08.08.11 | 01:51 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 1 Kommentar

“Der Passionierte” – Laudatio auf Christian Stückl

Regisseur und Intendant Christian Stückl (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld. (Alle Fotos: von mir)

Regisseur und Intendant Christian Stückl erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld.

So, und hier nun also meine Laudatio auf Christian Stückl anlässlich des Oberbayerischen Kulturpreises 2011.

Der Passionierte

Wer den Menschen und Theaterkünstler Christian Stückl würdigen möchte, kommt um den Raucher Stückl nicht herum. Die Art, wie Christian Stückl raucht, hängt unmittelbar damit zusammen, wie er arbeitet und lebt, nämlich ziemlich intensiv. Jeder, der den Oberammergauer Passionsleiter und Münchner Volkstheater-Intendanten schon einmal hat qualmen sehen, weiß: Er zieht nicht nur an einer Zigarette, er saugt daran – heftig, hektisch, manchmal mit einem derart zischenden Inhalationsgeräusch, dass man den Lungenzug förmlich hört. Ungefähr so muss man sich den Kettenraucher Stückl auch als Theaterleiter und Regisseur vorstellen: gierig alles auf- und in sich hineinsaugend, glühend, leidenschaftlich, unbedingt. Christian Stückl ist ein Süchtiger, vor allem als Theatermacher. Er arbeitet, wie er raucht: auf Lunge.

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)

Die Puste ausgehen tut ihm darob aber nicht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Energie dieser Mann hat. Als er in den letzten Wochen und Monaten Thomas Manns Mammutroman „Joseph und seine Brüder“  auf die Oberammergauer Passionsbühne stemmte – in einer eigenen Fassung, versteht sich –, da inszenierte er zwischendurch auch schnell noch die Wiederaufnahme von Hans Pfitzners sperriger Oper „Palestrina“. Diesmal nicht am Münchner Nationaltheater, wo Stückls Inszenierung bereits 2009 Premiere hatte, sondern – in neuer Besetzung – an der Hamburger Staatsoper. Und dann hat dieser unermüdliche Spieltriebtäter mit dem Münchner Volkstheater ja auch noch hauptberuflich ein Theater zu leiten. Das tut er mit so einschlägigem Erfolg, dass die Stadt München seinen Vertrag im Februar vorzeitig bis zum Jahr 2015 verlängert hat. Wohlweislich. Damit er ihr auch ja nicht ausbüchst, dieser Stückl, der für das dahinkriselnde Haus die Rettung war und, so darf man ohne Übertreibung hinzufügen, ein Segen ist.

Logo Volkstheater

Logo Münchner Volkstheater

Als Nachfolger von Ruth Drexel hat Christian Stückl das Münchner Volkstheater derart umgekrempelt und verjüngt, dass es trotz seiner finanziellen Zwergenhaftigkeit zwischen den zwei Schauspielriesen der Stadt, dem Residenztheater und den Kammerspielen, klein, aber fein aufgestellt und schwerlich zu übersehen ist. Schon vom Spielplan her hat sich das Haus den anderen beiden Bühnen selbstbewusst angenähert, denn wo „Volkstheater“ draufsteht, da ist für Stückl ganz gewiss nicht automatisch ein Volksstückl drin. Sondern: Shakespeare, Schiller, Kleist, klassische wie zeitgenössische Dramatik – das ganze Repertoire, bayerische Kultstücke wie „Der Brandner Kaspar“ oder „Der Räuber Kneißl“ nicht ausgeschlossen, denn die sind Stückls Spezialität und fast immer ein Publikumsrenner, so wie neuerdings auch seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“. Stückl ist als Regisseur ein Stürmer und Dränger. Er erzählt seine Geschichten saftig, sinnlich, süffig, aus einer unbändigen – manchmal auch ungebändigten – Spielfreude heraus.

Stückl signiert

Stückl signiert

Seit seinem Amtsantritt 2002 hat Stückl die Einnahmen am Volkstheater kontinuierlich gesteigert. Der Laden läuft, es kommen 110 000 Zuschauer im Jahr. Das muss man erst einmal hinkriegen mit so einem Mini-Etat. Stückl hat es von Anfang an verstanden, aus der Not seines kleinen Hauses eine Tugend zu machen und mit Jugend zu punkten: mit jungen, hochbegabten Schauspielern, die er frisch von der Schauspielschule weg engagiert (und er hat ein exzellentes Gespür für Talente!); mit jungen, spannenden Regisseuren, denen er eine Plattform bietet; und nicht zuletzt mit dem famosen Festival „Radikal jung“, mit dem das Volkstheater längst überregionale Strahlkraft erlangt hat. Da wundert es einen nicht, dass den Intendanten manchmal der Frust überkommt, weil er gerne mehr machen, expandieren, das Festival ausbauen möchte, das Geld dafür aber hinten und vorne nicht langt.

Dass er sich trotzdem in seinem kreativen Elan nicht bremsen lässt, hat mit dem speziellen Schmieröl zu tun, das Stückls Motor am Laufen hält – und das ist seine sprudelnde, leidenschaftliche, Begeisterungsfähigkeit. Mit ihr stürzt er sich aufs Theater genauso wie auf Menschen oder die Auslegung der Bibel, und wer immer es dann mit ihm zu tun bekommt, sei gewarnt: Es besteht höchste Ansteckungsgefahr!

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.

Das ist eine große Qualität des rastlosen Wirtssohns aus Oberammergau: dass er nicht nur für eine Sache brennen, sondern dass er auch andere Menschen entzünden, sie für sich und seine Sache begeistern kann. Stückl ist ein Menschenfänger, ein Talentefischer. Und wie dieser Jesus aus Nazareth, mit dem er sich so oft beschäftigt, sammelt auch er immer eine Schar von Jüngern um sich herum.

In Indien, nach Obernbayern sein Lieblingsland, ließ er sich einmal von einem Wahrsager aus der Hand lesen. Er müsse ein Künstler sein, sagte der Wahrsager zu Stückl, ein Künstler aus dem Bereich Theater oder Musik, es habe auf alle Fälle etwas mit Menschen zu tun. Stückl, der den Mann auf die Probe stellen wollte, sagte: „Ich bin Geschäftsführer einer GmbH.“ (Womit er nicht gelogen hat – das Münchner Volkstheater ist als GmbH strukturiert.) Darauf antwortete ihm der Inder: „Damit werden Sie nicht glücklich werden.“

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl

„Es muss auf alle Fälle was mit Menschen zu tun haben . . .“ – Insofern hat der gelernte Holzbildhauer Christian Stückl absolut den richtigen Beruf ergriffen und kommt eigentlich nur seiner Bestimmung nach, wenn er als Massenregisseur und –dompteur im Passionstheater von Oberammergau Heerscharen von Darstellern arrangiert und inszeniert; Schafe, Tauben und Kamele inklusive. Er kann das wie kein anderer.

An die 2000 Mitwirkende waren es auch letztes Jahr wieder, beim Passionsspiel 2010, dem professionellsten, staunenswürdigsten, chorisch wie choreographisch eindrucksvollsten Laientheater, das man je zu sehen bekam. Eine grandiose Leistung, mehr große Oper als folkloristisches Dorftheater.

Oberammergau 2010 - beim Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.

Oberammergau 2010 - bei einem Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.

Stückl war nach 1990 und 2000 bereits zum dritten Mal der Spielleiter und konnte endlich all das durchsetzen, wofür er seit fast 25 Jahren in seinem Heimatort hartnäckig gekämpft hatte: die Modernisierung des Bühnenbildes und des überkommenen Textes mit seinen vielen Antijudaismen;  die freie Besetzung der Hauptrollen ohne Gemeinderatsbevormundung; selbst das unantastbare Nachtspielverbot war per Bürgerentscheid aufgehoben worden, so dass die Passionsspiele erstmals in ihrer langen Geschichte in die Abendstunden hinein verlagert werden konnten – was  Stückl atmosphärisch und lichtdramaturgisch natürlich sehr schön zu nutzen verstand.

Stückl, der gelernte Herrgottschnitzer, ist ein theatralisches Naturtalent. Ein Theaterviech. Weder hat er je eine Regieschule besucht noch sich als Assistent an den Bühnen des Landes hochgedient. Aber zugehört hat er, als in den siebziger Jahren im Gasthof der Eltern, der „Rose“, immerfort über die Passionsspiele und deren mögliche Reform diskutiert wurde. Stückl war damals Feuer und Flamme. Ein echter Passions-Passionierter.

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben

Schon beim Bibelspiel von 1970 war er als Achtjähriger ununterbrochen im Passionstheater und nicht von der Bühne runterzukriegen. „Bühnenschreck“ nannten sie ihn damals. Das war nicht nur liebevoll gemeint. Klein-Stückl war derart theaterbesessen, dass er sich Kostüme grapschte und sich eigenmächtig in jedes „lebende Bild“ reinstellte. Als er deswegen vom Spielleiter eine Watschen fing, rannte der Stöpsel empört nach Hause und verkündete zornig: „ Wenn i amol Spielleiter bin, hau i zruck!“  Damit stand sein Berufswunsch fest, „aus niederen Beweggründen“, wie Stückl heute feixt.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er die Passionsspiele leiten würde. Vorher gründete er noch eine eigene Theatergruppe, mit der er in Oberammergau nicht etwa Bauernkomödien, sondern Stücke von Molière, Büchner und Shakespeare inszenierte, zum Beispiel 1986 den „Sommernachtstraum“. Ein Feriengast aus München, der Publizist Erich Kuby, war davon derart angetan, dass er den jungen Amateurregisseur nach München an die Kammerspiele empfahl. Das war ein Hammer und dürfte die Gemeinderatswahl von 1987 einigermaßen  beeinflusst haben. Damals wurde Stückl mit 25 Jahren zum Spielleiter für die 1990er Passion berufen, dem jüngsten aller Zeiten – zwar nur ganz knapp, mit neun zu acht Stimmen, aber gewählt ist gewählt.

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!

Das war so fortschrittlich von den Oberammergauern, dass es ihnen hernach selber nicht ganz geheuer war. Von den Anfeindungen, Daumenschrauben, Verweigerungs- und Verhinderungsakten, die darauf folgten, kann Stückl herrliche Geschichten erzählen (Ruf aus dem renitenten Darstellerheer: „Wos wuin´ des Oarschloch da vorn?“). Dafür, dass er das alles ausgehalten und durchgestanden hat, verdient er allein schon einen Preis. Und man darf den Oberammergauern gratulieren zu ihrem unnachgiebigen „Bühnenschreck“ – diesem „Fachmann fürs Katholische“, wie Jürgen Flimm ihn nannte, als er Stückl zu den Salzburger Festspielen holte, wo es 2002 ebenfalls ein geistliches Spiel zu reformieren galt: den „Jedermann“.

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers

Festlegen auf den Katholizismus und sein Bayerntum sollte man Stückl aber nicht. Das hieße, diesen sehr offenen, neugierigen, liberal und tolerant denkenden Menschen, diesen leidenschaftlichen Shakespeare-Fan und Indien-Fahrer, Geschichten- und Menschensammler doch sehr zu verkennen. Aber es passiert dann doch immer wieder, dass er gewissen Vorurteilen ausgesetzt ist, was manchmal allein schon an seinem Dialekt liegt, diesem schönen, unverdorbenen Bairisch, das der Stückl spricht.

Es war nicht an den Theatern in Frankfurt, Bonn oder Hannover, sondern ausgerechnet an den Münchner Kammerspielen, wo man ihn einst bei der Vorstellung fragte: „Herr Stückl, denken Sie, Sie können sich unseren Schauspielern in norddeutscher Sprache verständlich machen?“ Stückl war so perplex, dass er erstmal nur antwortete: „I moan scho.“ Inzwischen wurde er für seine ungenierte Verwendung des Dialekts in der Öffentlichkeit mit der  „Bairischen Sprachwurzel“ ausgezeichnet. Womit wir schon wieder bei der katholischen Kirche wären. Denn auch Papst Benedikt XVI. ist Träger dieses Preises.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.

Kein Wunder also, wenn manch einer diesen Stückl missionarischer Bestrebungen verdächtigt. Als er vor der 2000er Passion den muslimischen Vater des kleinen Abdullah aufsuchte, um ihn zu überreden, dass er seinen Jungen unbedingt mitspielen lassen müsse, da sagte der Türke: „Okay, wenn Chef sagt, Abdullah soll spielen, dann soll Abdullah spielen. ABER MACH MICH NICHT KATHOLISCH!“

Zehn Jahre später stand der herangewachsene Abdullah Kenan Karaca vor der Tür des Münchner Volkstheaters und hatte nur ein Begehr: ans Theater zu gehen. Er ist jetzt bei Stückl Regieassistent – ein neuer Jünger.

07.08.11 | 22:45 | Ausgezeichnet! | Fernsehkultur | Glückwunsch! | Kommentare 12 Kommentare

“Schuldig!” – Laudatio von Hans Well auf Dieter Wieland

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro Preisgeld.          (Alle Fotos: von mir)

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro. (Alle Fotos: von mir)

Hier nun also, wie vorangehend angekündigt und mit freundlicher Genehmigung des geschätzten Autors, die Laudatio von Hans Well (“Biermösl Blosn”) auf seinen guten alten Freund, den Autor, Journalisten und Dokumentarfilmer Dieter Wieland (Jahrgang 1937), Kämpfer gegen Landschaftsverschandelung,​ Begradigung und Verödung, der Schrecken aller Flurbereinigugsapologeten, bekannt für Sendereihen (meistens für den Bayerischen Rundfunk) wie “Topographie”, “Bauen und Bewahren”, “Die große Kunst, ein kleines Haus zu bauen” oder “Hauslandschaften”. 

 

Er is schuld!

Ich kann`s nicht anders sagen, dieser Preisträger hat sich schuldig gemacht, dass ich durch keine Landschaft oder Dörfer mehr fahren kann, ohne meine Mitfahrer durch permanente Hinweise auf schöne, alte, meistens verfallende Häuser zu nerven, dass ich unter seinem Einfluss denkmalgeschützte Häuser hergerichtet und dabei Weib und Kinder vernachlässigt hab, dass ich in Abbruchhäusern unter teils lebensgefährlichen Umständen beim Ausbau alter Türen, Fensterbeschläge, Balken, Bodenbretter herumgekraxelt bin. Er ist schuld daran, dass der BR wegen des durch ihn inspirierten Baywa-Liedes zehn Jahre ohne uns Biermösl senden musste , schuld, dass ich mich im Gegensatz zur Mehrheit meiner Klasse nicht für die Lehren von Mao oder Lenin, sondern für die Auswirkungen der Flurbereinigung interessiert hab, dass ich heute morgen gegen meine Natur um 8 Uhr aufgestanden bin für einen Veranstalter, wo ich normalerweis nie und nimmer . . .  na ja, ich bin zwar nicht nachtragend, aber vergessen tu ich auch nix, er is schuld, dass Edeka in meiner Heimatgemeinde Türkenfeld . . .

„I hob ma de ganze Zeit denkt, woher kenn i bloß de Stimm! Jetz woaß i´s wieda!“

Zum Auftakt seiner Rede gibt Hans Well ein biermösltypisches Gstanzl zum besten - eingangs trompetend begleitend von seinem Sohn Lukas, der sich "leider im Stimmbruch befindet, der Sauhund", weshalb er den kritisch-stimmlichen Part ganz dem Vater überlassen musste.

Zum Auftakt seiner Rede gibt Hans Well ein biermösltypisches Gstanzl zum besten - trompetend begleitet von seinem Sohn Lukas, der sich "leider im Stimmbruch befindet, der Sauhund", weshalb er den kritisch-stimmlichen Part ganz dem Vater überlassen musste.

Dieses Heureka einer Kellnerin im vollbesetzten Saal des Unterwirts  zu Türkenfeld nach seinem Plädoyer gegen die Außenansiedlung eines Edeka-Supermarktes „vor Ort“ sagt viel über den Wirkungsradius von Dieter Wieland. Seine wohlklingende Stimme aus dem Fernseh-Off, vor allem aber die Wortgewalt, mit der dieser Abraham de Santa Clara bayerischer Architektur und Heimatpflege gegen die Flurbereinigung traditioneller Kulturräume und die Unkultur von Kitsch und Einheitsbaustil zu Felde zog und dabei den Begriff Heimat entstaubte, sprach alle sozialen, Bildungs- und Altersschichten an.

Einem breiten Fernsehpublikum bekannt wurde Dieter Wieland 1972 durch die Sendereihe „Topographien“ mit so provokanten Titeln wie „Unser Dorf soll hässlicher werden“, später „Bauen und Bewahren“. Filme wie der über das Isental schufen ein Bewusstsein für den Verlust von Heimat zu einer Zeit, in der für die Begradigung von Bächen und Landschaft zur Flurbereinigung mehr Sprengstoff verbraucht wurde als für die gesamte Bundeswehr.

Seine ca. 180 Filme sind der Beweis, dass höchstes Niveau höchsten Einschaltquoten keineswegs widersprechen muss. Seine Publikationen sind längst Standartwerke nostalgieferner traditionsbewusster moderner Heimatpflege. Wegen der starken Nachfrage entschied sich das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz bei der Denkmalbroschüre „Bauen und Bewahren auf dem Lande“ , die 1978 erstmals erschienen war, 2003 in der inzwischen 10. Neuauflage! Ohne Übertreibung kann man sagen, dass mit ihm heute einer der bedeutendsten Bayern der letzten 50 Jahre geehrt wird.

Dabei wurde Dieter Wieland am 16. März 1937 in Berlin Dahlem geboren.  Dieses kleine biographische Missgeschick korrigierte die Vorsehung allerdings fundamental durch eine Kindheit und Jugend in Landshut. Nach dem Abitur ´56 in München und dem Studium der Bayrischen Landesgeschichte sowie der Neueren Geschichte und Kunstgeschichte an der Uni München betätigte er sich ab 1964 hauptsächlich als freier Autor und Fernsehregisseur beim BR, ein Glücksfall für die Zuschauer dieses Senders.

Laudator Hans Well von den "Biermösl Blosn"

Laudator Hans Well von den "Biermösl Blosn"

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ausgestorben in den 70ern die Dorfstraßen waren, wenn eine seiner “Topographien” lief. Wie sich Bauerngärten nach einer Sendung zu diesem Thema in mit traditionell gefertigten Zäunen umgebene blühende Oasen wandelten, alte Häuser – vorher als “oids Glump” missachtet – wieder hergerichtet wurden. Mit seinen Filmen und Schriften, die nie besserwisserisch belehrten, sondern mit Beispielen überzeugten, hielt dieser Mann die kulturelle Zerstörung bayrischer Lebensräume vorübergehend auf.

Sprossenfenster, Haustüren, einheimische Baumsorten, mäandernde Bäche hatten auf einmal wieder ihren Wert. Die Langweiligkeit des akurat Geraden, die feindselige Schärfe eckiger Putzkanten, die Hässlichkeit drahtgeriffelter Aluminiumhaustüren – es fiel einem wie Schuppen von den Augen. Seine Gegenüberstellung von Bildern stimmiger Häuser mit verhunzten Alt- oder Neubauten, unterlegt mit Sätzen von präziser Wucht, schlugen ein.

Beispielhaft der lakonische Kommentar zum Bild eines eternitversauten Wirtshauses: „Aus alt mach neu. Aus echt mach Synthetik. Gesims weg. Verzierung weg. Proportion und Baukörper weg. Eingesargt!“

Die „Renovierung“ alter Häuser mit  großen, gleich leeren Augenhöhlen in die Fassade gestanzten Fenstern und Türen aus Aluprofilen nennt er „Hausschlachtung“! Viele seiner Formulierungen gängiger Bausünden wie der Glasbaustein-„Harakirischlitz“, der  „Warzenputz“, die „Bajonettbepflanzung“ mit Blautannen und Koniferen wurden Volksgut. Auf einmal genierte man sich für seine Plastikzäune oder Waschbetontröge, „den Grünersatz in Dosen“ vor dem Haus, sah ihre Schäbigkeit, entwickelte wieder ein Selbstbewusstsein für traditionell Gewachsenes.

Die Medaille mit dem Wappen des Bezirks Oberbayern

Die Medaille mit dem Wappen des Bezirks Oberbayern

Seine Arbeit wirkte in der Bevölkerung, man diskutierte in Wirtshäusern über seine Sendungen. Weniger Erfolg allerdings hatte er bei Politik und Baubehörden, den Keimzellen der normativen Kraft des Faktischen. Schon vor 30 Jahren warnte Dieter Wieland in der Denkmalbroschüre „Bauen und Bewahren auf dem Lande vor dem gleichen Schicksal der Dörfer, wie es den Städten widerfahren war. Zitat:

Städte haben wir verpfuscht. Was gut war an Ihnen ,das kompakte Nebeneinander von Wohnen, Geschäft und Gewerbe -die Stadt der kurzen Wege,  die haben wir zerschlagen, …autogerecht zerhackt und mit Monotonie und Gesichtslosigkeit, mit überall gleichen Kaufhäusern, Bankhäusern, Parkhäusern aufgefüllt.“ Und von dort aus „…wuchern Geschwüre von Vorstädten, Schlafstätten, Satellitenstädten hinaus über Dörfer, Wiesen und Felder. Siedlingsbrei ohne Form und Format, ohne Ziel und Ende. Behausungen, Fabriken, Supermärkte, alle gleich lieblos, hässlich und kalt…“

Logisch: so eine neue Heimat braucht große Straßen und Flughäfen und Ersatzdrogen wie den Musikantenstadl oder Hansi Hinterseerkitsch, um ihrer Trostlosigkeit zu entfliehen und Museen, in denen die Überreste von Heimat aufgebahrt werden.

Das Ehepaar Wieland lauscht der Laudatio von Hans Well, einem langjährigen Freund der Familie.

Das Ehepaar Wieland lauscht der Laudatio von Hans Well, einem langjährigen Freund der Familie.

Seit Mitte der 90er Jahre sieht man Dieter Wieland selten im FS, seine Sendungen werden kaum wiederholt. Und das hat Folgen: nicht bloß die von „Dahoam is Dahoam“, sondern vor allem in der ungebremsten Vandalisierung unseres Kultur- und Lebensraumes, die von den Profiteuren genormter 0815-Baukultur + ihren politischen Handlangern wie Zeil oder Bocklet z. B. über den neuen Landesentwicklungsplan vorangetrieben wird. All die Lidl, Media Märkte, Praktiker, XXLutz, Obi und Co haben inzwischen längst die Legislative übernommen, bestimmen, wo und wie gebaut wird, und die Politik opfert ihnen die schönsten Filetstücke unseres Landes. Weithin sichtbar wie am Irschenberg der MacDonalds. Jede Gemeinde konkurriert mit der nächsten um Gewerbesteuer, flächendeckend.

Im Vorwort zur Neuauflage der Broschüre „Gebaute Lebensräume“, die 2009 erschien, beschreibt Dieter Wieland die landauf landab sichtbaren Folgen: „Es wurde nicht mit Bedacht geplant, sondern mit Subventionen geklotzt. Diskounterketten, Baumärkte, Möblhäuser, Outlets . . . nagelneue Einfamilienwüsten . . . Die Altstädte hängen heute am Tropf . . . Dazu ein Städtebau, der Energie geradezu verschleudert. Ein Flächenverbrauch wie nie zuvor. Mit alptraumhaften Konsequenzen für Umwelt, Klima und Ressourcen.“

Bitteres Resümee für jemand, der schon 30 Jahre vorher bei der Erstauflage der Broschüre gewarnt hatte: „Ein Kahlschlag geht durchs Land. Begradigung. Bereinigung. Erschließung. Neuordnung. Verordnung. Verödung. Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet. Am Ende bleibt nur das Korsett des öden Rasters. Der Triumpf des rechten Winkels. Serienlandschaft.“

Dieter Wieland (re.) mit dem anderen Preisträger, dem Regisseur Christian Stückl.

Dieter Wieland mit dem anderen Preisträger, dem Regisseur Christian Stückl.

Während meines Engagements gegen die Edeka Planung „vor Ort“ in Türkenfeld hatte ich das Vergnügen, den Geschäftsführer des Planungsverbandes München Christian Breu kennenzulernen. Als er mir weismachen wollte, der spornartige Auswuchs von Edeka auf den Endmoränenhügel vor Türkenfeld stelle eine Verschönerung des Orts-und Landschaftsbildes dar, bekam ich eine Ahnung davon, wie frustrierend es für Dieter Wieland sein muss, unsere Heimat bei solchen Koryphäen aufgehoben zu wissen. Was nützen schließlich die besten Gesetze und Dorf-Entwicklungsprogramme (die er ja stark geprägt hat), wenn Regierung,  bürokratische Gschwollschädl und gewerbesteuergeile Kommunalpolitiker sie ignorieren. Wenn dieselben, welche die  Autobahn durchs Isental gerade genehmigt haben, also das bayr. Kabinett,  fünf Minuten später scheinheilig den Flächenverbrauch in Bayern beklagen.

Legendär die Begründung des Innenministers Hermann zum Bau der Isentalautobahn: „Juristisch ist diese Autobahn völlig in Ordnung“. Die sofortige Suspendierung dieses Ministers nach so einer Blödheit allerdings ist offenkundig juristisch völlig in Unordnung.

Bayern verändert sich in nie dagewesener Weise, verkommt rasant zum gesichtslosen Gewerbemischgebiet. Das Gegenrezept zu dieser Katastrophe wird heute geehrt. Dieter Wieland ist ein Aufklärer und Volkspädagoge im besten Sinn, ein feiner Mensch, bescheiden, wie besonders kluge Menschen eben sind. Er ist ein Evoluzzer, zum Revoluzzer stand ihm wohl sein humanistisches Weltbild im Weg. Er ist ein sehr politischer Mensch der sich auch im Bund Naturschutz oder als Kreisrat einbringt.

Vor kurzem hab ich den Essay von Stephanie Hessel „Empört Euch!“ gelesen. Aus allen Schriften, Filmen und Ausstellungen wie „Grün kaputt“ von Dieter Wieland spricht dieselbe Forderung, sich zu empören. Dagegen, dass unsere Lebensräume weiterhin geplündert und verschandelt werden, dass eine skrupellose Politik unsere Heimat, Lebensqualität und Zukunft an Auto-, Bau- und Lebensmittelkonzerne verscherbelt.

Hans Well mit seiner Frau Sabeeka, die aus Indien stammt, genauer: aus Kolkata / Kalkutta

Hans Well mit seiner Frau Sabeeka, die aus Indien stammt, genauer: aus Kolkata / Kalkutta

Dieter Wieland hat nie Architektur studiert, aber er hat Architektur als Raum der Geborgenheit und des Sich-Wohlfühlens wieder vom Kopf auf bodenständige Füße gestellt. Am besten ehrt man ihn nicht nur mit Preisen, sondern indem man seine Thesen zur Maxime bayerischer Landesentwicklung macht. Könner wie er sind ein seltener Glücksfall. Es braucht viel Dieter Wieland im Fernsehen, in den Ämtern, Zeitungen, an den Schulen. Zeigt seine Filme, bekniet ihn, neue zu machen! Die Rettung des „Seidl Parks“ in Murnau beweist, welche Energie dieser Mann nach wie vor hat. Er muss mit seinen Werken wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft, der jungen Leute, sonst verlieren wir uns noch ganz.

Übrigens : Edeka hat  seine Außenansiedlungspläne für Türkenfeld im Juni zurückgezogen. Das Prinzip Heimat, das Prinzip Dieter Wieland hat in diesem Fall gesiegt.

07.08.11 | 22:12 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 0 Kommentare

Oberbayerischer Kulturpreis 2011, verliehen in Eichstätt

Bei der Verleihung des Oberbayerischen Kulturpreises 2011 spielte das Martina Eisenreich Quartett, eine echte Entdeckung. Die Band rund um die namensgebende Geigerin ist musikalisch nicht auf einen Stil festzulegen. Man könnte sagen: Die Vier bummeln musikalisch zwischen den Welten - wenn das nicht viel zu lahm klingen würde für die Rasanz und das Temperament dieses Quartetts.

Bei der Verleihung des Oberbayerischen Kulturpreises 2011 spielte das Martina Eisenreich Quartett, eine echte Entdeckung. Die Band rund um die namensgebende Geigerin ist musikalisch nicht auf einen Stil festzulegen. Man könnte sagen: Die Vier bummeln musikalisch zwischen den Welten - wenn das nicht viel zu lahm klingen würde für die Rasanz und das Temperament dieses Quartetts.

Und schon wieder habe ich eine Laudatio gehalten. Sonst nie, und dann gleich zwei in einem Monat (das war noch im Juli). Ich veröffentliche den Text – leider mal wieder verspätet – in meinem übernächsten Blog-Beitrag, siehe weiter oben.

Diesmal galt die Lobrede dem Regisseur Christian Stückl, dem Intendanten des Münchner Volkstheaters und Oberammergauer Passions-Spielleiter der letzten drei Jahrzehnte. Wir kennen uns schon lange. Ein toller Typ. Absoluter Theatermensch. Als solcher: Naturtalent, Kettenraucher, Sinnenmensch, Workaholiker. Ich mag und schätze ihn sehr, und wenn ich ihn treffe, geht mir immer irgendwie das Herz auf. Er ist so leidenschaftlich, offen, unverstellt, so erdverbunden-bairisch und authentisch, einfach grundsympathisch. Und er hat ein großartiges Gespür für gute Geschichten und talentierte Menschen, so einen humorvollen, sinnlich-prallen Theaterblick.

Christian Stückl mit seinen Eltern Roswitha und Peter Stückl aus Oberammergau. Der Vater spielt zur Zeit in "Joseph und seine Brüder" den "Fremden", und das macht er sehr eindrucksvoll.

Christian Stückl mit seinen Eltern Roswitha und Peter Stückl aus Oberammergau. Der Vater spielt zur Zeit in "Joseph und seine Brüder" den "Fremden", und das macht er sehr eindrucksvoll.

Schon am  20. Juli  hat Stückl den Bayerischen Verdienstorden bekommen – und vier Tage später den Oberbayerischen Kulturpreis. Den gibt es seit 1980, und geehrt werden damit jährlich zwei Persönlichkeiten, die sich besonders um die Kultur in Oberbayern verdient gemacht haben. In diesem Jahr neben Christian Stückl: der Dokumentarfilmer und BR-Journalist Dieter Wieland. Den Rahmen der Preisverleihung bildeten die Oberbayerischen Kulturtage, die in diesem Jahr bis zum 30. Juli in Eichstätt über diverse Bühnen und Plätze der Stadt gingen.

Die Preisverleihung war am Sonntag, 24. Juli, um 11 Uhr im Festsaal des Alten Stadttheaters in Eichstätt. Mein Namenstag, Papas Geburtstag – aber das nur nebenbei. Ich bin bereits am Abend zuvor angereist, wollte gemütlich mit dem Zug anrollen und dabei die in voller Pracht stehenden Hopfenfelder in der Holledau im Vorbeifahren genießen. Aber mach nur einen Plan mit der Deutschen Bahn …

Preisverleihung im Alten Stadttheater von Eichstätt. Links von mir: Preisträger Christian Stückl, rechts: Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Laudator Hans Well und Preisträger Dieter Wieland (Foto: Wolfgang Engelmaier / Bezirk Oberbayern)

Preisverleihung im Alten Stadttheater von Eichstätt. Links von mir: Preisträger Christian Stückl, rechts: Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Laudator Hans Well und Preisträger Dieter Wieland (Foto: Wolfgang Engelmaier / Bezirk Oberbayern)

Die Strecke zwischen München und Ingolstadt ist wegen Bauarbeiten lahmgelegt, es herrscht Schienenersatzverkehr, und das heißt: Du musst den Bus nehmen. Dieser ist heillos überfüllt, in meinem Fall leider auch mit einer präpotent grölenden, Bier und Flachmann kippenden Jungs-Gruppe, die was von Schulausflug faselt. Es fehlen aber die Mädels. Es sind nur Jungs – und zwar in einem schrecklichen Stadium auf dem Weg hin zu dem, was sie für Männlichkeit halten. Ich erobere den letzten Sitzplatz im Bus, leider mitten zwischen den Präpotenten, deren Alphatier den Sitz direkt hinter mir belegt. Diejenigen, die keinen Sitzplatz mehr ergattert haben, müssen allen Ernstes aussteigen, denn Stehen im Bus, so verkündet es der Fahrer, ist verboten. Nicht zu fassen! Die solcherart ermahnten steigen tatsächlich aus. Sie steigen nicht etwa um in einen zweiten Bus, denn es gibt gar keinen – nein, sie müssen eine geschlagene Stunde warten, bis der nächste Bus abfährt. Geht´s noch?!

Die Klimaanlage funktioniert nicht, es ist drückend heiß, laut und eng. An Zeitungslektüre ist nicht zu denken, dafür gelingt es mir, den explosiven Sitzplatz zu tauschen, und ich komme mit meiner 29-jährigen Sitznachbarin ins Gespräch, einer sehr speziellen, stark geschminkten Chemielaborantin aus Salzburg mit unfassbar guter Haut, von der ich alles über Nacktkatzen erfahre (ja: NACKTkatzen!), hässliche, alienhaft felllose, hart herangezüchtete und offenbar auch noch sündhaft teure Vierbeiner für Katzenliebhaber mit Katzenallergie … irgendwie pervers.

Nach einer Stunde zwanzig: Umsteigen am Bfh Ingolstadt in die Regionalbahn nach Eichstätt. Sie fährt nach “Eichstätt Bahnhof”. Wenn man dort aussteigt, ist man (keine Übertreibung!) voll in der Pampa, umringt von dichtem Grün. Ich suche den Ausgang, sehe aber nur Wald und Wiesen und Felsen und frage verdutzt: “Wo ist denn hier die Stadt?”

Die Stadt, die ist hier nicht! Um sie zu erreichen, erklärt mir ein junger Mann, müsse man umsteigen in die Stadtbahn – er deutet nach links auf ein Regio-Züglein, dass ich gar nicht wahrgenommen hatte -, mit dieser Bahn komme man (wenn sie denn dann endlich mal abführe) nach Eichstätt Stadt.

Künstlerisch gestaltetes Haus in Eichstätt. Schaut aus wie vollgeschneit, aber das sind keine Schneeflocken, sondern Schmetterlinge aus Papier

Künstlerisch gestaltetes Haus in Eichstätt. Schaut aus wie vollgeschneit, aber das sind keine Schneeflocken, sondern Schmetterlinge aus Papier

Es war die Anreise also eine etwas erschwerte, aber das ist man ja gewohnt von der DB, also Schwamm drüber, einchecken im “Hotel Adler” am Marktplatz, vier Sterne – the place to be in Eichstätt City – und dann auch noch Schwammerl drüber, als da wären: frische Pfifferlinge auf Salat im alteingesessenen, gemütlich rustikalen Restaurant Paradeis schräg gegenüber (empfehlenswert).

Eichstätt selbst macht einen schmucken, sympathischen Eindruck. Schöne barocke Altstadt mit eindrucksvoll ihre renovierte Pracht behauptenden Plätzen. Allerdings sehr frauenabsatzunfreundlich. High Heeels sollte man besser meiden.

Was mir als alter Oberfränkin aber auf Anhieb gut gefiel, war diese nicht
zu leugnende, mich sofort anspringende (anheimelnde) fränkische Anmutung des Altmühltals. Ich kann gar nicht genau benennen, was es ist – die typischen Juragesteinsfelsformationen vielleicht, diese atmosphärische Geballtheit, der irgendwie tiefere, plastischere, erdennähere Himmel, das Schlichtere, Dichtere, Ehrlichere in der Gesamtanschauung . . .  -, man merkt jedenfalls sofort, dass das nicht annähernd Oberbayern ist. Sondern Altfranken. Und das ist schön so.

Chinesische Künstler in der Lithographie-Werkstatt Eichstätt: Prof. Li Wang (rechts) und Prof. Kou Jianghui aus Tianjin. Beide unterrichten in ihrer Heimat Druckgrafik. In Eichstätt haben sie mit dem Stein aus Solnhofen gearbeitet, der als bestes Werkmaterial für den Lithografiedruck gilt.

Chinesische Künstler in der Lithographie-Werkstatt Eichstätt: Prof. Li Wang (rechts) und Prof. Kou Jianghui aus Tianjin. Beide unterrichten in ihrer Heimat Druckgrafik. In Eichstätt haben sie mit dem Stein aus Solnhofen gearbeitet, der als bestes Werkmaterial für den Lithografiedruck gilt.

Es gab dann am Abend noch eine Ausstellungseröffnung (“Stein-Schreiben”) in der Lithographie-Werkstatt um die Ecke, da sind die Chinesen zu Gast – in der interdisziplinären Reihe “Eichstätt und China”. Zu sehen sind Steindruke der chinesischen Künstler Li Wang und Kou Jianghui, die in Eichstätt entstanden sind und daher auch Eichstätter Stadt-Motive aufgreifen. Bei der Vernissage drängelte sich alles auf dem engen Vorhof vor der Tür der Werkstatt, so dass von den diversen Reden, Geschenkübergaben und musikalischen Darbietungen im und vor dem Türrahmen kaum etwasn zu hören oder zu sehen war.  Nennen wir das vorsichtig: suboptimal. Die Veranstaltung schien (vielleicht erfahrungsgemäß) für 15 Leute ausgelegt gewesen zu sein. Es kamen aber wesentlich mehr.

Egal, ich verplappere mich … Switch zur Preisverleihung am nächsten Vormittag im Festsaal des Alten Stadttheaters.

Stückl kam in Begleitung seines jungen Assistenten Abdullah (lustig, ich hatte Abdullah, den muslimischen Jungen aus Oberammergau, eh in meine Rede eingebaut) – und er kam total erkältet. Und überarbeitet wirkte er auch, aber das ist ja kein Wunder:

Hanitzsch-Karikatur von Stückl - hängt in der Kantine des Passionstheaters in Oberammergau

Hanitzsch-Karikatur von Stückl - hängt in der Kantine des Passionstheaters in Oberammergau

Erst vor kurzem hat Stückl in Oberammergau “Joseph und seine Brüder” nach dem Mammutroman von Thomas Mann auf die Passionbühne gewuchtet, wieder mit seinen Oberammergauer Laien. Die Bühnenfassung hat er selber erstellt, das allein ist bei dieser Riesen-Tetralogie ja schon ein Wahnsinn. Kaum war ”Joseph und seine Brüder” draußen, musste Stückl weiter nach Salzburg und dort an der Wiederaufnahme seines “Jedermann” proben. Und dazwischen diverse Preisverleihungen. Nach dem Bayerischen Verdienstorden und dem Oberbayerischen Kulturpreis erhielt er in Salzburg für zehn Jahre “Jedermann” auch noch das Große Verdienstzeichen des Landes – all das kurz hintereinander.

Den anderen Preisträger, den Fernsehjournalisten und Dokumentarfilmer Dieter Wieland, hatte ich mit seiner Frau schon im Frühstücksraum des Hotels begrüßt. Wir kannten uns nicht, er-kannten uns jedoch sogleich an unserer in diesem Umfeld höchst “offiziellen” Kleidung. Alle anderen im Raum trugen Turnschuhe und Mountainbiker-Klamotten.

Dieter Wieland ist ein auf Anhieb hochsympathischer Mensch mit liebevoll-verschmitztem Blick und einer einnehmend sonoren Stimme. Seine legendäre Reihe “Topographie” (ab 1972 im Bayerischen Fernsehen mit ca. 150 Folgen) sagte mir gar nicht so viel; andere Sendereihen dieses Landschafts- und Architektur-Freaks hießen “Bauen und Bewahren” (seit 1979) oder “Die große Kunst, ein kleines Haus zu bauen” (ab 1984).

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro.         (Alle Fotos: von mir)

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro. (Alle Fotos: von mir)

Aber gut, als Kinder haben wir die BR-Reihe “Unter unserem Himmel”, in der Wielands Filme zumeist liefen, ja leider sehr oft und sehr trotzig boykottiert – weil der Vater das jeden Sonntag mit diktatorischer Bestimmtheit und basisundemokratischer Alternativlosigkeit einschaltete, egal, was die Töchter sagten oder wollten. Verzeihen Sie also, lieber Dieter Wieland, dass sie somit wohl unter unser grausames geschwisterliches “Spießer-Sender!”-Verdikt fielen.

Aber man muss zum Beispiel nur auf Facebook posten, dass der Oberbayerische Kulturpreis an Christian Stückl und Dieter Wieland ging, dann kommen von Alters- und Berufsgenossinnen ganz begeisterte Reaktionen wie diese hier:

Dieter Wieland? ist das nicht der großartige Mensch, der Ende der 70er in seiner “Topographie” den ganzen bayerischen Neubausiedlungshorror abgefahren und unermüdlich ästhetisch analysiert und skandalisiert hat ? Wenn er’s is, dann: Hoch, Hoch, Hoch! Und Tusch!”

Oder: “der wieland ist mein held. ohne ihn wäre mein leben anders verlaufen. wahnsinnsknabe, vorbild, streiter für gesunden menschenverstand. »Unser Dorf soll hässlich werden« und »grün kaputt«, würde ich gerne mal auf dvd sehen. kann man sowas nicht anregen?”

Familie Hans Well, mit Vater, Mutter Sabeeka und Sohn Jakob, rechts im Bild: der Stückl

Familie Hans Well, mit Vater, Mutter Sabeeka und Sohn Jakob, rechts im Bild: der Stückl

Der Wieland hat zurecht solche Fans. Er ist wirklich toll – und hat als Mahner und Bewahrer auf bayerischen Fluren sehr viel bewirkt. Und die saftige Laudatio, die Hans Well, der älteste von den geschätzten Well-Brüdern (“Biermösl Blosn”), auf ihn gehalten hat, ließ auch gar keinen Zweifel daran. Hans Well hat mir seinen Rede-Text zugemailt mit der ausdrücklichen Erlaubnis, ihn in meinem Blog abdrucken zu dürfen (siehe Beitrag weiter oben). Das freut und ehrt mich sehr.  Leider kann ich hier nicht das politisch-spitze Akkordeon-Gstanzl wiedergeben, mit dem Hans Well seine Rede eingeleitet hat. Instrumental begleitet wurde er von seinem pubertierenden Sohn Jakob, der leider gesanglich verhindert war, “weil er im Stimmbruch is, der Sauhund”, so der Papa.

Auch Marianne Sägebrecht war gekommen, als "Ehemalige". Sie bekam den Oberbayerischen Kulturpreis 2009.

Auch Marianne Sägebrecht war gekommen, als "Ehemalige". Sie bekam den Oberbayerischen Kulturpreis 2009.

Es war insgesamt eine erstaunlich lockere, stimmungsvolle und auch unterhaltsame Preisverleihung, das muss man wirklich sagen. Mich hat man – da Bezirkstagspräsident Mederer vergessen hatte, mich beruflich vorzustellen – für eine Schauspielerin gehalten. Ich nehme das mal als Kompliment.
Zu der angenehmen Atmosphäre trug wesentlich auch die musikalische Untermalung durch das Martina Eisenreich Quartett bei, eine Formation rund um eine flammend rothaarige Extrememotionalgeigerin, die ihrem Instrument hexenkunstartig ganze Klangwelten entlockt, so vielfältig wie romantisch-exotisch und in ihrem Stilmix immer wieder überraschend. Da kann sich in eine uralte mongolische Melodie schon mal Led Zeppelin mischen, und Weltmusik goes Rock & Pop. Was außerdem höchst apart ist am Auftritt der Violinistin  Martina Eisenreich: wie die Farbe ihrer Lockenhaarmähne mit ihrem Instrument – und mit dem Kontrabass – harmoniert!

Ein Teil der Gästeschar ist am Ende noch in den Skulpturenpark von Alf Lechner (Kulturpreisträger 2008)  in Obereichstätt gefahren. Ich war dabei, und sollte ich endlich mal ein bisschen mehr Zeit haben, dann werde ich Fotos davon veröffentlichen, denn dieser Stahlskulpturenpark rund um Lechners Wohnsitz ist ein Hammer.

07.07.11 | 16:52 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Laudatio auf Brigitte Hobmeier

Brigitte Hobmeier auf dem Plakat im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele

Brigitte Hobmeier auf dem Plakat im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele

Gestern hat die Schauspielerin Brigitte Hobmeier den Theaterpreis der Stadt München erhalten. Die Preisverleihung fand im Anschluss an die Vorstellung “Hotel Savoy” in der Spielhalle der Kammerspiele statt. Hier auf vielfachen Wunsch meine Laudatio  – mit der ich mich wieder zurückmelde in diesem Blog.

(Die lange Sendepause tut mir leid, das hatte persönliche und technische Gründe. Heute habe ich leider schon wieder keine Zeit, aber ich werde – sorry lieber Herr FAZ-Kollege! – schon auch noch jene Preisverleihung nachholen, die seit Mai überfällig ist: die Auszeichnung Gerhard Stadelmaiers mit dem Herbert-Riehl-Heyse-Preis)

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Preisträgerin,

Als ich mich letzte Woche zur Vorbereitung auf diese Laudatio mit Brigitte Hobmeier im Blauen Haus traf, da trat ein älterer Herr an unseren Tisch und bat die Schauspielerin in aller Ehrerbietung um ein Autogramm. Er hatte sich dafür eines der neuen Spielzeithefte der Kammerspiele geschnappt, die auf den Tischen ausliegen, und er hatte die Seite mit dem ernsten, asketisch-strengen, fast ikonisch wirkenden Schwarz-Weiß-Porträt von Hobmeier aufgeschlagen. In meine Richtung sagte er erklärend, er habe sie in „Hotel Savoy“ gesehen, da spiele sie „15 Rollen“.

Die rote "Gitti", von der Probe kommend - letzte Woche bei unserem Treffen im Blauen Haus

Die rote "Gitti", von der Probe kommend - letzte Woche bei unserem Treffen im Blauen Haus

Wie wir soeben sehen konnten, sind es nicht 15 Rollen, die Brigitte Hobmeier in „Hotel Savoy“ spielt, sondern „nur“ sieben, genau genommen: acht, aber die Intensität und virtuose Wandlungsfähigkeit, mit der sie diese Minirollen darstellt und zu grandiosen Kabinettstückchen aufwertet, ihre Knallchargenresitenz und komödiantische Durchschlagskraft – all das reicht natürlich locker für 15 und ist in dieser Aufführung so unübersehbar ausfüllend, dass man den Eindruck des begeisterten Autogrammjägers ohne Weiteres nachvollziehen kann.

Schon einmal habe ich mich mit Brigitte Hobmeier für ein längeres Gespräch getroffen, das war 2004 für ein Porträt in der Fachzeitschrift „Theater heute“. Damals war sie 28 und der Star am Münchner Volkstheater, und auf die Frage, was ihr berufliches Fernziel sei, antwortete sie: „Ich möchte gerne eine außergewöhnliche Schauspielerin werden.“ Und, „ja, doch“, auch Berühmtheit strebe sie an. Aber (Zitat): „Ich möchte kein Star sein nur um der Berühmtheit willen, sondern als Künstlerin etwas Besonderes.“

Tja, da kann man eigentlich nur gratulieren, denn wenn Brigitte Hobmeier etwas geworden ist, dann sicher eine außergewöhnliche Schauspielerin – die sie übrigens auch damals schon war. Etwas Besonderes. Eine Auffallende. Eine auffallend Unmodische, Untypische, Unverbogene . . . Rothaarige. Kussmündige. Bayerisch-Bodenständige. Inbrünstige.

1. Reihe: Die Familie Hobmeier (Brigitte, Bruder, Mutter, Vater), der Rede lauschend

1. Reihe: Die Familie Hobmeier aus Ismaning (Brigitte mit Bruder, Mutter und Vater), der Rede lauschend

Diese sehr besondere Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist mit 35 Jahren die bislang jüngste Trägerin des Münchner Theaterpreises, einer Auszeichnung, für die nur Künstlerinnen und Künstler in Frage kommen, „die ihre Wirkungsstätte in München oder der Region haben und ⁄ oder deren Schaffen mit dem Theaterleben Münchens eng verknüpft ist“.

Dass München sie gewonnen hat und wir sie heute überhaupt hier ehren können, verdankt sich einem harten Entscheidungsfindungsprozess, den Brigitte Hobmeier vor neun / zehn Jahren durchgemacht hat. Damals hatte sie gerade zwei Jahre im „Faust“-Ensemble von Peter Stein hinter sich gebracht, in Winzigrollen als Nymphe, Hexe, Wassergeist, Äffchen oder – jawohl! – als „Gemurmel“. Jetzt wollte sie spielen, endlich spielen! Aber wo: am Schauspielhaus Düsseldorf oder am Münchner Volkstheater? Von beiden Theatern hatte sie ein Angebot, in Düsseldorf stand sie damals sogar schon auf der Bühne, als Ismene in einer „Antigone“-Inszenierung der Intendantin Anna Badora. Es war eine Entscheidung zwischen einem großen und einem sehr kleinen Haus, zwischen Bundes- und Lokalliga, Nordrhein-Westfalen und Bayern, zwischen abgesichertem Stadttheaterbetrieb und einem ungesicherten Neuanfang, denn am damals siechenden Münchner Volkstheater übernahm im Herbst 2002 Christian Stückl die Intendanz, und noch wusste keiner, wo das hinführen würde.

Bürgermeisterin Christine Strobl liest die Jurybegründung vor. Sie kam direkt vom Marienplatz, wo an diesem Tag die Olympia-Entscheidung für Südkorea hingenommen werden musste

Bürgermeisterin Christine Strobl liest die Jurybegründung vor. Sie kam direkt vom Marienplatz, wo an diesem Tag die Olympia-Entscheidung für Südkorea hingenommen und verkraftet werden musste.

Brigitte Hobmeier nimmt solche Lebensweichenstellungen alles andere als leicht. Sie ist eine „Entweder/Oder-Frau“ – das, wofür sie sich entscheidet, gilt hundertprozentig, voll und ganz, und da haut sich sich dann auch entsprechend rein. Das muss also gut überlegt sein.

Wenn sie von den „verzweifelten Nächten“ erzählt, in denen sie damals mit sich gerungen hat, klingt das kein bisschen übertrieben. Sie sagt, die Verzweiflung sei ihr derart ins Gesicht geschrieben gestanden, dass sie ein Polaroid von sich machen musste: ein Porträtfoto als „Mahnmal“ für diesen existenziellen Zustand. Dieses Bild würde man gerne einmal sehen: Brigitte Hobmeiers schönes, expressionistisches Stummfilmdiven-Gesicht in selbst erzeugter München-Düsseldorf-Tragik, wahrscheinlich noch blässer als sonst, mit dunklen, weit aufgerissenen Augen wie Höhlen, darin die Angst, etwas komplett falsch zu machen …

Aber sie hat sich gottlob ja richtig entschieden – nämlich indem sie ihrem Herzen und dem Ruf der Heimat gefolgt ist. Es mag pathetisch klingen, aber Brigitte Hobmeier spricht tatsächlich von „Sehnsucht nach der Heimat“ und „heimkommen wollen“, wenn sie von ihrer Entscheidungsfindung damals erzählt.

Sie ist in Ismaning geboren, eine waschechte Bayerin, Münchnerin – mit Wurzeln in Niederbayern, von wo ihre Eltern stammen, aus Wendelskirchen, um genau zu sein, 20 Kilometer von Landshut entfernt, das ist tiefstes Martin-Sperr-Gebiet. Hier, in diesem Landstrich, wo sie ihre Kindheit und alle Ferien verbrachte, ist die Hobmeierin verwurzelt. Sie beherrscht den derbsten, g´schertesten Dialekt mit all den einschlägigen Schimpf- und Kraftausdrücken; sie verfügt über urbayerische Tugenden wie Sturheit, Erdung, Trotz, Widerborstigkeit, Eigensinn; und sie sagt Sätze wie: „Dieser Boden hier tut mir gut.”

Familie Hobmeier mit Hausarzt (rechts)

Familie Hobmeier mit Hausarzt (rechts)

Dass Brigitte Hobmeier, die ihre Schauspielausbildung an der Folkwangschule in Essen absolviert hat und danach fast zwei Jahre mit Steins „Faust“-Ensemble herumgetingelt ist, dass dieses weggezogene Münchner Kindl überhaupt von Stückls Neuanfang am Volkstheater erfuhr, ist Johan Adam Oest zu verdanken, dem Schauspieler vom Wiener Burgtheater, der in Steins Expo-„Faust“ einer der beiden Mephistos war. Er hat Brigitte Hobmeier gesagt: Du, da soll in München so ein Verrückter das Volkstheater übernehmen, das wär doch was für Dich . . .

Die Geschichte von Hobmeiers Vorsprechen am Volkstheater sollte man sich am besten von Christian Stückl erzählen lassen. Der weiß zwar nicht mehr, was die „Gitti“ ihm damals vorgespielt hat, dafür aber noch sehr genau, wie. Sie hatte nämlich eine Quarktasche dabei, und die muss sie so eindrucksvoll ausgepackt und auf der Bühne verspeist haben, dass Stückl sofort wusste: „Die wui i ham!“ 170 Schauspieler waren zu diesem Vorsprechen geladen, aber die Hobmeierin war die einzige, bei der er sich sofort sicher war. Es war übrigens die Restaurantszene aus Friederike Roths „Die einzige Geschichte“, die sie damals so quarktaschenverstärkt vorgetragen hat, und dann noch was aus der „Bernauerin“.

Preisträgerin mit Bürgermeisterin und Laudatorin

Preisträgerin mit Bürgermeisterin und Laudatorin

Hobmeier und Stückl – die beiden schienen in ihrer saftigen bayerischen Art wie für einander geschaffen, und wenn Stückl über die Hobmeierin sagt, sie sei ein „Theaterviech“, dann gilt das natürlich umgekehrt auch für ihn. Am Volkstheater avancierte Brigitte Hobmeier mit bayerischer Grandezza gleich in ihrer ersten Rolle, als Geierwally, zum Publikumsliebling – und dann sehr schnell zum Star des jungen Ensembles.

Als die „Gitti“, wie ihre Kollegen und Freunde sie nennen, in ihrer dritten Spielzeit dann wieder diesen Drang in sich spürte, der sie fort- und vorantreibt, da kündigte sie. Kündigte, ohne etwas Neues zu haben – aber sich auf Erfolgen auszuruhen, das ist ihre Sache nicht. Zum Abschied spielte sie bei Stückl noch die Lulu. Eine Paraderolle, weil diese Wedekind-Figur ähnliche Gegensätze in sich vereint, wie Brigitte Hobmeier sie als Schauspielerin ohnehin mitbringt: changierend zwischen Kindfrau und Vamp, Unschuldsengel und Mordsweib, zwischen Frömmigkeit und Frivolität, Entrücktheit, Derbheit und Arroganz – all das, was den speziellen Hobmeier-Mix ausmacht, dieses bayerisch-sommersprossig-bleichgesichtig-rothaarig-katholisch-ätherisch-Robuste, wenn Sie verstehen, was ich meine . . .

Die Ausgezeichnete beim Fototermin mit blauem Sofa

Die Ausgezeichnete beim Fototermin mit blauem Sofa

(Lassen sie mich an dieser Stelle einen aktuellen Einschub machen. Denn als ich heute auf Facebook auf diese Preisverleihung hingewiesen habe, da postete der Berliner Schauspieler Thomas Arnold einen Kommentar, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Er schrieb:

„Eine Kollegin, die den Glanz der früheren Zeit und den Heiligenschein ins Theater zurückgebracht hat – als Theater noch etwas Besonderes, Außerordentliches war. Sternenstaub und Handwerk sind hier wieder vereint.“)

Als sie 2005 an die Kammerspiele wechselte – sie selbst hat sich an dem Haus beworben –, da sagte der Intendant Frank Baumbauer zu ihr: „Hier werden Sie´s nicht so gut haben wie am Volkstheater.“  Wohl wahr, wenn man bedenkt, wie klein sie in diesem Edel-Ensemble angefangen hat. In Tschechows „Kirschgarten“ spielte sie 2006 die Anja, zu der Tschechow einmal in einem Brief anmerkte: Sie ist eine so unwichtige Figur, mir ist ganz egal, wer sie spielt.

Oder dann ihre Rolle in dieser grässlichen Fosse-Inszenierung von Laurent Chétouane!

Und noch mal die Hobmeierin

Und noch mal die schöne Hobmeierin

Aber Brigitte Hobmeier wollte es ja wissen, wollte nicht, wie sie es selbst ausdrückt, „Prinzessin sein im geschützten Hort“, sondern sich messen, sich stellen, herausgefordert werden an einem großen Haus mit vielen Stars und tollen Leuten. Und sie hat ja auch das Beste daraus gemacht, hat sich – wie auch jetzt wieder in „Hotel Savoy“ – mit der ihr eigenen Unbedingtheit in diese Minirollen gestürzt, ihnen Aufmerksamkeit, Bedeutung erspielt. Sie ist zwar eine geborene Hauptdarstellerin, aber eben auch eine großartige Supporterin – von wegen „Diva“!

Die Saison 2006/07 wurde dann ihre Spielzeit, da hat Brigitte Hobmeier ihre Kammerspiele-Chance erhalten. Zunächst als Elisabeth in Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, diesem unsentimentalen Sozialstaats-Totentanz, inszeniert von Stephan Kimmig. Hobmeier, einst Herzerlverkäuferin auf dem Oktoberfest (damit verdiente sie sich ihr Schauspielstudium), war die Idealbesetzung für Horváths traurige Glücksritterin: eine kraftvolle Unterschichtskämpferin, die sich taff, kokett und überaus trotzig zur Wehr setzt gegen die Zumutungen des Lebens. Die nie Glück hat – und trotzdem weitermacht. Bis sie sich am Ende bäuchlings auf der Bühne in einer Pfütze ertränken will, aber nicht einmal dieses Glück wird ihr gewährt. Ihr Japsen klingt einem bis heute in den Ohren. Was für eine Szene! Nicht umsonst hat sie für diese Rolle den „Faust“ als beste Darstellerin erhalten.

Dann kam Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, gebürtiger Niederbayer, aufgewachsen in Landshut, mit der Hobmeierin sofort auf einer Wellenlänge. Er inszenierte mit ihr als erotischen Fixstern Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“. Das war ein Abend, an dem sie aufs Schönste ihren kühlen Sex-Appeal ausspielen konnte und einen mit ihrer Hanna-Schygullahaftigkeit schier verblüffte.

Große Kolleginnen: Gundi Ellert, Doris Dörrie und (Hobmeiers erste "Filmmutti") Ulrike Kriener

Große Kolleginnen: Gundi Ellert, Doris Dörrie und (Hobmeiers erste "Filmmutti") Ulrike Kriener

Es war übrigens diese Rolle, in der sie Flo, ihr Mann, zum ersten Mal auf der Bühne sah. Kein Witz! Sie hatte es ihm verboten, sie im Theater zu sehen, wollte das Berufliche stets raushalten aus ihrer Beziehung. Und er hatte sich bis zu dieser Premiere auch immer daran gehalten. Nun aber ging er in einen Kostümverleih, klebte sich einen Schnurrbart an und kam: inkognito.

So viel zu den Eigentümlichkeiten in der Hobmeier-Ehe. Der Mann, ein Münchner, ist übrigens studierter Mathematiker, aber innerlich ein berufener Schriftsteller – als solcher hat er sich im Moment nach Berlin zurückgezogen, um seinen ersten Roman zu schreiben. Sollte er wider Erwarten heute Abend hier sein, dann sicher in guter Verkleidung. – Die beiden haben übrigens einen Sohn miteinander, den kleinen August. Er wird im September sechs.

Im April 2009 folgte, wieder mit Ostermeier, „Susn“ von Herbert Achternbusch, ein Stück aus den achtziger Jahren, aber wie geschrieben für die Hobmeier. Sie hat den Text dieser weiblichen Passionsgeschichte nicht einfach nur gespielt, sie hat ihn durchdrungen, ihn sich mit Leib und bayerischer Seele anverwandelt – und die Titelfigur dann auch gleich in allen Altersstufen gespielt. Es ist eine Wandlung über vier Lebensalter hinweg: vom aufmüpfigen Dorfmädchen im Beichtstuhl über die zornig-depressive Studentin in der Großstadt, die an der Seite des lieblosen Herbert verkümmert – bis hin zur vergrämten alten Alkoholikerin auf der Kloschüssel.

Es war ein brillanter Soloabend. Rau, ehrlich, schonungslos. Völlig uneitel. Ein Abend, der auch über die Videolandschaftsbilder sehr viel von Heimat erzählte, von Bayern, von dieser waidwunden Sehnsucht derer, die dieses Land lieben und hassen und fliehen wollen – und ihm doch nie entkommen. Brigitte Hobmeier hat diese Rolle ein „Geschenk“ genannt, weil sie da nicht nur aus dem Vollen, sondern auch aus ihrem Innersten schöpfen und sich mit all ihrer Spielgier hineinschmeißen konnte.

Brigitte Hobmeier zeigt maiken Hagemeister das Geschenk von Sepp Bierbichler: Eine Erstausgabe von Achternbuschs "Susn". Er hat sie, wie eine Widmung zeigt, von Achternbusch selbst bekommen. Nun gab er das Buch an die Susn-Darstellerin Hobmeier weiter, verpackt in einem Gefrierbeutel und versehen mit der Widmung "Servus Howe" (so nennt er die Hobmeierin auf gut Bayerisch).

Brigitte Hobmeier zeigt der Kammerspiele-Pressefrau Maiken Hagemeister das Geschenk von Sepp Bierbichler: eine Erstausgabe von Achternbuschs "Susn". Er hat sie, wie eine Widmung zeigt, von Achternbusch selbst bekommen. Nun gab er das Buch an die Susn-Darstellerin weiter, verpackt in einem Gefrierbeutel und versehen mit der Widmung "Servus Howe" (so nennt er die Hobmeierin auf gut Bayerisch).

Auch für uns Zuschauer war der Abend ein Geschenk, und so möchte ich Johan Simons, den neuen Intendanten, an diesem Abend herzlichst ersuchen, „Susn“ doch bitte wieder in den Spielplan zu nehmen. Auch wenn das vielleicht nur Bayern verstehen . . . aber diese Inszenierung rührt an unsere ureigensten Empfindungen und Prägungen. Sie erzählt davon, dass Bayern weniger ein Land als ein Zustand ist. Man würde diesen Abend gerne noch da haben und besuchen können, wie eine Andacht oder einen guten alten Bekannten. Und so schön es ist, Brigitte Hobmeier als Sissi in „Ludwig II.“ zu sehen – als Susn hätten wir noch viel mehr von ihr.

Aber wir müssen ja schon froh sein, dass sie uns überhaupt erhalten geblieben ist. Ostermeier wollte sie an die Berliner Schaubühne abziehen (sie hat dort bei ihm in den „Dämonen“ von Lars Norén gespielt), auch Film und Fernsehen kommen immer wieder auf sie zurück (erst im Mai lief mit ihr der viel beachtete ZDF-Film „Die Hebamme“), und das ist ja alles auch kein Wunder bei dieser Ausnahmeschauspielerin mit diesem Ausnahmegesicht.

Noch ein Wort dazu, dass es manchmal heißt, sie sei schwierig oder zickig. Wahrscheinlich ist das nur ihrer Unbedingtheit und ihrer niederbayerischen „Wuidheit“ geschuldet. Brigitte Hobmeier sagt: „Ich lass mich ungern komplett fremd bestimmen.“ Und sie verweist auf den raueren, viel direkteren Umgangston, mit dem sie, das Arbeiterkind, aufgewachsen ist.

Wenn Hobmeier aufstampft und zu einem Regisseur sagt: „So a Schmarrn!“, dann bedeutet das in etwa so viel, wie wenn ein Kollege aus nördlicheren oder wohlerzogeneren Gefilden sagen würde: „Du, könnten wir in dieser Szene vielleicht noch mal etwas Anderes ausprobieren?“

Alles gesagt: Die Laudatorin verlässt den Schauplatz - und gratuliert herzlichst!

Alles gesagt: Die Laudatorin verlässt den Schauplatz - und gratuliert herzlichst!

Nein nein, das passt schon so, wie sie ist. Dafür kriegt sie jetzt auch den Münchner Theaterpreis. Und dafür hat sie letztes Jahr in Regensburg bei den Bayerischen Theatertagen – mit „Susn“ – auch jenen Preis einer Jugend-Jury bekommen, der sich „Die Rampensau“ nennt. Das ist sehr schön, denn damit ist die Intensivschauspielerin Brigitte Hobmeier eine urkundlich beglaubigte Rampensau.

Herzlichen Glückwunsch!

14.12.10 | 22:56 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 1 Kommentar

Hermine-Körner-Ring für Hildegard Schmahl

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Berliner Akademie der Künste

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Akademie der Künste Berlin

Hildegard Schmahl sagt, sie trägt keinen Schmuck. Nie. Über den Hermine-Körner-Ring, den sie am Montagabend in den Münchner Kammerspielen überreicht bekam, freut sie sich trotzdem. Sehr sogar. Eigentlich ist dieser Ring ja auch gar nicht zum Tragen da. Sondern zum Haben und Aufbewahren und zum Sich-daran-Freuen. Ihn zu besitzen, ist für eine Schauspielerin eine ehrenvolle Auszeichnung: eine auf Lebenszeit – und für ein Lebenswerk, vergeben von der Sektion Darstellende Kunst der Berliner Akademie der Künste.

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring

Der Ring ist eine eingefasste persische Münze, die aus Salamis stammen und auf dem Schlachtfeld von Marathon gefunden worden sein soll. Die Schauspielerin Hermine Körner erhielt ihn 1960 anlässlich eines Gastspiels der „Perser“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen als Schenkung des Kunsthistorischen Museums Essen. Körner, die noch im Dezember des selben Jahres verstarb, verfügte testamentarisch, dass der Ring auf Lebenszeit an ihre Kollegin Roma Bahn übergehen und später immer im Besitz einer – Achtung! – „Schauspielerin mit ernsthaftem Streben“ sein solle.

Nach dem Tod Roma Bahns ging der Ring 1975 an Marianne Hoppe und dann 2004 an Gisela Stein, die im Mai letzten Jahres starb. Seit gestern ist nun Hildegard Schmahl die neue Trägerin. Gratulation! Eine gute und richtige Entscheidung der Akademie. Hildegard Schmahl, die in diesem Blog schon von mir gewürdigte Grande Dame der Münchner Kammerspiele, ist nicht nur eine Schauspielerin mit wahrlich “ernsthaftem Streben”, sondern auch eine, die in diesem ihren Streben absolut offen und modern ist, eine, die sich ihre Neugier bewahrt hat und nie stehen geblieben ist.

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons

Den Ring bekam Frau Schmahl am Montag direkt nach der Vorstellung von Elfriede Jelineks “Rechnitz (Der Würgeengel)” auf der Bühne der Kammerspiele verliehen. Weshalb die Geehrte passenderweise noch das seidenblau schimmernde Abendkleid der von ihr so gespenstisch-maliziös verkörperten Jelinek-Botin trug, als ihr der Berliner Theaterhistoriker Klaus Völker den Preis ansteckte.

Völker informierte über die Geschichte des Preises und die künstlerischen Biografien der Schauspielkünstlerinnen Körner und Schmahl (mehr dazu hier) und würdigte die neue Ring-Trägerin für ihre “von Lebenserfahrung und Lebensschmerz gezeichneten Anti-Mutti-Frauendarstellungen”.

Die eigentliche Laudatio – im Grunde eine Liebeserklärung – kam von “Rechnitz”-Regisseur Jossi Wieler, mit dem Hildegard Schmahl in vielen schönen Inszenierungen zusammengearbeitet hat, angefangen 2001 mit “Alkestis”. Damals spielte sie die Mutter, eine Rolle, die es bei Euripides gar nicht gibt und von Wieler als stumme Figur hinzuerfunden wurde. Es war Schmahls Einstand an den Münchner Kammerspielen zum Start von Frank Baumbauer, und Wieler erzählt, wie er sie für diese (scheinbar kleine) Rolle gewinnen konnte. Auch später hat Hildegard Schmahl bei Wieler eigentlich immer Mütter gespielt und dabei, wie Wieler sagt, “autoritäre Strukturen entlarvt”, mit einem großen “Wissen um dieses Schmerzpotenzial”.

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler

“Hilli” wird Hildegard Schmahl von ihren Schauspielerkollegen liebevoll genannt, und “Hilli” nennt sie, voller Zuneigung und Zärtlichkeit, auch Jossi Wieler, der sie in seiner Laudatio direkt adressiert, wenn er ihren Mut, ihre Offenheit, ihr “untrügliches Gespür” und ihr “unerbittliches Ringen um einen natürlichen Ausdruck” rühmt: “So wie im Leben, so kämpfst du auch im Theater für Wahrheit und Gerechtigkeit.”

Aber er preist sie nicht nur als “Ausnahmeschauspielerin”, sondern auch für ihre “legendären Feste”, für ihr “Engagement für jeden im Ensemble” und für ihre Qualität, ihre Kollegen bewundern, sich mit ihnen freuen und über sie staunen zu können.

Die solcherart Geehrte gluckst manchmal amüsiert über so viel Lob und erzählt im Anschluss, wie sie 1960 im Herbst als 20-Jährige eine der letzten Vorstellungen der damals 82-jährigen Hermine Körner als “Irre von Chaillot” sah. Schmahl zitiert jenen Satz der Körner, der ihr damals durch Mark und Bein und das Gehirn schoss: “Man kann sich lieben nur, weil man sich bei den Händen gehalten hat …”. Schmahl sagt, diese Worte hätten sie damals mit einer solchen Wucht erfasst und derart erschüttert, dass sie angefangen habe, “ganz furchtbar zu weinen” – so sehr, dass sie tatsächlich rausgehen musste aus dem Theater, “weil das ja auch störend war”.

Schmahl sagt, der Abend sei damals für sie eine Art Initiation gewesen, er habe ihr eine Richtung gewiesen, das Gefühl: “Hier trittst du ein in diesen Kreis” … in diesen Ort des Geistes und der Erinnerung, der das Theater sei – hier zitiert sie auch ihren neuen Intendanten Johan Simons -, ein “Ort, wo man übt, Mensch zu sein”.  Und nun der Hermine-Körner-Ring. “Ist ja unerhört”, sagt Schmahl gerührt. “Als wenn sich hier ein Kreis schließt.”

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker

Ein kleiner Kreis von Kollegen und Freunden stieß hernach bei einem Empfang im oberen Foyer der Kammerspiele noch mit der Preisträgerin an und begutachtete ihren Siegelring. Neben Katja Bürkle, André Jung, Steven Scharf und dem inzwischen ans Hamburger Thalia abgewanderten Hans Kremer, Schmahls Mitspielern in “Rechnitz”, waren auch Ensemblekollegen wie Sylvana Krappatsch, Walter Hess, Wolfgang Pregler und Peter Brombacher gekommen. Und auch Schmahls Kinder, Hannah und Sebastian Rudolph, waren da.

Geburtstagskind André Jung

Geburtstagskind André Jung

André Jung feierte übrigens gestern seinen 57. Geburtstag – na ja, soweit man das “feiern” nennen kann, wenn man an dem Abend auftreten und einen von Jelineks makabren Boten des Massakers von Rechnitz spielen muss. Aber der Schauspieler war ganz guter Dinge und braucht – nach der Knie-Operation, die er dieses Jahr absolvierte – auch keine Krücken mehr. Geburtstag hatten gestern, am 13. Dezember, u.a. auch die Theaterschauspielerinnen Edith Clever, Jutta Wachowiak (beide wurden 70) und Jutta Lampe (73).

Hildegard Schmahl wurde in diesem Jahr 70 (siehe meinen Blogeintrag hier). Aber wie schön sie gestern wieder strahlte! Wie gut dieser Frau das Alter steht … und ihr Ring natürlich auch.

P.S.: Alle Fotos sind von mir selbst mit meiner neuen Kamera gemacht. Die am Freitag verloren gegangene Kamera mit den Bildern von der SZ-Abschiedsfeier für Kilz ist leider nicht wieder aufgetaucht.

14.12.10 | 17:45 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Kommentare 1 Kommentar

Journalistenpreise für Zielcke, Gorkow & Kniebe

Die Herren Preisträger: Andreas Zielcke, Alexander Gorkow, Tobias Kniebe

Die Herren Preisträger: Andreas Zielcke, Alexander Gorkow, Tobias Kniebe

Gestern gab´s in unserer kleinen Redaktion schon wieder einen Grund zum Feiern: Die geschätzten Kollegen Andreas Zielcke (Feuilleton-Autor, dereinst sogar Feuilleton-Chef), Alexander Gorkow (Ressortchef Seite Drei) und Tobias Kniebe (Filmredakteur im Feuilleton) haben begehrte Journalistenpreise abgeräumt und dies mit den Kollegen ihrer Abteilungen gefeiert. Wo? Im Feuilleton natürlich, dem Ressort des Geistes, der Sinnlich- und der Feierlichkeiten.

Ein Hoch auf die Feuilleton-Kollegen! Von links: Andrian Kreye, Gottfried Knapp, Andreas Zielcke, Christopher Schmidt. (Alle Fotos von mir ... habe mir eine neue Kamera zugelegt)

Ein Hoch auf die Kollegen! Von links: meine Feuilleton-Kollegen Andrian Kreye, Gottfried Knapp, Andreas Zielcke und Christopher Schmidt. (Alle Fotos von mir ... habe mir eine neue Kamera zugelegt!)

Heißt es sonst bei solchen Gelegenheiten hier gerne “In dubio Prosecco”, ließen die drei Ausgezeichneten sich nicht lumpen – und ein paar Flaschen Champagner springen. Und Häppchen gab´s auch. Und den weltbesten Stollen, gebacken im Hause Zielcke nach einem ausgeklügelten Witzigmann-Rezept. Danke, liebe Kollegen. Und ganz herzlichen Glückwunsch!

Wofür genau es  die Preise gab – wo die gekürten Kollegen doch generell preiswürdig sind – wurde bei dem Umtrunk auch noch mal ge- bzw. erklärt:

Ausgezeichnet!

Ausgezeichnet!

Tobias Kniebe und Alexander Gorkow erhielten ihre Auszeichnung beim Deutschen Reporterpreis in Berlin (der von Journalisten an Journalisten vergeben wird) für die “beste Kulturreportage” – und zwar für ihr gemeinsam verfasstes Stück “Junge Nummer Eins”,  erschienen in der SZ vom 24. Juli 2010, nachzulesen hier.  Dieses Porträt des Filmemachers Klaus Lemke sei mit „viel Wärme und charmanter Distanzlosigkeit“ geschrieben und von „extremem Unterhaltungswert“, befand die Jury.  So würde eine Phase im deutschen Film auferstehen, deren Protagonisten mit ihrer Kompromisslosigkeit Vorbilder waren und deren Filme heute noch das Publikum begeistern.

Mr. Gorkow

Mr. Gorkow

(Wer wissen will, wer alles in der Jury des Deutschen Reporterpreises sitzt – hier bitte: die Journalisten Axel Hacke, Erwin Koch, Nils Minkmar, Stefan Niggemeier, Angelika Overath, Sabine Rückert und Gerhard Samulat, die Autorinnen Kathrin Passig und Monika Maron, die Regisseurin Doris Dörrie, der Theaterintendant Matthias Hartmann, die Verlegerin Antje Kunstmann, der Publizist Manfred Bissinger, der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und Harald Schmidt.)

Bei so vielen Preisen gratuliert auch Personalchef Schulz (der mit Krawatte, rechts von Kniebe). Die anderen zwei sind von der Drei: Hilmar Klute und Jochen Arntz.

Bei so vielen Preisen gratuliert auch Personalchef Schulz (der Herr mit Krawatte, rechts von Kniebe). Die anderen zwei sind von der Drei: Hilmar Klute, Jochen Arntz.

Zielcke wiederum erhielt den “Leuchtturm-Preis für besondere publizistische Leistungen”, verliehen von der Journalistenvereinigung “Netzwerk Recherche” in Mainz. Dieser Preis stand diesmal ganz unter dem Zeichen von Stuttgart 21 und ging zu gleichen Teilen auch an Arno Luik vom Stern und an den Stuttgart-Vermittler Heiner Geißler.

Feuilleton und Recherche? Das sei ja doch wohl ein Widerspruch in sich, unken gerne die Kolllegen aus den “harten Ressorts”. Mitnichten!

Dr. Andreas Zielcke - nicht nur juristisch, sondern auch kulinarisch ein Kenner

Dr. Andreas Zielcke - nicht nur juristisch, sondern auch kulinarisch ein Kenner

Zielcke hat gemacht, was in Sachen Stuttgart 21 keiner vor ihm gemacht hat: Er hat im Archiv des Stuttgarter Gemeinderats einfach mal die Akten durchgesehen, um zu überprüfen, wie viele Einfluss-, Einspruchs- und Miteintscheidungsmöglichkeiten die Stuttgarter Bürger bei dem seit Mitte der neunziger Jahre geplanten Bahnhofsprojekt denn tatsächlich hatten: nämlich so gut wie keine.  “Der unheilbare Mangel” hieß der Feuilleton-Text vom 19.10.2010, in dem Zielcke seine Erkenntnisse mit juristischer Präzision darlegte, nachzulesen hier. Zielcke entkräftet darin sehr schlüssig die Unterstellung der Projektverantwortlichen, die Stuttgart-21-Gegner hätten genügend Gelegenheiten zur Mitsprache gehabt.

Gratulation!

21.07.10 | 17:55 | Ausgezeichnet! | Festivitäten | Kommentare 0 Kommentare

Kulturempfang im Münchner Volkstheater

Empfang-Dekollete

Alle Jahre wieder zur Sommerzeit lädt der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude zum Kulturempfang, und jedesmal wieder stellt sich vielen Menschen aus der K.-u.-K.-Szene (Künstler und Kreative) die Frage, warum der oder die eine Einladung bekommen hat, sie oder er aber nicht. Wo wir doch alle so kreativ sind! Rätselhafte Gästelistenwahl … Aber nur so bleibt´s wohl spannend.

Alle lauschen Ude

Alle lauschen Ude

Noch immer das In-Getränk: Aperol Sprizz - aber schon geht der Drink "Hugo" in Konkurrenz, ein Holundersirup-Weinschorle-Mix.

Noch immer das In-Getränk im Sommer: Aperol Sprizz - aber schon geht der Drink "Hugo" in Konkurrenz, ein Holundersirup-Weinschorle-Mix.

Geladen wurde diesmal in den Garten des Volkstheaters und der angeschlossenen Restauration, die passenderweise “Volksgarten” heißt und nicht nur als Restaurant, Bar und Lounge, sondern auch wegen der extrem gut aussehenden (und auch noch unglaublich freundlichen) Kellner sehr zu empfehlen ist.

Volkstheater-Intendant Christian Stückl war leider nicht zugegen, weil er in Salzburg ja die Wiederaufnahme des “Jedermann” proben muss,  aber es dürften ihm die Ohren geklingelt haben, so sehr, wie Ude ihn gelobt und die guten Auslastungszahlen seines Hauses hervorgehoben hat. Aber der OB hat in diesem Fall ja recht. Stückl – und das sind jetzt meine Worte – ist einfach ein Glücksfall für das Volkstheater, und für Oberammergau, wo er schon zum dritten Mal die Passionsspiele inszeniert hat,  ist er gar ein Segen. Die Oberammergauer sollten jeden Tag drei Vaterunser beten aus Dankbarkeit, dass sie ihn haben, statt ständig gegen ihn zu intrigieren …

Der Architekt Peter Lanz erhält von Oberbürgermeister Ude die Medaille "München leuchtet" in Gold.

Der Architekt Peter Lanz erhält von Oberbürgermeister Ude die Medaille "München leuchtet" in Gold.

Dem Architekten Peter Lanz, dem man seine 80 Jahre nun wirklich nicht ansieht, wurde bei dem Kulturempfang die Medaille “München leuchtet” in Gold verliehen. Für einen Berliner wie ihn – er lebt und wirkt allerdings seit seinem 21. Lebensjahr in München und hat das moderne Gesicht der Stadt architektonisch mitgeprägt – eine ganz große Sache, Lanz zeigte sich auch entsprechend gerührt. Kulturreferent Hans-Georg Küppers kam selber zwar nicht zu Wort, wurde aber von Ude mit dem Satz zitiert: “München ist selbst bei Regen noch schöner als Hamburg oder Berlin bei Sonne” – was Ude als Beleg für die “beängstigende Integrationskraft Münchens” sah, ist Küppers doch ein Zugereister aus Bochum.

Ließ sich schon mal blicken, wenn auch nur kurz: Johan Simons, der neue Intendant der Münchner Kammerspiele, der am 7. Oktober startet. An seiner Seite: Interims-Ko-Chefin Christiane Schneider.

Ließ sich schon mal blicken, wenn auch nur kurz: Johan Simons, der neue Intendant der Münchner Kammerspiele, der am 7. Oktober startet. An seiner Seite: Interims-Ko-Chefin Christiane Schneider.

Was gab´s sonst? Johan Simons, der künftige Intendant der Kammerspiele, schaute kurz vorbei, leger wie immer, war aber auch schnell wieder weg. Muss wahrscheinlich proben (sein Start ist am 7. Oktober) – und er kennt ja auch noch keinen. Die immer originelle Petra Perle, Wirtin im Turmstüberl des Valentin-Karlstadt-Musäums, hatte ihr Pracht-Dekolleté mit Stickern bestückt (siehe Foto) und gab keine Ruhe, bis man sie ihr abpflückte. Der meinige trägt die Aufschrift: “Normale Menschen machen mir Angst”. Hm. Könnte vielleicht was dran sein.

Petra Perles Pracht-Dekolleté: mit vielen Stickern vor der Hütt´n - und der Aufforderung, sich einen zu pflücken.

Petra Perles Pracht-Dekolleté: mit vielen Stickern vor der Hütt´n - und der Aufforderung, sich einen zu pflücken.

Mehrere Schriftsteller gesichtet. Zum Beispiel Uwe Timm, Tilman Spengler, Friedrich Ani, aber nur wenige Schauspieler. Die meisten Menschen kannte ich überhaupt nicht … Wer in dieser Stadt nicht alles Kultur schafft! Meist bleiben die einzelnen Szenen auch bei so einem Empfang wieder unter sich – das vermischt sich nicht wirklich. Vom Theater war hauptsächlich die freie Szene vertreten, in der ich reise- und feuilletonjobbedingt kaum mehr engagiert bin. Viele von denen lange nicht mehr gesehen. Meine Güte, wie alt wir alle geworden sind! Man kennt sich jetzt seit fast zwanzig Jahren, manche kennen sich noch länger … und entweder gibt es keine neuen Jungen oder sie wurden nicht eingeladen. Oder wollen die etwa nicht kommen und hecken irgendwo etwas ganz Krasses, Anarchisches aus? Jedenfalls, das muss gesagt werden: Der Kulturempfang ist tendenziell recht brav und überaltert.

Stelldichein der Münchner Kulturszene

Stelldichein der Münchner Kulturszene

Mir fehlten ein bisschen die Originale, die schrillen Typen und Outfits. Aber dann war ich lange mit dem Tanzwerkstattmeister Walter Heun im Gespräch, der seit letztem Jahr das Tanzquartier Wien leitet, und der lobte die Münchner Lockerheit. Er sagte, so ein Kulturempfang wäre in Wien gleich eine viel steifere, offiziösere Angelegenheit, und ich ahne: Der Heun hat recht. Das ist schon ganz gut so in München, sehr lässig und gelassen. Mehr schreibe ich jetzt auch nicht dazu, sondern lasse einfach ein paar Bilder sprechen.

Schauspieler Jochen Striebeck mit seiner Freu. Wer da in der Mitte durchlugt, ist der Architekt und Karikaturist Gabor Benedek.

Schauspieler Jochen Striebeck mit seiner Frau. Wer da in der Mitte durchlugt, ist der Architekt und Karikaturist Gabor Benedek.

Künstlerecke - mit Martin De Mattia (links) vom Künstlerduo M + M und Klaus von Gaffron, der mit dem Hut

Künstlerecke - mit Martin De Mattia (links) vom Künstlerduo M + M und Klaus von Gaffron, der mit dem Hut

Links von mir: der Schriftsteller Friedrich Ani, rechts: Daniela Weiland (Bayerisches Fernsehen / Literatur und Kunst) und Sabine Rinberger, Chefin des Valentin-Karlstadt Musäums)

Links von mir: der Schriftsteller Friedrich Ani, rechts: Daniela Weiland (Bayerisches Fernsehen / Literatur und Kunst) und Sabine Rinberger, Chefin des Valentin-Karlstadt Musäums.

Grandes Dames der Münchner Theaterszene: Cornelie Müller (Büro für Angelegenheiten) und Anette Spola, (TamS-Chefin)

Grandes Dames der freien Münchner Theaterszene: Cornelie Müller (Büro für Angelegenheiten) und Anette Spola (TamS-Chefin)

Tanzproduzent Walter Heun mit der Kultur-PR-Frau Ute Armanski

Tanzproduzent Walter Heun (neuerdings beruflich in Wien) mit der Kultur-PR-Frau Ute Armanski

Theaterexperimentator Manfred Killer (i-camp)

Theaterexperimentator Manfred Killer (i-camp)

Immer attraktiv: die Volksgarten-Bar(keeper)

Immer attraktiv: die Volksgarten-Bar(keeper)

München leuchtet ... sogar nachts

München leuchtet ...

Da war der Chef schon längst gegangen: Marc Gegenfurtner, persönlicher Mitarbeiter des Kulturreferenten Küppers

Da war der Chef schon längst gegangen: Marc Gegenfurtner, persönlicher Mitarbeiter des Kulturreferenten Küppers

Mein lieber SZ-Kollege Franz Kotteder mit dem Schauspieler Arthur Klemmt (bei dessen Namen ich mir nie den Scherz verbieten kann: Ein Mann, ein Satz) und der Theaterleiterin Angelika Fink (PATHOS transport).

Mein lieber SZ-Kollege Franz Kotteder (Mitte) mit dem Schauspieler Arthur Klemmt (bei dessen Namen ich mir nie den Scherz verkneifen kann: Ein Mann, ein Satz) und der Theaterleiterin Angelika Fink (PATHOS transport).

Schön war´s, spät war´s - und jetzt Schluss

Schön war´s, spät war´s - und jetzt heim

23.05.10 | 23:03 | Festivals | Geht gar nicht | Kritikerfrust | Kommentare 22 Kommentare

Zum Heidelberger Stückemarkt: Warum es so nicht geht

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Ich war Jurorin beim Heidelberger Stückemarkt (29.04.-09.05.). Eine ehrenvolle Aufgabe? Mitnichten. Nur eine (nahezu) ehrenamtliche. Dass ich mich dazu habe überreden lassen, war ein Riesenfehler. Es war eigentlich nur unangenehm – angefangen bei der geschäftsmäßigen Hektik, mit der die Verantwortlichen von Programmpunkt zu Programmpunkt und (in sichtlicher Kniefälligkeit) zu den wichtigen Ehrengästen und Sponsoren hechelten und eine Atmosphäre von nüchterner, rast- und seelenloser Betriebsamkeit erzeugten, über die Auswahl der mediokren Stücke, die man da als Juror hätte schönreden und preismäßig adeln sollen – bis hin zu dem Nachspiel, den unsere sich diesem schnöden Routinemechanismus verweigernde Juryentscheidung jetzt auf einem Aasgeier-Forum wie nachtkritik.de hat, wo nicht etwa eine sachliche – und sachdienliche! – Debatte geführt wird, sondern anonyme User sich aufpumpen, die einen wüst beschimpfen und sogar als “Antisemitin” verleumden dürfen.

Zugegeben: Ich habe mit meinen beiden Ko-Juroren, dem Regisseur und Dramaturgen Erik Altorfer sowie dem Jungdramatiker Nis-Momme Stockmann (seines Zeichens Gewinner des Haupt- und des Publikumspreises des vorhergegangenen Heidelberger Stückemarktes), eine problematische, die beteiligten Autoren ebenso wie die Preisstifter, Honoratioren und last but definitely not least die Theaterleitung enttäuschende, wenn nicht düpierende Entscheidung getroffen: Wir haben nämlich mangels herausragender Qualität gar kein Stück als erstklassig oder “innovativ” herausgehoben, sondern stattdessen die stattliche Geldsumme der drei zu vergebenden Preise addiert und unter dem Titel “Förderpreis” auf alle neun nominierten Autoren – sechs deutsche, drei israelische Autoren – gleichbereichtigt verteilt. Was 2333 Euro für jeden machte und von dem Mäzen Manfred Lautenschläger bei der Preisverleihung aufgerundet wurde auf 2500 Euro für jeden der neun Nominierten. Unsere (nach einer fast neunstündigen Sitzung schnell und handschriftlich verfasste) Jurybegründung ist nachzulesen hier.

Dass diese Jury-Entscheidung kritisiert werden würde, war uns klar – wir haben sie uns alles andere als leicht gemacht, das sei nach 9-stündiger Intensivdiskussion versichert! Wir waren auch selber nicht glücklich damit und am Ende nachgerade zermürbt. Aber es war für uns als “unabhängige Jury” (als solche und nicht als Festivalmitbestreiter begriffen wir uns, und als solche waren wir auch im Programmheft annonciert), es war für uns als “unabhängige Jury” unter den Heidelberg-Zwinger-Außengegebenen Umständen die ehrlichste und angemessenste Entscheidung – auch der einzige Weg, zu einer Mehrheitsentscheidung zu finden, ohne dass (mindestens) einer abspringt oder wir zu dem Schluss kommen: Wir vergeben keinen Preis. Wir wollten aber einen Preis vergeben! Und, um es nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir haben einen Preis vergeben!

Wir haben ihn nur, im Sinne einer tatsächlichen Literaturförderung, umbenannt und umverteilt – statt aus einem strukturellen Zwang heraus drei “Sieger” zu benennen, auf dass diese hinterher auf dem Markt verbrennen. Nein, das schöne Preisgeld, mit dem der Heidelberger Stückemarkt sich nach außen hin so bedeutend macht, ist nicht verpufft! Jeder von den Autoren hat Geld bekommen, und jeder soll damit arbeiten! Das ist alles andere als zynisch gemeint. Wir wollten fördern! Geht das nur, wenn man Siegertreppchen aufstellt und einen Ersten, Zweiten, Dritten benennt? Wenn man einen Primus und vielleicht noch einen Zweiten kürt? Einfach, weil das Verfahren es so verlangt – auch wenn die Auswahl dem nicht entspricht? Hier der Scheck, Gratulation – und tschüß! Wem wäre damit gedient? Letztendlich doch nur dem Theater, das damit an seinem Profil feilt und vielleicht das nächste Mal noch ein paar Gelder mehr akquiriert und sich noch ein bisschen besser vermarktet. Mir ist dieser Mechanismus noch nie so klar und augenfällig geworden und so unangenehm aufgestoßen wie jetzt in Heidelberg, wo man ihn regelrecht am Werk und von alerten Betriebsnudeln betrieben sehen konnte. Dieses Gefühl als ein Unbehagen an der (speziell auch Heidelberger) Förderkultur zu bezeichnen, ist höflich ausgedrückt.

Wir haben da – gewiss nicht leichtfertig! – die Bremse eingelegt. Und wir hofften, wir könnten mit unserem aus dieser Notlage und aus diesem Unbehagen heraus geborenen Jury-Votum eine Diskussion anfachen – eine Diskussion über das heißlaufende Autoren(über)förderungssystem im Allgemeinen und über die doch recht offenkundig gewordenen strukturellen Schwächen des (ebenfalls heißlaufenden) Heidelberger Stückemarkts im Speziellen. Wir befanden uns plötzlich in einer Situation, die mir symptomatisch scheint für die Auswüchse des derzeitigen Förderbetriebs: Wir sollten im Namen einer Exzellenzförderung Geld verteilen, nur weil es da ist und im Modell “Stückemarkt” nach einer vorgeschriebenen Preis-Hierarchie vergeben werden muss – obwohl die Texte gar nicht toll waren und wir gar nicht wirklich dahinter stehen konnten. Jedenfalls entsprachen sie nicht unseren Kriterien von maßgeblicher, preis- und uraufführungswürdiger Qualität, zwei bis drei waren sogar – ich sage das als Kritikerin ganz unverblümt – unmöglich! Indiskutabel!

Ich weiß noch, wie ich bei der ersten Jurysitzung den Stückemarkt-Leiter Jan Linders fragte, wie es dieses und jenes Stück überhaupt in die Vorauswahl des Theaters schaffen konnte. Da (ver)zweifelt man ja an der Dramaturgie! Dabei gibt es durchaus gute Stücke, es gibt eine lebendige junge Dramatik, im Moment sogar mehr denn je – aber warum lagen diese Texte in Heidelberg nicht vor? Liegt das an der Vorauswahl des Theaters? Oder werden die wirklich heiß gehandelten, die brauch- und spielbaren Stücke von den Verlagen gar nicht erst in Heidelberg eingereicht? Etwa gar, weil der Preis mit einer Uraufführung an diesem Theater einhergeht, was – sorry, wenn ich hier mal deutlich ausspreche, was Betroffene einen flüstern -, nicht unbedingt eine Ehre ist für den betreffenden Autor? Es gibt da nämlich (nicht mal unbedingt nur größere) Theater mit besseren Bedingungen. Und auch mit einem wesentlich größeren Engagement in Sachen Autorenpflege und Nachhaltigkeit.

60 Texte waren nach Angaben von Jan Linders insgesamt zur Auswahl gestanden – davon hat das Heidelberger Theater die seines Erachtens “besten” ausgesucht und der Jury anheim gegeben: sechs deutsche und dazu noch drei israelische Texte (Israel war das Gastland). Wobei wir die israelischen Stücke überhaupt erst einen Tag vor der ersten Jurysitzung erhielten (bei mir fehlte sogar eines im Umschlag, das ich mir dann am nächsten Tag besorgte) – und zwar in ausgesprochen dürftigen, zum Teil fehlerhaft hingehudelten Übersetzungen, was Jan Linders selber entschuldigend einräumen musste.

Die Jury: vom Regen in die Traufe

Die Jury: vom Regen in die Traufe

Ich war in meinem Kritikerleben wahrlich schon oft Jurorin und habe vielen jungen Dramatikerinnen und Dramatikern zu Preisen, Geldern, Festivaleinladungen, Stipendien, Werkstattinszenierungen und/oder Uraufführungen verholfen. Das ist eine nicht immer erfreuliche, eher sogar undankbare Aufgabe – aber ich habe die Diskussion von Texten und die Förderung junger Autoren und Autorinnen stets als eine Aufgabe meines Berufes als Theaterkritikerin betrachtet. Und weiß Gott: Ich habe dafür schon sehr viel Energie und Lebenszeit investiert, Zeit fürs Stückelesen, fürs Auswerten, Beurteilen (es gibt hier bei mir ganze Notizbücher voll mit Stück-Exzerpten und -Bewertungen) und natürlich auch für all die vielen Jurysitzungen mit ihren langwierigen Diskussionen. Die sind nicht immer so lebendig, interessant und entspannt wie in Mülheim, wo ich mit Lust Mitglied im Auswahlgremium für das Stücke-Festival bin. Sondern die sind oft zäh, oft frustrierend.
Aber: Noch nie habe ich mich so schlecht (behandelt), so ausgenutzt und instrumentalisiert gefühlt wie bei diesem Heidelberger Stückemarkt unter dessen neuem künstlerischen Leiter Jan Linders und dem Intendanten Peter Spuhler (den der israelische Botschafter lustigerweise immer “Spüler” nannte).

Schmusekurs: Intendant Spuhler (links) mit Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts Tel Aviv

Schmusekurs: Intendant Spuhler (links) mit Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts Tel Aviv

Sei es, weil das Programm auszuufern drohte, so ausgebaut und vollgestopft bis in die späte Nacht hinein, wie sie es hatten  (mit einem “Festival im Festival” und tausend Sachen); sei es wegen der Umbaumaßnahmen am eigentlichen Schauspielhaus und der damit verbundenen Vertriebenheit und mangelnden Festivalstimmung – oder weil sie ganz einfach vor lauter Wald die Bäume und vor lauter Theaterprofilierungssucht das Eigentliche nicht mehr sahen: Sie vermittelten jedenfalls den unguten Eindruck, dass es hier hauptsächlich nur um den Betrieb, um die “Marke” Stückemarkt, weniger um die Sache (die Förderung junger Autoren) und schon gar nicht wirklich um gute Texte ging – welche übrigens, auch das möchte ich hier mal sagen, beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens wesentlich sorgfältiger betreut und viel liebevoller und professioneller (mit deutlich besseren Schauspielern) in szenischen Lesungen vorgestellt werden. Und auch atmosphärisch gibt es da einen himmelweiten Unterschied …

Von einem renommierten Autorenfestival wie dem Heidelberger Stückemarkt hatte ich mir jedenfalls mehr erwartet, sowohl inhaltlich als auch organisatorisch, stimmungs- wie umgangsmäßig, von der Qualität der ausgewählten Texte mal ganz zu schweigen. Laue Stück-Konstrukte zu lesen und sich vorzustellen, sie womöglich tatsächlich im Theater sehen zu müssen, kann einen ziemlich runterziehen. Aber nicht nur deshalb habe ich mich als Jurorin – und Kritikerin – so mies gefühlt. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass man hier einfach nur “funktionieren” und Dienst nach Vorschrift leisten soll. Dass sie hier nur Deinen Namen – in meinem Fall: verbunden mit dem Label “Süddeutsche Zeitung” – wollen, den sie am Ende samt einer möglichst wohlfeilen, prägnant formulierten Jury-Würdigung unter irgendein (sei es auch noch so halbgares) Stück setzen können, wie ein Qualitätsiegel: “Empfohlen und gewürdigt von …” – um damit den Betrieb am Laufen halten und die nächste – pardon – Sau durchs Dorf, sprich: über den (Stücke-)Markt auf die Bühne treiben zu können. Denn, so war mein Eindruck: Um nichts anderes geht es hier. Produziere einen neuen Nachwuchsdramatiker, just another playwright … begnüge dich mit dem Material, das da ist, stelle keine Ansprüche und nichts in Frage, gib deinen Stempel – und wehe, du hältst an oder gehst zurück auf Los!

Die Autoren, sowohl die deutschen wie auch die israelischen, haben sich in einer öffentlichen Erklärung zu Wort gemeldet und sich gegen unser Jury-Votum verwahrt. Das ist ihr gutes Recht, und ich kann verstehen, dass sie angepisst sind. Wer will sich schon gerne als “mittelmäßiger Jahrgang” ohne herausragendes Supertalent abqualifizieren lassen – wo doch anscheinend jeder einzelne von ihnen denkt, er selbst sei genau dieses Supertalent und hätte den Hauptpokal verdient. Wäre alles betriebsgemäß verlaufen, hätte es höchstens drei von der Jury gekürte Sieger gegeben:

Hauptpreis: 10 000 Euro; Innovationspreis (sic!): 6000 Euro; Europäischer Preis: 5000 Euro. (Dazu kommt dann noch der Publikumspreis: 2500 Euro.)

Alle anderen wären leer ausgegangen. Nach unserer Entscheidung, das Preisgeld zu addieren und allen Kandidaten zu gleichen Teilen als “Fördergeld” zukommen zu lassen (und ich sehe das ganz konkret in dem Sinne: Setzt euch bitte alle noch mal an Eure Texte ran und gebt ihnen – je nachdem – eine Seele/ eine Sprache /ein Leben/ ein Thema/ eine Haltung zur Welt, ein bisschen mehr Fleisch/ Poesie/Humor bzw. schreibt sie überhaupt erst mal fertig), nach dieser Entscheidung also erhielt jeder einzelne letzten Endes 2500 Euro. Statt gar nichts!  Sehe nicht, warum damit der Fördergedanke des Festivals nicht erfüllt sein sollte. Das wäre nur der Fall gewesen, wenn wir hingeschmissen bzw. überhaupt keinen Preis vergeben hätten. Was wollen diese Autoren? Nur schnellen Ruhm, Kohle, Ehre? Eindeutige Sieger-Verlierer-Kategorien? Hopp oder Topp? Oder tatsächlich an ihren Stücken arbeiten, gute, bleibende Texte schreiben, sich auseinandersetzen mit Kritik, sich hinterfragen, verbessern?

Die deutschen Autoren schreiben in ihrer Stellungnahme: “Der Sinn einer Nachwuchsförderung besteht in unseren Augen nicht darin, pauschale Qualitätsurteile zu fällen, sondern an den eingereichten Texten Besonderheiten, Chancen und Stärken aufzuspüren, auch über etwaige Bedenken an anderen Punkten hinweg – um Entwicklung durch Zuspruch, fundierte Kritik und interessierte Auseinandersetzung zu gewährleisten.”

Jan Linders, künstlerischer Leiter des Heidelberger Stückemarkts

Jan Linders, künstlerischer Leiter des Heidelberger Stückemarkts

Ich möchte dazu nur so viel sagen: So intensiv und engagiert, wie wir Juroren all diese neun Stücke gelesen und diskutiert haben und auf jedes einzelne eingegangen sind – unter genauer Betrachtung von Inhalt, Form, Sprache, Aufbau, Anliegen -, ist es ein sehr schlechter Scherz, uns “pauschale Qualitätsurteile” vorzuwerfen und uns zu unterstellen, wir hätten nichts entdecken wollen. Meine Güte! Es möge sich bitte jeder der gekränkten und sich verkannt fühlenden Nachwuchsautoren beim Stückemarkt-Leiter Jan Linders erkundigen, der – aus welchen Gründen auch immer – bei beiden Jurysitzungen die ganze Zeit über dabeisaß und nicht wird leugnen können, mit welchem Eifer und welcher Genauigkeit wir gelesen und argumentiert haben. Wie sehr wir gerungen – und wie sehr wir auch gelitten haben. Ich befürchte allerdings, nicht jeder Autor würde die eingehende Analyse seines Stückes auch wirklich hören wollen …

Eher ist das Gegenteil der Fall: Vielleicht haben wir uns einfach zu intensiv, zu ausführlich, ernsthaft und detailliert mit diesen Anfängertexten auseinandergesetzt – das war es, was wir mit dem Satz “woran auch immer es lag  … vielleicht an einer schlechten Jury” ausdrücken wollten: dass wir vielleicht einfach zu kritisch waren und nicht gewillt, unsere Ansprüche an einen Theatertext so weit herunterzuschrauben, dass man ihn aus bloßer Festivalpolitik – und weil man das nun mal von uns erwartet – als etwas ganz Besonderes auf ein Podium hebt. Wir hätten es uns, weiß Gott, sehr viel leichter machen und den Weg des geringsten Widerstandes gehen können … Und das wird ja offenbar auch von der Jury erwartet: Stempel drauf! Augen zu und durch!

Die Autoren schreiben in ihrer Stellungnahme: “Eine inhaltliche Begründung wenigstens für den Nichtentscheid blieb – selbst auf Nachfrage – aus.” Wie bitte? Wie kommen die Autoren zu einer solchen Unterstellung? Welche Nachfrage denn?! Kein einziger Autor kam auf mich oder meine beiden Ko-Juroren zu, keiner beschimpfte, keiner befragte uns. Es gab nach der Preisverleihung überhaupt keine Diskussion! Zwar waren im Hof des Theaterkinos Tische und Bänke aufgestellt und Sekt verteilt worden, und ich dachte auch, jetzt würde man noch mit Leuten reden – aber nein, das leerte sich, wie immer bei diesem Festival, ganz schnell; drüben im Zwinger ging ja auch schon wieder das Programm weiter.

Intendant Spuhler verkündet die Entscheidung

Intendant Spuhler verkündet die Entscheidung

Noch was zu Peter Spuhler, dem Heidelberger Intendanten. Ich habe mich lange zurückgehalten, aber seine Doppelzüngigkeit geht mir nun doch zu weit. Da raunt er einem kurz vor Verkündung der Jury-Entscheidung bei einem konzilianten Händedruck zu, er könne das verstehen und das Votum werde sicherlich eine interessante Diskussion auslösen, und zu Nis-Momme Stockmann sagte er explizit, er finde unsere Entscheidung mutig und richtig. Um sich dann eine Woche später im Mannheimer Morgen (17.5.) folgendermaßen zu äußern:

“Dass die Jury nicht reflektiert hat, was sie den Autoren antut, verwundert mich zutiefst. Es wäre sicher ehrlicher oder besser gewesen, nicht in eine Jury zu gehen, wenn man Preise für die falsche Form der Förderung hält.”

Ähm, wie bitte?

Und auf nachtkritik.de äußert ein User namens “spuhler heidelberg”, bei dem es sich womöglich um den echten Spuhler handelt (auf diesem anonymen Forum weiß man das ja nie): “Die Jury muss frei sein in ihrer Entscheidung – davon bin ich überzeugt, selbst wenn ich die Entscheidung der Jury nicht verstehe und nicht teile. Für mich ist es zum einen unwahrscheinlich, dass neun Stücke alle gleich gut/schlecht sind – und ich finde konkret auch nicht, dass das der Fall ist. Ich halte es darüber hinaus für kein richtiges Mittel, eine Autoren-Förderdiskussion (die wichtig ist) auf diesem Wege anzustoßen.”

Tja, da wundert man sich schon sehr …

Übrigens sind natürlich nicht alle neun Stücke gleich gut/schlecht. Aber auch wenn einige deutlich schlechter sind als andere (drei der deutschen Texte hatten alle drei Juroren völlig unanbhängig voneinander gleich zu Beginn schon mal für sich ausgeschlossen, die gingen einfach gar nicht – wir haben sie dann trotzdem noch ewig diskutiert), so heißt das ja noch lange nicht, dass die besseren sehr gut sind.

Alle, die sich jetzt so wahnsinnig über dieses Jury-Votum ereifern und sich für die vermeintlich von uns geprellten und so ungerecht behandelten Autoren in die Bresche werfen, ohne je ein inhaltliches Argument anzuführen, fordere ich auf, die Stücke zu lesen! Einfach mal die Stücke zu lesen! Wer sich dann stark macht für diesen oder jenen Text, dessen spezifische Qualität wir als Jury komplett verkannt haben, nämlich aus diesen und jenen Gründen – den nehme ich ernst.

"Unter jedem Dach (ein ach)" von Eva Rottmann erhielt den Publikumspreis

"Unter jedem Dach (ein ach)" von Eva Rottmann erhielt den Publikumspreis

Was mir in Heidelberg unter den gegebenen Umständen klar geworden ist: Ich möchte nicht als Jurorin an der Verbreitung eines Theaters mitwirken, das ich als Zuschauerin gar nicht sehen will und als Kritikerin verreißen würde, verreißen müsste! Und darauf liefe das ja hinaus, wenn man sich verbiegt und Stücke als hervorragend prämiert, die es gar nicht sind, die einem nichts zu sagen haben und eigentlich nur den Uraufführungsbetrieb bedienen sollen. Versehen mit dem Siegel “Preisträger des Heidelberger Stückemarktes” und den zwangsbelobigenden Jury-Worten geht dieses Stück dann in die Verlage und Dramaturgien und von dort, weil es nun ja ein Preisträger-Stück ist, sehr schnell (und meist unhinterfragt) auf eine Studiobühne, inszeniert von einem mehr oder weniger inspirierten Jungregisseur, und weil es eine UA ist, kriegt man eine Kritik, um die nämlich geht´s – und das war es dann. Meistens jedenfalls. So ein Stück wird dann in der Regel ein paar Mal aufgeführt und nie mehr nachgespielt und verschwindet im Massengrab der jungen deutschen Mittelmaßdramatik. Was aber niemanden weiter interessiert, denn hier kommt schon der nächste Preisträger aus der jüngsten Autorenwerkstatt. The show must go on.

Es ist übrigens nicht so – und kann realistischerweise auch gar nicht so sein -, dass ständig neue Topautoren nachkommen. Auch wenn es für die Beteiligten hart klingt: Ein Autor/ eine Autorin von der Qualität eines Philipp Löhle oder Nis-Momme Stockmann war beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt schlicht nicht dabei. Da gibt es einfach einen Riesen-Gap! Wenn ein Stück gut ist, merkt man das übrigens sofort. Als ich mein erstes Stück von Philipp Löhle, Dirk Laucke oder Ewald Palmetshofer gelesen habe, war da sofort dieses “Oho!”. Das packt einen, da springt einen gleich etwas an und zieht einen hinein in den Text – in eine Geschichte womöglich sogar, in eine Welt: sei es ein Ton, die Sprache, der Rhythmus, der Humor, so ein Gefühl von Authentizität oder, wie schön!, eine unverkennbare Liebe zu den Figuren wie zum Beispiel bei Nis-Momme Stockmann, der meines Erachtens tatsächlich ein Ausnahmetalent ist.

Und weil ich nun bei Nis-Momme Stockmann bin: Ich hab zwar keine Ahnung, was ihn geritten hat, im Rahmen des Mülheimer Stücke-Festivals seitenlang über die “Bewertungsmacht der Kritik” herzuziehen und den Kritikern mangelnde Liebe, Neugier und Lust vorzuwerfen – ausgerechnet er, der von den Kritikern bisher doch nichts als Liebe, Neugier und Lust erfahren hat und als absoluter Frischling mit seinem Stück “Kein Schiff wird kommen” sofort nach Mülheim, dem wichtigsten Festival für deutsche Dramatik, eingeladen wurde – mit den entsprechenden Würdigungen seines dramatischen Talents. Aber sei´s drum: Ich schätze Nis-Momme Stockmann nicht nur als einen bemerkenswerten Jungdramatiker mit einem feinen Gespür für Themen und einem außerordentlichen Sprachgefühl; ich habe ihn in Heidelberg auch als einen sehr ernsthaften, bedachtsamen, klugen, eloquenten und sympathischen Menschen kennen gelernt. Einer, der sehr seriös und mit großer analytischer Genauigkeit über Texte, Sprache, Figurenzeichnung und nicht über Autoren/Kollegen geredet hat. Wenn er jetzt von anonymen Internet-Nutzern als “Kollegenschwein” gedisst wird, ist das derart böswillig, dass ich nicht umhin komme, das auf Neid zurückzuführen. Auf einen riesigen, bösen, giftigen Neid, der in dieser Autorenszene gärt und jetzt aufs Widerwärtigste und Hasserfüllteste hochkocht.

Stockmann

Stockmann

Dass Nis-Momme Stockmann als zweifacher Vorjahres-Sieger des Heidelberger Stückemarkts Mitglied in der Jury war, ist sicherlich suboptimal und anfechtbar – aber dafür kann er nun wirklich nichts. Genauso wenig wie dafür, dass man sein Gesicht zu Werbezwecken auf Plakate gedruckt und damit die Stadt zuplakatiert hat. Das, liebe Leute, ist der Heidelberger Stückemarkt! Der Autorenpreisträger wird im folgenden Jahr automatisch zum Juror – das ist kompletter Schwachsinn, aber so ist es nun mal. Bin gespannt, wie die Heidelberger das nächstes Jahr regeln werden, wo doch jetzt gewissermaßen alle “Sieger” sind. Wäre ja mal was: Neun Autoren suchen einen würdigen Preisträger. Oder zumindest die sechs deutschen. Die israelischen Dramatiker fallen ohnehin aus der Reihe – die Bewertung ihrer Texte war im Rahmen des Heidelberger Gesamttableaus schwierig. Ich kenne das israelische Theater einigermaßen gut. Die drei Stücke wurden von Avishai Milstein, dem Israel-Scout des Festivals, sehr gut ausgewählt, keine Frage. Die typisch israelische Familiengeschichte “Immobilien” von Roni Kuban wird in Israel sicher ein Erfolg, sowohl von der Thematik her als auch von der melancholisch-sentimentalen, filmisch-epischen Erzählweise. Und die beiden anderen Texte, das (leider komplett undramatische) Armee-Stück “Berg” von Yaron Edelstein und das putzig-kokette, minimalistische Pärchen-wechsel-dich-Spiel “Hinter mir geht das Licht auf” von Oded Liphshitz, sind für israelische Verhältnisse tatsächlich etwas Neues, Besonderes, wenn nicht gar innovativ. Sie wagen, sie probieren was. Aber in dieser Formulierung “für israelische Verhältnisse” liegt auch schon das Problem …

Labiles Mobile: Der Israel-Keks bildete das Motto des Stückemarkts

Labiles Mobile: Der Israel-Keks bildete das Motto des Stückemarkts

Angenommen, wir hätten, wie ich während der Sitzung mal vorschlug, “Hinter mir geht das Licht auf” mit dem Innovationspreis ausgezeichnet … das hieße, wie mir in der Diskussion dann schnell klar wurde, eine absolut anmaßende, arrogante, ja paternalistische Haltung einzunehmen: Denn wir würden das Stück, dessen Autor im Publikumsgespräch selber bekannte, dass es von Roland Schimmelpfennig inspiriert sei, nur vor dem Hintergrund der israelischen Theaterästhetik als “innovativ”, oder sagen wir mal: als experimentell und strukturell originell einstufen – in Deutschland aber, da braucht man sich nichts vorzumachen, ist der Text eine “Arabische Nacht” für Arme.

Diskussionen dieser Art gab es manche. Schwierige Diskussionen. Sollte es einen Israel-Bonus geben? Eine Gastland-Milde? Oder hätten wir uns die Entscheidung bei den israelischen Stücken deshalb besonders leicht machen sollen, weil die am Ende sowieso keiner liest, geschweige denn hier spielt? Nach dem Motto: Kräht eh kein Hahn danach – Hauptsache, der “Europäische Preis” wird vergeben und das internationale Renomee des Heidelberger Stückmarkts gefördert?! Was wäre das für eine Haltung? Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es ist und bleibt kompliziert.

Als schließlich klar war, dass wir uns auf keinen deutschsprachigen Haupt- und “Innovations”-Preisträger würden einigen können, auch nicht auf die Lösung  “Drei plus eins” (drei deutsche Autoren teilen sich das Preisgeld für Haupt- und Innovationspreis, und den Europäischen Preis vergeben wir einfach wunschgemäß an einen Israeli), als es also auf gar kein deutsches Stück hinauslief – da hätte dann einer der israelischen Texte schon sehr besonders und überragend sein müssen, um quasi als “das Stück” des Heidelberger Stückemarkts dazustehen und damit als einziges namentlich herausgehoben und zur Uraufführung empfohlen zu werden. So ein Alleinstellungsmerkmal war bei den israelischen Texten nun aber auch wieder nicht auszumachen, und die Übersetzungen ließen, wie gesagt, doch schwer zu wünschen übrig. Wer hätte da die Spracharbeit adäquat würdigen können?

So dass wir am Ende alle gleich behandelt haben. Mit dem ehrlichen Wunsch, mal diese Fördermechanismen zu überdenken. Ich meine, bitteschön: alleine einen Nachwuchspreis als “Innovationspreis” auszuloben …!?

Heidelberg - vom Theater entlarvt als eine schöne Kulisse

Heidelberg - vom Theater entlarvt als eine schöne Kulisse

Der Heidelberger Stückemarkt hat – aus für mich inzwischen hinterfragbaren und nicht ganz nachvollziehbaren Gründen – einen guten Ruf. Aber den hat er auch zu verlieren, und daran sind gewiss nicht wir “falschen” Juroren schuld.

Im übrigen rate ich den Heidelberger Stückemarkt-Betreibern, sich mal bei umsichtigeren Autoren-Förderern wie zum Beispiel den Mülheimern ein paar Anregungen zu holen – für interessante, tiefgehende (und moderierte!) Publikumsgespräche ebenso wie zum Beispiel für die Organisation von Jurysitzungen. Dass man solche Sitzungen zum Beispiel grundsätzlich nicht in öffentlichen Cafés oder Gasthäusern abhalten sollte! Und Ruhe dafür nicht schlecht wäre. All so was … Wenn ich daran denke, in welch einer schrecklichen, dunklen, miefigen, unglaublich lauten, zum Gang hin offenen Box in einem alteingesessenen Touristen-Gasthaus, direkt neben dem Kücheneingang, an einem Sonntagmorgen unsere letzte Jurysitzung begann – dann krieg ich jetzt noch jenen Anfall, den ich dort nach ungefähr drei Stunden bekam. Und der immerhin dazu führte, dass wir das Lokal gewechselt haben. Und dann im Regen herumirrten auf der Suche nach einem sonntags nicht geschlossenen Restaurant in der Heidelberger Altstadt, in dem zufällig auch noch ein Tisch für vier Personen frei ist. Man fasst es nicht!

So, nun hab ich mich erklärt und geleert und möchte meine Ruhe haben. Seit dem Stückemarkt bin ich krank, habe so ein permanentes Rauschen und Stechen im rechten Ohr. Geht einfach nicht weg. Der Arzt diagnostizierte: Paukenerguss. Ich befürchte aber fast, es ist das Fiepen der deutschen Jungdramatik.

Zum Schluss noch die Nachricht einer Jungregisseurin, die mich gebeten hat, diese ihre Mail in meinen Blogeintrag aufzunehmen – es gibt nämlich auch solche Stimmen:

“Ich finde das Vorgehen der Jury beim Stückemarkt in Heidelberg klasse!!!
Endlich ist mal sowas passiert!
Ich kann nur aus der Sicht einer Anfängerregisseurin sprechen, der quasi ausschließlich schlechte, NEUE Stücke angeboten werden, die man ablehnen MUSS. Argumente der Dramaturgen sind nämlich immer: “Hat Preis XY gewonnen, bzw. war nominiert, blablabla.” Ich kann das nicht mehr hören.
Dankeschön!”

11.02.10 | 13:00 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

Pokalfinale: Brecht-Preis für Albert Ostermaier

Ganz Augsburg stand gestern im Zeichen des DFB-Pokal Viertelfinales. Ganz Augsburg? Jawohl! Im Goldenen Saal des Rathauses kam am frühen Abend zwar eine illustre Schar unbeugsamer Kulturliebhaber zusammen, die das entscheidende Pokalspiel zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Köln ausließ (wenn nicht vereinzelt sogar kalt ließ), um der Verleihung des Bertolt-Brecht-Preises 2010 beizuwohnen. Aber da nun mal dieser Preis an den Münchner Schriftsteller und Theaterautor Albert Ostermaier ging, blieb der Fußball auch in diesem ehrwürdigen Rahmen keineswegs ausgespart.

Preisträger Albert Ostermaier

Preisträger Albert Ostermaier

Ostermaier praktiziert diese Sportart nicht nur als Torwart der Autorennationalmannschaft, er kultiviert und poetisiert sie auch als Dichter. So hat er zum Beispiel schon mal eine “Ode an Kahn” verfasst. Ja, man kann wohl sagen: Ostermaier liebt den Fußball mindestens so leidenschaftlich, wie er Brecht liebt. Eine Ahnung davon bekam man in der anspielungsreich komischen, wohl nur den eingeweihten Team-Spielern ganz verständlichen Laudatio des Münchner Krimi-Autors Friedrich Ani: “Die Bank – Ein Spiel in Stimmen zu Ehren des Dichters Albert Ostermaier” nannte er das sprachgeschickt ins Absurde dribbelnde Dramolett zu Ehren seines Freundes.  Darin holt er den dichtenden Torwart Ostermaier von der Ersatzbank auf das Sprachfeld des Erfolges, auf dem dieser mit traumwandlerischer Sicherheit einen Pokal nach dem anderen holt: vom Kleist- und Toller-Preis bis hin jetzt zum Augsburger Brecht-Preis. Es treten in diesem Fußballstück auf: Ostermaier – Hansameyer – Libuda – Buddha – Masseurin – Masseuse – Onetti – Herr Achternbusch – Frau Haushofer – Zwei Bühnenarbeiter – Balljunge – Der Mann. Den Prolog spricht “Der Mann”, und zwar mit Albert-Ostermaier-Maske in einem leeren Stadion:

“An seinen Stücken zerschellen die Gehirne von Regisseuren und Intendanten und Dramaturgen und Kritikern, zerschellen und liegen herum in der Rollkragenpulloverwelt. Und jeder schneidet sich an den Scherben und flucht und winselt und blutet und verachtet sein Blut. Anstatt sich das Herz herauszureißen und es ins Drama zu schleudern, mit großer Gebärde, mutvoll und übermütig, auf dass es zu ihnen zurückrase und in ihnen einschlage wie ein lodernder Meteor, wickeln sie es in Butterbrotpapier und fächern sich allen Ernstes mit einem Fetzen Gehirn Luft zu und sind einer Meinung. (…) Von der Sehnsucht des Torwarts, das unhaltbare Leben mit beiden Händen fliegend zu umfassen und nie mehr loszulassen, nie mehr loszulassen – davon verstehen sie nichts auf den Rängen, sie applaudieren aus Gewohnheit und weil sie es können. Sie hängen ihm Preise um, weil sie es gern sehen, wenn er den Kopf vor ihnen beugt. (…)”

Und hier noch ein kleiner Szenen-Auszug aus Anis Dramolett:

LIBUDA

Ist das schwer: dichten?

OSTERMAIER

Es ist die Hölle.

BUDDHA

Immer diese katholischen Wahnvorstellungen.

LIBUDA

Lass ihn ausreden, Fettsack.

Buddha lächelt.

LIBUDA

Haben sie dich gezwungen, Dichter zu werden?

OSTERMAIER

Schreiben ist Notwehr, Schreiben ist der Strafraum, wenn dir einer zu nahe kommt, ziehst du die Notbremse. Und dann hältst du eigenhändig den Elfmeter. So läuft das.

HANSAMEYER

Bei mir hat er keinen einzigen Elfmeter gehalten. Er trinkt aus der Flasche.

OSTERMAIER

Weil mir die Stürmer egal waren. Ich ließ sie ins Leere laufen. Wenn der Schiri dann trotzdem pfiff, war er eine Pfeife, da blieb ich auf der Linie stehen und schrieb mein nächstes Stück. Die meisten Schiedsrichter sind blind, taub, dement und bestochen. Das wär eine Mannschaft für dich, Hansameyer, mit denen könntest du übers Kuckucksnest fliegen und sie mit deiner Taktik terrorisieren.

Herr Achternbusch tritt auf. Er trägt einen Zylinder und hat ein Messer in der Hand.

HERR ACHTERNBUSCH

Wer ist hier bestochen? Trau dich doch. Ich stech dich ab, du bist nicht der erste.

LIBUDA

Sie hab ich schon mal gesehen. Haben Sie nicht eine Talkshow bei Pro7?

HERR ACHTERNBUSCH

Sie brunzen ja aus dem Mund, Sie Depp.

LIBUDA

Ich glaub, ich habe Sie mit Arabella Kiesbauer verwechselt.

MASSEUSE

Is die oiwei no so schwarz?

OSTERMAIER

Herr Achternbusch hat schon mit Beckett Whiskey getrunken.

LIBUDA

Mit wem?

OSTERMAIER

Beckett.

LIBUDA

Mit wem hat der gespielt?

OSTERMAIER

Godot.

LIBUDA

Bordeaux?

OSTERMAIER

Godot.

HERR ACHTERNBUSCH

Wen muss ich jetzt erstechen?

OSTERMAIER

Mich.

HERR ACHTERNBUSCH

Sie sind doch ein bayerischer Dichter, Sie kann ich nicht abstechen, da geniere ich mich, ich würde lieber einen bayerischen Schauspieler abstechen.

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Bertolt Brecht war ja eher dem Boxsport zugeneigt. Aber Albert Ostermaier musste gar keine großen Haken schlagen, um in seiner Dankesrede den geschätzten B.B. mit dem Fußball  zusammen- und sogar noch DFB-Präsident Theo Zwanziger mit reinzubringen:

“Fußball ist wie Brecht, man weiß nie aus welcher Richtung der Ball kommt. Fußball ist politisch. Und das möchte ich hier einmal voller Bewunderung sagen: niemand weiß so aufrichtig, so mutig und entschieden, so geballten Herzens mit dem Fußball für das zu kämpfen, für das auch Brecht kämpfte, wie Theo Zwanziger. Sein Einsatz, seine Haltungsstärke gegen Diskriminierung und Rassismus, seine fordernden Freundlichkeit, das finde ich sehr brechtisch. Und er hätte es auch geschafft, dass sich Brecht für Fussball begeistert und uns in der Autorennationalmannschaft die Stammplätze streitig macht mit seinen Übersteigern und Traumpässen in die Tiefe des Raums.”

Überhaupt war das eine sehr schöne und sehr persönliche Dankesrede, in der Ostermaier den gebürtigen Augsburger Brecht als einen Dichter würdigte, der ihn von Anfang an fasziniert und ihn gelehrt habe, „das Leben zu lesen“:

“Brecht begeisterte mich von Anfang an, schon von der ersten Zeile an. Dieser junge Brecht, der sich als Marke inszenierte: der zu große Ledermantel, der geschorene Kopf, die lässige Beiläufigkeit, die provokanten Augen, die Verse wie präkordiale Faustschläge auf die Stillstandsseligkeit der Gesellschaft. Diese gespannten Sehnen kurz vor dem Sprung. Die Kälte aus den Gefrierkammern zwischen seinen Herzwänden. Der Sound seiner Zeilen, wie auf Stahlsaiten geschrieben, die Gitarre, die knurrige Stimme. Die schnellen Autos, die wechselnden Verträge, die Frauen und Lieben. Die Furchtlosigkeit vor dem Trivialen, der Hass auf das Bestehende und die Stehengebliebenen. Wenn man ihn so sieht und hört, den jungen Brecht, dann denkt man nicht, wie lange das her ist. Er liegt für mich weniger weit zurück als meine eigene Kindheit. Er ist jung geblieben und wird nicht älter, er bleibt Zeitgenosse. Man möchte ihn anrufen. (Er schriebe eine SMS zurück).

Brecht war von Anfang an Pop, ein Beatle vor den Beatles, ein Punk vor den Punks, ein Gangsterrapper vor allen Gangsterrappern, er hatte von Anfang an Streetcredibility und seine Hauspostille ist immer noch das beste Songbook, das es gibt. Unzählige junge Dichter haben und werden nach diesen Buch das Schreiben lernen und die Musikalität der Sprache. Und die Kraft, zu benennen und die Welt als veränderbar zu erfinden.”

Zuvor hatten im kalten, aber sehr prunkvollen Goldenen Rathaussaal, diesem Kulturdenkmal der Spätrenaissance, jene Schauspieler aus Gedichten von Brecht und Ostermaier vorgelesen, die trotz der Winterhindernisse nach Augsburg durchgekommen waren: Hannelore Elsner, Birgit Minichmayr und Axel Milberg. Minichmayr musste in Jeans auftreten, weil ihr Koffer mit dem kleinen Schwarzen nicht vom Flieger mitgeliefert wurde. Thomas Thieme hatte krankheitsbedingt ganz abgesagt. Aber es war ja die Grünen-Politikerin Claudia Roth da, die hat dann auch was mit vorgelesen. Ich bin leider mit meinem SZ-Kollegen Gerhard Matzig aufgrund von Stau und Schnee zu spät gekommen – und habe die ganze lyrische Vortragsrunde samt der Begrüßungsworte des Augsburger Oberbürgermeisters verpasst.

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall

Die Jury-Begründung habe ich aber mitbekommen. Darin hieß es, Albert Ostermaier sei ein Dichter sui generis, der in der kritischen Tradition Brechts stehe. Seine Werke seien “Kompositionen, in denen die Grenzen von Lyrik, Dramatik und Epik im doppelten Sinn aufgehoben” seien. Ostermaier  besteche durch „Inhalte, die das Gegenwärtige erfassen und transzendieren“ sowie durch eine „hochdifferenzierte formale Struktur“.  Der Jury gehörten u. a. die Literaturwissenschaftler Uwe Wittstock und Mathias Mayer, der Suhrkamp-Lektor Jürgen Drescher und die Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall an. Der Preis, der nur alle drei Jahre verliehen wird,  ist mit 15 000 Euro dotiert. Frühere Preisträger waren Franz Xaver Kroetz, Christoph Ransmayr, Robert Gernhardt, Urs Widmer und Dea Loher.

Mit der Vergabe dieses Preises an Albert Ostermaier schloss die Stadt Augsburg wieder jenen Leiter ihres Brecht-Festivals in die Arme, den sie 2008 abgeschossen hatte. Damals wollte der Augsburger Kulturreferent Ostermaier nach dreijähriger Tätigkeit partout nicht als Festivalchef verlängern. Jetzt wurde dem vormals Geschassten vom Oberbürgermeister bescheinigt, er habe mit seinem “ABC-Festival” das Brecht-Bild in der Stadt entkrampft:  „Durch ihn haben wir gelernt, den Stückeschreiber lebendig und zeitgemäß zu würdigen.“ Ostermaier, nun doch noch glücklicher Pokalsieger, bedankte sich herzlich und schien sich wirklich und aufrichtig zu freuen. Am Ende seiner Dankesrede sagte er:

Nichts ist so erfreulich und herzerfrischend wie eine unerwartete Freundlichkeit. ‘Und nimm dir sein Geld’, schreibt Brecht, ‘Du darfst es.’

20.01.10 | 18:32 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

Kabarettreif: Hoferichter-Preis für Unterstöger und Pelzig

Preisverleihungen, das weiß jeder, können ganz schön öde sein. Wenn der Preis aber an einen Kabarettisten wie Erwin Pelzig geht und dazu auch noch an einen humoristischen Sprachlaboranten wie meinen verehrten SZ-Kollegen Hermann Unterstöger und beide diesen Preis aus den Händen des Münchner Oberkabarettisten Oberbürgermeisters Christian Ude entgegennehmen, welcher als Redekünstler wiederum abgelöst wird von dem ebenso stil- wie ironiesicheren Allerweltsbetrachter und Meisterkolumnenschreiber Axel Hacke – dann, liebe Leser, können Sie Gift darauf nehmen, dass es eine wunderbar charmante, geistreiche und hochkomische Angelegenheit ist! Soll heißen: Die gestrige Verleihung des Ernst-Hoferichter-Preises im Münchner Literaturhaus war absolut kabarettreif.

Der Münchner Ernst-Hoferichter-Preis wird seit 1975 jährlich an Autoren verliehen, die in ihrer Arbeit “Originalität mit Weltoffenheit und Humor” verbinden – insofern gehen die Preisträger Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger (gewürdigt als “Meister der kleinen Form”) auf alle Fälle in Ordnung, auch wenn sie nicht unbedingt als Jungspunde mit diesem “Förderpreis” geehrt wurden. Unterstöger ist fast 67, Barwasser wird in diesem Jahr 50. Ude in seiner seitenhieb- und stichfesten Rede: “Der Hoferichter-Preis ist meistens nicht der erste Preis, den einer bekommt, aber oft der letzte.”

Der Münchner OB Christian Ude mit den Preisträgern Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger.  Foto: Stephan Rumpf

Der Münchner OB Christian Ude mit den Preisträgern Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger. Foto: Stephan Rumpf

Während der Unterfranke Frank-Markus Barwasser mit seinen kabarettistischen Soloprogrammen, seiner TV-Show “Pelzig unterhält sich” und dem Film “Vorne ist verdammt weit weg” einem breiten Publikum bekannt ist – zumindest unter dem Namen seiner fränkischen Kunstfigur Erwin Pelzig -, tritt SZ-Redakteur Hermann Unterstöger kaum je öffentlich und als “Streiflicht”-Autor nicht einmal namentlich in Erscheinung. Was ganz gut zu seinem bescheidenen Naturell passt, welches Laudator Axel Hacke – dereinst Unterstögers Kollege bei der “Süddeutschen” und selber Träger des Ernst-Hoferichter-Preises – in anschaulichen Szenen höchst amüsant zu beschreiben wusste.

Etwa, als er darlegte, wie sich SZ-Redakteure an manchen ereignislosen Tagen verlegen und ratlos unter ihren Zeitungen wegducken und wichtigste Termine vorschützen, wenn es bei der Morgenkonferenz darum geht, das “Streiflicht” zu vergeben. Und wie sich dann, in der größten Not, leise der Hermann meldet, mit langsam sich rötenden Wangen: “Es gäbe da vielleicht ein Thema, ein wirkliches Thema ist es nicht, eigentlich nur ein Achtelthema, aber man könnte zur Not . . .” So ist der Sprachfiesler Unterstöger in seinen 25 Jahren bei der SZ nicht nur zum Altmeister, sondern auch zum Fackelträger und Retter des “Streiflichts” geworden. Und man muss froh sein, dass er nicht dem Rat seines Lehrers gefolgt ist, der ihm einst anempfahl: “Mensch, Unterstöger, werd´ Friseur, da kannst du auch Kopfarbeit leisten!”

Laudator Axel Hacke, selber Ernst-Hofericht-Preisträger und Meister der kleinen Form.  Foto: Rumpf

Laudator Axel Hacke, selber ein Meister der kleinen Form. Foto: Stephan Rumpf

Unterstöger indes hat seinen Rückzug ins heimatliche Altötting schon eingefädelt und das Preisgeld dem Fliesenleger versprochen, der ihm das Bad verlegt. Im Ruhestand, so verriet er in seiner streiflichtwürdigen Dankesrede, werde er sich dann einem dreibändigen Langzeitstudienprojekt widmen. Titel: “Wenn Altötting das Herz Bayerns ist, was ist dann München?” Im Dunstkreis der berühmten Kapelle an seinem Alterswohnsitz wird Unterstöger dann vielleicht auch jene göttliche Gnade erfahren, die ihm ein frommes Altöttinger Großmütterchen einst absprach, als sie ihn fragte: “San Sie immer noch bei dem Kommunistenblattl?” (gemeint war die SZ), und als Unterstöger diese seine Tätigkeit nicht leugnete, richtete die Alte den Finger gen Himmel mit den Worten: “Jeder muss sich amol verantworten – dort drobn!” So viel zum (niederbayerischen) Background des stets so ab- und tiefgründig ausgeschrittenen Spannungsfeldes “Gott und die Welt” in Unterstögers Texten.

Die Laudatio auf den Preisträger Pelzig hielt die Kritikerin Beate Kayser, die ehemalige Feuilletonchefin der Münchner “tz”. Von Pelzigs Spießeroutfit mit Cordhut und Herrenhandtasche auf Barwassers “blitzschnelles Switching” kommend, porträtierte sie den fränkischen Kabarettisten als gespaltene Künstlerpersönlichkeit von hohem Unterhaltungs-, Erkenntnis- und Überraschungswert: Er stelle seinen Gästen jene Fragen, “die der Zuschauer sich selbst zu stellen nie getraut hätte”, und er kitzle Seiten heraus, “die keiner vermutet hätte” – aber, so Frau Kayser: “nie mit diesen Bratwurstthemen”.

Pelzig erregt sich.   Foto: Rumpf

Pelzig erregt sich. Foto: Rumpf

Der solcherart Gelobte zeigte zum Dank den Wolf im Schaf-Pelzig, indem er sich immer mehr in Rage redete, bis er von den Themen Preisgeld, München und Gerechtigkeit auf verarmte Milliardäre, die fehlende Protestkultur in Deutschland und auf Westerwelles FDP kam: Er wolle ja nicht sagen, dass die FDP käuflich sei, “aber man kann sie mieten”. Pelzig ist dagegen unbezahlbar.