12.11.09 | 16:57 | Geht gar nicht | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Geruchsproblem

Gestern im Münchner Volkstheater. Es gastierte die hochgelobte Inszenierung “Dritte Generation” von Yael Ronen & the Company, eine Koproduktion der Berliner Schaubühne mit dem Habima Nationaltheater Tel Aviv. Plötzlich ein olfaktorischer Angriff, der definitiv nicht von der Bühne, sondern von einem der Sitznachbarn kommt. Sehr unangenehm in der Nase. Da scheint jemand seine Darmgase nicht unter Kontrolle gehabt zu haben. Okay, kann man nichts machen. Fart happens. Nase zu und durch. Aber nein, jetzt schon wieder! Schwallweise zieht der Mief heran. Eine einzige Geruchsbelästigung. Ich inspiziere den Herrn im Anzug rechts von mir näher – und was muss ich feststellen? Er hat seine Schuhe ausgezogen und sitzt strumpfsockig im Stuhl! Es ist sein Fußschweiß, der da heranweht. Sag mal, geht´s noch?!

Ich ziehe den Kragen meines Pullovers über die Nase, rücke deutlich von dem Stinker ab, nicht ohne seine Füße demonstrativ in den Blick zu nehmen – alles in der Hoffnung, er würde meine Reaktionen zu deuten wissen. Aber nix da. Während ich total abgelenkt bin, schaut er konzentriert auf die Bühne. Das ärgert mich noch mehr. Also auf zum Frontalangriff:

Ich (auf seine Schulter klopfend): “Entschuldigen Sie, ziehen Sie im Theater immer Ihre Schuhe aus?” – Er (selbstbewusst): “Ja! Stört Sie das?” – Ich (maliziös): “Ehrlich gesagt, schon. Vor allem der Geruch.” – Treffer. Vielleicht nicht gerade die feine englische Art, aber effektiv: Er zieht seine Schuhe wieder an. Lustigerweise geht es just in diesem Moment auf der Bühne gerade um den penetranten Gestank von irgendetwas, das ich leider nicht mitgekriegt habe.

Nachdem das Geruchsproblem behoben war, war ich aber wieder voll dabei. Deshalb hier kurz noch eine Empfehlung für die “Dritte Generation”: Wer Gelegenheit hat, das Stück zu sehen, sollte sich das nicht entgehen lassen. Das ist eine wirklich sehr gescheite, kritisch-witzige, befreiend sarkastische und bitterkomische Inszenierung jenseits aller political correctness – entstanden als work in progress mit jungen deutschen, palästinensischen und israelischen Schauspielern, die sich wie bei einer Gruppentherapie all ihre Familiengeschichten, Vorurteile, Schuldkomplexe und Klischees um die Ohren hauen (und zwar in ihrer jeweiligen Landessprache).  Sie alle gehören der “dritten Generation” nach der Shoa an und versuchen irgendwie, die Vergangenheit “aufzuarbeiten”, wobei sie ständig auf unsägliche Peinlichkeiten, Widersprüche und natürlich an ihre Grenzen stoßen. Total unverschämt, dieses Theater. An der Berliner Schaubühne wieder am 12., 14., 19. und 20. Dezember zu sehen. Und, bitte: Lassen Sie Ihre Schuhe an!

27.10.09 | 18:15 | Festivals | Kommentare 1 Kommentar

Runterstylen

Tilda Swintons Füße, auf der Viennale

Tilda Swintons Füße, auf der Viennale Foto: Viennale

Die meisten Schauspieler, egal ob männlich oder weiblich, sehen in natura – naja, wie formuliert man` s jetzt höflich: ernüchternd normal aus. Zu den wenigen Gegenbeispielen gehört Tilda Swinton, die sich für ihre Filme sozusagen herunterstylen lässt, und zwar immer wieder – nicht einmal eben kurz für einen Film wie  Nicole Kidman, deren Virginia-Woolf- Kunstnase viel zu kurz zu sehen war, um das zarte Alltagsnäschen zu überschatten. 
Tilda Swinton gleicht die Kinocourage  im richtigen Leben, so scheint es, durch offensives Styling wieder aus – beim Filmfestival in Wien kam beispielsweis oben abgebildetes Schuhwerk zum Einsatz.  Ein eindrucksvolles Paar. Sehen nicht bequem aus, haben aber einen Design-Preis verdient.  Aber ich musste trotzdem an den Fotografen denken, der einmal ziemlich genervt zu mir sagte, das Eigenartigste an Frauen sei, dass sie auch dann noch wie besessen an ihrer Frisur herumnesteln, wenn sie gerade anlässlich ihres frischgewonnenen Literaturpreises fotografiert werden.
 
24.10.09 | 16:34 | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Drei Schwestern suchen einen Regisseur

 

Sunnyi Melles, Hildegard Schmahl, Angela Winkler

Sunnyi Melles, Hildegard Schmahl, Angela Winkler

Sunnyi Melles, Hildegard Schmahl, Angela Winkler: drei großartige, immerschöne, sehr besondere Schauspielerinnen, die man schon deshalb nie so vergnüglich Seit an Seit sieht, weil sie sich selber so selten sehen. Sie haben noch nie miteinander in einem Stück gespielt, schätzen sich aber sehr und würden, wie sie sagen, ja schon gerne mal … Auf diesem Foto empfehlen sie sich als Tschechows “Drei Schwestern”. Was für eine Besetzung! Wer von den dreien nun Mascha, Olga und Irina ist, müsste noch ausgehandelt werden. Ein Regisseur wird sich ja wohl finden lassen.

Entstanden ist das Bild am Freitag, 23. Oktober, im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters am Ende der Gala “10 Jahre Suchers Leidenschaften”. Bei Bernd Suchers Literatur-Programm standen – oder besser gesagt: saßen – die drei Schauspiel-Diven als Vorleserinnen zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Mehr dazu in meinem nächsten Blog-Eintrag.

Hier muss es unbedingt noch um das Schuhwerk von Sunnyi Melles gehen. Die edlen schwarzen High Heels, die sie zum kleinen Schwarzen trug, tauschte die verheiratete Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein am Ende der Party gegen Gummistiefel in schreiendem Rosa aus. Mit ihrer Geisha-Applikation und dem Aufdruck “Kiss Death” sahen sie aus wie von einem Manga-Zeichner entworfen. Ganz falsch: Es sind Rain Boots von Ed Hardy. Frau Melles ist so begeistert davon, dass sie die Stiefel nicht nur ihren Kindern kauft, sondern auch selber trägt. Sehr schrill. Angela Winkler war derart fasziniert, dass sie vor ihrer Kollegin buchstäblich in die Knie ging, um Material und Aufdruck näher zu inspizieren.

 

Sunnyis Stiefel /       Fotos: cd

Sunnyis Stiefel / Fotos: cd

 

Wo man die drei Schauspielkünstlerinnen sonst sieht:

Sunnyi Melles gehört noch immer zum Ensemble von Dieter Dorn (früher Kammerspiele, seit 2000 Bayerisches Staatsschauspiel München) und glänzt im Residenztheater in Yasmina Rezas Erfolgsstück “Der Gott des Gemetzels”. Am Wiener Burgtheater spielt sie bei Matthias Hartmann in Thomas Bernhards “Immanuel Kant”. Im Kino ist sie derzeit in dem Film “Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen” zu sehen (Regie: Margarethe von Trotta), als Mutter von Hannah Herzsprung.

Hildegard Schmahl ist die Grande Dame im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Sie spielt dort zum Beispiel einen wunderbaren Prospero in Shakespeares “Der Sturm” (Regie: Stefan Pucher), und man sollte sie unbedingt in Elfriede Jelineks “Rechnitz (Der Würgeengel)” sehen.

Angela Winkler, die unvergessene Rollen im Theater des jüngst verstorbenen Peter Zadek hatte, spielt an verschiedenen Bühnen. Am Berliner Ensemble ist sie zum Beispiel die Jenny in der “Dreigroschenoper” von Robert Wilson und singt sehr schön den “Salomon”-Song. An der Berliner Schaubühne spielt sie in der Regie von Thomas Ostermeier die Ella in Ibsens wieder hochaktuellem Bankiersdrama “John Gabriel Borkman” (mit Sepp Bierbichler). Sie wirkte auch in Christoph Schlingensiefs “Kirche der Angst” mit. Volker Schlöndorff, mit dem sie in den siebziger Jahren “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” und “Die Blechtrommel” drehte, war in diesem Jahr auch im Theater ihr Regisseur: in Leo Tolstois “Und ein Licht scheint in der Finsternis”.