15.01.10 | 01:15 | Fernsehkultur | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Thomas Thieme bei Harald Schmidt

Wie lasch war das denn? In der Reihe “Bekannte Theaterschauspieler bei Harald Schmidt” war gestern Abend Thomas Thieme zu Gast im Ersten. Theaterfan Schmidt, der am Ende gestand, Thieme noch nie auf der Bühne gesehen zu haben, wusste leider rein gar nichts mit dem hier völlig zahm (und auch optisch seriös, ganz ohne sein Baseballkäppi) auftretenden Extremschauspieler anzufangen. Thomas Thieme ist ein radikaler, alle hehre Verwandlungs- und Einfühlungskunst ablehnender Kraftschauspieler, der die Schauspielerei als Grenzüberschreitung, als körperlichen und sprachlichen Exzess betreibt. Nichts davon kam auch nur andeutungsweise in dieser Sendung herüber. Es gab nicht einmal einen Zuspieler, etwa aus Luk Percevals Inszenierung “Molière. Eine Passion”, der einen Eindruck von Thiemes Expressivität vermittelt hätte. Wie zum Beispiel hier:

Schmidt führte gar nicht erst ein Gespräch mit Thieme. Stattdessen bloße Terminabfragerei, völlig inhaltsleer: letzte Vorstellung (“Othello” am Schauspielhaus Hamburg -- Übernahme von den Münchner Kammerspielen), nächste Vorstellung (Berliner Schaubühne: “Tod eines Handlungsreisenden”), Hinweis auf den nächsten “Tatort” mit Thieme (31. Januar) und auf ein (namenloses) Projekt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, das noch gar nicht verhandelt ist … Na super. Immerhin erfuhr man, dass Thieme in dem fünfstündigen “Molière”-Projekt -- dem großen Sprach- und Testosteron-Exzess eines ordinären alten Sackes -- einen TELEPROMPTER als Textstütze benutzte. Da schau an!

Dazwischen unbeholfene, langweilige Laienfragen, die man bei einem Mann wie Schmidt, der selber Theater spielt, nicht erwartet hätte: Ob es nicht schwierig sei, einen Text aufzufrischen, wenn man das Stück lange nicht gespielt habe … (Antwort: “Nicht schwierig, weil man ihn gelernt hat.”) Oder: “Haben Sie Spaß am Theaterspielen?” (Antwort: “Hin und wieder. Ist differenzierter geworden im Alter, das muss ich Ihnen nicht sagen.”) Und ob das anders sei, wenn Thieme selber Regie führe; ob er da etwa -- grins -- zu den jungen Schauspielern auf der Probe gleich mal sage “Zieht Euch mal aus!”? (Antwort: “Sollte man so handhaben.”)

Dann erzählte Thieme noch ein bisschen was über sein Revolutionsprojekt “Büchner/Leipzig/Revolte”, das er letzten Herbst zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution am Centraltheater Leipzig leider mehr in den Sand gesetzt als stringent zugespitzt und szenisch ausformuliert hat, wobei er selber zugab, dass er da “irgendwie kurz vorm Ziel doch in erhebliche Schwierigkeiten geraten” sei. Doch was das Ziel war, worum es ihm, dem gebürtigen Weimarer, dabei ging und was ihn überhaupt antreibt -- das erfuhr man nicht. Wie es natürlich ohnehin schwierig ist, im Fernsehen über eine spezifische Theaterinszenierung zu sprechen, ohne etwas davon gesehen zu haben. Weshalb man sich schnell auf den ehemaligen Fußballprofi Jimmy Hartwig kaprizierte, der in Thiemes Revolutionsprojekt den Woyzeck spielte (was er, der Laie, übrigens super gemacht hat!).

Zu Thiemes Rolle als Altkanzler Helmut Kohl in der ZDF-Produktion “Der Mann aus der Pfalz” (ausgestrahlt im Oktober 2009) gab es von Schmidt zwar keinerlei Fragen, aber dafür eine mit Kohls Pfälzisch unterlegte, als “historisch wichtig” angekündigte Gerichtsszene, die angeblich aus dem Film herausgefallen sei: “Matula” Claus Theo Gärtner alias Heiner Geißler (hier in Polizeiuniform) wird darin schwer abgekanzelt. Ich hab die Komik nicht kapiert.

Direkt nach dem Zuspieler fragte Harald Schmidt seinen Gast, ob nach der Oscar-Verleihung noch so richtig gefeiert worden sei. Ähm … wie meinen? Die Überleitung hatte der müde Gastgeber glatt vergessen: Es ging jetzt nämlich um den oscarprämierten Film “Das Leben der Anderen”, in dem Thieme den bösen Kulturminister Hempf verkörperte.

Also, wer Thieme nicht kennt, der hat hier gar nichts kapiert. Und wer ihn kennt, wurde maßlos enttäuscht.

Kleiner Tipp für alle, die Thomas Thieme kennen lernen wollen: Nikolai Ebert liefert in dem Film “Thieme -- King of Pain” (2008), entstanden während der Proben zu “Molière. Eine Passion”, ein eindrucksvolles Porträt des Schauspielers. Ansonsten würde ich mal sagen: Erleben Sie Thomas Thieme ganz einfach im Theater! Zum Beispiel als Willy Loman in Arthur Millers “Tod eines Handlungsreisenden”, inszeniert von Luk Perceval an der Berliner Schaubühne (wieder heute, 15.01.), oder als ausgebrannten Berater in Falk Richters “Unter Eis”, ebenfalls an der Schaubühne (nächste Termine: 17.01., 05.02.).

12.11.09 | 16:57 | Geht gar nicht | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Geruchsproblem

Gestern im Münchner Volkstheater. Es gastierte die hochgelobte Inszenierung “Dritte Generation” von Yael Ronen & the Company, eine Koproduktion der Berliner Schaubühne mit dem Habima Nationaltheater Tel Aviv. Plötzlich ein olfaktorischer Angriff, der definitiv nicht von der Bühne, sondern von einem der Sitznachbarn kommt. Sehr unangenehm in der Nase. Da scheint jemand seine Darmgase nicht unter Kontrolle gehabt zu haben. Okay, kann man nichts machen. Fart happens. Nase zu und durch. Aber nein, jetzt schon wieder! Schwallweise zieht der Mief heran. Eine einzige Geruchsbelästigung. Ich inspiziere den Herrn im Anzug rechts von mir näher – und was muss ich feststellen? Er hat seine Schuhe ausgezogen und sitzt strumpfsockig im Stuhl! Es ist sein Fußschweiß, der da heranweht. Sag mal, geht´s noch?!

Ich ziehe den Kragen meines Pullovers über die Nase, rücke deutlich von dem Stinker ab, nicht ohne seine Füße demonstrativ in den Blick zu nehmen – alles in der Hoffnung, er würde meine Reaktionen zu deuten wissen. Aber nix da. Während ich total abgelenkt bin, schaut er konzentriert auf die Bühne. Das ärgert mich noch mehr. Also auf zum Frontalangriff:

Ich (auf seine Schulter klopfend): “Entschuldigen Sie, ziehen Sie im Theater immer Ihre Schuhe aus?” – Er (selbstbewusst): “Ja! Stört Sie das?” – Ich (maliziös): “Ehrlich gesagt, schon. Vor allem der Geruch.” – Treffer. Vielleicht nicht gerade die feine englische Art, aber effektiv: Er zieht seine Schuhe wieder an. Lustigerweise geht es just in diesem Moment auf der Bühne gerade um den penetranten Gestank von irgendetwas, das ich leider nicht mitgekriegt habe.

Nachdem das Geruchsproblem behoben war, war ich aber wieder voll dabei. Deshalb hier kurz noch eine Empfehlung für die “Dritte Generation”: Wer Gelegenheit hat, das Stück zu sehen, sollte sich das nicht entgehen lassen. Das ist eine wirklich sehr gescheite, kritisch-witzige, befreiend sarkastische und bitterkomische Inszenierung jenseits aller political correctness – entstanden als work in progress mit jungen deutschen, palästinensischen und israelischen Schauspielern, die sich wie bei einer Gruppentherapie all ihre Familiengeschichten, Vorurteile, Schuldkomplexe und Klischees um die Ohren hauen (und zwar in ihrer jeweiligen Landessprache).  Sie alle gehören der “dritten Generation” nach der Shoa an und versuchen irgendwie, die Vergangenheit “aufzuarbeiten”, wobei sie ständig auf unsägliche Peinlichkeiten, Widersprüche und natürlich an ihre Grenzen stoßen. Total unverschämt, dieses Theater. An der Berliner Schaubühne wieder am 12., 14., 19. und 20. Dezember zu sehen. Und, bitte: Lassen Sie Ihre Schuhe an!

28.10.09 | 00:32 | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Premierenfeier auf dem Männerklo

Premierenfeier auf der Herrentoilette

Premierenfeier auf der Herrentoilette

Hier verpisst man sich zum Tanzen aufs Klo: Die Berliner Schaubühne hat ihre Premierenfeiern in die Herrentoilette im Untergeschoss verlegt. Getanzt wird auf Kacheln zwischen Waschbecken und Pissoirs. Keine Sorge: Da fließt kein Urin, sondern allenfalls Alkohol.

Der Schauspieler Lars Eidinger war im Frühjahr der erste, der als DJ spaßeshalber hierher auswich. Inzwischen hat die Schaubühnen-Leitung die Vorzüge der neuen Partyzone erkannt: Zwar ist das Herren-WC nun wahrlich kein stilles Örtchen mehr, dafür kann man sich oben, im Schaubühnen-Café, besser unterhalten. “Da verstand man doch oft sein eigenes Wort nicht mehr”, sagt Alt-Direktor Jürgen Schitthelm, den die laute Musik im Café sowieso immer nervte. Und die Beschwerden der Anwohner wegen Lärmbelästigung, die sei man mit der Klo-Lösung auch los.

Der Lokus als neue Location

Der Lokus als neue Location

Partyfeiern auf dem Abort ist natürlich Geschmackssache, und nicht jedem muss sich auf dem Lokus gleich der genius loci erschließen. Die Frage ist: Wo verrichten jetzt die Herren ihre Geschäfte? Letzte Rettung finden sie wahrscheinlich mal wieder nur bei den Damen.