21.11.11 | 22:45 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 3 Kommentare

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (2)

Zum Abschied von Benjamin Hemrichs von der Zeitung (siehe vorherigen Blog-Eintrag), möchte ich hier gerne – mit seinem Einverständnis natürlich – eine Kolumne von ihm veröffentlichen. Sie erschien am 11. Dezember 2004 im SZ-Wochenende unter der damaligen Rubrik “Theater? Theater!”. Henrichs trägt eine Kopie davon in seiner Jackentasche und zieht den Text gerne wie ein Beweisstück oder einen ärztlichen Befund hervor, wenn er mal wieder gefragt wird, was er denn jetzt, im Ruhestand, zu tun gedenke. Zum Beispiel würde er gerne bei Marthaler den Lear spielen. Und außerdem fühlt er sich gar nicht alt … Aber lesen Sie selbst.  

 

Theater? Theater!

Wenn ich einmal alt bin

von Benjamin Henrichs

Wer von uns würde nicht mit Rührung zurückdenken an die Tage, da er achtzehn war? Und wen würde nicht ein Grauen würgen, wenn er an sein Leben mit achtzig denkt?

So denken wir alle, doch wahrscheinlich denken wir falsch. Denn erstens war die Zeit mit achtzehn, wenn man sie einmal nicht durchs Auge der Rührung betrachtet, so wundervoll nicht. Nein, für viele waren es die lausigsten Tage jenes lausigen Lebensabschnitts, den man die Pubertät nennt. Und zweitens (und auch schon letztens) wird unsere Zeit mit achtzig womöglich unsere beste Zeit werden. Ein nahezu ungeheuerlicher Gedanke – welchen wir aber nicht der eigenen Geisteskraft verdanken, sondern dem deutschen Dichter Tankred Dorst. Der, wie nun wohl allgemein bekannt ist, mit genau achtzig Jahren seine erste Premiere als Opernregisseur haben wird – und das gleich mit dem gewaltigsten aller Opernwerke, Richard Wagners „Ring des Nibelungen”. Bayreuth, im Sommer 2006.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Dorst, ausgerechnet Dorst. Den doch viele schon vor Jahrzehnten abgeschrieben hatten. Als, zum Beispiel, im Januar 1975 Dorsts welkes Familiendrama „Auf dem Chimborazo” uraufgeführt wurde, schmähte Hellmuth Karasek den Dichter unvergesslich als „Karstadt-Beckett”sowie „Neckermann-Strindberg”. Karasek, dies nebenbei, ist mittlerweile auch schon rüstig unterwegs Richtung achtzig – in nicht nachlassender Fröhlichkeit schreibend, plaudernd, zechend.

Zurück zu Dorst. Gleich nach seiner Inthronisation als „Ring”-Regisseur gab der gute Mann, soeben von einer Hüftoperation genesen, putzmuntere Interviews, und vor allem ein Satz darin hat mich total begeistert, wenn nicht mein Leben verändert. Dorst: „Ich habe mich früher nie jung gefühlt und fühle mich jetzt auch nicht besonders alt.” Es ist Zeit für ein Geständnis: Mir geht es ebenso. So richtig jung (jedenfalls im Sinne des Jungen Theaters e.V.) bin ich wohl nie gewesen. Schon mit sechzehn war ich Theaterchefkritiker der Schülerzeitung und erging mich weitschweifig und schwerfüßig zum Thema „Sophokles”.

Was also werde ich tun, wenn ich dereinst achtzig bin? Der „Ring”? Nicht mein Fall, weil leider zu laut.

Aber den König Lear würde ich sehr gern spielen, am liebsten unter Marthaler. Natürlich würde mein Lear in einer Marthaler-Inszenierung nicht sein Königreich an seine Töchter verteilen. Sondern, zum Beispiel, seine famose Plattensammlung. Zuerst würde die Sache gut laufen, doch dann, bei der Frage, wer den Klavier-Kaiser bekommt, würde tödlicher Streit ausbrechen unter den drei Weibern. Ich säße drei Theaterstunden lang still auf meinem Thron und würde allmählich in einer Traumwelt aus Schlaf und Musik versinken.

Genauso gut gefällt mir die Idee, mit achtzig eine Theatertalkshow aufzuziehen, am liebsten mit dem Kollegen Gerhard Stadelmaier zusammen. Unser Thema: Die goldenen Zeiten des Theaters. Titel der Sendung: „Lieben Sie Mnouchkine?”. Wir beide sollten hierbei auf einem riesigen Rudolf-Noelte-Sofa sitzen oder (als Hommage an Beckett) in zwei silbern glitzernden Mülltonnen.

Dritte und für heute letzte Idee: Ich beginne mit achtzig endlich meine Fußballkarriere und zwar als Bundestrainerberater mit dem Titel Chefideologe.

Hierfür prädestiniert bin ich erstens durch meine dann 76-jährigen Fußball-Erfahrungen und zweitens durch meine vielfach erprobte Motivationskunst. Wer dreißig Jahre lang das deutsche Theater starkgeredet hat (sogar in dessen schwächsten Tagen), der kann auch eine Fußballmannschaft „heißmachen”, wie die Fußballer gern sagen.

So wird es sein, wenn ich achtzig bin. Geil. Und noch etwas: Wenn ich achtzig bin, im Jahre 2026, ist Tankred Dorst dann hundert. Kein Alter heutzutage.

20.11.11 | 00:19 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 2 Kommentare

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (1)

"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen".      (Alle Fotos wie immer: von mir)

"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen". (Alle Fotos wie immer: von mir)

Hätte Kollege Hilmar Klute nicht diese eine Mail geschickt, ich hätt´s ja mal wieder nicht mitbekommen: Benjamin Henrichs, so war darin zu lesen, sei bereits Ende Juli in den Ruhestand gegangen. Und damit sein Abschied von der SZ nicht so sang- und klanglose bleibe, gebe es am 10. November ein kleines redaktionelles Abschiedsfest. Für “Kulinarik und Ansprachen” werde gesorgt.

Es war dann wirklich nur ein ausgesprochen kleines Abschiedsfest, abgehalten im “Kleinen Konferenzsaal” im 25. Stock unseres nüchtern-funktionalen, für gemütliche Feier-Runden wahrlich nicht geeigneten SZ-Hochhauses mit seiner vollautomatisierten Licht- und Jalousienregelung. Ein bisschen traurig, das alles.

Viele Kollegen waren verhindert, andere gar nicht erst eingeladen/ erschienen, oder sie mussten gleich wieder auf einen Abendtermin, es fanden mal wieder fünfzehn Sachen gleichzeitig statt. Literaturfest-Eröffnung zum Beipiel – egal. Habe ich gecancelt. Zu Henrichs Abschied zu kommen, betrachte ich als Ehrensache. Obwohl er nie ein Förderer war, und wir bei der SZ eigentlich auch überhaupt nichts miteinander zu tun hatten. Weiterhin als  Theaterkritiker tätig zu sein, weigerte sich B.H. hartnäckig von Anfang an, seit er 1998 von der ZEIT zur SZ gewechselt war. Er hatte damit abgeschlossen und sich eine stumme, aber doch sehr beredte Art zugelegt, uns SZ-Theaterschreibern mitzuteilen, was er von uns hielt: nämlich eher …  nichts. Schon klar: Wenn man einmal Kritikergott war und jede Menge ZEIT hatte, kann und will man sich nicht plötzlich als ordinärer SZ-Vasall in den täglichen Nah- und Tageskampf stürzen und sich die Nöte des Platz- und ZEITmangels antun – oder überhaupt: der veränderten Zeit.

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)

Ich meine das gar nicht böse, ich konstatiere das nur. Mit dem journalistischen Abtritt von Benjamin Henrichs – und er sagt, dieser sein Abgang sei tatsächlich endgültig -, tröpfelt auch die Zeit der so genannten (und selbst ernannten) GROSSKRITIKER aus, als deren letzte Vertreter neben unserem hoch verehrten, im Moment leider gesundheitlich angeschlagenen Joachim Kaiser vielleicht nur noch Marcel Reich-Ranicki und der FAZ-Theaterredakteur Gerhard Stadelmaier gelten dürfen: die letzen Dinosaurier. Große, rhetorisch brillante Schlachten in großen, teils Seiten füllenden Kritiken haben sie geschlagen und dabei mit dem Theater immer auch sich selbst gefeiert - in Feuilletons, die dem Rezensionswesen geweiht und gewidmet waren, zur Feier der Hochkultur.

Wahnsinn, was sich da alles geändert hat in den letzten zwanzig Jahren – aber das ist ein anderes Thema. Hier soll es um die Person Benjamin Henrichs gehen, einen der letzten wirklich großen Kritiker des Theaters, einen Begnadeten seiner Zunft, der Held unserer Jugend – den wir alle, die wir schon ein gewisses Alter erreicht haben – und jetzt mindestens mit einer “4″ in der Angabe umgehen müssen -, für seine Rezensionen bewundert, geschätzt, ja: regelrecht geliebt haben. Sie waren Meisterwerke der Beobachtungs- und Sprachkunst, der Leidenschaft, Sensibilität und Empathie. Man konnte sich hineinträumen, hineinverlieben in sie und gedanklich auf´s Schönste, Genießerischste darin spazieren. Man konnte das Theater verstehen und lieben in diesen Rezensionen – und durch sie hindurch. Sie waren poetische, literarisch wertvolle Vergegenwärtigungen, als sei der Theaterabend in sprachliches Bernstein gebannt. Und gelernt hat man dabei auch immer was.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.

Dass Henrichs seinen Hamburger Wochenzeitungs-Luxusposten bei der ZEIT aufgab und 1998 zu jener Tageszeitung zurückkehrte, bei der er, der Sohn des Regisseurs und Münchner Intendanten Helmut Henrichs, dereinst als junger Mann begonnen hatte, lag an einer Frau: an Sigrid Löffler, der neuen Feuilletonchefin der ZEIT (1996 bis 1999), mit der er alles andere als harmonierte. Keine Ahnung, was die beiden miteinander ausgefochten haben – der Zwist, oder besser: Hass scheint jedenfalls tief gesessen zu haben – und zu sitzen. SZ-Chefredakteur Kurt Kister erzählte bei der Abschiedsfeier, wie er einmal in der Berliner Redaktion, der Henrichs in den ersten Jahren seiner SZ-Rückkehr angehörte, an einer Weihnachtsfeier der Kollegen teilnahm. Als er damals Henrichs mit ein paar flapsigen “Bemerkungen in Zusammenhang mit Frau Löffler” aufziehen wollte, habe dieser erst ein “unstetes Flackern in den Augen” aufgewiesen und ihm dann unvermittelt ein Glas Wasser ins Gesicht gekippt. So viel dazu.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.

Der Job, den der Rückkehrer und ZEIT-Flüchtling Benjamin Henrichs bei der SZ ausgehandelt hatte, war wieder ein Luxusposten. BH war direkt der Chefredaktion – damals: Kilz – unterstellt, war dem gemeinen Tagesgeschäft (mit Konferenzen, Blattmachen etc.) entzogen und konnte in Ruhe und für ein damals “exorbitant hohes Gehalt” – wie seit jeher der Flurfunk kolportiert hatte und nun auch SZ-Chef Kister nicht unterließ zu erwähnen – seinen journalistischen Liebhabereien nachgehen: Streiflichtern, Kolumnen, essayistischen Betrachtungen oder den gelegentlichen Reportagen eines Flaneurs.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth, seit einem Jahr selber im Ruhestand und tatsächlich nicht mehr schreiberisch tätig, lässt sich kaum mehr im SZ-Gebäude blicken, zu Henrichs Abschied aber war er gekommen - nicht zuletzt, um in einer Ansprache von den Eigenheiten des Streiflicht-Kollegen Henrichs zu berichten. Von dessen “Qualen” und “Sorgen” zum Beispiel, wenn bis mittags kein Streiflicht-Thema da war … bis dann der unerschütterliche Hermann Unterstöger irgendeinen Text aus seiner “Vorsorge-Schublade” zog. Henrichs selbst habe, wenn er ein Streiflicht schrieb, in der Regel immer schon am ‘Tag vorher das Thema gewusst. Als sanft und sensibel muss man sich ihn vorstellen, den (Streiflicht-)Autor Henrichs, aber auch als äußerst penibel.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.

Als dann bei seiner Abschiedsfeier Henrichs selbst das Wort ergriff, verriet er erst mal seinen Jugendtraum: SZ-Chefreporter der “Seite Drei” wollte er werden, in direkter Nachfolge von Hans Ulrich Kempski – drunter macht es ein Henrichs offenbar nicht. Die Alternative war dann, Kritiker zu werden (der Bub war ja theatralisch vorgeprägt durch seinen Vater); aber immer schon mit dem Wunsch und dem Anliegen: “Wenn nicht Kritik, dann Komödie.” In den letzten 13 Jahren bei der Süddeutschen, sagt Henrichs, habe er das schlussendlich umgesetzt: “Ich war so etwas wie ein journalistischer Komödienautor.” Etwa in der Kolumne “Theaterwahn”, die er im Jahr 2002 einen Monat lang täglich im Feuilleton bespielte – für Henrichs seine “schönste Kolumne überhaupt” (und er war, wohlgemerkt, bei der ZEIT ja auch Autor der Finis-Kolumne). Henrichs lobt die SZ dafür, dass sie solchen Leuten – wie ihn – immer eine Oase, ein Refugium geboten habe, und er fragt sich aber auch, ob dieser Typus nicht vom Aussterben bedroht sei: “Leute, die keine richtigen Journalisten, aber auch keine Schriftsteller sind …”

Seine Streiflichter, sagt Henrichs, habe er wie Kurzdramen konzipiert: “Vorhang auf – Action – Vorhang zu – Schlusspointe.” Und in der SZ-Wochenend-Beilage hat er solche Ministücke dann ja auch tatsächlich in Dramenform gebracht, meist mit dem Setting: Älteres Ehepaar sitzt am Frühstückstisch, liest Zeitung und stößt dabei auf ein (mehr oder weniger existenzielles) Gesprächs- und Gesprächspausen-Thema. Nicht selten winkten Tschechow oder Beckett um die Ecke, und Fußball kam auch immer drin vor.

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch im Feuilleton tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".

Dass er tatsächlich nicht mehr für die Zeitung oder das Theater arbeiten möchte, will man kaum glauben, aber Henrichs, der jetzt 65 ist, meint es ernst. Erstens, sagt er, sei da sein Augenproblem, er sehe viel zu schlecht – in den letzten Jahren konnte Henrichs nur noch mit einer Lupe lesen, und er behauptet, keine Gesichter zu erkennen; Theater gehe daher schon mal gar nicht. Und zweitens habe er “diesen unheilvollen Ehrgeiz, nicht aufhören zu können”, noch nie gut gefunden: “Irgendwann wird´s peinlich.” Selbst die besten Leute ihres Fachs würden im Alter schlechter werden, sagt Henrichs, “das ging ja selbst Goethe so”.

Da ihm, Henrichs, aber keiner den Rückzug glauben wolle und er ständig mit Fragen zu seinem zukünftigen Tun bombardiert werde, habe er sich eine befriedigende Antwort zurecht gelegt. Sie lautet:  ”Geld zählen – oder Geld ausgeben.” Na dann …

Drei Tage nach seiner SZ-Verabschiedung, am Sonntag, 13.November, hielt Henrichs seine angeblich letzte Theater-Laudatio: Sie galt dem langjährigen Peymann-Dramaturgen Hermann Beil, der in Bochum den Bernhard-Minetti-Preis 2011 verliehen bekam. BH sagte dazu am Tag seines SZ-Abschiedsfests ganz nüchtern: “Heute beende ich mein Zeitungsleben und am Sonntag mein Theaterleben.” Hm. Und jetzt?

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).

Er schreibt natürlich schon noch, alles andere wäre doch verwunderlich gewesen. Henrichs schreibt Kurzgeschichten, schon lange. Er druckt sie aus und steckt sie weg.  Demnächst hat er bestimmt mal Zeit, sie wieder hervorzuholen. Und um weitere zu verfassen: Zwei Schreibstunden am Tag hat er sich vorgenommen, immer von acht bis zehn. Henrichs, elegisch lächelnd: “Ich bin jetzt freier Schriftsteller: 90 Prozent frei und 10 Prozent Schriftsteller.”  Einen Lektüre-Tipp krieg ich auch noch von ihm: die “Handtellergeschichten” von Yasunari Kawabata. Der japanische Autor ist eine Art “Vorbild oder Idol” von ihm.

Einen Weg gäbe es ja schon, ihn aus dem Ruhestand zurückzuholen – und zwar direkt ins Scheinwerferlicht auf der Bühne: Wenn ihm jemand die Rolle des King Lear anböte! Diesen verwirrten, erzürnten, im greisen Alter zu einer schmerzhaften, Lebenserkenntnis stiftenden Passion gezwungenen  Shakespeare-Helden würde Henrichs gerne spielen: am liebsten in einer Marthaler-Inszenierung (siehe auch nächsten Blog-Eintrag).

Na bitte! Angebote nehme ich hier gerne entgegen und leite sie an Herrn Henrichs weiter, auch wenn das nicht so leicht werden dürfte, da er nach eigenen Angaben weder über ein Handy noch über eine E-Mail-Adresse verfügt. Soll es geben. Außerdem wird er seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Hamburg verlegen.

Alles Gute, Herr Henrichs! Das Theater hatte mit Ihnen eine große Zeit. Hoffen wir, dass es wichtig bleibt und überlebt.

29.04.11 | 16:04 | Abschied von ... | Barkultur | Kollegialitäten | Kommentare 2 Kommentare

Letzte Tage im Café Platzhirsch

Ausgeröööhhhrt!

Ausgeröööhhhrt! Mit DJ Ralf Zimmermann

Aus. Ende. Finito. Am Samstag macht das von mir leider viel zu spät erst entdeckte Café Platzhirsch (mit der schönen Münchner Innenstadtadresse: “Im Rosental 8″) seine Schotten dicht. Wieder mal so ein Sanierungsfall, wo Renovierung plus Optimierung und Gewinnmaximierung vor Lebens-, Trink- und Barkultur geht. Das Haus ist schon eingerüstet, jetzt wird es saniert, es gibt keine Laufzeitverlängerung: die Gastronomie muss raus – damit verliert die Münchner Innenstadt eine ihrer nettesten, lounge launtschigsten (oder wie man das schreibt) Café-Bars.

FFensterplatz am Viktualienmarkt

Fensterplatz am Viktualienmarkt

Gelegen im ersten Stock des Hauses an der Ecke Rosental / Prälat-Zistl-Straße – da, wo unten der Schmuckladen drin ist -, bietet es durch seine Panoramafensterscheiben einen grandiosen Blick auf und über den Viktualienmarkt. Man kann auf den breiten Fensterbänken auf Filzkissen sitzen und sich einfach nur satt sehen oder die Nase an den Scheiben platt drücken oder sich bei einem Cocktail gut unterhalten. Sind auch immer nette Leute da. Wie gestern zum Beispiel Thomas aus Eichstätt, der sagt: “Diese Räume haben gelebt.”

Seit 1979 war hier das Cafe Rosental zuhause, angeblich ein klassisches Oma-Café. Vor viereinhalb Jahren hat dann Christoph “Tchisi” Schlundt mit seinem Team die Räumlichkeiten übernommen, mitsamt den Möbeln und der ganzen herrlichen Kaffeehaus-Patina. Seither legen hier auch DJs auf – darunter mein lieber wuscheliger Kollege Ralf Zimmermann, Bildredakteur beim SZ-Magazin. Er war immer am letzten Donnerstag im Monat dran, so auch gestern wieder. Die Bilder sind allerdings vom Monat davor, da wollte ich längst schon über das Platzhirsch und DJ Ralf und das Unikum von Barchef bloggen. Aber na ja, man kennt mich ja (inzwischen) …

DJ Ralf "Platzhirsch" Zimmermann

DJ Ralf "Platzhirsch" Zimmermann

Jedenfalls legt Ralf Zimmermann – der übrigens mit seinem SZ-Magazin-Kollegen Thomas Kartsolis den Fotoblog DOPPELKLICK betreibt – sehr coole, sehr entspannte, einen sofort in gute (in meinem Fall oft auch redselige) Laune versetzende Musik auf: Disco, Soul, House. Sagen wir Frankie Knuckles zum Beispiel, oder Kevin Saunderson, wie ich vom SZ-Magazin-Fotografen Camillo Büchelmeier gesteckt bekam (danke für die Mail, Camillo Büchelmeier – was für ein toller Name!). Sehr easy, das alles. Und handaufgelegt, versteht sich. Mit Schallplatten aus dem Privatarchiv. Zuhause hat Ralf eine Sammlung von 2000 Stück.

Nicht zu vergessen Barchef Wolfgang “Wolfi” Götz, ein Münchner mit dem robusten Humor eines Oberpfälzers (was er aber definitiv nicht ist), dem blauen Arbeiterkittelhemd eines workaholischen Chinesen und etlichen bayerischen Entertainerqualitäten. Der verbreitet hinter dem Tresen eine derart gute Stimmung, während er gleichzeitig für fünf arbeitet, dass man sich dringend einen Platz an der Bar sichern – oder schleichend erobern – sollte.

Barchef Wolfgang "Wolfi" Götz

Barchef Wolfgang "Wolfi" Götz

Warum erzählt sie uns das erst jetzt, werden nun alle fragen … viel zu spät, werden alle sagen. Aber nein, wir müssen nur geduldig sein (und die Website oder das “Platzhirsch” auf Facebook verfolgen). Wolfi und die restliche Mannschaft sind heftig auf der Suche nach einer neuen Location. Wir müssen ihnen die Daumen drücken, dass sie bald fündig werden. Denn dann legt auch Ralf wieder bei ihnen auf.

So viel steht fest: Ralf Zimmermann bleibt, wo auch immer es sein wird, als DJ der Platzhirsch!

Also. Nicht vergessen: Heute und morgen letzte Tage im Café Platzhirsch – mit Restetrinken (“alles mus raus”).

Ich kann ja leider nicht. Aber viel Spaß!

Prost. Und auf ein baldiges Wiedersehen!

23.03.11 | 21:16 | Kollegialitäten | Publikationen | Kommentare 3 Kommentare

Die Moral des Dr. Dr. Rainer Erlinger

Frisch auf dem Buchmarkt: "Moral. Wie man richtig gut lebt" von Dr. Dr. Rainer Erlinger

Frisch auf dem Buchmarkt: "Moral. Wie man richtig gut lebt" von Dr. Dr. Rainer Erlinger

“Moral, das ist, wenn man moralisch ist”, sagt der Hauptmann in Büchners “Woyzeck”. So einfach macht es sich Rainer Erlinger natürlich nicht, obwohl auch er einige Dinge pointiert zuspitzen kann. In seinem neuen Buch “Moral. Wie man richtig gut lebt” spürt der Gewissens-Kolumnist des SZ-Magazins den Grundsätzen nach, die unser Zusammenleben bestimmen -- und bestimmen sollten, um dieses angenehmer zu machen. Das geht von der Frage, ob man in bestimmten Situationen lügen darf, bis hin zu unserer Haltung zu Konsum, Geld oder Fleischverzehr. Es gibt Kapitel “Über Egoismus”, “Über Toleranz”, Über Sexualität und Beziehung” und dergleichen Moralfallen mehr. Es gibt aber auch ein Kapitel über die ethischen Theorien, insofern ist das Buch auch ein kleiner Anfängerkurs in Sachen Moralphilosophie.

Rainer Erlinger beim Signieren. Eigentlich bräuchte er nur reinzuschreiben "Alles Gute!" - hat bei ihm doch gleich eine viel tiefere Bedeutung.

Rainer Erlinger beim Signieren seines Buchs. Eigentlich bräuchte er nur reinzuschreiben "Alles Gute!" - hat bei ihm doch gleich eine viel tiefere Bedeutung als bei unsereinem.

Die offizielle Buchvorstellung war am Montag im Münchner Literaturhaus. Der liebe Rainer ist zwar schon vor geraumer Zeit nach Berlin gezogen, aber das SZ-Magazin, in dem seit neun (!) Jahren seine Kolumne “Die Gewissensfrage” erscheint, ist nun mal in München beheimatet, wo Rainer früher auch selber gerne lebte -- und auch wenn sein Buch keine Kolumnen-Sammlung ist, so ist doch die wöchentliche “Gewissensfrage” an den Doppel-Doktor Erlinger (hat er nun, ach!, Medizin und Juristerei … durchaus studiert) die Grundlage des Bandes. Oder, wie der Autor es am Montag formulierte: Das Buch sei vergleichbar mit einem Gefäß, das unter dem Schreibtisch stand, während er über den Gewissensfragen brütete, “und da sind dann die Essenzen reingetröpfelt”.

Demnach handelt es sich also um etwas Essentielles, im buchstäblichen Sinn: Wegweisendes -- um einen Leitfaden für rechtes Verhalten im Alltagsleben. Wobei der Populärethiker Rainer Erlinger Wert legt auf die Feststellung, “kein moralischer Gesetzgeber” zu sein oder sein zu wollen. Daher betont er den -- hübsch doppelsinnigen -- Untertitel seines Buches: “Wie man richtig gut lebt”. Das ist ein Untertitel, der den schweren Keulen-Begriff “Moral” sanft auffängt und in etwas Wünschenswertes bettet.

Kommt das nun in der Buchhandlung in die Abteilung “Philosophie für Anfänger”  … oder ins allseits beliebte, schwer überfüllte Ratgeber-Regal? Hm … Am besten, so sei es dem Autor gewünscht, auf den Tisch in der Mitte -- da wo die Bestseller der Saison ausliegen.

Gewissens-Kolumnist Rainer Erlinger im Gespräch mit Johannes Waechter vom SZ-Magazin

Gewissens-Kolumnist Rainer Erlinger im Gespräch mit Johannes Waechter vom SZ-Magazin

Vorgestellt hat Rainer Erlinger sein Buch im Duo mit SZ-Magazin-Redakteur Johannes Waechter, seinem Kolumnen-Betreuer in der Redaktion. Der moderierte den Abend, indem er das Buch kommentierend zusammenfasste und dem Autor zwischen dessen Vorleserunden Fragen stellte -- und zwar so seelenruhig und akkurat, wie es in der aufgeregten Literaturbetriebsamkeit allemal selten ist. Ein ZEN-Meister ist ein Quirl dagegen.

Was Waechter an dem Buch hervorhob, nämlich seinen Alltags- und Praxisbezug, vermittelte sich auch bei der Lesung als ein positves Charakteristikum. Und es fiel der Wille des Autos auf, unterhaltsam, verständlich und anschaulich zu schreiben und niemanden (weder moralisch noch philosophisch) zu überfordern. Daher bringt er nicht nur viele sinnfällige Beispiele, sondern auch etliche Witze rein. Wie zum Beispiel diesen hier:

Moses kommt vom Berg Sinai zurück mit zwei Tafeln in der Hand und begrüßt das Volk mit den Worten, dass er eine gute und eine schlechte Nachricht habe. Die gute: “Ich habe ihn auf zehn runter”. Die schlechte: “Ehebruch ist immer noch drinnen.”

Unverbrüchlich ist für Erlinger eins: “Die Moral ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Moral.” Das sei einer der wirklich zentralen Sätze einer jeglichen Beschäftigung mit Moral.

Man müsse deshalb auch nicht Mutter Teresa mit ihren “supererogatorischen Handlungen” (so nennt man in der Moralphilosophie Taten, die schon wieder zu gut sind, als dass man sie allen Menschen abverlangen könnte) als Maßstab für sein eigenes Handeln heranziehen. So wie man den 50 Arbeitern im havarierten Atomkraftwerk von Fukushima auch nicht moralisch abverlangen könne, sich für Japan und den Rest der Welt aufzuopfern.

Rainer Erlinger hinterher im "Oskar Maria": ganz privat

Rainer hinterher im "Oskar Maria": ganz privat

“Jeder hat das Recht, seine Belange zu vertreten und sich nicht völlig aufzuopfern”, schreibt Erlinger einleitend -- und will dem Leser damit erst mal den Rücken stärken und ihn somit gewinnen, weiß er doch wie “unbeliebt” die Moral ist: “weil man automatisch ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man das Wort nur hört”. Von diesem schlechten Gewissen will der Autor den Leser befreien -- mehr noch, ich denke mal, er will den Moralbegriff auch mit einem gewissen Lustgewinn aufladen (wie gut es sein kann, gut zu sein -- und darüber nachzudenken). Und er scheint die Zeit auf seiner Seite zu haben: Es gibt in der heutigen Gesellschaft ein gesteigertes Interesse an Ethik und moralischen Fragen, ja, “eine Sehnsucht nach Regeln” hat Rainer Erlinger festgestellt.

Das Buch, das im ersten Teil “Grundsätzliches” und im zweiten Teil die “Moral im Alltagsleben” behandelt, kommt in Teil III schließlich auf die “Grundpfeiler einer zeitgemäßen Moral”, als welche der Autor folgende drei ausmacht:

1.) Achtung      2.) Rücksicht      3.) Verständnis

So weit, so gut(menschlich). Schadet bestimmt nicht, sich diese Trias hin und wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Zeitlos gültig als Anleitung für moralisches Handeln ist natürlich -- das bestreitet auch Erlinger nicht -- die sogenannte GOLDENE REGEL, die man schon als Kind im Religions- oder Ethikuntericht lernt -- gewissermaßen die subjektivistische Basis des Kategorischen Imperativs:

>> WAS DU NICHT WILLST, DAS MAN DIR TU

DAS FÜG AUCH KEINEM ANDERN ZU <<

Eigentlich ganz einfach, irgendwie …

Und zu guter Letzt gibt´s hier noch einen moralischen YouTube-Trailer zu dem Buch:

16.02.11 | 16:50 | Kulinarik | Kommentare 2 Kommentare

Brot für die SZ

Brotlieferung in der Redaktion

Der Brotbote von der Handwerkskammer mit seiner Lieferung.

Mmmmh, was das heute für ein Duft hier ist! Das ganze Feuilleton riecht nach frischem Brot. Und es riecht nicht nur so – es schaut hier auch aus wie in einer Bäckerei. Es gibt leckere Butterbrezn und Krapfen en masse. Schokokrapfen, Vanillekrapfen, klassische Krapfen, Himbeerkrapfen … alles, was das Schleckermaul begehrt. Und dazu Brot. Brot in rauen Mengen: Hausbrot, Vollkornbrot, Kastenbrot, Bauernbrot, Sechskornbrot … darunter riesige Laiber, echte Kaliber. Frisch gebacken, warm noch – und alles andere als industrielle Fertigteigprodukte, sondern echte Handwerksarbeiten aus Münchner Bäckerbetrieben.

Und wie und warum kommt das jetzt alles ins SZ-Feuilleton?

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er haut sich gern auch Brezen rein ...

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, es dürfen gerne auch Krapfen und Brezn sein

Tja, das war heute die große Überraschung! Es rief am Vormittag jemand von der Pforte hoch und sagte, ein Herr von der Handwerkskammer habe eine Lieferung für mich. Ich hielt das erst für ein Missverständnis – ich meine: Was hab ich mit der Handwerkskammer zu schaffen? -, aber nein, man bestand darauf: Die Adressatin sei tatsächlich ich. Unten, im Eingangsbereich, erwartete mich dann ein Chauffeur mit einem ganzen Auto voller frischer Backwaren. Mit schönen Grüßen von einem Herrn Heinrich Traublinger, seines Zeichens Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern.

Da dämmerte mir schon, dass das mit der “Null acht neun”-Kolumne zu tun haben muss, die ich neulich im Lokalteil schrieb. Darin hab ich mich für das gute Münchner Pfisterbrot und überhaupt: für die Handwerksbäckereien ausgesprochen – und gegen all die fiesen Discount-Bäcker, die in der Innenstadt überall aus dem Boden schießen und so grässliche Namen tragen wie “Back-Factory” oder “Mr. Baker”.

Welch schöne Exmeplare! Danke der Handwerkskammer und den Münchner Traditionsbäckereien!

Welch schöne Exemplare! Danke der Handwerkskammer und den Münchner Traditionsbäckereien!

Im beigefügten Brief schickt Herr Traublinger “namens des bayerischen und des Münchner Bäckerhandwerks” ein “herzliches Vergelt´s Gott” für mein”Loblied auf handwerklich hergestelltes Brot”. Wenngleich meine Präferenz “den Produkten unseres Mitgliedsbetriebes, der Hofpfisterei” gelte,  so werde doch deutlich, dass damit auch generell die traditionelle Handwerksbäckerei gemeint sei und dass ich deren “breites Sortiment”, “verbunden mit freundlicher Bedienung” sehr zu schätzen wisse.

Ist das nicht großartig? Herzlichen Dank, lieber Herr Traublinger und liebe Münchner Bäckereien. Das gab vielleicht ein “Hallo!” heute in der Redaktion! Es wurden Scharen von Redakteuren und Mitarbeitern gespeist … und es ist immer noch was da.

Fast wollte ich schon sagen, sowas gibt´s wahrscheinlich nur in München, da kommt mit der Nachmittagspost ein Extra-Paket aus dem fränkischen Herzogenaurach, von einer Bäckerei Lang, die mir einen riesigen, herrlichen FRANKENLAIB schickt – mein in der Kolumne erwähntes Lieblingsbrot -, mit den Worten: ” …. damit Sie nicht so lange Schlange stehen müssen, hier ein garantiert fränkischer Frankenlaib! Wir hoffen, er schmeckt Ihnen.”

Sonderlieferung der Bäckerei Lang aus Herzogenaurach: Ein schöner großer Frankenlaib für die fränkische Kolumnistin. Dangschää!

Sonderlieferung der Bäckerei Lang aus Herzogenaurach: Ein schöner großer Frankenlaib für die fränkische Kolumnistin. Dangschää!

Also sowas, ich bin echt gerührt. Dank nach Franken! Danke allen! Das hat heute eine so gute Laune gemacht … Toll.

Und hier, zum Nachlesen, besagte Kolumne, die in der Wochenendausgabe vom 5./6. Februar im Lokalteil erschien:

Warten auf
den Frankenlaib

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das ist schon wahr, gutes Brot aber muss sein, sonst kann man auch den Aufstrich vergessen. Wir Münchner waren in dieser Hinsicht immer schon privilegierter als die Bewohner trüberer Städte, gibt es hier doch seit kaiserlichen Zeiten (14. Jahrhundert!) die Hofpfisterei mit dem weltbesten Natursauerteigbrotsortiment. Das Pfister-Brot gehörte neben der Maß und der Leberkässemmel lange Zeit zu den ernährungstechnischen Alleinstellungsmerkmalen unserer schönen Stadt, und hätte die Hofpfisterei nicht vier Filialen in Berlin eröffnet, hätten wir den Preußen mindestens vier weitere Punkte auf der urbanen Lebenswert-Liste voraus. Andererseits sei ihnen unser Brot gegönnt, den Berlinern, haben sie doch sonst kaum kulinarische Freuden, und jetzt muss man den Freunden in der Hauptstadt wenigstens nicht mehr bei jedem Besuch einen frischen Laib Öko-Spezial mitbringen.

Nun muss das Lob auf die Hofpfisterei – und generell auf die traditionelle Handwerks-Bäckerei – hier aber allein schon deshalb angestimmt werden, weil die Semmel im Zeitalter ihrer industriellen Reproduzierbarkeit zum laffen Fertigteigling verkommt und der Siegeszug der Discount-Bäcker nicht mehr aufzuhalten ist. Überall schießen diese Back-Aldis wie Pilze aus dem Boden. Sie nennen sich Back-Factory, Back-Shop oder Mr. Baker, bieten Brot und Brezn zu Dumpingpreisen, setzen auf Selbstbedienung und Nusshörnchen-to-go. Sie haben null Charme, und es riecht komisch, wenn man daran vorbeigeht, nach Fett, Emulgatoren und Schmalz, aber ihre Industrieteigwaren gehen weg wie – nun ja – halt doch wie warme Semmeln. Billiger geht´s nicht. Und lange anstehen muss man auch nicht.

Aber selbst, wenn es dort Rosinenschnecken umsonst geben sollte, liebe Teiggenossen und Mitesser, so sei hier versichert: Gebäck von McBack kommt mir nicht in die Tüte!

Lieber wieder das Samstags-Ritual in meiner kleinen Pfister-Filiale am Hohenzollernplatz: Schlange stehen bis raus auf die Straße, eine gefühlte Wartezeit von fünfzehn Minuten lässig in Kauf nehmen, sich drinnen auf engstem Raum an die Wand drücken und dann, um Nachdrängende reinzulassen, nach hinten wechseln, was eine Zweiteilung der Schlange und fast immer eine gewisse Konfusion bewirkt, dabei stets das letzte Stück Frankenlaib fest im Blick haltend, in der Hoffnung, der Kerl vor einem schnappe es einem nicht weg. Was er, sofern es kurz vor Ladenschluss ist, aber garantiert tut. Aber was soll´s . . . Sein Brot muss man sich nun mal hart verdienen.

14.12.10 | 17:45 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Kommentare 1 Kommentar

Journalistenpreise für Zielcke, Gorkow & Kniebe

Die Herren Preisträger: Andreas Zielcke, Alexander Gorkow, Tobias Kniebe

Die Herren Preisträger: Andreas Zielcke, Alexander Gorkow, Tobias Kniebe

Gestern gab´s in unserer kleinen Redaktion schon wieder einen Grund zum Feiern: Die geschätzten Kollegen Andreas Zielcke (Feuilleton-Autor, dereinst sogar Feuilleton-Chef), Alexander Gorkow (Ressortchef Seite Drei) und Tobias Kniebe (Filmredakteur im Feuilleton) haben begehrte Journalistenpreise abgeräumt und dies mit den Kollegen ihrer Abteilungen gefeiert. Wo? Im Feuilleton natürlich, dem Ressort des Geistes, der Sinnlich- und der Feierlichkeiten.

Ein Hoch auf die Feuilleton-Kollegen! Von links: Andrian Kreye, Gottfried Knapp, Andreas Zielcke, Christopher Schmidt. (Alle Fotos von mir ... habe mir eine neue Kamera zugelegt)

Ein Hoch auf die Kollegen! Von links: meine Feuilleton-Kollegen Andrian Kreye, Gottfried Knapp, Andreas Zielcke und Christopher Schmidt. (Alle Fotos von mir ... habe mir eine neue Kamera zugelegt!)

Heißt es sonst bei solchen Gelegenheiten hier gerne “In dubio Prosecco”, ließen die drei Ausgezeichneten sich nicht lumpen – und ein paar Flaschen Champagner springen. Und Häppchen gab´s auch. Und den weltbesten Stollen, gebacken im Hause Zielcke nach einem ausgeklügelten Witzigmann-Rezept. Danke, liebe Kollegen. Und ganz herzlichen Glückwunsch!

Wofür genau es  die Preise gab – wo die gekürten Kollegen doch generell preiswürdig sind – wurde bei dem Umtrunk auch noch mal ge- bzw. erklärt:

Ausgezeichnet!

Ausgezeichnet!

Tobias Kniebe und Alexander Gorkow erhielten ihre Auszeichnung beim Deutschen Reporterpreis in Berlin (der von Journalisten an Journalisten vergeben wird) für die “beste Kulturreportage” – und zwar für ihr gemeinsam verfasstes Stück “Junge Nummer Eins”,  erschienen in der SZ vom 24. Juli 2010, nachzulesen hier.  Dieses Porträt des Filmemachers Klaus Lemke sei mit „viel Wärme und charmanter Distanzlosigkeit“ geschrieben und von „extremem Unterhaltungswert“, befand die Jury.  So würde eine Phase im deutschen Film auferstehen, deren Protagonisten mit ihrer Kompromisslosigkeit Vorbilder waren und deren Filme heute noch das Publikum begeistern.

Mr. Gorkow

Mr. Gorkow

(Wer wissen will, wer alles in der Jury des Deutschen Reporterpreises sitzt – hier bitte: die Journalisten Axel Hacke, Erwin Koch, Nils Minkmar, Stefan Niggemeier, Angelika Overath, Sabine Rückert und Gerhard Samulat, die Autorinnen Kathrin Passig und Monika Maron, die Regisseurin Doris Dörrie, der Theaterintendant Matthias Hartmann, die Verlegerin Antje Kunstmann, der Publizist Manfred Bissinger, der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und Harald Schmidt.)

Bei so vielen Preisen gratuliert auch Personalchef Schulz (der mit Krawatte, rechts von Kniebe). Die anderen zwei sind von der Drei: Hilmar Klute und Jochen Arntz.

Bei so vielen Preisen gratuliert auch Personalchef Schulz (der Herr mit Krawatte, rechts von Kniebe). Die anderen zwei sind von der Drei: Hilmar Klute, Jochen Arntz.

Zielcke wiederum erhielt den “Leuchtturm-Preis für besondere publizistische Leistungen”, verliehen von der Journalistenvereinigung “Netzwerk Recherche” in Mainz. Dieser Preis stand diesmal ganz unter dem Zeichen von Stuttgart 21 und ging zu gleichen Teilen auch an Arno Luik vom Stern und an den Stuttgart-Vermittler Heiner Geißler.

Feuilleton und Recherche? Das sei ja doch wohl ein Widerspruch in sich, unken gerne die Kolllegen aus den “harten Ressorts”. Mitnichten!

Dr. Andreas Zielcke - nicht nur juristisch, sondern auch kulinarisch ein Kenner

Dr. Andreas Zielcke - nicht nur juristisch, sondern auch kulinarisch ein Kenner

Zielcke hat gemacht, was in Sachen Stuttgart 21 keiner vor ihm gemacht hat: Er hat im Archiv des Stuttgarter Gemeinderats einfach mal die Akten durchgesehen, um zu überprüfen, wie viele Einfluss-, Einspruchs- und Miteintscheidungsmöglichkeiten die Stuttgarter Bürger bei dem seit Mitte der neunziger Jahre geplanten Bahnhofsprojekt denn tatsächlich hatten: nämlich so gut wie keine.  “Der unheilbare Mangel” hieß der Feuilleton-Text vom 19.10.2010, in dem Zielcke seine Erkenntnisse mit juristischer Präzision darlegte, nachzulesen hier. Zielcke entkräftet darin sehr schlüssig die Unterstellung der Projektverantwortlichen, die Stuttgart-21-Gegner hätten genügend Gelegenheiten zur Mitsprache gehabt.

Gratulation!

12.12.10 | 22:31 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kommentare 0 Kommentare

Kilz nimmt Abschied von der SZ

Zum Abschied schneidet sich Chefredakteur Hans Werner Kilz ein Stück aus der SZ-Torte. Er hatte diese Zeitung immer schon zum Fressen gern. (Foto: Stefan Rumpf)

Zum Abschied schneidet sich Chefredakteur Hans Werner Kilz ein dickes Stück aus der SZ-Torte. Er hatte diese Zeitung schon immer zum Fressen gern. (Die Fotos sind diesmal alle von Stefan Rumpf, da meine Kamera mit sämtlichen Bildern verloren gegangen ist ...)

Am Freitag war das SZ-Abschiedsfest für unseren Chefredakteur Hans Werner Kilz, im Folgenden HWK genannt. Es handelte sich dabei um den Höhepunkt der Kilz-Abschiedsfeierlichkeiten, die zwei Wochen zuvor mit einer offiziösen, von den Verlegern ausgerichteten, aber doch überraschend atmosphärischen Dinner-Party in der “Alten Gärtnerei” in Taufkirchen bei München begannen – einer übrigens sehr schönen, grünzeugumrankten Location, die gerne für Hochzeiten genutzt wird.

Going glowing: Hans Werner Kilz mit seiner Frau Bettina Musall (Foto: Stefan Rumpf)

Going glowing: Hans Werner Kilz mit seiner Frau Bettina Musall (Foto: Stefan Rumpf)

Waren bei jenem Verleger-Fest im Glashaus hauptsächlich Verlagschefs, SZ-Ressortleiter und ausgewählte Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur geladen (von Kilz-Freund Mario Adorf über Marietta Slomka, Giovanni di Lorenzo, Helmut Markwort mit Patricia Riekel bis hin zu Roland Berger und Edmund Stoiber), war das Gärtnerei-Fest also gewissermaßen der “Staatsakt”, so kann man die SZ-Feier vom vergangenen Freitag, den 10. Dezember, getrost eine Familienfete nennen: mit allen Brüdern, Schwestern, Kindern, Stiefkindern, Bastards und etlichen – zum Teil extra angereisten – Großonkeln, Cousinen, Gouvernanten, Opas und Omas der SZ.

SZ-Redakteurin Christiane Schlötzer stellt die 12-seitige Sonderausgabe für Hans Werner Kilz vor. (Foto: Stefsan Rumpf)

SZ-Redakteurin Christiane Schlötzer stellt die Sonderausgabe für Hans Werner Kilz vor. (Foto: Stefan Rumpf)

Sie alle kamen, um jenen Mann zu feiern, der die SZ 15 Jahre lang geleitet und geprägt hat, länger als jeder andere Chefredakteur davor. Die “Süddeutsche Zeitung”, so wie sie heute ausschaut – das ist im Wesentlichen das Werk von Hans Werner Kilz, der diese Zeitung nach und nach umgestaltet, verändert, verbessert und zuletzt durch schwere Krisen gesteuert hat. Er war ein guter Chefredakteur, ein sehr guter. Höchstwahrscheinlich der beste. Jetzt, wo er geht, kann man das getrost mal sagen, ohne gleich der Schleimerei geziehen zu werden. Und ich steh mit dieser Meinung ja beileibe nicht allein.

Extrablatt! Kassian Stroh (aus der Redaktion "Themen des Tages") als Zeitungsbote mit der Kilz-Sonderausgabe vom 10. Dezember 2010. (Foto: Rumpf)

Extrablatt! Kassian Stroh (aus der Redaktion "Themen des Tages") als Zeitungsbote mit der Kilz-Sonderausgabe vom 10. Dezember 2010. (Foto: Rumpf)

Man muss nur mal in die 12-seitige SZ-Sonderausgabe schauen, die die Redaktion für den scheidenden HWK geschrieben und gedruckt hat: ein Werk der Liebe, der Anerkennung und des größten Respekts, durchzogen von jenem Humor, der schon immer den Charme der SZ ausmachte. Vom Unterstöger-Streiflicht über die Seite 2 mit dem “Thema des Tages” (Kilz und der Fußball) bis hin zum großen SZ-Wochenende-Interview auf der letzten Seite (Mario Adorf über: KILZ) ist diese Sonderausgabe ein echtes SZ-Blatt.

In einschlägigen Erfahrungsberichten, kleinen Meldungen, lustigen Editorials und meinungsfesten Kommentaren erfährt man da alles über HWK:

Wer sie sieht, liest sie gleich: die HWK-Sonderausgabe

Wer sie sieht, liest sie gleich: die HWK-Sonderausgabe

seine Herkunft aus Worms, seine Vorliebe für den HSV, die Osteria Italiana und italienischen Rotwein der Marke Brunello; alles über sein Verhältnis zu Geld, Volontären, Frauen, zu Angela Merkel und Fehlern im Blatt. Heribert Prantl nennt Kilz in seinem Editorial “die Amaryllis unter den Chefredakteuren” (als solche: eher “pflegeleicht”), Willi Winkler ehrt ihn als den “letzten Live-Rock´n´Roller”. Es gibt eine Karikatur von Hanitzsch und eine Extra-Zeichnung von Rattelschneck, und auf einer Doppelseite ist die ganze schöne Rede dokumentiert, die Kurt Kister beim Verlegerfest im Gewächshaus für Kilz gehalten hat, illustriert mit einer Zeichnung von Luis Murschetz, auf der Kilz als Lotse von Bord eine SZ-Papierfliegers geht.

Kilz kriegt die SZ-Torte überreicht, eine kalorienreiche Spezialanfertigung. Mit im Bild: SZ-Mitarbeiter Titus Arnu und der zehnjährige Kilz-Sohn Leo.

Kilz kriegt die SZ-Torte überreicht, eine kalorienreiche Spezialanfertigung.

Aber nicht nur in Papier-, sondern auch in Teigform gab es an diesem Abend eine SZ-Spezialausgabe. Der Redaktionsausschuss hatte die SZ-Titelseite vom 15. /16. März 2003 als Torte nachbacken lassen: jene denkwürdige Ausgabe, in der das Streiflicht nur in einer Miniform von 29 halbspaltigen Zeilen erschien – aus Protest gegen die Schließung der NRW-Redaktion. Es war eine redaktionelle Protestmaßnahme, die dem Chefredakteur leicht den Kopf hätte kosten können, denn die Geschäftsführung, die vorab davon Wind bekommen hatte, was not amused …  Gegessen! Kilz hat die Affäre überlebt. Und so verspeiste man an seinem Abschiedsfest siebeneinhalb Jahre später genüsslich ein Stück SZ-Geschichte.

SZ-Sonderausgabe in Tortenform  (Foto: Rumpf)

SZ-Sonderausgabe in Tortenform

Viel SZ-Geschichte auch in der Kaiser-Rede. Nachdem Kurt Kister, Kilzens Nachfolger als SZ-Boss (und schon bisher die Nummer 2), bereits auf dem Verlegerfest in der Taufkirchener Gärtnerei eine Rede gehalten hatte – eine überaus glanzvolle, treffende, bewegende Rede im Verbund mit Seite-3-Chef Alexander Gorkow, der dazu begleitend die O-Töne Kilz vortrug -, nachdem Kister also schon vorgelegt hatte, zog nun als Festredner Joachim Kaiser nach, der ehrwürdige Doyen der SZ, mit seinen nun bald 82 Jahren der dienstälteste Kollege überhaupt. Seit 1959 gehört Kaiser der Redaktion an, das muss man sich mal vorstellen! Kein Wunder also, dass es ihm ein Leichtes war, eine kleine Typologie aller bisherigen SZ-Chefredakteure, angefangen bei Werner Friedmann über Hermann Proebst, Hans Heigert und Dieter Schröder bis hin zu Hans Werner Kilz, zum Besten zu geben.

Joachim Kaiser hält eine Lobesrede auf Kilz. Kaiser hat sämtliche SZ-Chefredakteure er- und zum Teil auch überlebt. (Foto: Rumpf)

Joachim Kaiser hält eine Lobesrede auf Kilz. Kaiser hat sämtliche SZ-Chefredakteure er- und zum Teil auch überlebt. (Fotos: Rumpf)

Was denn eigentlich ein Chefredakteur sei, fragte Kaiser. Um sogleich zu antworten: “Ein Chefredakteur ist ein Mann, der anderer bedarf.” Und dann zog er noch den Vergleich mit der Ehe. Sei das Verhältnis zwischen Redaktion und Chefredaktion allzu harmonisch, so Kaiser, dann bedeute dies: “Einer hat resigniert. In der Ehe ist das meistens der Mann.” Nun ja – Kaiser darf solche Witze machen.

HWK lobte er als einen “leidenschaftlichen Zeitungsmacher und Ressortumgestalter”, als homo politicus mit “Feuilletonverstand”, als einen Menschen, mit “mindestens zwei, wenn nicht fünf bis sechs Seelen” in seiner Brust, und für all das brachte Kaiser auch Beispiele bei.

Deadline, die SZ-Redaktionsband, gibt ein Abschiedskonzert für Kilz (Foto: Stefan Rumpf)

Deadline, die SZ-Redaktionsband, gibt ein Abschiedskonzert für Kilz

Dass er tatsächlich ein Kulturmensch ist, bewies Kilz nicht nur durch die Gründung der Nibelungen-Festspiele in seiner Geburtsstadt Worms. Wie HWK bei seinem Abschiedsfest erstmals kundtat, hat er überhaupt ganz früh schon als Theatermann begonnen: Als Wormser Dreikäsehoch spielte er den Wichtel Bums im “Schneewittchen” und wurde dafür als Schauspieler ausgezeichnet. Aktuell kommt jetzt auch noch der Preis für sein journalistisches Lebenswerk dazu. Und im Januar erhält Kilz – für besondere Verdienste um die deutsche Sprache – die Carl-Zuckmayer-Medaille.

"Deadline" rockt die Redaktion. Hier tanzt Kilz mit seiner Frau Bettina Musall. (Foto: Rumpf)

Deadline rockt die Redaktion. Hier tanzt Kilz mit seiner Frau Bettina Musall. (Fotos: Rumpf)

Ach ja, es war wirklich ein schönes, stimmungsvolles, sehr persönliches Fest, ausgerichtet vom Redaktionsausschuss in der SZ-Hochhaus-Kantine – so locker und familiär, wie Kilz sich das gewünscht hatte. Musikalisch bestritten wurde es von der hauseigenen Redaktionsband Deadline, die Kilz zu Ehren extra ein paar neue Cover-Songs einstudiert hatte, darunter “Lady Madonna” von den Beatles, “Don´t stop thinking about tomorrow” von Fleetwood Mac und – der absolute Chef-Hammersong – “Sledgehammer” von Peter Gabriel. Bei “Locomotive Breath” von Jethro Tull spielte

Polizeireporterin Susi Wimmer singt "My Way" für Kilz, auf der Ukulele begleitet von Gerhard Summer (Redaktion Starnberg). Foto: Rumpf

Polizeireporterin Susi Wimmer singt "My Way" für Kilz, auf der Ukulele begleitet von Gerhard Summer (Redaktion Starnberg). Fotos: Rumpf

Feuilletonchef Thomas Steinfeld nicht nur, wie gewohnt, Bass, sondern brachte erstmals auch die Querflöte zum Einsatz. Ich warte darauf, dass er demnächst auf dem Theremin debütiert. Oder zumindest auf der Oboe. Ich glaube, Dinge, die er nicht kann, ärgern ihn …

Deadline hat inzwischen schon ein stattliches Repertoire, und wenn die lieben Kollegen so richtig aufdrehen, dann rockt das ganze Hochhaus. Egal, wenn da nicht jeder Ton sitzt. Die Stimmung war jedenfalls super.

Tolle Stimmung beim "Deadline"-Konzert. Und wen hält Kilz hier schon wieder im Arm? Es ist Lucia Stock, die rechte Hand von Herrn Kaiser, una bella donna italiana. (Foto: Stefan Rumpf)

Tolle Stimmung beim Deadline-Konzert. Und wen hält Kilz hier im Arm? Es ist Lucia Stock, die rechte Hand von Herrn Kaiser, una bella donna italiana.

P.S.: Ich habe von dem Fest sehr sehr viele Fotos gemacht, schöne Fotos, lustige Fotos, Fotos nicht nur vom scheidenden, feiernden, tanzenden Kilz, sondern von der ganzen Mischpoke. Und wo sind sie? Weg! Alle mit der Kamera verloren. Denn, ja: Diesmal ist mein Fotoaparat, meine kleine Canon Ixus 850, tatsächlich verloren gegangen. Nein, nicht auf dem SZ-Fest, sondern hinterher, im Taxi oder in einer dieser beiden Bars, wohin ein harter Kern hernach leider noch entschwand. Zu blöd! Ich bin untröstlich, das kann ich versichern. Habe die Taxizentrale heiß gemacht und überall angerufen … ohne Erfolg. Diesmal ist sie tatsächlich weg. Mit Fotos von einem einmaligen, unwiderbringlichen Ereignis …

P.S. Mein Dank geht an den SZ-Fotografen Stefan Rumpf, dessen Fotos ich hier verwenden darf. Und ich entschuldige mich bei allen, denen ich Bilder versprochen habe.

24.11.10 | 17:00 | Kollegialitäten | Kommentare 2 Kommentare

Alex Rühle fragt mal den Kaiser …

Meine lieben Feuilleton-Kollegen erkenne ich inzwischen schon am Gang. Wenn vom langen Hochhaus-Flur so ein gewisses schleifendes Schlurfen in mein Büro hereindringt, so ein zügiges Tappen mit schabender Sohle, als würde jemand über den Rips-Teppichbodenbelag wie über eine vereiste Loipe trappeln – dann ist es, kein Zweifel, Joachim Kaiser, der große Meister, auf dem Weg in den Panoramafenstersekretariatsbereich.

Alex Rühle

Alex Rühle

Solcherart hatschte Kaiser vorhin an meiner offenen Tür vorbei, gefolgt vom hibbelig-federnden Tänzel- und Schlenkergang des rührigen Kollegen Alex Rühle. An der Wasser- und Kaffee-Tränke, wo beide zusammentrafen, hat sich ein kleines Fachgespräch entsponnen, das den lieben Alex derart verblüffte, dass er ganz beschwingt bei mir, die ich mein Büro gleich nebenan habe, hereinfederte, um seiner Begeisterung über die kaiserliche Kompetenz-Kompetenz ungestümen Lauf zu lassen. Das war so süß – und ist als Kaiser-Anekdote, wie ich finde, ein unerlässliches Leser-Schmankerl. Alex, willst Du das nicht für den Blog aufschreiben? Ja klar, warum nicht, sagte Alex, und weil er von der flotten Truppe ist, hat er gleich eine E-Mail geschickt und uns seine wunderbare Kaiser-Geschichte aufgeschrieben:

Joachim Kaiser

Joachim Kaiser

Hat schon was, wenn man mit dem Weltgeist auf einem Flur arbeitet. Ich hab da seit Wochen dieses Stück gesucht, eine Bach-Bearbeitung, die ich mal von Emil Gilels gehört habe. Hieber hat die Noten nicht, bei Amazon hab ich sie nicht gefunden. Gerade treff ich Kaiser vorne am Kaffeeautomaten und frage, “Herr Kaiser, sagt Ihnen das vielleicht was:  Bach/Siloti?”

Kaiser schaut mich so von unten an und sagt: “Was meinen Sie genau? Singen Sie mal!” Ich singe drei Takte vor, da führt er aus: Das ist Bach. Bearbeitet von Siloti. Ein Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier, e-moll, das hat der sehr intressant bearbeitet, man erkennts kaum wieder, gibts eine traumhafte Einspielung von Emil Gilels …” Spricht´s, faltet seine Brille zusammen und geht von dannen. An der Ecke dreht er sich nochmal um: “Ich hab die Noten, bring ich Ihnen mit.” Dann schlurfte der Weltgeist zurück in sein kleines Büro.

17.07.10 | 14:42 | Festivitäten | Kollegialitäten | Kommentare 0 Kommentare

SZ-Sommerfest

SZ-Sommerfest-Titel

Urlaub vorüber, das Zeitungsgeschäft hat mich wieder. Noch gibt es sie ja, die gute alte SZ als Printmedium, sogar mit neu gewähltem Chefredakteur (ab Januar 2011: Kurt Kister), und da schau an: Die Theaterkritik haben sie auch noch nicht abgeschafft!

Am Donnerstag gab es gleich mal das SZ-Sommerfest, nun schon zum zweiten Mal im neuen Hochhaus in Berg am Laim. Früher, als wir noch in der Sendlinger Straße waren, hieß es “Hoffest” und wurde von den Azubis im Innenhof des alten Verlagsgebäudes organisiert. Hoffest kann man es nicht mehr nennen, weil wir ja keinen richtigen Hof mehr haben, sondern … ähm, eine Plattform, einen Ein- bzw. Zugangsbereich oder allenfalls einen Vorhof, halt dieses Pflaster zum Hochhaus, das wir einfach nur “draußen” nennen (“Gehn wir raus?”) – eigentlich die einzige wirkliche Freigangmöglichkeit zwischen Autobahn, Dachser LKW- und Gleisgelände, zumindst bei schönem Wetter.

Das Wetter war schön, die Event-Abteilung hatte Bierbänke aufgestellt und alles mit Sonnenblumen dekoriert, es gab Freibier und Gegrilltes, und auch die “Schwuhplattler”, die schwulen Schuhplattler, sind mal wieder aufgetreten. Der Weißwein versiegte zwar schon gegen zehn (und mein Kollege Johan behauptet, er versagte auch) – aber a bissl wos geht bekanntlich immer (noch). Hier mein kleines Foto-SZenario:

04.04.10 | 10:36 | Dies & das | Kommentare 2 Kommentare

Kritiken-Recycling im Blumenladen

War gestern zwecks Balkonbegrünung auf dem Elisabethmarkt und habe einige Pflanzen erstanden. Da wickelt der Blumenverkäufer die Ranunkeln doch glatt in eine Kritik von mir ein. Ich hab das sofort erkannt: Es war meine Thalheimer-Besprechung, Hebbels “Nibelungen”, DT Berlin, mit Foto von der schreienden Maren Eggert neben dem toten Siegfried, Überschrift “Der Mensch ist dem Menschen ein Säbelzahntiger”, SZ vom letzten Montag.

Ich zum Blumenhändler: “Lustig, Sie packen das gerade in einen Artikel von mir ein.” Da stockt der Mann und will vor Schreck (oder Respekt?) die Blumen gleich wieder auswickeln. “Nein, nein, machen Sie ruhig”, ermuntere ich ihn. “Ist ja gut zu wissen, dass meine Kritiken zu was nutze sind …”

Da sieht man mal wieder: Es lohnt sich in jeder Hinsicht, für den Erhalt der Zeitung auf Papier zu kämpfen.

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