06.10.10 | 15:31 | Dies & das | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Curtis, der Öko-Fascho

Richard Curtis ist so ziemlich der größte Drehbuchautor, den England zu bieten hat, er hat “Vier Hochzeiten und ein Todesfall” und “Notting Hill” geschrieben, und dann auch noch den nächsten Spielberg, der noch in Arbeit ist, “War Horse”. Wie der wird, weiß man ja nicht, aber dass Curtis nicht immer geschmackssicher ist, das sieht man an “Tatsächlich Liebe” , jenem Hugh-Grant-Film, den er nicht nur geschrieben, sondern auch ohne übergeordnete Instanz, inszeniert hat. Das Ergebnis ist an manchen Stellen der reine Kitsch. Aber man kann sich ja auf die unterschiedlichsten Arten geschmacklich verirren. Für die britische Öko-Kampagne 10 : 10 hat Richard Curtis einen Werbefilm gedreht, der am vergangenen Wochenende online gestellt wurde -- und dann, ein paar Stunden später, im Giftschrank landete. Curtis outet sich da als echter Öko-Faschist, für die Kampagne wurde etwas weniger blutrünstige Überzeugungsarbeit erwartet; “No Pressure” heißt das Ding, gemeint ist wohl das Gegenteil. Der Film wurde zurückgezogen, aber im Netz geht ja nichts verloren.

07.06.10 | 00:09 | Geht wieder | Kritikerfrust | Kritikerin unterwegs | Kommentare 1 Kommentar

Hass … und dann doch wieder: Liebe

HASS-Boxer

Viel Hass erfahren in der letzten Zeit. Zornigen, geifernden, blindwütigen Hass. Abgelassen von anonymen Hassern auf nachtkritik.de, wo es unter dem Deckmäntelchen einer “Debatte” zur Heidelberger Juryentscheidung am Ende nur noch darum ging, mich als Kritikerin und Person schlecht zu reden und fertig zu machen. Es war echt übel: all diese persönlichen Diffamierungen, ehrverletzenden Attacken, verbalen Herabsetzungen – das geht nicht spurlos an einem vorüber. Das war längst keine Debatte mehr über Autorenförderung und eine problematische Jury-Entscheidung (wir waren übrigens drei Juroren!) – das ging nur noch gegen mich persönlich. Erschreckend, wie viele Feinde man als Theaterkritikerin hat …

Na jedenfalls saß ich neulich mit dieser noch ganz frisch in mir arbeitenden Hasserfahrung im Zug nach Wien (zwei Termine bei den Festwochen), als sich in Linz ein Mann zu mir an den Tisch setzte, ein Schwarzer, sehr freundlich, mit Aktentasche, Leuchtmarkern und Papieren. Und da ich offenbar nicht meine Abwehrmaske im Gesicht trug – die muss man sich unbedingt zulegen als reisende Kritikerin, damit man es schafft, in Ruhe gelassen zu werden und im Zug all die Stücke und das Material zu lesen, was man sich für eine Fahrt vorgenommen hat -, da ich also einigermaßen freundlich und ansprechbar dreingeschaut haben muss, kamen wir ins Gespräch. Es war ein sehr gutes, intensives Gespräch. Ein Gespräch – über die Liebe. Tatsächlich! Ich mit all der Hass-Erfahrung in mir treffe auf einen wildfremden Mann aus dem Kongo, dessen wissenschaftliche Studien im Bereich der Soziologie – er ist Soziologe an der Universität Wien -  letzten Endes auf die Erkenntnis hinauslaufen, dass es tatsächlich DIE LIEBE gibt, und zwar, wie er sagte, eine bedingungslose, uneigennützige, absolute, zu Brüchen mit den Eltern und der ganzen Familie führende, Dich gesellschaftlich einsam machende, aber menschlich komplett erfüllende Liebe. Sein Forschungsgebiet: “Domino-Beziehungen”, das heißt: Beziehungen zwischen schwarz und weiß.

Sehr interessant, was er von seinen Forschungssubjekten zu berichten hatte – sind ja in der Regel Extrem-Fälle -, und wie die schwierigen Umstände, all diese Vorurteile, die Restriktionen, das Misstrauen diese Paare zusammenschweißen. Wie sich in solchen Fällen (vermutlich viel klarer und entschiedener als sonst im Leben) Liebe erweist, ja be-weist. Komisch, irgendwie war es mir fast peinlich, dass ein Fremder so  freimütig mit mir über die Liebe spricht. Allein diese Selbstverständlichkeit, mit der er sie als erwiesen ansah …

Das “Liebes”-Gespräch mit dem freundlichen Herrn Soziologen war um so kurioser, als ich just an diesem Abend bei den Wiener Festwochen – passend zu meiner Grundgestimmtheit – für das Gegenteil gebucht war:  “Hass”, eine Produktion von Volker Schmidt nach dem gleichnamigen französischen Kultfilm (“La Haine”) von Mathieu Kassovitz aus den neunziger Jahren.

Treffpunkt war das “brut” im Künstlerhaus nähe Karlsplatz. Von dort wurden die Zuschauer mit zwei Bussen zum Gaswerk Leopoldau gekarrt, das ist eine Industriebrache an der Stadtgrenze von Wien, die für diese das ganze Gelände mit einbeziehende Inszenierung als Banlieue dient – trister Vorort von irgendeiner Großstadt irgendwo in Europa.

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (v. l.); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa.    (Fotos: Theresa Rauter)

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (von links); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa. (Fotos: Theresa Rauter / Wiener Festwochen)

Die Geschichte: Drei “asoziale” Jugendliche ohne Job und Zukunft irren mit einer gefundenen Polizeiwaffe wie tickende Zeitbomben durch eine drogenbenebelte, von schrägen Vögeln bevölkerte Stadtrand-Tristesse – bis die Situation eskaliert. Der junge Regisseur Volker Schmidt erzählt das mit einem internationalen Ensemble: Mehrsprachige Schauspieler und Jugendliche mit Migrationshintergrund führen die (bei der Premiere für dieses freiluftige Stationentheater mehrheitlich überhaupt nicht gerüstete) Festwochen-Besucherschar auch bei schlechtestem Matsch- und Regenwetter durch ihr “Viertel”, vorbei an Wohnwägen, ausgebrannten Autos, herumlungernden Straßenkids. Man begegnet Streetdancern, Freaks und einem Politiker, der für konservative Werte wirbt; nimmt von außen – höchst voyeuristisch – Einblick in das Zimmer von Karim (Karim Cherif), begibt sich mit dem Schwarzafrikaner David (David Wurawa) in dessen abgefackelte Fitnesshalle und folgt den flotten Sprüchen des Halbrussen Daniel (Daniel Wagner), der mit seinem nicht unbeleibten Körper so tut, als habe er die Coolness überhaupt erst erfunden. Die drei Schauspieler sind toll! Ungeheuer kraftvoll, charmant, pulsierend und … ja, in ihrer Wirkung wahnsinnig authentisch. Über sie funktioniert dieser Geländewanderabend auch dort, wo er seine Schwächen offenbart. Über sie wird Hass in Zuneigung, Verständnis, Sympathie verwandelt, man schließt dieses in seiner Möchtegern-Coolness so tapsige wie komische Trio in sein Herz, das ist auch im Film so. Um so größer die Fallhöhe hin zum explosiven Schluss – mit einem knallharten Schuss.

In der Gruppe, die der freundliche David Wurawa aus Simbabwe anfangs über das Gelände führte, war übrigens ich es, die er sich herausgriff, um den anderen mit mir als Probandin gewisse Box-Grundübungen vorzuführen: Fäuste ballen – federn – Angriff – Schutz – Verteidigung. Ging ganz gut. Er fragte, ob ich das schon öfters gemacht habe, worauf ich antwortete: “Only with words.” Also denn, liebe Feinde, ich bin gewappnet! Halte beide Fäuste beweglich vor dem Gesicht und federe sprungbereit in den Knieen! Gebt´s mir! Kommt nur! Ich bin bereit! Auf Facebook hat mir außerdem ein lustiger Bekannter einen Freundschaftslink zu Vladimir Klitschko geschickt. Für alle Fälle …

Was seither geschah?

Vladimir Klitschko hat meine Freundschaftsanfrage leider nicht bestätigt. Nachtkritik.de hat am Wochenende nach meinem Wiener “Hass”-Training die Heidelberg-Debatte, also: diesen Hass-Thread gegen mich, abrupt geschlossen. Und die Liebe? Soll es geben.

05.03.10 | 19:24 | Literatur | Preview | Theater | Kommentare 4 Kommentare

Helene Hegemanns “Axolotl” als Theaterstück

Axolotl

Das war ja nur eine Frage der Zeit: Helene Hegemanns entzauberter Wunderkind-Roman „Axolotl Roadkill“ kommt auf die Bühne! Das Hamburger Thalia Theater war am schnellsten und hat angeblich schon mit der Autorin über sein Inszenierungsvorhaben gesprochen … damit war die Bühne flinker noch als die Filmleute, die mit Sicherheit auch bald zuschlagen und bestimmt schon mit Vater und Tochter über die Drehbuchrechte verhandeln. Details zur geplanten Premiere gibt es vom Thalia Theater allerdings noch nicht. „Wir stecken noch in der Planung“, verkündete Sprecherin Ursula Steinbach heute über die Nachrichtenagentur DAPD. Anfang April werde das Theater dann mehr Infos rauslassen. Jetzt erst mal das Revier markieren und sich die Aufmerksamkeit sichern!

Eine 16-Jährige, sich selbst verlierend in einer Welt aus Sex, Exzessen, Drogen … fragt sich, wer der Regisseur/die Regisseurin der “Axolotl”-Bühnenadaption sein wird. René Pollesch, dessen entfesseltes Diskurshysterietheater die Dramaturgentochter Hegemann an der Berliner Volksbühne ja offenbar schon im zarten Kindesalter geprägt hat, René Pollesch inszeniert ja immer nur seine eigenen Texte und kommt damit also nicht in Frage … (und jene Verschwörungstheorie, die da besagt, das Buch “Axolotl Roadkill” sei ein Gemeinschaftswerk von theoriegestählten, mit Agamben und Foucault gewappneten Volksbühnen-Künstlern, ist ja wohl doch etwas abenteuerlich). Schlingensief hat genug zu tun mit seinem Opernhausbau in Burkina Faso, und Volksbühnen-Chef Frank Castorf wird wohl kaum in Hamburg beim Intendantenkollegen Joachim Lux inszenieren. Von dessen hauseigener Regisseursriege kommt wohl am ehesten Stefan Pucher in Frage, der ist Popregisseur genug und dürfte auf dem Gebiet des Drogenkonsums ausreichend Feldsstudienerfahrung mitbringen, um auf der Bühne mal so richtig das Berghain abgehen zu lassen. Sein aktuelles Projekt, das morgen am Thalia Premiere hat, heißt “Andersen – Trip zwischen Welten” und führt in die psychedelische Welt des Märchenschöpfers Hans Christian Andersen – für Pucher ein “Realitätstransformator auf Dauerstrom”. Wenn das kein halluzinogener Einstieg für “Axolotl Roadkill” ist!

13.02.10 | 16:41 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Publikationen | Kommentare 0 Kommentare

Helene Hegemann und der Schattenmann

Mein SZ-Kollege Thorsten Schmitz hat den Blogger Airen besucht, nachzulesen im Feuilleton der aktuellen Printausgabe (“Der Schattenmann”) und hier. Airen bleibt nach wie vor anonym. Sein aus seinem Blog hervorgegangenes Buch “Strobo”, aus dem Helene Hegemann ohne irgendwelche Verweise abgeschrieben hat, ist inzwischen vergriffen. Es ist in einer Auflage von nur 300 Exemplaren in dem kleinen Underground-Verlag Sukultur erschienen. Wäre nicht Hegemanns Plagiat aufgeflogen, hätte wohl kaum jemand davon Notiz genommen.

Dass Airen jetzt ein Stück des Kuchens abkriegt, wäre ihm schwer zu wünschen. Die Grundzutaten stammen schließlich von ihm, auch wenn ganz andere den Erfolg gebacken haben. Mit dem Ullstein-Verlag, in dem Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill” erschien, wurde vereinbart, dass in künftigen Ausgaben jene Passagen erwähnt werden, die aus “Strobo” stammen. Angeblich will Ullstein dem Sukultur-Verlag auch eine kleine vierstellige Summe zahlen und von Herbst an “Strobo” in Lizenz als Taschenbuch herausgeben. Airen selbst darf über das Abkommen nicht reden. Über Hegemann, deren Buch er gut findet, sagt er: “Ich bin nicht sauer, dass sie von mir kopiert hat. Aber zu sagen, Kopieren sei ein Remix, ist nicht fair.”

Thorsten Schmitz´ Besuch bei Airen, findet an jenem Donnerstag statt, an dem Helene Hegemann in der Show von Harald Schmidt auftritt (siehe meinen vorherigen Blog-Eintrag). Airen sitzt vor dem Fernseher und sieht, wie er von Schmidt als der eigentliche Plagiator durch den Kakao gezogen wird. Sein Kommentar: “Was ist denn das für ein Scheiß!” Es gilt auch hier die alte Spruchweisheit: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen … Unfair? Aber ja! Airen moniert auch zurecht, dass Harald Schmidt das Buch von Hegemann mehrmals in die Kamera gehalten hat “und meines überhaupt nicht”. Und auch Hegemann hat seinen Namen wieder mal nicht erwähnt.

Die einen steh´n im Dunkeln, die andern steh´n im Licht, und man ehrt nur die im Lichte, die im Dunkeln ehrt man nicht … (Geklaut von Brecht und leicht abgewandelt.) Ist nun mal so. Auch wenn es hier gerade das Berghain-Dunkle ist, was da im Scheinwerferspot des Literaturbetriebs so gefeiert wird. Und die strahlende Jugend der Autorin natürlich. Unter dem Pseudonym Axel Lottel nimmt sich heute in einem Text in der Frankfurter Rundschau “ein prominenter Literaturkritiker, der namentlich nicht genannt werden möchte” (warum eigentlich nicht?), die unglückliche Rolle der Kritik in dieser Sache vor. Er schreibt:

“Hegemann ist denn auch gar nicht das Problem. Das Problem ist die Kritik. Der Literaturbetrieb zeigt sich in der gesamten Affäre in neuer Deutlichkeit. Der Literaturbetrieb, das ist das Peinliche, an das niemand rühren möchte, ist seinen eigenen Fiktionen aufgesessen. Der Literaturbetrieb hat sich eine junge Autorin einverleibt, die genau die Anforderungen erfüllte, von denen der Betrieb träumt.”

Zu der Frage übrigens, welche Rolle Papa Hegemann bei der Erfolgsgeschichte seiner Tochter spielt, muss man ganz klar sagen: selbstverständlich eine große. Professor Carl Hegemann, einst Chef-Ideologe an Castorfs Berliner Volksbühne, ist in der Theater-, Literatur- und Kunstszene super vernetzt und geschätzt. Und natürlich hat er seiner Tochter nicht nur für ihr Buch und dessen Besprechung zu wertvollen Kontakten verholfen, sondern ihr als Vater immer schon ein intellektuelles, künstlerisch-kreatives Umfeld und den damit zusammenhängenden Erfahrungs- und Wissensschatz geboten. Darauf mag neidisch sein, wer mag. Aber das kann man der davon profitierenden Tochter nun wirklich nicht vorwerfen.

Ich habe Helene Hegemann im März letzten Jahres am Wiener Burgtheater bei der Premiere von Schlingensiefs “Mea Culpa” kennen gelernt. Carl Hegemann war der Dramaturg der Produktion und hat seine Tochter damals allen möglichen Leuten vorgestellt: als 16-Jährige, die gerade einen tollen Film gemacht habe (“Torpedo”). Carl Hegemann schwärmte so begeistert davon, und andere, die den Film oder zumindest die begabte Tochter schon kannten, stimmten so bedeutsam raunend ein, dass ich mir das sogar auf einem Zettel notierte: Helene Hegemann “Torpedo”. Ich muss den Zettel dann verloren haben, jedenfalls vergaß ich die Begegnung – erst durch ihr Buch und die ganze Publicity stieß ich wieder auf das “Wunderkind” Hegemann.

Das Mädchen hat zweifellos eine Begabung, wenn auch nicht gerade zur Ehrlichkeit. Aber sie hat ja noch viel Zeit, sich zu entwickeln: als eigenständige Literatin wie als Mensch.

12.02.10 | 13:15 | Dichtung & Wahrheit | Fernsehkultur | Literatur | Kommentare 20 Kommentare

Helene Hegemann bei Harald Schmidt

Das Copy & Paste-Genie Helene Hegemann war gestern bei Harald Schmidt (siehe “Eine kleine Nachtkritik” von Ruth Schneeberger). Hab´s leider verpasst, weil ich im Real Life unterwegs war. Aber man konnte es ja nachsehen auf der Website des Ersten. (Meistens gibt´s von den Gastauftritten ein Extra-Video. Hier nicht. Man muss die ganze Sendung aufrufen -- und dann vorspulen auf 31:15, da beginnt der Hegemann-Auftritt. Hier der Link -- das Video ist  leider nur bis zum 26. Februar verfügbar.)

Inzwischen kann man den Auftritt bei YouTube sehen, aufgeteilt auf zwei Videos:

Lustig -- nein, eigentlich doch eher peinlich, wie onkelhaft sich Harald Schmidt an die 17-Jährige ranschmeißt. Mit so einer altväterlichen, hyperaffirmativen Bewunderung und Ergebenheit (“Bist Du wirklich erst siebzehn?????”, fünf Fragezeichen in der säuselnden Stimme) … iiieh! Diese anbiedernde Lobhudelei. Und dazu dieser Teddybärblick! (Wahrscheinlich hat er die Tochter nur in die Sendung gekriegt, indem er Papa Hegemann, dem Dramaturgie-Intellektuellen,  absolute Freundlichkeit und Jugendschutz garantierte). Immer wieder nennt er Hegemann “sehr intelligent, sehr eloquent”, eine “extrem eloquente, sehr wache junge Frau” (Sie, geschmeichelt: “Findest du?”). Ja, findet er. Und er findet es auch “total sympathisch, wie du dich präsentierst”. Er schilt mit semidramatischer Übertreibung die Medien (“schlimm!”), und ob er mal sagen solle, wie er, Schmidt, “die Situation” einschätze? Nämlich so: Die “Literatur-Mafia” (sic!) brauche “dringend eine Nachfolgerin für Charlotte Roche, medientechnisch”. Als Helene Hegemann später sagt, sie sei so aufgeregt, witzelt Schmidt: “Du kannst froh sein, dass Du nicht bei Wetten dass bist, da würde der Moderator schon auf dir sitzen!” Ha ha, dabei sitzt er doch selber schon bei Hegemann auf dem Schoß, medientechnisch.

Helene Hegemann  (Foto: dpa)

Helene Hegemann (Foto: dpa)

Die betont forsche Helene ist indes sichtlich um ihr Erscheinungsbild bemüht. Rechts neben ihr scheint sich ein Monitor zu befinden, in dem sie sich selber sieht. In den blickt sie immer wieder wie in einen Spiegel und nestelt ständig an ihrem (betont ungekämmten) Haar rum -- das heißt: wenn sie nicht gerade (betont burschikos) die Arme in die Hüften stemmt. Schmidt macht sich über die Journalisten lustig, die in den Porträts über Hegemann immer von ihren Haaren schreiben. Aber das mit den Haaren hat, wie man hier sehr schön sehen kann, schon seinen berechtigten Grund (und auch Schmidt muss HH auffordern, die Haare bitte vom Mikro wegzunehmen). Das Mädchen selbst sagt: “Die Haare zeigen meine Stimmung an”, das sei in der Gestik (also an welcher Strähne sie wann zieht und so) “alles viel subtiler”, als man vielleicht vermute.

Na ja, sie ist halt doch noch ein Teenager, das darf man nicht vergessen. Auch wenn man natürlich über vieles, was sie da bei Schmidt im Gestus der Abgeklärten äußert (viel Hohles und viel Widersprüchliches, alles wortreich verpackt), schon ein bisschen spotten möchte. Etwa über ihre Gedächtnislücken, Passagen ihres eigenen Buches betreffend. Oder darüber, dass Schmidt sie beim Stichwort Giorgio Agamben (René Polleschs Lieblingsphilosophen, den sie naseweiß in ihrem Buch namedroppen lässt) völlig blank antraf -- was vielleicht sogar eine Falle war. Hegemann versuchte die aufziehende Peinlichkeit dann cool aufzufangen mit den Worten: “Du, also bitte, nicht hier …” *Grins* Sehr aufschlussreich auch, was sie über den Berliner Superclub Berghain zu sagen hat, das Zentrum der von ihr in “Axolotl Roadkill” beschriebenen Drogen-, Sex- und Partyrausch-Exzesse: “… also es hat ein Konzept meines Erachtens. Ich weiß nicht genau, was für eins, aber es ist irgendwie da …” Ah ja.

Den Spott kriegte bei Harald Schmidt der Blogger und Buchautor Airen ab, von dem Helene Hegemann so arg- und hemmungslos geklaut hat. In einem Interview-Sketch (“Wer schreibt von wem ab?”) vor Hegemanns Auftritt wurde Airen, der nach wie vor anonym bleiben will, selber als Plagiator vorgeführt (wahrscheinlich weil er in seinem Buch “Strobo” Ernst Jünger erwähnt und in seinem Blog mal ein Gedicht von Gottfried Benn zitiert). Mit verstellter Stimme und schwarzem Pappbalken vor dem Gesicht verhohnepiepelte der Stuttgarter Schauspieler Christian Brey (Schmidts Regisseur im Stuttgarter “Hamlet”-Musical) diesen Blogger, der hier unter dem Pseudo-Pseudonym “Ayran” firmiert, als einen unbedarften Literaturdieb, der sich frisch und frei aus berühmten Werken bedient. Etwa aus Kafkas “Die Verwandlung” (“Als Gregor Samsa aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seiner eigenen Kotze wieder”) oder aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf” (“Ich mache mir die Welt ficke-ficke wie sie mir gefällt”) oder aus einem berühmten Rilke-Gedicht (“Wer jetzt kein Berghain hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt nicht reinkommt, bleibt für immer draußen.”).  Auf diese Weise kam das -- im Gespräch mit der Abschreiberin freundlichst ausgeparte -- Thema Plagiat zumindest mal vor in dieser Hegemann-Feier-Sendung, wenn auch in absoluter Verdrehung des Tatbestandes unter dem Deckel der Satire.

Der wahre, angesichts des medialen Wirbelsturms um ihn herum erstaunlich gelassene Airen kommt heute (unbekannt bleibend) in einem Interview in der FAZ zu Wort. Lesenswert!

Unbedingt auch den darunter stehenden Zitate-Vergleich ansehen! Auch wenn da (für die zartbesaiteten FAZ-Leser) steht: “Warnung: Die Zitate sind teilweise sexuell sehr explizit und könnten die Gefühle der Leser verletzen …” Die Kollegen haben sich die Mühe gemacht, Hegemanns “Axolotl Roadkill” mit Airens Buch “Strobo” und seinem Blog parallel zu lesen -- und dann haben sie alle ähnlichen Stellen aufgelistet: von schamlos abgekupfert bis leicht abgeändert. Ganz schön eindrucksvolle Diebstahlsliste!  (Siehe dazu auch Deef Pirmasens, der in seinem Popkulturblog “Die Gefühlskonserve” die Plagiatsvorwürfe als erster geäußert hat). Im direkten Vergleich wird einem erst richtig klar, was sich die kleine Hegemann da buchstäblich herausgenommen hat. Wie sie sich nicht nur die Sprache eines anderen, sondern auch dessen Lebensgefühl, dessen Erfahrungen, dessen gelebtes Leben aneignet. Und das originalgeniehaft als was (literarisch) Eigenes ausgibt. Schon dreist. Mit dem Verweis auf “Intertextualität” und den Mashup-Praktiken im Internetzeitalter jedenfalls ist das nicht hinreichend zu rechtfertigen …

Wer erwartet haben sollte, die Textdiebin Hegemann würde den Fernsehauftritt nutzen, um sich mehr oder weniger zerknirscht zu entschuldigen oder ihre Sicht der Dinge klarzumachen, lag falsch. Dafür entschuldigt sich der Blogger Don Alphonso im Namen des Feuilltons “beim Internet” für das “komplette Versagen” des Kulturbetriebs, nachzulesen hier.

“Das ist kein Roman, das war mein Leben”, sagt Airen im FAZ-Interview. “Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt.” Er sagt das ohne Wut und Vorwürfe. Und er erzählt, dass er keinen seiner Texte nüchtern geschrieben habe, das Buch sei “im Rausch erlebt und im Rausch geschrieben” -- das musste irgendwie raus. “Was ich geschrieben habe, habe ich durchlitten.”

Hier der Trailer zu “Strobo -- Technoprosa aus dem Berghain”:

Ganz anders Helene Hegemann: Bevor sie schreibe, so erzählte sie bei Schmidt, gehe sie am liebsten erst mal joggen. Sie brauche da “gar nicht diesen Leidensdruck”. Gut, das zu hören. Frische Luft und Bewegung! Man hatte sich ja schon Sorgen gemacht um dieses womöglich heillos abgefuckte, den Drogen und Sünden der Nacht verfallene Dramaturgen-Kind. Die Arme hat nun zwar “den Glauben an seriöse Berichterstattung verloren” (“Es gibt da überhaupt keinen Zweifel für den Angeklagten!”) -- aber ansonsten gehe es ihr “hervorragend”. Aber irgendwie auch wieder nicht (“Ich bin vollkommen überfordert…”).

Jedenfalls: Wenn sie das alles “halbwegs überstanden” habe, dann werde sie wahrscheinlich zur Bundeswehr gehen. Sagte sie wirklich. Und das ist, bei näherer Betrachtung, vielleicht gar keine schlechte Idee: Bei der Bundeswehr kann sie für das nächste Buch jene harten Extremerfahrungen sammeln, die sie jetzt noch klauen musste. Rohe Schweineleber essen, saufen bis zum Umfallen … wenn sie da erst mal durch ist, schreibt sich das nächste Buch ganz von alleine.