“Der Passionierte” – Laudatio auf Christian Stückl

Regisseur und Intendant Christian Stückl erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld.
So, und hier nun also meine Laudatio auf Christian Stückl anlässlich des Oberbayerischen Kulturpreises 2011.
Der Passionierte
Wer den Menschen und Theaterkünstler Christian Stückl würdigen möchte, kommt um den Raucher Stückl nicht herum. Die Art, wie Christian Stückl raucht, hängt unmittelbar damit zusammen, wie er arbeitet und lebt, nämlich ziemlich intensiv. Jeder, der den Oberammergauer Passionsleiter und Münchner Volkstheater-Intendanten schon einmal hat qualmen sehen, weiß: Er zieht nicht nur an einer Zigarette, er saugt daran – heftig, hektisch, manchmal mit einem derart zischenden Inhalationsgeräusch, dass man den Lungenzug förmlich hört. Ungefähr so muss man sich den Kettenraucher Stückl auch als Theaterleiter und Regisseur vorstellen: gierig alles auf- und in sich hineinsaugend, glühend, leidenschaftlich, unbedingt. Christian Stückl ist ein Süchtiger, vor allem als Theatermacher. Er arbeitet, wie er raucht: auf Lunge.

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)
Die Puste ausgehen tut ihm darob aber nicht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Energie dieser Mann hat. Als er in den letzten Wochen und Monaten Thomas Manns Mammutroman „Joseph und seine Brüder“ auf die Oberammergauer Passionsbühne stemmte – in einer eigenen Fassung, versteht sich –, da inszenierte er zwischendurch auch schnell noch die Wiederaufnahme von Hans Pfitzners sperriger Oper „Palestrina“. Diesmal nicht am Münchner Nationaltheater, wo Stückls Inszenierung bereits 2009 Premiere hatte, sondern – in neuer Besetzung – an der Hamburger Staatsoper. Und dann hat dieser unermüdliche Spieltriebtäter mit dem Münchner Volkstheater ja auch noch hauptberuflich ein Theater zu leiten. Das tut er mit so einschlägigem Erfolg, dass die Stadt München seinen Vertrag im Februar vorzeitig bis zum Jahr 2015 verlängert hat. Wohlweislich. Damit er ihr auch ja nicht ausbüchst, dieser Stückl, der für das dahinkriselnde Haus die Rettung war und, so darf man ohne Übertreibung hinzufügen, ein Segen ist.

Logo Münchner Volkstheater
Als Nachfolger von Ruth Drexel hat Christian Stückl das Münchner Volkstheater derart umgekrempelt und verjüngt, dass es trotz seiner finanziellen Zwergenhaftigkeit zwischen den zwei Schauspielriesen der Stadt, dem Residenztheater und den Kammerspielen, klein, aber fein aufgestellt und schwerlich zu übersehen ist. Schon vom Spielplan her hat sich das Haus den anderen beiden Bühnen selbstbewusst angenähert, denn wo „Volkstheater“ draufsteht, da ist für Stückl ganz gewiss nicht automatisch ein Volksstückl drin. Sondern: Shakespeare, Schiller, Kleist, klassische wie zeitgenössische Dramatik – das ganze Repertoire, bayerische Kultstücke wie „Der Brandner Kaspar“ oder „Der Räuber Kneißl“ nicht ausgeschlossen, denn die sind Stückls Spezialität und fast immer ein Publikumsrenner, so wie neuerdings auch seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“. Stückl ist als Regisseur ein Stürmer und Dränger. Er erzählt seine Geschichten saftig, sinnlich, süffig, aus einer unbändigen – manchmal auch ungebändigten – Spielfreude heraus.

Stückl signiert
Seit seinem Amtsantritt 2002 hat Stückl die Einnahmen am Volkstheater kontinuierlich gesteigert. Der Laden läuft, es kommen 110 000 Zuschauer im Jahr. Das muss man erst einmal hinkriegen mit so einem Mini-Etat. Stückl hat es von Anfang an verstanden, aus der Not seines kleinen Hauses eine Tugend zu machen und mit Jugend zu punkten: mit jungen, hochbegabten Schauspielern, die er frisch von der Schauspielschule weg engagiert (und er hat ein exzellentes Gespür für Talente!); mit jungen, spannenden Regisseuren, denen er eine Plattform bietet; und nicht zuletzt mit dem famosen Festival „Radikal jung“, mit dem das Volkstheater längst überregionale Strahlkraft erlangt hat. Da wundert es einen nicht, dass den Intendanten manchmal der Frust überkommt, weil er gerne mehr machen, expandieren, das Festival ausbauen möchte, das Geld dafür aber hinten und vorne nicht langt.
Dass er sich trotzdem in seinem kreativen Elan nicht bremsen lässt, hat mit dem speziellen Schmieröl zu tun, das Stückls Motor am Laufen hält – und das ist seine sprudelnde, leidenschaftliche, Begeisterungsfähigkeit. Mit ihr stürzt er sich aufs Theater genauso wie auf Menschen oder die Auslegung der Bibel, und wer immer es dann mit ihm zu tun bekommt, sei gewarnt: Es besteht höchste Ansteckungsgefahr!

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.
Das ist eine große Qualität des rastlosen Wirtssohns aus Oberammergau: dass er nicht nur für eine Sache brennen, sondern dass er auch andere Menschen entzünden, sie für sich und seine Sache begeistern kann. Stückl ist ein Menschenfänger, ein Talentefischer. Und wie dieser Jesus aus Nazareth, mit dem er sich so oft beschäftigt, sammelt auch er immer eine Schar von Jüngern um sich herum.
In Indien, nach Obernbayern sein Lieblingsland, ließ er sich einmal von einem Wahrsager aus der Hand lesen. Er müsse ein Künstler sein, sagte der Wahrsager zu Stückl, ein Künstler aus dem Bereich Theater oder Musik, es habe auf alle Fälle etwas mit Menschen zu tun. Stückl, der den Mann auf die Probe stellen wollte, sagte: „Ich bin Geschäftsführer einer GmbH.“ (Womit er nicht gelogen hat – das Münchner Volkstheater ist als GmbH strukturiert.) Darauf antwortete ihm der Inder: „Damit werden Sie nicht glücklich werden.“

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl
„Es muss auf alle Fälle was mit Menschen zu tun haben . . .“ – Insofern hat der gelernte Holzbildhauer Christian Stückl absolut den richtigen Beruf ergriffen und kommt eigentlich nur seiner Bestimmung nach, wenn er als Massenregisseur und –dompteur im Passionstheater von Oberammergau Heerscharen von Darstellern arrangiert und inszeniert; Schafe, Tauben und Kamele inklusive. Er kann das wie kein anderer.
An die 2000 Mitwirkende waren es auch letztes Jahr wieder, beim Passionsspiel 2010, dem professionellsten, staunenswürdigsten, chorisch wie choreographisch eindrucksvollsten Laientheater, das man je zu sehen bekam. Eine grandiose Leistung, mehr große Oper als folkloristisches Dorftheater.

Oberammergau 2010 - bei einem Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.
Stückl war nach 1990 und 2000 bereits zum dritten Mal der Spielleiter und konnte endlich all das durchsetzen, wofür er seit fast 25 Jahren in seinem Heimatort hartnäckig gekämpft hatte: die Modernisierung des Bühnenbildes und des überkommenen Textes mit seinen vielen Antijudaismen; die freie Besetzung der Hauptrollen ohne Gemeinderatsbevormundung; selbst das unantastbare Nachtspielverbot war per Bürgerentscheid aufgehoben worden, so dass die Passionsspiele erstmals in ihrer langen Geschichte in die Abendstunden hinein verlagert werden konnten – was Stückl atmosphärisch und lichtdramaturgisch natürlich sehr schön zu nutzen verstand.
Stückl, der gelernte Herrgottschnitzer, ist ein theatralisches Naturtalent. Ein Theaterviech. Weder hat er je eine Regieschule besucht noch sich als Assistent an den Bühnen des Landes hochgedient. Aber zugehört hat er, als in den siebziger Jahren im Gasthof der Eltern, der „Rose“, immerfort über die Passionsspiele und deren mögliche Reform diskutiert wurde. Stückl war damals Feuer und Flamme. Ein echter Passions-Passionierter.

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben
Schon beim Bibelspiel von 1970 war er als Achtjähriger ununterbrochen im Passionstheater und nicht von der Bühne runterzukriegen. „Bühnenschreck“ nannten sie ihn damals. Das war nicht nur liebevoll gemeint. Klein-Stückl war derart theaterbesessen, dass er sich Kostüme grapschte und sich eigenmächtig in jedes „lebende Bild“ reinstellte. Als er deswegen vom Spielleiter eine Watschen fing, rannte der Stöpsel empört nach Hause und verkündete zornig: „ Wenn i amol Spielleiter bin, hau i zruck!“ Damit stand sein Berufswunsch fest, „aus niederen Beweggründen“, wie Stückl heute feixt.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.
Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er die Passionsspiele leiten würde. Vorher gründete er noch eine eigene Theatergruppe, mit der er in Oberammergau nicht etwa Bauernkomödien, sondern Stücke von Molière, Büchner und Shakespeare inszenierte, zum Beispiel 1986 den „Sommernachtstraum“. Ein Feriengast aus München, der Publizist Erich Kuby, war davon derart angetan, dass er den jungen Amateurregisseur nach München an die Kammerspiele empfahl. Das war ein Hammer und dürfte die Gemeinderatswahl von 1987 einigermaßen beeinflusst haben. Damals wurde Stückl mit 25 Jahren zum Spielleiter für die 1990er Passion berufen, dem jüngsten aller Zeiten – zwar nur ganz knapp, mit neun zu acht Stimmen, aber gewählt ist gewählt.

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!
Das war so fortschrittlich von den Oberammergauern, dass es ihnen hernach selber nicht ganz geheuer war. Von den Anfeindungen, Daumenschrauben, Verweigerungs- und Verhinderungsakten, die darauf folgten, kann Stückl herrliche Geschichten erzählen (Ruf aus dem renitenten Darstellerheer: „Wos wuin´ des Oarschloch da vorn?“). Dafür, dass er das alles ausgehalten und durchgestanden hat, verdient er allein schon einen Preis. Und man darf den Oberammergauern gratulieren zu ihrem unnachgiebigen „Bühnenschreck“ – diesem „Fachmann fürs Katholische“, wie Jürgen Flimm ihn nannte, als er Stückl zu den Salzburger Festspielen holte, wo es 2002 ebenfalls ein geistliches Spiel zu reformieren galt: den „Jedermann“.

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers
Festlegen auf den Katholizismus und sein Bayerntum sollte man Stückl aber nicht. Das hieße, diesen sehr offenen, neugierigen, liberal und tolerant denkenden Menschen, diesen leidenschaftlichen Shakespeare-Fan und Indien-Fahrer, Geschichten- und Menschensammler doch sehr zu verkennen. Aber es passiert dann doch immer wieder, dass er gewissen Vorurteilen ausgesetzt ist, was manchmal allein schon an seinem Dialekt liegt, diesem schönen, unverdorbenen Bairisch, das der Stückl spricht.
Es war nicht an den Theatern in Frankfurt, Bonn oder Hannover, sondern ausgerechnet an den Münchner Kammerspielen, wo man ihn einst bei der Vorstellung fragte: „Herr Stückl, denken Sie, Sie können sich unseren Schauspielern in norddeutscher Sprache verständlich machen?“ Stückl war so perplex, dass er erstmal nur antwortete: „I moan scho.“ Inzwischen wurde er für seine ungenierte Verwendung des Dialekts in der Öffentlichkeit mit der „Bairischen Sprachwurzel“ ausgezeichnet. Womit wir schon wieder bei der katholischen Kirche wären. Denn auch Papst Benedikt XVI. ist Träger dieses Preises.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.
Kein Wunder also, wenn manch einer diesen Stückl missionarischer Bestrebungen verdächtigt. Als er vor der 2000er Passion den muslimischen Vater des kleinen Abdullah aufsuchte, um ihn zu überreden, dass er seinen Jungen unbedingt mitspielen lassen müsse, da sagte der Türke: „Okay, wenn Chef sagt, Abdullah soll spielen, dann soll Abdullah spielen. ABER MACH MICH NICHT KATHOLISCH!“
Zehn Jahre später stand der herangewachsene Abdullah Kenan Karaca vor der Tür des Münchner Volkstheaters und hatte nur ein Begehr: ans Theater zu gehen. Er ist jetzt bei Stückl Regieassistent – ein neuer Jünger.













