener Recke des Castorf-Theaters, reüssiert neuerdings an diversen Bühnen nicht minder unerschrocken als Regisseur und wurde jetzt gleich mit zwei seiner Inszenierungen nominiert: mit Hauptmanns „Der Biberpelz“ (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin) und Ibsens „Nora“ (Theater Oberhausen), womit auch gleich die Felder „Provinz“ und „Osten“ abgedeckt wären. Zweimal Fritsch – das erscheint, bei allem Respekt, nun doch ein bisschen übertrieben, da hätte man schon noch eine Position für einen anderen Namen, eine andere Handschrift frei räumen können. Für eine(n) von den Jungen zum Beispiel, die beim Theatertreffen nie so recht zum Zug kommen. Immerhin hat es jetzt endlich Roger Vontobel mal in die Auswahl geschafft – und zwar mit seiner meisterlichen „Don Carlos“-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden. Die junge Jette Steckel jedoch, die am Thalia Theater Hamburg vor kurzem einen mindestens ebenso guten, wenn nicht zündenderen, in seiner politischen Stoßrichtung aktuelleren „Don Carlos“ herausgebracht hat, sie ging leer aus.

Kaum überraschend, da bereits schwer im Kultstatusbereich: „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat (der auch Regie geführt hat) und Jens Hillje, eine Koproduktion des Kreuzberger Off-Theaters Ballhaus Naunynstraße mit der Ruhrtriennale. Das Stück, auf das es in Berlin einen regelrechten Run gibt, ist der heißeste Beitrag des Theaters zur Sarrazin- und Integrationsdebatte. Es erzählt, bitterböse und komisch, von einer durchgeknallten Deutschlehrerin, die einem Haufen türkischer Jugendlicher (und die sind so authentisch, als kämen sie geradewegs von der Straße) mit vorgehaltener Knarre Schiller aufzwingt.

Die freie Szene (Kampnagel Hamburg / Berliner Hau / FFT Düsseldorf’) ist darüber hinaus mit „Testament“ von She She Pop vertreten. Es handelt sich um eine „Lear“-Überschreibung, in der Performerinnen ihre eigenen Väter auf die Bühne bringen und mit ihnen die Themen und Motive aus Shakespeares „König Lear“ diskutieren – eine sehr private Auseinandersetzung mit dem Generationenvertrag und seinen Pflegefällen.

Münchner Kammerspiele, Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, Schauspiel Frankfurt – Fehlanzeige. Von den führenden deutschen Bühnen ist nur das Schauspiel Köln, das amtierende „Theater des Jahres“, wieder vertreten – und das gleich zweimal: mit Karin Beiers fulminantem Jelinek-Abend „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ – daran kam die Jury nicht vorbei – sowie mit Karin Henkels jüngst erst dort herausgebrachter, grell-zirzensisch in die Gegenwart geholter Tschechow-Inszenierung „Der Kirschgarten“.

Vom Schauspielhaus Zürich kommt der mit sieben Ja-Stimmen angeblich sicherste Kandidat von allen: Stefan Pucher mit seiner Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, die in einem detailgetreuen 50er-Jahre-Setting vom amerikanischen (Konsum-)Traum erzählt. Und auch das Wiener Burgtheater ist dabei: mit Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“, einer medialen Umkreisung des Falls Natascha Kampusch in indirekter Rede, die Stefan Bachmann in kongeniale Bilder umgesetzt haben soll. Ein Gegenwartsstück, das erfolgreich nachgespielt wurde . . . es geht also doch!

Insgesamt recht interessant, diese Mischung. Mal was anderes. Und vielleicht auch ein Denkanstoß für die wie wild produzierenden Großbühnen, mal wieder durchzuschnaufen und sich auf das Eine, Besondere zu besinnen. Denn weniger ist oftmals mehr.

23.11.10 | 23:49 | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Hamburg (Thalia): Der kunterbunte Kater

Blog-Thallia-Kater-Logo

Wie schon gesagt: Ich bin wegen “Peggy Pickit” nach Hamburg gekommen. Aber dann betritt man das Thalia Theater und wird sinnlich sofort in Beschlag genommen vom “Gestiefelten Kater”, welcher in hundertfacher kunterbunter Ausführung die Wände tapeziert.

Kater-Stimmung im Foyer

Kater-Stimmung im Foyer

Lauter Miezekatzenbilder, gemalt von Kinderhand: unglaublich süß, witzig, kurios, kreativ, originell, manche zum Schreien komisch und alle wahnsinnig schön, wirklich schön  – eine Augenweide, ein Lachmuskel- und Sinnenreiz, eine farbenfrohe Fantasie-Attacke. Man meint auf Anhieb, Horden von Kindern durch das Theater stieben und diese typische Kindergarten- und Pausenhof-Geräuschkulisse produzieren zu sehen, und das ist eine sehr schöne Vorstellung, da so von Leben, Freude, Aufregung erfüllt.

Das Thalia Theater hat anlässich der Weihnachtsmärchenproduktion “Der gestiefelte Kater”, die am 7. November Premiere hatte, zu dieser Malaktion aufgerufen.

Kunterbunte Miezekatzen, farblich sortiert: hier die rote Hängung

Kunterbunte Miezekatzen, farblich sortiert: hier die rote Hängung

Die Vorgaben für alle teilnehmungswilligen Kids lauteten: Wachsmalkreide, ein weißes Din-A3-Blatt im Hochformat und die Aufgabe, mit dem Porträt des Katers das ganze Format zu füllen. Auf diese Weise konnte das Theater diesen gelungenen seriellen Charakter bei der “Hängung” erzeugen.

850 Katzen-Bilder hängen da nun bis Januar im unteren, oberen und im Mittelrang-Foyer des Thalia Theaters aus und verbreiten gute Laune.

Cats in Hamburg: immer ein Erfolg!

Cats in Hamburg: immer ein Erfolg!

Das Grimmsche Märchen vom “Gestiefelten Kater” läuft in Hamburg in einer Fassung von Wolf-Dietrich Sprenger, der auch Regie geführt hat. Den Kater spielt Philipp Hochmair, und weil das ein hochenergetischer, hypermotorischer, hochsympathischer Schauspieler ist, der sich da gewiss nichts schenkt, wird er den ausgehängten Katzen-Bildern gewiss in mindestens 850 Facetten entsprechen.

Als ich am Sonntagabend bei der Premiere von “Axolotl Roadkill” im Thalia in der Gaußstraße war, lief mir Philipp Hochmair – der in “Axolotl” gar nicht mitspielt – hinterher im Hof zufällig über den Weg, und da habe ich ihn mir gleich gekrallt, he he, um ihn für diesen Mieze-Blog abzulichten.

Philipp Hochmair, der leibhaftige Kater. Etwa gar ein Kinderschreck?

Philipp Hochmair, der leibhaftige Kater. Etwa gar ein Kinderschreck?

Damit wir hier auch mal den leibhaftigen Hamburger Stiefelkaterkönig zu sehen kriegen! Hochmair spielt ihn übrigens oben ohne – und untenrum mit schwanzbesetzter Fellhose, er demonstrierte mir das mit iPhone-Fotos.

Jedenfalls: ein Pussykätzchen ist das nicht. Wenn Hochmair so böse fauchend seine Krallen streckt wie hier bei mir … dann, na ja, weiß ich auch nicht, ob er nicht so manches zartbesaitete Hamburger Schmusekätzchenkind gehörig verschreckt.

Aber ich sag mal, liebe Kids, da müsst ihr durch! Das Theater ist nicht umsonst eine harte Schule des Lebens. Lasst euch das mal von Tante Christine gesagt sein.

23.11.10 | 20:00 | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Hamburg (Schauspielhaus): Er aber, sag´s ihm, er kann mich . . .

Blog-HH-Schauspielhaus-Fassade

Die zweite Inszenierung von Schimmelpfennigs neuem Stück “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes” führte mich am vergangenen Wochenende von Berlin nach Hamburg. Dort hat Wilfried Minks das Stück – gleich einen Tag nach der deutschsprachigen Erstaufführung durch Martin Kusej in Berlin – am Thalia Theater herausgebracht (siehe meine Doppelkritik im SZ-Feuilleton von gestern). Hier abgebildet ist aber das – vorerst gerettete – Hamburger Schauspielhaus.

Denn: Wenn man mit dem Zug in HH ankommt und zur Kirchenallee hin aus dem Hauptbahnhof tritt, dann hat man dieses große, schöne Theater schräg vis-a-vis sofort im Blick. Das gibt es so offensiv in keiner anderen deutschen Stadt: das Theater, majestätisch, einladend und ganz ohne Dünkel, mitten im Bahnhofsviertel! Das Theater: ein klares Statement! Und für jeden Ankommenden ein erster starker Eindruck.

Und das Haifisch-Logo, das hat Zähne ...

Und das Haifisch-Logo, das hat Zähne ...

Seit der glücklose Intendant Friedrich Schirmer zu Beginn der Spielzeit vorzeitig von Bord gegangen ist und den Riesendampfer seinem Schicksal überlassen hat und dieses Schicksal in Gestalt eines sparhammermäßigen Unkultursenators über das (leider auch künstlerisch) dahindümpelnde Haus düster hereingebrochen ist … seit diesen heftigen Stürmen und der dadurch drohenden Havarie gibt man sich am Hamburger Schauspielhaus höchst kämpferisch.

Mich ergeben?! Ha! Das Hamburger Schauspielhaus zeigt´s seinem "Hauptmann".

Mich ergeben?! Ha! Das Hamburger Schauspielhaus zeigt´s seinem "Hauptmann".

Schirmers vormaliges Logo, der liebliche Delphin, hat jetzt Haifischflossen und die entsprechenden Zähne bekommen. Und das Plakat zur Inszenierung von Goethes “Götz von Berlichingen” prangt in zorniger Eindeutigkeit an der Schauspielhausfassade. Darauf: Hauptdarsteller Markus John mit der Anmutung eines gestandenen CDU-Politikers der Bonner Kohl-Republik – und mit Ritterbeil. Offenbar mit eiserner Hand entschlossen, in die Schlacht zu ziehen. Und das berühmte Götz-Zitat darf hier natürlich auch nicht fehlen. Man kann sich den Adressaten sofort denken, wenn es in Sachen “Mich ergeben!?” in Richtung “Hauptmann” heißt: “Er aber, sag´s ihm, er kann mich im Arsch lecken.” Hat was.

22.11.10 | 19:26 | Geht doch! | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Berlin ändert sich – zum Glück

An dem Abend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes gesehen hatte, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm der Spaßteufel Ulrich Matthes für dieses Foto aufsetzte.

An dem Berliner Premierenabend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes sah, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm Spaßteufel Ulrich Matthes aufsetzte.

Letzten Freitag, nach der Premiere von Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes”, ist mir im Deutschen Theater Berlin meine Kamera abhanden gekommen. Ich hatte sie im Damenklo liegen lassen. Als ich den Verlust bemerkte und an Ort und Stelle nachschaute, war sie weg. Natürlich. Klar. War ja Berlin.

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere gibt es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Man hätte mich in meiner Aufgeregtheit, Wut und Verzweiflung fluchen und auf dieses Scheiß-Berlin schimpfen hören müssen, während ich, den Tränen nahe, alles absuchte und dann zum Pförtner eilte, um den Verlust anzumelden und – für alle Fälle – meine Telefonnummer zu hinterlassen. Die Hoffnung, meine Kamera könnte beim Pförtner abgegeben worden sein, hegte ich gar nicht erst. Ich meine: war ja Berlin. Da wird doch nichts abgegeben! Da klauen sie dir doch, wenn du nicht aufpasst, sogar deinen vollgekritzelten Notizblock oder deine Visitenkarten oder was weiß ich für nen Kram unter den Fingern weg.

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Und es war ja auch tatsächlich beim Pförtner nichts abgegeben worden. Klar. Berlin eben. Ohweh, war ich bitter! In München, dachte ich und sagte es allen, die es nicht wissen wollten, in München würde das nicht passieren. Da würde das anders laufen. Da würde so eine auf der Damentoilette vergessene Kamera mit freundlichsten Grüßen an die Besitzerin abgegeben werden! In München hab ich letztes Jahr doch sogar die Einkaufstasche mit den Klamotten zurückbekommen, die ich in der S-Bahn hatte stehen lassen – ein Anruf bei der MVG genügte, um zu erfahren: Ja, die Tasche sei gefunden worden und könne am Ostbahnhof abgeholt werden. Muss man sich mal vorstellen!

Meine an diesem Abend zahlreich vertretenen Kritikerkollegen trösteten mich mit erbaulichen Weisheiten über das Hinnehmenkönnenmüssen  … und dass es sich ja “nur” um einen Fotoapparat handle, den man also nachkaufen könne – womit klar war, dass sie keinen blassen Schimmer von meiner innigen Beziehung zu meiner digitalen Canon haben.

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Hätte ich sie doch bloß nicht rausgeholt an diesem Abend! Erst hatte ich ja auch gar keine Lust, Bilder zu machen. War viel zu sehr ins Gespräch verwickelt mit x Leuten, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte …  Berlin eben … war schon länger nicht mehr da.

Seit er hier alleiniger Juror bei den Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer so, Dich zu sehen!

Seit er hier alleiniger Juror bei den diesjährigen Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen regelmäßig ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer, Dich zu sehen!

Aber dann entdeckte ich die an diesem Abend umwerfend aussehende Ulrike Folkerts (die ich mit langen Haaren erst auf den zweiten Blick als Ulrike Folkerts erkannte), und mein lieber Freund Georg Uecker fand, ich müsse ein Foto machen, welches er dann auch arrangierte. Tja, und bei dieser Gelegenheit hab ich dann auch gleich ein paar Kollegen abgelichtet, sieht man ja nicht alle Tage so viele auf einem Haufen.

Und wenig später war sie also weg, die Kamera. Und meine Laune auch. Und ich musste daran denken, dass und wie ich in Berlin schon zwei Mal bestohlen wurde. Und zwar so richtig: Tasche weg mit Geldbeutel, Ausweis, Kreditkarte und allem, wirklich allem. Einmal war´s im Kumpelnest – nun gut, solche zweifelhaften Orte sollte man, zumindest mit Allesdrin-Tasche, vielleicht besser meiden. Aber das andere Mal war´s im Foyer der Schaubühne! In der Schaubühne! Beim F.I.N.D.-Festival vor vielen Jahren! Eine Sauerei.

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Ich bin also in dieser Hinsicht ein gebranntes … ähm … beklautes Kind und bitte meine Berlin-Frust-und-Schimpftirade vor diesem Hintergrund zu verstehen. Ohne einen Funken Hoffnung, einfach nur, um am Ende nichts unversucht gelassen zu haben, begab ich mich, bevor ich das DT zu verlassen gedachte, hinüber in die Bar des Kammerspiele-Foyers, wo die eigentliche Premierenfeier mit DJ und so stattfand, und fragte an der Bar nach, ob nicht vielleicht eine Digitalkamera …

Höret nun, liebe Leser, Freunde und Feinde, und staunet über die frohe vorweihnachtliche Botschaft: Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Meine Kamera war tatsächlich an der Bar abgegeben worden und wurde mir mit einer stummen, coolen Geste von einer jungen Barfrau überreicht. Ich war baff. Schlichtweg baff. Vor Freude kamen mir fast die Tränen. Wie großartig das ist, etwas verloren Geglaubtes zurückzukriegen. Was für ein schönes Gefühl! Was für ein gutes Zeichen das ja auch ist! Man bekommt sofort den Glauben an die Menschheit zurück. Und an Berlin!

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (von links): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (v. l.): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Als ich mich, überglücklich, mit meiner just wiedererlangten Kamera umdrehte, standen da Ulrich Matthes und der Bühnenbildner Johannes Schütz, grinsend, als seien sie selber die Glückspilze, und gratulierten mir. Und so entstand das obige Foto mit den beiden. Für mich das reine Glückspilzbild.

Welche ehrliche Frau auch immer meine Kamera gefunden und an der Bar abgegeben hat: Ich danke ihr von Herzen und wünsche ihr ebensoviel Glück; wünsche ihr, dass die gute Energie, die sie erzeugt hat, auf sie selber zurückwirkt. Und auf die ganze schöne Stadt Berlin.

15.11.10 | 01:05 | Begegnung mit ... | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 10 Kommentare

Frankfurt – immer ein Klassiker!

Panoramabar-Blick im Frankfurter Schauspiel

Panoramabar-Blick im Frankfurter Schauspiel

Das Frankfurter Schauspiel unter der Intendanz von Oliver Reese stand bisher ja nicht so auf meiner Reiseroute. Hat sich am Anfang bei dem geballten Neustart von gleich sieben Intendanten irgendwie nicht ergeben – und inzwischen, nun ja … ich muss gestehen: Dieser einseitige Klassiker-Spielplan reizt mich einfach nicht so sehr.

Alles Off-Mäßige, Experimentelle haben sie in Frankfurt abgeschafft. Design und Branding – und so manchen Regisseur – hat Reese einfach vom DT in Berlin mitgebracht, da, wo er herkam.

Huch! Ist das der Geist von Elisabeth Schweeger? Man dachte ja, den hätten sie in Frankfurt gründlich ausgetrieben. Aber immerhin: Ihr Haarstil lebt fort!

Huch! Ist das der Geist von Elisabeth Schweeger? Man dachte ja, den hätten sie in Frankfurt gründlich ausgetrieben. Aber immerhin: Ihr Haarstil lebt fort!

Und dann immer diese Aufgeregtheit der FAZ bei jeder Frankfurter Goethe-Schiller-Kleist-Premiere. Na, ich weiß nicht … da ist vielleicht besser eine gewisse Münchner Skepsis angebracht.

Elisabeth Schweegers Geist wurde jedenfalls gründlich ausgetrieben – in manchen hysterischen Zügen (speziell in den Pressekommentaren gewisser männlicher Kollegen) glich das fast schon einer Hexenaustreibung. Umso erstaunter war ich, als ich sie jetzt unter den Premierengästen zu sichten glaubte, als ich von hinten eine dunkelhaarige Frau mit Hochstecknestfrisur im Schweeger-Stil sah. Es war dann zwar doch nicht die Schweeger, aber dass eine junge Frau – und wenn auch unbeabsichtigt – zumindest Schweegers Haarstil fortsetzt, das hat mich doch gefreut. Und die junge Dame ließ sich auch gerne für diesen Blog fotografieren.

Frankfurt-KlassikerJetzt, in seiner zweiten Saison, geht Reese mit seinen ewigen Klassikern in die Offensive. “KLASSIKER!” – Ausrufezeichen! -, schrillt das Spielzeitmotto in Großbuchstaben. So etwas nennt man wohl Vorneverteidigung. Auf den begleitenden Postkarten – es gibt drei Varianten – ist dann jeweils ein Klassiker aus der (huch: zeitgenössischen!) Objektwelt abgebildet, als da wären: ein Flipflop in Pink, ein Äppelwoi-Glas und, ja tatsächlich: ein Fläschchen “4711″, obwohl das doch eindeutig der Stadt Köln zuzuordnen wäre. Hm, was man sich in Frankfurt nicht alles von anderswoher einverleibt …

Hier sagt die Körpersprache alles: Nis-Momme Stockmann mit seinem Uraufführungsregisseur Martin Klöpfer

Hier sagt die Körpersprache alles: Nis-Momme Stockmann mit seinem Uraufführungsregisseur Martin Klöpfer (rechts)

Nun hat Frankfurt aber auch einen lebenden Hausautor – und mit Nis-Momme Stockmann wahrlich nicht den schlechtesten. Zur Uraufführung seines neuen Stücks “Die Ängstlichen und die Brutalen” bin ich angereist. Ehrensache. Ich schätze Nis-Momme Stockmann sehr, halte ihn für ein wirklich herausragendes, ernstzunehmendes Talent, mag die Wärme, Menschlichkeit und Anteilnahme in seinen Stücken – und mag ihn, Stockmann, seit ich ihn in der Heidelberg-Jury (und bei all dem Ärger, der damit zusammenhing) näher kennen gelernt habe, auch als Mensch. Mag seine Klugheit, seine Ernsthaftigkeit, die erwachsene Art, wie er nachdenkt, redet und dann doch ganz jung für etwas brennt. (Unter dem Titel »Stockmanns Appendix« schreibt er fürs Frankfurter Schauspiel auch einen Blog.)

Zwar sind “Die Ängstlichen und die Brutalen” sicherlich nicht sein stärkstes Stück, aber dass es ausgerechnet an Stockmanns Hausbühne derart arglos in den Sand gesetzt wird wie von dem Regisseur Martin Klöpfer, der für das Brüder-Drama rein gar kein Gespür hatte, das ist schon traurig und auch ärgerlich – zumal ja auch schon Stockmanns Stück “Das blaue blaue Meer” in Frankfurt von der Regie verspielt wurde. Die sollten dort nicht nur ihre Klassiker, sondern schon auch ihren Hausautor pflegen.

Der freundliche Herr Fritsch findet Frankfurt freilich freakig

Der freundliche Herr Fritsch findet Frankfurt freilich nicht sehr freakig

Dann hatte ich an dem Abend noch das Vergnügen, durch die Frankfurter Kritikerin Eva-Maria Magel den äußerst sympathischen und erfrischenden Herrn Fritsch kennen zu lernen. Gemeint ist Herbert Fritsch, der einst so wilde Volksbühnen-Schauspieler (übrigens: ein Oberpfälzer!), der derzeit nur noch als Regisseur arbeitet, dies aber recht erfolgreich. Von seinem “Biberpelz” in Schwerin und seiner “Nora” in Oberhausen hört man viel Gutes, hört man zum Beispiel auch, dass Teile der Theatertreffen-Jury schon zur Besichtigung angereist sind (und zwar in beiden Fällen).

Der kampferprobte Herr Fritsch kann wunderbare Geschichten aus seiner Zeit als Castorf-Schauspieler erzählen, wurde als solcher von aufgebrachten Zuschauern beschimpft und beschmissen und hat auch schon erlebt, wie ein Backstein nach vorne flog und Zuschauer die Bühne stürmten. Es sei für ihn als Schauspieler bei Castorf immer so gewesen, als stünde er an einem Abgrund und müsse springen … und dann, sagt Fritsch, sei er gesprungen. Klarer Fall.

Ich denke mal, da kommt noch was ... von Stockmann und Fritsch. Klingt wie ein Komiker-Duo - und schaut auch so aus.

Ich denke mal, da kommt noch was ... von Stockmann und Fritsch. Klingt wie ein Komiker-Duo - und schaut auch so aus.

Lustigerweise kennen sich auch Fritsch und Stockmann, mehr noch: Sie haben sich angefreundet und sind offenbar auch projektmäßig an einer Sache dran. Wo, frage ich die beiden, haben sie sich denn kennen gelernt? Die Antwort: an einem frustreichen Abend beim Heidelberger Stückemarkt.

03.11.10 | 01:00 | Geht doch! | Kritikerlust | Nicht verpassen | Kommentare 3 Kommentare

Köln, wie es sinkt und zusammenkracht

Beim tosenden Schlussapplaus stapfte das Inszenierungs-Team in Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz

Beim tosenden Schlussapplaus stapft das Inszenierungs-Team mit Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz.

Am Ende ist die ganze Bühne überschwemmt, und das Dreckswasser steht den Schauspielern bis zu den Knöcheln. Aber auch das Publikum steht – es jubelt, johlt, spendet Standing Ovations. Beeindruckend, so ein tosender Applaus. Aber Vorsicht, da wackelt ja das Haus!

Der Jelinek-Abend, den Karin Beier am Schauspiel Köln herausgebracht hat, ist aber auch wirklich fulminant! Möchte den am liebsten sofort noch einmal sehen … und kann ihn nur weiterempfehlen. Ganz großes Theater! Und das heißt hier auch: ganz großes Stadttheater. Stadttheater at its best. Ein Theaterabend, der auf die spezielle Verfasstheit der Stadt hin gedacht und gemacht ist und die Finger direkt in die Wunden legt, was so schmerzvoll ist wie seelenheilsam. Kathartisch geradezu. Weil man das braucht: dass eine(r) Worte und Bilder und einen Furor findet für das Lähmende, Beschämende, das Unfassbare. Weil es gut ist, das Angestaute rauszulassen, die Wut, den Frust, das Unverdaute. Weil es gesund ist, über das Unglück lachen zu können, aus der Katastrophe Funken der Komik herauszuschlagen. Weil schwarzer Humor immer besser ist als gar keiner. Und weil nach wie vor gilt, dass die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, die Komödie ist.

Waste Land: Die Kölner Bühne nach dem Schlussapplaus

Waste Land: Die Kölner Bühne am Premierenabend nach dem Schlussapplaus

“Das Werk / Im Bus / Ein Sturz”: drei Stücke über das Bauen, Bohren und Stauen, das ewige Vorwärtsdrängen des Menschen, sein gewaltsames Eindringen in die Natur, seiner eigenen folgend. Gerade in Köln, wo das eingestürzte Stadtarchiv eine klaffende Wunde und ein abgrundtiefes Trauma in der Stadt hinterlassen hat; hier, wo niemals jemand Verantwortung für die Katastrophe übernommen hat; in Köln, wo der geplante Abriss des Schauspielhauses nur durch vehemente Bürgerproteste zugunsten einer Generalsanierung verhindert werden konnte, gerade hier ist dieses Thema wahnsinnig wichtig und goldrichtig. Und so hochnotkomisch und grimmig böse, wie Karin Beier das Schauspielhaus an diesem Abend ins Wackeln und Rieseln bringt und schlussendlich die ganze Bühne flutet, ist das auch ein gewaltiges Stück Wut- und Drecksarbeit – wobei das einhergeht mit der nötigen (seelenhygienischen) Aufräum- und Bewältigungsarbeit. Wo sich ja sonst keiner in Köln daran macht …

Ich bin auch schon wieder mal ganz begeistert von Frau Jelinek. Wie sie doch immer zur richtigen Zeit die richtigen Themen anpackt! Wie ihre grandios nervigen, kalauernden, die Sprache unablässig drehenden, biegenden, wendenden Textschwallflächen hartnäckig am Puls der Zeit pochen und doch immer tief hinabbohren in die Gräber der Geschichte – das ist schon sehr beeindruckend. Es ist gesellschaftlich relevant, brisant, und es ist immer total politisch. Jelinek scheint da mit einer geradezu seismographischen Sensibilität begabt zu sein. Ich bewundere das.

“Ein Sturz”, das Stück, das sie jetzt extra für Köln geschrieben hat, wortstrudelt zwar einerseits ganz konkret (und in vielen Details: betont banal) um den Einsturz des Stadtarchivs im März 2009 herum, führt andererseits aber auch weit darüber hinaus: nach Stuttgart 21 ebenso wie nach Schmalkalden in Thüringen, wo sich gerade – kurios und erschreckend genug – die Erde aufgetan hat … und noch weiter führt dieses Jelinek-Stück, in dem die Erde direkt angesprochen wird, adressiert von einem hochmütigen, genervten, klagenden, schimpfenden, überheblichen Menschenchor (“Erde, was machst du denn da? … Was soll das, Erde? … Erde, bleib, wo du bist … du blöde Erde”). Es führt ins Innere des Erdballs, führt in die Erde, die Angesprochene, Geschundene, Vergewaltigte, selbst, und es konfrontiert diese mit dem menschlichen Fortschritts- und Machbarkeitswahn, dem ewigen “Muss doch!”, diesem technologischen “Geht nicht? Geht nicht!”.  – “Alles reißen wir ein, warum?/ Weil wir es können!” – Für mich ist “Ein Sturz” das erste wirklich moderne, globale Umweltdrama. “Erde, du hast verloren, du bist verloren. Bist du jetzt zufrieden?”

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... So siegt man nicht!"

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... Du willst nur vom Wasser gefickt werden, Erde? ... So siegt man nicht!"

Die Erde, die lange alles mit sich hat machen lassen, die sich vom Menschen hat untertan machen und ausbeuten lassen, die Erde – Mutter Erde – ist aufgewühlt, ausgelaugt, krank; sie spurt nicht mehr, sie reißt Löcher, bricht ein, verbindet sich mit dem Wasser zu unheilvollem Tun. Und die Menschen beschwören sie nun, heben an zum großen Schimpf- und Klage-Chor – wobei Jelinek da ganz groß ansetzt und in Ton und Gestus die griechische Tragödie zitiert – diese auch ironisiert und persifliert. Mit hohem Fleh- und Jammer-Pathos (“Oh Los des Erdendaseins!”/ “Hinopfert ihr Kind, die schöne Baustelle, die eigene Frucht, die Frucht eigenen Tuns, das eigene Werk?”/ “O weh, o weh, Haus, du Haus!”).

Ich finde das super, richtig groß. Zynisch-böse und anrührend auch. Und dass Karin Beier in ihrer Uraufführung die von den Menschen litaneihaft angerufene, beschimpfte, end- und ehrlos zugequatschte Erde tatsächlich als Figur auftreten lässt (bei Jelinek gibt´s ja wieder nur eine Textflut), ist eine sehr sinnige und sinnliche Idee. Zumal die drahtige Schauspielerin Kathrin Wehlisch sich in dieser Rolle weder schont noch sich was schenkt, so artistisch-rabiat, wie sie – lehmverschmiert und nackt – über die Bühne tobt, rutscht, tanzt, schlittert, von allen gestoßen, geschubst, getriezt. Das Wasser, mit dem ihr der Chor einen orgiastischen “Fick” unterstellt, verkörpert ein gut gebauter Tänzer, mit dem die personifizierte Erde einen letztlich tödlichen erotischen Pas de deux hinlegt.

Ach, eigentlich will ich hier drin ja keine Kritiken schreiben. Aber ich bin noch so begeistert. Und wollte die Fotos nachreichen, die ich am Ende der Premiere von der gefluteten Kölner Baustellen-Bühne gemacht habe. Eine Johannes-Schütz-Bühne: Moderne Schreibtische, Computer, Bürosessel auf weiter schwarzer Flur, nach und nach vom Wasser überschwemmt, welches aus einer Grube im Boden sprudelt (diese Grube schaut aus wie ein Grab, und die Erde verreckt schlussendlich darin), aber auch aus einem Rohr, das von rechts hereinragt. Dieses Rohr haben die heillos überforderten Bauaufsichtsamts-Beamten, die Karin Beier in ihrer düster-satirischen Verwaltungs-Performance vorführt, zwar irgendwann vorsichtshalber gestopft – in einem Anflug von plötzlichem Katastrophen-Verhinderungs-Aktionismus -, aber das Gurgeln, Gluckern und Blubbern, das sich später unheilvoll ankündigt, bricht in Form eines Wasserschwalls dann doch just aus diesem Rohr. Ein Brüller, versteht sich.

Schon im ersten Teil des Abends, “Das Werk”, gab es herrlich inszenierte Wasserspiele des Ensembles, alles mundgegurgelt, handabgefüllt. Gespuckt, gespritzt, geblasen. Karin Beier hat den Jelinek-Text wahnsinnig gut rhythmisiert und orchestriert, der ganze Abend, das muss auch noch gesagt werden, ist ungeheuer musikalisch.

In “Das Werk” geht es um Kaprun, um den Bau des riesigen Kraftwerks dort und die Todesopfer, die er gefordert hat, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter.  Und auch die Toten des Kapruner Seilbahnunglücks des Jahres 2000 mischen in dem Sprechchor der Untoten mit, den Jelinek lospoltern lässt (bei Beier: ein Männerchor in Unterhemden) – neben all den anderen Sprachmonstern, die hier ohne Unterlass ratschen, raunen, reden: faustische Tatmenschen und fortschrittsoptimistische Ingenieure, Heidi und Peter, Hänsel und “Tretel”, Tüchtige und sich körperlich Ertüchtigende. Ein gigantisches Kraftwerks-Oratorium, anschwellend zum großen, finalen Memento Mori.

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Auch im “Bus”, dem kleinen Zwischenstück, das Beier wie ein Satyrspiel zwischen das tatkräftige  Aufbau-”Werk” und den jammervollen “Ein Sturz” setzt, geht es um den Zusammenprall von Mensch und Natur. Dieser hier mutet lächerlich an: Ein voll besetzter Bus stürzt wegen eines U-Bahn-Baus mitsamt der Straßendecke in den Abgrund. Hä? Gab´s aber tatsächlich: geschehen 1994 in München-Trudering. Bei Jelinek sind die Bauarbeiter, denen plötzlich ein Bus auf den Kopf plumpst, zynische Totengräber – und die Regisseurin Beier macht daraus ein karnevaleskes Trio mit grotesken Clowns-Fressen. Fratzenhaft.

Nun je … man könnte noch so viel von diesem denkwürdigen Kölner Abend erzählen. Die wunderbaren, absolut (ein)bruchsicheren und wasserfesten Schauspieler habe ich hier zum Beispiel noch gar nicht gewürdigt. Und habe ich eigentlich erwähnt, wie ausgesprochen musikalisch, wie gekonnt rhythmisiert diese Inszenierung ist?

Aber Schluss jetzt. Hingehen. Selber sehen! Ich will auch noch mal.

26.10.10 | 23:50 | Geht wieder | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Fränkisches Paradies: das Nürnberger Theater, frisch saniert

Nürnberger Theaterplakat (Ausschnitt): "Auf ins Paradies!"

Nürnberger Theaterplakat (Ausschnitt): "Auf ins Paradies!"

Zwei Jahre war das Nürnberger Schauspielhaus geschlossen – zwei Jahre, in denen das Theater nicht etwa bloß “saniert”, sondern für 38 Millionen Euro komplett umgebaut und neu gestaltet wurde. Jaahaa, so etwas gibt es noch, man sollte es nicht für möglich halten. Anderswo werden Theater kaputt gespart und geschlossen. In Nürnberg wurde das Schauspielhaus am Wochenende mit vorerst zwei (von insgesamt acht) Premieren wiedereröffnet, und ich war – Ehrensache – dabei, siehe meine Kritik heute im SZ-Feuilleton. Ist ja immerhin mein fränkisches Heimatland – wenn auch leider nur Mittelfranken.

Das neue Theater-Portal, kurz vor dem ersten Besucheransturm

Das neue Theater-Portal, kurz vor dem ersten Besucheransturm

Es ist kaum wiederzuerkennen, so einladend schön, so großstädtisch modern und transparent erstrahlt das einst so gedrungene Närmbercher Haus mit seiner neuen Glasfassade am Richard-Wagner-Platz. Auch die neue Bühnentechnik lässt keine Wünsche offen, so dass das Theaterteam stolz und glücklich von geradezu “paradiesischen Zuständen” schwärmt und diese auch gleich zum Spielzeitmotto erhoben hat. Muss man sich erlauben können.

Geld schläft auch im Theater nicht: Plakat zu "Enron", dem Stück von Lucy Prebble über Aufstieg und (Börsen-)Sturz des gleichnamigen US-Energieriesen. Das war die Eröffnungspremiere in der Regie von Schauspielchef Klaus Kusenberg.

Geld schläft nicht - auch nicht im Theater: Plakat zu "Enron", dem Stück von Lucy Prebble über Aufstieg und (Börsen-)Sturz des gleichnamigen US-Energieriesen. Schauspielchef Klaus Kusenberg inszenierte zur Eröffnung die deutschsprachige Erstaufführung des britischen Erfolgsstücks.

“Auf ins Paradies!” heißt es euphorisch auf Plakaten in der Stadt, und dazu sieht man, siehe oben, wie Adam und Eva sich als entspannte Nackedeis im Stängel-Pool eines Riesenapfels räkeln. An apple per day … Glücklich das Theater, das sich in diesen Zeiten noch so unschuldig geben kann.

Das Eingangs-Foyer mit Garderobe

Das Eingangs-Foyer mit Garderobe

Aber jetzt mal ein Blick ins Innere des Theaters, das am Wochenende noch ganz neu roch, wie frische Lederschuhe in der Schachtel.

Macht sofort einen guten Eindruck. Eichenparkett, warme, gedeckte Farben. Alles sehr weitläufig, durchlässig, freundlich. Schon auch stylish – aber nicht protzig, nicht übertrieben. Die Treppenaufgänge scheinen Rolltreppen zu zitieren, streben hoch hinauf und sind so etwas wie steile Thesen moderner (Museums-)Architektur – breit, einladend, raffiniert beleuchtet. Es gibt aber auch einen gläsernen Aufzug, der bis hinauf zur Blue Box im obersten Stock fährt. Sehr chic.

Was für Treppen!

Was für Treppen! Fast schon Louvre-reif ...

Im ersten Stock ein weiteres Foyer, da ist die Bar – leider (noch) die lahmste in ganz Theaterdeutschland. Ich weiß schon: Nur nicht hudeln und all sowas … die Franken haben halt die Ruhe weg. Aber die Einübung in stoische Praktiken der Langsamkeit sollte man als junger Barmensch vielleicht nicht unbedingt dann betreiben, wenn es in der Pause schon zum zweiten Mal geklingelt und die immer unruhiger werdende Schlange vor dem Tresen sich noch kein bisschen gelichtet hat. Ich bestelle am besten jetzt schon mal ein Glas Wein für die Kusz-Premiere am 14.11. und hoffe sehr, dass bis dahin dann auch ein flankierendes Glas Leitungswasser drin ist.

So eine Neueröffnung mit acht Premieren in drei Wochen ist bei aller Paradiesapfelbäckigkeit natürlich kein Zuckerschlecken. Wie man hört, ist das Haus auch erst in allerletzter Minute fertig geworden.

Leidender Dramaturg: Frank Behnke ist schon jetzt ziemlich angeschlagen, dabei ist er erst noch auf dem Sprung nach Hamburg ans Schauspielhaus, wo er im Januar anfängt - berufen von dem nunmehr sich geschlichen habenden Friedrich Schirmer.

Leidender Dramaturg: Frank Behnke ist schon jetzt ziemlich angeschlagen, dabei ist er erst noch auf dem Sprung nach Hamburg ans Schauspielhaus, wo er im Januar anfängt - berufen von dem nunmehr sich geschlichen habenden Friedrich Schirmer.

Wer linkerhand einen Blick auf dieses sehr aktuelle Foto des Chef-Dramaturgen Frank Behnke wirft, der ahnt, wie angeschlagen im Moment alle sind. Wobei Behnke mit seiner Platzwunde tatsächlich ein erstes Opfer des neuen Parketts ist, auf dem er bei der hochoffiziellen Eröffnungsfeier am vergangenen Montag – der mit den Reden und dem Staatsakt – hingeknallt ist. Das ereignete sich allerdings, wie Behnke einräumt, in einem fortgeschrittenen Stadium der Feierlichkeiten und passierte nicht ohne eine waghalsige Treppengeländer-Erstbesteigung.

Staatsintendant Peter Theiler (links) mit Pressesprecher Olaf Roth

Staatsintendant Peter Theiler (links) mit Noch-Pressesprecher Olaf Roth

Der Nürnberger Staatsintendant und Operndirektor Peter Theiler strahlt indes in seinem “Theater-Paradies” wie Mr. Eden (oder sagt man da “Gott”?) höchstpersönlich. Olaf Roth, der sehr nette Pressesprecher – der Mann rechts auf dem Foto – lacht dagegen nur mit einem Auge, mit dem anderen weint er Nürnberg schon jetzt ein paar Tränen nach. Roth wird das so schön sanierte Theater nämlich bald verlassen und mit seinem Freund Frank Behnke – aus Liebe! – nach Hamburg ziehen. Behnke wird Chefdramaturg am Hamburger Schauspielhaus, an das Friedrich Schirmer ihn abwarb, welcher inzwischen bekanntlich das Handtuch geworfen hat, so dass Behnke erst mal sehen muss, wer und was da kommt und wo er bleibt. Olaf Roth, sein Partner, hat einen Job als Pressesprecher am Altonaer Theater gefunden – das ist karrieretechnisch erst mal ein Abstieg …

Blick von oben auf die Schauspielhaus-Bühne - und zwar während der zweiten Vorstellung von "Enron". Deshalb muss man - psst! - ganz leise sein und darf nicht runterspucken.

Blick von oben auf die Schauspielhaus-Bühne - und zwar während der zweiten Vorstellung von "Enron". Deshalb muss man - psst! - ganz leise sein und darf nicht runterspucken.

… und bühnentechnisch natürlich auch. Hingen im alten Nürnberger Schauspielhaus die Kulissen früher an Seilzügen aus Hanf, gibt es jetzt eine Bühnenmaschinerie vom Feinsten – mit computergesteuertem Schnürboden, modernen Hubpodien, einer ausgefeilten Scheinwerferanlage und allem Pipapo, auch mit einer Drehbühne natürlich, gab´s vorher alles nicht.

Seitenbühne - riesige Kulissenteile können von hier auf die Bühne geschoben werden.

Seitenbühne - riesige Kulissenteile können von hier auf die Bühne geschoben werden.

Die Führung durch das unübersichtlich große Haus, in dem sich jetzt drei Spielstätten und sämtliche Probenräume unter einem Dach befinden, ist beeindruckend. Wie ich mich ja ohnehin gerne in die Schlünde und Eingeweide eines Theaters begebe: Die nackten, labyrinthischen Gänge, all die Hinter-, Neben-, Proben- und Seitenbühnen, die schweren Eisentüren und langen Flure, die treppauf, treppab wie Nervenbahnen und Synapsen in immer neue Schaltzentralen der Bühnenkunst führen – all das ist immer wieder so ernüchternd wie eindrucksvoll.

Was für eine Fabrik doch so ein Theater ist! Eine gigantische Kunst-Werkstatt. Und wie faszinierend, dass es uns das auf der Bühne immer wieder vergessen macht.

Und sie dreht sich doch! Allerdings ist die Welt im Theater ganz klar eine (Dreh-)Scheibe.

Und sie dreht sich doch! Allerdings ist die Welt im Theater ganz klar eine (Dreh-)Scheibe.

25.08.10 | 21:41 | Abschied von ... | Erinnerung | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Erinnerung an Christoph Schlingensief (4): Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe!

“Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe” dürfte der erste Schlingensief-Theaterabend gewesen sein, den ich für die SZ besprochen habe. Erschienen ist die Kritik am 18. März 2002. Zur damaligen Zeit machte Schlingensief in der Volksbühnen-Kantine regelmäßig seinen “Talk 2000″. Das titelmäßig daran angelehnte “Quiz 3000″ – herausgekommen auf der großen Bühne – war ähnlich unstrukturiert und chaotisch; eine böse Wundenbohrerei in der jüngeren deutschen Geschichte auf Formatvorlage von Günther Jauchs “Wer wird Millionär?” (Himmel! Wie früh Schlingensief Fernsehmuster und Populär-Mechanismen durchschaut hatte und damit spielte!)

Der Abend war, genau betrachtet, extrem subversiv und politisch, aber weil Schlingensief – wie in seinen Anfängen ja noch viel mehr – so wuselnd, schwitzend und unperfekt war, so improvisatorisch, schalkhaft und, ich weiß auch nicht … so, als wolle er einen permanent verarschen, hat man das damals gar nicht in seiner ganzen Dimension und Dringlichkeit erkannt. Aber ich will jetzt im Nachhinein auch keine Beweihräucherung betreiben (obwohl Schlingensief wirklich lange Zeit total verkannt wurde. Ich selber war ihm gegenüber auch extrem skeptisch – zumindest, solange ich nur über seine Sachen gelesen bzw. ihn oder eine Show wie “Talk 2000″ nur im Fernsehen gesehen hatte … ich dachte, Mann, der ist so was von zynisch und mediengeil! So ein eitler Selbstdarsteller …).

Nun ja, deshalb hat es mich jetzt selber interessiert, wie und was ich in meiner ersten Kritik über ihn geschrieben habe … Ich weiß noch, ich war damals mit Jörg Burger, meinem Freund und Berufskollegen aus Bayreuther Volontariats-Zeiten, in der Volksbühne, und wir hatten so ein gutes Berliner Volkbühnen-Gefühl (das gab es damals ja noch): das Gefühl, jung und am Puls der Zeit und just dort zu sein, wo in dieser eingeschlafenen Republik tatsächlich mal was abgeht – ich meine künstlerisch, ja: avantgardistisch und gesellschaftskritisch betrachtet. So ein Theater wie das von Castorf & Co gab es ja nirgendwo sonst (schon gar nicht in München) – meine Güte, was für ein kreatives Sammelbecken! Das war schon sehr cool, um nicht zu sagen: richtig geil. Da fielen einem erst die Augen aus … und dann haben sich entsprechend – und nachhaltig – die Sehgewohnheiten geändert.

Es war eine Schule des (Um-)Denkens und des Sehens – ein Vorbereitungskursus für das neue Jahrtausend. Und Schlingensief war der lustigste, charmanteste, chaotischste Lehrer.


Ordnen Sie diese KZ von Nord nach Süd

Wissenwollen heißt Fragendürfen: Christoph Schlingensiefs “Quiz 3000” an der Berliner Volksbühne

Vielleicht muss man sich das Leben tatsächlich als ein einziges großes Quiz vorstellen. Und wir Menschen, wir sind die Kandidaten: werden vor Aufgaben gestellt, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, und kommen weiter, wenn wir die richtige Antwort finden. Das ganze Leben: ein Fragespiel. Ein heiteres Beruferaten. Was bin ich? Erkennen Sie die Melodie, und der große Preis ist heiß! Letztendlich sind die existenziellen Fragen der Menschheit – Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wer wird Millionär? – auch nichts anderes als die 500000-Euro-Hürden bei Günther Jauch. Wer sie schafft, sahnt ab. Die Mehrheit aber kommt gar nicht so weit, die scheitert schon bei 16 000, was im banalen Alltagsquiz ungefähr der Frage „Was ziehe ich heute an?” entspricht.

Das muss nicht automatisch heißen, dass die meisten Menschen, oder gar Deutschen, zu dumm sind. Das kann nämlich (schönen Gruß nach Pisa!) auch einfach nur bedeuten, dass man uns die falschen Fragen stellt – und zu viel Wert auf Antworten legt. Wo es im Leben doch nur darum geht, das Fragen zu lernen. Und es als Spiel zu betreiben: das Spiel vom Fragen – als Reise zu einem sonoreren Land. Denn schon in der Bibel steht geschrieben (oder war’s bei Handke?): Wer nicht gelernt hat zu fragen, dem wird auch nicht aufgetan. Oder so ähnlich.

Christoph Schlingensief, der Scheitern schon immer als Chance begriff, kommt nun im Outfit von Günther Jauch mit Fragen, die dieser nie zu stellen wagte. Fragen, die gar nicht unbedingt einer Antwort bedürfen, weil sie in sich selbst bereits ein Statement enthalten. Es sind unangenehme Fragen, unorthodoxe. Fragen, die im Amüsierbetrieb des Fernsehens keinen Platz haben und herausfallen aus dem Trivial-Pursuit-Kanon. Peinliche Fragen. Politisch eher defekt als korrekt. Fragen wie diese:

„Wozu wurde das Haar verwendet, das den Inhaftierten im KZ Auschwitz geschoren wurde?” A: Feuerung der Verbrennungsöfen, B: Teppich- und Sockenproduktion, C: Lärmdämmung in KZ-Praxen D: Fertigung von Rasierpinseln.

Der Kandidat, Sachbearbeiter im Brandschutz, ist etwas überfordert und zieht als „Joker” seinen Freund zu Rate. Dieser ist sich ganz sicher: „Aus den Haaren wurden Rasierpinsel gemacht.” Nein, das ist leider falsch, tönt der Moderator, und der Jauchsche Show-Jingle signalisiert dramatisch Fehlanzeige. Schade, Antwort B wäre richtig gewesen. Als der Freund des Kandidaten das kurz anzweifelt, fragt Christoph Schlingensief: „Leugnen Sie den Holocaust?” Nein, das natürlich nicht. Applaus. Abgang. Nächste Runde.

Willkommen bei “Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe!”,  dem ultimativen Ratespiel zum deutschen Wissenswahn! Was Günther Jauch zu einem Mega-Erfolg im deutschen Fernsehen und einem Trend in der Gesellschaft machte – längst gilt er den Deutschen als ihr Klügster -, treibt Christoph Schlingensief, der Herzbube und agent provocateur des deutschen Theaters, an der Berliner Volksbühne auf die Spitze: Wenn schon Wissenwollen, dann richtig! Dann auch, bitteschön, Fragendürfen!

Schlingensief versteht sein Ratespiel – wie alle seine Aktionen – politisch. Seine Fragen behandeln Terror, Korruption, Gewalt und deutsche Vergangenheit. Welche Maße hatten die Stehzellen im KZ Auschwitz? („90 mal 90 Zentimeter. Die Antwort ist richtig!”) Wie viele kurdische Kriegsdienstverweigerer sind 2001 nach der Ausweisung aus Deutschland in der Türkei zu Tode gefoltert worden? („Neun ist leider falsch, es waren sieben!”) Wie viele Fotobildbände über den 11. September 2001 kommen auf einen Band über Bürgerkriegsopfer in Somalia? („Nicht vier, nicht neun, nicht 13, sondern, jawohl: 17!”)

Neun Euro für Afghanistan

Schlingensief fehlt es nicht am nötigen Zynismus, solche Fragen in die Showrituale der gängigen TV-Unterhaltung zu integrieren. Wie sein Volksbühnenprojekt „Talk 2000” ist auch “Quiz 3000″ banale Nachahmung und perfide Parodie von Fernsehrealität zugleich: affirmativ im Gestus, satirisch spitz nur in der Übertreibung, in Aussetzern, in der Verletzung der Norm.

Schlingensiefs Theater muss also selbst wie Fernsehen sein: aufgeregte Stimmung, wuselnde Kameraleute, blendende Spots. Es gibt ein Warming-up samt Jubel-Animation, Werbebanderolen für Unicef, Schneekoppe und Edeka, es gibt Show-Acts von Schorsch Kamerun und einer Gospel-Gruppe, Schlingensief selbst singt playback zwei Lieder von Rocco Schamoni, und sogar seine “Tochter” darf als Sängerin auftreten, obwohl sie noch üben muss. Es gibt 0190-Nummern für Anrufe und Spenden, und es fehlen auch nicht die obligatorischen Model- Assistentinnen in sexy Glitzerkostümen, gleich zehn, für jeden Kandidaten eine. Der Kameratrubel, im übrigen, ist echt: Die beiden Quiz-Abende werden aufgezeichnet vom „Offenen Kanal Berlin”, wo sie am 11. und 25. April zu sehen sind.

Gespielt wird in dem sakralen Bühnenbild, das Anna Viebrock für Christoph Marthalers „Zehn Gebote” gebaut hat: eine vergammelte Kirchenruine mit zwei Rundbögen; die Kandidaten – fast 300 Freiwillige wurden gecastet, zehn davon eingeladen – sitzen rechts auf Kirchenbänken. In der Mitte ein Tisch mit zwei Barhockern und zwei Computern: Zentrum des Frage- und Antwortspiels. Welcher Kandidat drankommt, entscheidet eine so genannte Ordnungsfrage. Da gilt es dann, Konzentrationslager von Nord nach Süd zu ordnen. Oder Bundeskanzler nach ihrem Bauchumfang. Oder Kriege nach der Zeit ihres Ausbruchs

Schlingensiefs Kandidaten schlagen sich wacker, reden viel – und blamieren sich so gut sie können. Die meisten meinen, sich selbst irgendwie politisch äußern zu müssen, wie die links engagierte Rentnerin, die gegen das Patriarchat wettert und sich auf eine falsche Antwort mit dem Satz herausredet: „Man erfährt ja nichts”. Der Philosophiestudent fliegt schon bei der ersten Frage raus und behauptet, man könne auch sehr gut ohne Antworten leben. Und der Bosnier, der seit 33 Jahren in Deutschland lebt, macht am zweiten Abend den Hauptgewinn: den gebrauchten Mercedes 350 SE, der in seiner grasgrünen Scheußlichkeit vor dem Eingang zur Volksbühne auf einem Sockel thront.

Wer eine Show hat, braucht Promis – als Joker, Paten und für die „Promi-Box”. Die kommen bei Schlingensief aus der C-Kategorie, allen voran der Berliner Playboy Rolf Eden, den schon bei „Talk 2000” seine Eitelkeit nicht davon abhielt, sich lächerlich zu machen. Oder die Sexualtante Helga Goetze, die für „Ficken – Lieben – Frieden” demonstriert.

Stargast ist die Schauspielerin Corinna Harfouch. Sie sammelt Geld für Afghanistan, im Auftrag von Unicef – und dass das kein Witz, sondern wirklich ernst zu nehmen ist, muss erst ausdrücklich betont werden, weil das ja immer der Knackpunkt bei Schlingensief-Abenden ist: dass man nie weiß, was der Kerl mit dem liebenswürdigen Lausbubengesicht ernst meint und was nicht. Zu vermuten steht ja, dass er in seinem “Quiz 3000″ vieles noch viel ernster meint, als wir je befürchten würden. Und dass wir ihm viel mehr zutrauen, als er eigentlich tut oder kann. Aber auch das ist Teil des Schlingensief-Fakes – und insofern fast schon wieder genialisch.

Am Ende des ersten Abends jedenfalls kommen für Afghanistan exakt neun Euro und 63 Cent zusammen. Die angekündigte Geldsammlung mit dem Klingelbeutel hatte Schlingensief glatt vergessen. Wie er als Moderator im grauen Günther- Jauch-Anzug (mit zusätzlicher Harald-Schmidt-Brille) überhaupt sehr un- konzentriert wirkt. Von wegen Pokerface oder Provokateur! Günther Jauch ist ein Teufelskerl dagegen. Zwar enthält sich Christoph Schlingensief nicht seiner politischen Kommentare, hackt auf Otto Schily ein und benennt Skandale, aber das kommt alles so müde und harmlos daher, dass am Ende vor allem eine Frage bleibt: die nach der Wirkkraft des einstigen Provokateurs Christoph Schlingensief.

CHRISTINE DÖSSEL

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