22.11.10 | 19:26 | Geht doch! | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Berlin ändert sich – zum Glück

An dem Abend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes gesehen hatte, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm der Spaßteufel Ulrich Matthes für dieses Foto aufsetzte.

An dem Berliner Premierenabend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes sah, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm Spaßteufel Ulrich Matthes aufsetzte.

Letzten Freitag, nach der Premiere von Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes”, ist mir im Deutschen Theater Berlin meine Kamera abhanden gekommen. Ich hatte sie im Damenklo liegen lassen. Als ich den Verlust bemerkte und an Ort und Stelle nachschaute, war sie weg. Natürlich. Klar. War ja Berlin.

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere gibt es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Man hätte mich in meiner Aufgeregtheit, Wut und Verzweiflung fluchen und auf dieses Scheiß-Berlin schimpfen hören müssen, während ich, den Tränen nahe, alles absuchte und dann zum Pförtner eilte, um den Verlust anzumelden und – für alle Fälle – meine Telefonnummer zu hinterlassen. Die Hoffnung, meine Kamera könnte beim Pförtner abgegeben worden sein, hegte ich gar nicht erst. Ich meine: war ja Berlin. Da wird doch nichts abgegeben! Da klauen sie dir doch, wenn du nicht aufpasst, sogar deinen vollgekritzelten Notizblock oder deine Visitenkarten oder was weiß ich für nen Kram unter den Fingern weg.

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Und es war ja auch tatsächlich beim Pförtner nichts abgegeben worden. Klar. Berlin eben. Ohweh, war ich bitter! In München, dachte ich und sagte es allen, die es nicht wissen wollten, in München würde das nicht passieren. Da würde das anders laufen. Da würde so eine auf der Damentoilette vergessene Kamera mit freundlichsten Grüßen an die Besitzerin abgegeben werden! In München hab ich letztes Jahr doch sogar die Einkaufstasche mit den Klamotten zurückbekommen, die ich in der S-Bahn hatte stehen lassen – ein Anruf bei der MVG genügte, um zu erfahren: Ja, die Tasche sei gefunden worden und könne am Ostbahnhof abgeholt werden. Muss man sich mal vorstellen!

Meine an diesem Abend zahlreich vertretenen Kritikerkollegen trösteten mich mit erbaulichen Weisheiten über das Hinnehmenkönnenmüssen  … und dass es sich ja “nur” um einen Fotoapparat handle, den man also nachkaufen könne – womit klar war, dass sie keinen blassen Schimmer von meiner innigen Beziehung zu meiner digitalen Canon haben.

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Hätte ich sie doch bloß nicht rausgeholt an diesem Abend! Erst hatte ich ja auch gar keine Lust, Bilder zu machen. War viel zu sehr ins Gespräch verwickelt mit x Leuten, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte …  Berlin eben … war schon länger nicht mehr da.

Seit er hier alleiniger Juror bei den Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer so, Dich zu sehen!

Seit er hier alleiniger Juror bei den diesjährigen Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen regelmäßig ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer, Dich zu sehen!

Aber dann entdeckte ich die an diesem Abend umwerfend aussehende Ulrike Folkerts (die ich mit langen Haaren erst auf den zweiten Blick als Ulrike Folkerts erkannte), und mein lieber Freund Georg Uecker fand, ich müsse ein Foto machen, welches er dann auch arrangierte. Tja, und bei dieser Gelegenheit hab ich dann auch gleich ein paar Kollegen abgelichtet, sieht man ja nicht alle Tage so viele auf einem Haufen.

Und wenig später war sie also weg, die Kamera. Und meine Laune auch. Und ich musste daran denken, dass und wie ich in Berlin schon zwei Mal bestohlen wurde. Und zwar so richtig: Tasche weg mit Geldbeutel, Ausweis, Kreditkarte und allem, wirklich allem. Einmal war´s im Kumpelnest – nun gut, solche zweifelhaften Orte sollte man, zumindest mit Allesdrin-Tasche, vielleicht besser meiden. Aber das andere Mal war´s im Foyer der Schaubühne! In der Schaubühne! Beim F.I.N.D.-Festival vor vielen Jahren! Eine Sauerei.

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Ich bin also in dieser Hinsicht ein gebranntes … ähm … beklautes Kind und bitte meine Berlin-Frust-und-Schimpftirade vor diesem Hintergrund zu verstehen. Ohne einen Funken Hoffnung, einfach nur, um am Ende nichts unversucht gelassen zu haben, begab ich mich, bevor ich das DT zu verlassen gedachte, hinüber in die Bar des Kammerspiele-Foyers, wo die eigentliche Premierenfeier mit DJ und so stattfand, und fragte an der Bar nach, ob nicht vielleicht eine Digitalkamera …

Höret nun, liebe Leser, Freunde und Feinde, und staunet über die frohe vorweihnachtliche Botschaft: Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Meine Kamera war tatsächlich an der Bar abgegeben worden und wurde mir mit einer stummen, coolen Geste von einer jungen Barfrau überreicht. Ich war baff. Schlichtweg baff. Vor Freude kamen mir fast die Tränen. Wie großartig das ist, etwas verloren Geglaubtes zurückzukriegen. Was für ein schönes Gefühl! Was für ein gutes Zeichen das ja auch ist! Man bekommt sofort den Glauben an die Menschheit zurück. Und an Berlin!

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (von links): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (v. l.): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Als ich mich, überglücklich, mit meiner just wiedererlangten Kamera umdrehte, standen da Ulrich Matthes und der Bühnenbildner Johannes Schütz, grinsend, als seien sie selber die Glückspilze, und gratulierten mir. Und so entstand das obige Foto mit den beiden. Für mich das reine Glückspilzbild.

Welche ehrliche Frau auch immer meine Kamera gefunden und an der Bar abgegeben hat: Ich danke ihr von Herzen und wünsche ihr ebensoviel Glück; wünsche ihr, dass die gute Energie, die sie erzeugt hat, auf sie selber zurückwirkt. Und auf die ganze schöne Stadt Berlin.

03.11.10 | 01:00 | Geht doch! | Kritikerlust | Nicht verpassen | Kommentare 3 Kommentare

Köln, wie es sinkt und zusammenkracht

Beim tosenden Schlussapplaus stapfte das Inszenierungs-Team in Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz

Beim tosenden Schlussapplaus stapft das Inszenierungs-Team mit Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz.

Am Ende ist die ganze Bühne überschwemmt, und das Dreckswasser steht den Schauspielern bis zu den Knöcheln. Aber auch das Publikum steht – es jubelt, johlt, spendet Standing Ovations. Beeindruckend, so ein tosender Applaus. Aber Vorsicht, da wackelt ja das Haus!

Der Jelinek-Abend, den Karin Beier am Schauspiel Köln herausgebracht hat, ist aber auch wirklich fulminant! Möchte den am liebsten sofort noch einmal sehen … und kann ihn nur weiterempfehlen. Ganz großes Theater! Und das heißt hier auch: ganz großes Stadttheater. Stadttheater at its best. Ein Theaterabend, der auf die spezielle Verfasstheit der Stadt hin gedacht und gemacht ist und die Finger direkt in die Wunden legt, was so schmerzvoll ist wie seelenheilsam. Kathartisch geradezu. Weil man das braucht: dass eine(r) Worte und Bilder und einen Furor findet für das Lähmende, Beschämende, das Unfassbare. Weil es gut ist, das Angestaute rauszulassen, die Wut, den Frust, das Unverdaute. Weil es gesund ist, über das Unglück lachen zu können, aus der Katastrophe Funken der Komik herauszuschlagen. Weil schwarzer Humor immer besser ist als gar keiner. Und weil nach wie vor gilt, dass die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, die Komödie ist.

Waste Land: Die Kölner Bühne nach dem Schlussapplaus

Waste Land: Die Kölner Bühne am Premierenabend nach dem Schlussapplaus

“Das Werk / Im Bus / Ein Sturz”: drei Stücke über das Bauen, Bohren und Stauen, das ewige Vorwärtsdrängen des Menschen, sein gewaltsames Eindringen in die Natur, seiner eigenen folgend. Gerade in Köln, wo das eingestürzte Stadtarchiv eine klaffende Wunde und ein abgrundtiefes Trauma in der Stadt hinterlassen hat; hier, wo niemals jemand Verantwortung für die Katastrophe übernommen hat; in Köln, wo der geplante Abriss des Schauspielhauses nur durch vehemente Bürgerproteste zugunsten einer Generalsanierung verhindert werden konnte, gerade hier ist dieses Thema wahnsinnig wichtig und goldrichtig. Und so hochnotkomisch und grimmig böse, wie Karin Beier das Schauspielhaus an diesem Abend ins Wackeln und Rieseln bringt und schlussendlich die ganze Bühne flutet, ist das auch ein gewaltiges Stück Wut- und Drecksarbeit – wobei das einhergeht mit der nötigen (seelenhygienischen) Aufräum- und Bewältigungsarbeit. Wo sich ja sonst keiner in Köln daran macht …

Ich bin auch schon wieder mal ganz begeistert von Frau Jelinek. Wie sie doch immer zur richtigen Zeit die richtigen Themen anpackt! Wie ihre grandios nervigen, kalauernden, die Sprache unablässig drehenden, biegenden, wendenden Textschwallflächen hartnäckig am Puls der Zeit pochen und doch immer tief hinabbohren in die Gräber der Geschichte – das ist schon sehr beeindruckend. Es ist gesellschaftlich relevant, brisant, und es ist immer total politisch. Jelinek scheint da mit einer geradezu seismographischen Sensibilität begabt zu sein. Ich bewundere das.

“Ein Sturz”, das Stück, das sie jetzt extra für Köln geschrieben hat, wortstrudelt zwar einerseits ganz konkret (und in vielen Details: betont banal) um den Einsturz des Stadtarchivs im März 2009 herum, führt andererseits aber auch weit darüber hinaus: nach Stuttgart 21 ebenso wie nach Schmalkalden in Thüringen, wo sich gerade – kurios und erschreckend genug – die Erde aufgetan hat … und noch weiter führt dieses Jelinek-Stück, in dem die Erde direkt angesprochen wird, adressiert von einem hochmütigen, genervten, klagenden, schimpfenden, überheblichen Menschenchor (“Erde, was machst du denn da? … Was soll das, Erde? … Erde, bleib, wo du bist … du blöde Erde”). Es führt ins Innere des Erdballs, führt in die Erde, die Angesprochene, Geschundene, Vergewaltigte, selbst, und es konfrontiert diese mit dem menschlichen Fortschritts- und Machbarkeitswahn, dem ewigen “Muss doch!”, diesem technologischen “Geht nicht? Geht nicht!”.  – “Alles reißen wir ein, warum?/ Weil wir es können!” – Für mich ist “Ein Sturz” das erste wirklich moderne, globale Umweltdrama. “Erde, du hast verloren, du bist verloren. Bist du jetzt zufrieden?”

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... So siegt man nicht!"

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... Du willst nur vom Wasser gefickt werden, Erde? ... So siegt man nicht!"

Die Erde, die lange alles mit sich hat machen lassen, die sich vom Menschen hat untertan machen und ausbeuten lassen, die Erde – Mutter Erde – ist aufgewühlt, ausgelaugt, krank; sie spurt nicht mehr, sie reißt Löcher, bricht ein, verbindet sich mit dem Wasser zu unheilvollem Tun. Und die Menschen beschwören sie nun, heben an zum großen Schimpf- und Klage-Chor – wobei Jelinek da ganz groß ansetzt und in Ton und Gestus die griechische Tragödie zitiert – diese auch ironisiert und persifliert. Mit hohem Fleh- und Jammer-Pathos (“Oh Los des Erdendaseins!”/ “Hinopfert ihr Kind, die schöne Baustelle, die eigene Frucht, die Frucht eigenen Tuns, das eigene Werk?”/ “O weh, o weh, Haus, du Haus!”).

Ich finde das super, richtig groß. Zynisch-böse und anrührend auch. Und dass Karin Beier in ihrer Uraufführung die von den Menschen litaneihaft angerufene, beschimpfte, end- und ehrlos zugequatschte Erde tatsächlich als Figur auftreten lässt (bei Jelinek gibt´s ja wieder nur eine Textflut), ist eine sehr sinnige und sinnliche Idee. Zumal die drahtige Schauspielerin Kathrin Wehlisch sich in dieser Rolle weder schont noch sich was schenkt, so artistisch-rabiat, wie sie – lehmverschmiert und nackt – über die Bühne tobt, rutscht, tanzt, schlittert, von allen gestoßen, geschubst, getriezt. Das Wasser, mit dem ihr der Chor einen orgiastischen “Fick” unterstellt, verkörpert ein gut gebauter Tänzer, mit dem die personifizierte Erde einen letztlich tödlichen erotischen Pas de deux hinlegt.

Ach, eigentlich will ich hier drin ja keine Kritiken schreiben. Aber ich bin noch so begeistert. Und wollte die Fotos nachreichen, die ich am Ende der Premiere von der gefluteten Kölner Baustellen-Bühne gemacht habe. Eine Johannes-Schütz-Bühne: Moderne Schreibtische, Computer, Bürosessel auf weiter schwarzer Flur, nach und nach vom Wasser überschwemmt, welches aus einer Grube im Boden sprudelt (diese Grube schaut aus wie ein Grab, und die Erde verreckt schlussendlich darin), aber auch aus einem Rohr, das von rechts hereinragt. Dieses Rohr haben die heillos überforderten Bauaufsichtsamts-Beamten, die Karin Beier in ihrer düster-satirischen Verwaltungs-Performance vorführt, zwar irgendwann vorsichtshalber gestopft – in einem Anflug von plötzlichem Katastrophen-Verhinderungs-Aktionismus -, aber das Gurgeln, Gluckern und Blubbern, das sich später unheilvoll ankündigt, bricht in Form eines Wasserschwalls dann doch just aus diesem Rohr. Ein Brüller, versteht sich.

Schon im ersten Teil des Abends, “Das Werk”, gab es herrlich inszenierte Wasserspiele des Ensembles, alles mundgegurgelt, handabgefüllt. Gespuckt, gespritzt, geblasen. Karin Beier hat den Jelinek-Text wahnsinnig gut rhythmisiert und orchestriert, der ganze Abend, das muss auch noch gesagt werden, ist ungeheuer musikalisch.

In “Das Werk” geht es um Kaprun, um den Bau des riesigen Kraftwerks dort und die Todesopfer, die er gefordert hat, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter.  Und auch die Toten des Kapruner Seilbahnunglücks des Jahres 2000 mischen in dem Sprechchor der Untoten mit, den Jelinek lospoltern lässt (bei Beier: ein Männerchor in Unterhemden) – neben all den anderen Sprachmonstern, die hier ohne Unterlass ratschen, raunen, reden: faustische Tatmenschen und fortschrittsoptimistische Ingenieure, Heidi und Peter, Hänsel und “Tretel”, Tüchtige und sich körperlich Ertüchtigende. Ein gigantisches Kraftwerks-Oratorium, anschwellend zum großen, finalen Memento Mori.

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Auch im “Bus”, dem kleinen Zwischenstück, das Beier wie ein Satyrspiel zwischen das tatkräftige  Aufbau-”Werk” und den jammervollen “Ein Sturz” setzt, geht es um den Zusammenprall von Mensch und Natur. Dieser hier mutet lächerlich an: Ein voll besetzter Bus stürzt wegen eines U-Bahn-Baus mitsamt der Straßendecke in den Abgrund. Hä? Gab´s aber tatsächlich: geschehen 1994 in München-Trudering. Bei Jelinek sind die Bauarbeiter, denen plötzlich ein Bus auf den Kopf plumpst, zynische Totengräber – und die Regisseurin Beier macht daraus ein karnevaleskes Trio mit grotesken Clowns-Fressen. Fratzenhaft.

Nun je … man könnte noch so viel von diesem denkwürdigen Kölner Abend erzählen. Die wunderbaren, absolut (ein)bruchsicheren und wasserfesten Schauspieler habe ich hier zum Beispiel noch gar nicht gewürdigt. Und habe ich eigentlich erwähnt, wie ausgesprochen musikalisch, wie gekonnt rhythmisiert diese Inszenierung ist?

Aber Schluss jetzt. Hingehen. Selber sehen! Ich will auch noch mal.

07.06.10 | 00:09 | Geht wieder | Kritikerfrust | Kritikerin unterwegs | Kommentare 1 Kommentar

Hass … und dann doch wieder: Liebe

HASS-Boxer

Viel Hass erfahren in der letzten Zeit. Zornigen, geifernden, blindwütigen Hass. Abgelassen von anonymen Hassern auf nachtkritik.de, wo es unter dem Deckmäntelchen einer “Debatte” zur Heidelberger Juryentscheidung am Ende nur noch darum ging, mich als Kritikerin und Person schlecht zu reden und fertig zu machen. Es war echt übel: all diese persönlichen Diffamierungen, ehrverletzenden Attacken, verbalen Herabsetzungen – das geht nicht spurlos an einem vorüber. Das war längst keine Debatte mehr über Autorenförderung und eine problematische Jury-Entscheidung (wir waren übrigens drei Juroren!) – das ging nur noch gegen mich persönlich. Erschreckend, wie viele Feinde man als Theaterkritikerin hat …

Na jedenfalls saß ich neulich mit dieser noch ganz frisch in mir arbeitenden Hasserfahrung im Zug nach Wien (zwei Termine bei den Festwochen), als sich in Linz ein Mann zu mir an den Tisch setzte, ein Schwarzer, sehr freundlich, mit Aktentasche, Leuchtmarkern und Papieren. Und da ich offenbar nicht meine Abwehrmaske im Gesicht trug – die muss man sich unbedingt zulegen als reisende Kritikerin, damit man es schafft, in Ruhe gelassen zu werden und im Zug all die Stücke und das Material zu lesen, was man sich für eine Fahrt vorgenommen hat -, da ich also einigermaßen freundlich und ansprechbar dreingeschaut haben muss, kamen wir ins Gespräch. Es war ein sehr gutes, intensives Gespräch. Ein Gespräch – über die Liebe. Tatsächlich! Ich mit all der Hass-Erfahrung in mir treffe auf einen wildfremden Mann aus dem Kongo, dessen wissenschaftliche Studien im Bereich der Soziologie – er ist Soziologe an der Universität Wien -  letzten Endes auf die Erkenntnis hinauslaufen, dass es tatsächlich DIE LIEBE gibt, und zwar, wie er sagte, eine bedingungslose, uneigennützige, absolute, zu Brüchen mit den Eltern und der ganzen Familie führende, Dich gesellschaftlich einsam machende, aber menschlich komplett erfüllende Liebe. Sein Forschungsgebiet: “Domino-Beziehungen”, das heißt: Beziehungen zwischen schwarz und weiß.

Sehr interessant, was er von seinen Forschungssubjekten zu berichten hatte – sind ja in der Regel Extrem-Fälle -, und wie die schwierigen Umstände, all diese Vorurteile, die Restriktionen, das Misstrauen diese Paare zusammenschweißen. Wie sich in solchen Fällen (vermutlich viel klarer und entschiedener als sonst im Leben) Liebe erweist, ja be-weist. Komisch, irgendwie war es mir fast peinlich, dass ein Fremder so  freimütig mit mir über die Liebe spricht. Allein diese Selbstverständlichkeit, mit der er sie als erwiesen ansah …

Das “Liebes”-Gespräch mit dem freundlichen Herrn Soziologen war um so kurioser, als ich just an diesem Abend bei den Wiener Festwochen – passend zu meiner Grundgestimmtheit – für das Gegenteil gebucht war:  “Hass”, eine Produktion von Volker Schmidt nach dem gleichnamigen französischen Kultfilm (“La Haine”) von Mathieu Kassovitz aus den neunziger Jahren.

Treffpunkt war das “brut” im Künstlerhaus nähe Karlsplatz. Von dort wurden die Zuschauer mit zwei Bussen zum Gaswerk Leopoldau gekarrt, das ist eine Industriebrache an der Stadtgrenze von Wien, die für diese das ganze Gelände mit einbeziehende Inszenierung als Banlieue dient – trister Vorort von irgendeiner Großstadt irgendwo in Europa.

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (v. l.); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa.    (Fotos: Theresa Rauter)

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (von links); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa. (Fotos: Theresa Rauter / Wiener Festwochen)

Die Geschichte: Drei “asoziale” Jugendliche ohne Job und Zukunft irren mit einer gefundenen Polizeiwaffe wie tickende Zeitbomben durch eine drogenbenebelte, von schrägen Vögeln bevölkerte Stadtrand-Tristesse – bis die Situation eskaliert. Der junge Regisseur Volker Schmidt erzählt das mit einem internationalen Ensemble: Mehrsprachige Schauspieler und Jugendliche mit Migrationshintergrund führen die (bei der Premiere für dieses freiluftige Stationentheater mehrheitlich überhaupt nicht gerüstete) Festwochen-Besucherschar auch bei schlechtestem Matsch- und Regenwetter durch ihr “Viertel”, vorbei an Wohnwägen, ausgebrannten Autos, herumlungernden Straßenkids. Man begegnet Streetdancern, Freaks und einem Politiker, der für konservative Werte wirbt; nimmt von außen – höchst voyeuristisch – Einblick in das Zimmer von Karim (Karim Cherif), begibt sich mit dem Schwarzafrikaner David (David Wurawa) in dessen abgefackelte Fitnesshalle und folgt den flotten Sprüchen des Halbrussen Daniel (Daniel Wagner), der mit seinem nicht unbeleibten Körper so tut, als habe er die Coolness überhaupt erst erfunden. Die drei Schauspieler sind toll! Ungeheuer kraftvoll, charmant, pulsierend und … ja, in ihrer Wirkung wahnsinnig authentisch. Über sie funktioniert dieser Geländewanderabend auch dort, wo er seine Schwächen offenbart. Über sie wird Hass in Zuneigung, Verständnis, Sympathie verwandelt, man schließt dieses in seiner Möchtegern-Coolness so tapsige wie komische Trio in sein Herz, das ist auch im Film so. Um so größer die Fallhöhe hin zum explosiven Schluss – mit einem knallharten Schuss.

In der Gruppe, die der freundliche David Wurawa aus Simbabwe anfangs über das Gelände führte, war übrigens ich es, die er sich herausgriff, um den anderen mit mir als Probandin gewisse Box-Grundübungen vorzuführen: Fäuste ballen – federn – Angriff – Schutz – Verteidigung. Ging ganz gut. Er fragte, ob ich das schon öfters gemacht habe, worauf ich antwortete: “Only with words.” Also denn, liebe Feinde, ich bin gewappnet! Halte beide Fäuste beweglich vor dem Gesicht und federe sprungbereit in den Knieen! Gebt´s mir! Kommt nur! Ich bin bereit! Auf Facebook hat mir außerdem ein lustiger Bekannter einen Freundschaftslink zu Vladimir Klitschko geschickt. Für alle Fälle …

Was seither geschah?

Vladimir Klitschko hat meine Freundschaftsanfrage leider nicht bestätigt. Nachtkritik.de hat am Wochenende nach meinem Wiener “Hass”-Training die Heidelberg-Debatte, also: diesen Hass-Thread gegen mich, abrupt geschlossen. Und die Liebe? Soll es geben.

28.03.10 | 23:02 | Geht doch! | Harte Realitäten | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Solidarität mit dem Schauspielhaus Wuppertal

Wuppertal-Button

Am Samstag war Welttheatertag, und die deutschen Bühnen nutzten diesen sonst eher vergessenen Termin für eine Mobilmachung in eigener Sache. Fast 60 Theater aus der ganzen Republik schickten Einsatzkommandos nach Wuppertal, um mit Lesungen, Reden und szenischen Beiträgen gegen die Schließung des dortigen Schauspielhauses zu protestieren. Denn ja: Die Stadt Wuppertal plant allen Ernstes, ihr Theater dichtzumachen! Und weil in diesen finanzkrisengebeutelten Zeiten auch andere Stadttheater um ihre Existenz fürchten müssen, haben die im Deutschen Bühnenverein organisierten Intendanten zu einer Protestaktion aufgerufen.

Mit enormer Resonanz. Es war die bisher größte Solidaritätsdemonstration deutscher Bühnen, die da am Samstag zustande kam, ein theatralischer Großkampftag.

Kleine Theater wie die Burghofbühne Dinslaken, das Stadttheater Gießen oder das ebenfalls von Schließung bedrohte Schlosstheater Moers nahmen ebenso daran teil wie das Schauspielhaus Düsseldorf, das Staatstheater Stuttgart, das Nationaltheater Mannheim oder das Berliner Ensemble. Das Hamburger Schauspielhaus schickte den wütenden Hartz IV-Chor aus Volker Löschs Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“, das Schauspiel Köln den „Engel der Geschichte“ aus Elfriede Jelineks Wirtschaftskrisenkomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Und für den Schauspieler Ulrich Matthes vom Deutschen Theater Berlin war es eine Ehrensache, seine Unterstützung für das Wuppertaler Schauspielhaus mit einer Tschechow-Lesung auszudrücken. Matthes hatte schon vor Weihnachten dem Wuppertaler Oberbürgermeister einen mehrseitigen Brief geschrieben, in dem er ihm vom traurigen Tod des Berliner Schiller-Theaters berichtete und von dem Phantomschmerz, den diese Theaterschließung hinterließ. Matthes hat nie eine Antwort erhalten.

Hier seine Kurzansprache in Wuppertal, leider sieht man sein Gesicht nicht:

Ein Theater zu liquidieren, ist eine hässliche, folgenschwere Angelegenheit. Für jeden Politiker eine denkbar unpopuläre Maßnahme – aber auszuschließen ist sie nicht. Die Lage in Wuppertal ist so bitter ernst, wie die Stadt pleite ist. In der Regel machen die Kommunen ihre Theater nicht gleich ganz dicht, sondern zehren sie aus: fahren sie finanziell und damit auch personell runter, streichen ihnen die Etats zusammen, schließen einzelne Sparten, bürden ihnen neue und immer neue Kosten auf und sparen sie so langsam kaputt. In den letzten 15 Jahren wurden im deutschen Theater 7000 Arbeitsplätze gestrichen. Da ist kein Speck mehr abzutragen, das ist ausgedünnt. Wenn man so weitermacht, ist es ein Tod auf Raten.

Es gibt ein Menetekel: das Berliner Schiller-Theater -- nicht nur für Ulrich Matthes eine offene Wunde. 1993 wurde es geschlossen, ein Haus mit wirklich großer Tradition – das waren immerhin mal die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. Auch damals wollte das mit der Schließung erst keiner glauben. Auch damals wurde demonstriert. Holk Freytag, der Vorsitzende der Intendanten im Deutschen Bühnenverein, war zu jener Zeit Intendant am heute so gebeutelten Wuppertaler Haus. Er erzählt, wie alle NRW-Intendanten geschlossen nach Berlin gereist sind, um lautstark gegen die Schließung des Schiller-Theaters zu protestieren. Nie mehr, so schwuren sie, würden sie mit einer Aufführung nach Berlin kommen! Keine Zusammenarbeit, kein Gastspiel, keine Pina Bausch sollte es dort mehr geben! Selbst das Theatertreffen wollten sie boykottieren! Nun ja, man weiß, was aus der stolzen Androhung geworden ist, und wenn das Wuppertaler Protestspektakel vom Samstag so effektiv ist wie die Demonstration damals in Berlin, dann gute Nacht …

Die SMS, die Holk Freytag heute Mittag geschickt hat – wir waren wegen eines Artikels in Kontakt, den ich fürs Feuilleton geschrieben habe –, ist allerdings voller Zuversicht. Es klingt darin jener euphorische Optimismus an, den jeder kennt, der, gestärkt von der beglückenden Erfahrung menschlicher Solidarität, von einer Groß-Demo für eine gute Sache zurückkommt.

Hier also die Nachricht des Hauptorganisators:

„Es war ganz toll gestern, und es ging bis weit nach Mitternacht. Es waren Tausende auf der Straße, selbst die drei Kilometer lange Menschenkette vom Schauspiel- zum Opernhaus hat geklappt. Vielleicht schaffen wir da ja doch was .“

„Vielleicht schaffen wir ja doch was“ … ja! Das ist schön! Das wäre zu wünschen.

Ich war am Samstagabend nicht in Wuppertal, sondern bei der Premiere von “Don Carlos” am Staatsschauspiel Dresden (da, wo Holk Freytag zuletzt Intendant war, bevor Wilfried Schulz ihn ablöste). Beim Schlussapplaus, der mit Fug und Recht begeistert und sehr ausgiebig war, zeigte sich Regisseur Roger Vontobel im gelben Wuppertal-Solidarität-T-Shirt. Die Dresdner Schauspiel-Gesandtschaft hatte es frisch von der Wuppertaler Protestaktion mitgebracht. Fand ich gut.

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos"  (Fotos: cd)

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos" (Fotos: cd)

Nach der Vorstellung, die bis zwanzig nach elf ging (die Sommerzeitumstellung mit einkalkuliert, war es fast schon halb eins -- so viel zu den Arbeitszeiten einer Theaterkritikerin!), also nach der Vorstellung lief ich dem Intendanten Wilfried Schulz über den Weg. Der trug einen Wuppertal-Solidaritäts-Button -- und außerdem von der linken Schulter bis zum Arm einen nicht zu übersehenden Klettschienenverband. Was für ein Kämpfer! Sah aus, als wäre er selber bei der Wuppertaler Demo dabei gewesen und hätte sich dort ganz schön ins Zeug gelegt, ja regelrecht fürs Theater geschlagen.

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Nein, so weit ist es natürlich nicht gekommen. Er ist beim Skifahren gestürzt, der Arme. Letzter Tag, letzte Abfahrt, alles schon gepackt, Auto stand abfahrbereit, einmal noch rauf … und dann das: Trümmerbruch. Schulz, dieser wirklich nette Mensch mit dem lustigen Kiebich-Gesicht, legt auch bei dieser Unglücksschilderung einen milden Ton und sein immer so freundlich scheues Lächeln auf. Diese deutschen Intendanten! Hart im Nehmen sind sie ja schon. Einfach nicht kleinzukriegen.

Wäre doch gelacht, wenn mit denen der Kampf gegen den Theatertod nicht zu gewinnen wäre.

09.02.10 | 19:24 | Harte Realitäten | Kritikerin unterwegs | Kommentare 0 Kommentare

Berlin – ein gefährliches Pflaster

Komme gerade (mit verspätetem Flieger) aus Berlin zurück – was für ein gefährliches Pflaster! Die Gehwege: total vereist. Die Straßen: von Eisbänken verkrustet. Überall Glatteisgefahr. Rutschende, schlitternde Menschen. Mit dem Rollkoffer zum Hotel zu laufen, war eine einzige Rutschpartie. Ich bin froh, heil wieder aus dieser Stadt herausgekommen zu sein. Dort sind sie dem harten Winter echt nicht Herr geworden. Hunderte Berliner sind schon schwer gestürzt und mit Knochenbrüchen im Krankenhaus gelandet.

Der “Tagesspiegel” machte das Eis-Chaos in seiner heutigen Ausgabe auf der Titelseite zum Thema – Schlagzeile: “Der Fall Berlin”. Im Lokalteil erfährt man unter der Überschrift “Glatt versagt”, dass allein am vergangenen Wochenende 108 Patienten behandelt wurden, die auf dem Eis ausgerutscht waren. Aber es wird auch Hoffnung gestreut: “Die Stadtreinigung (BSR) räumt oder bestreut nun auch Gehwege, Haltestellen oder Plätze, für die sie nicht zuständig ist. So wurde und wird auch auf eisige Nebenstraßen Splitt gestreut.” Ein Obdachloser hat aus der Not immerhin eine Notunterkunft gemacht – und sich am Nollendorfplatz ein Iglu gebaut.

02.02.10 | 19:50 | Harte Realitäten | Theater | Kommentare 2 Kommentare

Quelle des Übels, Quelle des Glücks

Der letzte seiner Art: Quellekatalog Herbst/Winter 2009/10 (Foto: cd)

Der letzte seiner Art: Quellekatalog Herbst/Winter 2009/10 (Foto: cd)

Aus. Vorbei. Geschichte. Die Firma Quelle ist nicht mehr. Tausende haben ihren Arbeitsplatz verloren, davon viele ihre ganze Existenzgrundlage. Neun dieser “Ehemaligen” sind gestern im Stadttheater Fürth auf die Bühne getreten, um vom Erfolg, Niedergang und dem plötzlichen Aus ihrer Firma und damit von sich selbst zu erzählen: in Liedern, Geschichten, Märchen, Gedichten und in ganz persönlichen Erfahrungsberichten (siehe auch meinen Artikel im SZ-Feuilleton in der Printausgabe vom 3. Februar).

“Die Menschen von Primondo und Quelle” hieß dieser Bürgertheaterabend, der einem Trauer- und Gedenkgottesdienst glich -- mit all den emotionalen Ups and Downs, den so eine Abschlussveranstaltung hat. Selige Erinnerung, Trauer, Freude, Stolz: “Man hielt zusammen wie in einer richtigen Familie. Man lebte von und für die Quelle.” Der Blick nach vorn. Selbst auferlegte Hoffnung, trotzige Zuversicht, neue Pläne: “Ich vertraue auf meine Stärke” -- “Vielleicht geht was in Richtung Werbung …” Aber auch eine große Wut brach sich da Bahn und wurde ausgelassen an den letzten Quellekatalogen, die sich auf der Bühne stapelten. Der Slogan auf der Titelseite wirkt im Nachhinein wie ein Hohn: “Tausend Wünsche. Eine Quelle.” Die Gültigkeit des Kataloges, dieses letzten seiner Art, ist mit dem 31.01.2010 abgelaufen -- so wie auch der Arbeitsvertrag des IT-Spezialisten Winfried Lernet (Quelle Itellium), der auf der Bühne seinen ersten Tag als Arbeitsloser mit Gongschlägen einläutete und mit Klangschalen wimmernde, meditative Töne erzeugte. Statt selber zu reden, zeigte er seine persönliche Art der Aufarbeitung als Powerpointpräsentation:

“Was nehme ich aus der Zeit bei Quelle und Itellium mit? -- Verbundenheit mit der Quelle. Engagement für die Quelle. Zielgerichtete Zusammenarbeit. Wertschätzung der Kolleginnen / der Arbeit.”

Zur Einstimmung auf den Abend gab es einen Film, der die Geschichte der Quelle vom blühenden Versandhandelsunternehmen über die zuletzt gestorbene Hoffnung bis hin zum Ausverkauf an den Wühltischen kurz und gefühlsbündig zusammenfasst:

Später wurde die Leinwand dann für andere Einblendungen freigegeben: Fotos aus dem täglichen Arbeitsleben, Gruppenbilder, Mitarbeiter- und Umsatzzahlen. Lautes Gelächter im Publikum, als ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto von Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz erscheint. Daneben zu lesen:  “Ich muss beim Discounter kaufen und in der Pizzeria um die Ecke essen, denn mein 3 Mrd.-Euro-Aktienpaket ist nur noch 27 Mio Euro wert.” Folgt eine lange Betonkopf-Galerie all der Topmanager, die das Unternehmen von 1983 bis 2009 auf Vordermann bringen sollten. “Es war ein endloser Kreislauf, von einer Idee zur nächsten Vision”, erzählt Lisa Hallmeier aus der Quelle-Markenkommunikation in ihrem ziemlich lustigen Vortrag über die ewige “Baustelle Quelle”:  “Manager kamen und gingen und mit ihnen die Ideen und Konzepte.”

Monika Follmer, Disposition Einkauf / Abteilung Kinderkonfektion, erzählt ihre persönliche Quelle-Geschichte als ein Märchen, das in Erfüllung ging: Es handelt von einem jungen Mädchen aus einem kleinen rumänischen Dorf, das beim Durchblättern ihres ersten Quellekatalogs wahre Glücksgefühle erlebte. So musste das Schlaraffenland aussehen! Als sie dann vor 19 Jahren selber zu dem Unternehmen kam, empfand sie das als “eine große Ehre”.

Während die Einkäuferin Follmer verträumt im Quellekatalog blättert, haut Beatrix Zensner die Exemplare wütend auf den Boden und lässt all ihren Zorn und Frust daran aus. Sie war Callcenter-Mitarbeiterin und Betriebsrätin bei Quelle und erzählt mit Wut in der Stimme von ihrem aussichtslosen Kampf: “Nachts habe ich geheult und geschrien … habe dann gelernt, darüber zu reden, mitzureden, habe mich an ignoranten Wänden kalt geschlagen, bin an der Ohnmächtigkeit und der auferlegten Verantwortung beinahe zugrunde gegangen.” Sie sei auch ein Opfer: “ein Opfer von Druck und Ausbeutung und mangelnder Anerkennung”.

Ehemalige Quelle-Mitarbeiter lassen ihre Wut raus ... und am Katalog aus.  (Foto: ddp)

Ehemalige Quelle-Mitarbeiter lassen ihre Wut raus ... und am Katalog aus. (Foto: ddp)

Musikalisch begleitet wurde der Abend kritisch-lyrisch-traurig-trotzig von dem fränkischen Trio B3B1B (“Bach drei Barden eine Band”). Zwei der Bandmitglieder, der Sänger und Texter Armin Bachhuber und Bassist Stefan Kugler, waren selber bei der Quelle beschäftigt. Sie haben drei Lieder eigens für die Quellianer geschrieben: “Ich bin”, “Der lange Weg” und “Leistung lohnt sich wieder”.

Hier ein Auszug aus dem “Ich bin”-Song:

Der Herr Vorstand hat gemeint / er hätt gestern fast geweint / und es tät ihm furchtbar leid / liebe Leut / die Firma hat sich heut / von euch befreit / keine andre Möglichkeit / der Markt ist halt noch nicht so weit / der Schaden ist kollateral / nicht fatal / das Gesicht, das dieses spricht / ist so banal …

Und der Refrain:

Denn ich bin noch nicht tot / Ich bin noch am Lebn / Ich bin nicht tot / Ich werd nicht aufgebn / Denn ich bin / Ich bin / Ich bin nicht kleinzukriegen

Am Ende formierten sich alle 13 Darsteller (vier davon waren Schauspieler) zu einem antiken Schlusschor und skandierten einen Text,  den der Fürther Schriftsteller Ewald Arenz für sie geschrieben hat: eine Stillstandsbeschreibung im griechischen Versmaß. Über Schreibtische, die leer geräumt, Schränke, die ein letztes Mal geöffnet werden, Staub, der sich festsetzt -- “und nichts kann mehr glitzern in diesen Tagen”. Am Ende aber heißt es:

“Nicht mit gesenktem Kopf / kann man leben / Erhobenen Blicks erst / sieht man das Licht”

Bewegte Gesichter. Standing Ovations. Das Leben wird weitergehen. Es muss.


19.01.10 | 18:30 | Dies & das | Theater | Kommentare 5 Kommentare

Betrunkene Schauspieler

Es wird auf unseren Bühnen ja generell sehr viel gesoffen. Wenn ich alleine dran denke, welche Mengen an Whiskey Wiebke Puls als Blanche DuBois in “Endstation Sehnsucht”, der jüngsten Premiere der Münchner Kammerspiele, an einem Abend so weggkippt! Oder wie sich Barbara Melzl in “Ritter Dene Voss” im Cuvillièstheater dauerrauchend dem Rotwein ergibt (um nur mal zwei aktuelle Beispiele aus München zu nennen)  … mannomann, da ächzt die Leber! Aber, so hat man zumindest immer gedacht: Ist ja alles nicht echt! Die tun ja bloß so. Das ist schließlich die vornehmste Aufgabe des Theaters: so zu tun als ob.

Denkste. Am Schauspiel Frankfurt sind vier Schauspieler in einer szenischen Lesung buchstäblich aus der Rolle und, so wird berichtet, sogar von der Bühne gefallen, weil sie sich heillos betranken. Das Gelage war zwar völlig im Sinne des Stückes, handelte es sich doch um einen veritablen Säufertext („Die Reise nach Petuschki“ von dem Russen Wenedikt Jerofejew– im Spielplan angekündigt als die „aberwitzige Beschreibung einer der berühmtesten Sauftouren der Weltliteratur“). Nur war es eben kein Wasser, was die vier Männer da auf der kleinen Frankfurter Experimentalbühne “Box” fröhlich bechernd zu sich nahmen – sondern echter, hochprozentiger Wodka. Der haut, wie sich zeigte, selbst die stärksten Mimen um. In diesem Fall: Marc Oliver Schulze, Torben Kessler, Oliver Kraushaar und Michael Abendroth, die irgendwann nur noch torkelten und lallten.

Am schlimmsten erging es Marc Oliver Schulze, gefeierter Protagonist in Michael Thalheimers Inszenierung “Ödipus /Antigone”. Der klappte am Ende zusammen und musste als Schnapsleiche mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Zu seiner Ehrenrettung führt das Schauspiel Frankfurt an, dass er einen “extrem harten Tag” gehabt und kaum was gegessen habe. Er sei nach einer Stunde Rekonvaleszenz auch wieder aus dem Hospital entlassen worden. Die drastische Schilderung des Saufgelages in der Frankfurter “Bild”-Zeitung (fliehende Zuschauer, Chaos, Überfallkommando, Hundeführer, Polizeieinsatz mit vier Streifenwagen) wird von offizieller Theaterseite allerdings als überzogen bezeichnet.

Echtheit ist derzeit im Theater ja schwer angesagt. Man will das wahre Leben in Gestalt von Erfahrungsberichten und Laien – und es nicht immer nur faken. Insofern liegt das authentische Saufen durchaus im Trend. Sollte es Schule machen, dann Prost!

02.11.09 | 22:55 | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Endlich: ein Anrechtsbüro!

Anrechtsbuero

Nanu, das ist ja mal was: ein Anrechtsbüro!!! Feine Sache, wie mir scheint.

Kann ich hier vielleicht mein Anrecht auf menschenwürdige Behandlung oder gar auf eine der Fahrkarte entsprechende Zugbeförderung mit der Deutschen Bahn einklagen? Ich meine gar nichts Überzogenes, nur: eine Bahnfahrt ohne Pannen und 40-minütige Verspätungen, ohne Kühlschranktemperaturen im Abteil und Scharen von stehenden Menschen in den Gängen heillos überfüllter Wochenend-Kurzzüge, eine Zugfahrt von A nach B, also von Abreise- zu Ankunftsbahnhof, ohne dass man zum Beispiel, von Dresden kommend, in Hof plötzlich willkürlich ausgeladen und in einen völlig anderen Regio-Express verfrachtet wird, auf den zu warten auf zugigem Bahnsteig einen die Kälte in die Glieder und die Verachtung in alle Nervenzellen treibt. Von den ausgeschütteten Stress- und Ärgerhormonen wegen der verpassten Anschlussverbindungen mal ganz zu schweigen … Anrechtsbüro – gibt es hier vielleicht jene neu eingeführten Entschädigungsbeantragungsformulare, die der Schaffner natürlich nicht dabei hat, sofern sich überhaupt ein Schaffner zeigt (auf den Chaos-Strecken können sie aufgrund der “außerfahrplanmäßigen Verzögerungen” leider nicht zusteigen, oder sie lassen sich vorsichtshalber gar nicht erst blicken, man fährt da völlig unkontrolliert)?

Anrechtsbüro – ist das die Lösung meiner Probleme? Ich meine gar nicht die hausgemachten, nur: die Umweltprobleme, diese aufgezwängten, weltgemachten. Die einen mitunter an den Rand der Verzweiflung und in die Misanthropie treiben. Gibt es ein Anrecht auf bessere Umstände – in der Arbeit wie bei der Deutschen Bahn? Oder vielleicht sogar in der gesamten Gesellschaft? Und wenn ja, liebes Anrechtsbüro, braucht man dafür ein Formular?

Gibt´s so was denn wirklich, ein “Anrechtsbüro”? Ja, doch: unter den Arkaden des Staatsschauspiels Dresden, wo mein Foto entstand. Man kann dort Abonnements für das Theater erwerben, Besucherservice garantiert. Es sind doch immer nur die Bretter, die notfalls die bessere Welt bedeuten  – und nicht einmal das mit Garantie.