16.02.11 | 22:20 | Geht doch! | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Die Auswahl zum Berliner Theatertreffen 2011

Die Auswahl zum diesjährigen Berliner Theatertreffen ist überraschend unorthodox – das stieß, wie man den heutigen Reaktionen entnehmen konnte, allgemein auf sehr viel Anerkennung, wenn nicht auf große Freude (außer bei Gerhard Stadelmaier natürlich, der allerdings noch nie eine Auswahl zum TT gut fand, sondern in der Liste immer einen Anlass für Spott und Häme findet). Es schlug schon lange keiner TT-Jury mehr so viel Wohlwollen und Respekt entgegen. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Jurorin … und wie frustrierend ich das rituelle Abwatschen der Jury nach getaner Arbeit empfand.

Diesmal aber große Zustimmung, sogar von den selbst ernannten Gegenkritikern auf nachtkritik.de. Auch, weil kaum einer die Sachen kennt.

Hier, nur mal als Beispiel, der fast schon überschwängliche Kommentar des sonst eher nüchternen Hartmut Krug auf Deutschlandradio Kultur.

Auch ich habe die Auswahl in der heutigen Printausgabe der SZ vorgestellt und kommentiert – aber das gibt´s natürlich mal wieder nicht online auf sueddeutsche.de, weil Theater ja deren Meinung nach total unsexy ist und keine Klickzahl-Quoten bringt.

Daher setze ich meinen Text jetzt mal selber hier rein:

(Achtung: Der Einstieg meines Artikels ist ironisch gemeint! Nein, ich vermisse Marthalers “Meine faire Dame” nicht beim Theatertreffen, wie nachtkritik.de in der Zusammenfassung meines Textes behauptet.)

In memoriam Schlingensief

Die Auswahl zum Theatertreffen in Berlin birgt Überraschungen

Die größte Überraschung zuerst: Christoph Marthaler ist in diesem Jahr nicht beim Berliner Theatertreffen vertreten!

Na sowas. Dabei hat der Schweizer, der in den letzten Jahren so etwas wie ein Dauerticket für Berlin zu haben schien, in Basel doch einen sehr gewitzten „Sprachlabor“-Abend mit dem schönen Titel „Meine faire Dame“ inszeniert, der bestimmt auch wieder einladungswürdig gewesen wäre, wie ja fast jeder Marthaler. Aber nein, in diesem Jahr ist alles anders. Kein Stemann, kein Kriegenburg, kein Stelldichein der üblichen Verdächtigen. Die Theatertreffen-Jury kreißte und gebar eine Liste der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres“, auf der sich erstaunlich viele Überraschungskandidaten finden. Darunter ein Toter: der im August letzten Jahres an seinem Krebsleiden verstorbene Christoph Schlingensief, der mit seiner letzten Arbeit „Via Intolleranza II“ posthum noch einmal gefeiert werden soll.

„Via Intolleranza II“, uraufgeführt beim Kunstenfestival in Brüssel, erzählt von Schlingensiefs afrikanischem Operndorf-Projekt Remdoogo. Die Aufführung zeigt (in Filmen) Schlingensief selbst und seine Arbeit daran; sie hinterfragt diese Arbeit und unser aller Verhältnis zu Afrika aber auch und erzählt – mit Tänzern, Sängern und Musikern aus Burkina Faso – von Helfersyndromen, Hilflosigkeit und vom Scheitern. Schlingensief wirkte bis kurz vor seinem Tod selber auf der Bühne mit, hatte in vielen Szenen aber auch Stefan Kolosko als Alter Ego. Ihm, dem viel zu früh Verstorbenen, und seinem künstlerischen Vermächtnis hier noch einmal so (be)greifbar und direkt begegnen zu können, ist tröstlich – und ein Geschenk des Theatertreffens.

Einen Sieger gibt es schon jetzt bei der Berliner Best-of-Schau vom 6. bis zum 22. Mai, er heißt Herbert Fritsch. Der Schauspieler, einst ein unerschrockener Recke des Castorf-Theaters, reüssiert neuerdings an diversen Bühnen nicht minder unerschrocken als Regisseur und wurde jetzt gleich mit zwei seiner Inszenierungen nominiert: mit Hauptmanns „Der Biberpelz“ (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin) und Ibsens „Nora“ (Theater Oberhausen), womit auch gleich die Felder „Provinz“ und „Osten“ abgedeckt wären. Zweimal Fritsch – das erscheint, bei allem Respekt, nun doch ein bisschen übertrieben, da hätte man schon noch eine Position für einen anderen Namen, eine andere Handschrift frei räumen können. Für eine(n) von den Jungen zum Beispiel, die beim Theatertreffen nie so recht zum Zug kommen. Immerhin hat es jetzt endlich Roger Vontobel mal in die Auswahl geschafft – und zwar mit seiner meisterlichen „Don Carlos“-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden. Die junge Jette Steckel jedoch, die am Thalia Theater Hamburg vor kurzem einen mindestens ebenso guten, wenn nicht zündenderen, in seiner politischen Stoßrichtung aktuelleren „Don Carlos“ herausgebracht hat, sie ging leer aus.

Kaum überraschend, da bereits schwer im Kultstatusbereich: „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat (der auch Regie geführt hat) und Jens Hillje, eine Koproduktion des Kreuzberger Off-Theaters Ballhaus Naunynstraße mit der Ruhrtriennale. Das Stück, auf das es in Berlin einen regelrechten Run gibt, ist der heißeste Beitrag des Theaters zur Sarrazin- und Integrationsdebatte. Es erzählt, bitterböse und komisch, von einer durchgeknallten Deutschlehrerin, die einem Haufen türkischer Jugendlicher (und die sind so authentisch, als kämen sie geradewegs von der Straße) mit vorgehaltener Knarre Schiller aufzwingt.

Die freie Szene (Kampnagel Hamburg / Berliner Hau / FFT Düsseldorf’) ist darüber hinaus mit „Testament“ von She She Pop vertreten. Es handelt sich um eine „Lear“-Überschreibung, in der Performerinnen ihre eigenen Väter auf die Bühne bringen und mit ihnen die Themen und Motive aus Shakespeares „König Lear“ diskutieren – eine sehr private Auseinandersetzung mit dem Generationenvertrag und seinen Pflegefällen.

Münchner Kammerspiele, Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, Schauspiel Frankfurt – Fehlanzeige. Von den führenden deutschen Bühnen ist nur das Schauspiel Köln, das amtierende „Theater des Jahres“, wieder vertreten – und das gleich zweimal: mit Karin Beiers fulminantem Jelinek-Abend „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ – daran kam die Jury nicht vorbei – sowie mit Karin Henkels jüngst erst dort herausgebrachter, grell-zirzensisch in die Gegenwart geholter Tschechow-Inszenierung „Der Kirschgarten“.

Vom Schauspielhaus Zürich kommt der mit sieben Ja-Stimmen angeblich sicherste Kandidat von allen: Stefan Pucher mit seiner Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, die in einem detailgetreuen 50er-Jahre-Setting vom amerikanischen (Konsum-)Traum erzählt. Und auch das Wiener Burgtheater ist dabei: mit Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“, einer medialen Umkreisung des Falls Natascha Kampusch in indirekter Rede, die Stefan Bachmann in kongeniale Bilder umgesetzt haben soll. Ein Gegenwartsstück, das erfolgreich nachgespielt wurde . . . es geht also doch!

Insgesamt recht interessant, diese Mischung. Mal was anderes. Und vielleicht auch ein Denkanstoß für die wie wild produzierenden Großbühnen, mal wieder durchzuschnaufen und sich auf das Eine, Besondere zu besinnen. Denn weniger ist oftmals mehr.

25.08.10 | 21:41 | Abschied von ... | Erinnerung | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Erinnerung an Christoph Schlingensief (4): Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe!

“Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe” dürfte der erste Schlingensief-Theaterabend gewesen sein, den ich für die SZ besprochen habe. Erschienen ist die Kritik am 18. März 2002. Zur damaligen Zeit machte Schlingensief in der Volksbühnen-Kantine regelmäßig seinen “Talk 2000″. Das titelmäßig daran angelehnte “Quiz 3000″ – herausgekommen auf der großen Bühne – war ähnlich unstrukturiert und chaotisch; eine böse Wundenbohrerei in der jüngeren deutschen Geschichte auf Formatvorlage von Günther Jauchs “Wer wird Millionär?” (Himmel! Wie früh Schlingensief Fernsehmuster und Populär-Mechanismen durchschaut hatte und damit spielte!)

Der Abend war, genau betrachtet, extrem subversiv und politisch, aber weil Schlingensief – wie in seinen Anfängen ja noch viel mehr – so wuselnd, schwitzend und unperfekt war, so improvisatorisch, schalkhaft und, ich weiß auch nicht … so, als wolle er einen permanent verarschen, hat man das damals gar nicht in seiner ganzen Dimension und Dringlichkeit erkannt. Aber ich will jetzt im Nachhinein auch keine Beweihräucherung betreiben (obwohl Schlingensief wirklich lange Zeit total verkannt wurde. Ich selber war ihm gegenüber auch extrem skeptisch – zumindest, solange ich nur über seine Sachen gelesen bzw. ihn oder eine Show wie “Talk 2000″ nur im Fernsehen gesehen hatte … ich dachte, Mann, der ist so was von zynisch und mediengeil! So ein eitler Selbstdarsteller …).

Nun ja, deshalb hat es mich jetzt selber interessiert, wie und was ich in meiner ersten Kritik über ihn geschrieben habe … Ich weiß noch, ich war damals mit Jörg Burger, meinem Freund und Berufskollegen aus Bayreuther Volontariats-Zeiten, in der Volksbühne, und wir hatten so ein gutes Berliner Volkbühnen-Gefühl (das gab es damals ja noch): das Gefühl, jung und am Puls der Zeit und just dort zu sein, wo in dieser eingeschlafenen Republik tatsächlich mal was abgeht – ich meine künstlerisch, ja: avantgardistisch und gesellschaftskritisch betrachtet. So ein Theater wie das von Castorf & Co gab es ja nirgendwo sonst (schon gar nicht in München) – meine Güte, was für ein kreatives Sammelbecken! Das war schon sehr cool, um nicht zu sagen: richtig geil. Da fielen einem erst die Augen aus … und dann haben sich entsprechend – und nachhaltig – die Sehgewohnheiten geändert.

Es war eine Schule des (Um-)Denkens und des Sehens – ein Vorbereitungskursus für das neue Jahrtausend. Und Schlingensief war der lustigste, charmanteste, chaotischste Lehrer.


Ordnen Sie diese KZ von Nord nach Süd

Wissenwollen heißt Fragendürfen: Christoph Schlingensiefs “Quiz 3000” an der Berliner Volksbühne

Vielleicht muss man sich das Leben tatsächlich als ein einziges großes Quiz vorstellen. Und wir Menschen, wir sind die Kandidaten: werden vor Aufgaben gestellt, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, und kommen weiter, wenn wir die richtige Antwort finden. Das ganze Leben: ein Fragespiel. Ein heiteres Beruferaten. Was bin ich? Erkennen Sie die Melodie, und der große Preis ist heiß! Letztendlich sind die existenziellen Fragen der Menschheit – Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wer wird Millionär? – auch nichts anderes als die 500000-Euro-Hürden bei Günther Jauch. Wer sie schafft, sahnt ab. Die Mehrheit aber kommt gar nicht so weit, die scheitert schon bei 16 000, was im banalen Alltagsquiz ungefähr der Frage „Was ziehe ich heute an?” entspricht.

Das muss nicht automatisch heißen, dass die meisten Menschen, oder gar Deutschen, zu dumm sind. Das kann nämlich (schönen Gruß nach Pisa!) auch einfach nur bedeuten, dass man uns die falschen Fragen stellt – und zu viel Wert auf Antworten legt. Wo es im Leben doch nur darum geht, das Fragen zu lernen. Und es als Spiel zu betreiben: das Spiel vom Fragen – als Reise zu einem sonoreren Land. Denn schon in der Bibel steht geschrieben (oder war’s bei Handke?): Wer nicht gelernt hat zu fragen, dem wird auch nicht aufgetan. Oder so ähnlich.

Christoph Schlingensief, der Scheitern schon immer als Chance begriff, kommt nun im Outfit von Günther Jauch mit Fragen, die dieser nie zu stellen wagte. Fragen, die gar nicht unbedingt einer Antwort bedürfen, weil sie in sich selbst bereits ein Statement enthalten. Es sind unangenehme Fragen, unorthodoxe. Fragen, die im Amüsierbetrieb des Fernsehens keinen Platz haben und herausfallen aus dem Trivial-Pursuit-Kanon. Peinliche Fragen. Politisch eher defekt als korrekt. Fragen wie diese:

„Wozu wurde das Haar verwendet, das den Inhaftierten im KZ Auschwitz geschoren wurde?” A: Feuerung der Verbrennungsöfen, B: Teppich- und Sockenproduktion, C: Lärmdämmung in KZ-Praxen D: Fertigung von Rasierpinseln.

Der Kandidat, Sachbearbeiter im Brandschutz, ist etwas überfordert und zieht als „Joker” seinen Freund zu Rate. Dieser ist sich ganz sicher: „Aus den Haaren wurden Rasierpinsel gemacht.” Nein, das ist leider falsch, tönt der Moderator, und der Jauchsche Show-Jingle signalisiert dramatisch Fehlanzeige. Schade, Antwort B wäre richtig gewesen. Als der Freund des Kandidaten das kurz anzweifelt, fragt Christoph Schlingensief: „Leugnen Sie den Holocaust?” Nein, das natürlich nicht. Applaus. Abgang. Nächste Runde.

Willkommen bei “Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe!”,  dem ultimativen Ratespiel zum deutschen Wissenswahn! Was Günther Jauch zu einem Mega-Erfolg im deutschen Fernsehen und einem Trend in der Gesellschaft machte – längst gilt er den Deutschen als ihr Klügster -, treibt Christoph Schlingensief, der Herzbube und agent provocateur des deutschen Theaters, an der Berliner Volksbühne auf die Spitze: Wenn schon Wissenwollen, dann richtig! Dann auch, bitteschön, Fragendürfen!

Schlingensief versteht sein Ratespiel – wie alle seine Aktionen – politisch. Seine Fragen behandeln Terror, Korruption, Gewalt und deutsche Vergangenheit. Welche Maße hatten die Stehzellen im KZ Auschwitz? („90 mal 90 Zentimeter. Die Antwort ist richtig!”) Wie viele kurdische Kriegsdienstverweigerer sind 2001 nach der Ausweisung aus Deutschland in der Türkei zu Tode gefoltert worden? („Neun ist leider falsch, es waren sieben!”) Wie viele Fotobildbände über den 11. September 2001 kommen auf einen Band über Bürgerkriegsopfer in Somalia? („Nicht vier, nicht neun, nicht 13, sondern, jawohl: 17!”)

Neun Euro für Afghanistan

Schlingensief fehlt es nicht am nötigen Zynismus, solche Fragen in die Showrituale der gängigen TV-Unterhaltung zu integrieren. Wie sein Volksbühnenprojekt „Talk 2000” ist auch “Quiz 3000″ banale Nachahmung und perfide Parodie von Fernsehrealität zugleich: affirmativ im Gestus, satirisch spitz nur in der Übertreibung, in Aussetzern, in der Verletzung der Norm.

Schlingensiefs Theater muss also selbst wie Fernsehen sein: aufgeregte Stimmung, wuselnde Kameraleute, blendende Spots. Es gibt ein Warming-up samt Jubel-Animation, Werbebanderolen für Unicef, Schneekoppe und Edeka, es gibt Show-Acts von Schorsch Kamerun und einer Gospel-Gruppe, Schlingensief selbst singt playback zwei Lieder von Rocco Schamoni, und sogar seine “Tochter” darf als Sängerin auftreten, obwohl sie noch üben muss. Es gibt 0190-Nummern für Anrufe und Spenden, und es fehlen auch nicht die obligatorischen Model- Assistentinnen in sexy Glitzerkostümen, gleich zehn, für jeden Kandidaten eine. Der Kameratrubel, im übrigen, ist echt: Die beiden Quiz-Abende werden aufgezeichnet vom „Offenen Kanal Berlin”, wo sie am 11. und 25. April zu sehen sind.

Gespielt wird in dem sakralen Bühnenbild, das Anna Viebrock für Christoph Marthalers „Zehn Gebote” gebaut hat: eine vergammelte Kirchenruine mit zwei Rundbögen; die Kandidaten – fast 300 Freiwillige wurden gecastet, zehn davon eingeladen – sitzen rechts auf Kirchenbänken. In der Mitte ein Tisch mit zwei Barhockern und zwei Computern: Zentrum des Frage- und Antwortspiels. Welcher Kandidat drankommt, entscheidet eine so genannte Ordnungsfrage. Da gilt es dann, Konzentrationslager von Nord nach Süd zu ordnen. Oder Bundeskanzler nach ihrem Bauchumfang. Oder Kriege nach der Zeit ihres Ausbruchs

Schlingensiefs Kandidaten schlagen sich wacker, reden viel – und blamieren sich so gut sie können. Die meisten meinen, sich selbst irgendwie politisch äußern zu müssen, wie die links engagierte Rentnerin, die gegen das Patriarchat wettert und sich auf eine falsche Antwort mit dem Satz herausredet: „Man erfährt ja nichts”. Der Philosophiestudent fliegt schon bei der ersten Frage raus und behauptet, man könne auch sehr gut ohne Antworten leben. Und der Bosnier, der seit 33 Jahren in Deutschland lebt, macht am zweiten Abend den Hauptgewinn: den gebrauchten Mercedes 350 SE, der in seiner grasgrünen Scheußlichkeit vor dem Eingang zur Volksbühne auf einem Sockel thront.

Wer eine Show hat, braucht Promis – als Joker, Paten und für die „Promi-Box”. Die kommen bei Schlingensief aus der C-Kategorie, allen voran der Berliner Playboy Rolf Eden, den schon bei „Talk 2000” seine Eitelkeit nicht davon abhielt, sich lächerlich zu machen. Oder die Sexualtante Helga Goetze, die für „Ficken – Lieben – Frieden” demonstriert.

Stargast ist die Schauspielerin Corinna Harfouch. Sie sammelt Geld für Afghanistan, im Auftrag von Unicef – und dass das kein Witz, sondern wirklich ernst zu nehmen ist, muss erst ausdrücklich betont werden, weil das ja immer der Knackpunkt bei Schlingensief-Abenden ist: dass man nie weiß, was der Kerl mit dem liebenswürdigen Lausbubengesicht ernst meint und was nicht. Zu vermuten steht ja, dass er in seinem “Quiz 3000″ vieles noch viel ernster meint, als wir je befürchten würden. Und dass wir ihm viel mehr zutrauen, als er eigentlich tut oder kann. Aber auch das ist Teil des Schlingensief-Fakes – und insofern fast schon wieder genialisch.

Am Ende des ersten Abends jedenfalls kommen für Afghanistan exakt neun Euro und 63 Cent zusammen. Die angekündigte Geldsammlung mit dem Klingelbeutel hatte Schlingensief glatt vergessen. Wie er als Moderator im grauen Günther- Jauch-Anzug (mit zusätzlicher Harald-Schmidt-Brille) überhaupt sehr un- konzentriert wirkt. Von wegen Pokerface oder Provokateur! Günther Jauch ist ein Teufelskerl dagegen. Zwar enthält sich Christoph Schlingensief nicht seiner politischen Kommentare, hackt auf Otto Schily ein und benennt Skandale, aber das kommt alles so müde und harmlos daher, dass am Ende vor allem eine Frage bleibt: die nach der Wirkkraft des einstigen Provokateurs Christoph Schlingensief.

CHRISTINE DÖSSEL

24.08.10 | 18:49 | Abschied von ... | Begegnung mit ... | Erinnerung | Kommentare 0 Kommentare

Erinnerung an Christoph Schlingensief (3)

Ein Probenbericht zu Schlingensiefs Bayreuther “Parsifal”-Inszenierung war ja leider gescheitert (an Bayreuth, nicht an Christoph). Ich habe damals trotzdem einen Vorbericht geschrieben, entstanden aus zwei Telefonaten mit Schlingensief, die ich in einer längeren E-Mail-Telefon-SMS-Kommunikationsaktion angeleiert hatte (siehe vorherigen Blog-Eintrag). Hier nun also das Ergebnis. Erschienen ist der Artikel am 14. Juli 2004 im SZ-Feuilleton.

Ich bin Kundry!

Christoph Schlingensief fiebert seiner Bayreuther “Parsifal”-Premiere entgegen: „Vielleicht bin ich ja doch konservativ?”

Noch vor zwei Wochen hat Christoph Schlingensief auf den Komplex „Bayreuth” höchst allergisch reagiert. Hätte man ihn dazu befragt, er wäre nach eigenem Bekunden „schreiend davongelaufen”. Er ist zunächst ja auch tatsächlich davongelaufen – so jedenfalls wirkte es in der Öffentlichkeit, als der Regisseur Anfang des Monats den Proben zum “Parsifal” fernblieb und sich krank meldete. Von „erheblichen Meinungsverschiedenheiten” zwischen ihm und der Festspielleitung war die Rede, und davon, dass beide Seiten Anwälte eingeschaltet hätten.

Inzwischen hat Schlingensief die Probenarbeit auf dem Grünen Hügel wieder aufgenommen und klingt putzmunter, wenn er am Telefon einen Zwischenstand durchgibt. So ein Sturm, sagt er, tue manchmal ganz gut. „Es bereinigt. Vorher hat jeder dem anderen immer gleich das Schlechteste unterstellt.” Sogar lobende Worte hat er für das Bayreuther Wagner-Imperium übrig: Logistisch sei das schon ein toller Betrieb, und die technische Abteilung sei meisterhaft, mindestens so gut wie Disneyworld.

Nein, Schlingensief hat keinen Nervenzusammenbruch erlitten, und er war auch nicht in einer psychiatrischen Anstalt. Der Regisseur hatte aus Afrika, wo er sich zu Recherchen aufhielt, eine Gallenentzündung mitgebracht, die sich zu einer „richtigen Kolik” auswuchs. Deshalb habe er sich ins Krankenhaus begeben. Zwar sei er auch nervlich etwas angeschlagen gewesen, aber er breche dann nicht zusammen, sondern werde eher aggressiv. „Dann rase ich nachts durch den Wald und komme nicht mehr runter.” Den “Parsifal” hinzuschmeißen, nein, das käme nicht in Frage. Auch, wenn er „die Tage zählt, bis es vorbei ist” und mit seinem Team „ungeheuer viel gelitten” habe. Das wird jetzt durchgezogen: „Wir tragen das auch mit Stolz!”

Über die Auseinandersetzungen mit dem Festspielchef Wolfgang Wagner will (und darf) Schlingensief nichts weiter sagen. Nur so viel: Es habe eine Menge Anwaltsschreiben und Abmahnungen gegeben. Darüber habe nicht er, sondern sein Rechtsanwalt Peter Raue verhandelt. Schlingensief sagt, er sei jetzt so weit, etwa 30 Prozent seiner Bilder und Ideen umzusetzen. „Bis zur Premiere könnte ich vielleicht sogar 50 Prozent schaffen.”

Herzliche Worte hat der Bayreuth-Neuling für Pierre Boulez übrig. Der Dirigent stehe jederzeit mit guten Ratschlägen zur Verfügung und habe in Streitfällen vermittelt. Boulez sage immer, beim Bayreuther „Ring” mit Patrice Chéreau habe es auch viele Probleme gegeben. Chéreau soll sogar noch während der Premiere in Jeans über die Bühne geflitzt sein, um Nebel zu machen. Zum Schluss seien mit den Buhrufen Gegenstände auf die Bühne geflogen. Das war 1976.

Ein Hämmern die ganze Nacht

„Nach 30 Jahren dasselbe zu erwarten, finde ich typisch deutsch und einen völligen Blödsinn”, sagt Schlingensief. „Man will sich nicht auf die Bilder einlassen, jede Auseinandersetzung damit behindern.” Natürlich habe er Angst vor der Premiere am 25. Juli, weil er sich nicht vorstellen kann, dass sich seine Bilderwelten erschließen. Dabei gebe er gar nicht den Provokateur, den alle in ihm vermuten. Weder zeige er Kundry als Nutte noch König Amfortas als kranken Saddam Hussein, und der Kelch sei auch kein Dildo – „mach’ ich alles nicht!” Im Gegenteil, er versuche, die Bilder aus der Musik heraus entstehen zu lassen, weil er es zu billig finde, in einer solchen Oper aktuelle Themen abzuhandeln. „Agenda 2010? Putin? Interessiert mich hier nicht. Vielleicht bin ich ja doch konservativ?”

Bei ihm, sagt Schlingensief, knieten die Gralsritter beim Abendmahl tatsächlich minutenlang auf dem Boden, und statt herkömmlicher Videos benutze er eine ausgefeilte Laterna-Magica-Technik mit beweglichen Projektionen über die ganze Szenerie. Er arbeite mit den Begriffen der „Entäußerung” und „Rückbesinnung”. Oder, da zitiert er Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik”, mit der Dualität zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen. Die Partitur, das ist die Strenge – und daneben das Durcheinander. „Wagners Leben war ja auch ein Durcheinander”.

Wenn Schlingensief so drauflos sprudelt, sprunghaft und assoziativ, klingt das ebenfalls nach einem großen Durcheinander. In seinem Kopf scheint es zu flirren. Schlingensief bekennt, es gehe ihm wie Volker Spengler, der in seinem Film „Die 120 Tage von Bottrop” zu Irm Hermann sagt: „Ach Irm, ich hab’ so viele Bilder im Kopf, es ist ein Hämmern und Sägen die ganze Nacht!” Während der Proben sei er sich erst mal wie Klingsor vorgekommen, der böse Zauberer, der König Amfortas den heiligen Speer entreißt. Dann habe er sich zunehmend wie Amfortas gefühlt: total verwundet. Seine Beziehung zu seinen Eltern, denen er mit 43 noch keinen Enkel geschenkt habe, seine jüngst verlorene Liebe – das alles sei „eine Wunde, die nicht mehr richtig schließen will”. Inzwischen ist Schlingensief zu dem Schluss gekommen: „Ich bin Kundry!” Kundry, „das wilde Weib”, habe alles schon tausendmal erlebt. „Die sagt: Was ist das für eine Scheiß-Gesellschaft? Ihr kotzt mich alle an!” Und am meisten kotze sie sich selber an.

Klingt alles ziemlich verwirrend, was Schlingensief da mit atemlosem Furor erzählt. Was nun genau sein Regieansatz ist, geht nicht daraus hervor. Wie es scheint, will er in Wagners Bühnenweihfestspiel eine buddhistische Deutung hineinbringen. Schlingensief hat sich dazu in Nepal inspiriert, und in der Villa Wahnfried sei er auf ein Büchlein gestoßen, dem zufolge sich auch Wagner mit dem Buddhismus beschäftigt habe. Er zitiert ihn mit den Worten: „Ich habe heute den Parsifal beendet und drei Hunden das Leben gerettet. Soll die Nachwelt entscheiden, was wichtiger war.”

Irgendetwas wird Schlingensief auch mit dem heiligen Speer anstellen, von dem er sagt, er werde als Erlösungsgegenstand im “Parsifal” nicht richtig angepackt: „Da ist so eine christliche Soße drüber.” Er selbst komme ja auch vom Katholizismus, aber er frage sich: „Was haben wir denn davon, wenn wir den Speer gefunden haben?” Erlösung gebe es nur im Tod. Für ihn sei diese Oper eine „Totenweihe”, eine „Feier der Schmerzen und des eigenen Sterbens”, des Endes, das Musik zwar überhöhen, aber nicht verhindern könne. „Wie schön ist die Musik, aber wie schön erst, wenn sie aufhört!” Weiter kommt Schlingensief in seinen Ausführungen nicht, weil er von einer Frau unterbrochen wird, die ihn auf der Straße – er ruft vom Handy aus an – herzlich begrüßt: „Man hört ja so viel von Ihnen . . .!” Hernach erzählt er, dass es neben den vielen Gerüchten, die in Bayreuth über ihn kursieren – zum Beispiel, er würde Hasen zeigen und kiloweise Fleisch auf die Bühne werfen –, auch Fans gebe, die ihm Briefe und Geschenke schicken. Eine Wagnerianerin biete ihm sogar ihre Tochter an.

Die öffentliche “Parsifal”-Generalprobe fällt in diesem Jahr übrigens aus – Mitteilung der Festspielleitung. Schlingensiefs Abläufe seien so kompliziert, dass man sie an diesem Tag noch testen müsse. Der Regisseur sieht das zwar ein, aber leid tut es ihm schon: „Ich hätte mich gefreut, wenn auch ein paar Künstler oder Intendanten den Parsifal gesehen hätten und es dadurch vielleicht zu neuen Arbeiten auch außerhalb von Deutschland gekommen wäre.” Denn eines hat Schlingensief sich vorgenommen: unbedingt noch mal eine Oper zu machen. Auch, um zu sehen, „ob das immer so laufen muss wie hier”.

24.08.10 | 18:29 | Abschied von ... | Erinnerung | Kommentare 0 Kommentare

Erinnerung an Christoph Schlingensief (2)

Stöbere noch immer in meinen Erinnerungen an Christoph Schlingensief. 2004 war das Jahr, in dem wir Kontakt aufnahmen. Erst der Streit wegen Zürich (siehe vorangeganges Posting), dann die Anfrage meinerseits, ob ich nicht einen Probenbericht über Bayreuth schreiben könnte. 2004 war ja das Jahr, in dem Schlingensief den “Parsifal” in Bayreuth inszenierte – ich glaube, er hatte im Nachhinein recht: Diese intensive, nervenaufreibende Zeit der Auseinandersetzung mit Wagner (Richard et al.) war der Anfang vom Ende.

Den Artikel, der aus dem nachstehenden Mail-und-Anruf-Hin-und-Her entstand (“Ich bin Kundry!”), poste ich in meinem nächsten Blog-Eintrag – “Erinnerung an Christoph Schlingensief (3) -, damit das hier nicht noch länger wird.

Mail vom 15.6.2004

Betreff: Ein Besuch in BT

Lieber Christoph Schlingensief,

wenn Sie jetzt also in Bayreuth inszenieren, wäre das nicht ein schöner Anlass, dass wir uns mal persönlich kennen lernen? Ich würde Sie gerne in meiner alten Heimat besuchen (komme selber aus Oberfanken und habe in BT beim RNT Volontariat gemacht) und für die SZ so eine Art Probenbericht schreiben. Was meinen Sie? Lust?
Ich bin bis zum 22.6. in Singapur. Würde mich freuen, danach von Ihnen zu hören!

Mit herzlichen Grüßen
Christine Dössel

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Mail vom 19.6.2004

Betreff: bayreuthophon

liebe frau dössel,

danke für ihre mail. ich würde das gerne tun, habe aber überhaupt keine chance, die proben zu öffnen.

die sind hier total streng, was das angeht.

keine ahnung ob sich das noch ändern wird.

fände ein persönliches kennen lernen auch prima.

vielleicht im schloßgarten?

habe aber auch schon ein längeres gespräch mit herrn kaiser für die sz geführt. vielleicht ist das noch nicht nach singapur durchgedrungen.

denke auch schon an die zeit nach bayreuth. vielleicht haben sie gute adressen.

hier ist es jedenfalls sehr anstrengend. jeden tag probe ohne auch nur einen freien tag.

viele kämpfe. alles durcheinander, weil die sänger auch noch woanders singen.

versuche durchzuhalten.

auch wenn es manchmal sehr schwierig ist.

wünsche ihnen ganz viel schöne asiatische zeit!

herzlichen gruß

ihr christoph schlingensief

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Mail vom 24.6.2004

RE: bayreuthophon

hallo, lieber christoph schlingensief,

singapur war super interessant – die cleanste and greenste stadt, die ich je erlebt habe. auf eine weise multinational und multikulturell, wie wir es uns hierzulande in unseren kühnsten zuwanderungsfantasien nicht vorstellen können.
ich war mit einem tross internationaler journalisten zum singapore arts festival eingeladen – daher ständig volles programm – , hatte am ende aber auch noch zwei tage zeit für mich – und für eine individuelle erkundung der stadt.
danke für ihre mail! dass sie mit kaiser ein langes gespräch geführt haben, ist mir natürlich nicht entgangen. lucia hat schon vor meiner abreise in aller ausführlichkeit davon berichtet (und fotos gezeigt) – und morgen ist es ja auch im blatt.

nichtsdestotrotz wäre ein probenbericht im feu eine feine sache. das doppelt sich ja nicht – und ist ausdrücklich im interesse der klass. musikredaktion (in persona: reinhard brembeck). könnten sie nicht noch einmal darauf drängen? brembeck will auch mal in bayreuth anrufen, was sich machen lässt. und wenn die sich weiter so streng geben, könnten sie mich dann nicht heimlich mit auf die probe nehmen? ein bisschen zugucken wäre schon ganz gut für so einen artikel – auch wenn ich mich natürlich gerne im schlossgarten mit ihnen treffe.
kann mir vorstellen, wie hart die arbeit ist. vor allem mit den sängern. aber sie schaffen das schon, da bin ich mir sicher!

ich hoffe, ich höre von ihnen! würde mich wirklich sehr freuen, sie in bt zu treffen!

beste grüße
christine dössel

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5.07.2004

Betreff: Wagneria

lieber christoph schlingensief,

wo sind sie und wie geht es ihnen?
ich hoffe nicht, dass sie jetzt auch noch absagen in bayreuth, obwohl man mit einem rechtsanwalt im nacken natürlich nicht arbeiten kann.

würde mich über ein lebenszeichen sehr freuen.
ich weiß jetzt auch gar nicht, ob es was wird mit unserem treffen … und wie ich planen kann. es müsste, wenn es denn klappen sollte, bald sein. ich fahre am 16. juli schon in urlaub.

in bayreuth muss man drachenblut entwickeln.
kopf hoch! richard wagner braucht sie!

alles gute

christine dössel

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Mail vom 6.07.2004

Betreff: Parsifal

lieber christoph schlingensief,

dpa meldet, sie hätten die proben zum “parsifal” wieder aufgenommen und sich in strittigen punkten mit gralshüter wagner geeinigt. ich hoffe, dies bedeutet, dass es ihnen wieder besser geht. und dass sie sich nicht unterkriegen lassen!

wie sieht es aus mit unserem geplanten treffen? können wir nicht wenigstens mal telefonieren?
ich bitte sie herzlich, sich bei mir zu melden. habe ihnen heute auch schon aufs handy gesprochen – falls sie`s nicht abgehört haben: joachim kaiser lässt sie “herzlich und voller sympathie” grüßen!

alles gute!

christine dössel

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Mail vom 9.7.2004

Betreff: Parsifalitis

lieber christoph schlingensief,

habe mich heute wirklich sehr über ihren anruf gefreut! ich hatte nicht mehr damit gerechnet. komisch: kurz bevor sie anriefen, hatte ich ihnen in schlaftrunkenen gedanken eine mail geschrieben, in der ich meine enttäuschung über ihre nicht-reaktion zum ausdruck bringen wollte … wenn ich am telefon etwas lahm wirkte, lag es daran, dass es in der nacht zuvor (nach einem sehr schönen opernbesuch: lulu) spät geworden ist und mir noch ein wenig der kopf brummte.

ich würde aus unserem telefonat gerne einen kleinen text machen, den ich ihnen dann, wie versprochen, zum gegenlesen schicke.

ich will ja nicht nerven, aber meinen sie, wir können morgen noch mal telefonieren? sie haben so schnell gesprochen, und ich konnte mir nur rudimentär notizen machen.

es freut mich jedenfalls sehr, dass sie so guter dinge sind! und dass sie den boulez auf ihrer seite haben. und hoffentlich auch das glück aller wagemutigen (und wagnermutigen).

bis bald!
herzlichst
christine dössel

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Mail vom 12.7.2004

Betreff: Artikel

lieber christoph schlingensief,

im anhang schicke ich ihnen, wie versprochen, den artikel, den ich aus unseren telefonaten gebastelt habe. ich hoffe natürlich sehr (!), dass sie mir da nicht allzu viel hineinredigieren oder mir womöglich wieder alles rausstreichen. kann ich bitte so bald wie möglich ein feedback haben? der artikel ist für morgen fest eingeplant.

eine wichtige frage habe ich noch: was ist mit dem beuys-hasen, über den gerüchte kursieren und den heute auch focus erwähnt? was ist da dran?

toi toi toi für die arbeit
und herzliche grüße!

(See attached file: Bayreuth-Schlingensief.doc)
bis morgen
christine dössel

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Mail vom 13.7.2004

Betreff: morgen im sz-feuilleton

hallo, lieber christoph schlingensief,

ich glaube, nun ist der artikel wirklich wasserdicht. habe ihn heute mittag herrn raue zugefaxt, mit dem ich heute mehrmals telefoniert habe (auch grade eben noch mal wegen des anfangssatzes). die heiklen stellen sind ausgemerzt! leider ging der text nicht in seiner ganzen länge durch – ein paar kürzungen waren unvermeidlich, aber keine sorge, inhaltlich wurde nichts verändert!

der einstieg lautet nun so:
Noch vor zwei Wochen hat Christoph Schlingensief auf den Komplex “Bayreuth” höchst allergisch reagiert. Hätte man ihn dazu befragt, er wäre nach eigenem Bekunden “schreiend davongelaufen”. Er ist zunächst ja auch tatsächlich davongelaufen …

ist, glaub ich, ein ganz schöner text geworden. herzlichen dank nochmals für die gespräche – und das vertrauen! ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns auch mal persönlich kennen lernen würden. inzwischen sind sie mir schon richtig vertraut.

herzliche grüße
und alles gute für den endspurt!

christine doessel

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Also, wie gesagt: Wer besagten Artikel lesen will: siehe nächstes Posting

23.08.10 | 16:53 | Abschied von ... | Begegnung mit ... | Erinnerung | Kommentare 0 Kommentare

Erinnerung an Christoph Schlingensief (1)

Noch immer sehr bewegt vom Tod Christoph Schlingensiefs, habe ich vorhin mein Mail-Archiv nach meinem ersten persönlichen Kontakt mit ihm durchforstet. Unser Kontakt begann mit einem Streit: Das war im März 2004, als Christoph – damals siezten wir uns noch und hatten uns noch nie getroffen – sich furchtbar über einen Artikel von mir aufregte. Und zwar wirklich richtig furchtbar; er machte ein ganz großes Drama draus. Kritik konnte er grundsätzlich nicht vertragen, er nahm sie ganz schrecklich persönlich.

Worum ging´s? Er hatte sich damals am Schauspielhaus Zürich krank gemeldet, weshalb vier Vorstellungen seiner Inszenierung „Attabambi Pornoland” ausfielen (das war damals noch in der Marthaler-Zeit). Andernorts war er aber aufgetreten. Das habe ich in meinem Artikel unter der Überschrift “Der eingebildete Kranke” aufgeschrieben (siehe unten) und darüber polemisiert (“chronische Mimoseritis mit stark paranoiden Auswüchsen”). Woraufhin er mich mit vorwurfsvollen, klagenden und, wie ich fand, auch äußerst larmoyanten sms-Botschaften zuschüttete (die ich leider nicht mehr habe, und ich weiß auch nicht, woher er meine Handynummer hatte). Das Erste, was ich aus dieser Zeit noch finde, ist folgende Mail von mir an Schlingensief, aus der sich die Sache ganz gut rekonstruieren lässt:

2.03.2004

Betreff: fair is foul and foul is fair

lieber christoph schlingensief,

habe bereits mehrmals versucht, auf ihr gestriges sms-bombardement zu antworten, aber heraus kam immer nur das piepsen eines übertragungsfehlers. weiß nicht, woran das liegt – ist aber vielleicht bezeichnend für unsere kommunikation …

zunächst einmal: von HASS kann nun wirklich nicht die rede sein!
seien sie doch nicht so paranoid!

wieso sollte ich sie hassen oder ihre arbeit torpedieren, behindern oder gar, wie sie schreiben, “zerstören” wollen? mitnichten! das ist doch quatsch. wenn es ihnen wieder besser geht und sie die dinge nüchterner betrachten, werden sie das auch selbst einsehen.

ich hätte nie gedacht, dass sie so empfindlich auf meinen kleinen – polemischen – artikel reagieren würden. ehrlich gesagt, halte ich ihre reaktion für absolut übertrieben. wer, wie sie, viel austeilt, sollte auch mal was einstecken können, zumindest ein bisschen polemik.

aber ich merke jetzt und glaube ihnen, dass sie tatsächlich psychisch und physich angeschlagen und nervlich sehr angespannt sind, sonst würden sie sich das alles nicht so zu herzen nehmen und sich von allen seiten verfolgt wähnen.

was ist denn passiert? eine journalistin hört, der künstler schlingensief ist in zürich – nach einer auseinandersetzung mit der polizei und vorwürfen gegen die schauspielhaus-leitung – mit attest krank geschrieben, soll aber an anderen bühnen aufgetreten sein. was tut sie also? sie ruft mal an, ob das stimmt und schreibt darüber einen glossierenden, zugegeben etwas spitzen artikel – das ist ihr gutes recht. so ein artikel kommentiert die situation und stellt nicht gleich den ganzen künstler in frage (oder an den pranger). ihr verhalten in zürich, lieber schlingensief, ist nun mal für außenstehende schwer nachvollziehbar. wenn sie mal versuchen würden, die zürich-kiste unvoreingenommen von außen zu betrachten, würden sie einsehen, dass bestimmte fragen durchaus verständlich, also berechtigt sind. wenn sie in zürich krank gemeldet sind, aber woanders auftreten, dies jedoch nicht weiter erklären, ist dies schon einigermaßen merkwürdig. wird man sich seinen eigenen reim darauf machen, ist doch klar.

kann ja sein, dass sie in bzw. vor zürich eine phobie haben – und wenn sie nun von “todesangst” schreiben und sich tatsächlich in einer klinik aufhalten, mache ich mich ganz bestimmt nicht drüber lustig. im gegenteil, es tut mir leid, dass sie sich in einem so verwundbaren zustand befinden und ich sie mit meinem artikel offenbar wirklich verletzt habe (unbeabsichtigterweise!). aber wieso haben sie nichts davon erzählt? woher soll man das wissen? nach außen wirkte ihr verhalten, sorry, wie das einer eingeschnappten diva, die in zürich zickt und beleidigt abreist, um sich dafür anderswo um so gefällliger ihrer wirkung zu versichern.
ich habe auch nicht verstanden, wieso sie in öffentlichen äußerungen der schauspielhaus-leitung vorwarfen, sie würde nicht richtig hinter ihnen stehen, ihnen zu wenig rückhalt geben … andererseits sprachen sie jedoch von den “marthaler-hassern”, die hier mal wieder mobil machen würden (was in diesem fall einfach nicht stimmt).

ich gebe zu: diese verquickung von argumenten und instrumentalisierung von menschen und “stimmungen” für ihre eigenen zwecke finde ich nicht ganz lauter, jedenfalls nicht anständig, und das ist das einzige, was mich an der sache wirklich gestört hat. alles andere – ihre abreise, die krankmeldung, ihr auftritt in den anderen häusern – quittierte ich in meinem artikel eher mit einem ironischen lächeln.
warum ich die besucherzahlen erfragt und aufgeschrieben habe? um zu veranschaulichen, dass es bei dieser sache wirklich nicht um irgendeinen skandal oder eine skandalisierung geht. sondern im gegenteil: dass ihre zürcher inszenierung – anders als etwas “bambiland” in wien – nicht nur niemanden aufregt, sondern leider auch nicht den großen run auslöst. mein verdacht war, vielleicht zu unrecht: dass das mit ein grund für sie ist, zürich bzw. den blöden zürichern den rücken zu kehren. nach dem motto: die interessieren sich eh nicht für meine arbeit – die können mich mal.

noch mal: ich wollte sie nicht verletzten. nur ein bisschen sticheln. aber nicht weh tun!
was ich zugebe: ich habe ihre krankmeldung nicht ernst genommen. dass es ihnen wirklich schlecht geht, tut mir – ehrlich – leid.

ich wünsche ihnen gute besserung!

mit vielen grüßen aus dem parkett

ihre christine dössel

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Schlingensiefs Antwort:

23.03.2004

RE: fair is foul and foul is fair

liebe frau doessel,

danke für ihre mail.
hat mich wirklich alles am tiefsten punkt des meeres getroffen.

jetzt gehts mir wieder besser.
habe auch wieder zweimal in zürich gespielt.

vielleicht wirke ich ja wirklich so, als hätte ich nur die sonne gepachtet.

viele grüße
ihr christoph schlingensief

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Meine Antwort vom 24.03.2004:

RE:RE: fair is foul and foul is fair

lieber christoph schlingensief,

es freut mich, dass es ihnen wieder besser geht. ich war, ehrlich gesagt, auf ihren brief hin schon etwas besorgt.
bitte, nehmen sie das alles nicht so tragisch.

ich wünsche ihnen alles gute und frischen mut für ihre nächsten projekte, vor allem natürlich für wagner und bayreuth!
und bald kommt hoffentlich der frühling, dann blühen wir alle wieder auf.

seien sie herzlichst gegrüßt
von
christine dössel

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So – und für alle, die es interessiert, hier noch der Artikel, um den es ging, im Wortlaut (erschienen im SZ-Feuilleton, 28.2.2004). Wie gesagt, ich kannte Schlingensief damals noch nicht persönlich – die Vermutung, der mangelnde Zuspruch des Publikums und die abschätzigen Äußerungen Zürcher Politiker könnten ihm die Lust am Auftreten geraubt haben, finde ich rückblickend falsch. Davon hat sich ein Schlingensief nie abhalten lassen. Aber geliebt werden … ja, das wollte er!

Der eingebildete Kranke

In Zürich fehlt Schlingensief mit Attest, in Wien tritt er auf

In Zürich ist Christoph Schlingensief noch immer krank gemeldet. Ein ärztliches Attest bescheinigt ihm, aus psychischen und physischen Gründen vorerst nicht mehr auftreten zu können. Vier Vorstellungen seiner Inszenierung „Attabambi Pornoland” wurden deswegen abgesagt. Ob die für Mitte März geplanten drei Vorstellungen stattfinden werden, will das Zürcher Schauspielhaus nächste Woche „intern” klären.
Was ist das für eine Krankheit, an der Schlingensief leidet? Es scheint sich dabei um einen spezifisch Schweizer Virus zu handeln, womöglich um eine ausgewachsene Zürich-Allergie. Denn während er Marthalers Schauspielhaus fern bleibt, sieht man ihn anderswo fröhlich seine Kunst betreiben. Am Montag und Dienstag ist er am Wiener Burgtheater nachweislich in seiner dortigen „Bambiland”-Inszenierung aufgetreten. Wie das Theater auf Anfrage mitteilt, sei das Haus randvoll gewesen und Herr Schlingensief durchaus bei Kräften. Auch an der Berliner Volksbühne war der teilzeitkranke Darsteller am Donnerstag putzmunter: in seinem Projekt „Atta Atta”. „Von der Welt der Intrige zur Welt der Paranoia” ist es in dieser Kunst-Camper-Aktion nur ein kleiner Sprung. So wie offensichtlich auch im wahren Leben des Christoph Schlingensief. Denn wenn der malade Regisseur kein Simulant ist, bleibt nur eine Diagnose: chronische Mimoseritis mit stark paranoiden Auswüchsen bei erhöhtem Idiosynkrasie-Verdacht gegenüber mangelnder Aufmerksamkeit von außen.
Wie anders ist zu erklären, dass sich Schlingensief nachgerade verfolgt sieht von seinen Gegnern, die er als „alteingesessene Marthaler-Hasser” brandmarkt? Oder instrumentalisiert. Dabei ist Marthaler in seiner letzten Spielzeit beliebter denn je, und Schlingensiefs Arbeit wurde keineswegs torpediert. Eine Anzeige der Züricher Stadtpolizei hatte definitiv nichts mit den Proben zu „Attabambi Pornoland” zu tun, sondern – die SZ berichtete – mit einer Privatfeier, bei der es zu laut wurde und die dann wohl in einem Zusammenstoß mit einem Polizisten gipfelte. Die Aufführung selbst war kein Skandal. Nachdem die Premiere mit 673 Zuschauern noch gut besucht war, wollten nur noch 392 die zweiten Vorstellung sehen, 277 die dritte. Vielleicht ist es dieses Desinteresse, das Herrn S. auf die Gesundheit schlägt?
Mitglieder des Zürcher Gemeinderats machten nun ihrem Zorn über den „eingebildeten Kranken” Luft. Markus Schwyn von der SVP erklärte, Zürich könne sehr gut ohne Schlingensief leben: „Ersparen Sie uns bitte weitere Peinlichkeiten mit diesem Komödianten!” Doris Fiala (FDP) sprach von einem „Risikopotenzial für das Schauspielhaus”. Man müsse den Vorwurf des Vertragsbruchs prüfen. Von linker Seite gab es diesmal keine Schützenhilfe für den Regisseur. In Zürich, scheint es, hat er ausgespielt.   CHRISTINE DÖSSEL
21.08.10 | 22:43 | Abschied von ... | Harte Realitäten | Kritikerfrust | Kommentare 1 Kommentar

Christoph Schlingensief ist gestorben

Meese-Rupertinum

Christoph Schlingensief ist tot. Keine Kunstaktion! Er ist jetzt tatsächlich tot. Vom Krebs niedergerungen, weggebissen, dahingerafft.

Ja, ich weiß, die Nachricht war irgendwann zu befürchten -- und doch trifft sie einen wie ein Schlag. Wie unfassbar traurig das ist! Wie entsetzlich realistisch und ungerecht! Wie gemein! Ich kann gar nicht anders, als um Christoph weinen. Er war ein herzensguter, freundlicher, charismatischer Mensch, einer der charmantesten, entwaffnendsten, umwerfendsten, die ich je kennen lernen durfte. Er war ein wahrhaftiger Künstler, ein Künstler durch und durch, fiebernd, zweifelnd, suchend, fragend. So anregend, anstoßend, frappierend, irritierend … so originell und schnell. Auch anstrengend -- neurotisch, liebesbedürftig, paranoid … Aber total authentisch. Er war so aufrichtig, unverbogen, unverdorben. Er hat sich als Künstler die Welt nicht nur zur Brust genommen, sondern vor allem auch zu Herzen.

Ich war im Salzburger Museum Rupertinum und habe das oben abgebildete Manifest von Jonathan Meese fotografiert (“Kunst ungleich Kultur”), als just in diesem Moment mein Handy klingelte. 17.52 Uhr. Am Telefon Steinfeld, mein Chef aus dem Feuilleton, der mitteilt, dass Schlingensief gestorben sei. Blitz ins Hirn. Beißende Helle. Schlagartiger Realitätseinbruch, gefolgt von roboterhaft nüchterner Reaktion: Okay, Salzburgaufenthalt abbrechen, zurück ins Hotel, nächsten Zug nach München nehmen, morgen in die Redaktion, Nachruf schreiben, Stimmen sammeln … “Schon was vorbereitet?” -- “Nein, nichts.”

Aber jetzt bin ich zuhause und möchte gerade einfach nur heulen. Das Manifest von Meese ist übrigens total im Sinne von Schlingensief: “Kunst als rechtsfreier Raum”, als “Freispiel der Kräfte” -- “keine Limitierungen”, “Hermetik und Hingabe” und über allem: “Liebe (keinerlei Hochmut)” …

Christoph Schlingensief wird uns sehr fehlen, nicht nur in der Theater- und Kunstlandschaft, er wird diesem Land fehlen, auch wenn es dieses Land mal wieder gar nicht merken wird. Er hat uns so verdammt gut getan.

Ich höre “Te Deum” von Arvo Pärt. (Jetzt bloß kein Wagner!) Ich höre es in Gedanken an Dich, Christoph. Und ich bete für Dich, wie Katholiken es tun: Ruhe in Frieden.

22.03.10 | 21:05 | Begegnung mit ... | Harte Realitäten | Musikalitäten | Kommentare 3 Kommentare

Schlingensief über sich … und Wolfgang Wagner

Christoph Schlingensief   (Foto: dpa)

Christoph Schlingensief (Foto: dpa)

Ich habe heute – auf der Suche nach Stimmen zum Tod von Wolfgang Wagner – mit Christoph Schlingensief telefoniert. Er ist gerade in Oberhausen bei seiner Mutter, und es geht ihm “so lala”. Man ist ja immer etwas befangen, wenn man jemanden auf seine Krebserkrankung anspricht … ich zumindest bin das. Ein einfaches “Wie geht es Dir denn?” erscheint mir in einem so ernsten Fall zu wenig, zu gewöhnlich. Aber ich kann doch auch nicht einfach fragen: Sind die Metastasen wieder da???

Schlingensief weiß das – und nimmt einem sofort jegliches Gefühl der Betretenheit. Er plappert einfach los, spricht völlig frei von der Leber weg: über seinen nerven- und kräftezehrenden “Endloskampf”, seine letzte Chemo, die “total nach hinten losgegangen” sei (Riesenallergie, Zusammenbruch, Bronchitis), dann “wieder in die Röhre”,  festgestellt: “Die Metastasen wachsen weiter”, immer dasselbe, aber jetzt nehme er wieder diese eine Tablette, die überhaupt nur bei zwei Prozent (!) aller Krebsleidenden länger als einen Monat wirke und das in der Regel auch nur bei Menschen aus dem asiatischen Raum – bei ihm, Schlingensief, wirke sie erstaunlicherweise aber auch, zumindest wenn er zwischendurch damit pausiere, seltsam, er müsse da irgendeinen asiatischen Vorfahren in der Verwandschaftslinie haben … jedenfalls ein Riesenglück, aber diese Tablette habe ihn auch sehr schlapp gemacht, und er habe eben eine “wahnsinnige Depression – permanent”, ohne Aino wäre das alles gar nicht zu ertragen, die Liebe zu dieser wunderbaren Frau helfe ihm sehr, aber ihre Beziehung sei natürlich auch von der Situation belastet (“man weiß ja nie, was morgen ist”), alles sei ja doch sehr “niederschmetternd”, andererseits sei es für ihn das größte Glück, “dass ich das alles reflektieren kann”, er brauche das: denken zu können, und auch die Afrika-Sache sei einfach ein “wahnsinniges Glück” …

Tja, und dann geht es pausen- und atemlos weiter im Schlingensiefschen Textfluss: Jetzt ist er bei seinem Opernhaus-Projekt in Burkina Faso und erzählt von der “eigenen Dramaturgie” dieses Ortes und von einer Projekteröffnungsfeierlichkeit mit afrikanischen Müttern, Kindern und sage und schreibe 12 Häuptlingen, und der Oberhäuptling habe eine Rede gehalten, in der er kundtat, dass sie von ihren Göttern und Ahnen die Zustimmung eingeholt und auch tatsächlich bekommen hätten, und das sei so eine Freude, auch wenn er, Schlingensief, ganz klar sagen müsse, dass das “permanente Missverständnis zwischen uns und denen” nie zu überwinden sein werde, man müssse sich da nichts vormachen: “Wir gehören nicht zusammen”, 95 Prozent aller Bilder aus und über Afrika, die wir gesehen und in unserem Kof haben, stammten “von Weißnasen”, das sei immer ein weißer Blick, und es gebe auch jede Menge Ethnologen und selbst ernannte Experten, die jetzt mit Tipps und guten Ratschlägen auf ihn zukämen, sich förmlich aufdrängten  … na, jedenfalls: Er fährt jetzt diese Woche wieder für zehn Tage “runter” und macht an einer Tanzschule ein Casting für ein Theaterprojekt mit dem Arbeitstitel “Via Intoleranza”, so eine “kleinere Sache”. Soll am 15. Mai beim Kunstfestival in Brüssel herauskommen, dann auf Kampnagel, dann bei Bachler in München: im neuen “Pavillon 21 Mini Opera Space” der Bayerischen Staatsoper auf dem Marstallplatz …

Es ist einfach der Wahnsinn, mit Schlingensief zu telefonieren!!! Mir schwirrt jetzt noch der Kopf. Ich kenne ihn jetzt echt schon lange, und doch frappiert mich seine intensive, hochemotionale, sprudelnd mitteilsame Art immer wieder. Er ist der offenste, verwundbarste, red- und leutseligste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und wer das als “Masche” abtut, hat diesen Menschen nicht kapiert.

Jedenfalls musste ich ihn dann unterbrechen und seinen unablässigen Redefluss regelrecht abwürgen, denn es war bereits 16.10 Uhr, und ich wollte doch eigentlich mit ihm über den verstorbenen Bayreuther Festspielchef Wolfgang Wagner reden! Ein Statement einholen! Fürs Feuilleton ! In der Printausgabe, die gleich in Druck gehen musste!! Über Wagner und den Grünen Hügel, wo Schlingensief dereinst den “Parsifal” inszenierte, wusste er dann noch ein paar schöne Anekdoten zu berichten. Und er hatte für den alten Maestro durchaus dankbare und warme Worte übrig (anders als für dessen verstorbene Frau Gudrun).

"W" wie Wagner: Trauerbeflaggung am Grünen Hügel mit der so genannten Festspielfahne zu Ehren des am Sonntag verstorbenen Wolfgang Wagner (Foto: ddp)

"W" wie Wagner: Trauerbeflaggung am Grünen Hügel mit der so genannten Festspielfahne zu Ehren des am Sonntag verstorbenen Wolfgang Wagner (Foto: ddp)

Aber lesen Sie selbst! Schlingensief hat in seinem Schlingenblog einen Text zu Wolfgang Wagner verfasst und mir die Erlaubnis gegeben, ihn hier zu veröffentlichen.  Danke, lieber Christoph, und von Herzen gute & nachhaltige Besserung!

>>Das letzte Mal sah ich Wolfgang Wagner bei der Trauerfeier von Gudrun Wagner. Das war sehr traurig und sehr anrührend wie er da saß… das letzte Mal gesehen und auch gesprochen habe ich ihn im letzten Jahr von Parsifal kurz vor Eröffnung der Festspiele 2007.

Es gab da damals diesen kleinen Konferenzsaal, in dem die Königsfamilie Wagner in den Pausen gerne einige Auserwählte zu einem kleinen Plausch einlud. Und in diesem Raum fanden auch die Sitzungen für neue, aber auch laufende Produktionen statt. Da müssen also alle mal gesessen haben. Jedenfalls in den letzten 20 Jahren. Zu Beginn der Besprechungen zum Parsifal bekamen wir großartige Schnittchen mit Lachs, Leberwurst vom feinsten, hervorragende Fleischwaren, Getränke rund um den Globus und sogar zum Kaffee noch hervorragende Pralinen oder Kuchenstücke, die ihres gleichen suchten.

Im Verlaufe der Produktion stürzten wir aber ab und saßen bereits im zweiten Jahr nur noch mit einer von jenen Keksdosen am Konferenztisch, die man normalerweise von schlecht sehenden Großtanten kennt. Irgendwelche zerbrochenen, ausgetrockneten Plätzchen mit leicht grauer Schokoladenfüllung oder merkwürdigem Käsegeschmack. Diese Reduzierung aufs Mindeste hatte nicht nur mit der finanziellen Situation zu tun, die auch bewirkte, dass mir jedes Jahr schriftlich mitgeteilt wurde, dass nur 1000 Euro für Kostüm- oder Bühnenänderungen zur Verfügung stünden, sondern vor allem mit der dadurch sinnfällig werdenden Tatsache, dass man in der Gunst von Gudrun extrem abgestürzt war. Aber auch das war egal, weil es ja um die Arbeit ging und nicht um irgendwelche Schnittchen.

Und genau diese Arbeit, und das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich noch einmal wiederholen, weil es noch immer irgendwelche Hofschranzen gibt, die behaupten, ich wäre undankbar und wolle Bayreuth nur noch schlecht reden, weil sie damit ihre Chance wittern irgendwann zum inneren Zirkel des großen Wagnerkuchens zu gehören, überhaupt nicht verstanden haben, bzw. eben immer nur Informationen aus zweiter Hand haben; denn die Arbeit in Bayreuth war, egal wie groß der Stress und die Gehässigkeiten, die Verachtung und der Widerwille an diesem Ort geschürt wurden, für mich die größte Freude, die man mir jemals bereitet hat. Die Momente, über die so viele Gerüchte kursieren, einmal live erlebt zu haben, ist eine Belohnung, die ich nicht missen möchte.

Der Prinzipal Wolfgang Wagner während seiner Verabschiedung im August 2008. Im Hintergrund sieht man seine Töchter Katharina und Eva, sie sind seine Nachfolgerinnen in der Festspielleitung.  (Foto: ap)

Der Prinzipal Wolfgang Wagner während seiner Verabschiedung im August 2008. Im Hintergrund sieht man seine Töchter Katharina und Eva, sie sind seine Nachfolgerinnen in der Festspielleitung. (Foto: ap)

Was war das für eine helle Freude, wenn Wolfgang Wagner selbst gegen den Willen seiner Frau mit mir Kontakt aufnahm, um dann ganz großartige Geschichten über die Wollunterhose von Winnie zu berichten oder über Furtwängler, der fast vom Mähdrescher auf der Judenwiese bei dem Versuch ein weiteres Blumenmädchen zu verführen, überrollt worden wäre. Da lachte Wolfgang, da blitzten seine Augen. Oder wenn er erzählte, wie er es schaffte Gelder vom Marshallplan so umzuleiten, dass sie in der Bayreuther Scheune landeten. Der Mann war ein Schlitzohr und das genoss er jede Stunde! Immer wieder tauchte er auf –  nicht nur bei mir – und sagte: “Machen Sie doch was Sie wollen. Sie haben künstlerische Freiheit! Das interessiert mich nicht mehr!”

Ich weiß noch, wie er vor der ersten Probe im zweiten Jahr auf die Probebühne kam und schrie: „Was soll das? Ist jetzt schon schlechter als im letzten Jahr!“ Da hörte man ihn in seinem tiefsten Inneren regelrecht gröhlen. Denn er liebte seine Kommentare, seine Geschichten, seine Auf- und Abtritte. Wenn er dann die große Bühne “endgültig” verließ und schrie, dass es auch der Letzte in der letzten Reihe hören konnte: “Machen Sie doch was Sie wollen. Das interessiert mich nicht mehr!”, so saß er schon 2 Minuten später wieder auf seinem eigenen Inspizientenstuhl auf der linken Seite (vom Zuschauerraum aus gesehen) oder er marschierte gleich zu Gudrun, die in ihrem Zimmer sämtliche Überwachungskameras oder Abhörmikrophone bedienen konnte.

Es war wirklich viel los in diesem kleinen Königshaus, was nicht mit Geld zu bezahlen ist. Und wenn ich dann lese, ich würde die Hand meines Arbeitgebers schlagen oder so was… dann lache ich noch lauter als Wolfgang, denn zum einen lebe und arbeite ich mittlerweile woanders und zum anderen war die Zeit mit Wolfgang so ziemlich das Tollste, was ich überhaupt je auf einer Bühne erlebt habe. Alleine in den ersten zwei Jahren Pierre Boulez erleben und von ihm lernen zu dürfen, dann zu sehen was passiert, wenn der neue Parsifalsänger plötzlich anfängt zu leben, ein wirklicher Mensch zu sein, oder im dritten Jahr zu lernen, wie einige Sänger nicht mehr über eine Verlängerung informiert wurden, weil sie sich kritisch über das Haus geäußert hatten und deshalb plötzlich umbesetzt wurden… das waren Sternstunden der Musikausbildung!

Und das Tollste war Wolfgang, der zwar im dritten Jahr stark vernachlässigt mit Löchern in der Hose durchs Haus stolperte bis sich dann Katharina für ihren Vater einsetzte und dafür sorgte, dass er nicht jeden zweiten Tag die Treppe runterfiel, wenn er immer wieder durch “sein Haus” und somit “sein Werk” schritt! Ja, so muss ich es sagen. Bei allen Alterserscheinungen fand er immer wieder Kraft in seiner Scheune, in seinen Probenräumen, den Konferenzen, den kleinen und großen Kriegen.

Wolfgang war wirklich Bayreuth! Und über Gudrun muss ich ja nichts schreiben. Aber Wolfgang hat mich sehr beeindruckt, und nach vier Jahren, als dann auch der eine Sänger nicht mehr mit am Tisch essen durfte und unser Parsifal mittlerweile mehr als positiv denn als negativ für die Entwicklung Bayreuths eingestuft wurde, (worüber nicht nur ich mich gefreut habe, sondern auch Wolfgang und Katharina), da war der Laden schon wieder ein bisschen weicher geworden. Da war es teilweise sogar richtig angenehm.

Und da endet dann auch meine kleine Geschichte über die Parsifalzeit in Bayreuth. Wir saßen wieder in diesem verwanzten Konferenzzimmer… und diesmal wurden wir mit Tramezinis der allerbesten Art überschüttet. Wolfgang und ich saßen uns gegenüber. Gudrun links, mein Team rechts und links an meiner Seite. Und Wolfgang und ich haben vor lauter Glück, dass kein männlicher Intrigant mehr am Tisch saß, sondern plötzlich so ein kleiner Frieden eintrat, unzählige dieser Toastdinger in uns reingestopft. Es brach sozusagen ein großer gemeinsamer Hunger aus. Ein Hochgenuss sozusagen, bis Gudrun dann irgendwann sagte: „Wolfgang, du bist mal wieder dein bester Gast!”, und da hörte Wolfang Wagner auf zu essen, wischte sich den Mund ab, stand auf, deutete mir an, dass er mich vorne an der Türe sehen wollte,… ich folgte ihm und dort, bei geöffneter Türe wohlgemerkt, sagte er zu mir: „Gell, das war schon toll! Das war eine tolle Sache mit uns. Wir waren doch immer Freunde, nicht wahr?”… und da habe ich „Ja, Herr Wagner” gemurmelt und musste fast heulen. Wir haben uns sogar kurz in den Arm genommen. Kurz, aber herzlich, und ich bin dann wie benommen davongegangen.

Ob die anderen noch weiter gegessen haben, weiß ich nicht mehr… und ich rufe dem alten Herren zu: AUF WIEDERSEHEN! Das ist für alle Menschen die schönste Drohung, die man so aussprechen kann. Und in diesem Falle wäre es sogar eine sehr schöne Drohung, auch wenn die Hofschranzen daraus wieder etwas Böses lesen wollen… Ich mag Bayreuth und ich bin sehr gespannt, was daraus werden wird. Auch wenn die Zeichen momentan eher auf Keksdose stehen! <<  – Christoph Schlingensief

21.12.09 | 16:01 | Geht doch! | Kommentare 0 Kommentare

Weihnachtspost von Schlingensief

Frohe Botschaft von Christoph Schlingensief: Der krebskranke Regisseur ist, den Umständen entsprechend, bei guter Verfassung. Und glücklich ist er auch, hat er doch endlich, nach langer Suche,  in Burkina Faso den Ort gefunden, an dem sein Projekt “Ein Festspielhaus in Afrika” realisiert werden soll.

Hier sein Weihnachtsbrief, den er über das Goethe-Institut veröffentlichen ließ:

Liebe Freundinnen und Freunde des Operndorfes in Burkina Faso!

Es ist soweit, im Januar 2010 beginnt der Bau des Operndorfs in Burkina Faso. Die dortige Regierung hat uns ein wunderbares, spirituell aufgeladenes Gelände von 6 ha Größe übergeben. Mein Freund Francis Kere aus Burkina Faso hat die Pläne fertig gestellt. Er benutzt einheimische Materialien. Viele Freiwillige aus Burkina Faso sorgen für die Realisierung. Zunächst wird die Schule gebaut für 500 Kinder und Jugendliche, mit der Besonderheit, dass es Film- und Musikklassen gibt. Der Theatersaal, von der Ruhrtriennale gestiftet, ist bereits in Containern verpackt auf dem Weg zur Verschiffung. Die Weihnachtszeit ist für mich in diesem Jahr wirklich eine fröhliche Zeit, zumal auch meine Medikamente zur Zeit prächtig wirken und die Metastasen im verbliebenen rechten Lungenflügel zum Verschwinden gebracht haben. Wir haben Spenden bekommen, die nicht nur den Bau des Operndorfes ermöglichen, sondern auch seinen Betrieb für eine gute Weile absichern können. Ich danke dem ehemaligen Außenminister, dem Goethe-Institut, der Kulturstiftung des Bundes, Henning Mankell als Helfer der ersten Stunde, Herbert Grönemeyer, Roland Emmerich und vielen anderen für ihre unglaublich großzügige Unterstützung, und nicht zuletzt danke ich auch der Agentur Jung von Matt und der Wochenzeitung “Die Zeit”, die uns die Weihnachtsausgabe ihres gesamten Feuilletons zur Verfügung gestellt hat, das am 22. Dezember erscheint und umfassende Informationen enthält über Anfänge, Gründe und Hintergründe unseres Projekts.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest!
Ihr Christoph Schlingensief

Mehr zu “Ein Festspielhaus in Afrika” und die Möglichkeit, das Projekt mit einer Spende zu unterstützen, unter www.festspielhaus-afrika.de