28.07.10 | 18:20 | Begegnung mit ... | Festivals | Kommentare 0 Kommentare

Salzburger Festspiele (1): Der eine Jedermann und der andere

Simonischek-Ofczarek

Da stehen sie, Auge in Auge, Kopf an Kopf: der alte Salzburger Jedermann und der neue – Peter Simonischek, der seit der Neuinszenierung von Christian Stückl im Jahr 2002 sage und schreibe 108 “Jedermann”-Vorstellungen hingelegt hat, und sein Nachfolger Nicholas Ofczarek, der als Titelheld in Hugo von Hofmannsthals unverwüstlichem Katholenspiel gerade erst anfängt. Mit 39 Jahren ist er der jüngste Jedermann aller Zeiten. Seine Buhlschaft ist Ofczareks Burgtheater-Kollegin Birgit Minichmayr, sie haben auch schon im “Weibsteufel” schnabulierend kooperiert.

Das Foto entstand vor der Premiere von Peter Steins “Ödipus auf Kolonos” im Theaterhof auf der Perner-Insel. Als ich die zwei Jedermänner beieinander stehen sah, bat ich um ein Foto, woraufhin die beiden nicht etwa Seit an Seit in die Kamera strahlten, sondern bewusst diese kritisch sich beäugende Hahnenkampfpose einnahmen, Stirn an Stirn, Hirn an Hirn. Nur keine falsche Zweieinigkeit: Sie sind nun mal Konkurrenten.

Ich war erstaunt über so viel Ehrlichkeit in der Pose. Man kann sich ja denken (und hört es von Leuten, die ihn kennen), dass es für Simonischek nicht leicht ist, den Jedermann nach acht Jahren abzutreten (er liebte diese Rolle und den in Österreich damit verbundenen Ruhm, suhlte sich darin) – und dass es andererseits für Ofczarek anstrengend ist, in dieser Rolle sehr genau unter die Salzburg-Lupe genommen und permanent mit dem populären Simonischek verglichen zu werden.

Simonischek behauptet, ich sei die Einzige, die so ein Foto mit ihnen beiden bekommen habe – allein schon deshalb, weil sie bei der Stein-Premiere zum ersten Mal in Salzburg zusammengetroffen seien; er scheint dem neuen Jedermann zunächst mal lieber aus dem Weg gegangen zu sein – und unterstrich damit den Seltenheitswert: “Also, machen Sie was draus.”

Einen Tag später habe ich Simonischek dann noch mal bei einem Empfang getroffen – an der Seite seiner lebendigen, sympathischen, von ihm selbst als “wunderbar” bezeichneten Frau -, und als wir kurz noch mal über seine Zeit als Jedermann sprachen, kam Simonischeks ganzer Stolz darüber zum Ausdruck. Er war der vierzehnte Jedermann, ein wahres Jeder-Mannsbild – der mit den meisten Buhlschaften, nämlich vier: Veronika Ferres, Nina Hoss, Marie Bäumer, Sophie von Kessel, “ein absoluter Rekord”. Alexander Moissi, der allererste Jedermann in Max Reinhardts Urinszenierung von 1920, hat 64 Vorstellungen gespielt. Ungefähr 550 Aufführungen sind seither über den Domplatz gegangen. Dass Simonischek davon allein 108 bestritten hat, ist ebenfalls rekordverdächtig.

Nächste Woche, am 6. August, wird Peter Simonischek 64, und wie der Salzburger Klatschpresse zu entnehmen ist, macht er dann endlich mal zur Festspielzeit Urlaub. Es hat auch sein Gutes, kein Jedermann zu sein.

28.05.10 | 12:39 | Begegnung mit ... | Kritikerlust | Theater | Kommentare 1 Kommentar

John Malkovich in “The Infernal Comedy”

Foto: dpa

Foto: dpa

Sieht man dem Kino dabei zu, wie es entsteht, ist das meistens eine ziemlich langweilige Sache: Viele Menschen tun sehr wenig, und wie die Szene aussehen soll, die da gedreht wird, geschweige denn der ganze Film, kann man nicht einmal erahnen. Vielleicht ist das ja, wenn man John Malkovich beim Drehen zuschaut, anders – ihm bei einer Theaterprobe zusehen ist jedenfalls ein Zuckerl.
Ich durfte zusehen, wie er im Ronacher in Wien das Stück “The Infernal Comedy” probte – Malkovich als Jack Unterweger, der österreichische Prostitutiertenmörder, der sich 1991
Malkovichs Unterweger liest in dem Stück aus einem Buch, dass er nach seinem Tod geschrieben hat, erzählt aus seinem Leben, und zwei Sopranistinnen begleiten das in wechselnden Rollen – und werden immer mal wieder von ihm mit ihrem Büstenhalter gemeuchelt. Im Ronacher probte er als mit Aleksandra Zamojska, außer dem Regisseur (und Autor) Michael Sturminger waren nur noch zwei Leute von der Produktion dabei – wenn man da als Journalistin drin sitzt ist, ist man also mangels Konkurrenz das Publikum. So direkt angespielt wird man im Theater natürlich nie, selbst wenn ein Schauspieler das tut, würde man es nicht merken.
Bei Malkovich, der zu allem, auch zu sich selbst und ganz besonders zu Jack Unterweger eine ironische Distanz hat, ist das jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis: Der große Löwe…ganz ruhig und im nächsten Moment furchterregend. Wenn man ihm zusieht, ist auch klar, warum der Mann immer sagt, er nehme seine Charaktere – anders als viele Schauspieler – abends nicht mit heim, denn er legt sie von einer Sekunde auf die andere ab. Die Figuren, die er spielt, gehen durch ihn hindurch, sagt Malkovich achselzuckend im Interview, dass der Anlass gewesen ist für den Probenbesuch (erscheint in der SZ am Wochenende vom 29. Mai).
In Deutschland ist das Stück vom 2. bis zum 6. Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen. Gerne, sagten Malkovich und Sturminger, wären sie mit der “Infernal Comedy” auch nach München gekommen – aber bislang hat kein Münchner Theater sie eingeladen.

31.03.10 | 17:06 | Begegnung mit ... | Glückwunsch! | Kommentare 5 Kommentare

Rolf Boysen 90

Boysen

Heute wird der großartige Schauspieler und Sprechkünstler Rolf Boysen 90 Jahre alt. NEUNZIG – das muss man erst mal hinkriegen! Noch dazu so wie Boysen, der überhaupt nicht senil und gebrechlich, sondern grandseigneurhaft würdig, körperlich rüstig und geistig absolut rege wirkt. Und darüber hinaus auch noch sehr charmant und geistreich ist.

Für einen Geburtstagsartikel im Feuilleton (heutige Printausgabe) habe ich den Schauspieler letzte Woche in Begleitung der Fotografin Regina Schmeken in Bad Wiessee am Tegernsee besucht. Er weilte dort in der Fachklinik Medical Park, einer Kurklinik für Orthopädie und Sportmedizin, mit der schönen Adresse “Am Kirschbaumhügel”. Ich dachte schon, er würde uns in Krankenhauskleidung und/oder gar im Rollstuhl empfangen. Aber nein: Er war gekleidet wie ein englischer Gentleman und wirkte auch sonst rein gar nicht wie ein Patient (siehe meine Fotos). Auf die Frage, was der Grund seines Klinikaufenthalts sei, erzählte er uns die Geschichte seines Sturzes (der übrigens schon ein ganzes Weilchen her ist): Wie er zu Hause, als er eine Flasche Wein holen wollte, rückwärts die Kellertreppe hinabgefallen ist … und sich dabei einen doppelten Wirbelbruch zugezogen hat. Zwei Schrauben habe er seither hinten drin. “Aber”, grinst der Bordeaux-Liebhaber Boysen, “halb so wild: Die Flasche blieb heil.”

Das ist natürlich eine schöne Geschichte, fast möchte ich sagen: ein Treppenwitz – und ich habe damit meinen Geburtstagsartikel begonnen. Der muss und soll hier nicht wiederholt werden. Nur so viel: Die zwei Stunden mit Rolf Boysen waren sehr beschwingend. Wenn einer auf so ein langes und reiches Bühnenleben zurückblicken kann wie Boysen, der die bedeutendsten Rollen der Dramenliteratur gespielt und die größten Werke der Weltliteratur gelesen hat, dann hat er natürlich was zu erzählen. Vom Krieg zum Beispiel, in dem ihm ein Kamerad aus seiner Division zwei Theaterrollen beibrachte (den Karl Moor und den Faust). Von seinem schnellen Einstieg und Aufstieg als Schauspieler in der Nachkriegszeit, als keiner nach einer Schauspielausbildung fragte – es herrschte Männermangel. Von Hans Schweikart, dem “großen Naturalisten und Raumbeherrscher”, und Fritz Kortner, diesem “Elementarerlebnis” – beide waren Boysens große, prägende Lehrmeister an den Münchner Kammerspielen. Von der Faszination des Theaters überhaupt. Und von der Sprache natürlich, die Boysen so liebt und meisterhaft beherrscht – von ihrer Schönheit, ihren Feinheiten, ihren Forderungen und Erfordernissen.

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Boysen ist ein kluger, denkender Schauspieler. Die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse seines Berufslebens hat er in dem lesenswerten Essay-Band “Nachdenken über Theater” veröffentlicht. Aus diesem Buch wird er heute Abend, an seinem 90. Geburtstag, im Münchner Residenztheater vorlesen, an das er 2001 mit Dieter Dorn von den Kammerspielen rübergewechselt ist. Ehrensache, dass ich da hingehe! Wer den stimmgewaltigen Boysen als Rezitator antiker Literatur kennt, weiß: Er ist ein grandioser Vortragskünstler, in seiner Intonierungsgabe unerreicht. Einer, der schwere Textbrocken wie die “Ilias” oder Vergils “Aeneis” nicht einfach nur liest, sondern sie stimmlich strukturiert, rhythmisiert und dramatisiert – so dass man sie mit ihm durchleben, durchdringen … und sie tatsächlich auch verstehen kann.

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Natürlich ließ ich mir nicht die Gelegenheit entgehen, für mein persönliches Exemplar des Buches eine Widmung zu erbitten – die mir Rolf Boysen dann netterweise auch gab. Wobei er sich sehr für seine wackelige Handschrift entschuldigte. Zum Abschied drückte er mich dann sogar – und diese herzliche Umarmung will was heißen, wo ich doch am Münchner Residenztheater als Kritikerin so gar nicht gelitten bin und es wahrscheinlich nicht übertrieben ist, zu sagen, dass Dieter Dorn mich und meine Theaterauffassung nicht ausstehen kann.

Und deshalb hier noch dieses Foto mit mir und dem sehr galanten Herrn Boysen, diesem hanseatischen Charmeur, der bestimmt mal ein großer Womanizer war (Und wenn jetzt wieder welche unken: “Frau Dössel, haben Sie das nötig …!?”, dann sag´ ich: Jawohl! Und warum auch nicht? Das hier, liebe Leute, ist mein Blog … da darf ich sogar mal ICH zu mir sagen!) :

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Herzlichen Glückwunsch, lieber Rolf Boysen! War mir ein Vergnügen.

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Nachtrag vom 1. April: “Nachdenken über Theater” – Boysens Geburtstags-Lesung

Boysens Geburtstags-Lesung, gestern im Münchner Residenztheater, war komplett ausverkauft. Und etliche hofften in der Warteschlange noch auf eine Karte. Im Foyer sah man langjährige Kollegen von Boysen wie Lambert Hamel, Stefan Hunstein und Doris Schade (seine Desdemona aus Fritz Kortners “Othello”-Inszenierung von 1962!). Joachim Kaiser, der am Nachmittag in der Redaktion noch über sein stressiges Wochenprogramm geklagt hatte, war dann doch auch gekommen. Und Michael Krüger vom Hanser Verlag. Es fehlten natürlich auch nicht Boysens Söhne Markus und Peer, Schauspieler der eine, Regisseur der andere. Sie stützten ihre Mutter Marianne, mit der Boysen schon 52 Jahre verheiratet ist. Von ihr heißt es, dass sie ebenfalls gestürzt sei, jüngst erst. (Nach der Lesung wollte Boysen – das hatte er in Bad Wiessee erzählt – mit seiner Familie gleich wieder abdampfen: in ein Hotel am Starnberger See, wo es sehr schön sein soll und guten Rotwein gibt.)

Viel weißes Haar im Parkett – klar, bei einem 90-jährigen Jubilar. An einem Desk im Foyer haben sich mehrere Besucher Hörgeräte ausgeliehen. Ganze 40 gingen über den Tisch, ich habe nachgefragt. Lustig. Bisher wusste ich gar nicht, dass das Theater einen solchen Service bietet.

Der Geburtstags-Boysen bekam nicht nur am Ende gebührenden Applaus und Standing Ovations, sondern gleich schon am Anfang. Kaum war er auf die Bühne getreten, erhob sich der Saal. Eine Welle aus Bewunderung, Respekt und großer Zuneigung schwappte da nach vorne und umfing den Jubilar mit stürmischer Wärme. Dieser setzte sich auf der großen, mal wieder Dorn-typisch bis zur Brandmauer aufgerissenen und blau angestrahlten Bühne ganz vorne an einen Lesetisch und schaffte es auf Anhieb, in dem Riesenraum eine Konzentration und Intimität herzustellen, wie es nur einem Erzählmagier wie ihm gelingt. Boysen mit seiner unvergleichlich gewaltigen, geschmeidigen Stimme, seiner vokalen Dramatisierungs- und Intonierungskunst.

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

“Nachdenken über Theater”: Boysen begann mit dem ersten Kapitel seines Buches, das die Überschrift trägt “Vor der Vorstellung”; er sagte: “Man kann es auch nennen: Ich weiß es nicht.” Denn was genau es mit diesem Geheimnis des Theaters, dem Faszinosum der leeren, erst noch vom Schauspieler zu belebenden Bühne auf sich hat, das hat er nach 64 Bühnenjahren noch immer nicht ergründet. Boysen weiß aber sehr wohl ein Hohelied auf die Guckkastenbühne zu singen und die Gegenwärtigkeit des Theaters als dessen Alleinstellungsmerkmal zu rühmen: “Nirgendwo sonst berühren sich Vergangenheit und Gegenwart so innig wie hier. Hier und jetzt findet es statt. Heute abend findet es statt. Und wer es sehen will, muss hingehen und schauen.”

Sehr lustig das Kapitel “Na, Alter”, in dem der Schauspieler einleitend von einem Ritual mit einem langjährigen Freund erzählt, der ihn stets – auch schon in jüngeren Jahren – mit den Worten zu begrüßen pflegte: “Na, Alter, wie ist es denn heute?”, woraufhin Boysen gewohnheitsgemäß antwortete: “Danke, mein Alter, es geht schon!” – - Damit wäre Boysen nun also beim Thema Alter, und er schreibt, dass “alt werden ein Geschenk sein kann”: alt werden habe mit “Dauerhaftigkeit” zu tun, “mit Standhaftigkeit und mit Wachsen”.

Alles das, was war, schreibt Boysen, “haben wir in den großen Sack unseres Lebens gesteckt und tragen es mit uns herum”. Und der alt gewordene Schauspieler schleppe neben seinem ganzen “Lebensplunder” auch noch den ganzen “Theaterplunder” mit sich rum. Wenn nun ein Junger komme und in diesen Sack hineinsehe, weil er von dem erfahrenen Alten einen Rat haben möchte, dann könne es sein, dass dieser Junge feststellen müsse: “Aber es ist ja gar nichts darin!”

Etwas aber gibt der Alte dem Jungen dann doch mit auf den Weg: “Da du unbedingt einen Rat haben willst, merke dir dieses: beim Komma hebe die Stimme, und senke sie beim Punkt.” Der Junge in der Geschichte hält das für einen Witz und läuft lachend davon, wir alle aber wissen, wie grundlegend ernst das gemeint ist. Es ist die Basis von Boysens Sprachmeisterschaft.

Die Lesung dauerte nicht lange, von acht bis viertel nach neun. Zwischen den Texten, die Boysen aus seinem Buch vortrug – darunter auch das Kriegsheimkehrer-Kapitel “Fünfzig Jahre” -, spielte ein ausgezeichnetes Jazz-Trio mit Peter Cudek am Kontrabass, Florian Persler an der Gitarre und der stimmschönen Sängerin Nadine Germann, die später vom Jubiliar herzlichst umarmt wurde.

Am Ende kam Dieter Dorn auf die Bühne (mit einer beachtlich wuscheligen Grauhaarlöwenmähne) und überreichte seinem langjährigen Protagonisten einen Strauß roter Rosen. Auch aus dem Parkett, in dem sich schon längst wieder alle erhoben hatten, gab es von einigen Damen Rosen, und dann sangen alle, wirklich alle, auf der Bühne wie im Zuschauerraum, “Happy birthday”, und der Schauspielkünstler Rolf Boysen freute sich königlich und erhob zum Dank die Arme, und bevor er rechts abging, schulterte er zum Spaß seine Rosen. Dann kam er noch mal zurück, mit seinem vollen, glänzenden Silberhaar, seinem eleganten Schnauzer und dem dunklen Jackett wirklich sehr würdevoll aussehend, lehnte sich locker gegen das Lesetischchen und gab noch eine Zugabe: “Die Heldin”, das Kapitel über Judith und Holofernes – hochdramatisch, zum Fürchten gut.

Nach diesem Schluss ging Rolf Boysen nicht nach rechts, sondern nach hinten ab, in die blaue Tiefe der Bühne: gelassenen, beinahe federnden Schrittes, ein Jahrhundertschauspieler, der fröhlich schlenkernd abdankt. Sehr bewegend, dieses Bild … das alsbald ein sich senkender Vorhangprospekt verschloss.

19.01.10 | 18:30 | Dies & das | Theater | Kommentare 5 Kommentare

Betrunkene Schauspieler

Es wird auf unseren Bühnen ja generell sehr viel gesoffen. Wenn ich alleine dran denke, welche Mengen an Whiskey Wiebke Puls als Blanche DuBois in “Endstation Sehnsucht”, der jüngsten Premiere der Münchner Kammerspiele, an einem Abend so weggkippt! Oder wie sich Barbara Melzl in “Ritter Dene Voss” im Cuvillièstheater dauerrauchend dem Rotwein ergibt (um nur mal zwei aktuelle Beispiele aus München zu nennen)  … mannomann, da ächzt die Leber! Aber, so hat man zumindest immer gedacht: Ist ja alles nicht echt! Die tun ja bloß so. Das ist schließlich die vornehmste Aufgabe des Theaters: so zu tun als ob.

Denkste. Am Schauspiel Frankfurt sind vier Schauspieler in einer szenischen Lesung buchstäblich aus der Rolle und, so wird berichtet, sogar von der Bühne gefallen, weil sie sich heillos betranken. Das Gelage war zwar völlig im Sinne des Stückes, handelte es sich doch um einen veritablen Säufertext („Die Reise nach Petuschki“ von dem Russen Wenedikt Jerofejew– im Spielplan angekündigt als die „aberwitzige Beschreibung einer der berühmtesten Sauftouren der Weltliteratur“). Nur war es eben kein Wasser, was die vier Männer da auf der kleinen Frankfurter Experimentalbühne “Box” fröhlich bechernd zu sich nahmen – sondern echter, hochprozentiger Wodka. Der haut, wie sich zeigte, selbst die stärksten Mimen um. In diesem Fall: Marc Oliver Schulze, Torben Kessler, Oliver Kraushaar und Michael Abendroth, die irgendwann nur noch torkelten und lallten.

Am schlimmsten erging es Marc Oliver Schulze, gefeierter Protagonist in Michael Thalheimers Inszenierung “Ödipus /Antigone”. Der klappte am Ende zusammen und musste als Schnapsleiche mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Zu seiner Ehrenrettung führt das Schauspiel Frankfurt an, dass er einen “extrem harten Tag” gehabt und kaum was gegessen habe. Er sei nach einer Stunde Rekonvaleszenz auch wieder aus dem Hospital entlassen worden. Die drastische Schilderung des Saufgelages in der Frankfurter “Bild”-Zeitung (fliehende Zuschauer, Chaos, Überfallkommando, Hundeführer, Polizeieinsatz mit vier Streifenwagen) wird von offizieller Theaterseite allerdings als überzogen bezeichnet.

Echtheit ist derzeit im Theater ja schwer angesagt. Man will das wahre Leben in Gestalt von Erfahrungsberichten und Laien – und es nicht immer nur faken. Insofern liegt das authentische Saufen durchaus im Trend. Sollte es Schule machen, dann Prost!

15.01.10 | 01:15 | Fernsehkultur | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Thomas Thieme bei Harald Schmidt

Wie lasch war das denn? In der Reihe “Bekannte Theaterschauspieler bei Harald Schmidt” war gestern Abend Thomas Thieme zu Gast im Ersten. Theaterfan Schmidt, der am Ende gestand, Thieme noch nie auf der Bühne gesehen zu haben, wusste leider rein gar nichts mit dem hier völlig zahm (und auch optisch seriös, ganz ohne sein Baseballkäppi) auftretenden Extremschauspieler anzufangen. Thomas Thieme ist ein radikaler, alle hehre Verwandlungs- und Einfühlungskunst ablehnender Kraftschauspieler, der die Schauspielerei als Grenzüberschreitung, als körperlichen und sprachlichen Exzess betreibt. Nichts davon kam auch nur andeutungsweise in dieser Sendung herüber. Es gab nicht einmal einen Zuspieler, etwa aus Luk Percevals Inszenierung “Molière. Eine Passion”, der einen Eindruck von Thiemes Expressivität vermittelt hätte. Wie zum Beispiel hier:

Schmidt führte gar nicht erst ein Gespräch mit Thieme. Stattdessen bloße Terminabfragerei, völlig inhaltsleer: letzte Vorstellung (“Othello” am Schauspielhaus Hamburg -- Übernahme von den Münchner Kammerspielen), nächste Vorstellung (Berliner Schaubühne: “Tod eines Handlungsreisenden”), Hinweis auf den nächsten “Tatort” mit Thieme (31. Januar) und auf ein (namenloses) Projekt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, das noch gar nicht verhandelt ist … Na super. Immerhin erfuhr man, dass Thieme in dem fünfstündigen “Molière”-Projekt -- dem großen Sprach- und Testosteron-Exzess eines ordinären alten Sackes -- einen TELEPROMPTER als Textstütze benutzte. Da schau an!

Dazwischen unbeholfene, langweilige Laienfragen, die man bei einem Mann wie Schmidt, der selber Theater spielt, nicht erwartet hätte: Ob es nicht schwierig sei, einen Text aufzufrischen, wenn man das Stück lange nicht gespielt habe … (Antwort: “Nicht schwierig, weil man ihn gelernt hat.”) Oder: “Haben Sie Spaß am Theaterspielen?” (Antwort: “Hin und wieder. Ist differenzierter geworden im Alter, das muss ich Ihnen nicht sagen.”) Und ob das anders sei, wenn Thieme selber Regie führe; ob er da etwa -- grins -- zu den jungen Schauspielern auf der Probe gleich mal sage “Zieht Euch mal aus!”? (Antwort: “Sollte man so handhaben.”)

Dann erzählte Thieme noch ein bisschen was über sein Revolutionsprojekt “Büchner/Leipzig/Revolte”, das er letzten Herbst zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution am Centraltheater Leipzig leider mehr in den Sand gesetzt als stringent zugespitzt und szenisch ausformuliert hat, wobei er selber zugab, dass er da “irgendwie kurz vorm Ziel doch in erhebliche Schwierigkeiten geraten” sei. Doch was das Ziel war, worum es ihm, dem gebürtigen Weimarer, dabei ging und was ihn überhaupt antreibt -- das erfuhr man nicht. Wie es natürlich ohnehin schwierig ist, im Fernsehen über eine spezifische Theaterinszenierung zu sprechen, ohne etwas davon gesehen zu haben. Weshalb man sich schnell auf den ehemaligen Fußballprofi Jimmy Hartwig kaprizierte, der in Thiemes Revolutionsprojekt den Woyzeck spielte (was er, der Laie, übrigens super gemacht hat!).

Zu Thiemes Rolle als Altkanzler Helmut Kohl in der ZDF-Produktion “Der Mann aus der Pfalz” (ausgestrahlt im Oktober 2009) gab es von Schmidt zwar keinerlei Fragen, aber dafür eine mit Kohls Pfälzisch unterlegte, als “historisch wichtig” angekündigte Gerichtsszene, die angeblich aus dem Film herausgefallen sei: “Matula” Claus Theo Gärtner alias Heiner Geißler (hier in Polizeiuniform) wird darin schwer abgekanzelt. Ich hab die Komik nicht kapiert.

Direkt nach dem Zuspieler fragte Harald Schmidt seinen Gast, ob nach der Oscar-Verleihung noch so richtig gefeiert worden sei. Ähm … wie meinen? Die Überleitung hatte der müde Gastgeber glatt vergessen: Es ging jetzt nämlich um den oscarprämierten Film “Das Leben der Anderen”, in dem Thieme den bösen Kulturminister Hempf verkörperte.

Also, wer Thieme nicht kennt, der hat hier gar nichts kapiert. Und wer ihn kennt, wurde maßlos enttäuscht.

Kleiner Tipp für alle, die Thomas Thieme kennen lernen wollen: Nikolai Ebert liefert in dem Film “Thieme -- King of Pain” (2008), entstanden während der Proben zu “Molière. Eine Passion”, ein eindrucksvolles Porträt des Schauspielers. Ansonsten würde ich mal sagen: Erleben Sie Thomas Thieme ganz einfach im Theater! Zum Beispiel als Willy Loman in Arthur Millers “Tod eines Handlungsreisenden”, inszeniert von Luk Perceval an der Berliner Schaubühne (wieder heute, 15.01.), oder als ausgebrannten Berater in Falk Richters “Unter Eis”, ebenfalls an der Schaubühne (nächste Termine: 17.01., 05.02.).

31.12.09 | 13:41 | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Das Theaterjahr 2009

Aus gegebenem Anlass ein Rückblick

DIE TOTEN

2009 war nicht nur das Jahr, in dem Michael Jackson, die Glühbirne und die Klementine aus der Waschmittelwerbung gestorben sind – auch im Bereich Theater gab es viele Tote, allzu viele. Ich habe in diesem Jahr mehr Nachrufe geschrieben als je zuvor. Das macht keine Freude, glauben Sie mir. Manchmal ging mir der Tod der betreffenden Person erst am nächsten Tag so richtig nah, wenn der Artikel geschrieben und der Kopf wieder frei von werbiographischen Details und Einordnungen war. Die famose Ruth Drexel, den distinguierten Jürgen Gosch, den ebenso großen wie großspurigen Peter Zadek habe ich nicht nur durch ihre Arbeiten, sondern auch persönlich gekannt, und den Sonntagmorgen im März 2007, als der herrliche Traugott Buhre an einem Hotelfrühstückstisch in Bensheim mit rauchiger Stimme Anekdoten zum besten gab, werde ich bestimmt nicht vergessen. So wie all diese Künstler (hoffentlich) nicht vergessen sein werden.

Gert Jonke (+ 4. Januar, österreichischer Dramatiker und Autor)

Ruth Drexel (+ 26. Februar, bayerische Löwin, Schauspielerin, Intendantin, Regisseurin – und Heldin des Münchner Volkstheaters)

Augusto Boal (+ 2. Mai, brasilianischer Regisseur und Theatertheoretiker, Begründer des “Theaters der Unterdrückten”)

Fritz Muliar (+ 4. Mai, Wiener Volksschauspieler, Querkopf und legendärer Schwejk-Darsteller)

Gisela Stein (+ 4. Mai, Tragödin an den Münchner Kammerspielen und am Bayerischen Staatsschauspiel unter Dieter Dorn)

Monica Bleibtreu (+ 13. Mai, wunderbare Charakterschauspielerin mit später Filmkarriere)

Karl-Michael Vogler (+ 9. Juni, Bühnen- und viel beschäftigter Filmschauspieler)

Jürgen Gosch (+ 11. Juni, zuletzt der beste, wichtigste und stilbildendste zeitgenössische Theasterregisseur)

Jörg Hube (+19. Juni, bayerischer Schauspieler, Herzkasperl und Kabarettist)

Hanne Hiob (+ 23. Juni, Brecht-Tochter, Schauspielerin, politische Aktionistin)

Pina Bausch (+ 30. Juni, weltberühmte Choreographin und Königin des modernen Tanztheaters)

Merce Cunningham (+ 26. Juli, amerikanischer Choreograph – eine Ballett-Legende)

Traugott Buhre (+ 26. Juli, begnadeter Charakterschauspieler, unvergessen als Bruscon in Thomas Bernhards “Der Theatermacher”)

Peter Zadek (+ 30. Juli, Regielegende, Zampano und notorischer Provokateur – einer der berühmtesten Theaterregisseure überhaupt)

Markus Luchsinger (30. Juli, Schweizer Theaterleiter, zuletzt Intendant in Chur)

Otomar Krejca (+ 6. November, legendärer Prager Regisseur und Intendant)

Kurt Wilhelm (+ 25.12., Münchner Autor und Regisseur, schuf die unverwüstliche Bühnenfassung “Der Brandner Kaspar und das ewig´Leben” nach der Vorlage von Franz von Kobell)

Franz Lehr (+ 25.12., Bühnen- und Kostümbildner)

DIE ÜBERLEBENDEN

Christoph Schlingensief: Seine Krebserkrankung zeichnete das Theaterjahr. Schlingensiefs hochpersönliches Fluxus-Oratorium “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” war der Höhepunkt bzw. das Hochamt des Berliner Theatertreffens. Zuvor hatte er mit “Mea Culpa” am Burgtheater Wien den Folgeteil seines Krebstheaters als therapeutisches Gesamtkunstwerk inszeniert – und feierte darin schon wieder seinen Überlebenswillen. Sein geplantes Opernhaus in Burkina Faso ist jetzt auch gebongt (siehe Blog-Eintrag “Weihnachtspost von Schlingensief” vom 21. 12).

Johannes Heesters: ist am 4. Dezember 106 geworden und will auch 2010 wieder auf die Bühne: Regisseur Dieter Wedel – im Vergleich zu Joopi mit seinen 70 Jahren noch ein Jungspund – will Heesters einen Part in seinem neuen Theaterstück “August der Starke und seine Liebe zu Gräfin Cosel” geben, das im August in Dresden herauskommen soll.

DIE BESTEN (gemäß der Kritiker-Umfrage in “Theater heute”)

Theater des Jahres wurden, völlig zurecht, die Münchner Kammerspiele, denen Intendant Frank Baumbauer vor seinem Abschied noch mal eine Glanzspielzeit beschert hat

Inszenierung des Jahres: Jürgen Goschs lebensnahe und sterbenstraurige Tschechow-Inszenierung “Die Möwe” am Deutschen Theater Berlin

Bühnenbild des Jahres: das riesige, rotierende Auge (des Gesetzes), auf dem Andreas Kriegenburg an den Münchner Kammerspielen Kafkas “Der Prozess” inszeniert hat – er hat diese faszinierende Pupillen-Drehscheibe selbst entworfen.

Schauspielerin des Jahres: Für die meisten war das Birgit Minichmayr in Karl Schönherrs “Der Weibsteufel” – eine Inszenierung von Martin Kusej für das Burgtheater Wien, gefeiert beim Berliner Theatertreffen

Schauspieler des Jahres: Die meisten Voten erhielten Alexander Scheer (als Kean an der Berliner Volksbühne) und Joachim Meyerhoff für seine Rollen am Burgtheater Wien. Für mich persönlich waren es Lars Eidinger (als Moppel-Hamlet an der Berliner Schaubühne) – und, aber das gilt fast immer: der tolle André Jung von den Münchner Kammerspielen.

Stück des Jahres: “Rechnitz” von Elfriede Jelinek über ein NS-Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern – uraufgeführt an den Münchner Kammerspielen in einer brillanten, wahnsinnig nahegehenden Inszenierung von Jossi Wieler.

Ärgernis des Jahres: das populistische Fernsehformat “Preiskampf”, in dem 3sat und der ZDFtheaterkanal während des Theatertreffens von einer vierköpfigen Jury live den 3at-Preisträger ermitteln ließen. Claus Peymann gab dabei den Dieter Bohlen – und setzte sich natürlich durch.

DIE AUFREGER

Volker Lösch: Mit seiner Inszenierung “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden” am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erregte er die Gemüter, löste Zorn und Proteste (nicht zuletzt der Hamburger Kultursenatorin), aber auch Beifallsstürme im Publikum aus. Ein Chor aus Arbeitslosen liest darin die Namen der reichsten Hamburger vor – und ruft am Ende gar zum Widerstand auf: “Bomben in Sexshops!”, “Hamburg soll brennen!”, “Das Geld ganz abschaffen!”Löschs wütendes Agit-Prop-Theater bleibt weiterhin umstritten, was auch die Reaktionen auf seine jüngste Inszenierung, “Berlin Alexanderplatz” an der Berliner Schaubühne (mit einem Häftlings-Chor), zeigen.

11.11.09 | 16:53 | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Kranke Clowns

Im Wahlkampf im vergangenen Jahr war die Unterstütztung für Obama aus Hollywood immens; hat sich inzwischen irgendwie gelegt. Kann das, was die US-Gesundheitsreform angeht, ernstlich daran liegen, dass Obamas Exunterstützer fürchten, selbst mit zur Kasse gebeten zu werden? Oder ist Obama bloß gerade nicht populär genug?

Es hat sich jedenfalls ein kleiner Club der Gesundheitsfans zusammengefunden, unter Führung  des Komikers Will Ferrell:

10.11.09 | 18:40 | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Kaffeekranz

Tee, hat übrigens ein chinesischer Kaiser gesagt, weckt den guten Geist und die weisen Gedanken. Dies vorweg.

Trotzdem: John Malkovich ist einfach göttlich. Obwohl er bei Proben -- ich durfte unlängst einer beiwohnen -- nicht annähernd so elegant ist. Und sich -- anders als George Clooney -- für Interviews nicht extra aufrüscht.  Malkovich  macht aber auch in Räuberzivil noch eine, äh … eindrucksvolle und irgendwie anziehende Figur.

Ist eigentlich, muss man im Nachhinein sagen, wirklich schade, dass die Coens in Burn After Reading -- die  Ziegenkäse-Affäre! -- nicht mehr aus dieser Paarung herausgeholt haben.

Sitzen jetzt schon zwei Dutzend Drehbuchautoren in Hollywood mit glasigen Augen vorm Computer und schreiben am Treatment für eine George-C looney-John-Malkovich-Komödie?

Allmächtiger! Fast schon hatte ich mich an Morgan Freeman -- Bruce Almighty -- in der Rolle gewöhnt; John Malkovich ist allerdings komischer.

Möglicherweise sind die Agenten jetzt etwas angefressen, die die Gage für die beiden ausgehandelt haben. Aber, um noch mal auf Morgan Freeman zurückzukommen: Steht das  mit den weißen Anzügen eigentlich irgendwo in der Bibel?

08.11.09 | 17:40 | Begegnung mit ... | Kino | Theater | Kommentare 4 Kommentare

Auf einen Kaffee mit Klaus Maria Brandauer

Klaus Maria Brandauer am Sonntag in der Espressobar Paulo, in der Münchner Türkenstraße.    (Foto: cd)

Klaus Maria Brandauer am Sonntag in der Espressobar Paulo in der Münchner Türkenstraße. (Foto: cd)

Heute vormittag habe ich in München Klaus Maria Brandauer getroffen. Während im Arri Kino sein Film “Georg Elser – Einer aus Deutschland” aus dem Jahr 1989 gezeigt wurde, saßen wir ein paar Häuser weiter in der sehr netten Espressobar “Paulo” in der Türkenstraße. Eigentlich wollte ich mir den Film über den Hitler-Attentäter Elser selber noch mal anschauen, auf großer Leinwand habe ich ihn noch nie gesehen; aber da Brandauer hinterher – nach einer Diskussion mit dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude – gleich wieder zum Flughafen und ich in die Redaktion musste und es sonst nur bei einem kurzen Hallo geblieben wäre, nahm ich seine spontane Einladung auf einen Kaffee gerne an. So oft sehen wir uns schließlich nicht, obwohl wir einander seit den vielen Gesprächen für die Biographie “Klaus Maria Brandauer – Die Kunst der Verführung” doch sehr liebgewonnen haben. Einfach war diese Annäherung wahrlich nicht, wir haben sie uns hart erstritten! In meinem Buch mache ich keinen Hehl daraus, wie schwierig Brandauer sein kann – und wie schwierig die Zusammenarbeit mit ihm oft war. Gerade was das moderne Regietheater angeht, haben wir doch sehr unterschiedliche Auffassungen …

Aber, hier sei es noch einmal gestanden: Ich mag und schätze ihn sehr! Und wenn Brandauer so gut aufgelegt ist wie an diesem Sonntag und auf seine saftige österreichische Art ins Erzählen kommt, ist er sowieso wunderbar. “Ist es nicht schön, auf der Welt zu sein?”, strahlt er mich und Ingolf Müller an, seinen früheren Assistenten, der auch mit dabei sitzt. “Ich freu´ mich so, dass ich lebe!” Klingt nach einem Mann, der rundum zufrieden ist mit dem, was er darstellt und tut. Und der sehr entspannt darob ist, nicht mehr so “dieses Karriere-Ding” im Kopf zu haben, endlich “durchschnaufen zu können”.

Läuft ja auch alles bestens bei KMB. Mit seinem Dorfrichter Adam, den er in Peter Steins Inszenierung von Kleists “Der zerbrochne Krug” am Berliner Ensemble spielt, gastierte er jüngst am Hamburger Schauspielhaus – zur Freude des Hamburger Publikums, das ihn mit einem begeisterten Klatschchor feierte (während Intendant Friedrich Schirmer gar nicht da war). Dabei hatte Brandauer anfangs schon befürchtet, die gackernden Hühner auf der Bühne würden ihm die Schau stehlen, sahnte das flatternd sich sträubende Federvieh doch gleich große Lacher und den ersten Beifall ab. Die nächste Inszenierung mit Peter Stein steht auch schon fest: “Ödipus auf Kolonos” von Sophokles kommt nächstes Jahr (in Koproduktion mit dem Berliner Ensemble) bei den Salzburger Festspielen auf der Pernerinsel heraus – 20 Jahre nachdem Brandauer auf dem Salzburger Domplatz seine letzte Vorstellung als “Jedermann” gegeben hat.

Und dann kommt ja auch bald schon (am 12. Dezember) der neue Coppola ins Kino. “Tetro” heißt der Film, der in Cannes vorgestellt wurde: eine in Buenos Aires angesiedelte Familiengeschichte in Schwarz-Weiß, in der Brandauer einen egomanischen Stardirigenten, den dominanten Vater zweier Söhne, spielt. Schon komisch, sagt Brandauer, kaum arbeite man mal wieder mit einem berühmten Regisseur wie Francis Ford Coppola, schon hagle es Angebote und Anfragen … und alle wollen von ihm wissen, wie es denn so sei, mit Coppola zu drehen, wann und wie sie sich kennen gelernt hätten und überhaupt …  “Das darf doch wohl nicht wahr sein!” – Brandauer lacht sein hochamüsiertes Mephisto-Lachen, wenn er sich lustig darüber macht, wie er jetzt plötzlich von vielen “entdeckt” zu werden scheint. Als habe er nicht schon viel größere Rollen in Hollywood gespielt. “Jenseits von Afrika”, “Das Feuerschiff”, “Das Russlandhaus”, sein James-Bond-Bösewicht in “Sag niemals nie” – alles vergessen?

Nein, keineswegs. Schon kommt ein Café-Gast auf Brandauer zu und bringt seine Verehrung für den Schauspielstar zum Ausdruck. Ganz besonders, sagt der Mann, liebe er den Film “Oberst Redl” . Das freut Brandauer, denn er hält “Oberst Redl” selber für seinen besten Film (gedreht hat er ihn, wie  “Mephisto” und “Hanussen”, mit seinem Freund István Szabo). Eigentlich, sagt Brandauer, nachdem er den Gast verabschiedet und dessen Töchterchen in die Wangen gezwickt hat, eigentlich würde er selber gerne mal wieder einen Film drehen. Er hat sich bereits vor Jahren die Rechte an Fernando Pessoas Buch “Der anarchistische Bankier” gesichert und zusammen mit Esther Vilar sogar schon mal eine Drehbuchfassung entwickelt – aber dann kam keine Finanzierung zustande, und naja, wie es eben so ist: Das Projekt blieb liegen. “Schade”, sagt Brandauer. Gerade jetzt wäre diese Verfilmung brandaktuell. Mit Pessoas Schlussfolgerung, dass der “wahre Anarchist” ein Bankier werden müsse, träfe sie absolut den Nerv der Zeit.

Und hier noch das Beweisfoto :-)

Und hier noch ein Beweisfoto :-)

Brandauer muss los zur Diskussion mit Ude – und dann gleich weiter nach Wien, wo er am Abend am Burgtheater aus Texten von Dietrich Bonhoeffer liest, dem evangelischen Theologen, der von den Nazis hingerichtet wurde. (Am Montag liest er Bonhoeffer auch in Berlin am BE). Am Burgtheater, seiner Hausbühne, ist Brandauer schon ewig nicht mehr aufgetreten, obwohl er Ehrenmitglied im Ensemble ist. Auf Lebenszeit, versteht sich. Ob es Pläne für Wien gibt – wo Brandauer, trotz einer neuen Wohnung in Berlin, nach wie vor lebt -, würde man ja schon gerne wissen … Hierzu nur so viel: Er ist mit Matthias Hartmann, dem neuen Intendanten, im Gespräch.

Später, da ist er schon in Wien gelandet, ruft Brandauer noch mal an: Die Diskussion über den “Elser”-Film sei ganz gut gewesen und Ude schwer in Ordnung, auch wenn er, Brandauer, sich nicht beim Handschlag mit dem OB habe fotografieren lassen (“Das ist doch hier kein Staatsbesuch!”). Ansonsten gelte, was bei solchen Diskussionen immer gilt: “Alle, die unserer Meinung sind, sind an Deck. Und die, die man eigentlich erreichen möchte, die erreicht man nicht.” Ein Film, sagt Brandauer, sei letztlich immer “ein Märchen”.  Zivilcourage müsse man schon auch noch anders einfordern als künstlerisch. Dann erzählt er noch, dass es während des Fluges heftige Turbulenzen gab. Er fliegt schon so nicht gerne – und dann auch noch diese Erschütterungen … Na, jedenfalls: Es ist gut gegangen, und er müsse noch einmal sagen: “Ich bin saufroh, dass ich lebe!”

05.11.09 | 18:50 | Kino | Nicht verpassen | Kommentare 5 Kommentare

Brandauer erinnert an Georg Elser

Klaus Maria Brandauer in "Georg Elser - Einer aus Deutschland " (Foto: dpa)

Sehenswert: Klaus Maria Brandauer in "Georg Elser - Einer aus Deutschland". Der Film über den gescheiterten Hitler-Attentäter kam 1989 in die Kinos. Jetzt gibt es eine restaurierte Kopie, die am kommenden Wochenende, zum 70. Jahrestag des Anschlags, in Berlin und München gezeigt wird. Foto: dpa

 

Wenn der Anschlag doch nur gelungen wäre, die deutsche Geschichte hätte eine andere Wendung genommen … Vor 70 Jahren, am 8. November 1939, explodierte im Münchner Bürgerbräukeller um exakt 21.20 Uhr die selbstgebastelte Bombe, mit der Georg Elser, der gelernte Schreiner aus dem württembergischen Hermaringen, Adolf Hitler töten wollte. Er hatte alles wochenlang minutiös geplant – und dann das: Hitler verlässt frühzeitig den Saal und entkommt dem Attentat um wenige Minuten.

Beim Versuch, in die Schweiz zu fliehen, wurde Elser noch am selben Abend verhaftet. Er kam ins KZ und wurde am 9. April 1945, wenige Wochen vor Kriegende, in Dachau durch Genickschuss getötet. Lange Zeit war er ein vergessener Held, dem jede öffentliche Anerkennung als Widerstandskämpfer versagt blieb. Dass es sich bei dem Anschlag um die Tat eines Einzelgängers handelte – was heute in der Geschichtsforschung als unumstritten gilt -, wollten viele nicht glauben. Noch lange nach 1945 wurde Elser diffamiert und sein Handeln mit den verschiedensten Auftraggebern in Verbindung gebracht.  

Die Stadt München hat Jahrzehnte gebraucht, um Elser ein Denkmal zu setzen: Eine Lichtinstallation der Künstlerin Silke Wagner am Georg-Elser-Platz in der Maxvorstadt erinnert gerade mal seit einer Woche an den Widerstand dieses Mannes. Der Schauspieler Klaus Maria Brandauer war da wesentlich schneller: Schon 1989 brachte er den Film “Georg Elser – Einer aus Deutschland” ins Kino, mit dem er sein Debüt als Filmregisseur gab. Den Titelhelden spielt er selber – mit einer wunderbaren, geradezu entsagungsvollen Zurückgenommenheit, die jeden erstaunen muss, der Brandauers Expressivität und seinen Drang ins Rampenlicht kennt. (An dieser Stelle möchte ich anfügen, dass ich Brandauer ganz gut kenne, weil ich eine Biographie über ihn geschrieben habe: “Klaus Maria Brandauer – Die Kunst der Verführung”.)

“Georg Elser” ist kein Dokudrama, sondern basiert auf dem Roman “The Artisan” von Stephen Sheppard, der sich fiktionale Freiheiten herausnimmt. So hat der Film-Elser zum Beispiel eine Freundin, die von ihm schwanger ist: die Kellnerin Anneliese, die als Bedienung im Bürgerbräukeller arbeitet (gespielt von Rebecca Miller, der Tochter von Arthur Miller). In der Rolle des Gestapo-Offiziers Wagner ist der amerikanische Schauspieler Brian Dennehy zu sehen. Auch Theaterkollegen wie Elisabeth Orth, Marthe Keller, Vadim Glowna und Hans Michael Rehberg hat Brandauer besetzt.

Es ist ein eindrucksvoller, angenehm unspektakulärer Film über einen einfachen, geradlinigen Mann, der keine großen Worte macht. Ein Film, der seine Kraft aus der Ruhe schöpft und ohne vorschnelle Erklärungsversuche auskommt. Ein Film, der so leise tickt wie die Uhrwerke, die der Eigenbrötler Elser in seiner Münchner Wohnung repariert, und der doch eine bedrohliche Sprengkraft hat.

Zum 70. Jahrestag des Attentats kommt der Film in einer restaurierten Kopie bei zwei Galavorstellungen wieder ins Kino: Am Samstag, 7. November, ist er in Berlin im Kino International zu sehen (13 Uhr). Am Sonntag, 8. November, wird er – in Anwesenheit Brandauers – im Münchner Arri gezeigt (11 Uhr). Des weiteren plant der Verleih novapool pictures bundesweite Sondervorführungen in Schulen und Bildungseinrichtungen.

“Einer musste es tun”, sagt Elser im Film. Und so heißt auch das Motto der Lesung, die Klaus Maria Brandauer am 9. November zur Erinnerung an die Reichspogromnacht von 1939 im Berliner Ensemble gibt. Er liest aus den Briefen von Dietrich Bonhoeffer.

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