08.08.11 | 01:51 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 1 Kommentar

“Der Passionierte” – Laudatio auf Christian Stückl

Regisseur und Intendant Christian Stückl (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld. (Alle Fotos: von mir)

Regisseur und Intendant Christian Stückl erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld.

So, und hier nun also meine Laudatio auf Christian Stückl anlässlich des Oberbayerischen Kulturpreises 2011.

Der Passionierte

Wer den Menschen und Theaterkünstler Christian Stückl würdigen möchte, kommt um den Raucher Stückl nicht herum. Die Art, wie Christian Stückl raucht, hängt unmittelbar damit zusammen, wie er arbeitet und lebt, nämlich ziemlich intensiv. Jeder, der den Oberammergauer Passionsleiter und Münchner Volkstheater-Intendanten schon einmal hat qualmen sehen, weiß: Er zieht nicht nur an einer Zigarette, er saugt daran – heftig, hektisch, manchmal mit einem derart zischenden Inhalationsgeräusch, dass man den Lungenzug förmlich hört. Ungefähr so muss man sich den Kettenraucher Stückl auch als Theaterleiter und Regisseur vorstellen: gierig alles auf- und in sich hineinsaugend, glühend, leidenschaftlich, unbedingt. Christian Stückl ist ein Süchtiger, vor allem als Theatermacher. Er arbeitet, wie er raucht: auf Lunge.

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)

Die Puste ausgehen tut ihm darob aber nicht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Energie dieser Mann hat. Als er in den letzten Wochen und Monaten Thomas Manns Mammutroman „Joseph und seine Brüder“  auf die Oberammergauer Passionsbühne stemmte – in einer eigenen Fassung, versteht sich –, da inszenierte er zwischendurch auch schnell noch die Wiederaufnahme von Hans Pfitzners sperriger Oper „Palestrina“. Diesmal nicht am Münchner Nationaltheater, wo Stückls Inszenierung bereits 2009 Premiere hatte, sondern – in neuer Besetzung – an der Hamburger Staatsoper. Und dann hat dieser unermüdliche Spieltriebtäter mit dem Münchner Volkstheater ja auch noch hauptberuflich ein Theater zu leiten. Das tut er mit so einschlägigem Erfolg, dass die Stadt München seinen Vertrag im Februar vorzeitig bis zum Jahr 2015 verlängert hat. Wohlweislich. Damit er ihr auch ja nicht ausbüchst, dieser Stückl, der für das dahinkriselnde Haus die Rettung war und, so darf man ohne Übertreibung hinzufügen, ein Segen ist.

Logo Volkstheater

Logo Münchner Volkstheater

Als Nachfolger von Ruth Drexel hat Christian Stückl das Münchner Volkstheater derart umgekrempelt und verjüngt, dass es trotz seiner finanziellen Zwergenhaftigkeit zwischen den zwei Schauspielriesen der Stadt, dem Residenztheater und den Kammerspielen, klein, aber fein aufgestellt und schwerlich zu übersehen ist. Schon vom Spielplan her hat sich das Haus den anderen beiden Bühnen selbstbewusst angenähert, denn wo „Volkstheater“ draufsteht, da ist für Stückl ganz gewiss nicht automatisch ein Volksstückl drin. Sondern: Shakespeare, Schiller, Kleist, klassische wie zeitgenössische Dramatik – das ganze Repertoire, bayerische Kultstücke wie „Der Brandner Kaspar“ oder „Der Räuber Kneißl“ nicht ausgeschlossen, denn die sind Stückls Spezialität und fast immer ein Publikumsrenner, so wie neuerdings auch seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“. Stückl ist als Regisseur ein Stürmer und Dränger. Er erzählt seine Geschichten saftig, sinnlich, süffig, aus einer unbändigen – manchmal auch ungebändigten – Spielfreude heraus.

Stückl signiert

Stückl signiert

Seit seinem Amtsantritt 2002 hat Stückl die Einnahmen am Volkstheater kontinuierlich gesteigert. Der Laden läuft, es kommen 110 000 Zuschauer im Jahr. Das muss man erst einmal hinkriegen mit so einem Mini-Etat. Stückl hat es von Anfang an verstanden, aus der Not seines kleinen Hauses eine Tugend zu machen und mit Jugend zu punkten: mit jungen, hochbegabten Schauspielern, die er frisch von der Schauspielschule weg engagiert (und er hat ein exzellentes Gespür für Talente!); mit jungen, spannenden Regisseuren, denen er eine Plattform bietet; und nicht zuletzt mit dem famosen Festival „Radikal jung“, mit dem das Volkstheater längst überregionale Strahlkraft erlangt hat. Da wundert es einen nicht, dass den Intendanten manchmal der Frust überkommt, weil er gerne mehr machen, expandieren, das Festival ausbauen möchte, das Geld dafür aber hinten und vorne nicht langt.

Dass er sich trotzdem in seinem kreativen Elan nicht bremsen lässt, hat mit dem speziellen Schmieröl zu tun, das Stückls Motor am Laufen hält – und das ist seine sprudelnde, leidenschaftliche, Begeisterungsfähigkeit. Mit ihr stürzt er sich aufs Theater genauso wie auf Menschen oder die Auslegung der Bibel, und wer immer es dann mit ihm zu tun bekommt, sei gewarnt: Es besteht höchste Ansteckungsgefahr!

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.

Das ist eine große Qualität des rastlosen Wirtssohns aus Oberammergau: dass er nicht nur für eine Sache brennen, sondern dass er auch andere Menschen entzünden, sie für sich und seine Sache begeistern kann. Stückl ist ein Menschenfänger, ein Talentefischer. Und wie dieser Jesus aus Nazareth, mit dem er sich so oft beschäftigt, sammelt auch er immer eine Schar von Jüngern um sich herum.

In Indien, nach Obernbayern sein Lieblingsland, ließ er sich einmal von einem Wahrsager aus der Hand lesen. Er müsse ein Künstler sein, sagte der Wahrsager zu Stückl, ein Künstler aus dem Bereich Theater oder Musik, es habe auf alle Fälle etwas mit Menschen zu tun. Stückl, der den Mann auf die Probe stellen wollte, sagte: „Ich bin Geschäftsführer einer GmbH.“ (Womit er nicht gelogen hat – das Münchner Volkstheater ist als GmbH strukturiert.) Darauf antwortete ihm der Inder: „Damit werden Sie nicht glücklich werden.“

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl

„Es muss auf alle Fälle was mit Menschen zu tun haben . . .“ – Insofern hat der gelernte Holzbildhauer Christian Stückl absolut den richtigen Beruf ergriffen und kommt eigentlich nur seiner Bestimmung nach, wenn er als Massenregisseur und –dompteur im Passionstheater von Oberammergau Heerscharen von Darstellern arrangiert und inszeniert; Schafe, Tauben und Kamele inklusive. Er kann das wie kein anderer.

An die 2000 Mitwirkende waren es auch letztes Jahr wieder, beim Passionsspiel 2010, dem professionellsten, staunenswürdigsten, chorisch wie choreographisch eindrucksvollsten Laientheater, das man je zu sehen bekam. Eine grandiose Leistung, mehr große Oper als folkloristisches Dorftheater.

Oberammergau 2010 - beim Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.

Oberammergau 2010 - bei einem Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.

Stückl war nach 1990 und 2000 bereits zum dritten Mal der Spielleiter und konnte endlich all das durchsetzen, wofür er seit fast 25 Jahren in seinem Heimatort hartnäckig gekämpft hatte: die Modernisierung des Bühnenbildes und des überkommenen Textes mit seinen vielen Antijudaismen;  die freie Besetzung der Hauptrollen ohne Gemeinderatsbevormundung; selbst das unantastbare Nachtspielverbot war per Bürgerentscheid aufgehoben worden, so dass die Passionsspiele erstmals in ihrer langen Geschichte in die Abendstunden hinein verlagert werden konnten – was  Stückl atmosphärisch und lichtdramaturgisch natürlich sehr schön zu nutzen verstand.

Stückl, der gelernte Herrgottschnitzer, ist ein theatralisches Naturtalent. Ein Theaterviech. Weder hat er je eine Regieschule besucht noch sich als Assistent an den Bühnen des Landes hochgedient. Aber zugehört hat er, als in den siebziger Jahren im Gasthof der Eltern, der „Rose“, immerfort über die Passionsspiele und deren mögliche Reform diskutiert wurde. Stückl war damals Feuer und Flamme. Ein echter Passions-Passionierter.

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben

Schon beim Bibelspiel von 1970 war er als Achtjähriger ununterbrochen im Passionstheater und nicht von der Bühne runterzukriegen. „Bühnenschreck“ nannten sie ihn damals. Das war nicht nur liebevoll gemeint. Klein-Stückl war derart theaterbesessen, dass er sich Kostüme grapschte und sich eigenmächtig in jedes „lebende Bild“ reinstellte. Als er deswegen vom Spielleiter eine Watschen fing, rannte der Stöpsel empört nach Hause und verkündete zornig: „ Wenn i amol Spielleiter bin, hau i zruck!“  Damit stand sein Berufswunsch fest, „aus niederen Beweggründen“, wie Stückl heute feixt.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er die Passionsspiele leiten würde. Vorher gründete er noch eine eigene Theatergruppe, mit der er in Oberammergau nicht etwa Bauernkomödien, sondern Stücke von Molière, Büchner und Shakespeare inszenierte, zum Beispiel 1986 den „Sommernachtstraum“. Ein Feriengast aus München, der Publizist Erich Kuby, war davon derart angetan, dass er den jungen Amateurregisseur nach München an die Kammerspiele empfahl. Das war ein Hammer und dürfte die Gemeinderatswahl von 1987 einigermaßen  beeinflusst haben. Damals wurde Stückl mit 25 Jahren zum Spielleiter für die 1990er Passion berufen, dem jüngsten aller Zeiten – zwar nur ganz knapp, mit neun zu acht Stimmen, aber gewählt ist gewählt.

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!

Das war so fortschrittlich von den Oberammergauern, dass es ihnen hernach selber nicht ganz geheuer war. Von den Anfeindungen, Daumenschrauben, Verweigerungs- und Verhinderungsakten, die darauf folgten, kann Stückl herrliche Geschichten erzählen (Ruf aus dem renitenten Darstellerheer: „Wos wuin´ des Oarschloch da vorn?“). Dafür, dass er das alles ausgehalten und durchgestanden hat, verdient er allein schon einen Preis. Und man darf den Oberammergauern gratulieren zu ihrem unnachgiebigen „Bühnenschreck“ – diesem „Fachmann fürs Katholische“, wie Jürgen Flimm ihn nannte, als er Stückl zu den Salzburger Festspielen holte, wo es 2002 ebenfalls ein geistliches Spiel zu reformieren galt: den „Jedermann“.

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers

Festlegen auf den Katholizismus und sein Bayerntum sollte man Stückl aber nicht. Das hieße, diesen sehr offenen, neugierigen, liberal und tolerant denkenden Menschen, diesen leidenschaftlichen Shakespeare-Fan und Indien-Fahrer, Geschichten- und Menschensammler doch sehr zu verkennen. Aber es passiert dann doch immer wieder, dass er gewissen Vorurteilen ausgesetzt ist, was manchmal allein schon an seinem Dialekt liegt, diesem schönen, unverdorbenen Bairisch, das der Stückl spricht.

Es war nicht an den Theatern in Frankfurt, Bonn oder Hannover, sondern ausgerechnet an den Münchner Kammerspielen, wo man ihn einst bei der Vorstellung fragte: „Herr Stückl, denken Sie, Sie können sich unseren Schauspielern in norddeutscher Sprache verständlich machen?“ Stückl war so perplex, dass er erstmal nur antwortete: „I moan scho.“ Inzwischen wurde er für seine ungenierte Verwendung des Dialekts in der Öffentlichkeit mit der  „Bairischen Sprachwurzel“ ausgezeichnet. Womit wir schon wieder bei der katholischen Kirche wären. Denn auch Papst Benedikt XVI. ist Träger dieses Preises.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.

Kein Wunder also, wenn manch einer diesen Stückl missionarischer Bestrebungen verdächtigt. Als er vor der 2000er Passion den muslimischen Vater des kleinen Abdullah aufsuchte, um ihn zu überreden, dass er seinen Jungen unbedingt mitspielen lassen müsse, da sagte der Türke: „Okay, wenn Chef sagt, Abdullah soll spielen, dann soll Abdullah spielen. ABER MACH MICH NICHT KATHOLISCH!“

Zehn Jahre später stand der herangewachsene Abdullah Kenan Karaca vor der Tür des Münchner Volkstheaters und hatte nur ein Begehr: ans Theater zu gehen. Er ist jetzt bei Stückl Regieassistent – ein neuer Jünger.

07.08.11 | 22:12 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 0 Kommentare

Oberbayerischer Kulturpreis 2011, verliehen in Eichstätt

Bei der Verleihung des Oberbayerischen Kulturpreises 2011 spielte das Martina Eisenreich Quartett, eine echte Entdeckung. Die Band rund um die namensgebende Geigerin ist musikalisch nicht auf einen Stil festzulegen. Man könnte sagen: Die Vier bummeln musikalisch zwischen den Welten - wenn das nicht viel zu lahm klingen würde für die Rasanz und das Temperament dieses Quartetts.

Bei der Verleihung des Oberbayerischen Kulturpreises 2011 spielte das Martina Eisenreich Quartett, eine echte Entdeckung. Die Band rund um die namensgebende Geigerin ist musikalisch nicht auf einen Stil festzulegen. Man könnte sagen: Die Vier bummeln musikalisch zwischen den Welten - wenn das nicht viel zu lahm klingen würde für die Rasanz und das Temperament dieses Quartetts.

Und schon wieder habe ich eine Laudatio gehalten. Sonst nie, und dann gleich zwei in einem Monat (das war noch im Juli). Ich veröffentliche den Text – leider mal wieder verspätet – in meinem übernächsten Blog-Beitrag, siehe weiter oben.

Diesmal galt die Lobrede dem Regisseur Christian Stückl, dem Intendanten des Münchner Volkstheaters und Oberammergauer Passions-Spielleiter der letzten drei Jahrzehnte. Wir kennen uns schon lange. Ein toller Typ. Absoluter Theatermensch. Als solcher: Naturtalent, Kettenraucher, Sinnenmensch, Workaholiker. Ich mag und schätze ihn sehr, und wenn ich ihn treffe, geht mir immer irgendwie das Herz auf. Er ist so leidenschaftlich, offen, unverstellt, so erdverbunden-bairisch und authentisch, einfach grundsympathisch. Und er hat ein großartiges Gespür für gute Geschichten und talentierte Menschen, so einen humorvollen, sinnlich-prallen Theaterblick.

Christian Stückl mit seinen Eltern Roswitha und Peter Stückl aus Oberammergau. Der Vater spielt zur Zeit in "Joseph und seine Brüder" den "Fremden", und das macht er sehr eindrucksvoll.

Christian Stückl mit seinen Eltern Roswitha und Peter Stückl aus Oberammergau. Der Vater spielt zur Zeit in "Joseph und seine Brüder" den "Fremden", und das macht er sehr eindrucksvoll.

Schon am  20. Juli  hat Stückl den Bayerischen Verdienstorden bekommen – und vier Tage später den Oberbayerischen Kulturpreis. Den gibt es seit 1980, und geehrt werden damit jährlich zwei Persönlichkeiten, die sich besonders um die Kultur in Oberbayern verdient gemacht haben. In diesem Jahr neben Christian Stückl: der Dokumentarfilmer und BR-Journalist Dieter Wieland. Den Rahmen der Preisverleihung bildeten die Oberbayerischen Kulturtage, die in diesem Jahr bis zum 30. Juli in Eichstätt über diverse Bühnen und Plätze der Stadt gingen.

Die Preisverleihung war am Sonntag, 24. Juli, um 11 Uhr im Festsaal des Alten Stadttheaters in Eichstätt. Mein Namenstag, Papas Geburtstag – aber das nur nebenbei. Ich bin bereits am Abend zuvor angereist, wollte gemütlich mit dem Zug anrollen und dabei die in voller Pracht stehenden Hopfenfelder in der Holledau im Vorbeifahren genießen. Aber mach nur einen Plan mit der Deutschen Bahn …

Preisverleihung im Alten Stadttheater von Eichstätt. Links von mir: Preisträger Christian Stückl, rechts: Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Laudator Hans Well und Preisträger Dieter Wieland (Foto: Wolfgang Engelmaier / Bezirk Oberbayern)

Preisverleihung im Alten Stadttheater von Eichstätt. Links von mir: Preisträger Christian Stückl, rechts: Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Laudator Hans Well und Preisträger Dieter Wieland (Foto: Wolfgang Engelmaier / Bezirk Oberbayern)

Die Strecke zwischen München und Ingolstadt ist wegen Bauarbeiten lahmgelegt, es herrscht Schienenersatzverkehr, und das heißt: Du musst den Bus nehmen. Dieser ist heillos überfüllt, in meinem Fall leider auch mit einer präpotent grölenden, Bier und Flachmann kippenden Jungs-Gruppe, die was von Schulausflug faselt. Es fehlen aber die Mädels. Es sind nur Jungs – und zwar in einem schrecklichen Stadium auf dem Weg hin zu dem, was sie für Männlichkeit halten. Ich erobere den letzten Sitzplatz im Bus, leider mitten zwischen den Präpotenten, deren Alphatier den Sitz direkt hinter mir belegt. Diejenigen, die keinen Sitzplatz mehr ergattert haben, müssen allen Ernstes aussteigen, denn Stehen im Bus, so verkündet es der Fahrer, ist verboten. Nicht zu fassen! Die solcherart ermahnten steigen tatsächlich aus. Sie steigen nicht etwa um in einen zweiten Bus, denn es gibt gar keinen – nein, sie müssen eine geschlagene Stunde warten, bis der nächste Bus abfährt. Geht´s noch?!

Die Klimaanlage funktioniert nicht, es ist drückend heiß, laut und eng. An Zeitungslektüre ist nicht zu denken, dafür gelingt es mir, den explosiven Sitzplatz zu tauschen, und ich komme mit meiner 29-jährigen Sitznachbarin ins Gespräch, einer sehr speziellen, stark geschminkten Chemielaborantin aus Salzburg mit unfassbar guter Haut, von der ich alles über Nacktkatzen erfahre (ja: NACKTkatzen!), hässliche, alienhaft felllose, hart herangezüchtete und offenbar auch noch sündhaft teure Vierbeiner für Katzenliebhaber mit Katzenallergie … irgendwie pervers.

Nach einer Stunde zwanzig: Umsteigen am Bfh Ingolstadt in die Regionalbahn nach Eichstätt. Sie fährt nach “Eichstätt Bahnhof”. Wenn man dort aussteigt, ist man (keine Übertreibung!) voll in der Pampa, umringt von dichtem Grün. Ich suche den Ausgang, sehe aber nur Wald und Wiesen und Felsen und frage verdutzt: “Wo ist denn hier die Stadt?”

Die Stadt, die ist hier nicht! Um sie zu erreichen, erklärt mir ein junger Mann, müsse man umsteigen in die Stadtbahn – er deutet nach links auf ein Regio-Züglein, dass ich gar nicht wahrgenommen hatte -, mit dieser Bahn komme man (wenn sie denn dann endlich mal abführe) nach Eichstätt Stadt.

Künstlerisch gestaltetes Haus in Eichstätt. Schaut aus wie vollgeschneit, aber das sind keine Schneeflocken, sondern Schmetterlinge aus Papier

Künstlerisch gestaltetes Haus in Eichstätt. Schaut aus wie vollgeschneit, aber das sind keine Schneeflocken, sondern Schmetterlinge aus Papier

Es war die Anreise also eine etwas erschwerte, aber das ist man ja gewohnt von der DB, also Schwamm drüber, einchecken im “Hotel Adler” am Marktplatz, vier Sterne – the place to be in Eichstätt City – und dann auch noch Schwammerl drüber, als da wären: frische Pfifferlinge auf Salat im alteingesessenen, gemütlich rustikalen Restaurant Paradeis schräg gegenüber (empfehlenswert).

Eichstätt selbst macht einen schmucken, sympathischen Eindruck. Schöne barocke Altstadt mit eindrucksvoll ihre renovierte Pracht behauptenden Plätzen. Allerdings sehr frauenabsatzunfreundlich. High Heeels sollte man besser meiden.

Was mir als alter Oberfränkin aber auf Anhieb gut gefiel, war diese nicht
zu leugnende, mich sofort anspringende (anheimelnde) fränkische Anmutung des Altmühltals. Ich kann gar nicht genau benennen, was es ist – die typischen Juragesteinsfelsformationen vielleicht, diese atmosphärische Geballtheit, der irgendwie tiefere, plastischere, erdennähere Himmel, das Schlichtere, Dichtere, Ehrlichere in der Gesamtanschauung . . .  -, man merkt jedenfalls sofort, dass das nicht annähernd Oberbayern ist. Sondern Altfranken. Und das ist schön so.

Chinesische Künstler in der Lithographie-Werkstatt Eichstätt: Prof. Li Wang (rechts) und Prof. Kou Jianghui aus Tianjin. Beide unterrichten in ihrer Heimat Druckgrafik. In Eichstätt haben sie mit dem Stein aus Solnhofen gearbeitet, der als bestes Werkmaterial für den Lithografiedruck gilt.

Chinesische Künstler in der Lithographie-Werkstatt Eichstätt: Prof. Li Wang (rechts) und Prof. Kou Jianghui aus Tianjin. Beide unterrichten in ihrer Heimat Druckgrafik. In Eichstätt haben sie mit dem Stein aus Solnhofen gearbeitet, der als bestes Werkmaterial für den Lithografiedruck gilt.

Es gab dann am Abend noch eine Ausstellungseröffnung (“Stein-Schreiben”) in der Lithographie-Werkstatt um die Ecke, da sind die Chinesen zu Gast – in der interdisziplinären Reihe “Eichstätt und China”. Zu sehen sind Steindruke der chinesischen Künstler Li Wang und Kou Jianghui, die in Eichstätt entstanden sind und daher auch Eichstätter Stadt-Motive aufgreifen. Bei der Vernissage drängelte sich alles auf dem engen Vorhof vor der Tür der Werkstatt, so dass von den diversen Reden, Geschenkübergaben und musikalischen Darbietungen im und vor dem Türrahmen kaum etwasn zu hören oder zu sehen war.  Nennen wir das vorsichtig: suboptimal. Die Veranstaltung schien (vielleicht erfahrungsgemäß) für 15 Leute ausgelegt gewesen zu sein. Es kamen aber wesentlich mehr.

Egal, ich verplappere mich … Switch zur Preisverleihung am nächsten Vormittag im Festsaal des Alten Stadttheaters.

Stückl kam in Begleitung seines jungen Assistenten Abdullah (lustig, ich hatte Abdullah, den muslimischen Jungen aus Oberammergau, eh in meine Rede eingebaut) – und er kam total erkältet. Und überarbeitet wirkte er auch, aber das ist ja kein Wunder:

Hanitzsch-Karikatur von Stückl - hängt in der Kantine des Passionstheaters in Oberammergau

Hanitzsch-Karikatur von Stückl - hängt in der Kantine des Passionstheaters in Oberammergau

Erst vor kurzem hat Stückl in Oberammergau “Joseph und seine Brüder” nach dem Mammutroman von Thomas Mann auf die Passionbühne gewuchtet, wieder mit seinen Oberammergauer Laien. Die Bühnenfassung hat er selber erstellt, das allein ist bei dieser Riesen-Tetralogie ja schon ein Wahnsinn. Kaum war ”Joseph und seine Brüder” draußen, musste Stückl weiter nach Salzburg und dort an der Wiederaufnahme seines “Jedermann” proben. Und dazwischen diverse Preisverleihungen. Nach dem Bayerischen Verdienstorden und dem Oberbayerischen Kulturpreis erhielt er in Salzburg für zehn Jahre “Jedermann” auch noch das Große Verdienstzeichen des Landes – all das kurz hintereinander.

Den anderen Preisträger, den Fernsehjournalisten und Dokumentarfilmer Dieter Wieland, hatte ich mit seiner Frau schon im Frühstücksraum des Hotels begrüßt. Wir kannten uns nicht, er-kannten uns jedoch sogleich an unserer in diesem Umfeld höchst “offiziellen” Kleidung. Alle anderen im Raum trugen Turnschuhe und Mountainbiker-Klamotten.

Dieter Wieland ist ein auf Anhieb hochsympathischer Mensch mit liebevoll-verschmitztem Blick und einer einnehmend sonoren Stimme. Seine legendäre Reihe “Topographie” (ab 1972 im Bayerischen Fernsehen mit ca. 150 Folgen) sagte mir gar nicht so viel; andere Sendereihen dieses Landschafts- und Architektur-Freaks hießen “Bauen und Bewahren” (seit 1979) oder “Die große Kunst, ein kleines Haus zu bauen” (ab 1984).

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro.         (Alle Fotos: von mir)

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro. (Alle Fotos: von mir)

Aber gut, als Kinder haben wir die BR-Reihe “Unter unserem Himmel”, in der Wielands Filme zumeist liefen, ja leider sehr oft und sehr trotzig boykottiert – weil der Vater das jeden Sonntag mit diktatorischer Bestimmtheit und basisundemokratischer Alternativlosigkeit einschaltete, egal, was die Töchter sagten oder wollten. Verzeihen Sie also, lieber Dieter Wieland, dass sie somit wohl unter unser grausames geschwisterliches “Spießer-Sender!”-Verdikt fielen.

Aber man muss zum Beispiel nur auf Facebook posten, dass der Oberbayerische Kulturpreis an Christian Stückl und Dieter Wieland ging, dann kommen von Alters- und Berufsgenossinnen ganz begeisterte Reaktionen wie diese hier:

Dieter Wieland? ist das nicht der großartige Mensch, der Ende der 70er in seiner “Topographie” den ganzen bayerischen Neubausiedlungshorror abgefahren und unermüdlich ästhetisch analysiert und skandalisiert hat ? Wenn er’s is, dann: Hoch, Hoch, Hoch! Und Tusch!”

Oder: “der wieland ist mein held. ohne ihn wäre mein leben anders verlaufen. wahnsinnsknabe, vorbild, streiter für gesunden menschenverstand. »Unser Dorf soll hässlich werden« und »grün kaputt«, würde ich gerne mal auf dvd sehen. kann man sowas nicht anregen?”

Familie Hans Well, mit Vater, Mutter Sabeeka und Sohn Jakob, rechts im Bild: der Stückl

Familie Hans Well, mit Vater, Mutter Sabeeka und Sohn Jakob, rechts im Bild: der Stückl

Der Wieland hat zurecht solche Fans. Er ist wirklich toll – und hat als Mahner und Bewahrer auf bayerischen Fluren sehr viel bewirkt. Und die saftige Laudatio, die Hans Well, der älteste von den geschätzten Well-Brüdern (“Biermösl Blosn”), auf ihn gehalten hat, ließ auch gar keinen Zweifel daran. Hans Well hat mir seinen Rede-Text zugemailt mit der ausdrücklichen Erlaubnis, ihn in meinem Blog abdrucken zu dürfen (siehe Beitrag weiter oben). Das freut und ehrt mich sehr.  Leider kann ich hier nicht das politisch-spitze Akkordeon-Gstanzl wiedergeben, mit dem Hans Well seine Rede eingeleitet hat. Instrumental begleitet wurde er von seinem pubertierenden Sohn Jakob, der leider gesanglich verhindert war, “weil er im Stimmbruch is, der Sauhund”, so der Papa.

Auch Marianne Sägebrecht war gekommen, als "Ehemalige". Sie bekam den Oberbayerischen Kulturpreis 2009.

Auch Marianne Sägebrecht war gekommen, als "Ehemalige". Sie bekam den Oberbayerischen Kulturpreis 2009.

Es war insgesamt eine erstaunlich lockere, stimmungsvolle und auch unterhaltsame Preisverleihung, das muss man wirklich sagen. Mich hat man – da Bezirkstagspräsident Mederer vergessen hatte, mich beruflich vorzustellen – für eine Schauspielerin gehalten. Ich nehme das mal als Kompliment.
Zu der angenehmen Atmosphäre trug wesentlich auch die musikalische Untermalung durch das Martina Eisenreich Quartett bei, eine Formation rund um eine flammend rothaarige Extrememotionalgeigerin, die ihrem Instrument hexenkunstartig ganze Klangwelten entlockt, so vielfältig wie romantisch-exotisch und in ihrem Stilmix immer wieder überraschend. Da kann sich in eine uralte mongolische Melodie schon mal Led Zeppelin mischen, und Weltmusik goes Rock & Pop. Was außerdem höchst apart ist am Auftritt der Violinistin  Martina Eisenreich: wie die Farbe ihrer Lockenhaarmähne mit ihrem Instrument – und mit dem Kontrabass – harmoniert!

Ein Teil der Gästeschar ist am Ende noch in den Skulpturenpark von Alf Lechner (Kulturpreisträger 2008)  in Obereichstätt gefahren. Ich war dabei, und sollte ich endlich mal ein bisschen mehr Zeit haben, dann werde ich Fotos davon veröffentlichen, denn dieser Stahlskulpturenpark rund um Lechners Wohnsitz ist ein Hammer.

03.05.10 | 20:02 | Begegnung mit ... | Festivals | Geht doch! | Kommentare 3 Kommentare

Oberammergau (3): Jesus lebt

Heute habe ich Jesus getroffen.

Oh Jesus!

Oh Jesus!

Er saß in Oberammergau im “Theatercafé” und aß einen Keks. Niemand nahm groß Notiz von ihm. Er war sehr entspannt und sagte: Alles läuft gut.

Wahrlich, ich sage Euch: Das ist ein gutes Zeichen …

Demnächst mehr. Aus Oberammergau … und überhaupt!

P.S. (Sorry, mein Leben geht zu schnell, komme im Moment mit dem Bloggen nicht mehr nach … Ich weiß, das spricht gegen das Prinzip – und damit wohl auch gegen mich als Bloggerin … Mea culpa! Mea maxima culpa! Hiermit wäre es also gebeichtet, vor Jesus und allen anderen. Und damit krieg ich als Katholikin jetzt ja wohl hoffentlich eine Absolution!!! Danke. Sehr schön. Alles wird gut – oder zumindest besser … ich werde mich jedenfalls bemühen!)

27.11.09 | 20:33 | Dies & das | Kommentare Kommentare deaktiviert

Oberammergau (2): Hängeprobe

Morgen gehen also, wie bereits kundgetan, die Proben zu den Oberammergauer Passionsspielen 2010 los. Zur ersten großen Leseprobe mit Regisseur Christian Stückl erscheinen: die 21 Hauptdarsteller, dazu die 21 Zweitbesetzungen (Hauptrollen wie Jesus, Maria, Kaiphas oder Pontius Pilatus sind doppelt besetzt) plus 120 Nebendarsteller. Alles gebürtige Oberammergauer – das ist ehernes Gesetz!

Die erste “Hängeprobe” war aber schon und soll von einem kulturellen Blog wie diesem nicht vernachlässigt werden. Frederik Mayet, gemeinsam mit Andreas Richter der neue Jesus (und auch schon entsprechend langhaarig), wurde bereits genagelt und gut aufgestellt:

Mayet-Haengeprobe-neu

Herr Mayet, wie hängt es sich denn so am Kreuz? – “Am schlimmsten ist dieses Ausgestelltsein. Wenn du halbnackt dort oben hängst, ahnst du, was für eine fürchterliche und entwürdigende Todesart das ist.” – Keine Schmerzen? – “Na ja, es waren nur fünf Minuten. Trotzdem total anstrengend. Man spürt es in den Armen und Schultern. In der fertigen Inszenierung muss ich 20 Minuten da oben hängen!” – Wie hält man sich da eigentlich? – “Man ist gesichert durch einen Bergsteigergurt unterm Lendenschurz. Unter den Füßen hat man so kleine Plättchen, und die Handgelenke stecken in Halterungen aus halb gebogenen Nägeln.” – Iiiieeeh, weicht einem da nicht das Blut aus den Armen? – “Jesus-Erfahrene raten, man soll die Finger leicht bewegen, dann ist es besser.”

Na, das wird noch ein ziemlicher Kreuzweg werden bis zur Premiere am 15. Mai. Frederik Mayet, hauptberuflich Pressesprecher des Münchner Volkstheaters, wird bis dahin 30 Jahre alt sein und damit das Todesalter von Jesus um drei Jahre unterschreiten. Bei der letzten Passion im Jahr 2000 war er auch schon dabei: Als Jesu Lieblingsjünger Johannes sah er das Kreuz damals allerdings nur von unten.

Herr Mayet, wie wird man eigentlich Jesus? – “Man muss Christian Stückl beim Casting vorsprechen, weiß dabei aber nicht, um welche Rolle es geht. Wenn Christian entschieden hat, muss der Gemeinderat die Besetzung erst noch beschließen.” – Gratulation zur Hauptrolle! Wie war Ihre erste Reaktion? – “Am Anfang dachte ich nur: Oh Gott!”

27.11.09 | 18:02 | Dies & das | Kommentare 0 Kommentare

Oberammergau (1): Jesus in Amerika

Da sage noch einer, die Amerikaner hätten von Tuten und Blasen keine Ahnung! Als Jesus und Maria Magdalena neulich in Los Angeles ankamen, sagte der Zollbeamte mit Blick auf ihren Pass: “Oh, you are from Oberammergau where the passion play is from!” Sapperlot.

Ja, doch: Die Oberammergauer Passionsspiele sind weltbekannt, vor allem in Amerika. Bei der letzten Vorstellungsserie des alle zehn Jahre stattfindenden Laientheaters im Jahr 2000 kam mehr als die Hälfte der 500 000 Besucher aus englischsprachigen Ländern: aus Großbritannien, Südafrika – und eben aus den USA.  Für die kommenden Passionsspiele im Mai 2010 lief der Vorverkauf allerdings etwas schleppend (die Weltwirtschaftskrise!), weshalb sich Jesus und Maria Magdalena – als da wären: Frederik Mayet und Eva-Maria Reiser – Ende Oktober auf Promotiontour nach Kalifornien begaben. In drei Tagen gaben sie sieben bis acht Interviews, danach noch mal drei in Toronto, wo sie sogar der Chefkritiker des “Toronto Star” zum Gespräch bat – das ist immerhin die SZ von Kanada.

Gleich nach ihrer Ankunft in L.A. waren sie Gast in der TV-Show “First to know” des weltweit größten religiösen Fernsehsenders Trinity Broadcast Network (TBN). Moderator Paul Crouch jun. befragte die beiden bayerischen Laienspieler eine halbe Stunde lang zu Glaubensdingen und zur Tradition und Geschichte der Passionsspiele. “Nicht die leichteste Übung”, sagt Jesus-Darsteller Mayet, “solche Fragen sind ja nicht mal im Deutschen leicht zu beantworten.”

Oberammergau-Talk in der US-Show "First to know" auf TBN: Jesus (Frederick Mayet, in der Mitte) und Maria Magdalena (Eva-Maria Reiser) stehen Moderator Paul Crouch in L.A. Rede und Antwort.

Oberammergau-Talk in der US-Show "First to know" auf TBN: Jesus (Frederik Mayet, in der Mitte) und Maria Magdalena (Eva-Maria Reiser) stehen Moderator Paul Crouch in L.A. Rede und Antwort.

Die Oberammergauer Passionsspiele werden seit 1634 alle zehn Jahre aufgeführt (es gab nur wenige zeitbedingte Unterbrechungen). Das religiöse Laientheater geht auf ein Gelübde im Jahr 1633 zurück: Damals wütete die Pest in dem oberbayerischen Ort am Fuß des Kofels, und die Bewohner gelobten hoch und heilig, das Leiden und Sterben Christi aufzuführen, falls die verheerende Seuche endlich vorübergehe. Bis heute halten sich die Oberammergauer an den Schwur – und fast der ganze Ort macht mit. Man kann die Mitspieler schon jetzt an ihren langen Haaren und Bärten erkennen, an welche sie bis zur Passion im nächsten Jahr keinen Friseur ranlassen.

Und woher kommt nun eigentlich dieses amerikanische Interesse an Oberammergau? Der neue Jesus Frederik Mayet weiß bescheid, er ist schließlich nicht nur der Pressesprecher des Münchner Volkstheaters, sondern auch der Sprecher der Passionsspiele 2010. Er erzählt, dass Thomas Cook, seines Zeichens der Erfinder des Massentourismus, schon 1880 in Oberammergau weilte und dann für die Passionsspiele 1890 viele Königshäuser eingeladen hat. Im Jahr 1900 sind dann die Oberammergauer Laienspieler selber aktiv geworden und mit dem Schiff nach Amerika gereist: um dort ihr Theaterspiel und die berühmten Holzschnitzereien des Ortes vorzustellen. Es war dies die erste Oberammergauer US-Promo-Tour. Sehr innovativ für die damalige Zeit. Und mit einschlagendem Erfolg: Amerikanische Persönlichkeiten wie Henry Ford oder Präsident Eisenhower waren in Oberammergau zu Gast – und machten die Passion in den USA entsprechend bekannt.

Morgen, am Samstag, gehen sie los, die Proben für die 41. Passionsspiele, das professionellste Laientheater der Welt. Regie führt, schon zum dritten Mal, Christian Stückl, der Intendant des Münchner Volkstheaters. Dieses Blog bleibt dran!