Geruchsproblem
Gestern im Münchner Volkstheater. Es gastierte die hochgelobte Inszenierung “Dritte Generation” von Yael Ronen & the Company, eine Koproduktion der Berliner Schaubühne mit dem Habima Nationaltheater Tel Aviv. Plötzlich ein olfaktorischer Angriff, der definitiv nicht von der Bühne, sondern von einem der Sitznachbarn kommt. Sehr unangenehm in der Nase. Da scheint jemand seine Darmgase nicht unter Kontrolle gehabt zu haben. Okay, kann man nichts machen. Fart happens. Nase zu und durch. Aber nein, jetzt schon wieder! Schwallweise zieht der Mief heran. Eine einzige Geruchsbelästigung. Ich inspiziere den Herrn im Anzug rechts von mir näher – und was muss ich feststellen? Er hat seine Schuhe ausgezogen und sitzt strumpfsockig im Stuhl! Es ist sein Fußschweiß, der da heranweht. Sag mal, geht´s noch?!
Ich ziehe den Kragen meines Pullovers über die Nase, rücke deutlich von dem Stinker ab, nicht ohne seine Füße demonstrativ in den Blick zu nehmen – alles in der Hoffnung, er würde meine Reaktionen zu deuten wissen. Aber nix da. Während ich total abgelenkt bin, schaut er konzentriert auf die Bühne. Das ärgert mich noch mehr. Also auf zum Frontalangriff:
Ich (auf seine Schulter klopfend): “Entschuldigen Sie, ziehen Sie im Theater immer Ihre Schuhe aus?” – Er (selbstbewusst): “Ja! Stört Sie das?” – Ich (maliziös): “Ehrlich gesagt, schon. Vor allem der Geruch.” – Treffer. Vielleicht nicht gerade die feine englische Art, aber effektiv: Er zieht seine Schuhe wieder an. Lustigerweise geht es just in diesem Moment auf der Bühne gerade um den penetranten Gestank von irgendetwas, das ich leider nicht mitgekriegt habe.
Nachdem das Geruchsproblem behoben war, war ich aber wieder voll dabei. Deshalb hier kurz noch eine Empfehlung für die “Dritte Generation”: Wer Gelegenheit hat, das Stück zu sehen, sollte sich das nicht entgehen lassen. Das ist eine wirklich sehr gescheite, kritisch-witzige, befreiend sarkastische und bitterkomische Inszenierung jenseits aller political correctness – entstanden als work in progress mit jungen deutschen, palästinensischen und israelischen Schauspielern, die sich wie bei einer Gruppentherapie all ihre Familiengeschichten, Vorurteile, Schuldkomplexe und Klischees um die Ohren hauen (und zwar in ihrer jeweiligen Landessprache). Sie alle gehören der “dritten Generation” nach der Shoa an und versuchen irgendwie, die Vergangenheit “aufzuarbeiten”, wobei sie ständig auf unsägliche Peinlichkeiten, Widersprüche und natürlich an ihre Grenzen stoßen. Total unverschämt, dieses Theater. An der Berliner Schaubühne wieder am 12., 14., 19. und 20. Dezember zu sehen. Und, bitte: Lassen Sie Ihre Schuhe an!





