07.07.11 | 16:52 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Laudatio auf Brigitte Hobmeier

Brigitte Hobmeier auf dem Plakat im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele

Brigitte Hobmeier auf dem Plakat im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele

Gestern hat die Schauspielerin Brigitte Hobmeier den Theaterpreis der Stadt München erhalten. Die Preisverleihung fand im Anschluss an die Vorstellung “Hotel Savoy” in der Spielhalle der Kammerspiele statt. Hier auf vielfachen Wunsch meine Laudatio  – mit der ich mich wieder zurückmelde in diesem Blog.

(Die lange Sendepause tut mir leid, das hatte persönliche und technische Gründe. Heute habe ich leider schon wieder keine Zeit, aber ich werde – sorry lieber Herr FAZ-Kollege! – schon auch noch jene Preisverleihung nachholen, die seit Mai überfällig ist: die Auszeichnung Gerhard Stadelmaiers mit dem Herbert-Riehl-Heyse-Preis)

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Preisträgerin,

Als ich mich letzte Woche zur Vorbereitung auf diese Laudatio mit Brigitte Hobmeier im Blauen Haus traf, da trat ein älterer Herr an unseren Tisch und bat die Schauspielerin in aller Ehrerbietung um ein Autogramm. Er hatte sich dafür eines der neuen Spielzeithefte der Kammerspiele geschnappt, die auf den Tischen ausliegen, und er hatte die Seite mit dem ernsten, asketisch-strengen, fast ikonisch wirkenden Schwarz-Weiß-Porträt von Hobmeier aufgeschlagen. In meine Richtung sagte er erklärend, er habe sie in „Hotel Savoy“ gesehen, da spiele sie „15 Rollen“.

Die rote "Gitti", von der Probe kommend - letzte Woche bei unserem Treffen im Blauen Haus

Die rote "Gitti", von der Probe kommend - letzte Woche bei unserem Treffen im Blauen Haus

Wie wir soeben sehen konnten, sind es nicht 15 Rollen, die Brigitte Hobmeier in „Hotel Savoy“ spielt, sondern „nur“ sieben, genau genommen: acht, aber die Intensität und virtuose Wandlungsfähigkeit, mit der sie diese Minirollen darstellt und zu grandiosen Kabinettstückchen aufwertet, ihre Knallchargenresitenz und komödiantische Durchschlagskraft – all das reicht natürlich locker für 15 und ist in dieser Aufführung so unübersehbar ausfüllend, dass man den Eindruck des begeisterten Autogrammjägers ohne Weiteres nachvollziehen kann.

Schon einmal habe ich mich mit Brigitte Hobmeier für ein längeres Gespräch getroffen, das war 2004 für ein Porträt in der Fachzeitschrift „Theater heute“. Damals war sie 28 und der Star am Münchner Volkstheater, und auf die Frage, was ihr berufliches Fernziel sei, antwortete sie: „Ich möchte gerne eine außergewöhnliche Schauspielerin werden.“ Und, „ja, doch“, auch Berühmtheit strebe sie an. Aber (Zitat): „Ich möchte kein Star sein nur um der Berühmtheit willen, sondern als Künstlerin etwas Besonderes.“

Tja, da kann man eigentlich nur gratulieren, denn wenn Brigitte Hobmeier etwas geworden ist, dann sicher eine außergewöhnliche Schauspielerin – die sie übrigens auch damals schon war. Etwas Besonderes. Eine Auffallende. Eine auffallend Unmodische, Untypische, Unverbogene . . . Rothaarige. Kussmündige. Bayerisch-Bodenständige. Inbrünstige.

1. Reihe: Die Familie Hobmeier (Brigitte, Bruder, Mutter, Vater), der Rede lauschend

1. Reihe: Die Familie Hobmeier aus Ismaning (Brigitte mit Bruder, Mutter und Vater), der Rede lauschend

Diese sehr besondere Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist mit 35 Jahren die bislang jüngste Trägerin des Münchner Theaterpreises, einer Auszeichnung, für die nur Künstlerinnen und Künstler in Frage kommen, „die ihre Wirkungsstätte in München oder der Region haben und ⁄ oder deren Schaffen mit dem Theaterleben Münchens eng verknüpft ist“.

Dass München sie gewonnen hat und wir sie heute überhaupt hier ehren können, verdankt sich einem harten Entscheidungsfindungsprozess, den Brigitte Hobmeier vor neun / zehn Jahren durchgemacht hat. Damals hatte sie gerade zwei Jahre im „Faust“-Ensemble von Peter Stein hinter sich gebracht, in Winzigrollen als Nymphe, Hexe, Wassergeist, Äffchen oder – jawohl! – als „Gemurmel“. Jetzt wollte sie spielen, endlich spielen! Aber wo: am Schauspielhaus Düsseldorf oder am Münchner Volkstheater? Von beiden Theatern hatte sie ein Angebot, in Düsseldorf stand sie damals sogar schon auf der Bühne, als Ismene in einer „Antigone“-Inszenierung der Intendantin Anna Badora. Es war eine Entscheidung zwischen einem großen und einem sehr kleinen Haus, zwischen Bundes- und Lokalliga, Nordrhein-Westfalen und Bayern, zwischen abgesichertem Stadttheaterbetrieb und einem ungesicherten Neuanfang, denn am damals siechenden Münchner Volkstheater übernahm im Herbst 2002 Christian Stückl die Intendanz, und noch wusste keiner, wo das hinführen würde.

Bürgermeisterin Christine Strobl liest die Jurybegründung vor. Sie kam direkt vom Marienplatz, wo an diesem Tag die Olympia-Entscheidung für Südkorea hingenommen werden musste

Bürgermeisterin Christine Strobl liest die Jurybegründung vor. Sie kam direkt vom Marienplatz, wo an diesem Tag die Olympia-Entscheidung für Südkorea hingenommen und verkraftet werden musste.

Brigitte Hobmeier nimmt solche Lebensweichenstellungen alles andere als leicht. Sie ist eine „Entweder/Oder-Frau“ – das, wofür sie sich entscheidet, gilt hundertprozentig, voll und ganz, und da haut sich sich dann auch entsprechend rein. Das muss also gut überlegt sein.

Wenn sie von den „verzweifelten Nächten“ erzählt, in denen sie damals mit sich gerungen hat, klingt das kein bisschen übertrieben. Sie sagt, die Verzweiflung sei ihr derart ins Gesicht geschrieben gestanden, dass sie ein Polaroid von sich machen musste: ein Porträtfoto als „Mahnmal“ für diesen existenziellen Zustand. Dieses Bild würde man gerne einmal sehen: Brigitte Hobmeiers schönes, expressionistisches Stummfilmdiven-Gesicht in selbst erzeugter München-Düsseldorf-Tragik, wahrscheinlich noch blässer als sonst, mit dunklen, weit aufgerissenen Augen wie Höhlen, darin die Angst, etwas komplett falsch zu machen …

Aber sie hat sich gottlob ja richtig entschieden – nämlich indem sie ihrem Herzen und dem Ruf der Heimat gefolgt ist. Es mag pathetisch klingen, aber Brigitte Hobmeier spricht tatsächlich von „Sehnsucht nach der Heimat“ und „heimkommen wollen“, wenn sie von ihrer Entscheidungsfindung damals erzählt.

Sie ist in Ismaning geboren, eine waschechte Bayerin, Münchnerin – mit Wurzeln in Niederbayern, von wo ihre Eltern stammen, aus Wendelskirchen, um genau zu sein, 20 Kilometer von Landshut entfernt, das ist tiefstes Martin-Sperr-Gebiet. Hier, in diesem Landstrich, wo sie ihre Kindheit und alle Ferien verbrachte, ist die Hobmeierin verwurzelt. Sie beherrscht den derbsten, g´schertesten Dialekt mit all den einschlägigen Schimpf- und Kraftausdrücken; sie verfügt über urbayerische Tugenden wie Sturheit, Erdung, Trotz, Widerborstigkeit, Eigensinn; und sie sagt Sätze wie: „Dieser Boden hier tut mir gut.”

Familie Hobmeier mit Hausarzt (rechts)

Familie Hobmeier mit Hausarzt (rechts)

Dass Brigitte Hobmeier, die ihre Schauspielausbildung an der Folkwangschule in Essen absolviert hat und danach fast zwei Jahre mit Steins „Faust“-Ensemble herumgetingelt ist, dass dieses weggezogene Münchner Kindl überhaupt von Stückls Neuanfang am Volkstheater erfuhr, ist Johan Adam Oest zu verdanken, dem Schauspieler vom Wiener Burgtheater, der in Steins Expo-„Faust“ einer der beiden Mephistos war. Er hat Brigitte Hobmeier gesagt: Du, da soll in München so ein Verrückter das Volkstheater übernehmen, das wär doch was für Dich . . .

Die Geschichte von Hobmeiers Vorsprechen am Volkstheater sollte man sich am besten von Christian Stückl erzählen lassen. Der weiß zwar nicht mehr, was die „Gitti“ ihm damals vorgespielt hat, dafür aber noch sehr genau, wie. Sie hatte nämlich eine Quarktasche dabei, und die muss sie so eindrucksvoll ausgepackt und auf der Bühne verspeist haben, dass Stückl sofort wusste: „Die wui i ham!“ 170 Schauspieler waren zu diesem Vorsprechen geladen, aber die Hobmeierin war die einzige, bei der er sich sofort sicher war. Es war übrigens die Restaurantszene aus Friederike Roths „Die einzige Geschichte“, die sie damals so quarktaschenverstärkt vorgetragen hat, und dann noch was aus der „Bernauerin“.

Preisträgerin mit Bürgermeisterin und Laudatorin

Preisträgerin mit Bürgermeisterin und Laudatorin

Hobmeier und Stückl – die beiden schienen in ihrer saftigen bayerischen Art wie für einander geschaffen, und wenn Stückl über die Hobmeierin sagt, sie sei ein „Theaterviech“, dann gilt das natürlich umgekehrt auch für ihn. Am Volkstheater avancierte Brigitte Hobmeier mit bayerischer Grandezza gleich in ihrer ersten Rolle, als Geierwally, zum Publikumsliebling – und dann sehr schnell zum Star des jungen Ensembles.

Als die „Gitti“, wie ihre Kollegen und Freunde sie nennen, in ihrer dritten Spielzeit dann wieder diesen Drang in sich spürte, der sie fort- und vorantreibt, da kündigte sie. Kündigte, ohne etwas Neues zu haben – aber sich auf Erfolgen auszuruhen, das ist ihre Sache nicht. Zum Abschied spielte sie bei Stückl noch die Lulu. Eine Paraderolle, weil diese Wedekind-Figur ähnliche Gegensätze in sich vereint, wie Brigitte Hobmeier sie als Schauspielerin ohnehin mitbringt: changierend zwischen Kindfrau und Vamp, Unschuldsengel und Mordsweib, zwischen Frömmigkeit und Frivolität, Entrücktheit, Derbheit und Arroganz – all das, was den speziellen Hobmeier-Mix ausmacht, dieses bayerisch-sommersprossig-bleichgesichtig-rothaarig-katholisch-ätherisch-Robuste, wenn Sie verstehen, was ich meine . . .

Die Ausgezeichnete beim Fototermin mit blauem Sofa

Die Ausgezeichnete beim Fototermin mit blauem Sofa

(Lassen sie mich an dieser Stelle einen aktuellen Einschub machen. Denn als ich heute auf Facebook auf diese Preisverleihung hingewiesen habe, da postete der Berliner Schauspieler Thomas Arnold einen Kommentar, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Er schrieb:

„Eine Kollegin, die den Glanz der früheren Zeit und den Heiligenschein ins Theater zurückgebracht hat – als Theater noch etwas Besonderes, Außerordentliches war. Sternenstaub und Handwerk sind hier wieder vereint.“)

Als sie 2005 an die Kammerspiele wechselte – sie selbst hat sich an dem Haus beworben –, da sagte der Intendant Frank Baumbauer zu ihr: „Hier werden Sie´s nicht so gut haben wie am Volkstheater.“  Wohl wahr, wenn man bedenkt, wie klein sie in diesem Edel-Ensemble angefangen hat. In Tschechows „Kirschgarten“ spielte sie 2006 die Anja, zu der Tschechow einmal in einem Brief anmerkte: Sie ist eine so unwichtige Figur, mir ist ganz egal, wer sie spielt.

Oder dann ihre Rolle in dieser grässlichen Fosse-Inszenierung von Laurent Chétouane!

Und noch mal die Hobmeierin

Und noch mal die schöne Hobmeierin

Aber Brigitte Hobmeier wollte es ja wissen, wollte nicht, wie sie es selbst ausdrückt, „Prinzessin sein im geschützten Hort“, sondern sich messen, sich stellen, herausgefordert werden an einem großen Haus mit vielen Stars und tollen Leuten. Und sie hat ja auch das Beste daraus gemacht, hat sich – wie auch jetzt wieder in „Hotel Savoy“ – mit der ihr eigenen Unbedingtheit in diese Minirollen gestürzt, ihnen Aufmerksamkeit, Bedeutung erspielt. Sie ist zwar eine geborene Hauptdarstellerin, aber eben auch eine großartige Supporterin – von wegen „Diva“!

Die Saison 2006/07 wurde dann ihre Spielzeit, da hat Brigitte Hobmeier ihre Kammerspiele-Chance erhalten. Zunächst als Elisabeth in Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, diesem unsentimentalen Sozialstaats-Totentanz, inszeniert von Stephan Kimmig. Hobmeier, einst Herzerlverkäuferin auf dem Oktoberfest (damit verdiente sie sich ihr Schauspielstudium), war die Idealbesetzung für Horváths traurige Glücksritterin: eine kraftvolle Unterschichtskämpferin, die sich taff, kokett und überaus trotzig zur Wehr setzt gegen die Zumutungen des Lebens. Die nie Glück hat – und trotzdem weitermacht. Bis sie sich am Ende bäuchlings auf der Bühne in einer Pfütze ertränken will, aber nicht einmal dieses Glück wird ihr gewährt. Ihr Japsen klingt einem bis heute in den Ohren. Was für eine Szene! Nicht umsonst hat sie für diese Rolle den „Faust“ als beste Darstellerin erhalten.

Dann kam Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, gebürtiger Niederbayer, aufgewachsen in Landshut, mit der Hobmeierin sofort auf einer Wellenlänge. Er inszenierte mit ihr als erotischen Fixstern Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“. Das war ein Abend, an dem sie aufs Schönste ihren kühlen Sex-Appeal ausspielen konnte und einen mit ihrer Hanna-Schygullahaftigkeit schier verblüffte.

Große Kolleginnen: Gundi Ellert, Doris Dörrie und (Hobmeiers erste "Filmmutti") Ulrike Kriener

Große Kolleginnen: Gundi Ellert, Doris Dörrie und (Hobmeiers erste "Filmmutti") Ulrike Kriener

Es war übrigens diese Rolle, in der sie Flo, ihr Mann, zum ersten Mal auf der Bühne sah. Kein Witz! Sie hatte es ihm verboten, sie im Theater zu sehen, wollte das Berufliche stets raushalten aus ihrer Beziehung. Und er hatte sich bis zu dieser Premiere auch immer daran gehalten. Nun aber ging er in einen Kostümverleih, klebte sich einen Schnurrbart an und kam: inkognito.

So viel zu den Eigentümlichkeiten in der Hobmeier-Ehe. Der Mann, ein Münchner, ist übrigens studierter Mathematiker, aber innerlich ein berufener Schriftsteller – als solcher hat er sich im Moment nach Berlin zurückgezogen, um seinen ersten Roman zu schreiben. Sollte er wider Erwarten heute Abend hier sein, dann sicher in guter Verkleidung. – Die beiden haben übrigens einen Sohn miteinander, den kleinen August. Er wird im September sechs.

Im April 2009 folgte, wieder mit Ostermeier, „Susn“ von Herbert Achternbusch, ein Stück aus den achtziger Jahren, aber wie geschrieben für die Hobmeier. Sie hat den Text dieser weiblichen Passionsgeschichte nicht einfach nur gespielt, sie hat ihn durchdrungen, ihn sich mit Leib und bayerischer Seele anverwandelt – und die Titelfigur dann auch gleich in allen Altersstufen gespielt. Es ist eine Wandlung über vier Lebensalter hinweg: vom aufmüpfigen Dorfmädchen im Beichtstuhl über die zornig-depressive Studentin in der Großstadt, die an der Seite des lieblosen Herbert verkümmert – bis hin zur vergrämten alten Alkoholikerin auf der Kloschüssel.

Es war ein brillanter Soloabend. Rau, ehrlich, schonungslos. Völlig uneitel. Ein Abend, der auch über die Videolandschaftsbilder sehr viel von Heimat erzählte, von Bayern, von dieser waidwunden Sehnsucht derer, die dieses Land lieben und hassen und fliehen wollen – und ihm doch nie entkommen. Brigitte Hobmeier hat diese Rolle ein „Geschenk“ genannt, weil sie da nicht nur aus dem Vollen, sondern auch aus ihrem Innersten schöpfen und sich mit all ihrer Spielgier hineinschmeißen konnte.

Brigitte Hobmeier zeigt maiken Hagemeister das Geschenk von Sepp Bierbichler: Eine Erstausgabe von Achternbuschs "Susn". Er hat sie, wie eine Widmung zeigt, von Achternbusch selbst bekommen. Nun gab er das Buch an die Susn-Darstellerin Hobmeier weiter, verpackt in einem Gefrierbeutel und versehen mit der Widmung "Servus Howe" (so nennt er die Hobmeierin auf gut Bayerisch).

Brigitte Hobmeier zeigt der Kammerspiele-Pressefrau Maiken Hagemeister das Geschenk von Sepp Bierbichler: eine Erstausgabe von Achternbuschs "Susn". Er hat sie, wie eine Widmung zeigt, von Achternbusch selbst bekommen. Nun gab er das Buch an die Susn-Darstellerin weiter, verpackt in einem Gefrierbeutel und versehen mit der Widmung "Servus Howe" (so nennt er die Hobmeierin auf gut Bayerisch).

Auch für uns Zuschauer war der Abend ein Geschenk, und so möchte ich Johan Simons, den neuen Intendanten, an diesem Abend herzlichst ersuchen, „Susn“ doch bitte wieder in den Spielplan zu nehmen. Auch wenn das vielleicht nur Bayern verstehen . . . aber diese Inszenierung rührt an unsere ureigensten Empfindungen und Prägungen. Sie erzählt davon, dass Bayern weniger ein Land als ein Zustand ist. Man würde diesen Abend gerne noch da haben und besuchen können, wie eine Andacht oder einen guten alten Bekannten. Und so schön es ist, Brigitte Hobmeier als Sissi in „Ludwig II.“ zu sehen – als Susn hätten wir noch viel mehr von ihr.

Aber wir müssen ja schon froh sein, dass sie uns überhaupt erhalten geblieben ist. Ostermeier wollte sie an die Berliner Schaubühne abziehen (sie hat dort bei ihm in den „Dämonen“ von Lars Norén gespielt), auch Film und Fernsehen kommen immer wieder auf sie zurück (erst im Mai lief mit ihr der viel beachtete ZDF-Film „Die Hebamme“), und das ist ja alles auch kein Wunder bei dieser Ausnahmeschauspielerin mit diesem Ausnahmegesicht.

Noch ein Wort dazu, dass es manchmal heißt, sie sei schwierig oder zickig. Wahrscheinlich ist das nur ihrer Unbedingtheit und ihrer niederbayerischen „Wuidheit“ geschuldet. Brigitte Hobmeier sagt: „Ich lass mich ungern komplett fremd bestimmen.“ Und sie verweist auf den raueren, viel direkteren Umgangston, mit dem sie, das Arbeiterkind, aufgewachsen ist.

Wenn Hobmeier aufstampft und zu einem Regisseur sagt: „So a Schmarrn!“, dann bedeutet das in etwa so viel, wie wenn ein Kollege aus nördlicheren oder wohlerzogeneren Gefilden sagen würde: „Du, könnten wir in dieser Szene vielleicht noch mal etwas Anderes ausprobieren?“

Alles gesagt: Die Laudatorin verlässt den Schauplatz - und gratuliert herzlichst!

Alles gesagt: Die Laudatorin verlässt den Schauplatz - und gratuliert herzlichst!

Nein nein, das passt schon so, wie sie ist. Dafür kriegt sie jetzt auch den Münchner Theaterpreis. Und dafür hat sie letztes Jahr in Regensburg bei den Bayerischen Theatertagen – mit „Susn“ – auch jenen Preis einer Jugend-Jury bekommen, der sich „Die Rampensau“ nennt. Das ist sehr schön, denn damit ist die Intensivschauspielerin Brigitte Hobmeier eine urkundlich beglaubigte Rampensau.

Herzlichen Glückwunsch!

14.12.10 | 22:56 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 1 Kommentar

Hermine-Körner-Ring für Hildegard Schmahl

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Berliner Akademie der Künste

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Akademie der Künste Berlin

Hildegard Schmahl sagt, sie trägt keinen Schmuck. Nie. Über den Hermine-Körner-Ring, den sie am Montagabend in den Münchner Kammerspielen überreicht bekam, freut sie sich trotzdem. Sehr sogar. Eigentlich ist dieser Ring ja auch gar nicht zum Tragen da. Sondern zum Haben und Aufbewahren und zum Sich-daran-Freuen. Ihn zu besitzen, ist für eine Schauspielerin eine ehrenvolle Auszeichnung: eine auf Lebenszeit – und für ein Lebenswerk, vergeben von der Sektion Darstellende Kunst der Berliner Akademie der Künste.

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring

Der Ring ist eine eingefasste persische Münze, die aus Salamis stammen und auf dem Schlachtfeld von Marathon gefunden worden sein soll. Die Schauspielerin Hermine Körner erhielt ihn 1960 anlässlich eines Gastspiels der „Perser“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen als Schenkung des Kunsthistorischen Museums Essen. Körner, die noch im Dezember des selben Jahres verstarb, verfügte testamentarisch, dass der Ring auf Lebenszeit an ihre Kollegin Roma Bahn übergehen und später immer im Besitz einer – Achtung! – „Schauspielerin mit ernsthaftem Streben“ sein solle.

Nach dem Tod Roma Bahns ging der Ring 1975 an Marianne Hoppe und dann 2004 an Gisela Stein, die im Mai letzten Jahres starb. Seit gestern ist nun Hildegard Schmahl die neue Trägerin. Gratulation! Eine gute und richtige Entscheidung der Akademie. Hildegard Schmahl, die in diesem Blog schon von mir gewürdigte Grande Dame der Münchner Kammerspiele, ist nicht nur eine Schauspielerin mit wahrlich “ernsthaftem Streben”, sondern auch eine, die in diesem ihren Streben absolut offen und modern ist, eine, die sich ihre Neugier bewahrt hat und nie stehen geblieben ist.

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons

Den Ring bekam Frau Schmahl am Montag direkt nach der Vorstellung von Elfriede Jelineks “Rechnitz (Der Würgeengel)” auf der Bühne der Kammerspiele verliehen. Weshalb die Geehrte passenderweise noch das seidenblau schimmernde Abendkleid der von ihr so gespenstisch-maliziös verkörperten Jelinek-Botin trug, als ihr der Berliner Theaterhistoriker Klaus Völker den Preis ansteckte.

Völker informierte über die Geschichte des Preises und die künstlerischen Biografien der Schauspielkünstlerinnen Körner und Schmahl (mehr dazu hier) und würdigte die neue Ring-Trägerin für ihre “von Lebenserfahrung und Lebensschmerz gezeichneten Anti-Mutti-Frauendarstellungen”.

Die eigentliche Laudatio – im Grunde eine Liebeserklärung – kam von “Rechnitz”-Regisseur Jossi Wieler, mit dem Hildegard Schmahl in vielen schönen Inszenierungen zusammengearbeitet hat, angefangen 2001 mit “Alkestis”. Damals spielte sie die Mutter, eine Rolle, die es bei Euripides gar nicht gibt und von Wieler als stumme Figur hinzuerfunden wurde. Es war Schmahls Einstand an den Münchner Kammerspielen zum Start von Frank Baumbauer, und Wieler erzählt, wie er sie für diese (scheinbar kleine) Rolle gewinnen konnte. Auch später hat Hildegard Schmahl bei Wieler eigentlich immer Mütter gespielt und dabei, wie Wieler sagt, “autoritäre Strukturen entlarvt”, mit einem großen “Wissen um dieses Schmerzpotenzial”.

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler

“Hilli” wird Hildegard Schmahl von ihren Schauspielerkollegen liebevoll genannt, und “Hilli” nennt sie, voller Zuneigung und Zärtlichkeit, auch Jossi Wieler, der sie in seiner Laudatio direkt adressiert, wenn er ihren Mut, ihre Offenheit, ihr “untrügliches Gespür” und ihr “unerbittliches Ringen um einen natürlichen Ausdruck” rühmt: “So wie im Leben, so kämpfst du auch im Theater für Wahrheit und Gerechtigkeit.”

Aber er preist sie nicht nur als “Ausnahmeschauspielerin”, sondern auch für ihre “legendären Feste”, für ihr “Engagement für jeden im Ensemble” und für ihre Qualität, ihre Kollegen bewundern, sich mit ihnen freuen und über sie staunen zu können.

Die solcherart Geehrte gluckst manchmal amüsiert über so viel Lob und erzählt im Anschluss, wie sie 1960 im Herbst als 20-Jährige eine der letzten Vorstellungen der damals 82-jährigen Hermine Körner als “Irre von Chaillot” sah. Schmahl zitiert jenen Satz der Körner, der ihr damals durch Mark und Bein und das Gehirn schoss: “Man kann sich lieben nur, weil man sich bei den Händen gehalten hat …”. Schmahl sagt, diese Worte hätten sie damals mit einer solchen Wucht erfasst und derart erschüttert, dass sie angefangen habe, “ganz furchtbar zu weinen” – so sehr, dass sie tatsächlich rausgehen musste aus dem Theater, “weil das ja auch störend war”.

Schmahl sagt, der Abend sei damals für sie eine Art Initiation gewesen, er habe ihr eine Richtung gewiesen, das Gefühl: “Hier trittst du ein in diesen Kreis” … in diesen Ort des Geistes und der Erinnerung, der das Theater sei – hier zitiert sie auch ihren neuen Intendanten Johan Simons -, ein “Ort, wo man übt, Mensch zu sein”.  Und nun der Hermine-Körner-Ring. “Ist ja unerhört”, sagt Schmahl gerührt. “Als wenn sich hier ein Kreis schließt.”

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker

Ein kleiner Kreis von Kollegen und Freunden stieß hernach bei einem Empfang im oberen Foyer der Kammerspiele noch mit der Preisträgerin an und begutachtete ihren Siegelring. Neben Katja Bürkle, André Jung, Steven Scharf und dem inzwischen ans Hamburger Thalia abgewanderten Hans Kremer, Schmahls Mitspielern in “Rechnitz”, waren auch Ensemblekollegen wie Sylvana Krappatsch, Walter Hess, Wolfgang Pregler und Peter Brombacher gekommen. Und auch Schmahls Kinder, Hannah und Sebastian Rudolph, waren da.

Geburtstagskind André Jung

Geburtstagskind André Jung

André Jung feierte übrigens gestern seinen 57. Geburtstag – na ja, soweit man das “feiern” nennen kann, wenn man an dem Abend auftreten und einen von Jelineks makabren Boten des Massakers von Rechnitz spielen muss. Aber der Schauspieler war ganz guter Dinge und braucht – nach der Knie-Operation, die er dieses Jahr absolvierte – auch keine Krücken mehr. Geburtstag hatten gestern, am 13. Dezember, u.a. auch die Theaterschauspielerinnen Edith Clever, Jutta Wachowiak (beide wurden 70) und Jutta Lampe (73).

Hildegard Schmahl wurde in diesem Jahr 70 (siehe meinen Blogeintrag hier). Aber wie schön sie gestern wieder strahlte! Wie gut dieser Frau das Alter steht … und ihr Ring natürlich auch.

P.S.: Alle Fotos sind von mir selbst mit meiner neuen Kamera gemacht. Die am Freitag verloren gegangene Kamera mit den Bildern von der SZ-Abschiedsfeier für Kilz ist leider nicht wieder aufgetaucht.

06.03.10 | 02:10 | Fernsehkultur | Kommentare 4 Kommentare

Birgit Minichmayr bei Harald Schmidt

Habe vorhin die Wiederholung der Harald Schmidt Show vom Donnerstag gesehen. Zu Gast diesmal: die Schauspielerin Birgit Minichmayr, deren Film “Alle anderen” (Regie: Maren Ade) jetzt auf DVD erscheint -- das war der Anlass. Toller Film übrigens, mit subkutaner Wirkung, auch Minichmayrs Filmpartner Lars Eidinger ist darin super.

Auftritt Birgit Minichmayr: pumuckelig, mit rotem, zausigem Wellenhaar, royalblauem Seidenkleid, Signalmund im blassen Gesicht -- sehr stark geschminkt. Schmidt, in aufrichtiger Verehrung und mit fachkundig-interessiertem Eleven-Blick, lobt sie über den grünen Klee. Auf so viel Schmeichelei kann man als Gerühmter ja immer schlecht was sagen, genauso wie auf die Eingangsfrage: “Warum sind Sie eigentlich so gut?”

Schmidt lobt Minichmayr noch ein bisschen, für ihre Leichtigkeit in “Alle anderen” und überhaupt … und findet dann (mit echter, wirklich echter Bewunderung): “Auf dem Theater sind Sie mindestens noch toller!!!” Tja, da kann man als Schauspielerin nur geschmeichelt lächeln und sich bedanken und hoffen, dass jetzt mal ein Gespräch losgeht …  und das tut es dann auch. Birgit Minichmayr erzählt von dem Regisseur Klaus Michael Grüber, mit dem sie als Anfängerin unbedingt hatte arbeiten wollen -- was ihr natürlich, wie scheinbar alles bisher, gelungen ist. Und sie erzählt von Klaus Maria Brandauer, ihrem “Entdecker”, wie Schmidt ihn anführt.

Entdecker? Na ja, vielleicht nicht unbedingt Entdecker, signalisiert Minichmayr, aber: “Förderer, Mentor, wichtiger Wegbegleiter” -- und immer noch ein guter Freund. Minichmayr hatte ihn als Lehrer am Wiener Max-Reinhardt-Institut, KMB hatte das Ausnahmetalent der burschikosen Linzerin gleich erkannt. 2002 besetzte er sie als Ophelia in seiner “Hamlet”-Inszenierung am Burgtheater. Damals, bei den Proben in Wien, habe ich Birgit Minichmayr kennengelernt und sie für meine Brandauer-Biographie (“Die Kunst der Verführung”) auch interviewt: als ehemalige Schülerin, die begeistert von Brandauers “Religionsstunden” erzählte, von seinem Improvisationsunterricht, von der Art, wie er die Leute fordert, herausfordert, provoziert. Mit dem Hamlet Michael Maertens wurde sie damals übrigens auch privat ein Paar. 2006 war Birgit Minichmayr dann auch bei Brandauers Inszenierung der “Dreigroschenoper” im Berliner Admiralspalast dabei. Sie spielte die Polly und schlug sich in dem Debakel sehr wacker. Mit ihrem Mackie Messer alias Campino wurde sie damals auch privat ein Paar …

Aber zurück zu Schmidt. Minichmayr wird dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen die neue Buhlschaft spielen und erzählte, dass sie sich schon mal darauf einstelle, “wie eine Mozartkugel behandelt und dauernd fotografiert” zu werden. Dabei sei sie nicht der Typ Schauspielerin, der bei jeder “Strumpfhosenshoperöffnung” oder “Krautfleckerl-Verkostung” dabei sein müsse. Lustig, wie bei dem Wort “Krautfleckerl-Verkostung” ihr breites Österreichisch durchkam -- das hat sie sonst aber inzwischen ganz gut im Griff. Und sollte sie etwa tatsächlich, wie letztes Jahr in einigen Interviews angekündigt, mit dem Rauchen aufgehört haben? Oder warum klang Minichmayrs sonst so kratzige Reibeisenstimme hier so zivil?

Sie haben dann noch über Frank Castorf und die Berliner Volksbühne geplaudert, wo die Minichmayr ja auch mal eine Zeit lang künstlerisch beheimatet war, bevor sie 2008 wieder an die Burg zurückkehrte. Sie rühmt das Volksbühnen-Ensemble als “autonom, sehr eigenständig, selbstbewusst”, das habe ihr gut gefallen: dass man da als Schauspieler “nicht so zum Material verkommt”.

Ein neuer Film ist vorerst offenbar nicht in Sicht. Birgit Minichmayr sagt, man merke hier die Auswirkungen der Krise: Sperrige Filmprojekte seien derzeit schwer zu finanzieren. Und sie nehme sich den Luxus heraus, auf die Projekte zu warten, die sie wirklich interessieren.

Das ist natürlich sehr sympathisch. Aber sie kann es sich ja auch leisten. -- “Genau!”, würde sie jetzt wohl sagen, so wie sie diesen Ausdruck der Zustimmung die ganze Zeit über in der Sendung gebraucht hat: “Genau!” Für jeden journalistischen Interviewer wäre so eine Dauergesprächsreaktion der Bejahung und Affirmation ein Armutszeugnis. Nicht für Harald Schmidt, denn bei ihm geht es im Gespräch um -- genau: Akklamation.

Siehe dazu hier den lustigen “Genau!-”-Zusammenschnitt auf YouTube:

“Ging ja schnell”, sagte Birgit Minichmayer am Ende sichtlich erleichtert (denn sie war natürlich aufgeregt, worüber ihre allzu betont lockere Schmollmund-Frische nicht hinwegtäuschen konnte). Es klang wie nach einem unerwartet schmerzfreien Zahnarztbesuch. Dabei zieht Harald Schmidt doch längst keine Zähne mehr. Vielmehr dürfen die Gäste sich freuen: Er schmiert ihnen Honig um den Mund.

06.02.10 | 15:33 | Glückwunsch! | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Hildegard Schmahl wird 70 – auch Jelinek gratuliert

Heute feiert die wunderbare Schauspielerin Hildegard Schmahl ihren 70. Geburtstag.

Herzlichen Glückwunsch!


Schmahl

Hildegard Schmahl ist ein Nordlicht – eigentlich ist Hamburg ihre Stadt. Dort ist sie, als Flüchtlingskind aus Pommern, in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Dort hatte sie, Ende der 50er Jahre, ihr erstes Engagement am Thalia Theater, wo sie als Aschenputtel debütierte. Dort war sie dann (nach Engagements in Bochum und Berlin) Anfang der Achtziger am Deutschen Schauspielhaus – mit ihrem damaligen Mann, dem Regisseur und Intendanten Niels-Peter Rudolph. Nach einer Auszeit in Rom und einigen Jahren bei George Tabori in dessen Wiener Theater “Der Kreis” ging sie 1990 wieder nach Hamburg ans Thalia, diesmal unter der Intendanz von Jürgen Flimm.

Der Intendant Frank Baumbauer hat die Schauspielerin schließlich überredet, mit ihm nach München zu gehen. Seit 2001 gehört sie zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Dort steht sie heute Abend wieder als Prospero in Shakespeares “Der Sturm” auf der Bühne, das hat sie sich gewünscht. Sie sagt: “Das ist auch ein Danke an meinen Beruf.” Der Beruf hat Hildegard Schmahl immer Halt gegeben und sie durch die dunkelsten Phasen ihres Lebens getragen – und es gab in ihrem Leben viele solcher dunklen Phasen, Zeiten der Depression und des Schmerzes. Aber gerade, weil diese Schauspielerin so leidgeprüft und leiderfahren ist, haben ihre Figuren auch eine besondere, oft sehr abgründige Tiefe und, wie ich das nenne, eine gefährlich schimmernde Durchlässigkeit.

Das Foto entstand Ende Januar bei einem Gespräch mit Hildegard Schmahl im Kammerspiele-Restaurant “Conviva”, dem “Blauen Haus”. Es war ein sehr persönliches Gespräch, kein normales Interview. Das Porträt, das daraus entstanden ist, kann man in der aktuellen Wochenendausgabe der SZ nachlesen, im Feuilleton.

—————————– NACHTRAG ———————————-

Schmahl-Rosen

Das Geburtstagsfest für die Schauspielerin, am Samstagabend nach der “Sturm”-Vorstellung, war rauschend und sehr sehr rührend. Absolut liebevoll. Die Kammerspiele-Kollegen haben für Hildegard Schmahl, die sie “Hilli” nennen, ein selbst gedichtetes Lied gesungen (“Hilli”, nach der Melodie von “Sunny”) – wunderbar. Und sie haben ein unglaubliches Büffet hingezaubert, alles selbst gebacken und gekocht. Das scharfe Chili con Carne von André Jung zum Beispiel: ein Gedicht! Und dann all diese köstlichen Kuchen und Torten!

Die Schauspielerin Katja Bürkle las Geburtstagsgrüße von Regisseuren wie Jürgen Flimm, Stephan Kimmig und Jossi Wieler vor. Und auch Elfriede Jelinek hat für Hildegard Schmahl, die in ihrem Stück “Rechnitz” eine so funkelnd zwielichtige Botin spielt, einen Text geschrieben.

Hier die Worte von Elfriede Jelinek – ich habe mir die Genehmigung für die Veröffentlichung dieses sehr persönlichen Geburtstagsgrußes per E-Mail bei Frau Jelinek eingeholt. Und sie bekommen. Danke, liebe Elfriede Jelinek!

Die haben immer noch nicht genug, diese Frauen. Da kann eine siebzig Jahre alt werden, und sie hat dann immer noch nicht genug, und wir haben auch nicht genug von ihr, wir können gar nicht genug von ihr bekommen, nie, es wäre nie genug, das ginge gar nicht. Sie muss weiter sprechen, auch wenn ich vielleicht manchmal an ihr vorbeigesprochen haben mag, sie hat nie an mir vorbeigesprochen, sie hat genau mich angesprochen, obwohl ich kannte, was sie sagte, mich mit größter Genauigkeit angesprochen; sie spricht wie eine Nachtwandlerin, sie spricht wie eine Tagwandlerin, sie wandelt, was ich schreibe, in Sprechen, und das schon so lange. Ich bin ganz ergriffen von ihr, was für eine Abenteurerin des Sprechens, und das schon so lange!

Ich gestatte mir, irgendwas zu sagen, aber so wie sie es sagt, schon so lange sagt, verschwindet das alles hinter ihr und wird erst recht, viel mehr als ich das könnte, zu meinem Sagen und wird wieder unsagbar, obwohl es gesagt werden musste, dieses Hindernis überwindet sie mühelos, jedes Hindernis überwindet sie, es ist einfach schön, wie sie es sagt, auch wenn es schrecklich ist, es ist unsagbar schön. Ich freue mich über sie und gratuliere ihr herzlich. Sie wissen, wen ich meine, aber jetzt wieder an die Arbeit! Weiter im Text!

Hildegard Schmahl mit Familie: Tochter Hannah Rudolph (Regisseurin), Sohn Sebastian Rudolph (Schauspieler am Hamburger Thalia Theater) und Enkel Anton (Sohn von Sebastian Rudolph)

Hildegard Schmahl mit Familie: Tochter Hannah Rudolph (Regisseurin), Sohn Sebastian Rudolph (Schauspieler am Hamburger Thalia Theater) und Enkel Anton (Sohn von Sebastian Rudolph)

Als Zehnjährige hatte Hildegard Schmahl in einem Schulaufsatz geschrieben, was sie einmal werden möchte: “Schauspielerin, von allen geliebt und verehrt.” Wie schön, wenn sich ein Leben solchermaßen erfüllt.

02.12.09 | 17:32 | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Der ewige Misfit

Die Vergangenheit kommt manchmal so wunderschön unschuldig daher -- heute dürfen sich Hollywoodstars ja kaum beim Rauchen erwischen lassen, aber ein Star mit Joint, vor laufender Kamera? Gott bewahre! Es ist unlängst ein Stückchen Film aufgetaucht -- irgendwo auf einem Dachboden -- auf dem Marilyn Monroe, der ewige Misfit, zu sehen ist, in den Fünfzigern, und ja, das sieht schon verteufelt bekifft aus. Aber glücklicher und gelassener hat man sie nur selten gesehen….

21.11.09 | 01:30 | Fernsehkultur | Kommentare 1 Kommentar

Anne Tismer bei Harald Schmidt

Ist ja schon sehr cool, wie unerschrocken und von keinem Quotendruck beunruhigt Harald Schmidt gegen alle Populärfernsehgesetze Theaterleute in seine Show lädt, um kollegial mit ihnen zu fachsimpeln -- auf Augenhöhe, versteht sich, er ist inzwischen ja selber Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Stuttgart. Neulich war der Schauspieler Ulrich Matthes bei ihm zu Gast, und sie redeten so selbstverständlich über den verstorbenen Jürgen Gosch, als sei dieser auch außerhalb der Theaterszene jener berühmte Regiemeister, als der er in der deutschsprachigen Bühnenlandschaft verehrt wurde -- und als der er fehlt.

Und nun also Anne Tismer, die jetzt bei Schmidt überhaupt zum ersten Mal in einer Fernsehtalkshow auftrat. Ich fürchtete ja erst, sie würde in ihrer immer sehr ungeschützten, manchmal so zerbrechlich und kindlich naiv wirkenden, völlig fernsehstaruntauglichen, masseninkompatiblen, für die meisten wohl etwas durchgeknallten Künstlerinnenart ausgestellt und vorgeführt werden. Aber auch wenn man ihr die TV-Unerfahrenheit natürlich anmerkte, und zwar bis hinein in ihr glucksendes Kinderlachen, schlug sich Tismer wacker: einfach durch Authentizität. Dazu gehörte, dass sie von selber gleich mal einräumte, dass sie “eine leichte Form von Asperger” habe, also eine Form von Autismus, und dass sie deshalb oft “nicht so viel mitkriege” und alles “wie unter einer Glasglocke” erlebe, auch bei Proben und auf der Bühne. Es gäbe dann durchaus Kritik von den Kollegen, aber diese Kritik, sagte Anne Tismer, die verstehe sie oft gar nicht -- oder erst ein paar Jahre später. Aber Barack Obama müsse ja auch viel Kritik einstecken. Na dann …

Das Gespräch gibt es inzwischen als Video auf YouTube:

Die Theaterprobe, die Anne Tismer dann mit einem leidenschaftlich furzend sich ins Zeug werfenden Harald Schmidt aufführte (“Hitlerine in der afrikanischen Wüste”), hat mich aber, bei aller Liebe, wirklich abgehängt. Voll strange. Schwer zu sagen, worum es da -- außer um einen vollgekackten Jeep -- ging und wo der tote Fötus mit Nabelschnur herkam. Tja, und lustig war Schmidts Performance als Ameise auch nicht. Aber sehen Sie selbst:

Tismers “Hitlerine” hat am 31. Januar in der Berliner Volksbühne Premiere. Hier ein Link auf Anne Tismers Website, wo man sich einen Reim machen kann auf ihre Arbeitsphilosophie:

ich fang so an eine sache zu schreiben
von so themen die mich interessieren
oder wo ich nicht mit zurande komm
und dann bau ich mir noch zeug dazu
damit ich das bildlich vor mir habe
und dann stell ich das alles zusammen auf
manchmal alleine und manchmal mit burkart
und manchmal mit den andern von “gutestun”
und manchmal in lomé mit meinen freunden da
und dann wurschtel ich da so rum
und geh durch alles immer wieder durch
bis ich das kann und die andern auch
und so kommt das dann zustande

(anne tismer)

24.10.09 | 16:34 | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Drei Schwestern suchen einen Regisseur

 

Sunnyi Melles, Hildegard Schmahl, Angela Winkler

Sunnyi Melles, Hildegard Schmahl, Angela Winkler

Sunnyi Melles, Hildegard Schmahl, Angela Winkler: drei großartige, immerschöne, sehr besondere Schauspielerinnen, die man schon deshalb nie so vergnüglich Seit an Seit sieht, weil sie sich selber so selten sehen. Sie haben noch nie miteinander in einem Stück gespielt, schätzen sich aber sehr und würden, wie sie sagen, ja schon gerne mal … Auf diesem Foto empfehlen sie sich als Tschechows “Drei Schwestern”. Was für eine Besetzung! Wer von den dreien nun Mascha, Olga und Irina ist, müsste noch ausgehandelt werden. Ein Regisseur wird sich ja wohl finden lassen.

Entstanden ist das Bild am Freitag, 23. Oktober, im Gartensaal des Münchner Prinzregententheaters am Ende der Gala “10 Jahre Suchers Leidenschaften”. Bei Bernd Suchers Literatur-Programm standen – oder besser gesagt: saßen – die drei Schauspiel-Diven als Vorleserinnen zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Mehr dazu in meinem nächsten Blog-Eintrag.

Hier muss es unbedingt noch um das Schuhwerk von Sunnyi Melles gehen. Die edlen schwarzen High Heels, die sie zum kleinen Schwarzen trug, tauschte die verheiratete Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein am Ende der Party gegen Gummistiefel in schreiendem Rosa aus. Mit ihrer Geisha-Applikation und dem Aufdruck “Kiss Death” sahen sie aus wie von einem Manga-Zeichner entworfen. Ganz falsch: Es sind Rain Boots von Ed Hardy. Frau Melles ist so begeistert davon, dass sie die Stiefel nicht nur ihren Kindern kauft, sondern auch selber trägt. Sehr schrill. Angela Winkler war derart fasziniert, dass sie vor ihrer Kollegin buchstäblich in die Knie ging, um Material und Aufdruck näher zu inspizieren.

 

Sunnyis Stiefel /       Fotos: cd

Sunnyis Stiefel / Fotos: cd

 

Wo man die drei Schauspielkünstlerinnen sonst sieht:

Sunnyi Melles gehört noch immer zum Ensemble von Dieter Dorn (früher Kammerspiele, seit 2000 Bayerisches Staatsschauspiel München) und glänzt im Residenztheater in Yasmina Rezas Erfolgsstück “Der Gott des Gemetzels”. Am Wiener Burgtheater spielt sie bei Matthias Hartmann in Thomas Bernhards “Immanuel Kant”. Im Kino ist sie derzeit in dem Film “Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen” zu sehen (Regie: Margarethe von Trotta), als Mutter von Hannah Herzsprung.

Hildegard Schmahl ist die Grande Dame im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Sie spielt dort zum Beispiel einen wunderbaren Prospero in Shakespeares “Der Sturm” (Regie: Stefan Pucher), und man sollte sie unbedingt in Elfriede Jelineks “Rechnitz (Der Würgeengel)” sehen.

Angela Winkler, die unvergessene Rollen im Theater des jüngst verstorbenen Peter Zadek hatte, spielt an verschiedenen Bühnen. Am Berliner Ensemble ist sie zum Beispiel die Jenny in der “Dreigroschenoper” von Robert Wilson und singt sehr schön den “Salomon”-Song. An der Berliner Schaubühne spielt sie in der Regie von Thomas Ostermeier die Ella in Ibsens wieder hochaktuellem Bankiersdrama “John Gabriel Borkman” (mit Sepp Bierbichler). Sie wirkte auch in Christoph Schlingensiefs “Kirche der Angst” mit. Volker Schlöndorff, mit dem sie in den siebziger Jahren “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” und “Die Blechtrommel” drehte, war in diesem Jahr auch im Theater ihr Regisseur: in Leo Tolstois “Und ein Licht scheint in der Finsternis”.